Sprung, vorwärts, Marsch!

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Erinnerungen eines Rekruten der ersten Kompanie Garde von vor 60 Jahren.

Wenigstens die Armee scheint noch das gute alte Bundesheer zu sein: Man kann dort immer noch im Frieden umkommen.

Als ich 1957 bei der 1. Kompanie Garde diente, gehörte ein 60 Kilometer-Marsch zu unserer Ausbildung. Natürlich fand er auch am heißesten Tag des damaligen Sommers statt. Natürlich hatten wir unser volles Marschgepäck zu tragen und das Gewehr stets kerzengerade und mit gestrecktem Handgelenk am Riemen zu halten. Obwohl es sicher um die 30 Grad hatte, war uns strikt verboten, an Brunnen neues Wasser in unsere Feldflaschen nachzufüllen.

Unser Kommandant, ein Hauptmann namens Huber, begleitete uns mit seinem Jeep. Sich mehrmals zurückfallen lassend, fuhr er mit dem offenen Fahrzeug immer wieder ganz langsam an uns vorbei und leerte ebenso langsam, damit wir es eingehend beobachten konnten, Wasser aus seiner (mehrfach nachgefüllten) Feldflasche auf die Straße.

So wollte er „ganze Männer“ aus uns machen.

Dass wir „Schlappschwänze“ sein könnten, war immer eine der größten Sorgen österreichischer Offizieren, denn die meisten von ihnen sahen unverändert zur „deutschen Wehrmacht“ auf.

Die „Schlappschwänze“ die auf unserem Marsch zusammenbrachen wurden allerdings nur von Huber und unserem Zugsführer verspottet und mit einem Ausgangsverbot fürs Wochenende belegt, sonst aber von einem Lastwagen aufgelesen und auf diese Weise ans Ziel in Hainburg gebracht.

Gestorben ist niemand – wir scheinen alle keine Vorerkrankungen und besonders gute Herzen gehabt zu haben. Einige, deren Füße noch keine offene Wunde waren, überstanden auch noch einen zwanzig-Kilometer-Marsch in der folgenden Nacht. Immerhin durften die, die wegen zahlloser Blasen einfach außerstande waren, noch einen Schritt zu machen, zu Hause bleiben – sie mussten nur statt zu schlafen Gewehre putzen.

 So stramm wie unfähig

 Natürlich übten auch wir „Sprung-Vorwärts-Decken“, wann immer es möglich war im tiefsten Gatsch und wer die Fersen nicht in der Sekunde flach legte, dem trat sie Zugführer Morawez in dem Morast.

Beim ersten Manöver erklärte ein intelligenter Manöver-Leiter die derart gedrillte erste Kompanie Garde dennoch für aufgerieben, weil sie sich auf den Zuruf „Flieger von rechts“ in der Sekunde auf eine Bergkuppe zu Boden geworfen hatte, obwohl knapp tiefer ein Wäldchen wartete.

Hauptmann Huber fand diese Entscheidung des Manöverleiters unverständlich und – zu mir gesagt, denn er schätzte mich als blond, stramm und durchhaltefähig- „empörend“.

Wenn Truppen stinken, dann fast immer vom Kopf des Kommandanten her.

Es war dies übrigens der Tag, an dem ich meinen Wusch aufgab, Berufsoffizier zu werden, dessentwegen ich mich zur Garde als angeblicher Elitetruppe gemeldet hatte. Auf Grund meiner Familiengeschichte war ich nämlich der Meinung gewesen, dass Österreich sich nie mehr kampflos einem Diktator unterwerfen sollte und daher ein gutes Heer brauche.

Leider hatten dann aber nicht Widerstandskämpfer sondern ehemalige Nazis das Sagen im neu geschaffenen Bundesheer.

Ein typisches Problem einer Heeresverwaltung

Um ein Haar hätte ich es übrigens doch nicht ohne Gesundheitsschaden überlebt: Bei einem der Regenmärsche und folgendem endlosen Warten in der durchnässten Uniform zog ich mir etwas zu, das im Heeresspital als „Lungenentzündung“ diagnostiziert wurde. Leider zu einem Zeitpunkt, zu dem die Garde wieder einmal zu einem großen Manöver ausrücken sollte. Damit warf ich für die Verwaltung der Fasangarten-Kaserne ein gewaltiges Problem auf: Es war in den kommenden Tagen weder im Spital noch im Gebäude meiner Kompanie eine Essensportion für mich vorgesehen, weil ich ja bereits auf Manöver befinden würde.

