Der absurde Weg ins Gymnasium

Selbst die einstige “Aufnahmeprüfung” war fairer als die Forderung nach lauter Einsern im Volksschulzeugnis.

Bei meinen Anfängen als Journalist haben mich Rechtschreibfehler behindert. Sie beruhten auf dürftiger Volksschulbildung: Dritte und vierte Klassen hatte ich in einem Nachkriegsheim absolviert, wo die Lehrerin null Autorität besaß – wenn uns der Unterricht nicht freute, gingen wir schwimmen. Nur unter Magenkrümmen trat ich zur “Aufnahmeprüfung” für die Mittelschule an. Aber sie bescherte mir ein Erfolgserlebnis: Drei richtig gelöste Rechenbeispiele und weniger als drei “schwere Rechtschreibfehler” garantierten mir einen Platz im Realgymnasium Hagenmüllergasse. 70 Jahre und diverse “Schulreformen” später kann von so viel Fairness beim Aufstieg ins Gymnasium nicht mehr die Rede sein.

An einem konkreten Beispiel: Ein Neunjähriger (ich nenne ihn Tom) besuchte eine anspruchsvolle Wiener Volksschule und war dort mit lauter Einsern lange einer der besten Schüler. Doch anfangs der vierten Klasse trennten sich seine Mutter und ihr Lebensgefährte, an den sich Tom wie an einem Vater gewöhnt hatte, und er fiel in ein tiefes Loch: er verhaute sämtliche Schularbeiten. Die Klassenlehrerin, die objektiv sein wollte, sah sich gezwungen, im Halbjahreszeugnis trotz seiner früher so vorzüglichen Leistungen drei Zweier einzutragen.

Den Zweier in Deutsch kann ich beurteilen, weil Tom mir ein Gedicht zeigte, das etwas von seinen Problemen der letzten Monate andeutete und das auch seine Lehrerin kennt. Wäre ich Lehrer geworden (wie ich das lange wollte), ich hätte es ob seiner Qualität im Unterricht vorgelesen. Danach hätte ich mit Tom über die darin anklingenden Probleme gesprochen. (In Finnland hätte sich ob seines unerklärlichen Leistungseinbruchs längst der Schulpsychologe seiner angenommen.) Toms nicht so gutes Zeugnis hätte ich mit dem Vermerk versehen: “Tom vermochte aufgrund häuslicher Probleme in diesem Semester nicht die von ihm gewohnten vorzüglichen Leistungen zu erbringen.” Mit diesem Vermerk hätte ich ihm (seiner Mutter) eine vage Chance gegeben, sich mit diesem Zeugnis erfolgreich um die Aufnahme im Gymnasium zu bewerben.

Statt dessen konnte Toms Mutter bei seiner Anmeldung im Gymnasium von Schwechat (sie war nach ihrer Trennung dorthin übersiedelt, um ihrer Dienststelle am Flughafen näher zu sein) nur das Zeugnis mit den drei Zweiern vorweisen, und einmal mehr um Objektivität bemüht, musste man ihr mitteilen, dass er damit kaum Aufstiegschancen besitze. Denn an der Stelle meiner “bösen” Aufnahmeprüfung ist dank stressmindernder Reformen die Regelung getreten, dass nur in ein Gymnasium aufgenommen wird, wer lauter Einser oder höchstens einen Zweier im Zeugnis hat. Weil alle Volksschullehrerinnen das wissen, geben die meisten von ihnen den Kindern , die sie mögen, in den letzten Zeugnissen höchstens einen Zweier. Weil alle Gymnasialdirektoren das wissen, ist ihnen meist schon ein Zweier zu viel.

Das so geschaffene System ist damit maximal ungerecht: Der gute Schüler einer anspruchsvollen Volksschule, die Einser nur bei vorzüglicher Leistung vergibt, läuft selbst Gefahr, nicht im Gymnasium aufgenommen zu werden, wenn seine Zweier auf einer schmerzhaften familiären Situation beruhen. Meine stressige” Aufnahmeprüfung war ungleich fairer. Zumal es mittlerweile Tests gibt, bei denen das Bildungsniveau der Eltern eine marginale Rolle spielt, so dass die Sorge der SPÖ wegen der Bevorzugung eines “bürgerlichen Milieus” halb so groß sein müsste.

