Das Zeitalter der Maschinensteuer

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Digital gesteuerte Roboter bieten uns die Chance auf die größte, sinnvollste Revolution des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft, die es jemals gegeben hat – aber wir wollen nicht einmal über ihre am nächsten liegenden Konsequenzen nachdenken.

Dass Computer die besten Schachspieler der Welt besiegen können, ist ein alter Hut. Soeben aber hat ein Computer sich selbst das noch komplexere GO-Spiel beigebracht und den besten GO-Spieler der Welt besiegt.

Soviel zu der Frage, ob wenigstens kreative, komplexe, intellektuelle Leistungen des Menschen sicher vor dem Ersatz durch Computer sind. (Bill Joy: Why The Future Doesn´t Need Us)

Digitalisierung und künstliche Intelligenz haben im jüngsten Wahlkampf insofern eine Rolle gespielt, als Christian Kern (wie schon der verstorbene Sozialminister Alfred Dallinger vor 30 Jahren) meinte, man müsse sich in Zeiten massiver Automatisierung eine “Wertschöpfungsabgabe” zur Finanzierung der Sozialversicherung überlegen. Die Reaktion war die gleiche wie damals: “Rezepte aus der linken Mottenkiste”, “das Dümmste, was man fordern kann”, “Maschinensteuer gegen den Fortschritt”, hallte es aus ÖVP, NEOS oder “Die Presse”.

Ich möchte das Thema daher von der anderen Seite her aufzäumen: Wie meint man, dass die Sozialversicherungen finanziert werden sollen, wenn von den Jobs, deren Anzahl derzeit ihre Finanzierung zu Grunde liegt, in den kommenden zwei Jahrzehnten 10, 20, vielleicht sogar 5o Prozent wegfallen werden?

Soll zuletzt nur mehr die Hälfte der Österreicher sozialversichert sein?

Natürlich kann man über diese Zahlen streiten: Die 50 Prozent wurden von Benedikt Fry und Michael Osborn von der Universität Oxford für die USA ermittelt. Die „ING–DiBa“-Bank ermittelte 47 Prozent gefährdeter Jobs für Deutschland, die Unternehmensberatung A.T. Kearney 40 Prozent für Österreich. 10 Prozent ermittelte das “Institut für höhere Studien”, und ich will sie zwar nicht ausschließen, füge aber ein öffentliches Statement des Personalvorstandes der Volkswagen-AG Horst Neumann an, der meint, von den derzeit 100.000 taktgebundenen Beschäftigten des Konzerns würde es in 20 Jahren nur mehr die Hälfte geben. Denn sein Argument scheint mir eher stark: Die Roboter-Arbeitsstunde koste 3-6 Euro, die menschliche das Zehnfache.

Es scheint mir also zumindest nicht abwegig, eine jedenfalls deutliche Reduktion der Arbeitsplätze für immerhin wahrscheinlich zu halten und darüber nachzudenken, wie die Sozialversicherungen – und das Leben – eines vielleicht beträchtlichen arbeitslosen Teils der Bevölkerung finanziert werden soll. Selbst wenn er nur bei 20 Prozent (aktuelle Arbeitslosigkeit + 10 Prozent) liegen sollte, ist dieses Nachdenken m.E an der Zeit, denn schon dann täte sich bei den Sozialversicherungen ein riesiges Loch auf.

Ich fürchte, dass man bei seiner Schließung auf etwas Anderes als die von Kern herangezogene „Wertschöpfung“ kaum zurückgreifen kann. Auch die Sozialversicherungen der gegenwärtigen Bezieher werden ja in Wirklichkeit aus „Wertschöpfung“ – nämlich der Unternehmen, die sie beschäftigen- finanziert: Diese bezahlen ja de facto Nettogehalt + Lohnsteuer +“ Sozialversicherungsbeitrag“, auch wenn 22,5 Prozent davon rein juristisch von den Angestellten abgeführt werden.

Letztlich wird die Summe aller österreichischen Unternehmen diese drei Beträge -Löhne, Steuern, Sozialversicherung- auch in Zukunft für Österreichs Bevölkerung aufbringen müssen, wenn wir die Gesellschaft nicht spalten wollen. Der von diesen Unternehmen geschöpfte Wert wird im Fall der Digitalisierung ja auch keineswegs kleiner – nur die Zahl ihrer Angestellten wird sich vermindert haben.

