Die Rüstungsindustrie der Ukraine als Game-Changer: Ihre Drohnen haben das Momentum des Krieges verkehrt. Putin könnte einlenken müssen, um die Krim zu behalten.
Bereits vor einem Monat sah Eric Frey im Standard ein Fenster zu einem Frieden in der Ukraine. Seit der Tagung der G7 (USA, Japan, Kanada, Groß Britannien, Deutschland, Frankreich, Italien) in Evian les Bains sehe ich es ein gutes Stück weiter geöffnet. Denn Emanuel Macron und Friedrich Merz vermochten Donald Trump zu erklären, dass er den Irankrieg nicht vielleicht ohne jeden Sinn geführt, ja in Wahrheit verloren hätte, weil Mullahs und Revolutionsgarden an der Macht geblieben sind und die Straße von Hormus, die zuvor offen war, erst wieder geöffnet werden muss, sondern dass er ein wahres Genie sei, indem er diesen Krieg siegreich beendet und auch in dieser Region ein großartiges Abkommen für einen künftigen Frieden erzielt hätte. So viel absurde Schmeichelei und eine Einladung nach Versailles ließen den narzisstischen US-Präsident bekanntlich erklären, dass die USA sich wieder voll an den zwischenzeitlich gelockerten Sanktionen gegen Putins Russland beteiligen, um auch den Frieden in der Ukraine voranzutreiben.
Die Sanktionen bestehen bekanntlich einerseits darin, Handelspartnern wie etwa Indien, den Kauf von russischem Öl zu verbieten -Trump hat seinerzeit deshalb sogar Zölle gegen Indien verhängt – andererseits darin, Putins Öl -Schattenflotte ausfindig zu machen und ihre Schiffe aufzubringen. Wie ernsthaft die Beteiligung der USA diesmal ausfällt, ist noch offen, aber schmerzhaft ist der Beschluss der G7 für Wladimir Putin allemal. Denn trotz des weiterhin beträchtlichen Öl-Preises sind seine diesbezüglichen Einnahmen zuletzt gesunken, weil Russlands Raffinerien nach erfolgreichen ukrainischen Angriffen nicht mehr genug Treibstoff herstellen können
Denn – und das ist entscheidend für die erhöhten Chancen auf Frieden – das Momentum des Ukrainekrieges hat sich geändert: derzeit liegt die Ukraine vorne. Konnten russische Streitkräfte im Jahr 2025 noch durchschnittlich 13,2 Quadratkilometer pro Tag an Boden gewinnen, sank dieser Wert in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 auf 2,9 Quadratkilometer und im April 2026 verzeichnete Russland sogar einen Nettoverlust von 116 Quadratkilometern – die ersten nennenswerten Gebietsrückgewinne der Ukraine seit Mitte 2023. Gleichzeitig übersteigen die russischen Personalverluste seit Dezember 2025 kontinuierlich die Rekrutierungsrate. Allein im Januar 2026 betrug das Defizit rund 9.000 Soldaten.
Roboter ersetzen Truppen
Ursache dieses Wandels ist eine technische Transformation: Die Rüstungsindustrie der Ukraine entwickelt immer bessere autonome, unbemannte Waffensysteme, die Truppen ersetzen. Am Boden sind es unbemannte Fahrzeuge mit Geschützen, die sich ihren Weg freischießen, in der Luft sind es Drohnen, die immer größere Sprengladungen immer weiter ins Innere Russlands tragen und ihre Ziele dort mittels KI immer genauer treffen.
Wo einst westliche Waffenlieferungen die entscheidende Größe darstellten, produziert Kiew mittlerweile mit immer mehr brillanten Start-up-Unternehmen täglich bis zu 1.000 Abfang- und Angriffsdrohnen im eigenen Land. Die Jahresproduktion an Drohnen, die 2025 noch bei rund drei Millionen Systemen lag, wird 2026 auf über sieben Millionen anwachsen – langfristig plant das ukrainische Verteidigungsministerium eine Kapazität von 20 Millionen Drohnen pro Jahr. Die Ukrainer kämpfen nicht nur, sie erfinden und produzieren, auch um Europa abzusichern. Um so berechtigter ist es, dass die EU Beitrittsverhandlungen begonnen hat.
Denn Russland kann die Ukraine nicht mehr besiegen. So hat die Ukraine mit ihren, den russisch-iranischen Drohnen weit überlegenen Angriffsdrohnen mittlerweile rund 40 Prozent der russischen Raffinerie -Kapazität ausgeschaltet – daraus resultiert eine Treibstoffknappheit, die mittlerweile für Warteschlangen an russischen Tankstellen sorgt, wenn die Versorgung der Armee nicht gefährdet werden soll. Vor allem aber scheint die Ukraine mittlerweile auch in der Lage, den Nachschub an Nahrungsmitteln, Munition und Waffen an die russischen Truppen zu torpedieren: Es ist denkbar, dass Russland seine Truppen auf der Krim demnächst nicht mehr versorgen kann. Damit liefe Putin sogar Gefahr, seine wertvollste Beute zu verlieren. Er lebt wie Donald Trump in einer alternativen Welt, wenn er meint, die gesamten annektierten Gebiete behalten zu können und den Juden Wolodymyr Selenskyj im Wege der „Entnazifizierung“ aus der Regierung entfernen zu können.
Wenn wie in den letzten Monaten weitergekämpft wird, so meinen immer mehr der ursprünglich pessimistischen Militäranalysten, gewänne die Ukraine diesen Krieg. Nur dass Putin, ehe das passierte, vermutlich doch taktische Atomwaffen einsetzte. Er ist brutal genug, dieses Tabu zu brechen, denn die USA haben Russland für diesen Fall leider nie vorsorglich die totale Vernichtung als Gegenzug angedroht. Dennoch stehen die Chancen für ein Friedensabkommen besser denn je: Putin wird die Krim auf keinen Fall verlieren wollen – der „Westen“ wird ihn auf keinen Fall in die Lage bringen wollen, zu taktischen Atomwaffen zu greifen. Das sollte einen Kompromiss ermöglichen, bei dem die Ukraine nur die Krim für immer und sicher nicht den gesamten Donbas abgibt.