Was ist “Volkswirtschaftlicher Wahnsinn”?

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Auch der jüngste Abschluss der “Metaller” beendet das Zurückbleiben der Reallöhne der Österreicher hinter den wirtschaftlichen Möglichkeiten in keiner Weise.

“Volkswirtschaftlichen Wahnsinn” nannte Wirtschaftsbund-Vertreter Kurt Egger vorige Woche einen Metaller-Kollektivvertrag- Abschluss über den angebotenen 2,7 Prozent.

Jetzt liegt der Abschluss im Schnitt bei 3,5 Prozent – 3 Prozent für die höchsten, 4,3 Prozent für die niedrigsten Löhne. Dazu für die elfte und zwölfte Stunde 100 Prozent Zuschlag.

Die “Sozialpartner” haben trotz ihrer geringen Wertschätzung durch Sebastian Kurz und H.C. Strache die übliche Einigung erzielt, ohne dass dafür ein kostspieliger Streik notwendig gewesen wäre – vielleicht begreift die Regierung doch noch ihren Wert.

Denn es ist eine den Gegebenheiten angemessene Einigung, sichert sie doch die Konkurrenzfähigkeit gegenüber unserem mit Abstand wichtigsten Handelspartner Deutschland, dessen Metaller bereits im Februar ein Plus von 4,2 Prozent erhalten haben – allerdings bei einer Laufzeit von 18 Monaten, sodass die Abschlüsse ziemlich gleichwertig scheinen. Dazu kam in Deutschland das Recht, unter bestimmten Voraussetzungen die 4-Tage-Woche einzufordern. Ähnliches verhindert bei uns das neue Arbeitszeitgesetz, das unverändert reformbedürftig ist: Es behauptet, eine nicht gegebene Freiwilligkeit stellt dem Arbeitgeber-Anspruch auf 12 Stundentage keinen Arbeitnehmer-Anspruch auf 4-Tage Wochen gegenüber.

Die verratene “Benya-Formel”

Dennoch hat sich auch die Gewerkschaft bei einer anschließenden ORF-Diskussion zufrieden gezeigt und unter den gegebenen Voraussetzungen muss man es wohl sein. Nur zeigt das, wie sehr wir uns alle, die Gewerkschaft eingeschlossen, mit einer wirtschaftlichen Entwicklung abgefunden haben, die sehr wohl “volkswirtschaftlicher Wahnsinn” ist: Die Masse der Metaller wie aller deutschen und österreichischen Arbeitnehmer erzielt seit bald zwanzig Jahren keine Reallohnzuwächse mehr, obwohl die Wirtschaft trotz Finanzkrise zaghaft wächst.

Denn Österreich übt seit zwanzig Jahren “Lohnzurückhaltung” – selbst eine Erhöhung um die vollen geforderten 5 Prozent hätte nur eine Bruchteil des Lohnrückstandes wettgemacht, der daraus resultiert, dass man sie nicht mehr, wie einst selbstverständlich, nach der gleichzeitigen Steigerung der Produktivität bemisst. So respektierte auch Österreichs “Wirtschaft” bis etwa 2000 Kollektiverträge gemäß der “Benya- Formel” (nach dem ÖGB-Präsidenten Anton Benya): Lohnerhöhung =Produktivitätsanstieg + Inflation. Das aber ist in Deutschland wie Österreich seit bald zwanzig Jahren nicht mehr der Fall. Mit Konsequenzen, die ich nicht oft genug wiederholen kann:

  • Österreich wie Deutschland bleiben an ihr niedriges Lohnniveau gefesselt
  • Alle Volkswirtschaften der EU, die es nicht senken, verlieren an Konkurrenzfähigkeit
  • Voran in Österreich und Deutschlands bleibt die Kaufkraft massiv zurück; im gleichen Ausmaß verringert sich die Möglichkeit, dort eigne und fremde Waren abzusetzen und damit das Wachstum

Der Siegeszug des deutschen Egoismus

In beiden Ländern wird diese Politik dennoch für richtig gehalten, weil sie ihnen unschlagbar günstige Lohnstückkosten beschert und sie dadurch ständig Marktanteile zu Lasten aller anderen Volkswirtschaften gewinnen lässt. Eine davon, Italien, deren Lohnstückkosten Deutschland auf diese Weise um 30, Österreich um 20 Prozent unterbietet, steht (nicht nur aber voran aus diesem Grund) vor dem zugehörigen zwingenden Fiasko. Frankreich, dessen Lohnstückkosten Deutschland um 20 Prozent unterbietet, kämpft (voran deshalb) mit 10 Prozent Arbeitslosen. Man kann die EU mittels Lohndumpings sukzessive auch gänzlich ruinieren.

