Die Historiker sind nicht chancenlos

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Vielleicht wird uns etwas vorgespielt. Aber man soll die Hoffnung, dass Freiheitliche ehrlich etwas besser machen wollen, nicht aufgeben.

Optimist, der ich bin, habe ich H.C. Straches Historiker-Kommission in meinem Blog als „historische Chance eines blauen Selbstreinigungsprozesses“ begrüßt.

Ein Kollege formulierte seinen Widerspruch so: „Das ist nicht optimistisch, das ist naiv.“

Er prophezeit einen Kommissions- Bericht, der die Strache-FPÖ von jedem Verdacht brauner Unterwanderung freispricht. Straches längt bekannte jugendliche Verstrickung in die Neonazi-Szene würde eingehend behandelt – aber nur, weil das die eigentliche Botschaft umso glaubwürdiger machte: dass er als reifer Mann FP-Funktionäre, die Braunes äußerten, sofort ausschloss. Das wirkliche Problem – die aktuelle Machtübernahme „nationaler“ Burschenschaften – würde der Bericht „leider“ nur streifen können, weil sie als private Vereine nicht zur Mitarbeit gezwungen werden konnten – doch sei auch nicht ihre, sondern die Gesinnung der FPÖ entscheidend.

Strache würde also triumphierend einen Persilschein schwenken, der seiner Burschenschafter-Partei in keiner Weise zusteht. Ich halte für möglich, dass es so kommt.

Aber ich bin dessen nicht so sicher. Wilhelm Brauneder war zwar FP-Mandatar, aber er hat doch einen Ruf als Universitätsprofessor zu verlieren. Da er eine „wissenschaftliche Arbeit“ abliefert, könnten Kritiker sogar ein Universitätsgutachten über deren Qualität einfordern und es stellt ein Risiko dar, wenn es vernichtend ausfiele.

Brauneder hat die Burschenschaften zudem höchst energisch zur Mitarbeit aufgefordert – er könnte auch Schlüsse aus ihrer Weigerung ziehen. Und wie FP-Klubchef Walter Rosenkranz hat er sich sehr deutlich zur Mitwirkung des „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ bekannt. Auch wenn die Kommission dessen Argumente nicht berücksichtigen muss, werden sie medial präsent und damit schwer zu negieren sein. Wenn Brauneder handelt wie er spricht, hat die Kommission ihre faire Chance.

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Wie sehe ich persönlich die Bewältigung der „Vergangenheit“ durch die FPÖ?

Sie ist kein Problem ihrer Wähler – die wählen sie aus Protest- sondern ihrer Funktionäre: Zu viele von ihnen haben Väter (Großväter), die belastete Nazis waren – Jörg Haider, mit einem „Gaujugendwalter“ als Vater, ist der Prototyp.

Meine Mutter hat mir mitgegeben, dass das, im Gegensatz zum unverdienten Zufall, der Sohn von Widerstandskämpfern zu sein, ein gewaltiges psychisches Problem darstellt: Es ist unendlich schwer, im Vater, den man als lieben Menschen erlebt hat, plötzlich jemanden zu sehen, der politisch extrem geirrt und vielleicht sogar Mitschuld an Verbrechen hat. Es ist psychologisch nur zu verständlich, alles zu seiner Verteidigung einzuwenden – und damit immer mehr braune Argumente zu akzeptieren.

Das zu vermeiden erfordert ungemein schwieriges Erwachsenwerden, indem man erkennt: Obwohl es mein geliebter Vater ist, hat er falsch gehandelt.

Menschen, die das versuchen, verdienen Geduld, Menschen, die es konnten, verdienen großen Respekt: etwa Horst Christoph, ein langjähriger profil Redakteur, der als Sohn des Tiroler Gauleiters gegen das Vergessen anschrieb, eine Tochter Albert Speers, die Vorträge gegen Rassismus hält oder die Wessely-Tochter Elisabeth Orth, die sich gegen Antisemitismus engagiert.

Ich brächte diesen Respekt nur zu gerne auch H.C. Strache entgegen, der zwar keinen Nazi zum Vater hatte, wohl aber vaterlos aufwuchs und im Neonazi Norbert Burger nicht nur einen Schwiegervater, sondern so etwas wie einen Ersatzvater fand.

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Burger war auch ein Vorbild Jörg Haiders, mit dem mich ein erstaunliches Interview verbindet. “Auschwitz ist durch nichts zu entschuldigen“ überschrieb ich es mit seiner prägnantesten Aussage, „Die Massenmorde an Juden dürfen mit Kriegsverbrechen der Alliierten nicht in einem Atemzug genannt werden.“

Haider hatte solche Antworten nie spontan gegeben, sondern primär mit den in seinen Kreisen üblichen Reflexen reagiert: Sprach ich von „deutscher Kriegsschuld“, sprach er von „Versailles“; sprach ich von „deutschen Kriegsverbrechen“, sprach er von den „Gräueltaten der Partisanen“; sagte ich „Auschwitz“, sagte er „Dresden“. Aber in den folgenden Diskussionen war er in jedem Fall Stück für Stück von diesen unhaltbaren Vergleichen abgerückt. Meist, indem ich sie am Beispiel privater Vorgänge ad absurdum führte: „Meinen Sie wirklich, dass es das Gleiche ist, wenn jemand Sie überfällt, ihre Frau und Kinder umbringt – aber weil sie Judo können, gelingt es Ihnen, ihn zu überwältigen und sie brechen ihm dabei den Arm? Oder ist das eine nicht doch Mord, das andere allenfalls Notwehrüberschreitung?“

Das funktionierte immer- Haider war je bei Gott nicht dumm- und ließ ihn am Ende Sätze wie die zitierten sagen.

