Der Impfvorsprung der Widerlinge

Die Osterruhe ist zu kurz. Nur Impfen erspart Lockdowns. Der US-Vorsprung kommt daher, dass Donald Trump der Forderung neoliberaler Ökonomen nach Planwirtschaft folgte

Alle, die etwas davon verstehen, sind ausnahmsweise einig: Nur ein schon vorige Woche einsetzender landesweiter beinharter Lockdown hätte ausgeschlossen, dass die „britische“ Covid-19 Welle unsere Intensivstationen an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringt. Für Günter Platter, dessen Weitsicht seinem Bundesland bekanntlich schon bisher weltweites Corona-Ansehen beschert hat, kam das freilich nicht in Frage. Unter neun Landesfürsten zeigte nur Michael Ludwig letztlich Einsicht, so dass trotz des Zögerns von Johanna Mikl-Leitner und Hans Peter Doskozil zumindest der eben beginnende Ost-Lockdown zustande kam. Freilich nur vom 1. bis 6. April, obwohl Epidemiologen zwei Wochen fürs Minimum halten. Zwingende Folge: Die „Inzidenz“ wird nicht nur im Osten, sondern in ganz Österreich und bald auch in Vorarlberg kritisch sein. Die Wirtschaft wird darunter länger und stärker leiden, als sie unter einem ausreichend langen, noch so harten Lock Down gelitten hätte.

Die obszöne „Coronadiktatur“

Wahrscheinlich ist das politische Gespür der Politiker, die ihn vermieden haben, vorerst dennoch nicht so falsch: Die Zahl der Österreicher, die keinen Lockdown mehr erleben wollen, ist ungleich größer als die Zahl der zusätzlich anfallenden Covid-19-Toten. Die FPÖ agiert jedenfalls durchaus erfolgreich, indem sie Anti-Corona Demos befördert: Tausende, die ohne Maske und Abstand marschieren und Hunderte, die „Kurz muss weg“ brüllen, sorgen für maximales Viren-Spreading und Herbert Kickl, der uns als Innenminister Trojaner aufs Handy schicken wollte, schützt uns jetzt vor „Corona-Diktatur“. Um es in seiner ganzen Obszönität festzuhalten: In Belarus oder Myanmar fordern todesmutige Frauen Demonstrationen gegen fortgesetzte Wahlfälschung und putschende Generäle, die auf ihr Volk schießen lassen- in Österreich husst Kickl zu Demonstrationen gegen Maßnahmen auf, die dem Schutz vor einer Seuche dienen, parlamentarisch beschlossen wurden und alle zehn Tage parlamentarisch überprüft werden.

Dass die Bevölkerung dieser Maßnahmen müde ist, verstehe ich. Es ist auch nicht vergnüglich, mit 81 Jahren und drei Herzinfarkten zu den von ihnen Geschützten zu gehören, denn auch dieser Schutz wird irgendwann zu viel verlangt sein. Aber es ist nicht zu viel verlangt, dass Leute wie ich rascher geimpft werden. Gute Informatiker – „Willkommen Österreich“ hat es vorgeführt- sind für höchstens hunderttausend Euro in der Lage, eine Plattform zu programmieren, auf der man sich mit Alter, Adresse, Beruf und Vorerkrankung einloggt und die dann automatisch Impftermine und Adressen ausspuckt. Je eine solche Plattform pro Bundesland oder noch besser eine für ganz Österreich hätte es seit Monaten geben können.

Der Erfolg Trumps, das Versagen der EU

Entscheidend fürs Impftempo ist freilich ausreichend Impfstoff und diesbezüglich muss sich die EU-Kommission dringend mit ihrem Versagen auseinandersetzen, denn es ist ein systemisches Versagen: Sie war zu langsam und zu sparsam. So schwer mir diese Feststellung fällt: Ausgerechnet Donald Trump hat die Impfstoffbeschaffung perfekt gehandhabt. Und zwar zu meinem Leidwesen, indem er auf eine Gruppe neoliberaler Ökonomen gehört hat, wie sie die Universität von Chicago hervorbringt und wie sie als Regulierungs-Gegner 2009 entscheidend zur Finanzkrise beigetragen haben. Diese „Chicago-Boys“ überzeugten Trump, dass es im Kampf gegen eine Pandemie in erster Linie um Tempo geht: Es gilt, der exponentiellen Verbreitung von Infektionen Paroli zu bieten. Innovative Medikamente, so überzeugten sie Trump am Beispiel von Aids, nützten dabei ungleich mehr als die Forderung nach einem veränderten (sexuellen)Verhalten. Gefordert sei daher die Beschleunigung medizinischer Innovation. Um die zu erreichen zeigten sie allerdings eine Einsicht, die Neoliberalen normaler Weise fremd ist: Der „Markt“, so befanden sie, honoriere medizinische Forschung nicht rasch genug- deshalb müsse die öffentliche Hand in Frage kommenden Firmen diese Forschung, die Schaffung von Produktionskapazitäten, ja sogar den Kauf großer Mengen von Covid-19-Medikamenten im Voraus bezahlen. So kam es zu den 18 Milliarden, die Trump schon investierte, bevor er Impfstoffe kaufte. Dass er für die Durchführung Gustave Perna, einen Vier-Sterne-General beauftragte war möglicherweise auch zweckdienlich.

