Warum ist Österreich so gut?

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Mit den jüngsten Wirtschaftsdaten liegt es an der Spitze der EU. Mit Sebastian Kurz kann das schwerlich zu tun haben. Womit also? Wenn der Wirtschaftsstandort doch laut Bundeswirtschaftskammer abgesandelt ist?

“Österreich hat die Krise endgültig hinter sich gelassen”, resümierte Hans Bürger im ORF die jüngsten Wirtschaftsdaten: Drei Prozent Wirtschaftswachstum und signifikant rückläufige Arbeitslosigkeit.

Christoph Leitls Behauptung, der Wirtschaftsstandort Österreich sei “abgesandelt” ist angesichts dieser Daten die unseriöseste seit Bestehen der Wirtschaftskammer.

Sebastian Kurz wird die Top-Daten zwar demnächst an seine Fahne heften, aber zumindest Menschen mit minimaler Kenntnis der Zeitenfolge ökonomischer Abläufe wissen, dass sie nicht von jener rot-schwarzen Zusammenarbeit zu trennen sind, von der Kurz und H.C. Strache behaupten, sie hätte in nichts als Streit bestanden, so dass man sie dringend durch Neuwahlen beenden musste und ja nicht erneuern durfte.

Natürlich wird versucht, es dennoch anders zu sehen: Das gute Wachstum beruhe ausschließlich darauf, dass die ganze EU sich erhole. Kurz & Strache müsse gelingen, Österreich “wieder an die Spitze” zu führen. Aber Österreichs Daten sind spitze- besser als die vergleichbarer Länder wie Holland und mindestens so gut wie die Deutschlands. Selbst dessen geringere Arbeitslosigkeit ist voran seiner schrumpfenden Bevölkerung geschuldet.

Statt Österreich schlecht zu schreiben, wie das durch Monate geschah, scheint es mir lohnender zu analysieren, warum es so gut dasteht und zu prüfen, welchen Anteil die Regierung daran hat.

Ich wiederhole – und Sie können es an Hand der Wachstums- und Staatsschuldenzahlen nachprüfen: Rot- Schwarz hat die schwerste Wirtschaftskrise seit 1930 mit weniger Einbuße an Wachstum und Zunahme an Verschuldung als fast alle anderen Regierungen überwunden- voran dank eines Konjunkturpaketes, das jene Kammern geschnürt haben, die FPÖ und NEOS jetzt abschaffen wollen.

Aber auch nach 2012 wurden wenig grobe Eigenfehler gemacht, sondern man musste sich leider jenem kontraproduktiven Spar-Pakt von Merkel & Schäuble unterwerfen, der die Erholung der EU im Vergleich zu der der USA um ca. drei Jahre und ca. 2000 Dollar je Einwohner hinausgezögert hat.

Der einzige Eigen-Fehler ist eindeutig zuzuordnen: VP-Finanzminister Michael Spindelegger wollte ein Musterschüler Schäubles sein und hat die von SPÖ, ÖGB und AK geforderte Steuerreform hinausgeschoben, um dank “kalter Progression” die Staatsschulden schneller abzutragen. Hätte er, wie Hans Jörg Schelling, auf soviel Musterhaftigkeit verzichtet, wären uns selbst die Konjunkturdellen 2014 und 2015 erspart geblieben.

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Eine zutreffende Erklärung für die aktuell besonders guten Zahlen lautet, dass unsere Unternehmen besonders stark im ehemaligen Ostblock engagiert sind, so dass sie besonders stark von dessen Erholung profitieren. Allerdings haben wir auch besonders stark unter seiner Krise gelitten. Ich darf an die britischen Schlagzeilen erinnern, wonach die extreme Exposition österreichischer Banken in diesem Raum zur Staatspleite führen könnte. Damals ist Finanzminister Josef Pröll – dem selben, der leider die Hypo-Alpe Adria zurückgekauft hat- etwas Ähnliches gelungen, wie Sebastian Kurz mit der Schließung der Balkanroute: Er hat als Initiator einer gemeinsamen Initiative der kriselnden Ost-Staaten erreicht, dass die EU zusätzliche Gelder für Osteuropa locker gemacht und dessen Wirtschaft- und unsere Banken- vor einem Absturz bewahrt hat.

Ganz ohne Zutun der Regierung ist der Erfolg im Osten also nicht gelungen.

