Doskozils erfolgreicher Alleingang

Ist Sebastian Kurz für die Österreicher der Mann, der den Flüchtlingsstrom durch die „Schließung“ der Balkanroute gestoppt hat, so hat ihn Hans Peter Doskozil zumindest gezähmt, indem er „in Nickelsdorf das Chaos gemanagt„ und es in Parndorf vermieden hat. Die „Balkanroute“ ließ Kurz die Wahlen in Österreich gewinnen, „Nickelsdorf” trug Doskozil den Wahlsieg im Burgenland ein.

Was Doskozil oder Kurz sonst noch getan haben, ist nicht so wichtig: Die “Flüchtlingsfrage” bleibt das bestimmende Wahlmotiv, auch wenn die Meinungsforscher behaupten, sie spiele heute keine solche Rolle mehr. Doch das gilt nur für die Hirnlappen, nicht für das Stammhirn.

Die Österreicher haben das Hereinbrechen eines unkontrollierten Flüchtlingsstroms als elementare Krise erlebt, und Kurz und Doskozil haben sich beim Meistern dieser Krise bewährt – das zählt. Beide werden als Garanten dafür erachtet, dass der Krisenfall nicht neuerlich eintritt, denn beide verfolgen eine stramme glaubwürdige Anti-Migrationspolitik. „Es ist mir wurscht, was man in der SPÖ davon hält“, sagt Doskozil – und liegt damit richtig.

Dass er einen Erdrutschsieg erzielt hat, hat freilich auch mit seiner Person zu tun: Er ist volkstümlich und wirkt konsequent. Dass er zurzeit nur mit heiserer Stimme zu sprechen vermag, ist ein Vorteil: Es macht ihn besonders authentisch und man hört ihm besonders genau zu.

Im Burgenland nutzte „Ibiza“ der SPÖ

Kurz hat auf Bundesebene in seine Koalition mit der FPÖ den Eindruck gemacht, gut zu regieren: Es hat kaum Streit gegeben, und man hat gemeinsam die gleiche falsche Wirtschaftspolitik betrieben. Da die Wirtschaft aufgrund der rot-schwarzen Vorarbeit dennoch gut läuft, hat das gereicht: Ohne Ibiza wäre die türkis-blaue Koalition unverändert im Amt.

In der rot-blauen Koalition im Burgenland hat es ebenfalls kaum Streit gegeben – weil die Freiheitlichen den nirgends suchen, sobald sie an die Futtertröge dürfen-, und Burgenlands Wirtschaft ist dank der rot-schwarzen Vorarbeit ebenfalls gut gelaufen; ohne Ibiza hätte die FPÖ auch im Burgenland nicht verloren, und die rot-blaue Koalition bestünde nach menschlichem Ermessen auch dort unverändert weiter.

So hat die FPÖ wie überall kräftig verloren, aber die Stimmen, die anderswo von der ÖVP gewonnen wurden, weil Kurz Anti-Migrationspolitik garantiert, wurden im Burgenland von der SPÖ gewonnen, weil Doskozil das auch tut. Dass der Burgenländer Norbert Hofer noch fest im Obmannsattel seiner Partei sitzt, liegt nur daran, dass Herbert Kickl auch nirgends gestärkt wurde.

Die „Flüchtlingsfrage“ ist unverändert das emotional entscheidende Wahlmotiv. Hans Peter Doskozil und Sebastian Kurz beantworten sie eindeutig, Pamela Rendi-Wagner nicht.

Dagegen diskutieren die Sozialdemokraten seit Sonntag die Frage, ob Doskozil nicht der Mann ist, der Pamela Rendi-Wagner als Parteivorsitzender ablösen sollte. Ziemlich sicher ist wohl, dass die SPÖ mit ihm an der Spitze die ganze Zeit über besser gefahren wäre. Denn das zentrale Motiv, ihr die Stimme zu verweigern, war nun einmal die Flüchtlingskrise: Christian Kern und Pamela Rendi-Wagner wurden mit „Willkommenskultur“ assoziiert, obwohl das für Rendi-Wagner gar nicht zutrifft.

Unmissverständlich zu sprechen scheint mir überhaupt sehr wesentlich: Sebastian Kurz, Peter Kaiser, Hans Peter Doskozil, (der selige Bruno Kreisky) sprechen (sprachen) sehr langsam, sehr deutlich und sehr einfach – jedermann versteht ihre jeweilige Botschaft. Bei Pamela Rendi-Wagner sprudeln ihre Botschaften hervor – das lässt sie nie einfach erscheinen und funktioniert entsprechend schlechter, obwohl es in Wirklichkeit selten einfache Lösungen gibt.

