Was ist in Doskozil gefahren?

Bisher ist er eher positiv aufgefallen. Man konnte sich ihn sogar als Vorsitzenden der SPÖ für den Fall vorstellen, dass Pamela Rendi Wagner bei ihrer geheim gehaltenen Umfrage doch ziemlich schlecht abschneiden sollte. Aber seine Neusiedlersee -Verordnung erinnert an Elisabeth Köstingers Sperre der Bundesgärten:

Absurder geht`s schwer.

Dass man Ansammlungen in Seebädern vermeiden will, ist verständlich – aber die muss man ja noch nicht aufsperren. Aber das ganze burgenländische Bodenseeufer nur denen vorzubehalten, die innerhalb von 15 Kilometern einen Wohnsitz haben, ist schon allein mit ziemlicher Gewissheit verfassungswidrig.

Vermutlich entspringt es dem gleichen neuen Lokal-Nationalismus, der schon in Bad Aussee zu beobachten war: Aussee den Ausseeren – der Neusiedlersee den Burgenländern. “Ausländer” – Wiener, Steirer, Niederösterreicher raus! Das könnte für einen burgenländischen Landeshauptmann zumindest zugkräftig sein. Aber was ist mit den Burgenländern, die weiter als 15 Kilometer vom Ufer wohnen?

Und wird Doskozil eine vergleichbare Verordnung für Parndorf erlassen, das davon lebt, dass von überall her “Ausländer” – Steirer, Niederösterreicher, Wiener – anreisen, um dort einzukaufen?

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Corona-Rückfälle bleiben ungefährlich

Rudolf Anschobers Aussage, dass uns mit der Lockerung des Shuttdown die kritischsten Corona- Wochen noch bevorstünden, kann man, so hoffe ich, getrost relativieren, ohne des Spiels mit dem Leben Tausender geziehen zu werden.

Es ist ausgeschlossen, dass uns ein – zweifellos mögliches- Wiederaufflammen der Epidemie mehr Tote beschert, als unser Gesundheitssystem aushält. Denn wir haben die meisten Spitalsbetten und nach Deutschland die meisten Intensivbetten je 100.000 Einwohner der Welt. Derzeit sind noch tausend davon frei, und da die Influenza-Saison zu Ende ist, werden täglich noch mehr davon frei werden.
Ich riskiere sogar die Aussage, mit der ich den Bonner Virologen Hendrik Streeck hier zitiert habe: “Für Deutschland (Österreich) dürfte die Anzahl der Toten zu Ende dieses Jahres nicht höher als im Durchschnitt vorangegangener Jahre ausfallen.”

Viele Zahlen die wenig sagen

Viele Epidmiologen haben Ähnliches im Gegensatz zu den meisten Virologen immer behauptet und die täglich veröffentlichten Horrorziffern, selbst aus Italien und Spanien, und jetzt aus den USA, immer etwas relativiert. Man könne Regionen mit ungenügendem (kaputtgespartem) Gesundheitssystem und dichter Bevölkerung, (Lombardei, Madrid, Paris) nicht mit Regionen vergleichen, die ihres Reichtums wegen trotz staatlichen Sparens genügend Intensivbetten besäßen, Regionen mit großer Luftverschmutzung, (Wuhan, Lombardei) nicht mit ländlichen Regionen mit sauberer Luft, und Länder mit überalterter Bevölkerung und vielen Vorerkrankungen (Lombardei) nicht mit Ländern mit viel jüngerer Bevölkerung.
Die Zahlen über “Corona-Infizierte” gäben vor allem darüber Auskunft, wie viele Test-Kits verwendet  wurden und die Aussage, dass es in den USA bereits mehr Corona-Tote als in Spanien sei schon deshalb wenig sinnvoll, weil sie nicht berücksichtige, dass die USA 335 Millionen Einwohner, Spanien aber nur 47 Millionen Einwohner hätte. Und weil man schon gar nicht wisse, wie viel Corona-Infizierte es tatsächlich in den beiden Ländern gäbe.

Ideologie könnte schlimmer als das Virus gewesen sein

Zumindest einige dieser Epidemiologen bleiben bei der Aussage, dass sich zu Ende des Jahres herausstellen würde, dass die Corona -Mortalität, wenn man sie über die gesamte Bevölkerung, seine dichten Städte und das weite Land hinweg berechne, die Sterberate vergangener Jahre allenfalls marginal erhöhte, dass der jüngste Corona-Virus also doch ein relativ harmloser sei.
Ich wende gleich ein, dass das an den gehäuften gespenstischen Todeszahlen in der Lombardei, Madrid, Paris oder New York nichts ändere. Nur halte ich für möglich, dass man dafür eher das “Sparen des Staates” als das Virus verantwortlich machen sollte. Wobei New York einen absurden Sonderfall darstellt: Während Italien, Spanien oder Frankreich dieses Sparen von Maastricht und Angela Merkels Spar-Palt mehr oder minder aufgezwungen wurde, haben die steinreichen USA von sich aus, aus purer Ideologie, seit jeher auf ein starkes staatlich abgesichertes Gesundheitssystem verzichtet.

PS: Weil ich Sie grundsätzlich auch informieren will, was gegen hier gemachte früheren Aussagen spricht: Die Erfahrungen des SMZ Süd mit Plaquenil lassen mich doch daran zweifeln, dass ich es so sicher nähme, wenn ich an Covid-19 erkrankte – dort soll es die Gesundung der Patienten nämlich – glaubwürdig – erschwert haben. Ich werde also doch lieber die zahlreichen in Deutschland laufenden Studien abwarten.

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Corona. Probleme des räumlichen Sehens

Die Fortgesetzte Sperre von Geschäftslokalen von mehr als 4oo Quadratmetern Größe scheint mir so problematisch wie die möglichst späte Öffnung der Schulen, die in Deutschland als erstes geöffnet werden.

Und vor allem genau so widersinnig wie die Sperre der großen Bundesgärten: natürlich ist der berühmte Ein-Meter-Abstand auf großen Flächen ungleich leichter als auf kleinen einzuhalten.

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Wie lange sollen Kinder daheim bleiben?

Im Gegensatz zu Sebastian Kurz und Rudolf Anschober, die Kindergärten und Volksschulen bei der Rückkehr zur Normalität als letzte wieder in Betrieb nehmen wollen, sieht der hier von mir vorgeschlagene Stufenplan vor, sie als erstes wieder zu öffnen.

Ich möchte das begründen: Kleine Kinder und Kinder im Volksschulalter, ja selbst bis 12 sind offenkundig extrem unempfindlich gegen Covid-19: sie zeigen meist gar keine oder ganz milde, kaum wahrnehmbare Symptome, daher sind sie durch die Pandemie offenkundig am wenigsten an Leib und Leben gefährdet.

Gleichzeitig spielen sie vorwiegend miteinander, so dass sie, wenn sie einander gegenseitig anstecken, schlimmstenfalls ihre Eltern anstecken könnten, denn dass sie nicht mit den Großeltern zusammenkommen sollen ist ja weiterhin klar und um so leichter zu verhindern, je mehr Zeit des Tages sie im Kindergarten oder der Schule verbringen. Die Ansteckung der eigenen Eltern wird durch sie nicht erheblich wahrscheinlicher, als dass diese sich im Beruf oder bei Einkäufen anstecken. Denn auch insgesamt ist die Verseuchung der Bevölkerung gemäß den jüngst erhobenen Zahlen minimal.
Den Eltern ist aber enorm gedient, wenn sie sich nicht 12 Stunden am Tag um ihre Kinder kümmern müssen, sondern sich wieder voll ihrem Beruf widmen können.

Die derzeitige Regelung ist auch ebenso aufwändig wie ineffizient: In den Schulen müssen sich ja Lehrer bereithalten um die Kinder die sie besuchen wollen “aufzubewahren” nicht aber zu unterrichten. Gleichzeitig müssen andere Lehrer die Kinder, die zu hause sind fern-unterrichten, was auch sehr mühsam und für Schüler mit Migrationshintergrund eine denkbar schlechte Lösung ist.

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Höhere Staatsschulden – weniger Tote

Die Überwindung des Shutdown der Wirtschaft ist so wichtig wie die Überwindung der Pandemie. Der Staat muss Schulden nicht stunden sondern übernehmen.

