Der liebe Gott steht hinter Trump

Die nahezu fundamentalistische Religiosität vieler Amerikaner erleichtert die Akzeptanz faschistoiden Denkens, Fühlens und Handelns.

Das größte Glück der freien Welt, diktierte mir Simon Wiesenthal 1988 für seine Memoiren “Recht nicht Rache” bestünde darin, dass der mit Abstand stärkste Staat der Welt, die USA, zufällig eine rechtsstaatliche Demokratie sei; wenn dort Faschismus ausbräche, sei das daher das größte anzunehmende Unglück. 2020 droht dieser GAU: Wenn Donald Trump weiter regiert, muss man fürchten, dass er Medien, Behörden und Gerichte, die ihn gerade noch im Zaum gehalten haben, wie Recep Tayyip Erdoğan zu Instrumenten faschistoider Herrschaft macht.

Die USA sind ein krankes Land

Trump ist ein Narziss und Psychopath. Aber wer bei ARTE oder im ORF Dokumentationen über die USA gesehen hat, der weiß, dass das ganze Land krank ist. Das politische System ist krank: Seit der Supreme Court 2010 entschieden hat, in Wahlkämpfen Spenden jeder Größenordnung zuzulassen, können reaktionäre Milliardäre Abgeordnete und Gesetze kaufen. Die Medienlandschaft ist krank: Ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es kein Medium, dessen Information die Bevölkerung als weitgehend objektiv ansieht. Fox-News im Eigentum eines reaktionären Milliardärs agiert gleichberechtigt neben CNN im Eigentum liberaler Milliardäre. Gleichberechtigte Informationsquellen sind auch Facebook, Youtube & Co, deren Algorithmen dafür sorgen, dass die extremsten Aussagen die weiteste Verbreitung finden und dass die Nachfahren von Cambridge Analytics Wahlen manipulieren können. Nicht zuletzt ist der für jeden Faschismus unverzichtbare Rassismus in dem Ausmaß erstarkt, in dem auch immer mehr Weiße sich abgehängt fühlen.

Glaube wird leicht zu Faschismus

Ich will hier auf eine weiteres Phänomen eingehen, das die faschistoide Entwicklung der USA begünstigt: Die fast fundamentalistische Religiosität. Amerikaner sind fromm: In der Hälfte der Bundesstaaten wird Charles Darwin nicht geglaubt, “Evolution” nicht unterrichtet; am Land ist der Sonntagsgottesdienst ein Muss; im Bibel-Belt gibt es keine Veranstaltung ohne Gebet; es gib keine Reden, in denen Gott die USA nicht mehrmals segnet. Das hat Vorteile: Der Unterschied zwischen Gut und Böse bleibt wichtig. Aber es hat einen erheblichen Nachteil: Religion und Faschismus ist ein Hang zum Irrationalen und die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Sache gemeinsam. So wie man als überzeugter Katholik seinen allmächtigen Gott für den einzig richtigen hält und zu halten verpflichtet ist, stattet der überzeugte Faschist seinen Führer mit Allmacht aus und lässt sich von ihm zum Gehorsam verpflichten. Oft genug war etwa der Katholizismus deshalb unmittelbar mit faschistoiden Systemen à la Franco verbunden. In Österreich ließ sich beobachten, wie leicht es Katholiken fiel, dem frommen Dollfuß zuzujubeln- der in Hitler freilich den Teufel erkannte. Ähnlich leicht wurden allerdings Sozialisten Nazis, denen Karl Marx die Religion als “Opium fürs Volk” ausgeredet hatte: Faschismus okkupiert nur zu gern den von der Religion freigegebenen irrationalen Raum.

Beide Phänomene gibt es auch in den USA: Ihre vielen christlichen Fundamentalisten jubeln Donald Trump zu, weil er eine Abtreibungsgegnerin zur Höchstrichterin macht. Aber dort, wo die Religion Raum freigibt, dringt faschistoides Denken und Fühlen nicht minder ein.

