Die ZIB2 als Bühne für H.C. Strache

Der Umgang mit H.C. Strache ergibt ein österreichisches Sittenbild: In keinem anderen Land der Welt wäre jemand je Vizekanzler geworden, der in seiner Jugend ein Neonazi war und noch im Mannesalter drei Finger zum Nazi-Gruß erhoben hat: Heil dem Mann, der 60 Millionen Kriegstote, darunter 6 Millionen Ermordeter auf dem Gewissen hat.

Dann bringt ein glücklicher Zufall per Video an den Tag, dass dieser Mann außerdem noch bereit wäre, einer russischen Oligarchin die größten Werte der Republik, vom Glücksspiel bis zum Wasser, zu verscherbeln, wenn sie ihm dafür die Kronenzeitung kauft, in der er zack, zack, zack die ihm unliebsamen Journalisten austauscht. Und natürlich ist er jederzeit bereit, Staatsaufträge, die bisher gemäß Ausschreibung einem Herrn Haselsteiner zugekommen sind, in Zukunft der Oligarchin zukommen zu lassen und Parteispenden am Rechnungshof vorbei zu leiten.

Trotzdem erhält er gleich danach weit über vierzigtausend Vorzugsstimmen und stürzt seine FPÖ bei den EU-Wahlen nicht ab.

Der kleinste Vorwurf hat die größte Wirkung

In der Öffentlichkeit wird die Frage, wer aus welchen Motiven das Video gedreht hat, mindesten so heftig diskutiert, wie sein Inhalt und das Oberlandesgericht bescheinigt seinen Herstellern taxfrei die übelsten denkbaren Motive.

Dann ergibt sich der Verdacht, dass Strache seiner Frau auch eine Gucci-Tasche auf Parteispesen gekauft haben könnte – was gemessen an Ibiza mit Abstand die harmloseste der ihm zuzutrauenden Übeltaten wäre – aber jetzt erwacht zumindest leiser Neid und die FPÖ verliert Stimmen.

Trotzdem schließt sie Strache nicht wegen Ibiza aus, sondern weil ihr seine öffentlichen Austritte geschadet hätten.

 Straches berührende Wahlrede

Da man ihm in diesem Land durchaus weiterhin mindestens fünf Prozent Wähler bei Wiener Wahlen zutraut, treten drei Allzeitgetreue aus der FPÖ aus um ihm eine neue Wahl-Plattform zu bieten. Und was tut der ORF: Lou Lorenz Dittelbacher stellt ihm in der ZIB2 die völlig irrelevante Frage, welche Gefühle ihm sein Ausschluss aus der FPÖ beschert und er bekommt eine Viertelstunde Zeit, dort auszubreiten, wie tragisch es ist, dass Parteifreunde, die ihm soviel verdanken so mit ihm umgehen, nachdem kriminelle Netzwerker ihm zuerst Ibiza angetan haben und jetzt auch noch Spesen-Vergehen anhängen wollen.

Zumindest seine erste Wahlrede hat er damit vor der größtmöglichen Zuschauermenge halten können.

15 Kommentare

  1. Lieber Herr Lingen, Sie schreiben mit jedem Wort direkt aus meiner Seele! Içh danke Ihnen dafür und schöpfe ein wenig Hoffnung solange solche Menschen wir Sie existieren. Danke nochmals Carla Stanek

    1. Im Prinzip stimme ich zu, nur die ZiB ist – nicht ganz unverdient – keine wirklich große Plattform mehr. Und schon garnicht für Straches Zielpublikum.

  2. Ich bin mir nicht sicher, dass Verehrer des radikal Bösen nicht überall auf der Welt als Schläfer vorhanden sind, aber ich bin mir sicher, dass man sie nur mit Mut in Schach halten kann – mit unverschnörkelter Klarheit und dazu noch mit einem berechtigten Seitenhieb auf den ORF, der neuerdings eher Leisetreterei betreibt.

    Gero Jenner

  3. 3sat vor der ZIB2: Scobel über den steigenden Meeresspiegel aber auch über die Vergeudung von Trinkwasserreserven – mir ist schlecht geworden.

    Unmittelbar danach ZIB2 Topbeitrag: Strache-Interview nebst Analyse durch Filzmaier.
    Da wird einem die peinliche Gewichtung der Nachrichten-“Inhalte” im ORF-Fernsehen so richtig bewusst. Eine Schande!

    Würdige Zugabe: Schaltung nach Großbritannien zwecks Wahlberichterstattung – reine Effekthascherei. Auf Grund des späten Schließens der Wahllokale gab es natürlich nichts zu berichten.

    Sehr geehrter Herr Lingens, Sie sollten sich dieser Art der Berichterstattung im österreichischen Fernsehen einmal liebevoll annehmen, denn der vergangene Donnerstag war kein Einzelfall.

  4. Es hätte ja sein, dass jemand in seinem Leben “gescheiter” geworden wäre und Radikalismus eine Jugendsünde war. Das gilt für Rechte aber auch für Linke.
    Bei Strache dürfte im Laufe seiner politischen Karriere jedoch die persönliche “Geldsucht” die rechte Ideologie überholt haben. Bei den Linken fällt mir spontan der Gusi ein …

    Der ORF hat Strache gestern eine Bühne gegeben, die ihm eigentlich nicht mehr zustehen sollte. Politisch wird er in seinem restlichen Leben nicht mehr viel erreichen. 2020 wird es zwar in Wien noch ein kurzes Aufflackern geben. Dann ist aber Schluss.