Exzellente Öffentlichkeitsarbeit, die stets Sorge, nie aber Panik schürte, hat für erstaunliche Disziplin gesorgt. In Wahrheit war nie wahrscheinlich, dass wir “italienische Zustände” erleben würden, denn “Sparen des Staates” hat die Zahl unserer Akut-Intensivbetten zwar von 7auf 5,5 je 1000 Einwohner gesenkt, nicht aber wie in Italien von 5 auf weniger als eines. Zudem hatten 99,2 Prozent der italienischen “Corona-Toten” Vorerkrankungen und waren im Median 81 Jahre alt – in Österreich ist die Altersstruktur günstiger und sind Vorerkrankungen dank höherer Volksgesundheit seltener. Wenn es gelang die Zahl der Infektionen auch nur annähernd im Ausmaß Südkoreas zu senken, war auszuschließen, dass die Zahl schwer Covid-19 Erkrankter die Kapazität unserer Intensivbetten übersteigt. Mittlerweile scheint klar, dass das gelungen ist – dazu ist Türkis-Grün zu gratulieren.

Auch wirtschaftlicher Absturz produziert Massengräber

Die Zukunft der Wirtschaft besorgt mich mehr. Laut “Armutsbericht” der Regierung ist die Lebenserwartung Armer bis zu zehn Jahren geringer als die Wohlhabender. Derzeit gibt es in Österreich 1,5 Millionen Armutsgefährdeter – im Falle einer EU-weiten Depression wären es Abermillionen die vorzeitig sterben.

Ich führe das an, um klar zu machen, dass die Überwindung des Corona-Shutdown der Wirtschaft mindestens so wichtig ist, wie die Überwindung der Pandemie.

Leider sind alle meine in der Vorwoche geäußerten Befürchtungen eingetroffen: Die Antragstellung ist viel zu kompliziert, ihre Bewilligung dauert viel zu lang, viel zu wenig Geld fließt viel zu langsam. Ich habe hier mehrfach erklärt, warum Sparen des Staates widersinnig ist, aber nun gilt es zu begreifen, dass der Staat gewaltige Schulden machen muss, um eine Depression zu verhindern.

Die Vorstellung Gernot Blumel´s, dass wir die Rückkehr zum “Nulldefizit” zwar leider verschieben aber dann natürlich so bald wie möglich wieder sparen müssen ist absurd: wir müssen auf Jahrzehnte hinaus jede Menge Schulden akzeptieren, um eine Katastrophe zu verhindern – wenn wir in hundert Jahren schuldenfrei sind, können wir von mir aus darüber diskutieren, ob das erfreulich ist.

Die unsinnige Angst vor Staatsschuldenquoten

Ich möchte die Unbedenklichkeit von Staatsschulden einmal mehr am Beispiel Japans belegen. Japan hat seit Jahrzehnten angeblich untragbare Staatschuldenquoten – derzeit sind es 237,1 Prozent. Aber Japans Wirtschaft funktioniert tadellos und die Zinsen, zu denen es sich Geld leiht, sind im Laufe der Jahre nicht gestiegen sondern gesunken. Die Staatsschuldenquote ist in Wirklichkeit eine völlig unbedeutende Ziffer gemessen am realen Funktionieren der Wirtschaft – nur wenn deren Motor zu stottern beginnt ist es gefährlich.

Und diese Gefahr ist derzeit gegeben weil der aktuelle Shutdown Wirtschaftsstrukturen zu zerstören droht, indem Unternehmen zu Grunde gehen, Lieferketten zerbrechen und Investitionen aufgeschoben werden. Unser dringendstes Anliegen muss es daher sein, dass in den kommenden Monaten nur ein Minimum dieser Strukturen zerstört wird. Und das geht nur, indem der Staat sich ohne Rücksicht auf Verluste verschuldet.

Die unsinnige Sorge, zu viel zu unterstützen

Bürokratisches Bemühen, gefährdeten Unternehmen nur das unbedingt nötige Geld zuzuteilen ist völlig fehl am Platz. Die Maßnahmen, die ich hier vorige Woche angeführt habe sind nicht das Maxi- sondern das Minimum: Kein Unternehmen darf – entgegen der absurden Ansicht unseres Nationalbankpräsidenten- daran zugrunde gehen, dass es die aktuelle Krise nicht durchsteht.

Selbstverständlich ist angesichts 12,2 Prozent Arbeitsloser das Arbeitslosengeld dringend deutlich zu erhöhen. Es ist ein lächerliches Problem, wenn Personen und Unternehmen mehr Geld bekommen, als sie zum nackten Überleben brauchen. Das wahre Problem wird sein, dass die Bevölkerung nach der Wiedereröffnung der Geschäfte zwar kurzfristig Nachhol-Einkäufe tätigen, dann aber doch aus Angst vor der Zukunft eher sparen wird – während die Unternehmen nichts dringender als boomende Einkäufe brauchten um die Verluste von Monaten aufzuholen. Das wahre Problem wird sein, dass sie Investitionen nicht nur im Moment aufschieben, sondern womöglich den Optimismus verloren haben, in die Zukunft zu investieren.

Deshalb dürfen Unternehmen am Ende des Shutdown auf keinen Fall Schulden haben deren Rückzahlung ihnen nur gestundet ist -der Staat muss ihre Schulden vielmehr auf sich nehmen. Steuerschulden sind nicht zu stunden sondern zu erlassen. Überbrückungshilfen sind nicht als “Kredite” sondern als “staatliche Zuschüsse” zu gewähren.

Ein historischer Moment für Sebastian Kurz

Eine solche “Schuldenpolitik” zu vollziehen wird für Sebastian Kurz, so unternehmerfreundlich er ist und so gut er die Gesundheitskrise managt, insofern besonders schwer sein, als er Staatsschulden so besonders erfolgreich verteufelt und ihre Vermeidung als “die” historische Leistung seiner Regierung gepriesen hat. Aber vielleicht ist ihm klar, dass es als historisches Versagen seiner Regierung in die Geschichtsbücher einginge, wenn sie die aktuelle Wirtschaftskrise nicht meisterte, weil der Staat zu wenig ausgibt. Vielleicht macht ihm zumindest diese Sondersituation klar, wie unverzichtbar Staatsausgaben sind. Bis zu einem gewissen Grade ist es sogar eine ideale Gelegenheit von seiner Austerity -Ideologie – denn eine solche und keine volkswirtschaftliche Erkenntnis ist es – abzugehen: Von mir aus soll er ständig sagen “Wir hätten natürlich wieder das Nulldefizit erreicht, wenn nicht höhere Gewalt in Gestalt einer Pandemie dazwischen gekommen wäre.”

Er muss nur anders handeln.

 

 

 

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Korrekte Hilfe erspart die Depression nicht

Freunde von mir betreiben einen vermutlich vier Monate hindurch geschlossenen Kosmetiksalon. Derzeit haben sie aus dem “Härtefonds” tausend Euro erhalten. Das ist für nichts gut, selbst wenn sie ein viel kleineres Unternehmen hätten.

Im konkreten Fall müssen sie die anteiligen Kurzarbeitsgehälter für drei Angestellte vorfinanzieren und sollten wahrscheinlich auch die an ihrem Standort hohe Miete weiter bezahlen, denn sie könnten vom Vermieter zwar deren Stundung fordern, aber nach vier Monaten müssten sie den gestundeten Betrag mit 4 Prozent Zinsen abzahlen.
Sie werden also besser fahren, indem sie bei ihrer Bank einen Überbrückungskredit aufnehmen, denn der darf nur ein Prozent Zinsen kosten und wenn die Bank ihn korrekt beantragt, erhält sie angeblich von der zu diesem Zweck gegründeten Wirtschaftsagentur binnen 24 Stunden eine Haftungsgarantie über 100 Prozent. Das ist, wenn es wirklich so klappt, sinnvoll geregelt. Insbesondere nachdem der Kredit neuerdings bis zu 500.000 Euro betragen darf.
Zu Ende des Jahres wird das Unternehmen darüber hinaus Geld aus einem beantragten Betriebskostenzuschuss erhalten, mit dem einen bestimmten Prozentsatz des tatsächlichen eingetretenen Verlustes ersetzt wird. Zur Höhe dieses Prozentsatzes werden derzeit die entsprechenden Richtlinien ausgearbeitet.

