Noch einmal „Gender Pay Gap“

Fünf Vorschläge, es effizient und erfolgreich zu verringern. Im Abtausch gegen das Binnen-I

Der Weltfrauentag ist zwar vorbei, aber die finanziellen Probleme, in die die Pandemie voran Alleinerzieherinnen gestürzt hat, sind es in keiner Weise, so dass ich das Thema noch einmal aufgreifen möchte. Es ist mir insofern geläufig, als ich eine durch Jahre alleinerziehende Mutter zur zweiten Frau habe und der Sohn einer Alleinerzieherin bin.

Statt einer Pandemie hat Auschwitz die Berufslaufbahn meiner Mutter drei Jahre unterbrochen, so dass sie statt gut bezahlter Psychoanalytikerin schlecht bezahlte Sekundarärztin in einer Lungenheilanstalt wurde. Weil sie mich dort wegen der Ansteckungsgefahr nicht bei sich haben konnte, wechselte sie in den noch schlechter bezahlten Job einer nebenberuflichen Fürsorgeärztin. 1963 stieg sie freilich dank männlicher Protektion durch Justizminister Christian Broda zur Beamtin im Gesundheitsministerium und damit in eine Gehaltssphäre auf, in der Mann und Frau theoretisch gleich gestellt sind- sie werden mindestens „Ministerialrat“. Meine Mutter, obwohl Ärztin und Juristin, freilich als letzte, und während ihre Kollegen zum Karriere-Ende zu Sektionschefs befördert wurden, um in den Genuss der Höchstpensionen zu gelangen, blieb sie Ministerialrat. Die ihr vorgesetzten Sektionschefs waren zwar nie zugleich Ärzte und Juristen, aber dafür hatten sie die Auschwitz-Jahre meiner Mutter bei der NSDAP verbracht.

Ähnlich typisch verlief die Berufskarriere meiner zweiten Frau. Auch sie schloss zwei Studien, eines als Juristin, eines als Pianistin ab. Als das kleinere ihrer beiden Kinder drei war, brachte sie zwei marginal bezahlte Richteramtsjahre hinter sich, um sich als Richterin zu bewerben. Aber obwohl sie eine erste perfekte Übernahmeprüfung zum Strafecht abgelegt hatte, zeigte sich der Prüfer skeptisch: Da sie Kinder hätte, würde sie ständig fehlen und damit ungeeignet sein. „Ich habe die Kinder schon“, wendete sie ein. Noch schlimmer, meinte der Prüfer, „was werden Sie tun, wenn wir sie ins Waldviertel versetzen?“

Noch schlimmer war der zweite, entscheidende Prüfer, seines Zeichens Präsident des Oberlandesgerichtes: Nachdem sie eine Stunde hindurch jede seiner Fragen perfekt beantwortet hatte, erklärte er ihr, es gäbe keinen freien Platz. „Egal was ich mache- Sie wollen mich einfach nicht“, schrie sie ihn schließlich an und erntete damit immerhin die Gratulation seiner Vorzimmerdame: „Endlich hat`s ihm´s eineg`sagt.“

Ein paar Wochen später trat sie zufällig der SPÖ bei- drei Tage später erhielt sie einen Anruf aus dem Gericht: jetzt gäbe es einen freien Platz. Sie lehnte dankend ab und verdingte sich bei einem Anwalt, wo man als Frau 8.000 und als Mann 8.500 Schilling Anfangsgehalt erhielt. Nachdem sie zwei Jahre hindurch von Kindergartentermin zu Gerichtstermin und wieder zu Kindergartentermin gehetzt war, warf sie das Handtuch: Eine Anwaltskarriere- ein entsprechendes Einkommen- ist mit zwei Kindern nicht möglich. Sie wurde Juristin einer Bank und baute schließlich mit mir in Heimarbeit einen kleinen Verlag auf – „Home-office“ sollte die Pandemie überdauern.