Die leitenden Herren – ich nehme an, Hauptmann Huber, spielte die Hauptrolle – entschieden daher, dass ich aufs Manöver mitzufahren hätte. Allerdings in dicke Decken gehüllt auf einem Lastwagen des „Tross“, der für die Verköstigung der Truppe verantwortlich war.

Wie man beim Heer gesund wird

Diese bedeutende Aufgabe nahmen im „Tross“ Unteroffiziere und Chargen wahr, die rangmäßig entsprechend weit über mir standen. Als daher eingeteilt wurde, wer in der Nacht Wache zu halten hätte, fiel die Entscheidung einstimmig auf mich.

Zwei oder drei aufeinanderfolgende Nächte (genauer weiß ich es nicht mehr) verbrachte ich also mit einer diagnostizierten Lungenentzündung in einem ca. einen Meter tiefen, von mir geschaufelten Erdloch – dann war das Manöver zu Ende.

Als ich nach Wien kam, war ich zur Überraschung des Arztes gesund.

Man soll also nicht sagen, dass die Garde sich der Gesundheit ihrer Wehrdiener nicht annimmt.

Ich könnte noch eine Reihe ähnlicher aparter Heeres-Gesundheits- Geschichten aus der ersten Kompanie Garde beziehungsweise dem Heeresspital in der Fasangarten-Kaserne erzählen, aber sie spielen alle im Jahr 1957 und wir sind im Jahr 2017. Ich will also nicht unfair sein- schließlich wurden gleich zwei „Kommissionen“ eingesetzt, um Verantwortungen zu klären.

 

P.S: Hans Peter Doskozil agiert in einer tragischen Angelegenheit korrekt. Er kann nicht urteilen, ohne eingehend untersucht zu haben.

Grundsätzlich kann kein Heer Übungen unterlassen, weil es heiß ist – man muss auch bei 35 Grad kämpfen können.

Es müssen nur alle notwendigen Vorkehrungen getroffen sein, überflüssige Gesundheitsschäden zu vermeiden. Es muss klar sein, dass die Rekruten gesund sind – dass ein allfälliger Herzfehleer bei der Musterung nicht übersehen wurde. Es muss ein Klima herrschen, in dem einem Rekruten, der sagt, dass ihm schlecht ist, geglaubt wird und er darauf verzichten kann, weiter zu marschieren.

Es muss jemanden geben, der so weit medizinisch ausgebildet ist, dass er weiß, was er unternehmen muss, wenn jemand einen Hitze-Koller oder Schwächeanfall erleidet.

Dass mittlerweile feststeht, dass der verstorbene Rekrut an einer massiven Vor-Infektion litt, die sein hohes Fieber auslöste und zu einer Sepsis geführt hätte, macht den Fall nicht einfacher.

Hat er vor dem Marsch über irgendwelche Gesundheitsprobleme geklagt? Herrschte in der Kompanie ein Klima, in dem man riskieren konnte, eine solche Klage vorzubringen? Wann hat er während des Marsches erstmals darauf aufmerksam gemacht, sich schlecht zu fühlen? Wie wurde darauf reagiert? War jemand anwesend, der zumindest laienhaft wusste, wie in einem solchen Fall vorzugehen war?

Man muss abwarten, bis auch alle diese Fragen geklärt sind, ehe man ein Urteil fällt.

Auch wenn man, wie ich auf Grund der eigenen Erfahrung befürchtet, dass der Geist bei der ersten Kompanie Garde des Jahrs 2017 der gleiche wie im Jahr 1957 gewesen sein könnte: Damals hätte nämlich sicher niemand riskiert, zu sagen, dass er sich vor dem Marsch nicht gut fühlt und deshalb nicht teilnehmen wolle. Denn erstens hätte niemand auf ihn gehört und zweitens wäre er schon wegen dieses Ansinnens mit Ausgangsverbot fürs kommende Wochenende belegt worden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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