Es stimmt, dass eine spezifische Robotersteuer, wie etwa der Vorstandschef der Deutschen Post, Frank Appel, sie vorschlägt, die Digitalisierung verlangsamte – aber eben dies könnte man angesichts der Größe der Umwälzung auch für einen Vorteil halten. Am schnellsten schritte die Digitalisierung freilich voran, wenn man die Gewinne aller Unternehmen gleichmäßig etwas höher besteuerte –als grundsätzliche Maschinensteuer. Auch über Zwischenlösungen kann man nachdenken. Nur den Kopf in den Sand stecken und von „Mottenkiste“ schwafeln kann man nicht.

Ich frage mich manchmal, ob die Politik überhaupt eine Vorstellung von der Größe der durch Digitalisierung herbeigeführten Umwälzung hat, selbst wenn sie langsamer als angenommen verläuft?

Ob ihre Chancen begriffen werden: Sie schenkt uns Zeit! Sie macht uns unabhängig von Billigarbeit in Indien oder China!

Zwar hat der technische Fortschritt auch in der Vergangenheit stets menschliche Arbeitskraft ersetzt, aber er hat doch bis vor etwa dreißig Jahren zugleich stets noch mehr neue Arbeitsplätze geschaffen, so dass Massenarbeitslosigkeit ausblieb.

Genau das ist gemäß allen genannten Studien vorbei: Es werden mehr Jobs durch Roboter ersetzt als neu entstehen. (Die Vorstellung, dass die Pflege sehr vieler älterer Menschen das entscheidend ändert, unterschätzt den Fortschritt der Medizin: Die Menschen werden nicht nur älter, sondern bleiben auch länger gesund.)

Man wird sich also zwingend mit der Frage befassen müssen, wie ihr Leben gestaltet sein soll, wenn ihre Arbeit längst nicht mehr im bisherigen Ausmaß gebraucht wird. Zum Beispiel mit der Frage einer drastischen Arbeitszeitverkürzung. Mit der Frage eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie es früher oder später die Hälfte der Bürger beziehen wird. Mit der Frage qualitativen statt quantitativen Wachstums um die Umweltbelastung in Grenzen zu halten. Mit der Frage der Verteilung von Gütern innerhalb einer Gesellschaft, in der Streiks nicht mehr funktionieren. Nicht zuletzt mit der Frage, was dann laut Harari “nutzlose” Menschen mit der Zeit anfangen, die sie nicht mehr mit Arbeit füllen. (Yuval Noah Harari: Homo Deus)

Ich bin eigentlich froh, wenn Christian Kern sich immerhin überlegt, wie man die Sozialversicherungen finanzieren kann, wenn sich die Zahl der Angestellten verringert.

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16 Kommentare

  1. Am 14. November war der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler zu Gast bei Peter Huemer im AK-Bildungszentrum (Wiener Stadtgespräch in Kooperation mit dem Falter).

    Einer seiner Kernaussagen war: “Wir (Deutschland) brauchen 6 Millionen Zuwanderer, die wir integrieren und ausbilden müssen, weil uns sonst die Arbeitskräfte ausgehen”

    Ich habe das Publikum des vollen Saales beobachtet und keinerlei körpersprachliche oder akustische Ablehnung dieser mehrfach geäußerten Aussage vernommen, obwohl im Auditorium überwiegend rote und grüne Zuhörer saßen. Wenn Münker vor (schwarzen) Industriellen referierte, hätte man seinen Ausführungen wahrscheinlich ebenfalls begeistert zugenickt.

    Der technische Fortschritt in der Wirtschaft (Produktion und Dienstleistungen) geht rasant weiter, aber die wenigsten führenden Politiker – und natürlich auch Wähler – machen sich eine Vorstellung, was das für unsere Gesellschaft schon in mittlerer Zukunft bedeutet.

    Große Arbeitslosigkeit und Unruhen in Verbindung mit “Ausländern” werden demnach unausweichlich auf uns zukommen.
    Aber das könnte man alles voraussehen, wenn man nur wollte. Nur so nebenbei: Die Hitlerei – und alles Grauenhafte – ist auch damals nicht aus dem Nichts gekommen.

  2. Die dritte industrielle Revolution steht unmittelbar bevor. Und wir mittendrin. Bleibt abzuwarten, ob als Akteure oder hilflos im Strom Untergehende. In diesem Sinne machen die jetzt fast überall an die Macht kommenden jungen Politiker mehr Hoffnung als Angst. Das Denken in vergangenen Mustern (nicht nur aber auch) hierzulande ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.

