Wir demütigen Diesel-Deppen

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Wo betrogene Amerikaner Milliarden Euro Schadenersatz erhalten, erhalten wir vielleicht ein „Software-Update“ (das sicher nicht nur den Stickoxyd -Ausstoß vermindern wird) Aber wir bleiben überzeugt, dass die Deutschen die besten Motoren bauen, dass der Abgas-Betrug ein Kavaliersdelikt ehrenwertester Männer war, und dass unser Verbraucherschutz dem amerikanischen weit überlegen ist.

Ich gehöre zu den Trotteln, die vor zwei Jahren einen Diesel-PKW des VW-Konzerns bestellt haben. Obwohl die ersten Meldungen über die Betrugs-Software bereits eingetroffen waren und ich den richtigen Impuls hatte, auf einen Benziner umzusteigen, vermochte der Händler mich umzustimmen: Euro 6 Motoren wie der meine, wären mit Sicherheit nicht betroffen; meine Wartezeit verlängerte sich durch die Umbestellung um Monate; die ganze Aufregung würde sich demnächst legen.

Der Händler genoss mein Vertrauen und war fast so etwas wie ein Freund – ich war blöd genug, bei meiner Bestellung zu bleiben.

Heute habe ich neben der Neuwagenspanne gute dreitausend Euro verloren, die der Gebrauchtwagenpreis meines Wagens schon jetzt unter dem in der Vergangenheit Üblichen lieg. Seit klar ist, dass Städte Diesel-Fahrverbote verhängen können. wird man den weiteren Preisverfall von Woche zu Woche verfolgen können.

Wäre ich ein Amerikaner, ich hätte vermutlich bereits eine entsprechende Entschädigung erhalten – aber ich bin Österreicher und werde wie alle Europäer einen satten Verlust erleiden.

„Deutschland ermittelt- die USA erreichen Geständnisse“

 Ein Jahr nachdem die Staatsanwaltschaft Braunschweig immerhin „Ermittlungen aufgenommen“ hat, und zwei Jahre nach der US-Staatsanwaltschaft ermittelt auf Grund einer Beschwerde des Vereins für Konsumenteninformation bei der Oberstaatsanwaltschaft auch Österreichs Staatsanwaltschaft gegen VW.

Und in Deutschland kommt man nicht umhin, auch gegen Audi zu ermitteln. Denn die Amerikaner haben seit kurzem das erste Geständnis eines festgenommenen Audi-Managers zu den Akten nehmen können. Deutsche Verhältnisse gewohnt, war der gute Mann arglos in die USA auf Urlaub gefahren, dort aber wegen Verdachtes des Betruges und der Umwelt-Schädigung festgenommen worden. Nach einem Monat Haft und damit konfrontiert, das ein Geständnis ihn am ehesten vor mehreren Jahren Haft bewahre, gab der Audi-Mann zu Protokoll, dass Audi- Boss Rupert Stadler ihn veranlasst habe, seine Aussage vor der Untersuchungsbehörde um ein entscheidendes Detail zu verkürzen: Dass man nämlich ein Verfahren entwickelt habe, die Abgasreinigung zu „deckeln“ um den Kunden das sonst häufig erforderliche Nachfüllen von Harnstoff zu ersparen.

Das passt zu den Erkenntnissen aus dem Kartell-Verfahren, wonach Mercedes, BMW und VW aus Kostengründen übereingekommen waren, nur einen kleinen Harnstoffbehälter zu installieren.

„Ein Kavaliersdelikt?“

Das Stickoxyd, dessen Abbau auf diese Weise „gedeckelt“ wurde, ist bekanntlich der eigentlich gesundheitsschädigende Bestandteil von Dieselabgasen. Deutschlands Staatsanwaltschaft wird nach meinem Dafürhalten zu dem Schluss kommen, dass die beteiligten Spitzen-Manager der Deutschen Autoindustrie das unmöglich wissen konnten – jedenfalls geht sie bisher so mit ihnen um.

Ein Schwerverbrechen – die erhöhte Stickoxyd-Feinstaub- Belastung lässt sich direkt in eine erhöhte Sterbe-Rate umrechnen- wird wie ein Kavaliersdelikt verfolgt.

Obwohl bereits bekannt war, dass das VW-Management in den USA „Betrug“ – denn nichts anders ist der Einbau einer Software, die den Stickoxyd-Ausstoß am Prüfstand vermindert- eingestanden hatte, bestellte der VW-Konzern vorerst nur eine Kanzlei zur „vollständigen internen Aufarbeitung“ der „Angelegenheit“, statt dass in der Sekunde Unterlagen beschlagnahmt und Verdächtige einvernommen worden wären.

Als die Staatsanwaltschaft Braunschweig endlich mit einem Verfahren begann, hielt sie ausdrücklich fest, dass sich „keine Vorstandsmitglieder“ unter den Verdächtigten befänden. Sie ging offenbar davon aus, dass Spitzenmanager am wenigsten wissen, wie ihre meistverkauften Motoren konstruiert sind. Dass sie eine Software verwenden, die erkennt, wann der Wagen auf einem Prüfstand steht, gehörte in den Augen der Ermittler offenkundig zu den Details, um die untere Ränge sich kümmern.

Inzwischen wurde das Verfahren zwar auf Raten bis in die Konzern-Spitzen ausgeweitet – es wäre ein Problem, wenn die deutschen Strafbehörden den amerikanischen auf Dauer um ein Jahr nachhinkten- aber jemanden in Haft zu nehmen ist für sie undenkbar.