Weniger korrekt funktionierte schneller, einfacher und besser

Das ist alles kaufmännisch sehr korrekt: Es wird sehr rasch notwendige Liquidität geschaffen, und der vom Unternehmen am Ende zu tragende Verlust wird zumindest keine astronomische Dimension erreichen. Ich fürchte dennoch in Übereinstimmung mit dem Ökonomen und ehemaligen Staatssekretär im deutschen Finanzministerium Heiner Flassbeck, dass es eine EU-weite Depression nicht abwenden wird. Das gelänge nach seiner und meiner Überzeugung nur, wenn den Unternehmen gar kein Verlust erwüchse indem seine allfälligen Schulden komplett vom Staat übernommen werden.
Auch die Überbrückung für Kleinst- und Kleinunternehmen – kleine Kosmetiksalons, Friseure, Espressos – wäre viel einfacher nach dem System zu lösen gewesen, das ich vorige Woche hier vorgeschlagen haben: Der Finanzminister überweist diesen Unternehmen, deren Daten er in Händen hält, sofort 20.000 Euro, die sie auf keinen Fall zurückzahlen müssen.
Das hätte zahllosen der rund 300.000 EPUs erspart, komplizierte Anträge zu stellen und die Wirtschaftskammer hätte sich nicht mit deren Überprüfung herumschlagen und darauf gewaltige Mengen Zeit aufwenden müssen. Diese Zeit hätte sie dazu nützen können, die Anträge viel schneller zu bearbeiten, in denen es um höhere Beträge geht.

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Die überflüssige Verspätung

Spät aber doch wurde das Malariamittel Hydroxychloroquine, dessen Einsatz ich hier mehrfach gegen die oft heftigen Einwände der Jünger des Charité-Top-Virologen Christian Drosten verteidigt habe, von Österreichs Gesundheitsbehörden in einem Eilverfahren zur Behandlung von Covid-19 zugelassen.

Der Pharmakonzern Novartis, der, wie die meisten Pharmakonzerne, eine Variante des altbekannten Medikaments herstellt, hat Österreich und allen Mitgliedern der EU ausreichende Mengen davon zur Verfügung gestellt und so wird es hoffentlich auch wie in Südkorea rundum eingesetzt werden.

 Zuviel deutsche Gründlichkeit mitten im “Krieg”

Die Einwände Christian Drostens gegen Studien des französischen Top-Virologen Didier Raoult, der empfahl Hydroxychloroquine unter dem Handelsnamen Plaquenil gemeinsam mit einem Antibiotikum einzusetzen waren zwar, was die Methodik der Studien betraf, durchaus berechtigt, aber nicht zu Ende gedacht. Erstens hatte Raoult seine Studien nur zur Bestätigung einer viel umfangreicheren chinesischen Studie gemacht. Zweitens hatten Südkoreas Virologen das Mittel zum Einsatz empfohlen. Und drittens nutzte der Einsatz des Mittels zwar vielleicht nicht in dem von Raoult behaupteten Ausmaß -schädlich war er außer bei Leber-Nieren-Vorerkrankungen auf keinen Fall. (Gegen Malaria wurde Plaquenil seit 1949 millionenfach selbst Schwangeren verabreicht). Mitten im Krieg gegen ein Virus ist rasches Handeln sinnvoller als normalerweise berechtigte größte Gewissenhaftigkeit – jedenfalls dann, wenn das Medikament spottbillig ist und nicht schadet.

Das Boris-Johnson-Syndrom

Vermutlich (hoffentlich) erfolgt sein Einsatz in Österreich in der von Raoult empfohlenen, etwas niedrigeren Dosierung von 500 mg und wie bei ihm in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin. Einiges spricht nämlich dafür, dass die immer wieder -etwa auch bei Boris Johnson -beobachtete extreme Verschlechterung im Zustand des Patienten in einer zweiten Phase seiner Erkrankung davon herrührt, dass Bakterien die Viren-geschwächte Lunge stürmen und dort eine lebensbedrohende Lungenentzündung auslösen.

Wieso ist ein für sich eher harmloses Virus so gefährlich?

Es wäre auch sinnvoll, wenn der Bevölkerung klarer wäre, was das “Corona-Virus” SARS-CoV-2 so gefährlich macht, obwohl die mit ihm verbundene Sterblichkeit primär viel geringer als etwa beim Grippe-Virus ist. Sebastian Kurz hat zwar versucht, das im Gespräch mit Armin Wolf zu erklären, aber ausnahmsweise ist es ihm nicht mit der sonst von ihm gewohnten Präzision gelungen.

  • Es scheint es so zu sein, dass Covid-19, wenn es bei einem älteren Menschen zu einer Vorerkrankung hinzutritt, in einem unerwartet hohen Ausmaß tödlich verläuft.
  • Vor allem aber ist das Virus extrem ansteckend und breitet sich daher extrem schnell aus. Das bedeutet, dass nicht nur die leichten und mittelschweren sondern auch diese lebensgefährlichen Verläufe der Erkrankung in einem besonders kurzen Zeitraum extrem gehäuft auftreten.

Dadurch kann ein Gesundheitssystem, das einer langsameren Verbreitung des Virus durchaus gewachsen wäre, überfordert sein, und im schlimmsten Fall wie in Italien zusammenbrechen und auch die Erkrankungen nicht mehr entfernt beherrschen, die mit dem Virus gar nichts zu tun haben.

 

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Die heikle Rückkehr zu Normalität

Die zu frühe Rückkehr zu voller wirtschaftlicher Aktivität kann die Epidemie neu entfachen – die zu späte wird zur Depression führen. Mein subjektiver Versuch eines Stufenplanes.

Dass der “Tag Null” an dem es keine zusätzlichen Corona -Neuinfektionen mehr gibt, absehbar ist, lässt die Regierung morgen einen Stufenplan zur vorgesehenen der Rückkehr zur Normalität veröffentlichen. Ich habe meine Vorstellungen über die Form der Rückkehr zur Normalität Sonntag ebenfalls zusammengeschrieben und bin dabei, vermutlich wie die Regierung, davon ausgegangen, was ich über SARS-CoV-2 Viren, unser Gesundheitssystem und die wirtschaftlichen Folgen des “Shutdown” sicher zu wissen glaube.

Was ist das Besondere am SARS-CoV-2 Virus?

  • Das Virus ändert nicht wie das Grippevirus, immer wieder seine Oberfläche. Überstandene Krankheit gewährt daher langfristig Immunität, und das werden auch künftige Impfungen tun.
  • Das Virus wird bekanntlich durch ausgeatmete Tröpfchen übertragen, die man auch aufnimmt, wenn man mit angeatmeten Händen die eigene Schleimhaut berührt. Wie lange Viren an fremden Oberflächen haften, weiß auch Christian Drosten von der Charité nicht genau. Eine englische Studie spricht bei Metalloberflächen von drei Tagen. Hendrik Streeck, Nachfolger Drostens am Institut für Virologie in Bonn, hat auch dort nur “totes”, nicht mehr ansteckungsfähiges Virenmaterial gefunden. Ansteckend sei eine Türklinke, ein Haltegriff oder ein Handy nur, wenn sie ein Kranker knapp davor angehustet hat und man sie bald danach angreift. Streeck hat die meisten deutschen Covid-19 Kranken gesehen und Infektionswege und Zustand von ihnen benutzter Gegenstände untersucht. Infektion auf dem Umweg über Gegenstände scheint mir zumindest keine vorrangige Rolle zu spielen.
  • Auch einfache Masken vermindern die Menge der Viren, die ein Infizierter gegenüber Gesprächspartnern und Gegenständen ausscheidet. Die Wahrscheinlichkeit, dass geringe Virenmengen im Freien Ansteckung hervorrufen ist minimal.
  • Altbekannte Malariamittel kombiniert mit Antibiotika können die Schwere von Covid-19 Erkrankungen laut Empfehlung der Gesundheitsbehörden Südkoreas und Chinas, sowie chinesischer Studien und der methodisch unzulänglichen Studien des französischen Top-Virologen Didier Raoult wahrscheinlich lindern und die Dauer der Viren-Ausscheidung verkürzen. Mit Sicherheit ist die Einnahme dieser billigen Medikamente außer für Menschen mit Leber-Nieren -Problemen ungefährlich.

Wie verträgt unsere Intensivmedizin die Rückkehr zur Normalität?

  • Österreich hat mit 28,9 nach Deutschland mit 33,9 die meisten Intensivbetten der Welt je 100 000 Einwohner. (Italien: 8,6 Spanien 9,7) Es ist einer noch dazu nur partiellen Wiederkehr von Infektionen daher jederzeit gewachsen.
  • Eine solche partielle Wiederkehr der Infektionen wird es sicher geben, wie man in Singapur, Südkorea, Japan oder China bereits beobachten kann, weil nirgends Herdenimmunität erreicht wurde.
  • Armut, wie eine Depression durch zu langes Shutdown sie zweifellos herbeiführte, verkürzt die Lebenserwartung unbestrittenen um bis zu zehn Jahre. Aber die sofortige Rückkehr zu voller wirtschaftlicher und sozialer Aktivität birgt nach Ansicht so gut wie aller Virologen das Risiko, dass die Epidemie nicht nur partiell wieder aufflammt, sondern mit alter Kraft zurückkehrt. Um das zu verhindern, ist bei der Regierung wie bei mir das dringendste Anliegen die Rückkehr zu Vollbeschäftigung wie zum gewohnten sozialen Leben stufenweise vorzunehmen, so dass die Intensivmedizin zu keinem Zeitpunkt überfordert ist.