    Vor einer neuen “Hitlerei” brauchen wir in unseren Breiten in näherer Zukunft keine zu Angst haben. Wenn jedoch Linke und Grüne weiterhin so weltfremd durch die politische Landschaft geistern, werden die Rechten unaufhaltsam überall stärker, auch ohne “Führer”.

  5. Mehrmals wurde im Interview betont, wie erfolgreich ER die Blauen von mageren Prozenten auf über 30 % gepuscht hat.
    Dass er mit seinem Grössenwahn bei den letzten Wahlen die Partei arg geschädigt hat, wurde mit keinem Wort erwähnt.
    Das Unschuldsengerl wird in Wien den Bürgermeister anstreben.
    Noch zwei Interviews, und es gelingt ihm…. (Witzchen)

  6. Ich finde es tatsächlich nicht irrelevant, wer sich des Strache entledigen wollte. Genauer, wer sich der FPÖ entledigen wollte und dazu Strache benutzte. Ich finde da Etliches seltsam. Und ich finde es sehr wohl recherchewürdig, wen jemand auf diese Weise politische Taktik meisterlich einsetzt. Da sich niemand wirklich darum kümmert, wird Strache ausreichend Stimmen bekommen. Letztlich ist die FPÖ gerammelt voll mit Personen derselben Affinität. Warum also jetzt und warum Strache? Weil nur über den caput Zerfall der FPÖ möglich ist. Das Video wird wiexerlucge andere Videos auf irgendwelche Festplatten 2 Jahre gespeichert gewesen sein. Und Spesen hat laut Talk Show genauso Mölzer generiert wie auch Hofer anscheinend für seinen Gartenzaun. Die Friseurrechnung von Kurz deutet auch eher auf eine 2 Personenrechnung hin. Die Gesinnung von Strache und seine jugendlichen Waldmanövern sind auch vor der Koalitionsbildung bekannt gewesen.
    Rein hypothetisch ges. Kurz hat sich schwieriger Partner oder Gegner bereits vorher ohne Genierer entledigt. Wer bei Pilz und seinen alten Fällen dahinter war? Der Sache ist genauso nachzugehen wie dem Inhalt. Beides gehört zum Sittenbild.

  7. ich fand die interviewführung, die (nicht nur) sie kritisieren, gerade weil sie so war, wie sie war, sehr gut: sie ermöglichte m.e. einen tieferen einblick in die gedankenwelt des interviewpartners, als es die vorwürfe, die man ohnehin alle, samt erwartbarer antworten, kennt, ermöglicht hätten. ermöglicht durch die für manche möglicherweise harmlos erscheinende, professionelle freundlichkeit der frau lorenz-dittlbacher, offenbarte sich hier realitätsverweigerung, moralische armseligkeit und ein sittenbild der “lieben familie” in reinkultur, die im “angriffigeren” interviewmodus wohl durch gegenangriffswellen pariert worden wäre. nlp kann er sicher besser. seltsam fand ich da eher die art der ankündigung der zib-gäste strache und nepp durch frau lorenz (“vergessen sie alle weihnachtsfeiern und punschabende”) auf twitter im vorfeld, die offensichtlich eine art “arena-erwartung” beim pt publikum auslöste.
    und noch was: abgesehen davon, dass das thema die aufspaltung der rechtsaußen war, bezweifle ich, dass das gros hoffnungslos eingefleischter strache.-fans orf schaut, empfände ich eine “wahlwerbung” für die rechte absplitterung nicht so schlecht, auch wenn diese absicht wohl nicht unterstellt werden kann. oder doch?

  8. Lieber Herr Lingens, spontan dazu fällt mir ein Kommentar von ihnen im “Profil” in den 80er Jahren ein: damals haben sie die Frage gestellt, ob wir (die Journalisten) Jörg Haider zu oft eine Bühne geboten haben um für sich selbst Werbung zu machen. Frau Lorenz dürfte denselben Fehler gemacht haben…

  9. Herr Lingens hat grundsätzlich recht m.E.
    aber: ein Interview mit Strache ist immer ein Quotenbringer, interessiert die Menschen. Ein ZIB-Interview mit dem EU-Kommissionspräsidenten interessiert nur sehr wenige. Insofern erfüllt der ORF seinen öffentlichrechtlichen Auftrag. Er bringt – auch – das, was die Menschen interessiert.

  10. Sehr geehrter Herr Lingens,
    ich bin durch Zufall auf Ihren Blog gestoßen. Auf der Suche nach “Alex Weissberg-Cibulsky” bin ich zufällig auf den Yad Vashem-Eintrag über Ihre Mutter gestoßen, in dem auch von ihm die Rede ist, der mit Arthur Koestler (ich lese gerade dessen Buch “Als Zeuge der Zeit”) befreundet war. So führt mich eines zum anderen, von den 1930ern und 1940ern hierher zu Strache & Co und wieder zurück zu den verschiedenen politischen Ideen und Vorstellungen wie die Menschen leben sollen. Was leider immer (und immer öfter?) mittransportiert wird, ist “Dummheit”, die leider vor niemandem halt macht, auch nicht vor den geschätzten Medien, denen wir üblicherweise unser Vertrauen schenken.
    MIt freundlichen Grüßen

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