Hamlet als perfekter Stunt

Theater ist der Wirklichkeit oft erstaunlich nahe

Wenn man seine Abende wie ich meist damit zubringt, diverse politische Nachrichtensendungen zu verfolgen, geht man leider viel zu selten ins Theater. Um so mehr hofft man, dass es sich lohnt. Dreizehn Jahre nach der exemplarischen Inszenierung durch Andrea Breth am Burgtheater, hat das Theater an der Josefstadt im Februar eine Inszenierung von Shakespeares Hamlet gewagt, die ich erst jetzt gesehen und von der ich mir viel erhofft habe, weil ich dachte, dass Herbert Föttinger zum Abschluss seiner Intendanz möglichst viel Qualität bieten will. Noch dazu bei einem Stück, das politisch derart aktuell ist.

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“: Claudius ist neuer König geworden, indem er seinen Bruder ermordet hat und das Land nun mit der gleichen Brutalität in ein Gefängnis verwandelt. Als Prinz Hamlet, der Sohn des Ermordeten, heimkehrt, hat er den berechtigten Verdacht, dass dieser Wechsel nicht mit rechten Dingen zugegangen ist: dass er sich dessen zu vergewissern und gegen Claudius vorzugehen hat. Doch

„der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt; und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so den Namen Tat“. 

Hamlets Zögern lässt Claudius bekanntlich vorerst siegen – gar nicht viel anders als Joe Bidens und Olaf Scholz´ Zögern beim Ausmaß der Hilfe, die sie der Ukraine gewährten, um den Angriff Russlands zurückzuschlagen, vorerst Wladimir Putin siegen ließ. Beider „hochgezielte wertvolle Entschließung“, die Ukraine militärisch zu unterstützen, wurde „von des Gedankens Blässe angekränkelt“, dass Putin zu Atomwaffen greifen könnte, obwohl bald klar war, dass er diese Drohung nur gewohnheitsmäßig und auf die Ängste seiner Gegner zählend, ausspricht.

Die Qualität einer Hamlet- Inszenierung hängt zwangsläufig extrem von der Qualität des Hauptdarstellers ab und der muss sich weltweit an Lawrence Olivier und in Wien an Oskar Werner messen lassen, so verschieden die beiden Hamlet interpretierten: Bei Olivier war Hamlet ein Mann, der durchaus handlungsfähig ist, und nur zu lange nachgedacht hat, so dass er Claudius Brutalität unterliegt. Bei Oscar Werner war er ein Mann, der an der Schwierigkeit seines Handelns zerbrach. Die Führung der EU steht mit Ursula von der Leyen unverändert vor dieser Frage.

Die aktuelle Aufführung in der Josefstadt zeigt Hamlet allerdings als einen Mann, dem man Denken überhaupt nicht zutraut – der nicht zögert, sondern unbedacht zuschlägt. Ich glaube nicht, dass Shakespeare ihn so gemeint hat und wenn Ursula von der Leyen zögern sollte, dann sicher nicht, weil sie Zuschlagen gewöhnt ist, sondern weil immer weniger Staaten der EU die Ukrainer für ihren Widerstand bezahlen wollen.

In der Inszenierung von Andrea Breth, an die der eine oder andere von Ihnen sich vielleicht erinnert, war die Überlänge – sechs Stunden – ein Problem und auch das Experiment, Ophelia gleichzeitig mit der jungen Wiebke Mollenhauer und Elisabeth Orth zu besetzen, misslang – aber August Diehl als Hamlet war Oscar Werner und Lawrence Olivier nahezu ebenbürtig.

In der aktuellen Aufführung in der Josefstadt ist Claudius von Stolzmann August Diehl als Hamlet nur in der Fechtszene mit „Laertes“(Martin Niedermair) gewachsen: Als Stunt- Show ist dieser Auftritt perfekt. Dafür habe ich den Monolog über Sein oder nicht Sein noch nie so uninteressant gesprochen gehört. Von Stolzmann ist ein junger Wilder, fast ein Rocker, sonst -nichts.

Das bringt der Inszenierung zwar Applaus ein, aber ich hätte Herbert Föttinger als Abschluss seiner Ära als Josefstadt- Intendant einen besseren Hamlet gewünscht.

PS: Die besten Shakespeare-Aufführungen der letzten Jahre habe ich im winzigen Theater „Bronski & Grünberg“ gesehen, wo Helena Scheuber -Steele „Richard den Dritten“ mit Sören Kneidl in der Hauptrolle brillant gekürzt und in einer grandiosen eigenen Übersetzung inszeniert hat. Vielleich sollt man in Österreich statt des (durchaus fähigen) Schweizer Regisseurs Stephan Müller auch einmal Helena Steuber-Steele beschäftigen und ihre Übersetzung der schwächeren des Deutschen Heiner Müller vorziehen.

Die aktuelle Neigung, Schweizern und Deutschen so viel mehr als eigenen Leuten zuzutrauen, ist mir aus reicher Berufserfahrung geläufig: Österreich neigt dazu, von einem Überwertigkeitskomplex oft in einen Minderwertigkeitskomplex zu kippen.

 

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