Im Kern sehr klar

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Das Sommergespräch mit Christian Kern hat wesentliche Klarstellungen erbracht und war vom ORF katastrophal organisiert.

Nachdem er bei seinen Fernsehauftritten der letzten Wochen einen müden und abgespannten Eindruck gemacht und viel zu schnell gesprochen hatte, wirkte Christian Kern beim „Sommergespräch“ energisch, konzentriert, sagte nur wenige Worte zu viel und drückte sich nicht um substantielle Aussagen: Dass er die SPÖ, wenn sie nicht zur stärksten Partei würde, auf jeden Fall in die Opposition führte = auf keinen Fall mit der FPÖ koalierte, ist eine erfreuliche Klarstellung.

Im Übrigen ist es auch die einzig vernünftige Reaktion auf die in meinen Augen unvermeidliche Wahlniederlage: Die SPÖ muss sich regenerieren.

Eher erstaunlich war für mich die Reaktion der beiden Journalisten, der stellvertretenden Chefredakteurin des Kurier, Martina Salomon und des Presse-Chefredakteurs Rainer Nowak, die das Gespräch für die ZIB2 „analysieren“ sollten: Beide versuchten die Eindeutigkeit dieser Aussage herunterzuspielen und spekulierten mit der Möglichkeit, dass Verteidigungsminister Peter Doskozil die SPÖ übernehmen und doch in eine Koalition mit der FPÖ führen würde.

Nicht dass das absolut ausgeschlossen wäre, aber es ist doch höchst unwahrscheinlich, angesichts der Reserven, die in der Partei nach wie vor gegen die FPÖ bestehen und angesichts eines noch immer nicht zurückgenommenen Parteitags-Beschlusses, nicht mit ihr zu koalieren. Jedenfalls ist es eine reine Spekulation und damit weit von einer Analyse entfernt – auf den Zuseher musste es als reine Entkräftung der Kern-Aussage wirken.

Und das geht nicht, wenn der ORF unparteiisch informieren will

Er hat leider bei der Organisation der Sommergespräche eine reichlich unglückliche Hand bewiesen: Es war schon unmöglich, Tarek Leitner als Interviewer Kerns zu belassen. Leitner hätte sich als befangen erklären müssen, wenn seine Familie mit der Familie Kern so befreundet ist, dass man gemeinsam auf Urlaub fährt. Dass er nicht mit Kern auf Urlaub war, „während er Kanzler“ war, besagt, dass die beiden Männer davor sehr wohl auf gemeinsamem Urlaub waren und das ist zwar durchaus verständlich – jeder hat den anderen zweifellos als klugen, sympathischen Gesprächspartner befunden- aber schließt aus, ihm als einziger Fragesteller in einer TV-Konfrontation gegenüberzustehen.

Leitner hat seine Sache ordentlich erledigt, aber zu Recht hat Marina Salomon moniert, dass er im Zuge der Mittelmeer -Debatte, in der herauskam, dass die Route sehr wohl gesperrt ist, nicht darauf zu sprechen kam, dass Kern die entsprechende Forderung von Sebastian Kurz als „Vollholler“ bezeichnet hatte. Ich bin überzeugt, dass Tarek Leitner diesen Einwand nicht mit Absicht unterlassen hatte – aber es ist klar, dass er sich damit unterbewusster Befangenheit verdächtig macht.

Umgekehrt ist ebenso unprofessionell und unmöglich, dass der ORF zur Beurteilung der Kern-Aussagen zwei Journalisten heranzieht, die eindeutig dem „bürgerlichen Lager“ angehören und mit Sicherheit nie im Leben SPÖ gewählt haben. Auch sie sind, wie Leitner, untadelige Journalisten, die mit ihren Aussagen sicher nicht bewusst Parteipolitik betreiben wollten – aber einmal mehr ist der Verdacht unterbewusster Befangenheit in hohem Maße gerechtfertigt.

Es verblüfft nicht, dass sie Kerns Auftritt auch sonst wenig abgewinnen konnten.

Es ist kein Zufall, dass deutsche oder US-Fernsehstationen die Kandidaten bei ähnlichen Gelegenheiten immer durch 4 Journalisten befragen lassen und zur Beurteilung des Gesprächsinhalts nie politisch gleichgesinnte Personen heranziehen.

 

 

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10 Kommentare

  1. Und wozu muss uns der ORF via Kommentatoren überhaupt erklären, was wir vorher gesehen haben? Kann sich nicht jeder seine Meinung bilden?

  2. Ich glaube, dass mittlerweile eine ganze Reihe führender SPÖ-Granden überzeugt davon ist, dass Gerhard Zeiler der wesentlich bessere Nachfolger von Werner Faymann gewesen wäre. Bei Christian Kern fehlt es komplett an Führungs-Charisma. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser adrette und höfliche Mann mit gepflegter Ausdrucksweise einmal CEO eines Großunternehmens war, wo es mit harten Bandagen zugeht. In 10-15 Jahren wird Kern einen guten Kandidaten für die Präsidentschaft abgeben, bis dahin ist er als SPÖ-Erneuerer und als ‚Leader‘ eine Fehlbesetzung.

    Die Kritik an den beiden Journalisten halte ich für deplatziert. Ich für meinen Teil habe deren Kommentare als erfrischend empfunden (und sehr vertraut mit der österreichischen politischen Realität) und es war mir vollkommen gleichgültig, ob sie das unter dem Titel ‚Analyse‘ oder ‚Meinung‘ machten.

