Fünf Gründe für unser Corona-Fiasko

Schlechter als Kurz konnte man Covid-19 nicht managen. Unverantwortlicher als Kickl konnte man nicht agieren. Aber es brauchte auch die Menschen, ihnen hereinzufallen. 

Endlich sind auch wir Champions: Unter den Ländern Europas, die sich genügend Impfstoff leisten konnten, haben wir die niedrigste Impfrate, die meisten Neuinfektionen und nähern uns am schnellsten überbelegten Intensivstationen. Der Weg in dieses Fiasko begann im Juli mit Sebastian Kurz` Falschmeldung vom Abklingen der Pandemie: „Dieser Sommer ist mit dem vorigen nicht zu vergleichen – da verwechselt man Äpfel mit Birnen. Die Krise redimensioniert sich. Sie wandelt sich von einer akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu einem individuellen medizinischen Problem“. Diese Aussage stand im Gegensatz  zur Ansicht heimischer Experten wie internationaler Gesundheitsbehörden: Sie alle warnten, dass niedrige Impfraten im Herbst zu massiv steigenden Infektionsraten führen würden. Die Folge von Kurz` Worten war auszurechnen: Die Bevölkerung nahm die Empfehlung, Abstand zu halten, Masken zu tragen, Diskotheken zu meiden, nicht mehr ernst; der aus der Verantwortung entlassene Staat verzichtete, mit der Ausnahme Wiens, auf unpopuläre Maßnahmen. 

Das Versagen der schwarzen Landesfürsten

Der türkise Kanzler hat damit den zweifellos größten Beitrag zum aktuellen Fiasko geleistet. Türkise Landespolitiker, voran Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer haben ihn bei der angesagten staatlichen Enthaltung kräftig unterstützt: Bis zu den OÖ-Wahlen wurde bekanntlich alles vermieden, was impfkritische ehemalige FP-Wähler veranlassen konnte, doch wieder FPÖ statt ÖVP zu wählen. Dass die SPÖ in Umfragen jetzt erstmals vor der ÖVP liegt, dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass die roten Landeshauptleute Michael Ludwig und Hans Peter Doskozil sich ungleich sachgerechter als Stelzer oder Salzburgs Wilfried Haslauer verhielten.

Kurz hat aber auch auf einem Umweg zur aktuellen Notlage beigetragen: Die Kapazität von Intensivstationen ist nicht in erster Linie durch die Zahl der Beatmungsgeräte, sondern der Pfleger und Pflegerinnen begrenzt. Ihr Mangel ist die Folge ungenügender Bezahlung und die ist eine typische Folge von „Sparen des Staates“. (Deutschland erlebt trotz der meisten Intensivbetten der Welt den gleichen Engpass).

Natürlich trugen auch schwache Gesundheitsminister, die sich zudem stets Kurz unterwerfen mussten, weil die Grünen der soviel schwächere Koalitionspartner sind, zum schwachen Abschneiden bei: Wolfgang Mückstein ist zwar immerhin Arzt, aber auch kein Epidemiologe. Das ist ein Grundproblem: Österreichs Corona -Politik orientierte sich nicht an der Wissenschaft – es gab in der Öffentlichkeit nie „den“ Corona-Verantwortlichen, der allgemeines Vertrauen genoss. Am besten hätte sich die Epidemiologin Pamela Rendi -Wagner dazu geeignet, doch sie kam politisch nicht in Frage. Denn Kurz hat Corona-Politik nach den Gesetzen der Parteipolitik – was nutzt uns, was schadet den Anderen – betrieben. Das ist bei Seuchen lebensgefährlich. 

Warum ist Kickls Verhalten nicht strafbar?

Natürlich hat Herbert Kickl alle Politiker des Landes an Verantwortungslosigkeit  übertroffen. Impfängste zu fördern, zu Demonstrationen gegen „Maßnahmen“ aufzurufen und sie mit „Diktatur“ zu vergleichen, hat mit großer Wahrscheinlichkeit die Zahl der Covid-19 Toten massiv erhöht. Meines Erachtens wäre sehr wohl Paragraph 168 des Strafgesetzes, das Handlungen unter Strafe stellt, „die geeignet sind die Gefahr der Verbreitung einer übertragbaren Krankheit herbeizuführen“ auf ihn anzuwenden – warum das nicht geschieht, weiß ich nicht. 

