Meinungsumfragen sehen die Russen unverändert in großer Mehrheit hinter Putin und Kriegsgegner nur bei drei Prozent. Wenn es wahr ist.
Das Oberste Gericht Russlands, das diese Namen so wenig verdient wie das Land die Bezeichnung „Demokratie“, obwohl es demnächst Wahlen abhält, hat die liberale Oppositionspartei Jabloko von diesen Wahlen ausgeschlossen, weil sie angeblich vom Ausland finanziert wird. Der wahre Grund: Jabloko verzeichnete im Vorfeld der Dumawahl rasanten Zulauf, insbesondere von jungen Menschen, weil sie als einzige den Ukrainekrieg ablehnt. Auch die im Exil lebende Julia Nawalnaja hatte zur Wahl der Friedenspartei aufgerufen. Politische Beobachter und Exil-Oppositionelle betonen, dass der Kreml Angst vor einer Sichtbarkeit der realen Anti-Kriegs-Stimmung in der russischen Bevölkerung hatte.
Im ORF wird, wie in allen Fernsehstationen der EU derzeit immer wieder die Frage aufgeworfen, ob die Bevölkerung weiterhin hinter Wladimir Putin steht, weil die durch Drohnenangriffe verursachten Brände von Raffinerien doch so wenig zu übersehen sind, wie die Teuerung aller Konsumwaren. Dennoch beantworten die meisten Russland-Korrespondenten sie mit „Ja“und verweisen dabei auf Meinungsumfragen von Instituten, die in ihren Augen seriös sind und Jabloko nur drei Prozent Zustimmung attestieren.
Bei ihrem Besuch in Österreich im Mai hat die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa bei einem Interview versucht begreiflich zu machen, wie problematisch Meinungsumfragen in einer Diktatur sind, und ich möchte sie darin durch ein eindrucksvolles persönliches Erlebnis bestätigen. In den Sechzigerjahren, in der Hochzeit des Kommunismus im ehemaligen Ostblock, habe ich Urlaub in Polen gemacht, um das Land näher kennenzulernen, in dem meine Mutter durch ihre Haft in Auschwitz eine Menge Freundinnen hatte. Natürlich habe ich als junger Journalist auch versucht, einen Eindruck davon zu gewinnen, was die Polen von ihrer kommunistischen Regierung halten. Hätte ich nach zwei Wochen über die erhaltenen Auskünfte geschrieben, so hätte mein Bericht keinen Zweifel daran gelassen, dass sie im Wesentlichen hinter dieser Regierung stehen. Die wirtschaftliche Lage sei zwar unverändert schwierig, so sagten so gut wie alle, aber schließlich sei der Krieg noch nicht so lange her und zumindest sei die Korruption geringer. Außerdem müsse man natürlich gerüstet bleiben und das koste viel Geld. Zwar sei die Bundesrepublik nicht Hitler-Deutschland, aber dass man ihr nach wie vor Misstrauen entgegenbrächte, sei doch mehr als verständlich. Deshalb sei man auch froh über die militärische Unterstützung durch Russland.
Nicht dass man nichts an der Regierung auszusetzen hätte – doch im Großen und Ganzen sei man mit ihr zufrieden.
Ganz ähnliche Auskünfte hat übrigens die große deutsche Journalistin Marion Gräfin Dönhoff bei einer Reise durch Ostdeutschland über dessen Regierung erhalten und in der ZEIT entsprechend berichtet.
Dass ich nicht so über Polen berichtet habe, lag daran, dass ich kurz vor meiner Abreise von einem privaten Kreis zum Gespräch eigeladen, wobei mir die Anwesenden auf meine Fragen anfangs durchwegs ähnlich wie schon die schon Zitierten geantwortet haben. Bis einer mir die Frage stellte, ob ich womöglich mit seiner Kameradin Ella Lingens verwandt wäre, denn die schriebe sich wie ich, aber womöglich sei der Name in Österreich häufig. Als ich sagte, dass ich ihr Sohn sei, veränderte sich die Stimmung unter der Gesellschaft um 180 Grad. Wenn ich der Sohn dieser wunderbaren Frau sei, könne man mir ja die Wahrheit sagen, denn ich würde niemandem verraten, wo und von wem ich sie gehört habe. Natürlich sei die wirtschaftliche Lage miserabel, funktioniere die Versorgung hinten und vorne nicht, zumal zur kommunistischen Misswirtschaft noch jede Menge Korruption seitens der Bonzen käme. Vor der Bundesrepublik der Gegenwart fürchte man sich in keiner Weise – das sei ein künstlich errichtetes Schreckgespenst. Was man fürchte, seien die Russen und die eigene Regierung.
Perfektes Lügen lernt man
Das heißt nicht, dass die Russen nicht vielleicht doch hinter Wladimir Putin stehen. Wohl aber heißt es, dass der Eindruck von Korrespondenten und das Ergebnis von Meinungsumfragen darüber kaum Auskunft geben: In einer etablierten Diktatur haben die Menschen gelernt, aus Vorsicht aufs Glaubwürdigste zu lügen. Die Polen sagten mir nicht, ihre Regierung sei wunderbar – sie kritisierten sie durchaus – aber nur in einem Ausmaß, das ihnen, wenn es bekannt geworden wäre, nicht das geringste Probleme bereitet hätte. Sie haben das perfekte glaubwürdige Lügen verinnerlicht. Die Russen unter Wladimir Putin ganz sicher auch.
1 Kommentar
Ein berührender Bericht. Er lenkt von den miserablen Zuständen in Europa ab. Namhafte Ärzte, Juristen, Journalisten usw. werden mit fadenscheinigen Argumenten sanktioniert bzw. In Haft gehalten. Stimmenstarken Parteien werden aussichtsreiche Funktionäre gesperrt. Hält unsere Demokratie den Wettbewerb nicht aus? Ist unsere Demokratie überhaupt noch demokratisch? Wenn die FPÖ oder die AFD überwiegend vom Ausland finanziert werden würde, wären diese Parteien zu Recht auch bei uns verboten. Es ist traurig, dass heutzutage eine eigene Meinung zu äußern, gefährlich sein kann. Ich habe mich nicht der unsäglichen, krankmachenden Gentherapie unterzogen und die Repressalien am eigenen Leib zu spüren bekommen. Meinungsumfragen widerspiegeln die Wirksamkeit der Propaganda und unterliegen der Manipulation. Die Massenmedien und abhängige Gerichte sind gutbezahlte Helfershelfer. Alternativen Medien werden die Konten gesperrt um unliebsame nichtkonforme Darstellungen zu unterbinden. Wie das unsere überschuldete, überfremdete, verweichlichte, gegenderte Demokratie überlebt, ist fraglich. Unmanipolierte Wahlen wären gut geeignet eine Willensäußerung darzustellen. Dass eine 9% Partei das Außenministerium inne hat und mit unserer immerwährenden Neutralität spielt und über die Mehrheit bestimmen möchte, entwürdigt eine echte Demokratie.