 Protestantismus als Basis des Kapitalismus

Amerikaner sind aber nicht nur besonders religiös- sie sind mehrheitlich “evangelikal”, also Protestanten. Seit Max Weber wissen wir, wie sehr der Kapitalismus auf Protestantismus aufbaut. Voran die Prädestinationslehre des Johannes Calvin besagt, dass das Leben jedes Menschen von Gott vorherbestimmt ist, der natürlich auch weiß, ob jemand zu den Verdammten oder den Erwählten zählt. Ein Zeichen, wohin man gehört, liefere allerdings der Lebenswandel: Wer gottgefällig- sparsam und fleißig- der Gemeinschaft diene, sei am ehesten auserwählt. Das verkam- keineswegs im Sinne des Erfinders- zu der Überzeugung, dass Reichtum gottgefällig ist. Dass der Kapitalismus Bürger höchst unterschiedlichen Reichtums hervorbrachte, war so gottgegeben wie selbstverständlich. Dass der Dienst an der Gemeinschaft mit zur Gottesgefälligkeit zählt, wurde zwar zunehmend vergessen- aber ein Rest davon äußert sich bis heute in der Bereitschaft reicher Amerikaner zu “Wohltätigkeit” .

Reichtum und Armut sind gottgegeben.

Einen “Sozialismus”, der es als Aufgabe des Staates und nicht wohltätiger Milliardäre ansieht, Arme zu unterstützen, hat es in den USA nicht gegeben. Dass Gewerkschaften dort dennoch als erste höhere Löhne und den Achtstundentag durchsetzten war nicht Verdienst sozialistischer Politik, sondern Ausfluss funktionierenden Kapitalismus` in einem sehr großen Land: Arbeitskräfte waren lange so rar, dass Unternehmer ihnen zwingend entgegenkommen mussten. Auch heute, da sie ihnen nicht so zwingend entgegenkommen müssen, glauben die Amerikaner an diesen puren Kapitalismus Calvinischen Zuschnitts an Stelle unserer sozialen Marktwirtschaft. Das hat meist den Vorteil, dass die US-Wirtschaft stärker wächst- und immer den Nachteil, dass der soziale Ausgleich zu kurz kommt.

Die Amerikaner sind- wie sich das für Religiöse gehört- innerlich überzeugt, dass der nirgendwo anders so große Unterschied zwischen Reichen und Armen ein Gottgegebener ist, den durch den Staat zu verwischen ketzerisch wäre. Die ärmsten Menschen in den ärmsten Bundesstaaten kämpfen wütend gegen staatliche Sozialprogramme und wählen Donald Trump, der die Steuern der auserwählten Reichen herabsetzt.

Ich setze nicht zuletzt auf genügend Agnostiker, um Trump zu verhindern.

 

 

 

 

 

13 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel, der in Zeiten wie diesen, in denen die Märchenerzähler und deren Arschkriecher fröhliche Urständ’ feiern wie seit langem nicht mehr.

    Und danke, dass Sie hier offenbar nichts und niemanden zensieren – man könnte sonst leicht vergessen, was so alles hierzulande die wahlrelevante Mehrheitsmeinung ausmacht: Die ist – abgesehen vom hier nicht offen vertretenen Kreationismus – kaum ein Jota aufgeklärter oder kritischer als jene in den Staaten.

    Und auch hier darf man sich bei jeder Wahl fragen, wie viele Ignoranzler, Zyniker und Profiteure sich zum sattsam bekannten rechtsextremen Narrensaum gesellen, wenn es ums Fressen aus dem Volkstrog geht. Gier und Egoismus sind beleibe keine Alleinstellungsmerkmale der US of A.

  2. grün – besonders der 2. Absatz “Seit der Supreme Court 2010 entschieden hat, in Wahlkämpfen Spenden jeder Größenordnung zuzulassen, können reaktionäre Milliardäre Abgeordnete und Gesetze kaufen (…) und dass die Nachfahren von Cambridge Analytics Wahlen manipulieren können.”