Die stufenweise Wiederaufnahme der Arbeit

Auf Grund dieser von mir nach bestem Wissen und Gewissen als zutreffend erachteten Fakten schiene mir folgender Stufenplan sinnvoll:

  • Die Risikogruppe der über- 65jährigen, der ich angehöre, sollte bis zu einer Impfung kaserniert bleiben.
  • Alle Arbeiten im Freien sollten sofort wieder aufgenommen werden.
  • Ab Tag null sollten alle Arbeiten in Werkshallen und Großraumbüros, die Sicherheitsabstand gewährleisten, wieder aufgenommen werden.
  • Ebenfalls ab Tag null sollten alle Verkaufs-Geschäfte wieder geöffnet werden und alle öffentlichen Verkehrsmittel wieder fahren. Fahrgäste, Käufer wie Verkäufer müssen aber vorerst Masken tragen und Polizei und Bundesheer sollten dafür sorgen, dass Großkaufhäuser nicht gestürmt, sondern in einer festzulegenden Maximalzahl pro Stunde betreten werden.
  • Arbeiten in kleinen geschlossenen Räumen sollten erst einen Monat nach Tag null wieder aufgenommen werden.

Was sollte mit Kindern, Schülern und Studenten geschehen?

  •  Kinder bis zu 12 Jahren sollten ab “Tag null” wieder Kindergärten und Schulen besuchen, denn bei Kleinkindern verläuft die Infektion sowieso fast immer unbemerkt und auch bei größeren meist ohne Erkrankung. Wenn eine solche dennoch stattfindet, ist sie leicht einzugrenzen. Im Übrigen könnte partielle Herdenimmunität innerhalb von Kindergärten und Volksschulen entstehen und die letztlich anzustrebende allgemeine Herdenimmunität vorbereiten, ehe geförderte Massenimpfungen sie sicherstellen. Denn ich glaube nicht, dass wir eine Zukunft anstreben sollten, in der Covid-19 Seuchen zyklisch wiederkehren.
  • Angehende Maturanten sollten bis Ende Juni eine erleichterte Matura ablegen.
  • Ältere Kinder und Studenten sollten Schulen und Universitäten ab Herbst wieder besuchen.

Ich bin gespannt, wie sich mein Stufenplan von dem der Regierung unterscheidet.

Über die Depression entscheidet die Staatsverschuldung

Ob eine EU-weite Depression vermieden werden kann, wird dennoch in erster Linie davon abhängen, ob sich voran die reichen Staaten wie Deutschland, Österreich, die Benelux-Länder und Skandinavien derzeit hinreichend und ohne Rücksicht auf Verluste verschulden, indem sie die Schulden ihrer Bürger wie ihrer Unternehmen übernehmen. Und ob die EZB den schwachen Volkswirtschaften, voran Italien und Spanien, entgegen des aktuellen Verbots der Staatsfinanzierung und trotz der Proteste Österreichs Deutschlands oder Hollands und trotz der unsinnigen Angst vor gemeinsamer “Überschuldung” energisch unter die Arme greift.

 

 

 

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Die vernachlässigten “Shutdown”-Toten

Ich wage in ungewollter Übereinstimmung mit dem Präsidenten der Industriellenvereinigung Georg Kapsch folgende Vorhersage: Der fortgesetzte Shutdown der Wirtschaft durch “Corona” wird uns über zehn Jahre hinweg berechnet, wesentlich mehr vorzeitige Tote bescheren, als die aktuelle Pandemie.

Grundlage dieser Vorhersage ist das völlig zweifelsfrei Wissen, dass die Lebenserwartung “Armer” bis zu zehn Jahren unter der Wohlhabender liegt. Derzeit gibt es in wohlhabenden Ländern wie Österreich, Schweden, Holland und natürlich Deutschland rund zehn Prozent der Bevölkerung auf die das zutrifft – in armen Ländern von Bulgarien über Griechenland bis Italien wird der Prozentsatz schon jetzt viel größer sein. Im Falle einer europaweiten Wirtschaftskrise wird er sich im günstigsten Fall verdoppeln, im ungünstigsten verneunfachen. Daraus ermesse man die in diesen Fällen mindestens oder maximal vorzeitig Sterbenden.

Wie wahrscheinlich ist der Einritt einer solchen europaweiten Krise? Derzeit prognostizieren Deutschlands führende Wirtschaftsforscher, dass jeder Monat Shutdown gegen 5 Prozent Wachstum kostet- drei Monate also 15 Prozent. Vorausgesetzt, dass die US-Wirtschaft nicht kollabiert.

An dieser Prognose mag man die Wahrscheinlichkeit des Einritts einer europaweiten Wirtschaftskrise ermessen.

Die Toten durch Armut fallen nur weniger auf

Dass die vorzeitigen Toten durch Armut bei allen Überlegungen so sehr vernachlässigt werden, liegt daran, dass wir sie normaler Weise überhaupt nicht wahrnehmen- sie sind ständiger Bestandteil der gewohnten Mortalitätsstatistik.

Die zusätzlichen Coronatoten stechen hingegen hervor.

Und horrende Todeszahlen innerhalb kurzer Zeit sind emotional natürlich kaum zu verkraften.

Noch dazu wird sie durch die aktuelle Darstellung noch zusätzlich überhöht: Um exakt zu sein, müsste man die Zahl derer, die seit jeher an Krebs, Diabetes Mellitus, Herz- oder Atemwegsbeschwerden gestorben sind, der Zahl derer gegenüberstellen die jetzt, durch das Hinzutreten des Corona -Virus mehr daran sterben.

In Österreich, so sage ich vorher, werden das unerwartet wenige sein.

In Ländern, in denen “Austerity” die Gesundheitssystem kaputtgespart hat, voran Italien oder Spanien, denen Austerity von Maastricht und Sparpakt aufgezwungen wurde ist dieser Zahl überzähliger Toter in kurzer Zeit gespenstisch: Wenn die Intensivmedizin eines Gesundheitssystems einmal überfordert ist, sterben dort zwangsläufig alle Schwerkranken oder auch nur im Verkehr Verunfallten vorzeitig, egal ob sie auch noch ein Corona-Virus in der Lunge haben. In Ländern die Austerity, wie England oder Holland aus neoliberaler Überzeugung geübt haben, werden die Zahlen ähnlich gespenstisch sein.

Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der vorzeitig Toten durch den Shutdown in Summe noch viel größer sein wird.

Tatsächliches Handeln entspricht selten der Theorie

 Das heißt nicht, dass ich in der Realität als Politiker anders als Kurz und Kogler gehandelt hätte: Die emotionale Angst vor plötzlich angehäuften Leichenbergen lässt das nicht zu. Allenfalls hätte ich die Einschränkungen des Wirtschaftslebens nicht ganz so strikt gestaltet – zum Beispiel Arbeit im Freien immer zugelassen und für den Einkauf in Geschäften nur Maskenpflicht vorgeschrieben. Und vermutlich nähme ich diverse andere Restriktionen früher zurück, obwohl ich damit riskierte, dass die Infektion wieder aufflammt – aber Österreichs Intensivmedizin ist dem meines Erachtens gewachsen.

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Ein Eigentor der ÖVP

Die Sperre der Bundesgärten ist der erste grobe Schnitzer der der türkisgrünen Koalition in ihrer ziemlich perfekten Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen von “Corona” widerfahren ist.

Es gibt keinen Arzt, auch keinen Virologen, der Bewegung im Freien nicht auch jetzt für gesund erachtet und jedem vernunftbegabte Menschen ist klar, dass der berühmte “Sicherheitsabstand” wesentlich leichter einzuhalten ist, wenn neben den kleinen städtischen Gärten auch die Parks des Augarten, Belvedere oder Schönbrunn geöffnet sind.

