Die Mühen der Klima-Ebene

In Worten klingt „Fit for 55“ perfekt – in der Realität ist es ein Hindernislauf. Neue Straßen sind Hindernisse. Grüne Proteste verhindern den meisten „grünen“ Strom.

„Fit for 55“ klingt nach dem optimalen Programm, den CO2-Ausstoß der EU bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren: Der Handel mit ständig sich verteuernden CO2-Zertifikaten soll dafür sorgen, dass er dort zuerst verringert wird, wo es am kostengünstigsten ist; eine sukzessiv erhöhte CO2-Steuer soll dafür sorgen, dass alles, was CO2 produziert, sich sukzessive verteuert; das so eingenommene Geld soll die Belastungen der jeweils Betroffenen ebenso abfedern wie ein eigens geschaffener Sozialfonds von 70 Milliarden Euro; und Zölle sollen die Importe aus Volkswirtschaften, deren CO2-Ausstoß sich nicht in diesem Ausmaß verteuert, so belasten, dass daraus fairer Wettbewerb folgt.

In der Praxis ist „Fit for 55“ ein Hindernislauf: Die EU kann steuerlich nichts vorschreiben, nur empfehlen; in der Vergangenheit haben sich CO2-Zertifikate kaum verteuert- Industrien mit starker Lobby erhielten sie billigst; jede Volkswirtschaft wird versuchen, „ihre“ CO2-Steuer so niedrig wie möglich anzusetzen um keinen Wettbewerbs-Nachteil gegenüber „anderen“ zu haben; und die Zölle, die Wettbewerbs-Fairness gegenüber China oder den USA sichern sollen, werden schwer zu ermitteln und noch schwerer gegen sie durchzusetzen sein.

Zugleich haben die Gelbwesten-Proteste gezeigt, wie allergisch die Bevölkerung auf die Verteuerung von Treibstoff reagiert- jetzt tritt die Verteuerung von Brennstoff durch die CO2 -Steuer und aller Güter durch teurere Zertifikate hinzu. Dass Abermillionen Diesel- und Gas-Heizungen ausgetauscht werden müssen, trifft mit Haus- und Wohnungseigentümern wenigstens eher Wohlhabende (es ist eine ungewollte Immobiliensteuer), doch gleichzeitig profitieren zumindest die Aktien-Besitzer unter ihnen vom zweifellos verstärkten Wirtschaftswachstum. Alle anderen erleiden freilich massivste Reallohnverluste: Sie fahren teurer, heizen teurer und müssen mehr für verteuerte Waren bezahlen.

Das sozial abzufedern wird nicht nur weit teurer als erwartet sein, sondern gestaltet sich auch höchst diffizil: Zahlt man „Pendlern“ fast soviel „Teuerungs-Ausgleich“ wie der teurere Treibstoff sie mehr kostet, hat die Steuer kaum Lenkungseffekt. Den hat sie nur, wenn Pendler deutliche finanzielle Vorteile davon haben, mit einer Bahn statt ihrem Auto zu fahren. Das wieder setzt ein um viel Geld blitzartig massiv erweitertes öffentliches Verkehrsnetz voraus. Denn der Übergang zum E-Auto wird sich als halb so wirksam entpuppen: Nur bei der Bahn, die den Strom der Oberleitung entnimmt, verringert sich der CO2-Ausstoß drastisch- E-Autos müssen ihn wenig effizienten Akkus entnehmen, die ihrerseits große Mengen zusätzlichen Stroms aus Kraftwerken brauchen. Zwar ergeben zahlreiche Studien, dass dabei weniger CO2 als zuvor entsteht, doch sie gehen davon aus, dass der zusätzlich gebrauchte Strom „grün“ (Klimaneutral) erzeugt werden kann- das aber ist in den meisten Ländern nicht der Fall.

Sebastian Kurz` Vorstellung, Klimaneutralität zu erreichen, ohne den Individualverkehr zu minimieren, ist blanke Illusion. Zu Recht sieht das türkis-grüne Regierungsprogramm vor, sogar erneut zu prüfen, ob fertig geplante Straßen auch gebaut werden sollen. Denn das ist nur zu verantworten, wenn sie- etwa weil sie ein Siedlungsgebiet erschließen- unverzichtbar sind. Denn jede neue Straße füllt sich mit zusätzlichen Autos: Erst wenn das in frühestens 40 Jahren lauter E-Autos sind, kann sich ihre CO2 -Bilanz verbessern, nicht aber- siehe oben- ausgleichen, denn es wird stets an grünem Strom mangeln.

