Die vielen Gefahren sinkender Reallöhne

Es gibt kaum große Probleme der EU, für die Deutschlands Lohnzurückhaltung keine wesentliche Rolle gespielt hat: Vom Verschlafen des E-Autos bis zum Boom rechtsextremer Parteien.

Dass meine Kommentare nicht mehr in der gedruckten Ausgabe erscheinen, hat neben allgemeinen Blattpolitischen Überlegungen auch zur Ursache, dass Florian Klenk „nicht jede Woche eine Kolumne über `deutsche Lohnzurückhaltung` an prominentester Stelle im Falter lesen möchte“. Ich verstehe das, denn jetzt kann jeder, der will, meinen Blog abonnieren und ich nehme weder Barbara Toth noch Eva Maria Konzett prominenten Platz weg. Ich will nur auch meine Beharrlichkeit verständlich machen: Es gibt, so behaupte ich, fast kein großes europäisches Problem, für das „Deutschlands Lohnzurückhaltung“ keine wesentliche Rolle spielt.

Vorige Woche konnte ich hoffentlich zeigen, dass sie nicht nur in meinen Augen, sondern auch laut „Künstlicher Intelligenz“(KI) eine entscheidende Rolle dabei spielte, dass Deutschlands Auto-Konzerne die E-Mobilität verschliefen: Sie fuhren dank Lohnzurückhaltung bis 2025 so hohe Gewinne ein, dass Ex-VW-Boss Matthias Müller Tesla „irrelevant“ nennen konnte.

Diesmal glaube ich zeigen zu können, wie sehr der Erfolg rechtsextremer Parteien mit Deutschlands Lohnzurückhaltung zusammengehängt. Denn nicht nur in meinen Augen, sondern auch laut KI ist deren Aufstieg nicht zuletzt Folge des finanziellen Abstiegs der „Unterschicht“, sei es Österreichs, Frankreichs, Italiens oder Deutschlands. Denn für alle diese Volkswirtschaften hat „Deutschlands Lohnzurückhaltung“ eine wesentliche wirtschaftliche Rolle gespielt.

Weil KI durch die Fragestellung beeinflusst werden kann, habe ich so neutral wie möglich gefragt: „Was folgt aus der Lohnzurückhaltung Deutschlands für Frankreich?“ Die Antwort: „Durch stagnierende Reallöhne in Deutschland sanken die dortigen Lohnstückkosten deutlich. Frankreich, wo die Löhne im Gleichschritt mit der Produktivität stiegen, verlor im direkten Vergleich drastisch an preislicher Wettbewerbsfähigkeit. Dies führte dazu, dass Frankreich hohe Handelsbilanzdefizite gegenüber Deutschland anhäufte, während Deutschland Rekord-Exportüberschüsse verzeichnete. Da der Wechselkurs durch die gemeinsame Euro-Währung fixiert war, konnte Frankreich den deutschen Kostenvorteil nicht mehr (wie früher beim Franc) durch eine Abwertung der eigenen Währung ausgleichen. Die französische Regierung kritisierte das deutsche Vorgehen wiederholt scharf. Sie warf Deutschland vor, durch `Lohndumping` auf Kosten seiner europäischen Partner zu leben und die Eurozone in ein makroökonomisches Ungleichgewicht zu stürzen.“

Ich ergänze: das deutsche Verhalten widerspricht sowohl den Regeln der World Trade Organisation (WTO) wie der EU – aber die deutsch dominierte EU-Kommission ahndete den deutschen Verstoß nicht.

KI sieht denn auch weitere gravierende Folgen: „Auf dem wichtigsten französischen Exportmarkt – den Ländern der Eurozone – verdrängten billigere deutsche Waren französische Produkte. Auch französische Verbraucher und Unternehmen griffen verstärkt zu deutschen Industriegütern und Konsumwaren. Die Unfähigkeit, preislich mitzuhalten, führte in Frankreich zur Schließung von Fabriken und zu einem beschleunigten Verlust von Arbeitsplätzen in der Industrie.“

Was Italien betrifft, so liest sich die Auskunft auf die gleiche Frage kaum anders: „Die deutsche Lohnzurückhaltung führte für Italien zu einem massiven Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, steigenden Handelsbilanzdefiziten gegenüber Deutschland. Da Italien durch den Euro seine Währung nicht mehr abwerten konnte, um Preisnachteile auszugleichen, geriet das Land wirtschaftlich stark ins Hintertreffen.“

Von mir zusammengefasst: Deutschland hat Frankreich und Italien durch die gegenüber der Produktivität zurückgehaltene Entlohnung seiner Arbeitnehmer wirtschaftlich maximal beschädigt.

 

Politische Folgen niedriger Löhne

 

Insbesondere der Verlust an Arbeitsplatzsicherheit und realem Wohlstand der betroffenen Bevölkerung stimmt mich aus gutem Grund besorgt: Adolf Hitler wäre ohne die Arbeitslosigkeit der Dreißigerjahre nicht an die Macht gekommen – jetzt tragen Arbeitsplatz-Unsicherheit und Reallohnverluste wesentlich dazu bei, dass die Neofaschisten in Italien, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich und das Rassemblement Nationale Marin Le Pens in Frankreich derart erstarkt sind.