“Frau” ist unverändert ein Nachteil

Wahrscheinlich hat Doskozil auch voraus, dass er ein Mann ist. Vor dem täglichen Krimipublikum mögen Polizeikommandantinnen ihre männlichen Kollegen noch so sehr in den Schatten stellen – die Mehrheit des Wahlpublikums fühlt sich in kritischen Situationen unverändert von Männern besser beschützt, und zwar völlig losgelöst von der Frage, ob das wirklich zutrifft. Es brauchte jedenfalls Jahrzehnte, bis Angela Merkl als „stark wie ein Mann“ wahrgenommen wurde.

Pamela Rendi-Wagner vermittelt besonders wenig „Stärke“: Sie wirkt sympathisch, menschlich, intelligent – zu ihrem persönlichen Vorteil nie “wie ein Mann”. Wären ihre Botschaften ungleich relevanter und klüger als die Doskozils, so wäre das vielleicht nicht entscheidend – da sie es nicht sind, ist es sehr wohl. Doskozil hat Kernprojekte – etwa einen menschenwürdigen Mindestlohn – in seinem Wahlkampf sogar viel klarer als Rendi-Wagner vertreten, und ich glaube, dass er auch Vermögenssteuern besser als sie verkaufte.

Wenn die Wahl für die Führung der SPÖ also nur zwischen Doskozil und Rendi-Wagner besteht, wäre meine Empfehlung eindeutig: Mit Doskozil fährt die Partei besser. Ob er „objektiv“ ein optimaler Obmann ist möchte ich dahingestellt lassen – ich kenne seine intellektuellen Fähigkeiten nicht. In wirtschaftlichen Fragen hat er sich beispielsweise nie auf dem Niveau von Christian Kerns geäußert – der freilich in jeder Hinsicht ein unbrauchbarer Parteiobmann war.

Bis zu den Wahlen in Wien wird also wohl alles so bleiben, wie es ist – die Parteigranden werden Rendi-Wagner „unbestritten“ nennen und ihr die Treue schwören. Nach den Wiener Wahlen kann ich mir schwer vorstellen, dass sie Obfrau bleibt, obwohl die FPÖ auch in Wien abstürzen und der SPÖ damit eine Chance eröffnen wird.

 

6 Kommentare

  1. Sie haben völlig recht, Herr Lingens, Frau Joy Rendi-Wagner ist eine totale Fehlbesetzung. Man braucht sich ja nur ihr nonverbales Verhalten samt dem Umfeld bei ihren Interviews und gewisse Aussprüche anzusehen.

    Wie erinnerlich gab es am 26. Mai ein Interview, wo sich Rendi-Wagner verzweifelt mit beiden Händen am ORF Mikrofon festklammerte. Und dahinter standen in gespenstischer Atmosphäre fünf dunkle Gestalten, dicht genug um ihr ja keinen Rücktritt zu ermöglichen.
    Am Abend der verheerenden Wahlniederlage hat sie unüberlegt die Aussage: „Die Richtung stimmt“ getroffen; ich möchte nicht wissen was für ein Gesicht ihre P.R. Berater dabei machten.

    Vorigen Montag stotterte sie in der ZiB 2 hilflos herum weil sie nicht erklären konnte, was der Unterschied zwischen 1.700 Euro Monatslohn auf brutto und auf netto ist. Mitleiderregend auch ihre Herumrederei zum Thema Sicherungshaft, jetzt kennt sich keiner mehr aus was die SPÖ eigentlich will.

    Rendi-Wagner ist wahrhaftig von einer rhetorischen Koryphäe weit entfernt, die SPÖ hat keine Chance, mit dieser Vorsitzenden aus dem Tal der Tränen zu kommen.

  2. Die Probleme der SPÖ
    Die sind ganz einfach zu lösen, wenn man wollte. Aber die Sesselkleber in der Löwelstrasse mauern bis zum endgültigen Aus oder Absturz. Kern hätte es gut gemeint, aber gewisse “Entscheidungsträger” wollten ihn nicht. Der war ein guter Manager aber ein schlechter Menschenkenner. Er hat sich mit Leuten als Berater umgeben, die kaum von der wirklichen SPÖ und ihren Problemen Ahnung hatten. Doskozil ist das Gegenteil. Er spricht mit den Leuten, hat ein offenes Ohr und hat keine Berater die nur Theoretiker sind. Und Ibiza hat ihm auch noch geholfen.