Das Schwechater Gymnasium wäre freilich selbst mit der besten Aufnahmeregelung überfordert: Schon im Vorjahr erwies es sich als zu klein. Denn obwohl jedem Politiker klar sein musste, dass die Bevölkerung Wien-naher Ortschaften mit guter Beschäftigungslage wächst, wurde es weder ausreichend vergrößert noch durch ein zweites Gymnasium ergänzt – der Staat muss ja sparen. Gleichzeitig ist ebenso klar, dass die Bevölkerung die Neue Mittelschule – NMS nicht als Ersatz akzeptiert. In einem Kärntner Ort erlebte ich, dass selbst SP-nahe Lehrer der dortigen Neuen Mittelschule ihre Kinder lieber ins ziemlich entfernte Villacher Gymnasium schicken. (Die Neue Mittelschule ist in meinen Augen und in sehr guter Kenntnis beider Schultypen ein gut gemeinter Rückschritt gegenüber der alten Hauptschule mit Leistungsgruppen. Aber das ist nicht Gegenstand dieses Textes.) Auf alle Fälle ist das Auswahlkriterium “Lauter Volksschul-Einser” für die Aufnahme ins Gymnasium völlig unbrauchbar, und es werden offenkundig mehr Gymnasien gebraucht.

Anhänger der “Gesamtschule” werden an dieser Stelle einwenden, dass deren Einführung diese Problematik zum Verschwinden brachte. Wenn sie wie in Finnland beschaffen ist, stimmt das wahrscheinlich: Auf 13 Schüler kommt eine Lehrperson; diese ist besonders gut ausgewählt, hervorragend ausgebildet und genießt höchstes Sozialprestige.Ihr zur Seite steht ein Psychologe und ein Sozialarbeiter; und die Schule besitzt ein Maximum an Autonomie.

Das sind Voraussetzungen, unter denen jedes Schulsystem gut funktioniert.

Wir sind davon nur leider meilenweit entfernt, und die aktuelle Regierung aus ÖVP und FPÖ, die wir nach menschlichen Ermessen gute drei Amtsperioden lang haben werden, lehnt die Gesamtschule ab. Bildungsminister Faßmann, einer ihren intelligenten Akteure, wird also nach Wegen suchen müssen, das Problem zu lösen.Ein persönliches Gespräch jedes zur Aufnahme angemeldeten Kindes mit einem Vertreter des Gymnasiums scheint mir das Mindeste, worauf es Anspruch haben sollte.

 

11 Kommentare

  1. Die, die es sich leisten können, geben ihre Kinder in Privatschulen. Der “Ärmeren”-Nachwuchs soll in Gesamtschulen verkümmern? Nur so eine Überlegung. Ja, mit den drei+ Amtsperioden ÖVP-FPÖ dürften sie nicht ganz falsch liegen. Aber das ist halt so, wenn man in einer Demokratie in wesentlich Fragen Minderheitsmeinungen vertritt.

    Wir haben nicht nur zuwenig Schulgebäude im Land, es gibt auch zuwenig Gefängnisse. Da lässt man lieber “Verbrecher” draußen frei herumlaufen, Ich weiß aber, dass so ein Statement bei Ihnen nicht gut ankommt. Aber da schüttelt das “gemeine Volk” auch oft den Kopf.

  2. Der Jammer ist, dass die Entscheidungsträger schon lange ihre praktische, tägliche Arbeit an und in den Schulen hinter sich haben und jetzt, zum Teil auch aus Rache, solche sinnlosen Forderungen stellen. Die junglehrerInnen sind sowieso moderner in ihrer denkweise, aber die haben ja leider kaum etwas zu sagen. Da schmückt sich der Oberlehrer Lampl als Bildungsminister ständig mit seinen Moderinisierungsideen und dann stürzen alle Neuerungen wieder den Bach hinunter

  3. Jede Aufnahmsprüfung an ein Gymnasium ist gerechter als das Notenschenken in verschiedenen VS .Außerdem wird nicht in allen VS sinnvoll und leistungsorientiert gearbeitet,an diesen Schulen ist das Sehr gut dann natürlich selbstverständlich.
    Ich habe auch noch zu Zeiten der Aufnahmsprüfung unterrichtet und damals waren wirklich die Kinder,die für diesen Schultyp geeignet waren,ins Gymnasium gekommen.Diese haben dann ohne Nachhilfelehrer,Ferienlerncamps,manchmal mit sinnvollen Klassenwiederholungen maturiert.
    Alle anderen besuchten die VHS Oberstufe,oder die damals noch sehr gute Hauptschule.Später gab es dann den 1. und 2. Klassenzug , dann 2 oder 3 Leistungsgruppen.Auch die Sonderschulen ,die in den 60erJahren hervorragend ausgestattet waren,brachten schwache Schüler meistens so weit,in einen Arbeitsprozess einzutreten.
    Ich halte Herrn Minister Fassmann für den richtigen Mann,das System der ungerechten Gerechtigkeit zu verändern!