Selbst bei uns, die wir dank Wasserkraft die besten Voraussetzungen haben- wir hätten noch bessere, wenn die „Grünen“ weniger Wasserkraftwerke verhindert hätten- ist keineswegs gesichert, dass wir ausreichend grünen Strom für die E-Zukunft haben werden. Denn viel mehr Strom erfordert ungleich mehr Solar-Parks, Wind-Parks und Stromleitungen- wie sie ständig auf (grüne) Bürgerproteste stoßen.

Zugleich kann die türkis-grüne Regierung gar nicht heftig genug dagegen protestieren, dass andere Länder versuchen, mittels Atomkraft CO2-arm Strom zu erzeugen, der via Verbund auch uns zu gute kommt. Dabei ist unsere Atom-Abstinenz denkbar grotesk entstanden: Um bei der Volksabstimmung über Zwentendorf eine sichere Mehrheit für das Kraftwerk zu erreichen, erklärte Bruno Kreisky, er würde zurücktreten, wenn man sie verfehlte. Das ließ fanatische ÖVPler bis in die Spitze der Industriellenvereinigung gegen Zwentendorf stimmen und entschied das Votum. Kreisky, statt zurückzutreten, beschloss den „Atomsperrvertrag“, um seine Niederlage vergessen zu machen. Ihm danken wir die österreichische Überzeugung, dass Atomkraft des Teufels ist und sahen uns durch Tschernobyl und Fukushima darin bestätigt. Dass Franzosen, Briten oder Finnen sie nicht gleichermaßen fürchten, halten wir für Blindheit.

Ich halte für Blindheit zu übersehen, dass Kernkraftwerke noch immer weniger Tote beschert haben als berstende Dämme von Wasserkraftwerken und dass neue, preisgünstige Atom- Kleinkraftwerke nicht nur sehr sicher sind, sondern auch ohne „Endlager“ auskommen, weil sie ihren Abfall zum Fort-Betrieb nützen. Mit Hannes Androsch bin ich überzeugt, dass eine massive Reduktion des CO2 allenfalls mit viel mehr Kernkraft erreicht wird- nicht weil ich deren Risiken negiere, sondern weil ich technologische Entwicklungen mitverfolge und für die rationale Abwägung von Kosten, Nutzen und Risiken bin.

7 Kommentare

  1. Zentralisten werden niemals eine Möglichkiet auslassen ihre Macht zu sichern. Atomenergie ist Machterhalt der Zentralisten mit fatalen militärischen Zusatzeffekten. Die Sonne scheint mehr oder weniger überall. Wenn Millionen Elektroautos zu mobilen Speicherkraftwerken mutieren und die extremen Netzschwankungen ausgleichen, könnten viele davon dezentral patizipieren.Von den dezentralen PV-Anlagen auch. Ich fahre einen seiellen, 7 Jahre alten Hybid (Opel Ampera) ohne Kupplung und ohne Energievernichtungsgetriebe. Der Verbauch von Benzin beträgt über die gesamte Lebensdeauer 1,8Liter. bzw. 18 KWh elektrsche Energie / 100 km. Theoretisch könnte ich mit dem Notstromaggregat auch das Netz stützen und einen E-Herd betreiben. Die Zentralisten haben diese ausgereiften Patente wieder in den Schubladen versenkt und streuen uns Sand mit den parallelen Hybridfahrzeugen und den Monsterbatteriefahrzeugen in die Augen. Atomenergie ist hinsichtlich seiner möglichen Auswirkungen weltweit nicht versicherbar. Von nicht versicherbaren Risken sollten wir die Finger lassen. Elektroautos die nicht fahren, sollten allerdings immer am Netz angeschlossen sein. So könnten Stehzeuge auch nützlich sein. Die mobilen Speicher im E-Auto gehört effizient genutzt. Nur Not macht erfinderisch. Mit der Atomkraft nähern wir uns wieder der Steinzeit.

  2. Nicht „die Grünen“ haben nachhaltige Wasserkraft-, Windkraft- und Biomassekraftwerke verhindert. Sondern Menschen, die, vielleicht sogar aus wirklicher Sorge um die Umwelt, vielleicht bloß zur Beruhigung ihres Gewissens, grün wählen oder gewählt haben, aber nur, solange sich für ihr eigenes Leben dadurch nicht allzu viel ändert; Menschen, die nicht über den Tellerrand ihrer Gemeinde oder ihres Bezirks, nicht über ihre eigene Lebenszeit und vielleicht noch die ihrer Kinder hinaussehen können oder wollen; Menschen, die meist unbewusst der evolutionär bedingten Angst vor dem Unbekannten und vor Veränderungen nachgeben, um den relativ sicheren Status quo beibehalten zu können. Und die meisten Politiker dreschen lieber populäre Phrasen, als das Notwendige (die Not wendende) populär zu machen.

