Bruno Kreiskys blaues Universalerbe

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Sebastian Kurz erbt endgültig das blaue Kapital, das Bruno Kreisky von fünfzig Jahren angelegt hat.

Ohne Aufsehen und Einspruch erntet Sebastian Kurz 2017 was Bruno Kreisky vor 50 Jahren gesät hat. Er könnte ähnlich lang türkis-blau regieren.

Als Kreisky 1967 den Vorsitz der SPÖ übernahm war die FPÖ eine sieche Partei. Weil “Ehemalige” erstmals wieder wählen durften hatte sie 1949 zwar als “Wahlpartei der Unabhängigen” auf Anhieb 16 Mandate errungen war dann aber von Wahl zu Wahl auf gerade noch 6 Mandate geschrumpft. Denn die FPÖ konnte keine Posten vergeben, “Protest” war damals nicht gefragt und ihre Wähler mussten so durch Jahre erfahren, dass ihre Stimmabgabe nutz- und sinnlos war, weil sie nie zu einer Regierungsbeteiligung führte. Denn sowohl in der ÖVP wie in der SPÖ erwiesen sich die Kräfte, die das grundsätzlich ablehnten, stets als stärker.[1] So war höchst fraglich, ob die geschrumpfte Partei überhaupt weiterhin den Einzug ins Parlament schaffen würde. Viel eher sah es danach aus, dass ihre Anhänger weiter zu SPÖ und ÖVP abwandern und dort deren rechten Rand bilden würden.

Bis Bruno Kreisky die FPÖ unversehens wachküsste.

Indem er klar machte, dass er früher oder später eine Koalition mit ihr eingehen würde verlieh er ihr erstmals politische Bedeutung. Indem er ihr 1970 als Gegengabe für die Unterstützung seiner Minderheitsregierung eine Wahlrechtsreform zum Vorteil kleiner Parteien bescherte, stellte er ihren Einzug ins Parlament sicher.

Dass er bei der Wahl von 1971 überraschend die absolute Mehrheit errang, war ein Betriebsunfall.

Doch der einmal durchbrochen “Cordon sanitaire”, der die Zusammenarbeit mit der FPÖ bis dahin verhindert hat, hatte sich damit aufgelöst. Indem er in seine Regierung nicht weniger als 4 ehemalige NSDAP-Mitglieder, darunter einen SS- Mann, zu Ministern machte, hat Kreisky Österreichs Wahrnehmung einer belastenden Vergangenheit grundlegend verändert,

Er hatte ihr ein jüdisches Unbedenklichkeitszeugnis ausgestellt.

Als sich herausstellte, dass FP-Obmann Friedrich Peter im 2. Weltkrieg einer SS-Kompanie angehört hatte, die zwei Jahre hindurch ausschließlich mit Massenmord hinter der Front befasst gewesen ist, stellte er sich ausdrücklich hinter ihn und nannte Simon Wiesenthal, eine “Mafia”, weil der meinte, ein Mann der diese Vergangenheit verschwiegen und sich nie von ihr distanziert hatte, sei nicht würdig Vizekanzler Österreichs zu werden.

Wie soll da heute H.C. Straches jugendliche Zugehörigkeit zur Neonazi-Szene Österreichs Bevölkerung irritieren?

Wie sollten Wolfgang Schüssel und Sebastian Kurz Skrupel haben, eine Koalition mit rechten “Nationalen” einzugehen, wenn Bruno Kreisky sie jederzeit eingegangen wäre und Fred Sinowatz bei seinem Abschied ans Herz legte sie zu schließen?

Nicht die ÖVP, die SPÖ hat die FPÖ trotz “Nationalen” und “Kellernazis” salonfähig gemacht.

Kreiskys Motiv war zum einen ein machtpolitisches: Die FPÖ verhalf ihm zur Kanzlerschaft und er wollte zu Gunsten der SPÖ ein ÖVP- unabhängiges bürgerliches Lager schaffen. Zum andern ein psychologisches: Selbst “Ehemalige” sollten ihn mögen und erkennen, wie wenig “jüdisch” er war.

Dass ich diese historische Rolle Bruno Kreiskys seit jeher so sachlich wiedergebe hat mir zu Unrecht den Ruf eines “Kreisky-Hassers” eingebracht. Ich hege nur gegenüber politischen Führern ganz allgemein nicht die semi-religiöse Verehrung, die Bevölkerung wie Eliten hierzulande alle 60 Jahre ergreift, sondern versuche sie rational zu beurteilen: Kreisky hat durch seine Bildungspolitik begabten Menschen Chancen eröffnet, die sie ohne ihn nie besessen hätten. Unter seiner Ägide durfte Christian Broda Familien-wie Strafrecht erfolgreich liberalisieren. Hannes Androsch konnte Österreich wirtschaftlich auf die Überholspur bringen (wobei sich seine Wirtschaftspolitik übrigens diametral von der des aktuellen VP-Programms unterschied). Und Österreich errang dank Kreisky internationale Geltung.

