Vier Grundprobleme der Flüchtlingsintegration

Share

Das „Flüchtlingsproblem“ wird auch 2016 beherrschendes Thema sein.


Theoretisch – wenn die EU solidarisch wäre – wäre es zweifellos lösbar: Ein in Summe sehr reicher Wirtschaftsraum mit 508 Millionen Einwohnern sollte die Zuwanderung von drei, vier, ja fünf Millionen Flüchtlingen eigentlich verkraften. Aber die EU ist nicht solidarisch. ­Österreich, das solidarisch sein will, steht daher vor der enormen Herausforderung, mit der abrupten Zuwanderung von 100.000 (und vielleicht mehr) Flüchtlingen aus reichlich fremden Kulturen fertigzuwerden.

Auch wenn Ähnliches schon einmal gelungen ist: 90.000 Bosnier, die Anfang der 1990er-Jahre geflohen sind, wurden erfolgreich integriert. Aber die Situation war eben nur „ähnlich“ – derzeit ist sie ungleich schwieriger:

▶ Bereits 2014 war Österreichs muslimische Gemeinde gegen 600.000 Menschen stark. Um die aktuellen Flüchtlinge und deren Familiennachzug vermehrt, nähert man sich einem Zehn-Prozent-Anteil an der Bevölkerung. Das muss deren Widerstand steigern.

▶ Zumal der Islam Syriens, des Irak oder gar Afghanistans mit dem der Türkei oder gar Bosniens kaum zu vergleichen ist. (Es gibt kaum verschleierte Bosnierinnen, und die Scharia hat dort kaum praktische Bedeutung.)
Nun stimmt es zwar, dass die aktuellen Flüchtlinge vor einem intoleranten, fanatischen Islam geflohen sind und dass vor allem der Islam der syrischen Oberschicht ein zunehmend „europäisierter“ war – offene Haare und studierende Frauen waren auch dort keine Seltenheit –, aber beim Gros der Syrier, Iraker oder gar Afghanen ist der religiös-kulturelle Abstand zur österreichischen Bevölkerung doch ein ungleich größerer, als er im Zusammenleben mit Bosniern überwunden werden musste.

▶ Wie groß der Abstand in der „Bildung“ ist, ist vorerst so unklar wie umstritten: Der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann, der für eine „Aufnahme-Obergrenze“ plädiert, behauptet unter Verweis auf PISA und TIMSS, die OECD-Instrumente zur vergleichenden Qualifikationsmessung, dass „zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben und nur einfachste Rechenaufgaben lösen können“, sodass sie, „selbst wenn sie Deutsch gelernt haben, kaum dem Unterrichtsgeschehen folgen können“. Ihnen stünden nur zirka zehn Prozent Akademiker gegenüber. Allerdings beziehen sich diese Zahlen auf Syrer im Allgemeinen – nicht aber auf die konkreten Flüchtlinge. Man kann annehmen, dass sich die besser Qualifizierten als Erste auf den Weg gemacht haben. Dem entspricht eine Studie, die das Arbeitsmarktservice (AMS) derzeit durchführt. Es verlässt sich nicht auf die Angaben der Flüchtlinge, sondern prüft ihre tatsächlichen Kompetenzen. Am 16. Jänner werden die Ergebnisse veröffentlicht, und sie scheinen weit positiver auszufallen: Der Anteil der Akademiker dürfte bei nahe einem Drittel liegen, die Absolventen höherer Schulen sind zahlreich, die Analphabeten rar. Allerdings handelt es sich hier um Angehörige der ersten Flüchtlingswelle, die von der Ober- und Mittelschicht dominiert war, was jetzt nicht mehr zwingend der Fall sein muss. Zudem sind die Beurteilten zu 80 Prozent Männer, deren Bildung in arabischen Ländern durchwegs weit höher als die der (vermutlich nachziehenden) Frauen ist.

Die Integration wird nur dann ohne grobe soziale Verwerfungen funktionieren, wenn Österreichs Wirtschaft wieder deutlich wächst – was der Sparpakt meines Erachtens leider verhindert.

Und nicht zuletzt schneiden die Syrer von ihrer Ausbildung her wesentlich besser als Iraker und ungleich besser als Afghanen ab.

Grundsätzlich allerdings gilt: Flüchtlinge stellen in jedem Fall eine positive Auslese aus der Bevölkerung dar, weil die Flucht kostspielig und schwierig ist und daher meist höhere Einkommen und damit bessere Ausbildung voraussetzt und weil sie immer außergewöhnlicher Initiative bedarf.

Trotzdem ist der Weg bis zur Integration in den Arbeitsmarkt für das Gros der Flüchtlinge zweifellos ein sehr weiter. Eine Schweizer Untersuchung zeigt, dass die meisten von ihnen in der Schweiz auch nach sieben Jahren noch arbeitslos waren.

Denn dies ist der größte Unterschied zur Vergangenheit: Anfang der 1990er-Jahre herrschte überall Vollbeschäftigung – heute aber leidet Österreich, anders als Deutschland, unter steigender Arbeitslosigkeit. Ich bleibe daher bei meiner pessimistischen Befürchtung: Die Flüchtlinge werden entweder arbeitslos bleiben oder (selten) Österreicher in die Arbeitslosigkeit drängen.

Ihre Integration wird nur dann ohne grobe soziale Verwerfungen funktionieren, wenn Österreichs Wirtschaft wieder deutlich wächst – was der Sparpakt meines Erachtens leider verhindert. Oder wenn sie anders organisiert wird: Wenn Arbeit und damit Einkommen auf mehr Menschen aufgeteilt wird und das eine Prozent Superreicher deutlich mehr abgibt. Aber das ist zugegebenermaßen eine linke Hoffnung, die meine liberalen Freunde illusionär bis dumm nennen.

Share

Verwandte Beiträge:

Kommentar verfassen