Alle diese Parteien werden zwar nicht nur, aber vor allem von einer abgehalfterten Unterschicht gewählt, die besonders unter dem Verlust an Job-Sicherheit und Wohlstand leidet. Ich habe KI daher gefragt, was die deutsche Lohnzurückhaltung für die Unterschicht der jeweiligen Länder. bedeutet?“ Die Antwort, die Deutschland selbst betrifft, hat zumindest mich in keiner Weise überrascht: „Für den Wohlstand der deutschen Unterschicht bedeutete die Lohnzurückhaltung einen spürbaren Wohlstandsverlust und eine Zunahme von sozialer Ungleichheit. Während die Exportwirtschaft boomte, entkoppelten sich die unteren Einkommen der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. Im unteren Einkommensdrittel sanken die inflationsbereinigten Löhne über Jahre hinweg real, wodurch die Kaufkraft dieser Gruppe massiv schrumpfte. Es entstand einer der größten Niedriglohnsektoren Westeuropas, in dem zeitweise fast jeder vierte Beschäftigte arbeitete.“ Da nimmt der Aufschwung der AfD kaum wunder.

Für Frankreich lautet die KI-Diagnose: „Da Frankreichs Industrie im direkten Wettbewerb mit Deutschland massiv an Boden verlor, traf diese Entwicklung die einkommensschwächsten Schichten im Land besonders hart. Besonders in den sozial benachteiligten Vorstädten verfestigte sich eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, was die soziale Spaltung und Armut der dortigen Unterschicht massiv verschärfte.“ Entsprechend profitierte Main Le Pen.

Die KI-Diagnose bezüglich Italiens ist noch etwas düsterer: „Die deutsche Lohnzurückhaltung bedeutete einen massiven Verlust an Lebensstandard, steigende Armut und den Abbau sozialer Sicherheit. Es entstanden Millionen schlecht bezahlte, befristete Verträge ohne soziale Absicherung.“ Kein Wunder, dass die fratelli d‘Italia bereits regieren.

Aber auch Österreichs Unterschicht hat laut KI unter der deutschen Lohnzurückhaltung gelitten: „Die deutsche Lohnzurückhaltung bedeutet für die österreichische Unterschicht vor allem höheren Druck auf das eigene Einkommen, Reallohnverluste und ein steigendes Armutsrisiko. Da Deutschland Österreichs wichtigster Handelspartner ist, zwingt das dortige Lohn-Dumping auch die österreichische Wirtschaft zu einem harten Wettbewerb, dessen Lasten oft an das untere Ende der Einkommensskala weitergegeben werden.“ Entsprechend erstarke die FPÖ

Vielleicht bringen Sie meiner Besorgnis in Bezug auf die deutsche Lohnzurückhaltung doch das Verständnis entgegen, das „Künstliche Intelligenz“ ihr entgegenbringt.

 PS: Aus dem Buch „Grundlagen einer relevanten Ökonomik“ des deutschen Ökonomen Heiner Flassbeck, das ich Interessierten wärmstens empfehle, erfahren Sie, dass am Anfang der Weltwirtschaftskrise der weltweite Verfall der Löhne stand.

 

Wenigstens der Fußball war gerecht

Mit Spanien gewann das mit Abstand beste Team das Endspiel. Das beste Match war ein anderes

in seiner zweiten Halbzeit  

Wenn man seinen Lebensmittelpunkt wie ich durch zehn Jahre in Spanien hatte, freut man sich mit den Spaniern, dass das mit Abstand beste Team auch tatsächlich Weltmeister wurde. Zumal es die Spanier in einer Lebensfreude bestätigt, die sie uns voraushaben: Selbst in einer Zeit, in der es ihnen wirtschaftlich miserabel ging, fanden sie das Leben halb so schlimm, weil sie überzeugt waren, immer den besten Wein und den besten Fußball zu haben.

Eigentlich waren sie im Endspiel so drückend überlegen, dass sie weit höher gewonnen hätten, hätte der slowenische Schiedsrichter die argentinischen Fouls von Beginn an geahndet. Auch die Kommentatoren nannten nur allzu oft „Leidenschaft“, was reine Brutalität war.

Dass Donald Trump einen Spanier nach dem anderen als besten Neuling, besten Tormann, besten Spieler und Weltmeister auszeichnen musste, obwohl Spanier „ganz schlechte Menschen sind“, war ein spezielles Vergnügen.

Manchmal ist Fußball auch wirklich völkerverbindend. Besseren Fußball als in der zweiten Hälfte des 6:4 Englands gegen Frankreich habe ich nie gesehen. Die bis dahin lustlosen französischen Weltstars, von denen jeder einen Marktwert von mehreren Millionen Euro hat, wollten klarstellen, dass sie mehr können als sie in der ersten Hälfte beim 0:4 für England gezeigt haben – die kaum minder teuren englischen Stars haben so gut wie vorher weitergespielt. Auf beiden Seiten gab es fast kein Foul – nur die Demonstration perfekten Fußballs. Es war plötzlich logisch – und eine Freude mitzuerleben – wie die Gegner einander nach dem Match um den Hals fielen und ihre Leibchen tauschten: 22 Ballkünstler hatten gemeinsam 45 Minuten lang ein fußballerisches Kunstwerk geschaffen.