Ein Wahlzuckerl für die SPÖ

Ich weiß nicht, was in Elisabeth Köstinger gefahren ist, diese Sperre zu beschließen, und was die Koalition veranlasst hat, dem zuzustimmen und länger als einen Tag darauf zu beharren. Die grüne Lenore Gewessler hatte immerhin den vagen Vorteil, dass sie auf diesem Weg Straßen fürs Spazierengehen öffnen konnte, die sie in Zukunft zweifellos gerne zu Fußgängerzonen umgestaltete – aber die ÖVP hatte gar keinen Vorteil: Sie hat sich ein lupenreines Eigentor geschossen.

Beziehungsweise: Der SPÖ ist unverhofft ein Wahlzuckerl in den Schoß gefallen, das sie bei den kommenden Wiener Wahlen verteilen kann. Denn sie hat diese Sperre zu Recht immer abgelehnt, und hat das dürftige Argument, die Bundesgärten hätten zu wenig Personal, Gedränge an den Eingängen zu verhindern, geschickt ad absurdum geführt, indem sie anbot, dieses Personal zur Verfügung zu stellen.

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Kassandra schreibt

Ewald Nowotny, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und bis zum 31. August 2019 Gouverneur der Österreichischen Nationalbank hat die nachfolgende Rezension des Falter-Buches “Die Zerstörung der EU” von Peter Michael Lingens bereits im Dezember 2019 verfasst und abgeschickt. Sie hat damals aber vermutlich wegen einer Änderung der Adresse  weder den Autor noch den Falter erreicht. Daher können ich und der Falter sie erst jetzt ins Netz stellen-

Ewald Nowotny

zu Peter Michael Lingens, Die Zerstörung der EU, Deutschland als Sprengmeister, Österreich als Mitläufer, Falter-Verlag Wien 2019

Buch bestellen im Falter Verlag

Das Phänomen der griechischen Seherin Kassandra, der vergeblichen Warnerin vor Unheil, hat immer wieder Literaten und politische Analysten beschäftigt. Das jüngste Buch des engagierten und scharfsinnigen Journalisten, Peter Michael Lingens, sieht das Unheil kommen, wenn er schreibt: „In aller Stille steuert die EU auf die größte Krise ihrer Geschichte zu.“ Als „analytische Kassandra“ zeigt er aber auch Wege, dem Unheil zu entgehen und hat ein Buch geschrieben, das zu Diskussion und auch zu Widerspruch anregen sollte. Faktisch ist dies freilich bis jetzt nicht erfolgt und die vorliegende Rezension soll ein kleiner Beitrag gegen die intellektuelle Lethargie sein, die die wirtschaftspolitische Nicht-Diskussion in Österreich derzeit kennzeichnet. Zugegeben: Der nicht gerade seriöse Titel „Die Zerstörung der EU – Deutschland als Sprengmeister, Österreich als Mitläufer“ klingt für Ökonominnen und Ökonomen nicht sehr einladend und auch die Sprache des Buches ist nicht frei von journalistischen Zuspitzungen und Übertreibungen.

Inhaltlich freilich geht es Lingens um drei wesentliche Themen, die durchaus eine ernsthafte Diskussion verdienen. Zum einen wendet sich Lingens gegen die einseitige Betonung des „Sparens“, speziell des Staates und die damit verbundene von Deutschland bestimmte Politik der Europäischen Union. Damit verbunden ist zweitens eine massive Kritik an der durch längere Zeit hinweg praktizierten deutschen Politik der „Lohnzurückhaltung“ und schließlich enthält das Buch eine generelle Kritik des „Neoliberalismus“ als Wirtschaftsideologie.

Ökonomischer Kern seiner Argumentation ist die Betonung der Makroökonomik – dem Denken in gesamtwirtschaftlichen Kreislauf – Zusammenhängen gegenüber dem mikroökonomischen, einzelwirtschaftlichen Denken der „schwäbischen Hausfrau“. Zentraler analytischer Ansatz ist dabei das – in der wirtschaftspolitischen Diskussion leider tatsächlich viel zu wenig beachtete Konzept der „Saldenmechanik“. Diese besagt, dass in einer Volkswirtschaft definitionsgemäß der Zahlungsströme zwischen den Sektoren Haushalt, Unternehmen, Staat und Ausland in der Gesamtheit ausgeglichen sein müssen. Die Ausgaben der Einen sind die Einnahmen der Anderen. In „normalen Zeiten“ zeigt in einer Volkswirtschaft der Haushaltssektor einen Ersparnisüberschuss, der Unternehmenssektor ist wegen seiner Investitionstätigkeit typischer Weise in einer Schuldnerposition und über den Sektor Staat erfolgt der entsprechende Saldenausgleich. Wenn etwa der Unternehmenssektor wegen negativer Nachfrageerwartungen zu wenig investiert und sich damit „zu wenig“ verschuldet, entsteht insgesamt ein „Ersparnisüberschuss“, den der Sektor Staat durch zusätzliche Verschuldung kompensieren muss um eine Abwärtsspirale zu vermeiden. Oder aber es entsteht durch Wettbewerbsvorteile ein Leistungsbilanz-Überschuss, d.h. eine zusätzliche Verschuldung des Auslandes. Dies setzt freilich der Bereitschaft, bzw. Fähigkeit anderer Staaten voraus, sich zu verschulden, da ja nicht alle Volkswirtschaften der Welt gleichzeitig einen Leistungsbilanzüberschuss aufweisen können.

Lingens sieht nun das zentrale Problem der europäischen Wirtschaftspolitik darin, dass Deutschland durch eine Politik der langjährigen Zurückhaltung bei Löhnen und Staatsausgaben – und damit zu geringer Nachfrage – gewaltige Leistungsbilanzüberschüsse „produziert“ habe, seine „Partnerstaaten“ in der EU damit in Leistungsbilanz-Defizite „getrieben“ habe und damit zum „Sprengmeister“ Europas geworden sei. Der Abbau dieser Leistungsbilanz-Defizite musste in den betroffenen Staaten – mangels entsprechender Ausgleichsmechanismen durch Einschränkungen der privaten und öffentlichen Nachfrage erfolgen, was als „Austeritätspolitik“ zu massiven politischen und sozialen Verwerfungen führte.

In der Gesamtsicht ist diese Perspektive zweifellos relevant, bedarf aber – entgegen der Linie des Buches – vielfacher Differenzierungen. So bestehen die Leistungsbilanz-Überschüsse Deutschlands zu einem erheblichen Teil gegenüber den USA, das sich weitgehend in eigener Währung – dem Dollar – verschulden kann, daher wesentlich größere Verschuldungsspielräume hat und sich so de facto zum „Consumer of last Resort“ – zum „Notfalls-Konsumenten“ entwickelt hat. Für Staaten des Euro-Bereiches, für die Verschuldung – auch im Euro – durch das Verbot der Notenbank-Finanzierung des Staates ökonomisch Fremdwährungs-Verschuldung darstellt, sind die Grenzen der öffentlichen Verschuldung durch die Finanzierungsbereitschaft der Kreditgeber beschränkt. Die Nicht-Beachtung dieser Beschränkungen kann zu dramatischen Finanzierungsengpässen mit entsprechenden Kostenwirkungen führen, was in der Finanzkrise einige südliche Staaten dramatisch erleben mussten. In der Tat sind ja neben einem teilweisen „Schuldenschnitt“ dann an Stelle privater Kreditgeber öffentliche Kreditgeber wie Währungsfonds und europäische Institutionen eingesprungen, um einen potentiellen „Staatskonkurs“ mit unabsehbaren wirtschaftlichen und politischen Langzeitwirkungen für den gesamten Euro-Bereich zu verhindern.

Man kann – wie Lingens – sicherlich einzelne Bedingungen, die bei diesen Finanzhilfen gestellt werden, kritisch beurteilen. Letztlich ist aber jeder Staat gut beraten, alles zu tun, um erst gar nicht in eine solche Situation zu kommen. Es ist daher aus meiner Sicht dem Aspekt der „Budgetdisziplin“ auch im Sinn der langfristigen sozialen Stabilität für die wirtschaftspolitische Praxis größeres Gewicht zu geben, als dies den Thesen von Lingens entspricht. Insgesamt ist wohl beides von Bedeutung: Die makroökonomischen Zusammenhänge, die Lingens temperamentvoll aufzeigt, aber auch die strukturpolitischen „angebotsseitigen“ Bereiche der Technologiepolitik, Infrastrukturpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Wachstumspolitik, etc. die das Wachstumspotential einer Volkswirtschaft bestimmen. Lingens Buch ist dabei jedenfalls ein wichtiges Plädoyer, die derzeit oft zu wenig beachteten makroökonomischen Aspekte der Nachfrageseite für die europäische Wirtschaftspolitik zu beachten. Eine „Zerstörung der EU“ ist wohl nicht zu befürchten, vielfache Verbesserungen sind, wie Lingens zeigt, aber zweifellos sinnvoll und möglich.

