Wie Covid-19 die Ungleichheit erhöht

In der Krise wuchs der ökonomische Abstand der USA zur EU, der reichen zu armen Ländern und reicher zu armen Bürgern. In Österreich wächst der Abstand zu Zuwanderern.

Historische Pandemien wie die Pest hatten einen raren Vorteil: Sie verminderten die Ungleichheit. Denn wo ein Drittel der Bevölkerung wegstarb, mussten die Reichen Handwerker und Landarbeiter höher entlohnen, um nötigste Leistungen zu erhalten. Covid-19 kann man diese nivellierende Wirkung nicht nachsagen: Zwar sanken für ein paar Monate die Aktienkurse, aber sie haben sich längst erholt, während die hohe Arbeitslosigkeit fortdauert und nicht einmal die Gehälter von Pflegerinnen stiegen.

Auch reiche Länder, die USA und die Industrieländer Europas, werden sich wirtschaftlich weit schneller als arme Länder erholen, verfügen sie doch über weit mehr Impfstoff. Joe Biden schlug deshalb vor, den Patentschutz befristet zu lockern, um die Impfstoffproduktion armer Länder zu verbilligen. Das kann als humane Großtat in die Geschichte eingehen, wenn es mit der nötigen Weitsicht geschieht. Denn „Patentschutz“ ist ein rechtsstaatlicher und damit ebenfalls humaner Wert: Pharmafirmen haben Impfungen auch deshalb so atemberaubend schnell entwickelt, weil sie im Vertrauen auf „Patentschutz“ mit hohen Gewinnen rechnen durften. Ihnen diese Gewinne zu sehr zu nehmen- sie zu enteignen- scheint mir daher problematisch. Ich erhoffe folgenden Kompromiss: Um der Lockerung des Patentschutzes zu entgehen, senken Pfizer & Co die Lizenzgebühren. Die werden von den armen Ländern entrichtet, indem EU und USA sie dabei finanziell unterstützen, weil sie am meisten vom weltweiten Ende der Pandemie profitieren.

Weil sie davon profitieren wenden die USA viel mehr Geld als die EU für ihre wirtschaftliche Erholung auf. Nachdem sie den Wirtschaftseinbruch dank hohen Arbeitslosengeldes von vornherein geringer hielten, lässt die ungleich intelligentere Wirtschaftspolitik- ohne unsinnige Angst vor hohen Staatsausgaben- sie bekanntlich ungleich mehr in die Zukunft investieren. Der ökonomische Abstand zur EU wird sich daher durch Covid-19 massiv vergrößern.

In Österreich vergrößert Covid-19 den vorhandenen Abstand zwischen eingesessener und zugewanderter Bevölkerung. Denn Bürger „mit Migrationshintergrund“ wohnen in viel größerer Zahl in kleinen Wohnungen, in denen man sich leichter ansteckt. Sie arbeiten öfter in Berufen mit erhöhter Ansteckungsgefahr- an Supermarktkassen, in der Pflege, in Schlachthäusern. Und weil sie so selten in gehobenen Berufen tätig sind, waren sie auch seltener durch Heimarbeit vor Ansteckung geschützt. Alle drei Handikaps teilen sie zwar mit heimischen Geringverdienern, voran Frauen, aber deren Kinderzahl ist doch meist viel geringer.

„Migranten“ haben aber nicht nur mehr Kinder, sondern hängen auch mehr an der Familie: Heimweh und die oft höhere Religiosität macht ihnen die Teilnahme an Hochzeiten oder Gottesdiensten unter Landsleuten besonders wichtig und erhöhte das Infektionsrisiko damit erheblich. Gelegentlich fühlen sich junge Männer aus Macho-Gesellschaften auch über Abstands- oder Masken-Regeln erhaben, aber das Gros der Migranten hielt diese Regeln viel eher mangels Sprachkenntnis ungenügend ein. In Berlin, wo sich die angeführten Phänomene summieren, schätzen Gesundheitsbehörden die Zahl der Covid-19 Erkrankten mit Migrationshintergrund auf zwei Drittel der insgesamt Infizierten – in Wien wird es kaum völlig anders sein.

Das größte daraus erwachsende Covid-19 Problem wird erst in Zukunft dramatisch sichtbar: Kinder mit Migrationshintergrund haben durch die Unterrichtsausfälle noch viel geringere Chancen auf höhere Schul- und Lehrabschlüsse. Denn noch seltener als Kinder der heimischen Unterschicht hatten sie Laptops und kaum je konnten ihnen die Eltern beim Homeschooling helfen. Dass das reiche Österreich nicht jedem Kind einen Gratis-Laptop zur Verfügung stellte, ist einmal mehr der „Ausgabenbremse“ geschuldet: „Sparsam“ nimmt man mehr Jugendliche mit mangelnder Schulbildung in Kauf, obwohl das zwingend mehr künftige Arbeitslose bedeutet. Zugleich schafft es mehr Covid-19 Folgetote: Ungenügende Ausbildung und damit weit höhere Armutsgefährdung verkürzt die Lebenserwartung um zehn Jahre.

In Spanien wurde die vergrößerte Spaltung in Einheimische und Zugewanderte politisch bereits genutzt: Die Kandidatin der konservativen Partido Popular (PP), Isabel Díaz Ayuso, errang in der Vorwoche einen triumphalen Wahlsieg, indem sie einerseits darauf hinwies, dass Covid-19 voran unter Migranten wüte und anderseits die „Diktatur“ anprangerte, die die linke Regierung per Lockdown errichtet habe: Ayuso ließ sich als „Freiheitskämpferin“ feiern, indem sie Madrids Cafés und Restaurants trotz voller Intensivstationen offenhielt. Vermutlich wird die PP auf der Basis dieser Strategie die nächste spanische Regierung anführen.