 

7 Kommentare

  1. Sg. Herr Lingens,

    Ich bin ein großer Fan von Ihnen und habe mit Begeisterung Ihr Buch „Die Zerstörung der EU“ gelesen.
    Auch das Werk „Zeitzeuge eines Jahrhunderts“ ist von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend und informativ.

    mfG

    Manfred Riedner

  2. Herzlichen Dank, dass man ihre ausgezeichneten Beiträge hier lesen. Mir unverständlich, wie Herr Klenk dazu kommt. Ich dachte immer der Falter ist kritisch, vorallem, wie sich die Situation in Deutschland für Österreich auswirkt. Ich bin be Ihnen und Herrn Flassbeck, dass nicht nur Politiker, sondern die meisten Bürger VWL mit BWL verwechseln. Viele Grüße

  3. Ich verfolge Ihre Analyse schon länger – sehr richtig! Frage mich was man tun kann um eine viel höhere Wahrnehmung erzeugen kann..

  4. Bin was den Fußball betrifft (Frankreich gegen England) der selben Meinung! Und warum war das überhaupt möglich? Weil es um nichts mehr ging als um die Ehre! Ganz egal ob 3. oder 4., das Können hatte hier absoluten Vorrang.

  5. Die FPÖ/AFD ist längst nicht mehr bei den Niedrigverdinern agesiedelt. Auch viele akademisch gebildete Mensch:Innen haben es schon langsam begriffen, dass eine Politik gegen die eigene Bevölkerung in den Niedergang führt. Dass Impfungen nicht zwangsläufig gesund sind, haben die gescheiten Menschen ja auch lanngsam und leidvoll mitbekommen.
    Die immensen Sondervermögen, die zurückgezahlt werden müssen, führen zu einer gallopierenden Inflation. Die Folgen sind aus dem vorigen Jahrhundert bekannt. Wenn wir diesen Niedergang stoppen wollen, ist friedlicher Protest, den die zwangsfinanzierten Massenmedien nicht mehr ausblenden können, angesagt.
    Dass Amerika die Deindustriealisierung, die mit den weltweit konkurrierenden Dumpinglöhnen in Verbindung steht, gestoppt hat, zeigt dass Zölle oder Währungsanpassungen wichtig und gerechtfertigt sind. Die EU ist eine reformbedüftige Fehlkonstruktion und neigt dem linken Totalitarismus zu. Ein FairTrademodell und eine Befreiung aus der Umklammerung des Patentrechtes könnte der Weltwirtschaft einen Aufschwung verschaffen. Die KI ist jedenfalls von den ideologischen Fesseln zu befreien. Die Waffen- Pharma-Finanzindustrie gehört in ein enges Korsett um das menschliche Überleben zu gewährleisten. Solche Abkommen haben eine Zeit lang gut funktioniert. Das deutsche Lohndumping zur europäischen zu nutzen entspricht nicht den angeblichen, westlichen Werten und beschleunigt nur den Niedergang.

  6. Über die Deutschen hat Peter Lingens nicht viel Gutes zu sagen. Ich muss also doppelt vorsichtig sein, wenn ich mich über ihn äußere. Ich würde davon ohnehin absehen, wenn ich ihn nicht für einen bedeutenden Mann halten würde. In seinen politischen Kommentaren blickt Lingens auf eine reiche Erfahrung zurück und urteilt immer mit überzeugendem Augenmaß. Seine Ehrlichkeit und Offenheit haben mich stets überzeugt – ich habe ihn gern gelesen, ihn oft bewundert und fast allem zugestimmt. Mit einer Ausnahme: seiner Besessenheit von der sogenannten Saldenmechanik.
    Zur Sache selbst will ich mich nicht äußern, da sind ihm Gegenargumente inzwischen wohl gleichgültig. Aber einen Vergleich mit einem sehr großen Mann möchte ich dennoch wagen, weil er für Peter Lingens nur schmeichelhaft, aber durchaus nicht verletzend ist. Goethe hat Unglaubliches in der Dichtung geleistet, aber damit gab er sich nicht zufrieden. Er war überzeugt, auch in der Wissenschaft Bahnbrechendes geleistet zu haben. Mit einigen seiner besten Freunde hat er sich aufgrund seiner Farbenlehre überworfen, mit der er allen Ernstes Newton widerlegt zu haben glaubte. Ein Leben lang hat es dieser große Mann nie verwunden, dass man ihn bloß für einen genialen Dichter hielt – das nahm er schließlich als selbstverständlich hin – aber dass man ihm nicht zubilligen wollte, auch in der Wissenschaft die Wahrheit entdeckt zu haben.

  7. Florian Klenk hat nicht immer recht, hier aber schon.

    Auch ich höre sofort mit dem Lesen auf … vielleicht einen Newsletter anbieten, der dieses Thema ausschließt?

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