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Corona: Es braucht Cash – sofort

In der Theorie stimmt die türkis-grüne Strategie zur Bewältigung des “Shutdown” der Wirtschaft. In der Praxis fließt viel zu wenig Geld viel zu langsam.

Österreichs Wirtschaftsforscher vermuten, dass “Corona” das Wachstum um circa 2,5 Prozent vermindern wird. Das ist mehr als optimistisch. Deutschlands Wirtschaftsforscher schätzen, dass jeder Monat “Shutdown” 5 Prozent Wachstum kostet – in mindestens drei Monaten also 15 Prozent. Wenn die USA nicht kollabieren.

Die Corona -Krise ist mit der Finanzkrise nicht vergleichbar. Damals ging es um einen Krampf des Bankenapparates- diesmal geht um den gleichzeitigen Einbruch von Angebot wie Nachfrage: Unternehmer und gar Dienstleister agieren im Kriechgang – fast niemand kauft mehr als Nahrungsmittel.

Beim Finanzminister besser aufgehoben

Das hat es so noch nie gegeben – daher erfordert es auch Maßnahmen, die es so noch nie gegeben hat. Grundsätzlich halte ich die Strategie der türkis-grünen Koalition für richtig: Es ist richtig “koste es, was es wolle” aufzuwenden, um die Wirtschaft so über die Runden zu bringen, dass sie ihre Leistung nach “Corona” wieder hochfahren kann. Das wird, sagt die Regierung ebenso richtig, umso eher gelingen, je schneller und unbürokratischer geholfen wird.

Das Problem ist die Praxis. Zwölfseitige Formulare um Hilfe zu beantragen sind nicht unbürokratisch. Und es wäre, wie die Opposition moniert, sehr wohl besser, die Zahlungen dem Finanzminister zu übertragen, weil er direkten Einblick in die Finanzen aller Anspruchsberechtigten hat. Die Wirtschaftskammer sollte ihm Beamten und Knowhow beigeben.

So bedarf etwa das primär gute Kurzarbeitsmodell dringend der Ergänzung. Gernot Blümel hat am Wochenende angekündigt, dass es Überbrückungskredite für die Lohnzahlungen geben wird, weil das AMS sie ja erst später übernimmt. Aber es muss sie auch für Generalunkosten geben.

Das Geld muss schneller fließen

Wenn kleine Unternehmen nicht demnächst Cash erhalten, bereuen sie nicht nur, das Kurzarbeitsmodell Kündigungen vorgezogen zu haben, sondern sind pleite. Denn Andreas Treichls Annahme, dass die Banken auch illiquiden Unternehmen entgegenkommen, war eher ein frommer Wunsch. In Wirklichkeit sollte der Staat in Zeiten wie diesen “Bank” spielen und nötige Kredite von sich aus gewähren – und vor allem nie mehr rückfordern, wo es nicht geht. Für diese paar Monate sollte “Helikopter Geld” sein Vorbild sein. Nationalbank-Präsident Robert Holzmann mag dann zwar bedauern, dass die Krise keine “reinigende Wirkung” entfaltet – aber es wird noch Unternehmen geben.

Heiner Flassbeck

Fünf dringend konkrete Maßnahmen

Ich habe den Ökonomen und Ex-Staatssekretär im deutschen Finanzministerium Heiner Flassbeck gefragt, ob folgende Vorgangsweise sinnvoll wäre:

  • Niemand muss in den nächsten Monaten Steuern zahlen. Die Abrechnung erfolgt nachträglich und wird meist in Erlässe münden.
  • Niemand muss Sozialversicherung zahlen – der Finanzminister stattet die Sozialversicherung mit den Mitteln aus, die sie zur Erbringung ihrer Leistungen braucht. Abrechnung wie oben.
  • Die Finanz überweist Freischaffenden und EPUs, deren knappe Finanzlage aus den Steuerakten und den aktuellen Corona-Auflagen sofort ersichtlich ist – Kaufläden, Handwerkern, Gastwirten, Kosmetiksalons usw.- sofort Überbrückungshilfen von 20.000 €. Wer sich übergangen glaubt oder mehr braucht, muss es beantragen. Verrechnung und Erlass wie oben.
  • Unternehmen, die von Banken keine Kredite erhalten, erhalten sie vom Finanzministerium das Rückzahlungen der Lage anpasst.
  • Personen arbeitsfähigen Alters, die der Staat nicht sowieso unterstützt und die keiner oder der untersten Steuerklasse angehören, erhalten vom Finanzamt monatlich 850 Euro.

Flassbeck hält diese Maßnahmen durchwegs für sinnvoll: unterlaufende partielle Fehler wären unerheblich neben dem Gewinn an Zeit und Sicherheit.

Die Schulden sind nicht das Problem

Kein Betrag ist zu hoch, um Österreichs Wirtschaft lebendig über die nächsten Monate zu bringen- 38 Milliarden zusätzliche Schulden sind natürlich zu stemmen: Wir erhalten Geld zu Negativ-Zinsen, denn unsere Bonität ist stets höher als die fast aller Corona -betroffenen Länder.

In Wirklichkeit müssen Österreich und Deutschland begreifen, dass genau das ein zentrales Problem ist: Wenn alle, deren Bonität geringer als die Deutschlands oder Österreichs ist, wenn mit Italien die dritt- und mit Spanien die viertgrößte Volkswirtschaft der EU die Krise nicht überstehen, ist Depression in Europa unausweichlich- und die verschlingt auch Deutschland und Österreich.

Wann lernt Deutschland Solidarität?

Leider begreift man das weder hier noch dort. Der “Norden” wehrt sich unverändert gegen Eurobonds und Ex- EZB-Volkswirt Otmar Issing doziert, dass es “verbotene monetäre Staatsfinanzierung” wäre, wenn die EZB Spanien oder Italien überproportional durch Anleihekäufe unterstützte. Statt zu begreifen, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden: Italien und Spanien müssen gerettet werden, wenn Deutschland oder Österreich wieder blühen sollen.

Die 750 Milliarden Euro, die die EZB für Anleihe-Ankäufe bereit hält, sind kein Problem wenn man die absurde Angst vor “Schulden” ablegt: Das Geld, das sie “druckt”, schafft zwar für einige Monate keinen Gegenwert in Gütern und Leistungen, aber es schafft auch keine Inflation, weil in diesen Monaten auch nur wenig Güter und Leistungen gebraucht werden. Wenn die Wirtschaft zu Ende der Krise wieder anspringt, schafft sie die Werte, die dem gedruckten Geld entsprechen. Die angeblich untragbaren Schulden werden, wie die 250 Prozent Staatsschuldenquote Japans, ausschließlich für akademische Diskussionen von Bedeutung sein.

Wichtig ist nur, dass die Wirtschaft tatsächlich wieder hochkommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie lang soll man um ein Corona-Medikament streiten?

Der Einsatz des Malariamittels Hydroxychloroquine, unter den Handelsnamen Plaquenil, Quensyl, gegen Covid-19 bleibt weiterhin Gegenstand denkbar heftiger Auseinandersetzungen.

Ich versuche weiterhin mir möglichst emotionslos sein sachliches Bild von seiner Wirkung zu machen und halte es für das Einfachste, Sie an meinen Bemühungen teilhaben zu lassen. Zu diesem Zweck rekapituliere ich kurz die Vorgeschichte:

Erstmals aufmerksam wurde ich auf Hydrooxychoroquine, als Donald Trump – wie üblich im Zuge restlos inkompetenter Äußerungen zum Corona- Problem – auf ein angeblich “amerikanisches” Malaria- Wundermittel zu sprechen kam, das es den USA gestatten würde, locker mit dem “chinesischen Virus” fertig zu werden.

Als nächstes hörte ich auf NDR die Kritik des Topvirologen Christian Drosten an einer Studie seines Kollegen Didier Raoult: Er habe den Einsatz dieses Medikaments mit unzureichender methodischer Sorgfalt an nur wenigen Patienten überprüft.

“Game Over” für das Coronavirus?

