Kaum ein anderes Volk als Ukrainer wäre den physischen Härten des Krieges gegen Russland vergleichbar gewachsen. Jetzt überholt die Ukraine die EU selbst waffentechnisch.
Die Ukraine wäre, so Wolodymyr Selenskyj, bereit, polnische oder deutsche Soldaten im Umgang mit Drohnen zu schulen, wie sie in künftigen Kriegen offenbar eine entscheidende Rolle spielten: wie man sie früh erkennt, ablenkt, ihre Motoren elektromagnetisch zerstört oder sie mit simplen Maschinengewehren abschießt. Schon seit Jahren stellt die Ukraine einfache, billige Drohnen nicht zuletzt auch durch Frauen in Heimarbeit her. Am eindrucksvollsten aber ist wohl, dass die Ukraine mittlerweile mit dem Flamingo einen Marschflugkörper herzustellen vermag, der ein Viertel des Taurus-Marschflugkörpers kostet, den Deutschland ihr noch immer nicht geliefert hat und eine höhere Menge Sprengstoffs als das deutsche Gerät zu transportieren vermag.
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Deutschlands Nazis in Ukrainern noch vor achtzig Jahren „Untermenschen“ sahen, die mit der arischen Rasse intellektuell nicht Schritt halten könnten, und bis heute hält sich die Vorstellung ihrer zumindest technologischen Unterlegenheit. Dass sie gerade dort und insbesondere im Bereich der Digitalisierung mit an der Spitze liegen könnten, fällt schwer zu glauben. Gegen die Qualität ihrer Wirtschaft, voran ihrer schon zu Zeiten der Sowjetunion erfolgreichen Schwerindustrie, wird immer wieder die extreme Korruption der Landes ins Treffen geführt und die gibt es jenseits jedes Zweifels: Von einem älteren Ukrainer, der in Österreich Waren kauft, die man in seiner Heimat dringend braucht, weiß ich, dass er bei seiner Ausfahrt wie seiner Einfahrt über die Grenze Schmiergeld bezahlen muss, um durchgelassen zu werden; seiner Tochter wurde, als sie ihr Jus Studium abschloss, angeboten, gegen Zahlung von 14.000 Euro einen Posten an der Grenze zu bekommen, wo sie diesen Betrag wieder einnehmen könnte. Aber es gilt zu begreifen, wie sehr Jahrzehnte kommunistischer Misswirtschaft das Verhalten der Menschen geprägt hat: Nur weil es Korruption gab, ist es in diesem System überhaupt dazu gekommen, dass Waren bei Konsumenten gelandet sind. Ich habe das in Polen anhand pelzgefütterter Ledermäntel erlebt, die man überall außer in Geschäftsauslagen sah: Der Chauffeur, der die Rinderhäute transportierte, „verlor“ zwei davon von seiner Ladefläche; in der Gerberei „verbrannten“ zwei davon in der Gerberlohe; auf dem Weg zur staatlichen Schneiderei gingen zwei weitere „verloren“ und dort wurde einer „leider verschnitten“. Der, den ich letztlich (relativ teuer) kaufen konnte, wurde in einem Hinterzimmer geschneidert, zu dem ich dank polnischer Freunde Zutritt fand. Korruption war überlebenswichtig – das gibt sich nicht so rasch.
Auch gegen die Hersteller der Flamingo- Marschflugkörper werden bereits Korruptionsvorwürfe erhoben – aber dennoch sind sie so billig, dass EU-Armeen überlegen, sie zu kaufen und dass man in der EU mittlerweile einig ist, dass es am besten und billigsten ist, wenn man der Ukraine dabei hilft, so viele Waffen wie möglich selbst herzustellen, zumal sie dann schon vor Ort sind. Die Flamingo Marschflugkörper – sie heißen so, weil ihr Geschosskopf ursprünglich rosafarben war – scheinen die Ukraine in die Lage zu versetzen, Ölförderanlage, Öl-Depots und Ölleitungen innerhalb Russlands zu zerstören und auch Öltanker jener Schattenflotte zu treffen, mit denen Russland die Erdöl-Sanktionen umgeht. Es setzt Russland damit womöglich der Energie-Knappheit aus, mit der Wladimir Putin die Ukraine seit Jahren in die Knie zu zwingen sucht – jedenfalls wurden erstmals Warteschlangen vor russischen Tankstellen beobachtet. Vor allem aber könnte es Russland auf diese Weise schwerer fallen, mittels seiner Ölexporte das Geld zu verdienen, das es für seinen Krieg braucht, denn seine Wirtschaft funktioniert abseits der Waffenproduktion unverändert schlecht und leidet sehr wohl unter den Sanktionen: War ein Rubel im Juni 2022 1,84 Euro wert, so steht er derzeit bei 1,07 Euro und er kann bei einem wirklichen Einbruch des Erdöl-Absatzes, wie ihn natürlich auch die zerstörten Pipelines herbeiführen, noch viel tiefer sinken. Die Vorstellung, dass Wirtschaftssanktionen Russland in die Knie zwingen, war zwar immer unsinnig, aber sie können Putin sehr wohl bewegen, darüber nachzudenken, ob er sich nicht doch mit der bisher gemachten Kriegsbeute – im ungünstigsten Fall der Krim und nur eines Teils des Donbass zufrieden geben soll.
Ich zweifle nämlich, dass selbst die an Entbehrungen gewohnten Russen und Russinnen, so wie Ukrainer und Ukrainerinnen damit zu Rande kommen, dass es immer wieder Stromausfälle gibt oder im Winter die Heizungen ausfallen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass unter den unterernährten Frauen, die in Auschwitz Flecktyphus mit 42 Grad Fieber ohne Herz-stärkende Medikamente überlebten, Ukrainerinnen noch zahlreicher als Russinnen waren: Sie zogen die Decke über den Kopf und erhoben sich nach einer Woche aus dem Bett. Der aktuelle Boxweltmeister im Schwergewicht aller Verbände ist mit Oleksandr Ussyk nicht zufällig ein Ukrainer als Nachfolger der Brüder Vitaly und Wladimir Klitschko, der jetzt Bürgermeister in Kiew ist und wie Ussyk nicht nur über ungeheure Körperkraft, sondern auch größtes boxerisches Können verfügt. Nur Männer dieses Zuschnitts halten es seit mittlerweile drei Jahren an der Front aus.
Hätten die USA und die EU der Ukraine von Beginn an auch nur mit halb so viel Mut geholfen, der Krieg sähe gegenwärtig anders aus.
2 Kommentare
Hervorragender Kommentar und tausendmal Zustimmung zu Ihrem letzten Satz!
Hätte die EU allen voran Boris Johnson den Friedensvertrag von Istanbul wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch nicht vereitelt, wäre Eurasien befriedet, die Ukraine bündnisfrei und Europa nicht bankrott. HERR Lingens ihre Fähigkeiten werden dringend an der Front von Nöten. Alles Gute