    1. Bis jetzt haben (mich) die “jungen” Politiker auch nicht wirklich überzeugt. Viele auswendig gelernte Phrasen sind (bei mir) nicht gut angekommen. Übrigens: Alfred Dallinger war auch nicht mehr der Jüngste, wie er Sozialminister war – und dennoch hatte er einen immensen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weitblick.

      Auch “mehr Frauen” in der Politik haben mich nicht wirklich überzeugt – obwohl es immer sehr gute gibt und auch immer gab. Ich freue mich bereits auf Karin Kneissl, auch wenn sie von der FPÖ als Außenministerin nominiert wird. Diese Frau ist kompetent und hat Haltung.

      Es kommt einzig darauf an, ob Politiker und Politikerinnen “gut” sind. Mit schlechten werden wir wahrscheinlich “Untergehende” sein. Aber wir haben ja die Wahl. Es ist ja nichts “Gott-gegeben” (Siehe auch Yuval Noah Harari: Homo Deus – das ich mir die letzten Tage als Hörbuch gegeben habe).

  3. Erstaunlich, wie die Verdrängung mehr als 100 Jahre nach Freud noch zunimmt. Dabei sind die Chancen bei klaren, aber revolutionären Maßnahmen groß, dass Die Vorteile überwiegen. Persönliche Dienstleistungen jetzt schon forcieren, Digitalisierung als “Hauptgegenstand”, mit allen anderen Gegenständen in Projektarbeiten verbinden (wirklich ALLEN anderen Gegenständen), die Orientierung der Abgaben-Träger deutlich weg von den Löhnen und Gehältern. Wie es den Fakten entspricht. Es braucht dazu auch eine Neudefinition des christlichen “im Schweiße deines Angesichts…”… Ich hoffe, denke allerdings, dass das die (ohnehin extrem angstbesetzte) Veränderungsbereitschaft der Menschen überfordert. Die Herausforderung besteht nicht im Tum, sondern im “was, wie und in welcher Zeit”-Tun.
    “Besser die bekannte Hölle als der unbekannte Himmel” wird ein Thema werden. Ist es bereits.

  4. Zwei Anmerkungen:

    1. Was mich als Angehöriger der ersten Generation der “Computer Scientists” schon immer verwundert hat ist, dass die Themen, die jetzt gehypt unter Begriffen wie Digitalisierung und Disruption daherkommen, so lange, z.T. über 30 Jahre gebraucht haben, bis sie in die Köpfe und damit Vorsorge zu Zukunft gedrungen sind. Unsere Politik ist diesbezüglich mehr als hinterm Berg zuhause. (Sie dazu auch: https://www.tatup-journal.de/tatup151_webe15a.php)

    2. Folgerichtig scheint man vor allem auf der sozialdemokratischen Seite sich bezüglich der im Lingens´schen Beitrag richtig diskutierten Veränderungen ignorant zu geben. Für den überschaubaren kommenden Zeitraum hatte ich den Versuch unternommen, Hinweise zu geben, wie man neue Anhänger gewinnen könnte (wobei das natürlich nur ein kleiner Aspekt ist):
    http://derstandard.at/2000040151230/Zur-Neuerfindung-der-Sozialdemokratie
    Resonanz fast null. Bin deshalb gespannt und hoffe, dass der Lingensche Artikel die Diskussion etwas mehr befeuert.

    1. Lingensche Artikel haben halt Qualität, auch wenn sie relativ wenige Leser haben. Wenn ich im Gegenzug an Rainers Profil-Gschichtln denke …

      Was die “sozialdemokratische Seite” befeuern könnte, bleibt ein Rätsel. Die Abkehr der “Arbeiterschaft” verbunden mit permanenten Wahlniederlagen ist es jedenfalls nicht.

  5. Es ist keine sonderlich tiefgründige Erkenntnis, dass es der Wertschöpfungsbesteuerung bedarf, um ein einigermaßen gerechtes Sozialsystem aufrecht erhalten zu können; dass es der Arbeitszeitverkürzung bedarf, um die geringer zur Verfügung stehende Arbeit aufteilen zu können. Wieso wollen das intelligente Arbeitgeber, Christlichsoziale, (Neo)Liberale und Nationale nicht verstehen? Ist es Gier oder doch mangelnder Verstand?