Unmittelbar darauf stieß ich im des französischen Medizin- Anthropologen Jean Dominique Michel auf die Geschichte der Raoult- Studie. Der außerhalb Österreichs und Deutschlands wie Drosten als Top-Virologe gehandelte Leiter des “Institut Hospital Universitaire Méditerranée Infection, (IHU) in Marseille hat sich auf die Erforschung von Corona- Viren (SARS, MERS) und derzeit auch die Behandlung von Covid- 19 Erkrankten spezialisiert, sieht aus wie Obelix und ist für sein ebenso unkonventionelles wie selbstherrliches Auftreten verschrien. Ganz seinem Ruf entsprechend erklärte er am 26. Februar in einer Videobotschaft auch über Youtube: “Game over” für das Coronavirus- man kann es bekämpfen.

Zugrunde lag dieser Frohbotschaft eine Studie, die chinesische Ärzte in Wuhan anhand der dort explodierten Covid- 19 Erkrankungen angestellt hatten und die zu dem Schluss kam, dass Plaquenil den Verlauf der Erkrankung erheblich lindert und die Zeit, in der die Infizierten Viren ausscheiden erheblich verkürzt.

Raoult, der an Hand seiner MERS-Erfahrung mit den molekularen Mechanismen möglicher Medikamente gegen Corona Viren denkbar vertraut war, hatte die chinesische Studie für valid empfunden und sein “Game over” darauf gegründet.

Die Kritik des Meinungsführers Christian Drosten

Statt Begeisterung war ihm jedoch auch in seiner Heimat vehemente kollegiale Kritik entgegen geschlagen. Unter anderem wurde behauptet, Plaquenil könne sogar den Tod herbeiführen.

Bei den französischen Behörden hatte Raoult daraufhin die Bewilligung erkämpft, 24 schwer an Covid-19 Erkrankte mit Plaquenil zu behandeln. Er tat es mit einer etwas geringeren als der chinesischen Dosierung und verabreichte es, wie sein Institut aus den Erfahrungen mit SARS gelernt hatte, zusammen mit dem Antibiotikum Azithromycin. Als Ergebnis dieser Studie teilte in der Medizinzeitschrift “Lancet” am 3.März mit, dass 90% derer, die Plaquenil erhalten hatten, nach kurzer Zeit kein Coronavirus mehr ausschieden und dass ihr Zustand sich wesentlich gebessert hätte.

Das war die Studie, die Drosten im NDR methodisch kritisiert hatte.

Ich verfasste in Kenntnis dieser Kritik und Michels Blog meinen Artikel “Gibt es bereits ein wirksames Corona Medikament?” und erntete damit neben Zustimmung auch harsche Kritik: Drosten hätte Raoults Studie “in der Luft zerrissen”.

So hatte ich seine Worte freilich nicht empfunden – wohl aber als zutreffende methodische Kritik: Auch für jeden Laien ist klar, dass 24 Erkrankte ein viel zu kleines Sample sind.

Stutzig machte mich etwas anderes: Im Internet schwirren unter den Namen verschiedenster Autoren auf Punkt und Beistrich wortgleiche Texte herum, die Raoul und Parquenil tatsächlich in der Luft zerreißen. Das riecht nach Steuerung.

Eine vernichtende zweite Kritik

Wenig später übersandte mir die Neurologin Andrea Bronner einen Text, in dem der Derek Lowe, ein anerkannter Medizin-Chemiker der sich auf die Beurteilung neuer Medikamente spezialisiert hat, eine neue Studie Raoults, die diesmal 80 Patienten umfasste, höchst seriös in der Luft zerreißt: Raoult hätte auf eine Kontrollgruppe, die kein Plaquenil erhielt, verzichtet und damit gegen das wichtigste Gebot seriöser Medikamenten -Studien verstoßen. Darüberhinaus sei das Patientenmaterial nicht homogen gewesen und es seien Personen aus dem Sample ausgeschieden und durch andere ersetzt worden. Am Ende meldet Lowe nicht nur größte Bedenken an der Studie sondern auch an Raoult als Person an. Tatsächlich hatte der Franzose sich beim Auftauchen der ersten Covid-19 Fälle in China und dann in Italien ähnlich inkompetent wie Donald Trump geäußert und die Erkrankungen als “lächerlich” abgetan.

Ich teile Lowes methodischen Zweifel, gebe allerdings zu Bedenken, dass es in Marseille nicht so leicht wie in China ist, ausreichend homogenes Patientengut aufzutreiben, dass unter 80 schwerkranken Patienten zwingend dieser oder jener durch Tod ausscheiden kann und ersetzt wird, und dass es für jemanden, der von seiner Behandlung überzeugt ist und in seinem Krankenhaus Patienten betreut ein ethisches Problem ist, sich auf eine unbehandelte Kontrollgruppe einzulassen.

Die offenkundigen wirtschaftlichen Interessen

Am nächsten Tag nahm sich der “Standard” erstmals des Themas an. Sowohl Chloroquine als auch Azithromycin seien Wirkstoffe, die seit Jahrzehnten am Markt sind und Malaria- und Rheuma-Patienten in Milliarden Dosen verschrieben wurden. Die möglichen Nebenwirkungen beider Medikamente seien daher sehr gut bekannt. “Insofern sind viele Kritiken an dieser möglichen Behandlungsoption nicht im Geringsten nachvollziehbar. Gestützt würden die guten Ergebnisse der ersten chinesischen und der beiden französischen Studien durch Ergebnisse “von inzwischen mehr als 13 laufenden klinischen Studien zu Chloroquin und COVID-19 in China. Obwohl die Ergebnisse zu den meisten dieser Studien noch ausstehen, haben sie dazu geführt, dass das chinesische nationale Gesundheitskomitee eine Therapieempfehlung (unter Auflagen) für SARS-CoV-2 Infektionen mit Chloroquin abgegeben hat. In der Wissenschaft folgte ein regelrechter Aufschrei auf diese Ergebnisse. Anstatt alle Ressourcen in die weitere Erforschung dieser beiden Wirkstoffe zu setzen, wurden die Resultate aus Marseille von vielen heruntergespielt, manche warnen heute gar vor einer Behandlung mit Chloroquin. Man ist geneigt, der Kritik des medizinischen Anthropologen Dominique Michel zu glauben, dass es in Wahrheit nicht um Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit des Medikaments geht, sondern um den größten Profitkrieg des Jahrhunderts in der Pharmaindustrie.”

Wie ich verweist der Standard darauf, dass Plaquenil spottbillig ist, während etwa die Behandlung mit einem neue entwickelten Ebola Medikament, die dann abgeblasen wurde 1.000 Euro gekostet hätte.

Widersprüchliche Reaktionen in den USA

Regelrecht enthusiastischer äußerte sich das konservative Wallstreet Journal, WSJ zu Chloroquine: Es verwies auf die chinesische Studie, aber auch auf die vielen konkreten positiven Erfahrungen, über die chinesische Ärzte berichtet hätten. Auch in den USA hätte Raoults Kombination sich bei der Behandlung von Covid-19 Erkrankten bewährt, und die Universität von Washington habe es zur Behandlung empfohlen.

Soeben meldete freilich der Nachrichtendienst Bloomberg (im Eigentum des gescheiterten Trump- Gegenkandidaten Michael Bloomberg) dass in Frankreich nach Angaben des Nachrichtenmagazins “Le Point” zwei Personen an der Behandlung mit Plaquenil verstorben wären. Bloomberg-Nachsatz: “Das von Trump empfohlene Medikament ist zuvor von US-Behörden zum dringenden Einsatz zugelassen worden.”

Ich konnte es nicht recherchieren, bin aber ziemlich sicher, dass es sich bei den von Le Pont gemeldeten Toten um zwei der Patienten aus der Raoult- Studie handelt und füge daher an: Es wäre extrem unwahrscheinlich, wenn unter 80 besonders schwer an Covid-19 Erkrankten nicht auch einige mit Plaquenil Behandelte den Tod fänden.

Wie handelte ich als Betroffener?

In Deutschland finden derzeit -hoffentlich unter Drostens Aufsicht- gleich mehrere Studien zur Überprüfung des Chloroquine- Einsatzes statt und sind dann in ihrer Aussage hoffentlich unbestritten. Die Bundesregierung hat jedenfalls bei Bayer große Mengen von dessen Chloroquine- Präparat reserviert.

Meine gegenwärtige Einschätzung als Achtzigjähriger mit drei Herzinfarkten: ich ließe mir im Falle einer Corona-Infektion zweifellos Plaquenil in Kombination mit Azithromycin verabreichen. Denn schädlich ist es sicher nicht, und eher scheint es mir trotz der begründeten Kritik an Raoults Studien von einer gewissen Wirksamkeit. Sonst würde es meines Erachtens weder in China noch in Südkorea zur Standard -Behandlung Infizierter empfohlen. Ich halt die dortigen Virologen (ohne darüber Näheres zu wissen) den “unsrigen” primär für ebenbürtig.