In Österreich profitierte die FPÖ nur vom „Freiheitskampf“ gegen die „Corona-Diktatur“, den sie jetzt um den Kampf gegen den „Impfzwang“ erweitert hat. Weil die Regierung Geimpften vernünftiger Weise wesentliche Erleichterungen beim Zugang zu Events oder beim Reisen gewähren will, wettert Herbert Kickl, der uns als Innenminister Trojaner aufs Handy schicken wollte, jetzt gegen den entstehenden „de facto Impfzwang“, den ich, „Antidemokrat“ der ich bin, ausdrücklich begrüße: Er bietet die Chance, dass Covid-19 in absehbarer Zeit so selten wie Masern oder Kinderlähmung ist. Man kann aber natürlich auch auf dem Standpunkt von Boris Johnson stehen, der gesagt haben soll: „Lieber sollen sich Leichen türmen.“

2 Kommentare

  1. Kinderreichtum ist in unserer Gesellschaft nur dann ein Problem, wenn man nicht in der Lage ist, ausreichend für die Nachkommenschaft sorgen zu können. Das kann verschiedene Gründe haben, ist aber doch meist auf gesellschaftliche Randgruppen (schlecht ausgebildete Bevölkerungsschichten mit geringeren Erwerbschancen – auch wegen bestehender Sprachbarrieren!), beschränkt. Unsere Gesellschaft mit dem Modell des Wohlfahrtsstaates ist zumindet darum bemüht, soziale Härten abzumindern – der Rest, den die Gesellschaft nicht schafft, bleibt jedoch in der Eigenverantwortung der Menschen. In anderen Kulturen bedeutet Kinderrreichtum zumindest einen einigermaßen gesicherten Lebensabend für die Alten, weil der Nachwuchs für die Eltern (Älteren) sorgt. Wie aber soll es in unserer Kultur gelingen, die gewohnten und bislang funktionierenden Lebensrhythmen am Laufen zu halten, wenn ein Wirtschaftssystem wie das unsere unter dem Druck von Corona durch die Politik abrupt gestoppt wird? Es liegt zweifellos in der Verantwortung des Staates und der agierenden Organe, d.h. der Politik(erInnen), für seine BürgerInnen und deren Nachwuchs in Krisenzeiten ausreichend zu sorgen, wenn durch eine Pandemie Arbeitslosigkeit und finanzielle Notlagen die Menschen in ihrem gewohnten Fortkommen und Überlebenskampf hindern. Aber was war das Erste, was diese Bundesregierung geschafft hat, als Corona bei uns eingezogen ist? Das „alte“ Epidemiegesetz wurde durch ein neues Pandemiegesetz ersetzt! Damit jeder weiß, was „Kurz und Co“ so vorhatten, als sie das „Ende des Weiterwurschtelns“ angekündigt haben! Ich denke, dass viele Österreicherinnen und Österreicher mit etwas längerem Gedächtnis als die ÖVP-Stammwählerklientel sich ein Bild machen konnten, wie diese Bundesregierung / dieser Finanzminister / die Tourismusministerin / die Frauenministerin in Krisenzeiten mit der Bevölkerung und ihren vielfältigen Notsituationen umgegangen sind und weiterhin umgehen. Und welche Interessen treten jetzt, kurz vor dem Ende des Lockdowns wieder rasant zutage? Die Angst der Wirtschaftstreibenden in der Hotellerie und in der Gastronomie, dass nicht genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden, weil es sich die Arbeitslosen bereits auf ihren „Pfründen“ gemütlich gemacht haben könnten! Da muss man natürlich gleich die Kürzung der Arbeitslosenunterstützung androhen, wenn man meint es könnte demnächst an Personal fehlen… Wir sind die Arbeitswilligen, wir hauen uns mit verve rein ins Geschäft, aber die anderen, die Obezahrer, die Langschläfer und Faulen, kurz gesagt: die Anderen.
    SO SPALTET DIE TÜRKIS-GRÜNE REGIERUNG DIE GESELLSCHAFT!
    Es ist daher zu hoffen, das den „Blinden“ unter dem Wählervolk endlich die Augen geöffnet werden oder von selbst aufgehen, damit auch sie sehen können, welche Veränderungen unter Türkis-Blau angedacht und unter Türkis-Grün allmählich umgesetzt werden. Die enttäuschte Grüne Wählerschaft, die von den Vertretern der Opposition nur mehr mitleidsvoll belächelt werden kann, täte jedenfalls gut daran zu überlegen, welche Koalitionspartner ihren eigenen Interessen wohl näher stehen und wo sie eigentlich hingehören: zu Türkis und Rechtsaußen oder Partei(en) Links der Mitte.

  2. Es stimmt: Zuwanderer (Migranten, Flüchtlinge, Asylanten, …) leben meist in kleinen / kleineren Wohnungen. Warum wohl? Weil sie sich größere nicht leisten / kaum können. Und warum verdienen sie weniger? Weil sie bei uns am Arbeitsmarkt kaum / schlecht einsetzbar sind. Viele können und wollen auch nach Jahren nicht wirklich so arbeiten wie „unsere“. Das ist natürlich auch „kulturell“ bedingt. Sie wurden / werden eben anders sozialisiert.
    Um diese Zusammenhänge zu erkennen, muss man nicht unbedingt „rechts“ sein. Sahra Wagenknecht ist auch eine Linke – jedoch eine mit Realitätssinn.

    Dass Migranten aus „anderen Welt-Gegenden“ wesentlich mehr Kinder haben als „unsere“, wird schon mittelfristig ein sehr großes Problem werden. (Ein Blick in große deutsche Städte, aber auch nach Favoriten zeigt das deutlich.) Corona wird dagegen eine Kinderkrankheit sein die vergeht …

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