Doch diese Leistungen ändern nichts daran, dass seine Politik gegenüber der FPÖ ein grober Fehler war, der sich heute rächt. Sie ist nie, wie er behauptete, zu einer zweiten bürgerlichen Partei geworden, sondern derzeit vielleicht sogar “nationaler” als unter Friedrich Peter, Jörg Haider oder gar Norbert Steger. Denn in Knittelfeld hat ihr rechter Rand die Macht übernommen.

Wenn hier übrigens der Eindruck entsteht, ich hielte “Ehemaligen”, verwirrten Neonazis oder gebräunten Burschenschaftern ewig Vergangenes vor, so stimmt auch das nicht. Hätte Friedrich Peter irgendwann gesagt: “Ich habe mich in verwirrtem jugendlichem Idealismus zur SS gemeldet. Leider wurde meine Truppe zu grauenhaften Erschießungen herangezogen, denen ich mich nur durch Desertion hätte entziehen können. Wir haben uns täglich angetrunken, um es zu ertragen” so hätte ich ihn selbst als Vizekanzler akzeptiert. Aber er sagte: “Ich habe nur meine Pflicht getan.”

Nicht anders akzeptierte ich H.C. Strache jederzeit als Vizekanzler, wenn er gesagt hätte: “Weil ich nie einen Vater hatte und Familiengemeinschaft so sehr vermisste habe ich sie leider in einer Neonazi-Gruppe gesucht und auf die falschen Väter gehört”. Bei Norbert Burger kam die Liebe zu seiner Tochter hinzu und Liebe macht bekanntlich blind – vor allem wenn man von zu Hause kein Geschichtsbewusstsein mitbekommen hat. “Deshalb habe ich mich erst danach von dem unerträglichem Gedankengut gelöst, dem man dort angehangen ist.”

Aber H.C. Strache hat das nie gesagt, sondern seinen Hitlergruß mit drei Fingern als “Bitte drei Bier” ausgegeben.

[1] Ein tastender Versuch Julius Raabs scheiterte damals am roten Bundespräsidenten Theodor Körner

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2 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Lingens! Ihrem Kommentar muss ich inhaltlich voll zustimmen aber leider nicht vollinhaltlich, zumal Sie folgende wesentliche Punkte entweder vergessen haben oder es Ihnen unangenehm ist, diese in Erinnerung zu rufen:

    1)Wenn Sie von vier braunen Ministern in Kreiskys Regierung schreiben, dann ist das nicht korrekt, es waren sechs Minister mit Nazi-Vergangenheit in diesen Kreisky-Regierungen: Die drei Landwirtschaftsminister Johann Öllinger, Oskar Weihs und Günther Haiden wie auch der Innenminister Otto Rösch, der Bautenminister Josef Moser und Verkehrsminister Erwin Frühbauer.
    Quelle: http://derstandard.at/1924843/Kreiskys-braune-Minister

    2)Als Kreisky Simon Wiesenthal als “Nazi-Kollaborateur” beschimpfte, da heulte sogar der damalige SPÖ Klubobmann und spätere Bundespräsident Heinz Fischer mit und drohte mit einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss Wiesenthal fertig zu machen. Seit diesem Zeitpunkt hatte ich für Heinz Fischer nur mehr Verachtung übrig.
    Quelle:
    http://diepresse.com/home/zeitgeschichte/592126/Kreisky-Wiesenthal_Wochen-der-Besessenheit

    3)Und dann haben Sie noch auf ein gravierendes zeitgeschichtliches Ereignis vergessen: Das war im Jänner 1985 als der damalige Verteidigungsminister Frischenschlager in der Sinowatz/Steger-Koalition den vielfachen SS-Kriegsverbrecher Walter Reder mit offenen Händen begrüßte und die SPÖ aus purem Machtinteresse nicht bereit war, diese unselige Koalition sofort aufzukündigen.
    Quelle:
    http://diepresse.com/home/zeitgeschichte/534850/1985_Ein-Handschlag-mit-fatalen-Folgen

    Wenn jetzt Sebastian Kurz von linker Seite vorgeworfen wird mit der FPÖ zu koalieren, dann ist dies unfair und unnachvollziehbar wenn man bedenkt, wie ungeniert in der Vergangenheit die SPÖ gegenüber der FPÖ agiert hat!

  2. Wieder sehr “treffender” Kommentar von Herrn Peter Michal Lingens ! Chapeau !Mich ,auch schon als “älterer Herr” ,wird bange um das “hohe Haus” …
    “Nur” mir ?

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