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Wir erleben keine Sterbeorgie

Österreichs Gesundheitssystem wird durch die Zahl der Corona-Toten nicht überlastet

“Sparen des Staates ” hat die Anzahl der Intensivbetten zwar auch in Österreich von 7 auf 5,5 für je tausend Einwohner verringert – aber nicht wie Italien von 5,5 auf weniger als eines. Bei der Anschaffung neuer Beatmungsgeräte war das Sparen des Staates vermutlich etwas schädlicher, aber auch sie werden reichen. Daher wird Österreich keine “italienischen Zustände” erleben, auch wenn ständig auf sie verwiesen wird.
Auch in Bezug auf Italien ist es falsch von 11.591 “Corona-Toten” zu sprechen, weil in ihrem Köper das SARS-CoV-2 Virus aufgefunden wurde: nur 0,8 Prozent der Verstorbenen hatten keine gravierenden Vorerkrankungen. Es gibt in der Lombardei vermutlich überhaupt keinen Toten, in dessen Leiche keine Corona-Viren gefunden werden, auch wenn er bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist.

Es gibt nur eine relevante Zahl

Wenn die Grenzend der Belastbarkeit eines Gesundheitssystems überschritten sind, sterben dort zwingend alle Leute, die durch ausreichend Intensivbetten vielleicht zu retten gewesen wären – auch die Schwerverletzten eines Verkehrsunfalls. Und natürlich alle, die Vorerkrankungen haben. Die 0.8 Prozent reinen Covid-19 -Toten kommen sozusagen noch dazu.
In Österreich gibt es nicht nur mehr Intensivbetten, sondern auch die Vorerkrankungen dürfen dank höherer Volksgesundheit und geringerer Luftverschmutzung als im oberitalienischen Industriegebiet seltener sein.
Der täglich gemeldete exponentielle Anstieg “Corona-Infizierter” besagt in keiner Weise, dass die Zahl Corona-Kranker ähnlich steigt. Ein “Infizierter” ist in Wahrheit streng von einem “Kranken” zu unterscheiden: Wir tragen ständig diverse Corona-Viren in uns ohne deshalb “krank” zu sein. Relevant ist nur -der ORF hat es begriffen-die Zahl der Personen, die derzeit mehr als sonst ins Krankenhaus und dort in die Intensivstation aufgenommen werden müssen – und die hält sich durchaus in Grenzen.

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Wer ist ein “Corona-Toter”?

Nur 0,8 Prozent der Italienischen Corona-Toten haben keine chronischen Vorerkrankungen. Das Virus ist nicht unser größter Feind. Die Todesraten künftiger Pandemien müssen vor ihrem Ausbruch vermindert werden.  

Wir wissen mittlerweile aus einer Studie des ISS (italienisches internationales Gesundheitsinstitut) ziemlich genau, wer Italiens “Corona -Tote” sind: 

  • Sie sind im Durchschnitt 79,5 Jahre alt – ihr aussagekräftigeres medianes Alter beträgt 80,5 Jahre. (denn es gibt nur ganze wenige Tote unter 65)
  • Und sie haben zu 99,2 Prozent chronische Vorerkrankungen – 48,5 Prozent drei oder mehr, 25,6 Prozent zwei oder mehr, 25,1 Prozent eine Vorerkrankung.

Bei nur 0,8 Prozent der italienischen “Corona Toten” wurde ausschließlich das Corona-Virus vorgefunden.

Die Aussage, in Italien seien zehntausende Menschen “am” Corona-Virus oder “an Covid-19” gestorben, wie wir sie umgangssprachlich machen, ist also unhaltbar. Korrekt müsste es heißen: Das Corona -Virus war in unterschiedlichem Ausmaß am Tod von zehntausenden Italienern beteiligt. Normalerweise könnten wir das genaue Ausmaß dieser Beteiligung feststellen, indem wir die langjährigen Todesraten der meisten chronischen Erkrankungen – Krebs, Hochdruck, Diabetes, Atemwegserkrankungen – mit den aktuellen Todesraten vergleichen. 

Im konkreten Fall ist das dadurch extrem kompliziert, dass die Überforderung des italienischen Gesundheitssystems – das Fehlen von Beatmungsgeräten, Medikamenten oder medizinischem Personal- sich bei unterschiedlichen Erkrankungen unterschiedlich stark auswirkt. Der Virologe Hendrik Streeck dürfte nicht daneben liegen, wenn er das Ausmaß der Beteiligung des Corona-Virus an Corona – Todesfällen primär als minimal erachtet – wenn man freilich davon absieht, dass die extrem rasche Ausbreitung der Corona-Infektion entscheidend zur Überforderung der Gesundheitssysteme beigetragen hat und dass diese Überforderung die Todesrate entscheidend gesteigert hat. Wie sehr wird man erst nach Abschluss der Epidemie genau abschätzen können-  dass der Zustand des Gesundheitssystems ein wesentlicher Beitrag zur Todesrate ist zeigen Italiens oder Spaniens überfüllte Leichenhallen.

Die nächste Pandemie kommt sicher 

Was kann man aus all dem gesundheitspolitisch schließen? Zuerst einmal sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass es zahllose Viren, schon alleine zahllose Corona-Viren, gibt, die sich jederzeit so verändern können, dass sie die Gesundheit des Menschen gefährden- dass also immer Pandemien auftreten können.

  •   Einen der daraus zwingend folgenden Schlüsse hat Bill Gates schon vor Jahren gezogen: Es muss in möglichst vielen Ländern Pandemie -Beobachtungszentren geben, die in engem Kontakt zu einander stehen. Das ist teilweise verwirklicht. Wahrscheinlich ist es sinnvoll, wenn insbesondere Fleisch, das zum Verzehr bestimmt ist darauf untersucht wird ob sich darin Viren finden die man aus gefährlichen Tier-Krankheiten kennt. 
  • Eine zweite Schlussfolgerung will man insbesondere hierzulande ungern hören: Sparen des Staates, wie Sebastian Kurz es predigt und der EU-Sparpakt es vorschreibt, war lebensgefährlich. Denn es hat – Italien oder Spanien sind charakteristische Beispiele- entscheidend dazu beigetragen, die Gesundheitssysteme zu schwächen, zählen die Gesundheitskosten doch überall zu den größten Kostenblöcken der Budgets und sind daher vorrangig Gegenstand von “Einsparungen”. In Italien hat sich etwa die Anzahl der Intensiv-Betten pro tausend Einwohner seit 1998 laut OECD von 5,5 auf weniger als 1 verringert und selbst in Österreich von 7 auf 5,5.

Das Virus ist nicht der eigentliche Mörder

 Vor allem aber sollte man sich zu der Schlussfolgerung bekennen, die der Medizin-Antropologe und Public Health-Experte Dominique Michel in seinem Blog für die “Tribune de Geneve” gezogen hat: Nicht das Corona-Virus, sondern die chronischen Vorerkrankungen tragen die Hauptschuld an zehntausenden Corona-Toten und an der überwältigenden Mehrheit aller vorzeitigen Todesfälle des Erdballs.

Die Medizin bekämpft chronische Erkrankungen daher auch mit allen ihren Mitteln und erzielt dabei immer größere Erfolge. Aber es gibt wesentliche Ursachen chronischer Erkrankungen, die außerhalb medizinischer Möglichkeiten liegen. Voran Luftverschmutzung, Übergewicht und mangelnde Bewegung. 

Die Luftverschmutzung hat zweifellos voran mit Industrie- und Verkehrsabgasen zu tun. Deren Bekämpfung ist also nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch aus Gründen der Volksgesundheit vordringlich. 

Und dem Übergewicht und dem Bewegungsmangel von immer mehr Menschen, auch in Österreich, ist viel größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Zucker, der in so vielen Getränken und Speisen ein Suchtverhalten fördert, ist beispielsweise lebensgefährlich. 

Und ich persönlich würde, auf Österreich bezogen, ernsthaft darüber nachdenken, ob es wirklich so gescheit war, dem Turnunterricht, Schikursen oder Wandertagen an Schulen immer weniger Platz einzuräumen.

Turnunterricht hat meines Erachtens die Pflicht, den Kindern möglichst viele Sportarten vorzustellen, weil das die Chance erhöht, dass man an einer davon hängen bleibt und sie das ganze Leben hindurch ausübt. 

Zumindest die Bekämpfung von Übergewicht haben wir eigentlich in der Hand – und sollten sie im Kopf haben.

 

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