  3. Berichtigung: MARX postulierte nicht, dass Religion “Opium für das Volk” sei. Er formuliert in der “Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (in: Deutsch-Französische Jahrbücher, 1844) – “Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.” Damit drückt er aus, dass der Mensch die Religion und nicht die Religion den Menschen macht.

  4. Da sie sich in diesem Artikel u.a. (trotzdem schon wieder) am Kapitalismus abarbeiten wiederhole ich meine Buchempfehlung: “Der Antikapitalist – ein Weltverbesserer der keiner ist” von Thorsten Polleit.

    1. Wo arbeitet sich dieser Kommentar am Kapitalismus ab? Mir “Kapitalismus-Feindlichkeit” zu unterstellen, weil ich extrem ungleich verteiltes Vermögen für verfehlt halte ist – auch rein wirtschaftlich betrachtet- unsinnig: Wenn die untersten Sozialschichten, die derzeit extrem schlecht verdienen, etwas mehr verdienten, kauften sie deutlich mehr ein und das erhöhte die Gewinne der Unternehmen. (Henry Ford 1: “Ich muss meine Arbeiter gut bezahlen, damit sie meine Autos kaufen können.”

      1. In Österreich bezahlen die Unternehmer die Arbeitnehmer sehr gut! Es bleibt nur netto so wenig übrig weil der Staat sich zu viel an Steuern einbehält. Dafür ist in der Hauptsache sozialistische Politik verantwortlich. Sie unterstützen – wie einige Kommentare von ihnen belegen – eine Hochsteuerpolitik, sozialistische Parteien und sozialistische Politik. Sie befürworten viel zu sehr eine Ideologie die es vermeintlich gut meint mit der Bevölkerung und negieren die Auswirkungen dieser Politik wie man sie in Ländern wie Italien, Frankreich, Griechenland u.a. gut erkennen kann. Auch das vielgelobte sozialistische Vorbild-Land Schweden hat immer mehr mit den Folgen dieser verfehlter Politik zu kämpfen. Seien es Probleme mit Migration, organisierter Kriminalität oder auch die Probleme der jungen Schweden die keine Jobs bekommen weil auch in Schweden die linken Politiker so dumm waren einen Kündigungsschutz zu etablieren der Neuanstellungen blockiert. Die beabsichtigte Lockerung wird, wiederum von sozialistischen Gewerkschaften, verhindert. Der Denkfehler, dem auch sie unterliegen, ist zu meinen nur sozialistische Parteien würden einen Wohlfahrtsstaat begründen! Irrtum, auch konservative Regierungen haben ein Interesse am Wohlergehen der Bevölkerung. Deren Sozialsysteme wären aber mit ziemlicher Sicherheit gerechter, treffsicherer und nachhaltiger.

  5. “Gott” / Götter waren und sind auch immer die Ursache von Unfrieden. “Er” oder sie waren immer und überall eine reine Erfindung von (uns) Menschen aus den verschiedensten Gründen. Aber sie bestimmten / bestimmen unsere Kultur und die Form unseres Zusammenlebens.

    Wenn sich verschiedene Religionen geografisch nahe kommen oder sich gar örtlich vermischen, sind Konflikte erwartbar. Deshalb hat mich der Terrorakt in Wien von Montag überhaupt nicht überrascht. Im Gegenteil: Es wird in diese Richtung weitergehen, wenn der Staat nicht akribisch aufpasst.

    Über Religion / Gott / die Entstehung der Welt, … braucht man mit tief Gläubige nicht zu diskutieren, da es nichts bringt, und weil es sinnlos ist! Viel wichtiger ist es, potentielle Gefahren, die von solchen Menschen ausgehen, zu minimieren.

  6. Man könnte jetzt sagen: das sind die Protestanten und Evangelikalen, nicht die Katholiken. Biden ist Katholik, Coney Barrett eher auch, Kennedy war einer, John Kerry auch (wer sich erinnert).

    Im katholischen Verständnis ist Reichtum alles andere als gottgegeben und schon gar nicht gerecht.

