Antisemitismus: Auschwitz war keine Zäsur

Share

„Online Hass und Antisemitismus 2.0“ war das denkbar aktuelle Thema eines Vortrages, den die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz–Friesel von der Technischen Universität Berlin an der Wiener Universität hielt. Das Internet bildet „Echokammern“ in denen antisemitische Vorurteile extrem verstärkt werden, weil die Algorithmen Botschaften ähnlichen Inhalts bekanntlich für den Nutzer nach vorne reihen, so dass er sich ständig in seinem Vorurteil bestätigt fühlt. 

Antisemitismus ist Glaubenssache

In einem höchst lesenswerten Interview im Standard geht Schwarz–Friesel insbesondere auf Phänomene ein, die den Antisemitismus von anderen Rassismen unterscheiden:

Voran seine Unerschütterlichkeit: Antisemiten glauben so unerschütterlich an die Gefahr, die die „Juden“ für die Welt angeblich darstellen, „wie an die Existenz des Mondes oder der Erde“. Weil „eine derartige Inbrunst im Spiel ist“, sei ihm „mit Fakten nicht beizukommen.“

An einem aktuellen Beispiel: Obwohl noch von niemandem in irgendeiner führenden Funktion jemals erklärt oder verlangt wurde, dass man Israel nicht kritisieren dürfe, ohne für einen Antisemiten gehalten zu werden – Oscar Bronners „Standard“ hat Israels Politik so häufig kritisiert wie der „Falter“, „profil“ der „Kurier“ oder „die Presse“ – hält sich am Stammtisch wie im Netz hartnäckig die Behauptung, dass man „Israel nicht kritisieren kann, ohne für einen Antisemiten gehalten zu werden“. Sie ist für sich zu einem der charakteristischen antisemitischen Vorurteile geworden.

Der einzige Milderungsgrund für die Gräuel des Holocaust

Wie das Netz und der Stammtisch täglich vorführen, so konstatiert Schwarz-Friesel, stellt der Holocaust leider keineswegs die erwartete bzw. erhoffte “Zäsur im Antisemitismus“ dar.

Ich möchte diesen Befund durch eine Analyse meiner verstorbenen Mutter Ella Lingens ergänzen, die dieses Phänomen meines Erachtens hinreichend erklärt: Gerade weil der Holocaust, weil der industrielle Massenmord in Auschwitz ein so einmaliges, ungeheuerliches, atemberaubendes Verbrechen darstellt, müssen vor allem Österreicher und Deutsche nach einem Grund suchen, der dafür wenigstens die winzigste Erklärung, den winzigsten Milderungsrund liefert. Und der einfachste dieser Milderungsgründe laute, dass die Juden eben doch etwas an sich haben müssen, das seit zweitausend Jahren zu ihrer Verfolgung Anlass gibt.

Der Holocaust zwingt geradezu zu der Annahme, dass antisemitische Vorurteile ihre Berechtigung haben. Meines Erachtens hat er den Antisemitismus nicht nur nicht beseitigt, sondern auf diesem Weg insgeheim und unterschwellig verstärkt.

Share

5 Kommentare

  1. „Du hast uns aus den Völkern auserwählt“ (Siddur). Die Juden werden als „auserwähltes Volk“ bezeichnet. Deshalb fragen sich viele Juden: „Für welche Aufgaben wurden wir auserwählt?“

    Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Tora-Abschnitt Exodus 19:3-6, in dem G-tt direkt vor der Offenbarung am Berg Sinai mit Moses spricht:

    Moses ging zu G-tt auf den Berg hoch, und G-tt sprach: “Sag dem Haus Jakob und den Kindern von Israel: ‚Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe; dass ich euch auf Adlerflügeln getragen habe und euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr gut auf mich hört und meinen Bund haltet, dann werdet ihr mein liebstes Volk sein, denn mir gehört die ganze Welt. Ihr sollt ein Königreich der Priester und ein heiliges Volk sein. Sagt diese Worte den Kindern Israels.“

    Quelle: http://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/691900/jewish/Das-auserwhlte-Volk.htm

    Überlegung: Auch die Ägypter hatten – demnach damals – die Arschkarte.
    Meinung: Jede Religion ist (aktiv sowie passiv) Gift und Quell für entsetzlichste grauenhafte Taten – davon bin ich zutiefst überzeugt.