Ich war, als ich sie kennenlernte, Herausgeber des profil mit Budgethoheit und habe das „Gender Pay Gap“ ökonomisch zu Gunsten des trend-Verlages genutzt: Ich habe vorzugsweise Frauen eingestellt, weil Ursula Pasterk, Trautl Brandstaller oder Elfriede Hammerl zu gleichen Gehältern ungleich besser als die meisten Männer schrieben. Für Hammerl richtete ich die damals erste „feministische“ Kolumne ein. Seit bald sechzig Jahren ist sie meine älteste, wichtigste Freundin, was freilich nicht nur mit ihrer intellektuellen Qualität zusammenhängt: In ihrer Jugend wurde sie von Kollegen, die in Schwechat die Ankunft der „Miss Welt“ erwarteten, mit ihr verwechselt. Auch ich bin ein Male Chauvinist Pig.

Entsprechend schwer fällt es mir, manche feministische Überzeugung zu teilen: Ich glaube zum Beispiel nicht, dass „Gendern“ erheblich zur Gleichstellung der Frau beiträgt: Im Englischen hat man nur mit dem Wort „Mankind“ zwar ein massives feministisches Problem- aber überall sonst fehlt die Geschlechtszuordnung. Trotzdem wüsste ich, die Stellung der Frau betreffend, keinen dramatischen Unterschied zu Ländern, in denen das Binnen-I durchgesetzt wurde und man politisch korrekt „mehr BürgerInnenmeisterInnen“ fordern müsste. Ich danke Gott, dass die Autorin Elfriede Hammerl in ihren Texten nicht schreibt, in die KonditorInnenei gegangen zu sein, und davon ausgeht, dass Männer „Göttinnen“ mitdenken, wenn sie „göttlich“ sagen.

Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, dass man (auch Mann) für anderes kämpfen sollte. Allem voran für „Betriebskindergärten“, die der Staat finanziell massiv fördern sollte, weil sie Frauen erlauben, Kinder ohne Hetze in die Arbeit mitzunehmen. Frankreich tut das seit Jahrzehnten und hat damit eine ungleich höhere Geburtenrate als Österreich, sogar die höchste in Europa. Dem gleichen Zweck (und dem Erlernen der deutschen Sprache) dienen Ganztagsschulen. Und wenn der Staat etwas dafür tun will, dass „soziale Kompetenz“ nicht soviel schlechter als „technische Kompetenz“ bezahlt wird, müsste er nur die Pflegerinnen in öffentlichen Spitälern und Altersheimen besser bezahlen, obwohl es das Budgetdefizit erhöhte.

Am meisten schlägt sich das Gender Pay Gap bei Arbeitslosigkeit im so viel niedrigeren Entgelt und im Alter in der so viel geringeren Pension nieder. Auch da könnte (sollte) der Staat eingreifen: Er könnte beides pro Kind um einen bestimmten Prozentsatz erhöhen. Das kostete abermals Geld -wäre aber leistungsgerecht.

Dafür hatte das stets rote Gesundheitsministerium in Primaria Ingrid Leodolter, eine der Verwaltung in keiner Weise gewachsene Chefin, weil Bruno Kreisky „auch Frauen“ in der Regierung haben wollte. (Mit Hertha Firnberg bestellte er allerdings eine perfekte Wissenschaftsministerin).

Sebastian Kurz setzte seine Regierung, dem Zeitgeist entsprechend, zur Hälfte aus Frauen zusammen – dem verdankten wir Christine Aschbacher.

Die Geschichte meiner Frau passt immer noch.

5 Kommentare

  1. Lieber Herr Lingens, wenn Österreich doch nur mehr Journalisten hätte, die keine Scheu davor empfinden, manchmal auch einfach die Wahrheit zu sagen – selbst wenn es eine ganz persönliche ist. Da es von der Wahrheit nie genug geben kann, lassen Sie mich Ihre Bemerkungen noch um folgende Überlegungen ergänzen: „Warum ich leider nicht modern bin“ (https://www.gerojenner.com/wp/warum-ich-leider-nicht-modern-bin-plaedoyer-fuer-ein-machofrei-deutsch-neusprech/).

  2. Herr Lingens, es spricht für Sie, wenn darauf hinweisen, dass Ihre Mutter
    1963 dank männlicher Protektion durch Justizminister Christian Broda zur Beamtin im Gesundheitsministerium aufgestiegen ist und Sie trotzdem zehn Jahre später als profil-Herausgeber der heftigste Kritiker von Broda waren. Respekt!