Ich dachte damals eitel, dass ihm bisher vielleicht nur der richtige Gesprächspartner fehlte, der ihn ohne Aggression widerlegte. Leider machte ich den groben Fehler, die Zwischen-Diskussionen in der Druckversion des Interviews wegzulassen und nur seine endgültigen Antworten zu veröffentlichen.

Der Leser musste den Eindruck eines FPÖ-Obmannes erhalten, der braunes Gedankengut ablehnt.

Die Geschichte hatte eine Fortsetzung, die mich eigentlich von meiner Naivität heilen sollte. Durch Zufall kannte ich jemanden, der zugegen war, wie Burger Haider zornig vorwarf, mit diesem Interview die gemeinsame Sache verraten zu haben. Worauf der in etwa geantwortet hat: „Der Lingens ist total naiv. Der hat mir das abgenommen. Was glaubst Du, wieviel Wähler mir das bringt.“

Ich bin entschlossen, trotzdem naiv an die Chance zu glauben, dass Menschen dazulernen können.

 

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3 Kommentare

  1. Historiker vs. Zukunftsforscher

    Wir beschäftigen uns mit Liederbüchern und verdrängen gleichzeitig, wie sich die Welt dramatisch verändert. Die Bevölkerung Afrikas verdoppelt sich mit jeder Generation und hunderte Millionen werden versuchen, zu uns nach Europa zu strömen, weiterer technischer Fortschritt wird die Arbeitswelt und das Sozialleben revolutionieren.

    Dass die Nazis gewaltiges Leid verursacht haben, gilt wohl bei 99,9% unserer Bevölkerung als unbestritten. Und die heutigen “Altnazis” stellen – meiner Meinung – wirklich keine Gefahr dar, da sich die Geschichte nie 1:1 wiederholt, weil Rahmenbedingungen und Ausgangspositionen selten vergleichbar sind.

    Unsere Zukunft kann sich jedoch dramatisch zum Negativen wenden. Aber der “Zeitgeist” versucht das zu verdrängen. Mein Tipp: Schmeißt die alten Liederbücher auf den Misthaufen, versucht die mittlere Zukunft (10 – 50 Jahre) realistisch einzuschätzen und unterstützt Maßnahmen, die unseren Lebensraum schützen. Dazu gehört auch ein Stopp von Massenzuwanderung und dichte Grenzen.

    Es sollte vorrangig um die Zukunft der Jungen gehen und nicht um alte Wunden der Alten.

    Nachsatz: Von meinen Grün-Roten Freunden höre ich oft, was 2015 passiert ist, war “alternativlos”. Ich bin gespannt, wie das Historiker in 50 Jahren einschätzen …

  2. Viel wichtiger wäre die GEGENWARTS-BEWÄLTIGUNG !

    Welche Gesinnung haben sie jetzt, was sagen sie jetzt, wie handeln sie jetzt.
    Und dazu kann man nur sagen, dass sich da nichts ändern wird, mit und ohne Kommission.

    Wer glaubt denn wirklich, dass sich ein harter Rechter so leicht aus dem Konzept seiner Identität bringen lassen wird ?

    Wer glaubt denn wirklich, dass diese Einzelfälle wieder und wieder codiert oder nicht am Verbotsgesetz entlangschrammen ?
    Wenn man ihnen ihre menschenverachtende + rassistische Haltung vorhält, wird das mit linkem Tugendterror abgetan.

    Ich bin da voll bei Muzikant der im Zib2 vor einigen Wochen anmerkte, dass man mit dieser Art der Weltanschauung nicht verhandeln kann, nicht diskutieren kann: deshalb meiden die Vertreter der Kultusgemeinde zu Recht jeglichen Kontakt mit FPÖlern.

    Noch vor kurzem hat HC Strache als Vizekanzler widerlich gehandelt in dem er Wolf/ORF angepatzt hat. Zum widerholten Male hat er gezeigt wie er denkt, wie unreif er handelt.

    Wieso soll man glauben, dass sich das jetzt ändern wird. Er und viele anderer maßgebliche FPÖler sind notorische Rückfallstäter. So schaut`s aus.

    (X) Da diese Art der Kommunikation in der DNA der FPÖ liegt und sie enorm viele Wählerstimmen / Steuergeld / Politikerjobs dadurch lukrieren können,

    WERDEN WIR VERGEBLICH AUF BESSERUNG HOFFEN.

    1. Mit dem Wort “Einzelfälle” wäre ich an ihrer Stelle eher vorsichtig. Es gibt da – aber auch dort – leider ziemlich viele “Unverbesserliche”. Die einen sind im Land, und es besteht doch Hoffnung, dass die einmal aussterben. Die anderen kommen (ungebeten) herein, stiften keinen Nutzen, kosten uns viel Geld und verursachen einigen Ärger. Auch biologisch vermehren sie sich überproportional.

      Vielleicht verdrängen sie das noch immer: Es waren die naiven Rot-Grünen, die die Blauen – in ihrer Diktion die Braunen – letzten Endes so stark gemacht haben.

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