Die Behauptung, dass der direkten oder indirekte Impfzwang die Freiheit gefährde ist jedenfalls so einzustufen, wie die Ex-Präsidentin des Obersten Gerichtshofes Irmgard Griss es tut: Die Volksgesundheit ist ein höheres Rechtsgut als die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen, dem eine Impfung zugemutet wird. Freiheit ohne Rücksicht und Verantwortung ist Anarchie. Bekanntlich haben ausdrückliche Impfpflichten Pocken, Kinderlähmung oder Masern von einer Gefahr für die Volksgesundheit zu seltenen Schicksalsschlägen gemacht. Nichts in der Verfassung steht einer durch eine Seuche begründeten Impfpflicht entgegen. 

Am Rande: Die FPÖ hat sich nie über die Gurtenpflicht im Auto beschwert. Obwohl der, der sich nicht anschnallt, nur sich selbst, aber keinen anderen gefährdet. Und obwohl der, der sich sehr wohl anschnallt, Probleme haben kann, wenn das Auto brennt oder ins Wasser stürzt – ungleich mehr Probleme als ein Geimpfter durch Nebenwirkungen. 

„Gentechnikfrei“ kann sehr dumm sein

Es braucht zu Rattenfängern wie Kickl aber auch Menschen, die sich einfangen lassen: Zur Rechten sind es voran Machos, die meinen, stärker als das Virus zu sein, zur Linken voran Esoteriker, die „Globuli“ Medikamenten vorziehen und „gentechnisch“ hergestellten Impfungen so misstrauen wie „Genmais“. In einem Land, in dem auf jedem Marmeladeglas „gentechnikfrei“ steht, haben es RNA-Impfstoffe zwangsläufig schwerer als anderswo. Die naturwissenschaftliche Ahnungslosigkeit, die sich im schwachen Pisa-Abschneiden spiegelt, lässt die Menschen entsprechend leicht auf unsinnige Impfkritik und Verschwörungstheorien hereinfallen, die in den „asozialen“ Netzen kursieren.

Rechte wie linke Impfverweigerer eint die gleiche Rücksichtslosigkeit: Es stört sie nicht, dass ihre Entscheidung die Gesundheit so vieler Anderer gefährdet. Denkbar, dass das mit unserer geschwisterlosen Gesellschaft zusammenhängt: Einzelkinder müssen nicht auf Geschwister Rücksicht nehmen und wachsen in einer Gesellschaft auf, die Egoismus „geil“ nennt.

6 Kommentare

  1. Alles soweit richtig, die Regierung und Altkanzler Kurz möchte ich mit dem Untenstehnden nicht verteidigen, aber sachlich Punkte nachfragen:
    Wenn wir den Artikel in einigen Wochen lesen wissen wir,dann (?)

    1. Wo die anderen Staaten mit ihren Zahlen vergleichsweise zu Österreich stehen werden?
    2. Wieviele Tests andere Staaten im Vergleich zu Österreich tatsächlich machen?
    3. Was Tests andersowo kosten zB. im Vergleich zur Schweiz (zb 130€), Deutschland, Polen..?
    4. Wieviele Menschen sich dann in (%) in diesen Staaten nicht oder viel weniger testen lassen?
    5. Welche Dunkelziffern diese Staaten haben (im Vergleich zu Österreich)?
    6. Wann die Corona-Maßnahmen in anderen Staaten beginnen/enden werden?
    7. Welche Staaten für Impfungen wieviel verlangen und deren Auswirkung auf die Impfrate?
    8. Wann die ärmeren Länder durch Aufhebung der Impfpräparatepatente auch ausreichend Impfstoff bekommen werden, deren Logistik dann auch vorhanden sein würde, auch zu impfen?
    9. Dann und wann durch eine weltweite Durchimpungsrate die Gefahr von weiteren Mutationen geringer wird?
    10. Welche Auswirkungen die neue Omikron Variante haben wird?
    11. Ob die Auswirkungen neuer (unvorhersehbarer Varianten) als Erklärung für die vergangenen, dzt. und zukünftigen Maßnahmen dienen könnte/wird?
    12. Ob die derzeitigen Impfstoffe gegen welche Varianten noch helfen und wie lange?

