Die Veränderung Wiens

Es wäre fatal, wenn man außerhalb der FPÖ negierte, dass die Veränderung der Bevölkerungsstruktur der Bundeshauptstadt Probleme birgt.

Es wäre erstaunlich, wenn der Ex- Neonazi H.C. Strache die Sorge vor “Überfremdung” nicht politisch nutzte. Schon 2006 plädierte er dafür, “die Politiker auszutauschen, bevor diese die Bevölkerung austauschen”; sein Vordenker Andreas Mölzer fürchtet “Umvolkung”; sein Stellvertreter Johann Gudenus, sieht den Juden George Soros “mitverantwortlich für die Massenimmigration”.

Die identitäre These vom “großen Austausch” ist in der FPÖ fest verankert.

Gerade deshalb wäre es fatal, wenn man außerhalb der FPÖ die Sorgen der Menschen negierte, die zwar keinen gewollten “Austausch” wittern, wohl aber sehen, wie sehr sich die Bevölkerung und mit ihr die religiöse Struktur Wiens ändert, weil die heimische Geburtenrate nun einmal sehr viel geringer als die der Zuwanderer ist. Nach einer demographischen Studie im Rahmen der Akademie der Wissenschaften dürfte es in dem für mich plausibelsten Szenario – nämlich bei geringer Zuwanderung- schon 2046 in Wien statt derzeit 14 immerhin 20 Prozent (andernfalls 23 Prozent) Muslime geben; die Zahl orthodoxer Christen dürfte von 10 auf 12 Prozent steigen, die der Katholiken von 35 auf 26 Prozent sinken; Konfessionslose wären mit 31 Prozent die größte Gruppe. (Für ganz Österreich sind die Zahlen sehr viel weniger für Straches Agitation geeignet – da steigen die Muslime nur von 8 auf 12, die Orthodoxen nur von 5 auf 6 Prozent.)

Den Wienern kann nicht gleichgültig sein, dass in absehbarer Zeit ein Drittel der Wiener Bevölkerung als Muslime und Orthodoxe Religionen angehört, die der “Aufklärung” nicht unterlegen sind, Homosexualität verdammen, die Gleichstellung der Frau ablehnen und Antisemitismus praktizieren. Mich etwa stört sehr wohl, wenn der hauseigene Antisemitismus auf diese Weise eine dramatische Stärkung erfährt oder die liberale Abtreibungs- Gesetzgebung eingeschränkt werden könnte. Konfessionslose und Katholiken (die das meines Erachtens zu 90 Prozent nur auf dem Taufschein sind) bilden zwar auch in Zukunft eine aufgeklärte Zweidrittel-Mehrheit in der Hauptstadt, aber wenn die Wähler aus dem muslimisch orthodoxen Reservoir vorwiegend FPÖ wählen, (was so denkbar wie absurd ist) hätten etwa verschärfte Abtreibungsgesetze durchaus ihre Chance.

Man muss hoffen, dass die Intensität des islamischen wie des orthodoxen Glaubens bis dahin ebenso erodiert, wie die rechtsextreme Ideologie der FPÖ. So wie FP-Funktionäre kein festgefügter Block sind und schon gar nicht mit ihren Wählern gleichgesetzt werden können, sind es auch Muslime und Orthodoxe nicht: Erst kürzlich habe ich in zwei Wiener Gymnasien, wo Konfessionslose und Katholiken eine verschwindenden Minderheit sind, ein Referat über Antisemitismus gehalten und dabei die aufmerksamsten, aufgeschlossensten Zuhörer seit langem erlebt. Aber diese Schulen unternehmen größte Anstrengungen, um dieses Klima herzustellen.

Das sollte auch für Wiens Politiker gelten. Überall, auch in der ÖVP, müsste man parteiübergreifend darüber nachdenken, wie man damit umgeht, dass sich Wiens Bevölkerung derart verändert.

  • So wäre es, um die Konzentration von Migranten in der Hauptstadt zu lindern, sinnvoll, wenn sie in den Bundesländern bessere, nicht schlechtere Bedingungen als in Wien vorfänden. Aber leider geht die Entwicklung in die umgekehrte Richtung, weil nur Wien an einer menschenwürdigen Mindestsicherung festhalten will.
  • Die Geburtenrate der Zuwanderer verringert sich bekanntlich mit steigendem Wohlstand und steigender Bildung. Daher ist es zwar richtig, mehr Kinder nicht zu sehr zu belohnen, aber absurd, ihre Ausbildung (ihren wirtschaftlichen Aufstieg) dadurch zu erschweren, dass sie mit einer schmalen Mindestsicherung aufwachsen müssen, die sich drastisch verringert, wenn ihre Eltern spracharm sind.
  • Auch wenig religiöse Menschen können es wieder schöner finden, mehr Kinder statt mehr Autos zu haben, und die Politik kann das erheblich erleichtern, indem sie Ganztagsschulen zur Regel macht und mehr Kinderkrippen und Kindergartenplätze fördert – und zwar, wie in Frankreich, voran innerhalb von Betrieben, weil die Eltern dann Fahrtwege sparen.
  • Es ist höchste Zeit, Ethik in der Schule zu einem Pflichtfach, Religion zu einem Wahlfach zu machen. Voran Zuwanderer müssen lernen, wie verwandt einander Religionen sind; dass Verdammung der Homosexualität und Geringschätzung der Frau nicht ihre Substanz ausmachen; und vor allem dass die “Aufklärung” wesentlicher Bestandteil europäischen Identität ist. Doch leider vermeidet die ÖVP diese längst fällige Trennung von Kirche und Staat.

