Die afrikanische Herausforderung

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Wenn uns die “Hilfe vor Ort” nicht gelingt, werden wir Flüchtlinge aus Afrika auf die Dauer nur mit Gewehren fern halten können. Die Staatschefs der EU haben sich geeinigt, Europa zur Festung auszubauen. Alle vermeiden dieses Wort, aber alle tun es. Manche (Viktor Orban) mit Begeisterung, manche (Angela Merkel) mit schlechtem Gewissen, manche (Pedro Sánchez) vorerst noch mit wohltuender Zurückhaltung- aber allen ist klar, dass man bald kein Staatschef mehr ist, wenn man ernsthaft anders handelt.

Die Mehrheit der Wähler will die Festung.

Zur Beruhigung des Gewissens bietet sich an:

  • Man tut den Flucht-Ländern nichts Gutes, wenn man man ihnen dauerhaft die Initiativsten, meist auch am besten ausgebildeten jungen Männer und Frauen abnimmt.
  • Man befördert in Europa rechtsradikale Parteien, wenn man mehr “Ausländer” aufnimmt, als die Bevölkerung akzeptiert.
  • Man kann nur dann eine größere Zahl asylberechtigter Flüchtlinge aufnehmen, wenn man die Zahl der “Wirtschaftsflüchtlinge” so gering wie möglich hält.

Bootsflüchtlinge bei ihrer Rettung nicht in die EU zu bringen, sondern in “Anlandeplattformen” in Nordafrika “auszulagern”, ist dazu ein Beitrag. Es stimmt nicht, dass die EU solche “Plattformen” nicht durchsetzen kann, weil sich kein nordafrikanischer Staat dazu bereitfinden wird, sondern nordafrikanische Staatsführer werden sich dazu bereitfinden, wenn sie- zur Not persönlich- genug Geld dafür bekommen.

Darüber hinaus kann man sein Gewissen nur beruhigen, indem man auch für eine ausreichende Dotierung und aufwendige Kontrolle der “Plattformen” eintritt, damit sie nicht “australisch” verkommen.

Die noch viel größere Herausforderung ist die “Hilfe vor Ort”, die verhindern soll, dass mehr und mehr Afrikaner ihre Heimat verlassen wollen. Denn Geld alleine ist dafür zu wenig. So wurde der Ökonom Angus Deaton 2015 für eine Untersuchung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, die vorrechnete, wie nutzlos Entwicklungshilfe durch reine Geldüberweisungen sei: Die Gelder versickerten in den Taschen der Machthaber und dienten zu Waffenkäufen. Das einzige Geld, das sinnvoll verwendet würde, sei das, das Flüchtlinge nach Hause schickten, die es in die EU geschafft hätten.

Ich sehe wenig Grund an Deatons Expertise zu zweifeln.

Voran der IWF empfiehlt seit jeher einen anderen Weg, um Afrikas Staaten wirtschaftlich voranzubringen: Sie mögen sparen und “Freihandel” pflegen.

Nun habe ich hier zwar falsche Argumente gegen CETA zurückgewiesen, aber dass “Freihandel” grundsätzlich “gut” sei (wie das derzeit in der Auseinandersetzung mit Donald Trump allenthalben zu lesen ist), ist eine überaus kühne Behauptung. Für Afrikas Entwicklungsländer ist er ein eine Katastrophe: Nicht einmal ihre Nahrungsmittelindustrie kann sich entwickeln, wenn sie ohne Zollschranken mit Produkten aus der EU oder den USA konkurrieren muss. (Konkurrenzfähig kann Afrika nur seine Rohstoffe anbieten, die seinen Staaten umso reichlicher abgenommen werden, je reichlicher sie mit dem eingenommenen Geld Industrieprodukte aus der EU den USA oder China kaufen.) Eine eigene technische Industrie können sie unter Freihandelsbedingungen schon gar nicht entwickeln. Dass es dem einstigen Entwicklungsland Südkorea vor Jahrzehnten gelang, eine Autoindustrie aufzubauen, lag vielmehr daran, dass es keinen “Freihandel” zuließ, sondern die Einfuhr ausländischer Autos mit 400 % Zoll belastete.

Afrikas Staaten brauchen also statt “Freihandels” noch durch viele Jahre hohe Zollmauern, in deren Schutz sich ihre Industrien entwickeln können. Gleichzeitig dürfen wir dennoch keine Zölle auf ihre Ausfuhren erheben, wenn wir ihnen helfen wollen.