Die schnelle US-Zulassung – die langsame EU-Zulassung

Es war voran germanische Spargesinnung, die ein vergleichbares Vorgehen der EU verhindert hat, obwohl unsere „soziale Marktwirtschaft“ theoretisch viel besser als der Neoliberalismus um die Wichtigkeit großzügig finanzierter Forschung und Beschaffung weiß. Aber Ausgabenbremsen bremsen auch gezieltes Denken.

War das Eintreten der Chicago Boys für fast planwirtschaftliche Vorfinanzierung der Forschung unerwartet, so kritisierten sie erwartungsgemäß das Tempo der staatlichen Gesundheitsbehörde FDA bei der Zulassung von Medikamenten: Bei Seuchen- wieder verwiesen sie auf die exponentielle Verbreitung – müsse Schnelligkeit vor Genauigkeit gehen. Trumps soziale Medien erzeugten den Druck, der die widerstrebende FDA soviel früher als die EMA eine vorläufige Notzulassung für Pfizer und Moderna erteilen ließ. Zusammen hat das dafür gesorgt, dass in den USA schon ein Drittel, in der EU nur ein Zehntel der Bevölkerung geimpft ist.

Nur schnellstes Impfen kann die Pandemie auch bei uns besiegen. Israels Benjamin Netanjahu, den es ohne Impftriumpf nicht mehr gäbe, hat gezeigt, wie es geht; Österreich impfte zu Recht durchgehend AstraZeneka, obwohl die Meldungen über Thrombosen nicht abreißen. Ungarns Viktor Orban impft schon jetzt mit Erfolg Sputnik-V. Und Sebastian Kurz will zu Recht das gleiche.

9 Kommentare

  1. Meine Mutter in Ungarn ist 86 Jahre alt und wurde im März mit Pfizer geimpft, nicht mit Sputnik. In einer Kleinstadt. Nicht einmal in Budapest, das man sagen könnte, „die Budapester bekommen den besseren Impfstoff und am Land den schlechteren“. Meine Zwillingsschwester, die sie begleitet hat, hat extra die Schachtel aus dem Papierkorb der Impfdame gefischt und hat aufgehoben. Von Sputnik haben sie nicht gehört, wer damit geimpft worden wäre.

  2. Mich ärgert, dass wir immer noch jede Menge von „Experten“-Kommentaren im Fernsehen serviert bekommen, die sich teils umständlich, teils unverständlich ausdrücken, ihr Expertentum für die einfache Bevölkerung („gewöhnt Euch gefälligst an unsere Anglizismen!“) dahingehend beweisen, dass sie den AstraZeneca-Impfstoff zuerst „nicht für die Gruppe 65+ geeignet“ eingestuft haben, ihn in Österreich jetzt „ausschließlich für die Gruppe 65+“ einsetzen lassen. Meldet man sich – der Gruppe 65+ zugehörend – beim Impfservice der Stadt Wien an, ist die letzte Information, die man als Bestätigung des Termisn aufs Mobiltelefon oder per E-Mail erhält die des Impfstoffs: „AstraZeneca“.
    Okay, die Impfkampagne ist kein „Kindergeburtstag“, bei dem man sich was wünschen kann, aber würde man anstatt „völlig gesund“ eine andere, gesundheitlich eingeschränkte Option wählen, beeinflusst man damit die Auswahl des Vakzins: doch eher kränklich – Moderna oder Pfizer-BionTech!
    Ich finde es ausgesprochen „fies“, dass seitens der Behörden so getan wird, als liefe alles völlig korrekt und nur nach medizinischen Grundsätzen ab! Wer es probiert, „sucht sich ein Leiden aus“ und täuscht / übertölpelt damit das System und die „Experten“! Und wer es nicht tut (wir haben es nicht getan, ärgern uns aber trotzdem über diese Art der „Wahlmöglichkeit“) liefert sich dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aus und bekommt, wovon derzeit wahrscheinlich am meisten vorhanden ist: AstraZeneca! Und frägt sich, ob und wenn ja welche Nebenwirkungen (die sind bekannetrweise bei AstraZeneca prozentuell am höchsten) einsetzen werden. Und das alles nur deshalb, weil ein Beamter, der eigentlich WHO-Direktor von Europa werden wollte, eigenmächtig und ohne Rückfragen ein vorhandenes Impfstoff-Angebot zurückgewiesen hat, vermutlich eingedenk der zu erwartenden Vorwürfe eines Finanzministers (mit schwachem Erinnerungsvermögen, der die Mittel für Impfstoffe extrem niedrig halten wollte), dass der vorgegebene Kostenrahmen von 122 Mio EUR überschritten wurde.