    Ein Artikel der das alles recheriert hat, würde mich vom Falterverlag sehr interessieren, bin gespannt.

  2. Kein Kommentar, weil Zustimmung in allen Punkten – nur ist der Kritik am medizinischen Sparschrumpfen die an der personellen bzw. didaktischen Unterfundierung und administrativen Überforderung des Bildungssystems hinzuzufügen. Wir haben diese Bildungsschwäche, die mittelbar auch Grund für die Vernachlässigungsängste großer Gruppen ist, nicht seit gestern – ebenso wenig wie ein massives Rechtspopulisten- und Neurechte-Problem: Beides ist schon in den 80ern neu aufgeflammt.

  3. Wenn der Vater vor den Kindern die Mutter ständig heruntermacht, sie ständig der Lüge zeiht, darf es nicht wundern, wenn die Kinder auf die Mutter nict mehr hören. Genauso haben die Perteigenossen der FPÖ und Spö, allen voran die Frau Dr. Belskowitz (F) und Krainer (S) gehandelt. Ihrer Hasuptbeschäftigung war das „lustige Kurz-Abschießen.

  4. Lieber Herr Lingens,
    die Impfrate würde sicherlich steigen, wenn es auch einen wirksamen Impfstoff geben würde. Nur ein solcher liegt aktuell noch nicht vor. Das zeigen auch die hohen Inzidenzen in Ländern wie Irland, Island und Dänemark bzw. in den Niederlanden trotz hoher Impfquoten. Viele doppelt Geimpfte erkranken dennoch an COVID bzw. geben es untereinander weiter. Man hat hier – nicht nur in Österreich – schon von Beginn der Pandemie an auf die Impfung gesetzt, nur leider ist in diesem Rennen das Pferd verstorben und nun versucht verzweifelt dieses Pferd zu reiten. Und der Vergleich mit den Pocken- oder Masernimpfungen hinkt, denn diese Impfungen waren und sind tatsächlich wirkungsvoll und haben den Geimpften vollständig geschützt bzw. die Weitergabe durch einen Geimpften erfolgreich verhindert. Aber genau das schaffen die derzeit aktuell verfügbaren Impfstoffe noch nicht. So groß die Hoffnung und der Wunsch dazu auch sein mögen.

  5. Lieber Herr Lingens, das Problem liegt woanders. Wenn sich einfach zeigen würde, dass die Impfung wirkt, dann wäre die Bereitschaft auch viel höher sich impfen zu lassen Aber es gibt derzeit noch keinen wirksamen Impfstoff. Das zeigen zB auch die hohen Inzidenzen in Ländern wie Irland, Dänemark und Island trotz hoher Impfrate. Man hat von Beginn (!!!) der Pandemie an – nicht nur in Österreich -als einzige Lösung auf die Impfung gesetzt, nur ist leider im Rennen dieses Pferd gestorben (angebliche 59% der Erkrankten sind doppelt geimpft) und trotzdem versucht man verzweifelt dieses Pferd zu reiten. Der Vergleich mit der Pocken- oder Masernimpfung hinkt, denn das waren und sind funktionierende Impfstoffe, die sowohl den Geimpften zu 100% schützen als auch eine Weitergabe der Krankheit völlständig ausschliessen, sobald man geimpft ist. Solche Impfungen machen Sinn, aber bei COVID gibt es derzeit noch keine wirklich wirksame Impfung, egal wie stark der Wunsch und Hoffnung hierfür sind. Zahlen lügen nicht, wenn man sich offen und ehrlich dazu bekennt.

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