  3. “Unmissverständlich zu sprechen scheint mir überhaupt sehr wesentlich.” Wie wahr!

    Der einfache Wähler, die einfache Wählerin wählt PolitikerInnen für eine Aufgabe, hoffend dass diese ihr würdig und gewachsen sein werden – wer als PolitikerIn in die erste Reihe tritt, muss die eigene Linie verständlich und überzeugend rüberbringen können.
    Bruno Kreisky hat früher einmal sehr schnell gesprochen – irgendwann hat er ziemlich plötzlich zwei Gänge zurückgeschaltet. Ein besonderer Meister der Politik-Sprache war und ist für mich Dr. Michael Häupl. Warum studieren die Leute von heute nicht die großartigen Beispiele – jeden Tag 10 Stunden lang, bis sie’s können? (Populismus hat NICHTS mit verständlicher Sprache zu tun, und verständliche Sprache nichts mit Populismus.)

  4. Nur zu Ergänzung: das größte Handicap von Rendi-Wagner sind die Leute mit denen sie sich umgibt und in der Vergangenheit umgeben hat. Schieder, Bures, Drozda und Deutsch sind genau jener Teil der SPÖ, der ganz sicher keine Stimmen bringt. Rendi-Wagner wird genau mit diesen Leuten identifiziert, die sie sich, wie Deutsch selbst eingebrockt hat. Gegen solche Politiker kommt selbst die Clique um Kurz (Blümel, Köstinger…) gut an, und das will wirklich was heißen!

  5. Rendi-Wagners Redestil würde ich nicht angreifen, aber mit der zunehmenden Zahl, Komplexität und Verknüpfung politischer Themen steigen auch die Ansprüche an deren Vermittelbarkeit. Dass Leopold Figl vor Weihnachten 1945 mit der Mitteilung, “kein Glas zum Einschneiden” zu haben, klar zum Ausdruck bringen konnte, dass die Bevölkerung nicht viel zu erwarten hatte, war relativ simpel, ob Figl 2020 in der Lage wäre den Menschen zu erklären, wie der Umstieg in ein ökologisches Steuersystem zu schaffen ist, darf allerdings ebenso bezweifelt werden wie die Annahme, dass auch die Bevölkerung nur aus “Simpeln” bestünde, die kaum bis drei zählen können – auch wenn das Kommentatoren wie dem “Staberl” der Kronenzeitung gefallen hätte, um seine täglichen Tiraden an die “Krone”-Leser ablassen zu können (schließlich hat er davon ziemlich lange recht gut gelebt!).
    Mit den Jahrzehnten seit 1945 haben sich aber nicht nur die Probleme exponentiell verschärft, sondern auch Politiker und Bevölkerung gewandelt: wer einfache Antworten braucht um sich zu entscheiden, wird vielleicht feststellen, dass diese Antworten nicht unbedingt zielführend, dafür aber populistisch sind. Wer sich hingegen Zeit und eigenes Hirnschmalz zur Hand nimmt, könnte (und sollte) auch zu neuen, nicht unbedingt von Anfang an klar auf der Hand liegenden Ergebnissen kommen oder zumindest beim genauen Zuhören auch einer etwas komplizierteren Materie etwas abgewinnen können – z.B. Vertrauen. Dass “alles furchtbar kompliziert ist” hatte schon Fred Sinowatz erkannt. Und er hatte recht damit. Was soll es also über die Redeweise von PolitikerInnen wie Rendi-Wagner zu polemisieren, wenn simple Antworten “Schnee von gestern” geworden sind? Es ist zu hoffen, dass die Jungen in der Bevölkerung, die mit mehr Informationen “gefüttert” wurden als meine Generation (*1950) in der Lage sein werden, die richtigen Wahlentscheidungen treffen und sich nicht ausschließlich von denen beeinflussen lassen werden, die ihnen Geschenke zu Lasten der Ärmeren in unserem Land machen.

  6. Kurz zusammengefasst: So ist das halt in der Demokratie. Wenn das Programm und die Personen passen, wird man gewählt. Wenn eines – oder gar beides – nicht passt, wird man nicht oder abgewählt.
    Nachsatz: Dass “Frau sein” auch heute noch immer zu wenig ist, haben selbst die Grünen erkannt.

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