Auch mit dem Sparen des Staates ist das so eine Sache. Natürlich soll er keine Waffen im Ausland kaufen – aber sehr wohl im Inland Straßen bauen. Selbst wenn dabei viel Geld in Korruption versickert, kurbeln solche Projekte die Wirtschaft an.

Eine der wichtigsten Aufgaben wäre die Schaffung von Banken, die afrikanischen Unternehmen Geld zu Bedingungen des Marshallplans zur Verfügung stellen. Denn die aktuellen Banken geben selbst billiges Geld teuer weiter, weil kleine afrikanische Projekte kaum große “Sicherheiten” bieten. Die EU kann den Banken diese Sicherheiten durch einen Fond schaffen.

Es ist nicht so, dass Afrikas Staaten wirtschaftlich gar nicht wachsen- rohstoffreiche wie Nigeria wachsen in 4 Prozent- Schritten. Aber leider dennoch nicht so schnell wie ihre Bevölkerung. Der verstorbene österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat dieses Problem 1966 so formuliert: „Die bewusste Anpassung der Geburtenzahl an das Angebot materieller Möglichkeiten . . .ist eine unverzichtbare Bedingung jeder Besserung des Wohlstandes.”

1950 lebten in Afrika 230 Millionen Menschen, heute sind es 1, 2 Milliarden, 2050 dürften es seriös geschätzte 2,5 Milliarden sein. Die Wirtschaft wächst linear – die Bevölkerung exponentiell. So kann man die Armut nie besiegen. Das Beispiel Chinas belegt diese These empirisch: Es war vor allem anderen die Ein-Kind Politik, die dort schon vor der Einführung des „Kapitalismus“ zum Ende der großen Hungersnöte geführt hat. Im “kapitalistischen” Indien, das keine Geburtenkontrolle einführte, liegen noch immer Hungertote auf den Straßen.

Nur energischste Geburtenkontrolle kann Afrika zu Wohlstand führen. Leider stehen ihr Religion wie Tradition entgegen: Christentum und Islam lehnen sie gleichermaßen ab; Männer und Frauen gelten umso mehr, je mehr Kinder sie zeugen bzw. gebären.

Afrika entwickeln ist ein Jahrhundertprojekt. Aber wenn wir es nicht in Angriff nehmen, werden wir die Fliehenden auf die Dauer nur mit Gewehren abwehren können.

 

9 Kommentare

  1. Zitat des Tages:” Wir haben uns von einer Utopie versklaven lassen.Und diese Utopie heißt:Supra-nationales Europa.Das aber ist eine Illusion:Es gibt keine Europäer,es gibt nur europäische Völker!”(Viktor Orba’n).

  2. Sehr geehrter Herr Lingens,

    ich bin froh, dass Sie den Mut haben, das gängige Mantra anzuzweifeln, dass Freihandel nur gut ist. Als Wirtschaftsliberaler bin ich natürlich für Freihandel, aber damit Freihandel auf Dauer für beide Seiten wohlstandsstiftend ist, muss die Bilanz über längere Zeiträume mehr oder weniger ausgeglichen sein. Ansonsten entwickeln Sicht Gläubigerländer und Schuldnerländer. Ich habe in Griechenland miterlebt, wie eine Volkswirtschaft nicht vorbereitet war, quasi über Nacht die Freiheiten des Handels und des Kapitalverkehrs zu haben. Es gibt ja das Konzept der “infant industry protection”. Das Problem ist, wie man es umsetzt, ohne zu Missbrauch zu führen. Wäre ein Land eine Firma, dann würde ein tüchtiger Vorstand das rasch schaffen. Bei gewählten Politikern, die auf Wiederwahl hoffen, ist das wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen möglich, wenn überhaupt.

    1. Und was ist ein Volk? Wo gibt’s eine exakte naturwissenschaftliche Definition für diesen Begriff?
      Es gibt keine, dafür aber sicher 100e von Definitionen, die keiner wissenschaftlichen Hintefragung standhalten. Am logischsten wäre noch die Definition: “Alle Menschen, die auf einem bestimmten Territorium ihren ständigen Aufenthalt haben. Damit gibt’s das burgenländische Volk ebenso wie das europäische.