  2. Dem Phänomen des Antisemitismus stehe ich hilflos und ohne Lösungsansatz gegenüber.
    Wo ist die Wurzel dieses Übels?
    Wie kann man Menschen von der Idee abbringen dass “Juden” die Welt beherrschen wollen?
    Wer ist “Jude” – Israelis? (gläubig oder ungläubig), praktizierende Juden in der Diaspora?, gläubige und ungläubige Personen die mütterlicherseits von Juden (hier wieder unklar: gläubig und/oder unhläubig) abstammen? Woran erkennt man Juden? Am Händedruck? Am Gewand? Am Gesichtsausdruck? An einer Überfülle von Besitz?
    Was wärend der Zeit der unsäglichen Hitlerei insbesondere von der Zeitung “Der Stürmer” karikiert wurde hält einer vergleichenden Überprüfung nicht stand. Mit so viel Unschärfe kann ich persönlich nichts anfangen. Wenn diese unnötigen Definitionsversuche nicht scharfsinnig sind, dann wohl das Gegenteil – stumpfsinnig.
    Wie also ist mit Stumpfsinn umzugehen?
    Stumpfsinn der sich – wie richtig festgestellt – in Echokammern verstärkt.
    Hilflos und ideenlos stehe ich dem in Europa entstandenen Phänomen gegenüber.
    Mit Vernunft kommt man dem offensichtlich nicht nahe.
    Die Situation wird aber nicht besser wenn ich nach dem historischen Zentrum des Judentums sehe. Jerusalem. Es ist dies das ideelle Zentrum von drei großen monotheistischen Weltreligionen deren Ursprung das Judentum ist. Dort am, unter und im Tempelberg wird trefflich um buchstäblich jeden Stein gestritten. An der Ostseite des Berges ist in der Mauer das vermauerte ” Goldene Tor” zu erkennen. Es wird am “Jüngsten Tag” geöffnet und Gott wird in großem Glanz heraustreten und die Menschen richten. Deshalb ist die Gegend um das “Goldene Tor” mit muslimischen Gräbern übersäht. So können jüdische Gräber dort nicht angelegt werden.
    Mit Vernunft kommt man auch hier dem Phänomen nicht nahe.
    Hilflos und ideenlos stehe ich auch hier dem Phänomen gegenüber.

  3. Herrn Rudolf Langer ertgegnet:
    Die Ermordung so vieler Menschen (in der Mehrzahl unscharf definierte Juden) in den Lagern und durch die Justiz im “3. Reich” geschah nicht aus religiösen Gründen. Sofern Sie den Hitlerismus nicht als Religion ansehen wollen.
    Ihre Meinung als solche muß ich akzeptieren – sie passt nur nicht zur gegebenen Fragestellung.
    Die Ermordung so vieler Menschen geschah aus unscharf gedachtem Kalkül oder ideologischem Fanatismus.
    Unscharfes ideologisches Denken ist das Gegenteil von Scharfsinn. Also Stumpfsinn.

    Leider lebt der Stumpfsinn – vermutlich aus Denkfaulheit und mangelnder Bildung – auch heute noch und ist nicht auszurotten.

    1. Sie haben wohl den “Moses-Text” nicht gelesen oder verstanden “… denn mir gehört die ganze Welt …”
      Dieser “Gottes-Sager” ist absolut nicht “unscharf”. Ober er sinnig oder unsinnig ist, darüber lässt sich diskutieren.

      “Gott” ist / “Götter” sind einmal Erfindungen von uns Menschen, sind im Wesentlichen ein Macht und Ordnungsinstrument und in diesem Sinne sicher nicht “stumpfsinnig”. Die (Massen)Ermordung von Menschen geschah / geschieht immer aus religiösem und / oder ideologischem Fanatismus, befohlen von einem “Führer”, oder wie man diese Person auch immer bezeichnet.

  4. Sie Herr Langer können aber nicht im Ernst den unseligen Herrn Hitler als religiösen Führer bezeichnen.
    Damit wäre ihm und seiner Entourage zu viel der Ehre getan.
    Im Übrigen tragen Sie mit Ihrer Argumentation zur Verstärkung der bemängelten Echowirkung betreffend Antisemitismus bei!
    Ich will mich hier keinesfalls auf eine Diskussion über Theismus oder Atheismus einlassen.
    Denn die Thematik des Antisemitismus mag womöglich historisch durch religiöse Vorbehalte befördert worden sein.
    Im Falle von Karl Ritter von Schönerer und seinen unchristlichen Epigonen, bei Auschwitz und ähnlichen Lagern und auch im Dunst der rezenten Biertische off- und online geht es verschwindend wenig um definierte Religionsthemen. Da gehts unter stumpfdumpfer Argumentation um Träume von einem (nota bene unreligiösen) nordischen Germanentum und der Angst um Verlust des status quo und um irrationale Angst vor der Einvernahme durch andere (fremde?) kulturelle Gebräuche. Auch geht es um die Angst von unscharf definierten Mächten einvernahmt zu werden. Oder vereinfacht gesprochen: wessen Fresse mir und meinem Clan nicht zu Gesichte steht dem schlage ich sie ein.
    Mit Religion und Religionsgemeinschaften hat das alles herzlich wenig zu tun und diesbezügliche Diskussionen bieten keine Lösungsansätze. Die Vermengung von Clan-bezogenen Beweggründer für den Hass auf das Andere mit religiösen Themen dient höchstens für undifferenzierte Polemik.

    Viel eher sollten wir produktiv darüber nachdenken wie wir diesen “braunen” Sumpf eingrenzen können.

Kommentar verfassen