Warum schafft Krieg so selten Frieden?

Die desaströsen US- Interventionen in Afghanistan, Vietnam, Libyen und Irak weisen eine Reihe gemeinsamer Fehler auf. Nie schufen sie funktionierende Staatswesen. 

Dass Joe Biden die von Donald Trump mit den Taliban vereinbarte Räumung Afghanistans bis zum 31. August abschließt ist unvermeidlich. Dass er und seine NATO-Partner ihr Zivilpersonal, afghanische Mitstreiter und Frauenrecht-Aktivistinnen nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten, war fahrlässig und gefährdet Leben. Dass er zu wenige Truppen zurückließ, um den Flughafen von Kabul für das Ausfliegen Gefährdeter offen zu halten, war stümperhaft. Es kostet die USA weltweit Ansehen und könnte Biden bei den Midterm-Wahlen entscheidende Stimmen kosten. 

Das eigentliche Drama sind dennoch zwanzig Jahre Krieg mit 2500 US- Gefallenen,  dazu 1000 Gefallene auf Seiten ihrer NATO-Partner, geschätzt einer Million tote Afghanen, vergeudeten 2,7 Billionen US-Dollar für die Kriegsführung und bei der Bevölkerung nicht angekommene Entwicklungshilfe, sowie die Aufrüstung einer afghanischen Armee mit modernsten Waffen, die jetzt den fast ohne Widerstand siegreichen Taliban gehören. Jenen Taliban, deren archaische Herrschaft  die Intervention beenden sollte. 

Die Muster des Versagens

Ähnlich desaströs sind seit dem zweiten 2.Weltkrieg und dem Korea-Krieg alle militärischen Interventionen der USA verlaufen. Auch der Vietnamkrieg dauerte 20 Jahre und hinterließ 58.000 US-Gefallene und gegen fünf Millionen tote Vietnamesen. Der kommunistische Vietkong, dessen Sieg verhindert werden sollte, regiert Vietnam bis heute. 

Im Irak wurde mit Saddam Hussein zwar ein Diktator entmachtet, der den Iran überfallen hatte (500.000 Tote), in Kuwait einmarschiert war und tausende Kurden mit Giftgas ermordet hat, aber zumindest der eigenen Bevölkerung war es wirtschaftlich gut gegangen, das Bildungssystem hatte funktioniert und Frauen waren fast gleichberechtigt. Nach der US-Intervention – mit mittlerweile geschätzten 500.000 toten Irakis – erlebte das Land einen Religionskrieg, die Geburt einer irakischen Al Kaida und schließlich des mörderischen „Islamischen Staates“, der erst durch eine neuerliche US-Intervention und den Mut der Kurden besiegt werden konnte. Danach wurden die Kurden von den USA, nicht anders als viele nicht direkt bei ihnen angestellte afghanische Helfer, im Stich gelassen.

Am kürzesten verlief die Intervention der USA in Libyen. Auch dieses Land hatte unter Muammar al-Gadafis Diktatur wirtschaftlich floriert und Bildung und Frauenrechte hatten Fortschritte gemacht- heute herrschen Armut und Warlords neben einer ohnmächtigen Regierung. 

Luftschläge kosten die Sympathie der Bevölkerung

Die angeführten Desaster weisen mehrere Gemeinsamkeiten auf. Eine ist militärisch: Die US- Nachrichtendienst waren stets miserabel informiert und der militärische Erfolg der USA beruhte fast ausschließlich auf ihrer Lufthoheit. Luftschläge aber bedingen, selbst wenn man es zu vermeiden sucht (was in Vietnam wahrhaftig nicht der Fall war), stets extremes Leid der Zivil-Bevölkerung- sie kann den USA nicht gewogen sein. 

 Andere gravierenden Fehler  beruhen auf mangelnder Kenntnis von  Kultur, Gesellschaft und Geschichte des jeweiligen Landes: Der Vietkong etwa kämpfte voran  für die Befreiung Vietnams von der französischen Kolonialherrschaft- erst lange danach für die Ausbreitung des Kommunismus. Saddam Hussein war zwar ein Despot- aber ein aufgeklärter: Er hielt archaische religiöse Gegensätze seines Landes unter Kontrolle. Ähnliches galt für Muammar al-Gaddafi in Libyen. In Afghanistan wieder regieren in Wahrheit bis heute Stämme, die nicht nur in Gestalt der Taliban einem archaischen Islam anhängen, wenn man statt von der Stadt- von der ungleich größeren Land-Bevölkerung ausgeht. 

