Die Europäische Zentralbank erhöht bekanntlich die Zinsen und würgt damit den Aufschwung ab. Der deutsche Top-Ökonom Heiner Flassbeck nennt das verrückt.
Ich habe in der Vorwoche begründet, warum ich es für verfehlt halte, dass die Europäische Zentralbank (EZB) trotz nach wie vor relativ teurer Energie auch das Geld verteuert, indem sie die Zinsen erhöht. Der deutsche Top-Ökonom Heiner Flassbeck drückt sich weniger zurückhaltend aus: er nennt die Entscheidung der EZB „verrückt“. Denn tatsächlich erschwert es eine Erholung der europäischen Wirtschaft erheblich, bremst es doch jede Investition, was insbesondere die Bauwirtschaft sofort spürt.
Sinnvoll ist dieses Bremsen nur, wenn die Wirtschaft eines Währungsraums in einem überhitzten Ausmaß boomt, so dass die Gefahr extremer Lohnerhöhungen und damit kritischer Inflation besteht: Dann erhöht das Bremsen mittels höherer Zinsen die Arbeitslosigkeit und erschwert damit weitere Lohnerhöhungen. In der EU aber gibt es weit und breit keine überhitzt boomende Wirtschaft, sondern ganz im Gegenteil nur marginales Wachstum beziehungsweise in Deutschland sogar fortgesetzte Rezession, und das Lohnniveau ist dank der deutschen Lohnzurückhaltung nicht zu hoch, sondern im Gegenteil zu niedrig. Die aktuelle Inflation hat denn auch in keiner Weise eine überhitzte Konjunktur und überhöhte Löhne zur Ursache, sondern ist die zwingende Folge der Verteuerung von Öl, Gas und Düngemitteln, durch die lange Sperre der Straße von Hormus. In dieser Situation die Zinsen zu erhöhen, behindert eine allenfalls durch die wachsende Weltwirtschaft auch in Europa bewirkte Erholung und erhöht die Gefahr einer über Deutschland hinausreichenden Rezession.
Für Flassbeck hat die verfehlte Reaktion der EZB zwei Ursachen: In seinen Augen hat die Präsidentin der EZB Christine Lagarde keine Ahnung von Geldpolitik und wird durch ähnlich ahnungslose deutsche Ratsmitglieder in ihrer Fehleinschätzung bestärkt. Weil deutsche Ökonomen und Ökonominnen aus rätselhaften Gründen als besonders kompetent gelten, führt das fast immer zu einer Mehrheit im EZB-Rat.
Es gibt aber auch einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der EZB und der viel vernünftiger agierenden US-Notenbank FED. Die EZB ist ausschließlich der Verhinderung von Inflation verpflichtet. Eine schwache EZB -Präsidentin glaubt daher unbedingt handeln zu müssen, wenn Waren sich verteuern, auch wenn das auf der Verteuerung von Energie und nicht auf einer kritischen, sich selbsttätig verstärkenden Preis-Lohn-Spirale beruht. Die FED dagegen ist zwar auch zur Verhinderung kritischen Inflation verpflichtet, hat aber immer zugleich das gute Funktionieren der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit im Auge zu behalten. Da zu einer insgesamt funktionierenden Wirtschaft immer auch Vollbeschäftigung gehört, zögert die FED sehr lang mit der Erhöhung der Zinsen, und greift zu diesem Mittel wirklich nur, wenn eine Überhitzung der Wirtschaft echte, sich selbsttätig verstärkende Inflation befürchten lässt. Sie hat daher derzeit, anders als die EZB, keine Zinserhöhung vorgenommen, obwohl die US-Wirtschaft einem Boom ungleich näher ist, als die Wirtschaft der EU.
1 Kommentar
Den Aufschwung, den es gar nicht gibt, mit Zinserhöhungen abwürgen, ist sicher Unsinn. Aber sicher gewollter Unsinn. Die Verantwortungsträger, die keine Verantwortung tragen, schlagen derzeit heftig zu. Den Europäern geht es noch zu gut die sind noch nicht kriegsgeil. Uns ist scheinbar die Giftspritze in die Gene gefahren.