  3. ‚Atom-Kleinkraftwerke‘ die ohne Atommüll und Endlager auskommen!? Ich halte das für eine Illusion bzw Werbemasche einer bestimmten Industrielobby. Übrigens hat man uns Zwentendorfgegnern schon 1978 gesagt in 10 Jahren sei das Endlager-Thema gelöst. Jetzt haben wir fast 50 Jahre danach – und noch keine Lösung! Also, ich bin auch bei dieser ‚Klein-Lösung‘ skeptisch!

  4. Wenn Menschen Schuld an dem (aktuellen) Klimawandel haben, schaut es sowieso finster aus.
    1804 bevölkerten 1 Milliarde Menschen die Erde, 1960 waren es schon 3 Milliarden, und heute leben ca. 8 Milliarden auf unserem Planeten. Und alle wollen mehr Wohlstand – und unser Wirtschaftssystem braucht Wachstum. Da ist es schon nahezu egal, wie wir die notwendige Energie erzeugen.

    Superreiche wollen zum Spaß ins All fliegen, Gierige verheizen mit Bitcoins (u. ä.) und Blockchains unnötig Energie, Massen verstopfen bei ihren Urlaubsfahrten die Straßen. Und die allermeisten wollen „mehr“.

    Wir können machen, was wir wollen: es wir immer wärmer. Die einzig wirksame Maßnahme wäre eine drastische Reduktion der Weltbevölkerung – die ist aber „friedlich – demokratisch“ nicht möglich. Nur traut sich das alles niemand anzudenken, geschweige anzusprechen …

    1. S.h. Herr Langer,
      Die Anzahl der Erdbewohner* hat sicher einen Einfluss auf den Ressourcen Verbrauch. Eine drastische Reduktion der Energieverschwender wäre am wirksamsten. Der westliche Lebensstil mit SUV und Hundevieh ist abstoßend. Der ökologische Fußabdruck jedes Menschen sollt transparent sein und als Steuerbemessungsgrundlage dienen. Der Erfolg wäre für die Wirtschaft schmerzhaft für ein gutes, erfülltes Leben aber hilfreich.
      LG. Walter Plöderl

  5. Ich verstehe die Absicht des Autors, „für die rationale Abwägung von Kosten, Nutzen und Risiken“ zu plädieren. Mehr als andere scheint er sich bewusst zu sein, dass ein wirksames Einschreiten gegen den beginnenden Klimanotstand unser ganzes bisheriges Wirtschaftsmodell in seinen Grundfesten erschüttern könnte: Folgen, die ich in meinem Buch „Ob wir das schaffen?“ aufzuzeigen versuchte. Allerdings sollte die berechtigte Sorge um eine funktionstüchtige Wirtschaft uns nicht den Blick auf die Tatsachen verstellen. Woher weiß Herr Lingens, dass ein Atomkleinkraftwerk „ohne Endlager auskommt, weil es seinen Abfall zum Fortbetrieb“ nutzt? Ein so wunderbares perpetuum mobile ist bisher nicht erfunden worden. Vielmehr warnen uns die Experten (zu denen Hannes Androsch meines Wissens nicht gehört) nicht nur vor einer bevorstehenden Erschöpfung der Uranvorkommen sondern auch davor, dass der schon jetzt außerordentliche Preis für deren Abbau in naher Zukunft unwirtschaftlich zu werden droht, da er mehr Energie verschlingt als anschließend damit erzeugt werden kann (Ugo Bardi, 2013, S. 94ff). Eine rationale Abwägung von Kosten, Nutzen und Risiko dürfte somit zu ganz anderen Schlüssen führen. Gero Jenner

  6. Auch ich bekenne mich dazu, dass ich als Atomkraftbefürworter im Jahr 1978 gegen Zwentendorf gestimmt habe. Und zwar deshalb, da Kreisky ausdrücklich zugesichert hat, er wird bei einem Votum gegen Zwentendorf zurücktreten.

    Kreisky hat damit die Österreicher belogen und die nachfolgenden Generationen müssen jetzt diese Kreisky-Volte ausbaden.

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