Die gehortete sexuelle Belästigung

Share

Eine seltsame Situation für die 4,4 Prozent der Österreicher, die Peter Pilz ihre Stimme gegeben haben, weil er ein glaubwürdiger, fähiger Aufdecker wirtschaftlicher Schweinereien ist: jetzt stehen sie ohne ihn da, weil eine von ihm begangene sexuelle Schweinerei aufgedeckt wurde. Leider mit vier Jahren Verspätung, die meines Erachtens ein gewisses Problem darstellt.

So wie sich die Szene zwischen ihm und einer EVP-Mitarbeiterin 2013 beim „Forum Alpbach“ offenbar zugetragen hat war sein Rücktritt unvermeidlich – zumal es schon einmal vergleichbare Vorwürfe gegen ihn gab. (Dass er sich angesichts seiner Alkoholisierung nicht erinnern kann, macht die Erinnerung der Betroffenen in diesem Fall nur um so glaubhafter.)

Dennoch glaube ich, dass Frauen, denen dergleichen wiederfährt, es in Zeiten wie diesen sofort zur Anzeige bringen und nicht erst später damit herausrücken sollten.

 „Eine Frau geht mit ihrer Anzeige wegen eines sexuellen Übergriffes seit vielen Jahren kein unzumutbares Risiko mehr ein.“

Denn die Zeiten haben sich geändert. War es bis in die Achtzigerjahre tatsächlich so, dass eine Frau, die eine entsprechende Anzeige erstattete oder damit sich an die Öffentlichkeit wandte, riskierte damit nicht durchzukommen oder sich sogar vorwerfen lassen zu müssen, sie hätte den Annäherungsversuch herausgefordert, so ist das seit gut zwanzig Jahren umgekehrt: Der Frau wird selbstverständlich geglaubt, dem Mann schlägt, wenn er ein Politiker ist, öffentliche Ablehnung entgegen und er erhält durchwegs die angemessene gerichtliche Strafe.

Eine Frau geht mit ihrer Anzeige wegen eines sexuellen Übergriffes seit vielen Jahren kein unzumutbares Risiko mehr ein.

Im Zweifel ist das Risiko des Mannes sogar vor der Polizei oder im Strafverfahren mittlerweile das deutlich größere: er ist selbst dann chancenlos, wenn er sich ausnahmsweise nichts zuschulden lassen kommen hat. So habe ich aus nächste Nähe einen Fall erlebt, in dem ein Mann von einer Frau tätlich angegriffen wurde (sie ist wegen eines ähnlichen Deliktes mittlerweile vorbestraft) und dennoch mit einem Betretungsverbot seiner Wohnung belegt wurde, weil man der Frau selbstverständlich sofort glaubte, dass er sie geschlagen hätte (was sie mittlerweile widerrufen hat).

Anwälte erzählen mir von ähnlichen Erfahrungen: Zwar sei es so, dass in 80 von 100 Fällen tatsächlich die Männer die Frauen schlügen – aber in den nicht so seltenen Fällen, in denen es umgekehrt sei, seien die Männer chancenlos.

„Daher meine ich, dass die EVP-Mitarbeiterin unmittelbar Anzeige erstatten hätte sollen“

Bei sexuellen Übergriffen liegen die Zahlenverhältnisse zweifellos noch viel eindeutiger. Ich kenne einen einzigen Fall, in dem eine betrunkene Frau einem jüngeren Mann auf den Hintern gegriffen hat. Die Polizei, die Staatsanwaltschaft, ein vorgesetztes Gremium hat daher allen Grund, einer Frau, die einen sexuellen Übergriff meldet, zu glauben. Und genau so spielt es sich in der Praxis auch ab: Die Frau geht mit ihrer Anzeige nicht mehr das geringste Risiko ein, selbst in Misskredit zu geraten

Daher meine ich, dass die EVP-Mitarbeiterin unmittelbar Anzeige hätte erstatten sollen – oder aber zu dem Schluss kommen, dass sie die Sache auf sich beruhen lässt.

Hätte sie diese Anzeige früher erstattet, so wäre Pilz kaum zur Wahl angetreten und wenn er dennoch angetreten wäre, wäre er nicht gewählt worden.

Jetzt, nachdem er gewählt wurde, mit dem Vorwurf herauszurücken, wäre meines Erachtens nur dann angebracht gewesen, wenn er etwa gefordert hätte, den Belästigungs-Tatbestand aus dem Strafrecht zu eliminieren oder ein anderer politisch relevanter Anlass vorgelegen wäre. Dann wäre für mich verständlich gewesen, wenn die Frau nachträglich sagte: „Der hat guten Grund, so zu agieren, denn…“

So haftet ihrem Vorgehen in meinen Augen etwas Problematisches an: der leise, vielleicht völlig ungerechtfertigte Verdacht, die Geschichte wäre ihm vielleicht erspart geblieben, wenn er nicht in den Nationalrat eingezogen wäre.

