Schlechter als jetzt kann die SPÖ nicht fahren. Gerhard Zeiler hat nie Unsinniges gesagt und vertritt vernünftige Standpunkte zweifellos eloquenter als Andreas Babler.
Dass Gerhard Zeiler bereit ist, zu einem Bruchteil seines aktuellen Gehalts und in Wirklichkeit sogar politischer Macht – er ist als Präsident von Warner Brothers International Chef eines der mächtigsten Medienkonglomerate der Welt -Vorsitzender der SPÖ zu werden, ist nur mit einer gewissen Abenteuerlust und Liebe zur Sozialdemokratie zu erklären. An der fehlt es auch Andreas Babler nicht – aber ansonsten, so meine ich, an vielem. Er hat zwar nie mehr etwas ähnlich Schwachsinniges von sich gegeben, wie die Behauptung, dass die EU „das schlimmste aggressive militärische Bündnis, das es je gegeben hat“ sei, und er war ein erfolgreicher, hochanständiger Bürgermeister von Traiskirchen, aber das war in meinen Augen die höchste seinen Kompetenzen entsprechende politische Position. Dass er sich „Marxist“ nennt, kann ich mir nur damit erklären, dass er nicht wirklich weiß, was das ist. Man kann aber auch viel simpler für seine Abdankung plädieren: Geringer als unter seiner Führung kann die Zustimmung zur SPÖ nicht mehr werden.
Gemäß einer Umfrage zögen derzeit 38 Prozent der Österreicher Hans Peter Doskozil, 24 Prozent Markus Marterbauer und 13 Prozent Gerhard Zeiler als SP-Chef vor, wobei Marterbauer innerhalb der Partei den größten Rückhalt genösse. Ich habe daher wie Florian Klenk dafür plädiert, Babler durch ihn zu ersetzen, aber seine Krebserkrankung steht dem nun einmal entgegen. Weil eine lange interne Auseinandersetzung und die mühsame Prozedur einer Mitgliederbefragung – 10 Prozent der Mitglieder müssten ihr zustimmen – der SPÖ extremen Kollateralschaden zufügte, wäre ein Sonderparteitag die weit bessere, weil rasche Lösung, einen neuen Obmann zu bestellen.
Nichts an Zeiler ist unvernünftig
Hätte ich dabei abzustimmen, so stimmte ich aus vielen Gründen für Zeiler: Ich halte fast alles, was er sagt, für grundvernünftig. Anders als Babler bekennt er sich klar zur freien Markwirtschaft, sieht aber das Problem einer Dominanz der Finanzmärkte. Er bekennt sich zur EU, sieht aber ihre Probleme und will sie durch Vertiefung der Einigung überwinden. Den Klimaschutz sieht er als dringende internationale Aufgabe an. In Österreichs befürwortet er die die Sozialpartnerschaft, weicht aber punktuell von der Haltung des ÖGB ab. So befürwortet er die Sonntagsöffnung von Geschäften und plädiert wie ich für einen gesetzlichen Mindestlohn, weil es viele Arbeitsverhältnisse ohne Kollektivvertrag gibt. Er tritt wie ich zwar für eine Erbschaftssteuer, nicht aber generell für „Vermögensteuern“ ein, weil er sie für kaum durchsetzbar hält. Damit hat er möglicherweise Recht, auch wenn ich es rein sachlich anders sehe. Zu vermögensbezogenen Steuern – voran Grundsteuern – ist seine Haltung unbekannt, aber ich wunderte mich sehr, wenn er sie ablehnte.
Sein Problem bei der Ablehnung einer Millionärssteuer wie Babler sie fordert, könnte darin bestehen, dass man ihm vorwerfen wird, sich selbst zu schützen, denn seine Abfertigung bei Warner-Brothers, die er jetzt anlässlich der Übernahme durch Paramount beanspruchen könnte, beträgt 82,6 Millionen Dollar. Ich glaube zwar nicht, dass die Sorge um sein Vermögen sein Motiv ist, denn selbst nach der „Millionärssteuer“ verbliebe ihm mehr, als er und seine Familie je verbrauchen könnten. Aber zweifellos wird sein Reichtum seine Achillesferse bei seiner Bewerbung um den SP-Vorsitz sein, obwohl die SPÖ heute ganz anders dastünde, wenn der noch viel reichere Hannes Androsch an ihre Spitze gelangt wäre.
Wie Androsch ist Zeiler Bildung ein zentrales Anliegen. Auch er tritt für die differenzierte Gesamtschule, viel mehr Ganztagsschulen und das zweite Gratis- Kindergartenjahr ein. Beim Eintreten für die Ganztagsschule spielt Zeilers Interesse an der Berufstätigkeit der Frau eine wesentliche Rolle: Er meint, dass viel mehr Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft wie der Politik guttäten und verweist auf die erfolgreichen Regierungschefinnen Skandinaviens. Frauen seien offener gegenüber demokratischen Anliegen. Ich teile diese Ansicht und meine, dass das damit zusammenhängt, dass sie auch ihre Zuneigung gerecht zwischen mehreren Kindern aufteilen wollen.
In der Migrationspolitik ist Zeiler für strenge Grenzkontrollen, sieht aber die Menschenwürde gefährdet, wenn man, wie in Österreich, den Familiennachzug völlig unterbindet. Die Integration von Migranten und die Wirtschaftshilfe für die Länder, aus denen sie fliehen, müsse im Vordergrund stehen. Ich sehe das ähnlich, es dürfte ihn aber bei den Österreichern nicht beliebter machen. Das gilt auch für die von mir geteilte Meinung, dass Österreich sich der Nato anschließen statt neutral bleiben sollte. Aber diese Meinung hat er als Profi schon modifiziert: Es gehe darum, dass Österreich innerhalb der EU ausreichend zu deren Verteidigung beitrage.