Dergleichen gilt allenfalls für Ganoven, die Rentnerinnen oder Versicherungen um mehr als zehntausend Euro betrogen haben

Obwohl die Verdunklungsgefahr bei ihnen zweifellos um einiges geringer ist – zumindest wenn man von der Aussage des verhafteten Audi-Managers ausgeht.

„Es geht nichts über Deutschlands gutes Image – und das katastrophale der USA“

Mich amüsiert nicht zuletzt die öffentliche Wahrnehmung dieses bisher wohl größten Industrieskandals mit der in Summe wahrscheinlich größten Todesrate. In Österreich wie Deutschland geht er mit der Überzeugung einher, dass es mehr „Korrektheit“ als in Deutschland einfach nirgends gäbe. So wenig wie vergleichbares Know How im Motorenbau. Obwohl sich jetzt herausstellt, dass Ford Diesel-Motoren baut, die kein Abgasproblem haben. Und dass das Abgasproblem französischer Dieselmotoren ein jedenfalls viel geringeres ist.

Ich muss zugeben, Dass mich das deutsche Image nicht minder geblendet hat: Als mir der selbe VW-Händler vor drei Jahren erklärte, dass man einen VW-Golf , den ich ausgeliehen hatte, nach zwei Wochen intensiven Stadt-Fahrens hundert Kilometer auf der Autobahn „freifahren“ müsse, damit er nicht stottert, habe ich das anstandslos zur Kenntnis genommen.

Einen Renault mit einem vergleichbaren Problem hätte ich vermutlich zum Teufel gewünscht.

Ich bin neugierig, ob der Dieselskandal die Fach-Urteile (auch der Auto-Tester) etwas weniger Deutsch-lastig machen wird. Bisher sieht es nicht so aus: „Der Diesel kann sich sehen lassen“ zitiert die FAZ einen Experten.

„Was ist Stickoxyd gegen Genmais?“

Am Rande amüsiert mich, dass Österreicher oder Deutsche im Rahmen der TTIP Diskussion nicht oft genug betonen konnten, wie sehr wir uns hüten müssten, im Rahmen dieses Abkommens unser hohen Umwelt -Standards und die Standards unser hochentwickelten Verbraucherschutzes zu opfern.

Während in vier Jahrzehnten noch kein Lebewesen an Genmais erkrankt ist, sehen wir darin eine geradezu apokalyptische Gefahr – die nachgewiesenen lebensbedrohlichen Erkrankungen durch das Stickoxyd in den Diesel-Abgasen haben uns trotz wiederholten Feinstaub-Alarms kaum beschäftigt. Selbst noch nach dem VW-Skandal hat Angela Merkel in Brüssel gegen allzu strenge neue Abgasnormen interveniert.

Demgegenüber hat die US-Umweltbehörde EPA schon 2005 zu Recht erkannte, dass es die besonders kleinen Schadstoff-Partikel sind, die das größte Gesundheitsrisiko darstellen, weil sie am einfachsten in die Atemwege gelangen und sogar die Blut-Hirn Schranke mit allen Folgen überwinden. Entsprechend strenger hat sie die US-Grenzwerte definiert. Es war zwar eine private US-Umweltorganisation, die den weit überhöhten Stickoxyd-Ausstoß der VW-Diesel feststellte, aber die EPA nahm sofort entsprechende Untersuchungen auf. Es waren US-Behörden, bei denen VW den Software-Betrug eingestehen musste und es sind US-Behörden, die seine Untersuchung mit der gebotenen Intensität vorantreiben.

Man kann dem die sehr viel geringere Intensität bei der Überprüfung des „Fracking“ gegenüberstellen, die damit zusammenhängen könnte, dass die Fracking-Industrie in den USA fast so einflussreich ist, wie die Auto-Industrie in Deutschland. Ich behaupte nicht, dass die Umweltbehörden und Gesetze der USA besser als unsere sind – man soll nur aufhören, unsere für so viel besser als die der USA zu halten.

Und zumindest haben die USA mit der Sammel-Klage ein Instrument geschaffen, mit dem man „Konzernen“ ernsthaft weh tun kann – während wir demütig darauf warten, dass VW vielleicht ein Software -Update durchführt, von dem wir den genialen deutschen Ingenieuren glauben, dass es an Leistung und Verbrauch des Motors nicht das geringste ändern wird. (Ist doch logisch: Sie hätten es genau so gut sofort einbauen können – es muss purer Übermut gewesen sein, dass sie stattdessen eine Schummel-Software eingebaut haben)

Man kann sicher eine Menge gegen die USA vorbringen – aber dass Europa seine Verbraucher besser schützt ist ein deutsches Märchen.

 

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3 Kommentare

  1. 1. Die deutsche Autoindustrie hat ja auch mit Abstand am meisten für TTIP interveniert. Die wussten schon warum.

    2. Die harte Verfolgung durch US-Behörde gilt allerdings auch nur Konkurrenten von US-Unternehmen. Bei den eigenen ist man schon sanfter. Das war auch ein Argument, warum die Schiedsgerichte notwendig wären.

    3. Dass die europäische Industrie (nicht nur die Autoindustrie) sich auf den Lorbeeren der 60er und 70er Jahre ausruhten und die weitere Entwicklung ziemlich verschlafen hat, stimmt. Kommt auch davon, wenn man seit rund 25 Jahren ausschließlich auf den Kostenfaktor fokussiert und sich nur mehr um die immer weiter zu steigendere Rendite der Aktionäre kümmert. Investitionen betrafen fast immer nur die Ausweitung des Marktanteils und höchst selten eine Qualitätssteigerung.

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