Demokratie lässt sich kaum exportieren

Bei allen diesen Staaten- am meisten in Afghanistan, am wenigsten im Irak- war es pure Illusion, dass „Wahlen“ und Entwicklungshilfe Demokratie und einen Rechtsstaat schaffen können. Dass das nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland und Japan gelang, lag daran, dass beide zuvor zivilisatorische Hochburgen und relative Rechtsstaaten  gewesen waren, dass sie soeben erlebt hatten, zu welchen Katastrophen Diktatur und Rechtlosigkeit führt, und dass die USA lange, intensive Erziehungsarbeiten geleistet hatten. Nur in solchen Ländern konnte der Marshall-Plan die positive  Entwicklung perfekt absichern.  

Es scheint, dass die Bevölkerung gewisse Voraussetzung bereits mitbringen muss, damit  Rechtsstaat und Demokratie eine Chance haben.  In allen hier dargestellten Staaten, am meisten in Afghanistan, hat es an diesen Voraussetzungen gemangelt, auch wenn Kabul vor fünfzig Jahren eine weltoffene Stadt gewesen ist. Daher haben die Interventionen nie funktionierende Staaten geschaffen

Die falschen Partner

Ebenfalls gemeinsam ist den Desastern der USA, dass sie in allen Ländern, in denen sie intervenierten, auf die falschen Männer setzten, ihre Agenda zu vertreten: Das Regime Südvietnams, das sie gegen Nordvietnam verteidigten, war zwar liberaler als das Ho Chi Minhs, aber korrupt und ohne dessen Rückhalt in der Bevölkerung. Ganz ähnlich das neue Regime Afghanistans oder des Irak- in Libyen fehlt selbst ein Regime.
Zusammenfassend: Die USA- und wohl auch jede andere Weltmacht- können nicht erfolgreich intervenieren. Daraus scheint zu folgen, dass sie es unterlassen sollten. Aber wenn die USA im 2. Weltkrieg nicht Hitlers Kapitulation besiegelt hätten, wäre Österreich die „Ostmark“, die mittels SS und Gestapo von Massenmördern regiert würde.   

Vielleicht lassen sich doch Kriterien erfolgreichen Intervenierens ableiten und in Zukunft nützen. 

5 Kommentare

  1. Demokratie ist zwar eine Erfindung der Griechen, aber das, was wir jetzt als Demokratie kennen, ist das Ergebnis einer 200 Jahre dauernden politischen Entwicklung, die mit der Aufklärung in Europa begann, welche u.a. die Bedeutung der Religion reduzierte.
    Die meisten afrikanischen und auch die asiatischen Völker – wenn wir von den Großmächten Russland und China und von Japan absehen – haben keine ähnlichen Entwicklungen hinter sich, sie leben zum Großteil noch heute eine Art Stammesstruktur und/oder haben eine starke religiöse Orientierung. So wie wir den Osten nicht verstehen, versteht der Osten den Westen nicht, daher werden alle westlichen Interventionen scheitern. Die Entwicklungsländer müssen ihre Probleme selbst lösen, ihre eigene Entwicklung durchmachen. Alles, was wir tun können, ist, behutsam auf Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen, die sie mit ihren Erfahrungen, ihrer Kultur und ihrer Religion in Einklang bringen können. Und wir können sie in ihren eigenen Entwicklungsschritten unterstützen, statt ihnen zwar mit gutem Willen, aber ohne Hirn „Entwicklungshilfe“ aufzudrängen, von der sie nicht profitieren können, weil sie nicht in ihre Kultur, ihre Einstellungen und ihre Lebensbedingungen passt. Dafür gibt es leider allzu viele Beispiele!
    Wenn die USA und Europa das aus den angeführten, misslungenen Interventionen gelernt hätten, wäre das schon sehr viel!

  2. Na ja: Mir fiele … Sarajevo ein. Immerhin war es das NATO-Bombardement, das am Ende die Belagerung aufgebrochen hat. Und einen – vielleicht brüchigen – aber immerhin heute 26-jährigen Frieden in der Region (mit-)geschaffen.

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