  3. Religion und Tradition wird einen notwendigen – drastischen! – Bevölkerungsrückgang verhindern.
    Es bleibt nur zu hoffen, dass die “Gutmenschen” bei uns weiterhin in der Minderheit bleiben. Sonst geht Europa mit Afrika unter.
    Aber wenn es Gott gewollt ist …

    S. g. Herr Lingens, aus aktuellem Anlass hätte ich mir (auch) einen Kommentar von ihnen zu J. C. Juncker erwartet. Um den Bogen zu Afrika zu spannen: Ohne klares, “nüchternes”, logisches erfassen der Lage – und klare Signale nach außen – geht es (auch) mit der EU abwärts. Trump lacht sich eines, und die Rechten werden immer stärker …

    1. @Klaus Kastner Es hängt wohl weniger davon ab ob Politiker gewählt werden wollen/müssen oder nicht wie wir in fast allen diktatorisch regierten Ländern eindrucksvoll sehen. Man sollte sich einfach mal von der Idee verabschieden, dass man einen Staat mit einer Firma vergleicht. Das hat uns in Europa bis jetzt auch schon nicht gut getan.

  4. Danke für das aufregende Beispiel – eines, auf das einfache Betriebswirtschaft-Denker nie kämen: Wie es dem einstigen Entwicklungsland Südkorea vor Jahrzehnten gelang, eine Autoindustrie aufzubauen, mit 400 % Zoll. Was wäre NOCH alles denkbar, heute? Ein Beispiel:

    Ein Teil der Suchenden in Europa würde sofort heimreisen, nehme ich an, wenn man Ihnen das Ticket und einen personalisierten Mikro-Kredit anböte. Plus Infos, Schulungen, fachliche Hilfe. Und dergleichen kleinteilige Unterstützungen mehr, zum Beispiel nach dem Konzept der Dorferneuerung in NÖ für lokale Projekte (Aktivität der Leute vor Ort = Bedingung), mit den Regierungen zwischenstaatlich akkordiert.

    Man stelle sich vor, die Person kommt zurück ins Dorf, mit der Möglichkeit so einer Projekt-Unterstützung für das Dorf als Mitbringsel. Inklusive Präsenz in internationaler Presse. NÖ würde so noch (mit) weltberühmt, zu Recht. Schon einmal gab es eine afrikanische Regierung “aus NÖ”.

  5. Für mich ist alles richtig in diesem Kommentar bis auf die Tatsache, dass Christentum und Islam auf eine Stufe gestellt werden. Die katholische Kirche hat keine terroristischen Ausleger und der Islam ist von etwas Vergleichbaren zum 2. Vatikanischen Konzil meilenweit entfernt.

    Auch zur Fortpflanzung hat sich Papst Franziskus moderat geäußert:

    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-katholiken-sollen-sich-nicht-wie-karnickel-vermehren-a-1013845.html

  6. Es ist ja kein Wunder, die ganzen “Kolonialmächte” haben jahrhundertelang u.a. auch Afrika ausgeraubt, für Glasperlen und sonstigen Tand. Und jetzt wollen ihre Nachkommen nicht dafür Flüchtlinge von dort aufnehmen. Was wären England, Spanien, Holland, Frankreich ohne ihre damaligen Kolonien??

  7. Es gibt ein paar wenige Grundprinzipien für Entwicklungshilfe in Afrika, die man hier beachten muss:
    1. Bildung, Bildung, Bildung. Es ist erwiesen, dass mit der Bildung der Bevölkerung die Geburtenrate sinkt. Erstens verstehen die Menschen unserer Welt allgemein besser, zweitens kriegen sie dann eher einen Job, sodass sie nicht noch mehr Kinder zum Ziegenhüten brauchen.
    2. Förderung der lokalen Wirtschaft – Industrie und Landwirtschaft. Förderung eines Bürgertums, so wie es bei uns existiert. Je mehr Menschen unter dem Existenzminimum leben, umso weniger Steuern kommen herein, umso weniger kann der Staat für Infrastruktur, Industrieförderung, Marktentwicklung, … ausgeben. Nur wenn Bürger mit Geld die Produkte der Industrie auch kaufen, kann diese produzieren. Nur wenn Geld da ist, können Fabriken gebaut werden. Nur wenn Fabriken da sind, gibt es Arbeit für die Menschen. Hier ist eine Negativspirale, die wir von außen in eine Positivspirale umwandeln müssen. Das wäre Entwicklungshilfe, die Sinn macht. Ein Marshallplan für Afrika.
    Ein Beispiel, wie es (zunächst hier im Kleinen) funktionieren kann:
    http://africaaminialama.com/

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