Deutschland, Deutschland über alles

Der deutsche Handelsbilanzüberschuss hat 2019 ein neues Rekordniveau erreicht. Aber niemand fragt sich, wie lange seine Handelspartner das aushalten.

Soeben wurden die Zahlen des deutschen Handels für 2019 bekannt: Importen von 1089 Milliarden standen Exporte von 1317 Milliarden gegenüber und schufen einen Rekord-Handelsbilanzüberschuss von 229 Milliarden Euro. Das scheint die Obergrenze, auf die die deutschen Überschüsse sich einpendeln, seit sie ab 2000 explosionsartig zugenommen haben. (Siehe Grafik)

Ich will hier begründen, warum ich darin ein Problem sehe, das die EU sprengen könnte.

Entscheidungsjahr 2000

Deutschland war seit jeher „Exportweltmeister“. Das war berechtigt, weil es besonders viele hochwertige Produkte herstellt. Andere Länder konnten dennoch mithalten, weil die D-Mark aufwertete oder indem sie ihre Währung notfalls abwerteten und ihre Produkte so verbilligten. Diese Möglichkeit hat die Einführung des Euro im Jahr 2000 beendet. Es herrschte die Erwartung, damit würde sich die Konkurrenzfähigkeit aller Euro-Länder der deutschen annähern.

Aber 2000 hat Deutschland auch die „Lohnzurückhaltung“ eingeführt: Es hat seine Löhne nicht mehr, wie zuvor, im Ausmaß der Produktivitätssteigerung zuzüglich Teuerung, sondern weit weniger erhöht. Das bescherte ihm in zwanzig Jahren gegenüber Ländern, die-wie etwa Frankreich- bei adäquaten Lohnerhöhungen blieben, Lohnstückkostenvorteile von 20 bis 30 Prozent. Diesen Wettbewerbsvorsprung hätte Frankreich durch noch so große Verbesserungen seiner Wirtschaftsstruktur nicht egalisieren können.

Wieso nenne ich nur Lohnerhöhungen adäquat, die Produktivitätssteigerung plus Teuerung abgelten? Weil nur das sicherstellt, dass die Bevölkerung alle Waren, die sie dank erhöhter Produktivität mehr produziert, dank erhöhter Gehälter auch kaufen könnte. Natürlich kauft sie in der Realität nicht nur eigene, sondern auch fremde Waren. Aber solange die wichtigsten Handelspartner eine annähernd gleiche Lohnpolitik verfolgten, blieb das Gesamtsystem weitgehend im Gleichgewicht.

Dass ausgerechnet die größte Volkswirtschaft, Deutschland, ihre Löhne massiv zurückhielt, musste dieses Gleichgewicht daher aufs Schwerste erschüttern.

Am Beispiel des deutsch- französischen Handels:

  • Mit 20 Prozent geringeren Lohnstückkosten stachen deutsche Waren französische Waren zwangsläufig selbst bei vielen französischen Konsumenten aus. Was deutsche Unternehmen ihnen auf diese Weise mehr verkauften, konnten französische Unternehmen ihnen weniger verkaufen.
  • Zugleich hielt die Lohnzurückhaltung die Kaufkraft deutscher Konsumenten so zurück, dass es den Absatz französischer Waren in Deutschland zusätzlich zu deren höheren Lohnstückkosten begrenzte.

Zusammen erklärt das, dass französische Unternehmen Markverluste erlitten, mangelhaft ausgelastet sind und nach der Finanzkrise längst nicht alle Arbeitskräfte wiedereinstellen konnten, während deutsche Unternehmen Märkte hinzugewannen und an Arbeitskräfteknappheit leiden.

Dass Deutschland gegenüber den meisten seiner Handelspartner so agierte, erklärt, dass es seine Exporte maximierte, während seine zurückgehaltene Kaufkraft die Importe limitierte. Gemeinsam erklärt das den explosionsartigen Anstieg der deutschen Handelsbilanzüberschüsse seit 2000. Anders als deutsche Überschüsse davor hat es nichts mit überlegener deutscher Leistung zu tun, sondern ist blanker „Merkantilismus“: Das Erzielen eines wirtschaftlichen Vorteils zu Lasten fairen Wettbewerbes.

Die EU hatte dem theoretisch einen Riegel vorgeschoben, indem sie eine gemeinsame Inflationsrate von 2 Prozent vereinbarte, die Deutschland nur bei adäquater Lohnerhöhung erreicht hätte. Aber Deutschland negierte diese Vereinbarung so konsequent wie es sich empört, wenn andere Länder (widersinnige) Spar-Vereinbarungen nicht einhalten.