Man kann auch sonst kaum behaupten, dass die türkisblaue Politik die Wiener Probleme lindert, die die FPÖ erfolgreich ausschlachten wird.

PS: Zur türkisblauen Steuerreform: Die steuerliche Entlastung der Bürger war ökonomisch zwingend, gut gestuft und um Fairness bemüht.

Trotz drohender Klima-Milliardenstrafen auf eine CO2 -Steuer zu verzichten und die Steuern auf Arbeit nicht dadurch stärker zu senken, dass man die Steuern auf Vermögen erhöht, sind Fehler, die ich wohl auch in Zukunft so vergeblich kritisiere wie die WIFO-Expertin Margit Schratzenstaller.

Die Verringerung der Körperschaftssteuer für Unternehmen wird deren Investitionen nicht befördern, weil sie schon jetzt mehr Geld auf der hohen Kante als offene Kredite haben. Sie werden nur dann mehr investieren, wenn sie deutlich mehr Geschäft erwarten können. Und genau das können sie nicht, solange Sebastian Kurz und Hartwig Löger vom Sparen des Staates schwärmen.

 

8 Kommentare

  1. Wüsste gern, wie der Herr Strache es mit seinem nicht so lange vergangenen Gewachel mit dem Kruzifix vereint, so einen Unterschied zwischen Österreichern und Zuwanderern zu machen. Aber wahrscheinlich hab ich für einen Moment vergessen, dass es haufenweise besonders betonte “Christen” bei uns gibt, die etwa nur christliche Flüchtlinge reinlassen wollen. Ob Jesus von Nazareth wohl andersgläubige Flüchtlinge von seinem Tisch verscheucht hätte ?

  2. Man müsste “blind” oder “taub” sein,um diesen Bevölkerungsaustausch,vor allem “dank” Faymann,Kern,Mitterlehner & “Anhang” nicht zu “bemerken”!Nicht nur in -“Wien ist anders”-!

  3. Diese Fremdenhasser in der FPÖ sollten einmal Namensforschung mit ihren Abg. im Parlament machen, woher deren Vorfahren kommen. Belakowitsch, Gudenus, Kaniak, Pewny, Povysil, Schandor, Schimanek, Tschank. Die Vorfahren anscheinend alle aus den ehemaligen “Kronländern”. Vom Wäschermädel über die Köchin bis zum Fiaker! Was wäre Österreich ohne das Wiener Telefonbuch!

  4. Spontaneindruck: so viele gute Vorschläge auf einmal – ob es wohl Leute in Regierung, Opposition und Beraterteams gibt, die so (!) qualifizierte Vorschläge wahr-nehmen?

    “Es ist höchste Zeit, Ethik in der Schule zu einem Pflichtfach, Religion zu einem Wahlfach zu machen.” Das ist der genialste Vorschlag seit langem. Das wäre “gamechanging”.

    Erstmals würde den Kids klar werden, dass Ethik kein “Nice-to-have” für intellektuelle Weicheier ist, sondern wichtig und beinhart (lebensreal) entscheidend ist. Dass Ethik in unserer Gesellschaft etwas be-deutet.

  5. Wenn man sich Länder, in denen Moslems mit Buddhisten, Christen oder Hindus zusammenleben, genau ansieht, dann kann man leider nicht sehr optimistisch in die Zukunft schauen. Von den Philippinen über Indonesien, Thailand, Pakistan bis nach Kenia und Nigeria ist ein friedvolles Zusammenleben über lange Zeiträume nicht gelungen. Während der letzten 30 Jahre ist es sogar schlimmer geworden da Muslime von saudischen Wahhabisten stark beeinflusst wurden.Ein liberaler Islam ( z.B. in Südostasien ) transformiert(e) sich zunehmend in einen fundamental rigiden.
    Warum in Österreich und Europa die meisten intelligenten Menschen ernsthaft glauben, man könne Muslime in großer Zahl hier integrieren bzw. assimilieren kann ich nur mit Nichtwissen und Ignoranz gegenüber den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in vielen asiatischen Ländern ( in Europa stehen wir erst am Anfang der Entwicklung ) erklären. Ich sehe nur Konflikte und Probleme in den nächsten Jahrzehnten. Es wird darin enden, dass wir in einer totalitären Überwachunsgesellschaft leben müssen, wie das China ja bereits vormacht, um Unruhen und Terror unter Kontrolle zu halten. Das wird zumindest die Erklärung und Entschuldigung für den Weg in den digital gestützten Totaltarismus sein.

    1. Eine Frage an Menschen, die auch positive Entwicklungen “vor Ort” über längere Zeiträume beobachtet haben: hat es zwischen den Konflikten (nur diese werden ja berichtet) nicht auch Zeiten gegeben, in denen es keine Probleme gab? Beispiel Österreich: Menschen muslimischen Glaubens gibt es schon lange bei uns (über 100 Jahre offiziell), erst jetzt gibt es emotionale Auseinandersetzungen – und die kommen nicht von “Menschen wie Du und ich”, jenen normal arbeitenden und ihr Leben bestmöglich lebenden 95 Prozent. Aus Ex-Jugoslawien wurde von Städten berichtet, die sich aktiv gegen die beginnenden Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen wehrten …
      Gibt es – man verzeihe meine Unkenntnis – auch eine Geschichtsschreibung, die auf die friedlichen Zeiten fokussiert?

  6. “Man muss hoffen, dass die Intensität des islamischen wie des orthodoxen Glaubens bis dahin ebenso erodiert”
    Könnten Sie bitte in einem weiteren Kommentar die Intensität des (vermutlich: christlich) orthodoxen Glaubens erläutern. Diese Intensität ist mir nämlich bislang, ganz im Gegensatz zur Intensität des islamischen Glaubens, entgangen.

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