Share

Anzeige:

9 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Lingens! Warum lassen Sie den Sex-Skandal in der SPÖ außer Acht, wo der SPÖ Sozialminister Josef Hesoun seinerzeit die junge SPÖ Abgeordnete Waltraud Schütz sexuell attackiert hat? “Er hat mir über das Rückendekolleté zum Busen gegriffen” klagte damals die SPÖ Abgeordnete aber Vranitzky hat sofort – um den Ruf der SPÖ zu schützen – Johanna Dohnal zu Hilfe gerufen um diese unangenehme causa ja unter den Teppich zu kehren. Diese Angelegenheit wurde dann tatsächlich nie mehr aufgeklärt sondern einfach totgeschwiegen. Und die junge SPÖ Abgeordnete Schütz durfte nie mehr zu einer Wahl antreten! So agiert die SPÖ bei einem Sex-Skandal!

    Quelle:

    http://m.focus.de/politik/ausland/globus-eine-grapsch-aktion-mit-spaetfolgen_aid_142793.html

    1. Älter geht’s wohl nicht! Dass Pilz einen Fehler gemacht hat, ist unbestritten! Aber das ganze Drumherum macht mir Angst. Es geht gar nicht um die Grabscherei, es geht um die Verhinderung von Pilz im Parlament und da stehen ganz andere, miese “Persönlichkeiten” dahinter!!

  2. Bei Florian Klenk bzw. im Kurier lässt sich nachlesen, dass nicht die betroffene EVP-Mitarbeiterin, sondern zwei männliche Zeugen des Übergriffs über Twitter an die Öffentlichkeit gegangen sind: der Banker Chris Niedermüller und der Chef der Wiener SPÖ-“Sektion ohne Namen”, Oliver Stauber. Stauber beschreibt im Gespräch mit dem KURIER: “Pilz war an dem Abend offensichtlich alkoholisiert, und hatte sich und seine Hände nicht unter Kontrolle.”
    Der Frau ist also nicht der allerkleinste Vorwurf zu machen!

  3. Für mich ist der Pilz nur eine traurige Figur. Weil er bei einer Wahl nicht mehr gewählt wurde, gründete er aus Machtgeilheit eine neue Partei. Jeden anpatzen, aber selbst nicht wissen wie man sich benimmt.

  4. Grausliche US-Wahlpraktiken haben auch uns erreicht
    Die ganzen skandalösen Zustände während der letzten NR-Wahl finden ihren unrühmlichen Abschluss mit dem sexistischen Vorwurf gegen Peter Pilz. Er soll vor vier(!) Jahren im alkoholisierten Zustand eine Frau im Forum Alpbach begrabscht haben und jetzt kaum dieser Eklat ans Tageslicht. Das dies ein schiefes Licht auf Pilz wirft, ist klar. Und jetzt drängen sich für mich viele Fragen auf. Wieso hat sich diese Frau vier Jahre lang Zeit gelassen, diesen Tatbestand öffentlich zu machen? Wenn die Liste Pilz nicht ins Parlament gekommen wäre, hätte diese Dame das auch publik gemacht? Wer will mit dieser Geschichte den „Aufdecker der Nation“ mundtot machen? Alles Fragen, die sehr stark an die Praktiken des Trump-Teams erinnern, wie man damals Hillery Clinton unmöglich gemacht hat. Es gibt zu viele, die Pilz alles wünschen, nur nicht in einem weiteren U-Ausschuss aussagen zu müssen. Und ebenso viele, die seine pointierten Reden im Parlament gefürchtet haben. Und diese ganze Klicke von Steuerhinterziehern, dubiosen Schmiergeldzahlern und auch Feinde in der abgewählten Grünen-Partei, haben und hatten ein großes Interesse daran, der Mann muss weg! Das soll bei Gott kein Persilschein für seine Grabscherei sein, aber es ist eine äußerst schiefe Optik, wenn erst vier Jahre später dieser Vorwurf das Licht der Medien erblickt. Ich wünsche mir für die Zukunft wieder Wahlen mit Vorschlägen und Ideen für Österreich und dazu brauchen wir weder einen dubiosen Hr. Silberstein, auch keinen mediengeilen Fußi und kein Parteichamäleon Puller und all die anderen nebulosen Typen, die durch ihre unverantwortliche Geschäftigkeit im Hintergrund, auch Österreichs ansehen in aller Welt, mehr als besudelt haben!

  5. Ich würde auch nach diesem “Gender” Vorfall Peter Pilz die Stimme geben ! Jetzt fehlt ein wichtiger Aufdecker im Parlament ,ziemlich besorgniserregend ,”dank” dem “Ex” Grünen weiblichen ” Rache- Engel “! Die Häme wird bei den “Rest” Grünen ,erheblich sein…

  6. Ich halte dieses Hochspielen von Grapschereien durch einen Betrunkenen – die sicher unangenehm sind – für äußerst übertrieben – ebenso die Konsequenzen des Täters daraus. Ich denke, die Dame wird selbstbewusst genug gewesen sein und sich zu helfen gewusst haben, ihm ihre Meinung gesagt und gezeigt haben, was sie von diesem Benehmen hält. In so einem Fall braucht es wirklich keine Anzeige (in ernsten Fällen schon!!). Inge 78

Kommentar verfassen