In erster Linie sind die guten Daten freilich Österreichs hervorragenden Unternehmen zu danken: Mit der Schweiz und Deutschland besitzen wir pro Kopf die meisten wirtschaftlichen “Champions” – Klein- und Mittelbetriebe, die in ihrer Branche im Spitzenfeld der Welt oder zumindest eines Kontinents stehen, weil sie besonders exportstark sind.

Aber diese Stärke ist nur möglich, weil unser Bildungssystem zwar vor PISA versagt, aber hervorragende Fachschulen, Fachhochschulen, (z.B. die Welt-führende für Fahrzeugtechnik in Graz) und technische Universitäten (voran die weltführend Montan-Universität in Leoben) bereitstellt. Und weil wir vor allem mit 3,09 Prozent des BIP hinter Schweden (3,25) die höchste Forschungsförderung Europas aufweisen und hoffentlich beim “Durchforsten” beibehalten werden.

Und sie hängt – einmal mehr – mit den “Kammern” zusammen: sie ermöglicht erstens eine koordinierte Lohnpolitik, und ihre Kollektivverträge sorgen zweitens dafür, dass gleiche Leistung nicht völlig ungleich bezahlt wird. Das aber verbessert die Wirtschaftsstruktur: Betriebe, die Lohnsteigerungen nicht aushalten, gehen ein oder fusionieren – gute Betriebe wachsen.

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Ich möchte die Verschränkung von Politik und Wirtschaft an einem Beispiel illustrieren: Die VOEST errichtet derzeit in Kapfenberg das erste neue Stahlwerk in Europa seit 40 Jahren. Das Hauptargument von CEO Wolfgang Eder für dieses Wagnis lautet: Trotz relativ hoher Löhne finde er nirgends anders so viele hochqualifizierte Arbeitskräfte zur Herstellung von Spezialstahl.

Gleichzeitig wird dank digital gesteuerter Roboter die modernste Drahterzeugung der Welt entstehen, in der man nur mehr vier Mann braucht. Aber weder diese Anlage noch die Spezialstähle sind ohne die hohe Forschungsförderung, die guten Fach- und exzellenten Hochschulen denkbar.

Letzte zwingende Voraussetzung moderner Stahlerzeugung ist preiswerter Strom: Ihn konnte ein entsprechendes Abkommen zwischen Deutschland und Österreich sicherstellen.

Kurz und Strache werden sich anstrengen müssen, alles “besser” zu machen.

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4 Kommentare

  1. “schrumpfenden Bevölkerung”
    Das ist das Geheimnis, wie Wohlstand zu erreichen (z.B. China) bzw. zu bewahren (z.B. Österreich) ist. In Afrika und anderen Weltgegenden wächst die Bevölkerung noch immer irrsinnig. Die damit verbundenen Migrationsströme gefährden Wohlstand und Frieden, wenn man sie – zu uns – zulässt.

    Ich bin gespannt, wann die “Intelligenzia” das klar und deutlich an- und ausspricht. Von den verschiedenen “Weltreligionen” ist diesbezüglich nichts zu erwarten und nichts zu erhoffen.

  2. “Kurz und Strache werden sich anstrengen müssen”
    damit wir nicht Kalkutta werden (Zitat Peter Scholl-Latour). Deswegen wurden sie gewählt.
    Die Wirtschaft wird – trotz der beiden – weiter gut laufen, wenn die internationale Konjunktur weiterhin anhält. Wenn eine Blase platzt, können wir uns auf den Kopf stellen – wie 2009 – und die Arbeitslosigkeit wird wieder steigen. Wir sind weder so gut noch so abgesandelt sondern – wie viele andere – ein Spielball des Weltgeschehens …

  3. ich sehe das auch so: das irrsinnige bevölkerungswachstum ist das problem vieler weltgegenden. und das sollte auch klar ausgesprochen werden, denn wenn ein land seine bevölkerung nicht ernähren kann, sollte es wie china vor jahren eine rigide geburtenkotrolle einführen. das ist immer noch beswser als das furchtbare elend in diesen ländern. auf die religionen ist nicht zu hoffen.

  4. meine herren, sie haben das argument von herrn lingens offensichtlich nicht genau gelesen: er bezieht sich auf die schrumpfende bevölkerung von deutschland, die sich in einer niedrigeren als der österreichischen arbeitslosenrate niederschlägt. damit hat er recht! beste grüsse!

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