Umschwärmter Wladimir

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Sebastian Kurz will als kommender Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) “auf ihn zugehen”. Donald Trump nennt ihn einen “großen Staatsmann” und empfindet es als “Ehre, von ihm gelobt zu werden”. Recep Tayyip Erdogan will sich “dann eben ihm” annähern, wenn Angela Merkel die Türkei weiterhin kritisiert. Heinz Christian Strache will die Sanktionen gegen ihn beseitigen, weil sie in seinen Augen “nichts bringen.” Und die meisten Österreicher wollen das auch – schließlich schaden sie dem Weihnachtsgeschäft und den Gemüsebauern.

Ich versuche zu ergründen, womit Wladimir Putin soviel Hochachtung erworben und soviel Zutrauen verdient – wenn ich es etwa dem tiefen Misstrauen gegenüber der Nato bzw. ihrem Generalsekretär Jens Stoltenberg gegenüberstelle, das mir aus fast jedem Russland betreffenden Leserbrief entgegenschlägt.

Natürlich ringt es auch mir Respekt ab, dass es Putin gelungen ist, binnen weniger Tage die Halbinsel Krim zu annektieren. Aber es weckt in mir nicht unbedingt Vertrauen: Schließlich war vereinbart, vorhandene Staatsgrenzen nicht anzutasten.

Zulässig wäre eine Volksabstimmung gewesen, in der die Bevölkerung der Krim sich zweifellos mit großer Mehrheit für den Anschluss an Russland ausgesprochen hätte, dessen historischer Bestandteil es unbestreitbar gewesen ist.

Ein vernünftiger “Westen” hätte den Zusammenschluss  mit Russland nach einer solchen Volksabstimmung hoffentlich auch gegen den Einwand der Ukraine zugelassen. Jedenfalls hätte ich heftig kritisiert, wenn er es nicht getan hätte.

Wieso aber finden Sanktionen gegen Russlands Verhalten in der Ostukraine in Österreich so wenig Zustimmung? Dass Sanktionen grundsätzlich “nichts bringen” ist durch den Iran widerlegt- der hat bekanntlich sogar aufgehört an Atombomben zu basteln.

Ob Sanktionen etwas bewirken hängt offenkundig davon ab, ob man sie durchhält.

Ihre Schädlichkeit für Österreichs Gemüsebauern scheint mir jedenfalls kein hinreichender Grund, sie abzubrechen. Oder sind die Österreicher wirklich der Meinung, dass  die Grenzen Russlands  beruhigt mittels russischer Waffen und mit der Unterstützung von “urlaubender” russischen Soldaten weiter nach Westen verschoben werden  dürfen? Ist es, angesichts von Putins offen ausgesprochener Ambition, die Sowjetunion wieder zu errichten wirklich so rätselhaft, dass die an Russland angrenzenden Staaten sich durch die NATO geschützt fühlen wollen? Nachdem Putin vor seinem Vorstoß über die ukrainischen Grenze schon die Grenze Georgiens militärisch verschoben und dort ein von ihm abhängiges Südossetien und Abchasien eingerichtet hat.

In Aleppo zeigt Putin sein humanitäres Engagement

Der aktuell wichtigste Einsatz-Ort der russischen Armee ist das syrische Aleppo, dessen Bombardierung wir täglich im Fernsehen mitansehen dürfen. Auch dort ist Putin zweifellos erfolgreich: Mit seiner Hilfe vermag Bashir al Assad sein Land demnächst wieder voll unter seine Kontrolle zu bringen.

Seine engen Anhänger jubeln darüber. Ein Teile der Bevölkerung ist mittlerweile über alles froh, was ein Ende des Krieges in Aussicht stellt – und sei es auch Assads endgültiger Sieg. Den anderen Teil der Bevölkerung hat er weitgehend umgebracht bzw. in die Flucht getrieben.

Es besteht  kein Zweifel, dass er auf seine eigene Bevölkerung geschossen hat, um seine Diktatur zu erhalten. Es besteht kein Zweifel, dass er zu diesem Zweck auch Giftgas eingesetzt hat.

Ich halte es noch immer für Barack Obamas gewichtigstes außenpolitisches Versagen, dass er das nicht zum Anlass des versprochenen Eingreifens auf Seiten einer damals noch relativ starken, relativ demokratisch gesinnten “Freien syrischen Armee” genommen hat.

Putin war zweifellos zielstrebiger und hat sich nicht nur Assads Dank sondern auch einen dauerhaften militärischen Stützpunkt in der Region gesichert.

Wieder muss ich ihm dafür Respekt zollen. Aber mein rasendes Vertrauen hat er damit nicht unbedingt gewonnen.

Beim Doping zeigt Putin, wie sehr man ihm vertrauen kann

Was man von seinen Worte zu halten hat, scheint mir am besten durch die jüngste Doping -Affäre illustriert: Natürlich weist er auch den zweiten Bericht der internationalen Anti-Doping-Agentur, wonach tausend russische Athleten systematisch -mit Hilfe und Zustimmung des Sportministeriums- gedopt haben, empört zurück und verlangt “Beweise” obwohl die Agentur sie in ihrem Bericht selbstverständlich anführt, bzw. von ihnen ausgeht.

Ich verstehe, dass, Heinz Christian Strache oder Norbert Hofer Putin schätzen – er besitzt taktische Fähigkeiten, die selbst die ihren noch übertreffen. Ich verstehe auch, dass man Putin natürlich sehr ernst- todernst- nehmen und mit ihm verhandeln soll und muss. Das Vertrauen, das Österreichs “Putin-Versteher” in ihn setzen, verstehe ich nicht.

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