    Aber natürlich haben auch wir Katholiken (geoutet) unsere Pharisäer und sind es manchmal selber.

  7. Es steht jedem frei, Assoziationen zuzulassen, in Österreich Patallelen zu suchen, auch wenn diese eingebettet in eine europäische Geschichte von Sozialismus ein ganz anderes Terrain vorfinden.

    Immerhin sagte Kickl mal bei Stöckl (zur Zeit der Koalition), er bete jeden Tag. Es ging das nicht geprüfte Gerücht, es gäbe im Parlament Morgengebete. Kurz ließ sich in einer christlich erleuchteten Riesenhalle gebetsstark feiern, Szenen, wie wir sie sonst nur aus Amerika kennen. Obwohl kaum derart mit Politikern.
    Spindelegger, der Kurz ins politische Leben hiefte, war/ist? Mitglied eines Ordens, der den Kreuzritterspruch DEUS VULT im Embleme führt. Gott will es. Als Außenminister eines sekulären Staates traf er bei Auslandsreisen auch in muslimische Länder stets irgendwelche “Christenführer”, vom Nahen Osten bis Nigeria. Wie das Saudische Zentrum in Wien entstand, durch welchen deal, wurde uns nie gelüftet. Involviert war Spanien, wo nahezu jede Familie irgendein Mitglied des opus dei kennt. Journalistisches Können könnte für uns daraus einen Reim machen. Es sind jedenfalls puzzles, die einer islamphobischen Politik offensichtlich zuträglich sind und – ich erlaube mir die brandaktuelle Realität als Assoziation in den Ring zu werfen -, junge Muslime in die Erfahrung der stete Ausgrenzung treiben und damit in die Radikalisierung.

    1. So wie sie sich, in so gut wie jedem ihrer Kommentare, über Kurz äußern dürften sie ein besonders großes Problem mit ihm haben. Da habe ich keine gute Nachricht für sie – zumindest wie es jetzt aussieht werden sie noch eine (oder mehrere – vielleicht sogar wieder in einer Koalition mit der FPÖ?) Regierungsperioden unter Kurz “aushalten” müssen. Ich jedenfalls würde das befürworten selbst wenn ich weiß, dass ich jetzt nach ihrem Selbstverständnis ziemlich weit unten innerhalb der “Moralpyramide” die sie und alle die sich als selbsternannte “Zivilgesellschaft” verstehen, errichtet haben, aufscheine. Es ist im übrigen ein Wunschdenken zu meinen auch immer mehr ÖVP Wähler würden das so sehen wie sie.

      In ihrem letzten Kommentar nennen sie Kurz “verschlagen” bzw einen Demagogen – glauben sie mir diese Aussage sagt mehr über sie als über Kurz aus.

      Wie viele aus ihrem politischen Spektrum liefern sie – schon wieder – dem Attentäter von Wien eine Entschuldigung für seine Taten. Die Vorstellung, dass jemand aus Überzeugung seinem Hass auf den Westen, Juden und Christen auf diese Art zum Ausdruck bringt ist ihnen offensichtlich völlig fremd oder darf es – im Sinne von “weil nicht sein kann, was nicht sein darf” – ganz einfach nicht geben. Es kann ja, ihrer Verblendung nach nur sein, dass es die Gesellschaft war, die den armen, ursprünglich unschuldigen Islamisten, durch Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben in seine ausweglose Situation, aus der er sich nur durch das Ermorden unschuldiger Menschen befreien konnte, derart radikalisieren musste.

      Ich erspare es mir meine Meinung noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen! (Immerhin möchte ich, dass mein Kommentar veröffentlicht und nicht von Herrn Lingens zensiert wird)

  8. Volle Zustimmung.
    Der Artikel ist das Klügste, das ich hier seit langem lesen durfte.
    Wegen solcher Analysen habe ich vor vielen Jahren, zunächst in der Wochenpresse, später im Profil den Leitartikeln entgegen gefiebert.
    Selbst dann, wenn ich nicht wie diesmal völlig gleicher Ansicht war.

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