Dabei verzeichnete diese EU inklusive Österreichs und Deutschlands weit mehr Wachstum und Wohlstand, wenn das Lohnniveau adäquat anstiege, denn dann könnten zu Hause wie auf allen Märkten weit mehr Waren abgesetzt werden. Aber die Einsicht des ersten Henry Ford -” Ich muss meine Leute gut bezahlen, damit sie meine Autos kaufen können” – ist leider rundum verloren gegangen.

Die Wirtschaft versteht den Kapitalismus nicht

Wie wenig “die Wirtschaft” mittlerweile den “Kapitalismus” versteht dokumentiert ein scheinbar sozialer Einwand der Arbeitgeber gegen die anfängliche Lohn-Forderung des ÖGB: Sie warnten, dass es in Österreich Metall-Betriebe gäbe, die fünf Prozent Lohnerhöhung unmöglich verkraften könnten. Dabei kennt eine funktionierende kapitalistische Markwirtschaft darauf nur eine richtige Antwort: Unternehmen, die so schwach sind, dass sie Lohnerhöhungen, die starke Unternehmen sehr wohl verkraften, unmöglich verkraften können, müssen dringend fusionieren, sich von Stärkeren aufkaufen lassen oder vom Markt verschwinden.

Kollektivvertragliche Lohnerhöhungen sind, gerade weil sie für alle Unternehmen einer Branche gelten, der wesentlichste Beitrag zur unverzichtbaren Verbesserung der Wirtschaftsstruktur.

Leider verstehen die aktuellen Wortführer der “Wirtschaft” ähnlich wenig von Produktivität: Unverändert fordern sie, um die Investitionen der Unternehmen zu befördern, deren “steuerliche Entlastung”, obwohl die seit zwanzig Jahren keinen Erfolg zeitigt. Weil Unternehmer ja blöd wären, wenn sie Erweiterungsinvestitionen tätigten, obwohl sie mangels steigender Löhne und sparender Staatshaushalte keinen Mehrabsatz erwarten dürfen. Weil sie selbst Rationalisierungsinvestitionen nur zögernd tätigen, solange steigende Lohnkosten sie in keiner Weise dazu drängen.

In Wirklichkeit sollte das die größte Besorgnis der “Wirtschaft” sein: Dass die Produktivität der alten Industrieländer immer weniger wächst, – weil sie kaum mehr von der “Peitsche” steigender Löhne angetrieben wird.

 

1 Kommentar

  1. Neben der Wirtschaftsinkompetenz der Herren aus Wirtschaftskammer und Industriellen-Vereinigung die zur Innovationsfaulheit (s.o. “Peitsche”) führt, sind das ganz grundsätzliches Problem die ausbleibenden beträchtlichen Investitionssummen für die zukunftsfähige 0-Carbon footprint Wirtschaft die die EU 2050 erreichen will.

    Dazu fehlen allein im Balkan zig Milliarden um die Kohlekraftwerke die ab 1.1.2017 saniert werden müssen, zu sanieren. Diese Schwefel und Feinstaubschleudern versauen unsere Luft wenn Südwind herrscht. Und weiters etwa die Eisenbahnverbindungen Richtung Athen und Istanbul wieder auf den Stand zu bringen den sie vor 100 Jahren hatten.
    Der Strom für deren Betrieb muss natürlich Erneuerbar gewonnen werden. Und die thermische Häusersanierung … absolut wirtschaftsbelebende Maßnahme für das Kleingewerbe.

    Und so ginge es mit vielen Investitionen des Green New Deal weiter, den wir in Europa JETZT brauchen.

    Das Geld wäre da, wie Stefan Schulmeister es seit bald 10 Jahren ausführt.
    Die EZB muss halt die Geldschöpfung für den Euro Raum ermöglichen dürfen, wie die Nationalbank das früher für die Staaten machten.
    Da haben die Italiener Recht, die Regeln im Euro Raum müssen geändert werden, und das auch JETZT. Sonst macht es halt Le Pen..

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