Eindeutig ist er bezüglich des Klimaschutzes – man möge Bezüglich der FPÖ teile ich seine Meinung restlos: Man möge sich klar von ihr abgrenzen, nicht aber sie oder gar ihre Wähler ausgrenzen – ihre Sorgen sind ernst zu nehmen.
Ob es tatsächlich zu einem Wechsel von Babler zu Zeiler kommt, wird stark von der Haltung des ÖGB zu seinen manchmal etwas abweichenden Meinungen abhängen, entscheidend aber wird sein, ob Wiens Bürgermeister Michael Ludwig im Wechsel zu Zeiler eine Chance sieht. Ich hoffe, dass es so ist.
9 Kommentare
Mag sein, dass Gerhard Zeiler ein geeigneter SPÖ Vorsitzender wäre – aber dass er ausgerechnet jetzt, wo die Medienförderung zu ungunsten des Boulevards reformiert werden soll, von ebendiesem als Gegenkandidat zu Andreas Babler gepusht wird, hat doch einen ziemlich üblen Beigeschmack. Warum Sie das mit keinem Wort erwähnen erschließt sich mir nicht.
Ich erinnere mich, wie ich seinerzeit absolut nicht verstehen konnte, wie die SPÖ einem Dampfplauderer wie Christian Kern den Vorzug gegenüber einem Profi wie Zeiler geben konnte. Allerdings fürchte ich, dass es jetzt für Zeiler zu spät geworden ist.
Meiner Meinung nach ist das derzeit vom Boulevard verlautbarte Umfragetief der SPÖ nicht Andreas Babler anzulasten, sondern dessen Medienförderung und dem völligen Unvermögen der in der SPÖ für die Vermittlung politischer Inhalte zuständigen Personen: die Dauer-Attacken auf den Parteivorsitzenden müssten viel besser abgewehrt werden, die Erfolge und das Bemühen der SPÖ bei der Durch- und Umsetzung von Verbesserungen der Bevölkerung viel besser vermittelt werden. Dass sich diese Koalition gegen die Kickl-FPÖ gefunden hat und trotz teilweise massiver Meinungsverschiedenheiten noch immer an der Regierung ist, ist positiv zu bewerten, auch wenn die Erwartungshaltung der Wählerschaft gemessen am (auch budgetär) Machbaren viel zu hoch angesetzt war: leider hat die Schwarz-Grüne Regierung den HAndlungsspielraum und die Möglichkeiten einer Nachfolgeregierung derart eingeschränkt, dass einfach ’nicht mehr drin‘ ist. Dies Andreas Babler anzulasten, ist für mich einfach ‚Thema verfehlt‘! Dass sich die Dichands die Hände reiben, sollte dabei nicht außer acht gelassen werden.
Lieber Herr Lingens,
Ihre Artikel erweitern meinen Horizont, brechen oft verfestigt Glaubensmuster auf. Kurz: Bereichern ungemein!
Sie gehen mutig auf auf „unpopuläre“ Themen los und liefern zu Ihrer Meinung immer präzise Fakten. DANKE!!!
LG
Günter Horvath
[Vor laaanger Zeit bei „klex“ 👍😀🙋🏻♂️]
Bitte bleiben wir bei den Fakten. 1. Die Regierungsmannschft der SPÖ unter Babler machten gute Arbeit und ter Berücksichtigung des Erbes von ÖVP, FPÖ und Grünen. 2. Babler will die -bereits überfällige- Medienförderung neu aufstellen. Das passt natürlich gewissen Medien nicht, u.a. Kronen Zeitung. Ich hoffe die ganzen Skandale in der Ära des „Heilsbringers“ Kurz sind noch vorhanden. 3. Dann kommt ein 71 jähriger und präsentiert sich als der Heilsbringer, der die SPÖ auf vielleicht 17 oder 18 % bringt. 4. Wo liegt die ÖVP? Bei 20%, keine Aufregung und Kampagne gegen Stocker. Resümee für mich: cui bono? Der Kronen Zeitung etc. und der FPÖ.
Genauso ist es! Unbegreiflich, dass viele das anscheinend nicht kapieren oder kapieren wollen. Weshalb sollte ein Multimillionär die Chance für eine sozialdmokratische Partei sein? Noch dazu einer, der die Vermögenssteuer selbst in dem angedachten geringen Ausmaß ablehnt. Zeiler mag ein guter Medienmanager gewesen sein, aber mit 71 kann man keine Partei wie die SPÖ quasi ‚als Hobby nebenbei‘ führen – das kann (meiner Meinung nach) nur in die Hose gehen! Ich wünsche dem ehemaligen ‚Maroltinger‘ Zeiler einen angenehmen und sogenfreien Ruhestand. Pressesprecher von Fred Sinowatz (‚es ist alles so kompliziert!‘) und des Nadelstreifsozialisten Franz Vranitzky gewesen zu sein qualifiziert ihn nicht für die Lösung der aktuellen Probleme. Und wer sich auf Anton Benya beruft, der mit hinter dem Skandal um den Polizeieinsatz in der Hainburger Au 1984 stand und mit Schuld an der Abspaltung vieler Jusos trägt, die zu den Grünen gewechselt sind , ist ohnehin für eine Stärkung der Partei untragbar.
Grundvernünftig! Auch wenn man nicht SPÖ wählt, kann man nicht wollen, dass die Sozialdemokratie mit Babler und seinen Getreuen untergeht. – Wie kann ich das auf Facebook stellen?
Guten Tag, bitte fügen Sie diesen Link ein: https://wp.me/p8H87I-1wi
Erklären Sie mir bitte, was daran ‚grundvernünftig‘ sei sollte.