  3. An sich stimme ich diesem Kommentar weitgehend zu. Auch der Einschätzung zum Vorgehen der Neoliberalen –
    der Beweis der überlegenen Alltagstauglichkeit dieser Ideologie in ihrer zentralen Nation zeigt sich klarerweise in der weltweit höchsten Anzahl an Fällen und der weltweit mit Abstand höchstenTodesrate.

  4. Ich kann ihnen diesmal leider nicht beipflichten. Nach hunderttausenden Erkrankten durch Nebenwirkung, hunderten Toten (davor haben sie ja auch gewarnt vor der Einführung, dieses „Risiko“ ist zu tragen, kennt wer die Infos und Videos noch nicht?) duzende Erblindeten, Ärzte und Wissenschaftler die die Impfung verweigern, ist für mich die Entscheidung schon lange klar. Wenn ich mein Gehirn frage, ob ich mir etwas in den Körper tue was nicht in meinen Körper gehört und mit hohen Gesundheitsrisiken verbunden ist oder mich der „Gefahr“ aussetze vielleicht einen Virus zu erwischen der von meinen körpereigenen Abwehr zu 99,9 % vernichtet wird, bekomme ich das klare Bild mich für die risikoärmere Variante zu entscheiden!

    Und ich bin kein FP-Anhänger sondern seit 1987 Personaltrainer, Fitness- und Ernährungsberater und im Vorigen Jahrhundert auch Mitgestallter in „Bewusster Leben“/Krone, Gesundheit SI, Österr. Apothekerzeitung. Der richtige Ansatz wäre mehr in die Gesundheitsprävention, Krankenhausinfrastruktur und Personal zu investieren. Will niemand die Sandale, Wiedersprüche und Meinungsänderungen/Lügen wahrnehmen rund um diese Krise. Obwohl 2003, 2009, 2017 mehr an Viren gestorben sind in einem Jahr und man schon nun das 3. Mal versucht dieses Angstszenario, ausgelöst durch das RKI, und den Pharmalobbyisten zu etablieren um die Leute zu Massenimpfungen zu nötigen. Ich könnte ihnen noch mehr erzählen, welche gefahren in zu viel Impfen steck, ähnlich wenn man zu viel Antibiotika bekommt, man schwächt seine eigene Abwehrkraft. Selbstverständlich darf Geimpft werden und die Obsorge sollte den vulnerablen Gruppen gelten, was die Regierung versprochen hat, aber daran kläglich gescheitert ist.

  5. Herr Lingens, Ihre Aussage:“ Ausgerechnet Donald Trump hat die Impfstoffbeschaffung perfekt gehandhabt“ ist Labsal auf meine Seele.

    Ich habe immer wieder gepostet und darauf hingewiesen, dass nicht alles, was Trump gemacht hat, das Schlechteste war.

    Und Trump wäre auch sicher niemals so blöd gewesen, Putin als Mörder zu beschimpfen.

    1. Ausser ein paar Tirolern glaubt wohl niemand, dass er alles richtig gemacht hat. Genauso wenig gibt es jemanden der ständig alles falsch macht.
      Selbst bei den Nazis wird man irgend etwas finden, das man als richtig bezeichnen darf, die ordentliche Beschäftigungspolitik war es jedenfalls nicht. An der Beurteilung des Nationalsozialismus ändert ein Detail genau überhaupt nichts.
      Man braucht Trump nur reden hören, um zu erkennen wes Geistes Kind er ist.
      Und, ja Trump, Johnson und Netanjahu haben bei der Impstoffbeschaffung fast alles richtig gemacht und die EU hat versagt.

    2. Die großen medizinischen hochkulturen china, russland, indien haben noch keine 10 prozent geimpft.
      Die nationen könnten, wenn sie wollten. Sie haben mehrere impfstoffe. Exportieren jede menge. Es gibt keine gutpunkte fürs impfen in china. Fragt sich keiner, warum? Die hälfte der bevölkerung will sich nicht impfen lassen. Und nur 42 % des gesundheitspersonals.
      Tun Sies. Antwort erbeten. Bitte am boden bleiben.

  6. Guter Kommentar, und da ich 15 Jahre in Chicago lebte und dort engen Kontakt zu den ‚neoliberalen‘ Kreisen hatte, freut mich der Erfolg deren Einfluss

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