Die EU muss ihr „Amazon“ schaffen

„Kaufhaus Österreich“ mag lächerlich sein, aber die Initiative ist richtig. Sie braucht nur andere Proponenten.

Leute, die etwas von Online-Plattformen verstehen, nennen „Kaufhaus Österreich“ wie Andreas Proschofsky im „Standard“ eine „Lachnummer“. Ich verstehe nichts davon und finde es nicht weiter schlimm, dass man dort eine Füllfeder aus verleimten Edelhölzern um 395 Euro findet und angeblich in zwei bis drei Tagen geliefert bekommt. Ausprobiert habe ich es nicht, weil meine Frau gemeint hat, dass das preislich eher etwas für Sebastian Kurz oder Harald Mahrer ist. Aber warum nicht auch eine Einkaufsplattform für Leute mit „genagelten Schuhen“, wie sie es nennt. Wenn`s funktioniert und die 627.000Euro einspielt, die es gekostet hat, dann war es den Versuch wert.

Dass hier, wie Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck erklärte, eine Alternative zu Amazon entsteht, hat sie wohl nicht ganz ernst gemeint.

Genau einer solchen Alternative aber bedarf es: Einer Alternative zu Amazon und Alibaba. Und dazu Alternativen zu Google, Facebook, Twitter, kurz zu all den Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Verfügung über gewaltige Datenmengen beruht- denn Daten sind das Gold von heute.

Der gefährliche Rückstand

Im Bereich traditioneller Technologie hat die EU mit Airbus ein Unternehmen geschaffen, das es mit dem US-Giganten Boeing aufnimmt, – aber es hat kein vergleichbares Unternehmen im digitalen Bereich. Das ist schon jetzt ein großer ökonomischer Nachteil, aber es wird ein extremer Nachteil im Konkurrenzkampf der Zukunft sein. Denn die Nutzung riesiger Datenmengen erleichtert es entscheidend künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln. Und KI wird in absehbarer Zeit auch entscheidend dafür sein, zu welchen Kosten KI-Roboter Flugzeuge für Airbus bauen. Die EU gerät in einen qualitativen ökonomischen Rückstand, wenn es im Bereich der Digitalisierung nicht demnächst zu einem massiven Aufholprozess kommt.

Bisher bemüht man sich nur – Österreich geht dabei voran- den US-Giganten steuerlich zu Leibe zu rücken: Über den Äther abgewickelte Geschäfte von US- Unternehmen sollen in der EU besteuert werden, auch wenn dies Unternehmen hier keine bedeutsamen Niederlassungen haben.

Die Besteuerung wird misslingen

Bezüglich Apple ist das selbst vor einem europäischen Gericht vorerst schief gegangen obwohl sein Produkt in Geschäften verkauft wird: Es entschied, dass die wesentlichen Patente Apples in den USA entwickelt wurden und in der EU daher nur zu versteuern ist, was hiesige Vertriebsunternehmen für sich einnehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei Facebook anders entschieden wird. Die enormen Werbeeinnahmen von Facebook fallen nun einmal bei dessen Erfinder Marc Zuckerberg in den USA an, auch wenn Millionen Europäer so blöd sind, ihm freiwillig intimste Daten zur Verfügung zu stellen.

Seit Jahren wird zwar auf unzähligen Tagungen versucht, Abkommen auszuhandeln, die dem Umstand Rechnung tragen, dass es Europäer sind, deren Daten die US-Digital-Giganten nutzen, und vielleicht lässt sich daraus tatsächlich ein moralischer Anspruch auf Besteuerung ableiten – aber ich bezweifle, dass er sich durchsetzen lässt. Wir werden die USA nicht zwingen können, unseren moralischen Anspruch anzuerkennen – das ist eine Machtfrage, bei der wir keinen Hebel besitzen. Es sei denn, alle EU-Bürger einigten sich plötzlich darauf, „Facebook“ oder „Amazon“ nicht mehr zu nutzen.

Wo bleiben die EU-Versand-Riesen?

Man muss, so fürchte ich, den beschwerlichen Weg gehen, Konkurrenzunternehmen aufzubauen. Diesbezüglich war die Initiative der Bundeswirtschaftskammer, so lächerlich sie sein mag, der richtige Ansatz. Aber er müsste nicht von der WKO mit 627.000 Euro ausgehen, sondern von den großen EU-Versandhandelshäusern wie Zalando, Otto-Versand oder Universal-Versand, die sich wahrscheinlich zusätzlich mit großen Kaufhausketten, wie etwa der spanischen „El Corte Inglés“ (angeblich Europas reichster Kaufhauskette) verbünden müssten, statt dass die derzeit anlässlich der Pandemie alleine versucht, ihren Online-Handel auszubauen. So wie beim Airbus-Projekt müssten diese relativ großen in unterschiedlichen Ländern beheimateten Unternehmen sich zusammentun und eine von vornherein riesige, alle Warengruppen umfassende gemeinsame Plattform schaffen, die in ihrer Benutzerfreundlichkeit von Beginn an nicht hinter Amazon zurücksteht.

