Trumps TV-Niederlage ist noch nicht Clintons Sieg

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Und Clintons Sieg beseitigt die fundamentalen Probleme der USA nicht.


Wenn man den Umfragen trauen darf, ist die Gefahr, dass jemand von der Statur Donald Trumps demnächst zum mächtigsten Staatsmann der Welt gewählt wird nach der TV-Konfrontation mit Hillary Clinton doch deutlich gesunken.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich eine Mehrheit der Unentschlossenen auf seine Seite schlägt – und knapp in Führung lag sie ja schon vor der Debatte.

Allerdings könnte für Trump bei Umfragen gelten, was lange für die FPÖ galt: Die schnitt durch Jahre bei Wahlen bekanntlich rund 10 Prozent besser als bei Umfragen ab, weil ihre Sympathisanten sich nicht offen deklarieren wollten. (Mittlerweile hat sich dieser Effekt abgeschwächt- Die FPÖ ist salonfähiger geworden.)

Meine amerikanischen Freunde fürchten, dass es sich mit Trump-Wählern ähnlich verhalten könnte: Dass sie – zumindest wenn sie einer etwas gebildeteren Schicht angehören – in Umfragen leugnen, sich für ihn entschieden zu haben.

Vorbei ist die Gefahr nach dieser TV-Show jedenfalls sicher noch nicht.
Dass sie überhaupt besteht, dass ein Mann von der Statur und vom intellektuellen Format eines Donald Trump an der Spitze der USA überhaupt zu einer ernsthaften Möglichkeit werden konnte, wirft in Europa unverändert Rätsel auf.

Vorbei ist die Gefahr nach dieser TV-Show jedenfalls sicher noch nicht

Die diversen psychologischen Deutungen, die ich vernommen habe, haben sicher etwas für sich: Machos und Selfmade-Millionäre erinnern an die gute, alte Zeit; der Überdruss großer Teile der Bevölkerung mit der von ihr geforderten “political correctness”, lässt sie Freude über Trumps Tabubrüche empfinden; “Eliten” werden zunehmend als “abgehoben” empfunden.

Dennoch halte ich eine soeben erhobene Ziffer für viel bedeutsamer: Seit der Finanzkrise 2008 haben amerikanische Durchschnittsverdiener 14,8 Prozent Reallohn-Verlust erlitten. Nur die Einkommen einer winzigen Führungsschicht sind um drei Prozent gestiegen.

Betrachtet man die letzten zwanzig Jahre, so wurde ein ständiger leiser Reallohnverlust von einem Reallohn-Erdrutsch abgelöst.

Ich habe hier mehrmals vorgerechnet, um wie viel besser als die Staaten der EU die USA mit der Finanzkrise fertig geworden sind: Ihr BIP liegt heute deutlich über Vorkrisenniveau, während es in vielen EU-Staaten nach wie vor darunter liegt, und ihre Arbeitslosigkeit liegt bei fünf Prozent, während sie in der EU über zehn Prozent verharrt.

Ich habe hier mehrmals vorgerechnet, um wie viel besser als die Staaten der EU die USA mit der Finanzkrise fertig geworden sind

Aber das absolute BIP sagt nichts über seine Verteilung aus und bei der ist die Masse der Amerikaner in einem bestürzenden Ausmaß unter die Räder gekommen. Nicht nur die US-Unterschicht, sondern auch der US-Mittelstand ist verarmt. Denn es gibt dort deutlich weniger direkte Umverteilung via Steuern, aber vor allem bietet der Staat der Bevölkerung längst nicht so viele verbilligte Leistungen, die er voran in Nordeuropa über das Budget finanziert: kostenlose medizinische Betreuung (Obama-Care hat hier nur das schlimmste Loch geschlossen), kostenlose Kindergärten, kostenlose gute Schulen, verbilligtes Studium, verbilligten öffentlicher Verkehr, verbilligter sozialer Wohnbau usw. usw.

Europa verteilt auf diese zweite weniger sichtbare Weise sehr viel mehr um als die USA – das macht Reallohnverluste dort noch spürbarer. Die Wut darüber, dass die Reichen immer reicher werden, während man selbst verarmt, ist in den USA daher noch größer als in den alten Industriestaaten der EU.

Und die guten Arbeitslosenzahlen sind geschönt: Während “Beschäftigte” hier doch sozialversichert sein müssen, sind sie es in den USA schon, wenn sie am Telefon versichern, dass sie gearbeitet hätten. Nicht erfasst sind die Vielen, die die Arbeitssuche längst aufgegeben haben. Und selbst der Umstand, dass in den USA soviel mehr Leute als in Europa im Gefängnis sitzen, vermindert die offizielle Arbeitslosenrate, denn diese Gruppe kommt in Telefonumfragen nicht vor.

Seit der Finanzkrise 2008 haben amerikanische Durchschnittsverdiener 14,8 Prozent Reallohn-Verlust erlitten.

Das Problem, das sich Europa durch den Sparpakt aufgehalst hat – die Reduzierung der Umverteilung via Budget durch verringerte staatliche Investitionen in die Infrastruktur- haben sich die USA durch die unversöhnliche Kluft zwischen Demokraten und Republikanern eingebrockt: Alles, was Obama an Infrastruktur-Investitionen plante, wurde von den Republikanern in Kongress und Senat abgelehnt.

Mit einer einzigen Ausnahme: Investitionen in Rüstung.

Das sorgte zwar dafür, dass das Wirtschaftswachstum nicht wie in der EU praktisch zum Erliegen kam, aber es war ein Wachstum, von dem die Bevölkerung wenig hatte: Waffen kann man nicht essen.
Auch wenn Clinton gewinnt, wird diese Obstruktion durch die Republikaner das größte Problem der USA bleiben.

Die Republikanische Partei – das wird meines Erachtens derzeit zu wenig erinnert – befindet sich seit Jahren in Geiselhaft der “Tea-Party” und die ist nicht einfach konservativ, sondern christlich fundamentalistisch.
Um eine Vorstellung davon zu geben: Keiner der Männer und Frauen, die sich als republikanische Präsidentschaftskandidaten bewarben, hätte es wagen können, sich öffentlich zur Theorie der Evolution zu bekennen, denn Tea-Party -Mitglieder dominierten alle konservativen Medien und die hätten den Betreffenden, wenn auch nicht unbedingt unter Hinweis auf diese Frage- systematisch fertig gemacht. Für sie hat Gott die Welt an sieben Tagen geschaffen und so muss es in vielen republikanisch regierten Staaten auch in der Schule unterrichtet werden.

Ted Cruz, der sich vorige Woche doch dazu entschieden hat, Trump zu unterstützen, wäre diesbezüglich der noch viel problematischere Präsident gewesen – Trump heuchelt diesen evangelikalen Fundamentalismus wenigstens nur.

Aber die Republikaner bleiben bis auf Weiteres seine Gefangenen. Das stellt die USA in der politischen Praxis vor ein weit größeres Problem, als der Fundamentalismus der Islamisten

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