    Keinen Respekt kann ich aber Ihrem letzten Absatz zuordnen, wenn Sie einmal mehr über Bundeskanzler Kurz lästern wegen der Plagiatsaffäre um Aschbacher.

    Mit Ihrer roten Brille übersehen Sie wie immer, dass Kurz hier sofort eingegriffen hat und Aschbacher abgesetzt wurde. Sie verlieren aber kein Wort über den
    aktuellen Plagiatsskandal in Deutschland.

    Da wurde doch glatt die SPD Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beim Schummeln erwischt und versucht sich mit einem Verzicht auf ihren unrechtmäßigen Doktortitel rauszuwurschteln.

    Wortwörtlich ließ sie verkünden: „“Ich bin nicht gewillt, meine Dissertation und das damit verbundene nun neu aufgerollte Verfahren weiter zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen zu machen. Aber ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst“.

    Und wie reagiert die SPD?: Sie hält daran fest, dass Giffey Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2021 werden soll.

    Es ist immer das gleiche: Bei Fällen wie Aschbacher oder beim deutschen CDU Verteidigungsminister Guttenberg gibt es von der linken Seite – und dazu zähle ich auch Sie – einen lauten Aufschrei wegen Plagiatssünden.

    Aber wenn Analoges bei der linken Reichshälfte passiert: Rasch alles unter der roten Tuchent verstecken! Und gleich einmal wieder auf Sebastian Kurz hindreschen!

    Und wenn Sie meinen Zeilen nicht Glauben schenken wollen, hier der Beweis:

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/11/plagiatsvorwuerfe-giffey-doktortitel-fu-berlin.html

    1. Sehr geehrtes Megaphon,
      offensichtlich haben Sie ein passendes PSEUDONYM gewählt. Rausplärren statt sachlich kommentieren. Megaphon – Kronenzeitung und – Boulevardstil vom Feinsten.

      Zu ihrer geschätzten Information: Wenn Sie sich offensichtlich so für die deutsche Innenpolitik interessiert, würde ich ihnen Produkte wie SPIEGEL oder Hamburger ZEIT ans Herz legen.

      Und wieder kritisiert Hr. Lingens unseren Herrn BK Kurz. Sagt nichts über die Skandale bei den italienischen, französischen und spanischen Sozialdemokraten – eine Frechheit ist das, da stimme ich Ihnen völlig zu.

      Zu ihrer Information (und zur allfälligen Erweiterung ihres Horizonts über die KRONE), es gibt nicht nur die Affäre Aschbacher, sondern auch jene des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, wo inkompetente und unfähige Beamte in einem für den Staat essentiellen Sicherheitsapparat, dem“ BVT,“ eklatant versagt haben. Was am 2. November 2020 vier Menschenleben gekostet, und 23 teils schwer verletzte Menschen gefordert hat.
      Konsequenzen im Sicherheitsapparat? Auf gut Österreichisch: keine im Personalbereich. Dafür werden die „Gesetze“ geändert und/oder eine neue Abtlg. (mit dem alten inkompetenten Personal) geschaffen.

      Noch eine Information zum Thema Sebastian Kurz und Corona:
      BK Kurz hat am Anfang der Bekämpfung von Corona gesagt, es wird alles unternommen von ihm unternommen werden, um das Virus möglichst rasch zu besiegen – „KOSTE ES, WAS ES WOLLE.“ Jetzt ist Folgendes passiert:
      Am 23. Dezember sagte Bundeskanzler Kurz, dass er bezüglich Impfstoffbeschaffung in ständigem Kontakt mit der EU-Kommission und den beteiligten Pharmaunternehmen stünde. Jüngst wurde bekannt, dass Österreich freiwillig auf Johnson&Johnson-Impfstoffe für 1,5 Millionen Menschen verzichtet hat. Das ist ein Drittel der Menschen, die voraussichtlich bei uns geimpft werden.

      Soviel zur Pandemiebekämpfung von Kurz & Co. abseits der medialem Selbstbeweihräucherung!
      Ich freue mich (es ist immer dasselbe) schon auf Ihren nächsten Kommentar, liebes Megafon.

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