Besser Dritter als gar nichts

Mir ist klar, dass das nicht leicht ist. Alleinentscheidende Generaldirektoren und Mehrheitseigentümer müssten plötzlich zu eng abgestimmter Zusammenarbeit bereit sein – vielleicht sogar bereit, einen von ihnen als „führend“ anzuerkennen. Dergleichen zehrt an Eitelkeiten. (So gab es etwa in Österreich einmal mit Blizzard, Kästle, Atomic, Kneissl und Fischer eine ganze Serie großartiger Skifirmen, die auf keinen Fall ihre Autonomie aufgeben wollten – so dass es die meisten davon heute nicht mehr gibt.)

Mir ist auch klar, dass es extrem schwer ist, in einem aufwendigen Geschäftsbereich nicht erster, sondern dritter hinter Amazon und Alibaba zu sein – natürlich ist es unendlich schwer, mit deren Rabatten mitzuhalten. Aber man muss es probieren. Ein wenig kann die EU schon zu einem europäischen Amazon beitragen: Es kann eine riesige gemeinsam finanzierte Werbe-Aktionen dafür geben, gegen die die USA als unerlaubte staatliche Unterstützung klagen wird. Aber darauf kann man sich einlassen. Es gibt ähnliche Klagen auch gegen Airbus, und das hat nicht verhindert, dass Airbus sogar Boeing überflügelt hat.

7 Kommentare

  1. Ihr Aufruf, ein europäisches Amazon zu schaffen kommt sehr, sehr spät. Amazon ist ja viel mehr als eine ‚Verkaufsplatform‘, das ist Up- und Downstream perfekt organisieret, das ist Künstliche Intelligenz und – am Wichtigsten – 100%iger Kundenfokus.
    Wenn wir in Europa ein Gegengewicht zu Amazon (und Alibaba, und Wish) schaffen wollen, brauchen wir ein ‚all in‘ von
    – allen Herstellern, vom Auto über zum Regenschirm zur Zahbürste -paste
    – allen Retailern, von Carrefour bis Rewe und Spar (die Spanier, Italiener, Polen(?) kenn ich nicht einmal – warum wohl ?)
    – europäischen Banken
    – europäischen Reiseveranstaltern
    – europäischen Fluglinienen
    usw. usf.

    All in heisst: 50Mrd Investment – mit dem Risiko,diese komplett abzuschreiben. Reward: Amazon in Europa aber auch in anderen Regionen der Welt als No. 1.

  2. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Europa hier mithalten würde. Aber leider hat man in Europa sich mit sich selbst beschäftigt und über Datenschutz diskutiert, während Amerikaner und Chinesen einfach gehandelt haben. Leider lautet die Diagnose, dass Europa in der New Economy, die sich im virtuellen Raum abspielt, völlig den Anschluß verloren hat. Als nächstes droht der Verlust der Führerschaft in der Old Economy, bestes Beispiel ist die Autoindustrie, wo Tesla heute einen höheren Börsenwert besitzt als Volkswagen.

    1. Wozu Gewinne, wenn man Phantasie hat? Ich traue mich vorauszusagen, dass die E-Mobilität (vom autonomen Fahren spreche ich gar nicht) in diesem Jahrzehnt in unseren Breiten (EU u. USA) nicht wirklich vom Fleck kommen wird, außer sie wird „zwangsverordnet“. Und dann brechen die Autokäufe (noch) weiter ein. Manche träumen sogar von elektrischen Drohnentaxis. Auch da werden die Aktien in die Höhe schnellen. Ich gebe zu: Hervorragende Zeit für Spekulanten …

  3. Volle Zustimmung! Vielleicht 2 Punkte: 627.000Euro für diese Webpage – ist ja unglaublich viel Geld für das, was dabei heraus gekommen ist…:(. Und ein kleiner Hinweis auf die europäische IT-Landschaft möge erlaubt sein: SAP ist durchaus ein weltweiter Player. Aber viele andere sind halt recht rasch auch mal von (US-) Firmen gekauft worden: Skype (Estland), Axapta (Dänemark), Navision (Dänemark) etc. – um nur mal 3 Firmen zu nennen, die von Microsoft geschluckt wurden.

  4. In diesem Zusammenhang: Gestern ging der Zimmervermittler AirBnB an die New Yorker Börse, der Kurs explodierte innerhalb weniger Stunden von 60 Dollar auf 140 Dollar.

    Das heißt, AirBnB ist das große Zukunftsgeschäft und Gewinner der Pandemie, die Hotels werden die Verlierer sein.

    Und da frag ich mich schon: Warum bringt man so ein einfaches Geschäftsmodell nicht in unserem Land respektive Kontinent zusammen?

  5. Völlig richtig. Statt Geld audzuschütten könnte man auch überlegen, solche neue Internetunternehmen für 5 Jahre steuerfrei zu stellen. Da gibt’s Modelle und wenn schon die US Firmen bei uns keine Steuern zahlen, dann wird sich das auch für eine europäische Firma organisieren lassen.

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