 Die fehlende Reaktion

Wie regieren Ökonomen und Politiker auf Deutschlands Verhalten, seit Frankreichs Schwierigkeiten unübersehbar sind, Italien in Rezession verharrt oder Spanien unter chronischer Arbeitslosigkeit leidet? Seit Marine Le Pen, Matteo Salvini und VOX drohen.

Nur gerade der wirre Donald Trump ahnt das Problem und droht. Deutsche Politiker und Ökonomen stellen sich blind und leugnen den Zusammenhang zwischen Lohnzurückhaltung und Überschuss- allenfalls fragen sie poetisch: „Deutscher Überschuss-Fluch oder Segen?“ Ein österreichischer Ökonom, der es genau wüsste wie Ex-Notenbank-Chef Ewald Novotny, schweigt diplomatisch. Denn er weiß, dass auch Österreich, Holland und Schweiz seit 1997 „Lohnzurückhaltung“, wenn auch nicht deutschen Ausmaßes, üben – dass also auch unser aktueller Export-Erfolg „merkantilistische“ Züge trägt.

So lange man zu den Ländern gehört, denen es gut geht – auch wenn viele Arbeitnehmer Reallohnverluste erlitten- stellt man das System nicht in Frage. Das passiert erst, wenn es zerbricht.

 

Grafik-Überschrift:

Deutschlands Handelsbilanz-Überschüsse zwischen 1998 und 2018

 

Grafik-Unterzeile

Ab 2000, mit Beginn der Lohnzurückhaltung. explodieren die deutschen Überschüsse

 

4 Kommentare

  1. Die Grundeinsicht, dass die Einkommen groß genug sein müssen, um die Produktikon zu absorbieren, gilt für isolierte Märkte, lässt sich aber nicht eins zu eins auf ein einzelnes mit der globalen Wirtschaft verflochtenes Land anwenden. Deutschland wird bis heute dafür getadelt, dass es im Zuge von Gerhard Schröders Agenda 2010 den Standort verbilligte – unter anderem durch äußerste Zurückhaltung bei den Löhnen. Aber sein Exporterfolg wurde erst dadurch möglich, weil es andernfalls der Konkurrenz der Billiganbieter nicht gewachsen gewesen wäre. Man vergesse nicht: Vor Schröder wurde Deutschland als “der kranke Mann Europas” belächelt. Aber für Europa insgesamt ist diese Politik so unheilvoll, wie Herr Lingens sie schildert. Ich bin da ganz seiner Meinung.

  2. So ehrenwert – und richtig – Ihre wirtschaftlichen Überlegungen sind, sehr geehrter Herr Lingens, ist es dennoch ein Minderheitsprogramm, da keine10% der Bevölkerung sich damit wirklich damit befassen. “Auswirkungen” spüren natürlich sehr viele, aber die “Schuldfrage” wird verschiedenst – je nach Interessenslage – interpretiert. Deswegen verabschiedet sich niemand von der EU.

    Was die EU wirklich sprengen wird ist fortschreitende “Migration”. Das war auch ein Hauptmotiv für die Brexit-Entscheidung der Briten. Zunehmende Migration verstehen – und fühlen – die meisten Menschen und lehnen sie aus verschiedensten Gründen ab. Und irgend einmal sagt die Mehrheit “nein / stop / …” – trotz Menschenrechten und diverser internationaler Vereinbarungen.

  3. Zu Herrn Jenner und Herrn Langer: Es ist allerdings ein himmelhoher Unterschied Lohnzurückhaltung in einer Position der Schwäche zu betreiben oder wie Deutschland jetzt in einer Position der Stärke. Es stimmt mich traurig, dass die sogenannten Qualitätsmedien dazu recht wenig zu sagen haben.

    Zur Migration: Was gedenken wir mit der ersten ernsthaften Welle an Klimaflüchtlingen zu tun?
    Sind das Wirtschaftsflüchtlinge besonderer Art, also abschieben? Ist Schießen die Lösung??
    Da tun sich Abgründe auf!
    Meiner Meinung nach wird das unsagbar schwierige Migrationsthema mißbraucht um Wahlen zu gewinnen und den einheimischen Benachteiligten einen Sündenbock darzubieten, zugegeben derzeit mit großem Erfolg.

  4. Ich denke, dass die Wiedervereinigung die Senkung er Lohnkosten stark unterstützt hat. Viele deutsche Firmen habe Niederlassungen im Osten gegründet, wo die Löhne niedriger sind.

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