  6. Meine Ideen für die Zukunft und ein gutes Leben für alle

    – Wöchentliche Arbeitsstunden stufenweise reduzieren bei vollem Lohn- und Personalausgleich.
    – Gleichzeitig stufenweise immer weniger die Arbeit besteuern, sondern den Konsum und Finanzgewinne
    – Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen für alle.
    – Die Geldschöpfung den privaten Geschäftsbanken entziehen und dem Souverän in die Hand geben. Vollgeld bzw. souveränes Geldsystem einführen.
    – Die Wirtschaft sollte den Menschen dienen, und nicht umgekehrt, daher Abkehr vom ewigen Wachstumswahn in ein nachhaltiges System, dass dem Gemeinwohl und somit allen dient. (Gemeinwohl-Ökonomie, Cradle to Cradle, Kreislaufwirtschaft, Postwachstumsökonomie usw.)
    – Demokratisierung auf allen Ebenen (bundesweite bindende Volksentscheide, bürgernahe und demokratischere EU usw.)

    1. Bedingungslos Grundeinkommen für alle – Der Knackpunkt ist “für alle”.
      Von Milton Friedman stammt die Behauptung, dass man offene Grenzen oder einen Wohlfahrtsstaat, aber nicht beides haben kann. Sinngemäß ist diese Erkenntnis auch bei Karl Marx nachzulesen.

      Genau darin liegt das Problem sozialromatischer rot-grüner Träumer.

      1. Ich denke eben global. WIR Menschen haben Grenzen gesetzt. Wir Menschen haben uns Religionen ausgedacht. Wenn wir uns als Menschheit weiterentwickeln wollen, müssen wir uns als eine Einheit sehen, und die Erde als Erbe aller Menschen sehen, denn nur so können wir unseren globalen Probleme lösen.

        1. Klar kann man “global” denken. Aber wenn man so denkt, müsste man auch akzeptieren, dass “unser” lokaler Wohlstand keiner mehr wäre. Nicht einmal im Ansatz. Und ob das die Menschen “bei uns” – demokratisch mehrheitlich – wollten, wage ich zu bezweifeln.

          Ich spare mir daher, Peter Scholl-Latours Kalkutta-Sager hier nieder zuschreiben …

          Ich empfehle ihnen – wie PML – das (Hör-)Buch Yuval Noah Harari: Homo Deus, das unmissverständlich darlegt, dass Gott und Götter zu jeder Zeit Erfindungen der Menschen waren, aber auch, dass es örtlich und zeitlich – aus den verschiedensten Gründen – unterschiedliche Entwicklungsstufen der menschlichen Wesen – aber auch des Lebens allgemein – gab, gibt und wahrscheinlich immer geben wird.

  7. Die “Digitalisierung”, die uns in ein neues Zeitalter der Produktionsweise katapultiert hat, wird zweifellos auch eine zeitgemäße Anpassung der Geldordnung an die gesellschaftlichen Notwendigkeiten erfordern. Da unser Geld ja nicht durch Arbeit entsteht, sondern nur gemäß den Machtverhältnissen für eine Leistung zuerkannt wird, muss das Umdenken wohl ganz am Ursprung ansetzen. Bei Geldschöpfung, Art des Geldes (Aktiv- oder Passivgeld) und bei der Inumlaufbringung. Das schafft Probleme, so lange die eigene Leistung stets als höherwertig eingestuft wird, als jene aller anderen. Gelingt die Entkopplung von Arbeit und Einkommen jedoch nicht, dann läuft das langfristig auf die Verzichtbarkeit der Welt auf die Menschheit hinaus.

    “Digitalisierung” (Automatisierung) benötigt eine gesellschaftliche Zielsetzung, in der Lebensqualität und soziales Zusammenleben im Mittelpunkt stehen sollte. Sonst schaffen wir eine vollautomatisierte, perfekte Welt – ohne Menschen.

    1. Lieber Herr Hoppenberger, Sie haben recht mit Ihren Analysen. Ich erlaube mir dennoch die Unmutsäußerung, dass wir keineswegs „katapultiert“ sein müssten, hätten wir und hätte die Politik aufgegriffen, was nachweislich schon vor 30 Jahren an Veränderungen durch Digitalisierung absehbar war. So zu tun, als würden Digitalisierung und Automatisierung schicksalhaft über uns hereinbrechen beweist einmal mehr, dass wir zu wenig zukunftsoffen neugierig und vor allem nicht vorausschauend veränderungswillig sind.
      Und da haben Sie mit Ihrem Punkt völlig recht: Diskursthema muss sein, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln wollen.

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