    Nun hoffe ich von ganzem Herzen, dass Umstände eintreffen, die Kern’s Aussagen testen werden (keine Koalition mit FPÖ; Opposition als Zweiter). Müsste ich wetten, würde ich wetten, dass Kern und die SPÖ um keinen Deut weniger machtorientiert sind als es Wolfgang Schüssel seinerzeit war.

  3. Sorry wenn ich den ansonsten von mir sehr geschätzten Kommentaren in einem wesentlichen Punkt widerspreche:
    Herr Leitner hat bei Kurz mit grosser Penetranz nachgefragt und abschließend zusammengefasst was Kurz seiner Meinung nicht beantwortet hat – um den Zusehen zu zeigen wie oberflächlich alles ist!!
    Für Kern war er der Stichwortgeber für die SPÖ Argumente und ich kann mich an keine hartnäckige kritische Frage erinnern.
    Das war ganz schlechter Journalismus aber wen wunderte die Generalintendant liefert was bestellt würde!
    Ich fühle mich sehr unwohl mit Herrn Kickl einer Meinung zu sein aber diesmal hat er ausnahmsweise recht

    Dr. Michael Schönberg

    1. Wenn Kurz die Fragen beantwortet hätte, wäre es nicht notwendig gewesen hartnäckig nachzufragen. Große Penetranz war es für mich nicht.

  4. Kern war kerniger
    Wenn man beide Politiker vergleicht, dann war es gestern eindeutig, dass Kern der bessere Politiker, mit Managementerfahrung ist. Kurz will täuschen und tarnen, redet viel und sagt doch nichts aus. Seine unpolitischen Kandidaten von 1-10, davon waren 7 noch nie politisch aktiv, zeigt deutlich, die alten ÖVP-ler haben sich schon abgesetzt und wehe, wenn Kurz verliert, dann war er kurz KURZ gewesen!

  5. Sehr geehrter Herr Lingens,

    ich kenne und schätze Sie schon von Ihren Anfängen beim trend Verlag als untadeligen Journalisten (der natürlich auch eine politische Meinung haben kann).

    Wenn aber der ORF eine unparteiische Information wollte, hätte er im Wissen um das Naheverhältnis Leitners zum Kanzler diesen nicht für die Sommergespräche einteilen sollen und Leitner hätte von sich aus eine derartige Aufgabe wegen Befangenheit ablehnen müssen.

    Es kann mir Niemand erzählen dass bei einer derartigen Kinderfreundschaft nicht auch sonstige private Einladungen von Haus zu Haus erfolgt sind ob es nun ein oder mehrere gemeinsame Urlaube gab. Ich möchte nicht wissen welchen Aufschrei es gegeben hätte wenn ein Naheverhältnis zu Kurz oder Strache aufgetaucht wäre.

    Das Sommergespräch war reine Plauderei und von quälenden Fragen keine Spur!

    Friedrich Villi

  6. Lieber Herr Lingens! Ich kenne Sie schon seit Jahren und weiß genau, dass Ihre Berichterstattung und Kommentare i m m e r objektiv und frei von jeder Einflussnahme waren und sind!
    Ansonsten geht mir das Politikergeschwätz, mit dem wir überhäuft werden
    schon sehr auf die Nerven! Aber wahrscheinlich sieht man beim ORF sich dazu genötigt, da außer der Wiederholung uralter und keineswegs immer guter
    Sendungen, ebenso alter und meist ebenso fragwürdiger amerikanischen Serien und überhandnehmender Kochsendungen wenig mehr zu sehen ist!
    Ja,sogar die Berichterstattung aus Salzburg, die eigentlich ein Ereignis sein müsste, war im Gegensatz zu den vergangenen Jahren eher müde und mangelhaft!
    Wann haben wir je erlebt, dass das zwar umstrittene aber doch ein Wahrzeichen der Salzburger Festspiele bildende Spiel „Jedermann“, dazu in einer Neuinszenierung und Besetzung nicht übertragen wird!
    Jedenfalls ist mir hinsichtlich der kommenden Wahl nur wichtig, dass nicht eine Partei, die sichtlich nach wie vor den Doktrinen des „Tausendjährigen
    Reiches“ huldigt und deren Jugend aber auch Parteibonzen sich dem entsprechend gebärden, nicht mehr in unsere Regierung kommt! Ich kann mich noch zu gut an das „3.Reich“ erinnern, dessen Anfänge fast genau so begonnen haben, wie auch an die Zeit Schüssel und Blau in der Korruption und Staatsverschuldung überhand genommen und zu einem unerträglichen Ausmaß geführt haben! Deswegen werde ich nur jener Partei meine Stimme geben, die eine Zusammenarbeit mit Blau kategorisch ausschließt!

    Mit herzlichen Grüßen

    Dr.Helga Prokopp🎭

    1. Mit anderen Worten: Der SPÖ können Sie Ihre Stimme nicht geben, denn diese schließt ja eine Koalition mit der FPÖ nicht kategorisch aus.

      1. Dann dürfte ja gerade der Newcomer KURZ nicht gewählt werden. Denn mit ihm verwirklicht sein „Parteivater LÜSSEL“ wieder ein Comeback der Haider-Ära! Also, wer das nicht haben will, kann nur KERN wählen. Und die Wiederholung des blöden Spruches der Fr. Bures ist ja schon lange ein alter Hut. Die soll lieber auf Ihren Sessel aufpassen, dass sie nicht auf einmal am Boden landet. Und….wenn man sich schon Staberl nennt, dann müsste man mehr im Hirn haben als nur eine 1 1/2 Zeilen kurze Blödmeldung!!

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