  4. Als Jahrgang 1957 habe auch ich eine Aufnahmsprüfung ans Gymnasium absolviert. Diese Prüfung war auch – indirekt – ein Test für die VolksschullehrerInnen, denn wenn sie einem Kind Gymnasiumreife attestierten, bestand es die Aufnahmsprüfung in der Regel, alles andere wäre eine Blamage für die Lehrperson gewesen. (Leider traten damals gerade Mädchen, die sehr gute Schülerinnen waren, auf Wunsch der Eltern nicht zur Aufnahmsprüfung an, aber das ist eine andere Geschichte.)
    Als gute Schülerin war die Aufnahmsprüfung kein Problem für mich, ich erinnere mich aber vor allem an das anschließende, sehr wertschätzende Aufnahmegespräch mit meinem späteren Deutschprofessor. Ich empfand es wie einen Pakt zwischen ihm und mir, in diese Schule zu passen und sie auch gut abschließen zu können. Es kommt halt auf die handelnden Personen an!
    Noch besser wäre vielleicht eine Potentialanalyse, die Auskunft über die Stärken von Kindern gibt.

  5. Ich glaube nicht, dass es an Ideen mangelt. Ich sehe nur in Österreich zu wenig Akteure, die Schulprobleme wirklich lösen wollen. Die meisten, vor allem Gewerkschaften und Politiker, wollen nur ihre Pfründe sichern.

  6. ich habe 1951 die aufnahmeprüfung für das brg wels absolviert, dabei habe ich mehr gelernt als mir abverlangt wurde!
    mathematik wurde mir damals erstmals so erklärt, dass nicht nur stures zahlenrechnen gefordert wurde.

  7. In OOe gibt es für die beiden Bezirke Eferding und Grieskirchen nur ein 8-jähriges Gymnasium ( von einem Orden ). Dort bewerben sich jedes Jahr ca. 230 Kinder für ca. 130 Plätze. Es gibt eine Aufnahmsprüfung. Früher kam es auf den frühen Anmeldetermin an ( die Eltern meldeten die Kinder halt immer früher an ) und dann das Zeugnis ( VS Lehrer sahen sich unter Druck, nur sehr gute Noten zu vergeben ). Gott sei Dank haben wir aber einige ganz gute NMS in der Gegend und ausreichend weiterführende Schulen wie HTL’s. Insgesamt ist also noch alles halbwegs in Ordnung. Früher war die Meinung die, dass das Gymnasium nur für wirklich Begabte, max. 20% der Bevölkerung, in Frage käme. Das hat sich geändert. In Wien besuchen ja ca. 60% der Schüler ein Gymnasium. Wien schneidet aber auch regelmäßig bei bundesweiten Tests eher schlecht ab.
    In unserer Gegend suchen dutzende Betrieb händeringend Lehrlinge und Fachkräfte, auch HTL Absolventen haben sehr gute Chancen.

  8. Ergänzung zu Finnland – dort gilt der Grundsatz: “Wir lassen kein Kind zurück.” Was für ein Vorbild!
    Ich empfehle allen Jugendlichen primär eine BMHS (der Link zur Liste steht unten), außer sie wollen selbst unbedingt in ein Gymnasium gehen und möglichst bald studieren.
    Sie haben nach fünf Jahren BMHS genauso Matura, können damit alles studieren (manches mit Ergänzungsprüfungen wie Latein für Medizin) und die fünf Jahre vom 14. bis zum 19. Lebensjahr laufen näher an der Lebens- und Arbeitspraxis ab, es gibt dadurch mehr Abwechslung, man bewegt sich mehr und lernt auch manuell kompetent zu arbeiten.

    https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/bw/bbs/bmhs_uebersicht.html

  9. Ich habe bis zum Jahre 1939 die Volkschule besucht und die 4.Klasse mit einer Drei in Deutsch abgeschlossen,bei damals vier Noten.(Hochdeutsch war wie eine Fremdsprache für mich,da in meiner Familie nur Dialekt gesprochen wurde).Die Aufnahmeprüfung schaffte ich problemlos,ebenso die Matura.

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