Die Nachteile des totalen Verbrenner-Aus

Ein Verbrenner-Aus, auch für Autos die E-Fuels nutzen, verzögert die Entwicklung klimaneutraler Treibstoffe für Flugzeuge und kostet Österreich eine große Chance.

Auf der IAA Mobility-Messe in München zeigt BMW eine E- Limousine mit 800 Kilometer Reichweite und VW einen E-Polo um nur 25.000 Euro, die auch in China wieder punkten sollen. Porsches Punkstück hingegen ist ein Verbrenner, denn E-Porsches sind Ladenhüter und der Verkauf ist um 90 Prozent eingebrochen. Die Porsche-Aktie ist aus dem prestigeträchtigen Leitindex des DAX geflogen und illustriert den Zustand der Branche.

Hintergrund der Messe ist die Auseinandersetzung zwischen dem Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer, der nur E-Mobilität für zukunftsfähig hält und Kanzler Friedrich Merz der das von der EU beschlossene Verbrenner- Aus ab 2035 wie CSU -Chef Markus Söder kippen will, weil er meint,  dass es der Autoindustrie als Herzstück europäischer Industrie Europas weiteren Schaden zufügt. Wie Karl Nehammer fordert er Technologieoffenheit, während Dudenhöffer meint, dass nur die Festlegung auf E-Autos KFZ-Konzernen unverzichtbare Planungssicherheit vermittelt. Dagegen spricht allerdings, dass weder die USA noch China, Japan oder Südkorea Verbrenner-Autos verbieten – ihre KFZ- Konzerne gehen bei der Planung davon aus, dass es sie in unterentwickelten Ländern noch lange und in entwickelten Ländern weiterhin geben wird. In der EU hält man dem entgegen, dass man der Welt im Kampf gegen den Klimawandel ein Vorbild sein will, indem man die CO2- Emission durch den Straßenverkehr endgültig beendet.

Dieser Ehrgeiz hat nicht zuletzt mit VW zu tun: VW Chef Martin Winterkorn, wegen seines Anteils am einstigen Porsche-Erfolg Vorstand der VW-Dachgesellschaft Porsche SE, war der Mann, unter dessen Aufsicht sich der „Dieselskandal“ ereignet hat: Bekanntlich manipulierte VW sein Abgasmanagement dahin, dass der CO2-Anteil seiner Abgase am Prüfstand weit geringer als im realen Betrieb ausfiel. Winterkorn, der deshalb bis heute vor Gericht steht, behauptet, das nicht gewusst zu haben. Doch der Dieselskandal hat nicht nur die deutsche Autoindustrie in Verruf gebracht, sondern auch den den Beitrag des CO2-Ausstoßes von Autos zum Klimawandel zum Gegenstand ganz besonderer Besorgnis gemacht.

Ich teile die grundsätzliche Besorgnis, nachdem ich das Glück hatte, in Leo Szilárd einen der nach Albert Einstein größten Wissenschaftler des Jahrhunderts zu kennen[1]: Schon in den Fünfzigerjahren machte er mir klar, warum CO2 auf dem Weg eines Glashauseffekts der Erdatmosphäre zu einer Klimaerwärmung führen muss, die zur größten Herausforderung der Zukunft würde. Ich schicke das voraus, weil ich in der Folge begründen will, wieso die EU dieser Herausforderung meines Erachtens verfehlt entgegentritt.

Erstens: Klima entsteht nicht im Himmel über Europa, sondern global und es zeigt sich, dass die CO2-Emission seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 außer während „Corona“ nie abgenommen hat., weil ökonomische Gesetzmäßigkeiten das nicht zulassen: Was immer an fossilen Brennstoffen – Erdgas, Öl und Kohle- gefördert wird, wird auch verbrannt. Was Europa davon unter großen Anstrengungen weniger verbrennt, verbrennen andere Volkswirtschaften mehr. Um die CO2 -Emission ernsthaft zu vermindern, müssten sich die großen Förderländer, Saudi-Arabien, Russland, Iran, Venezuela und USA, einigen, die Förderung kontinuierlich zu drosseln – das ist so gut wie ausgeschlossen.

Zweitens: Obwohl das so ist, soll die EU die Möglichkeiten, die CO2-Emission zu vermindern, natürlich wahrnehmen. Gerade weil Handeln dringlich ist, muss Überlegung dabei vor Hektik gehen. So haben Flugzeuge „nur“ einen 3 Prozent Anteil am weltweiten CO2 -Ausstoß aber leider stark steigend. Klimaneutrales Fliegen kommt daher besonderer Beachtung zu, wegen der enormen Zunahme des Flugverkehrs. 2044 wird es laut Einschätzung der Flugzeughersteller die doppelte Anzahl von Flugzeugen geben. Weil Batterien viel zu schwer sind und Wasserstoff viel zu rasch entweicht, kommen dafür als alternativer Treibstoff nur E-Fuels in Frage: Treibstoffe, die durch die Verbindung von „grün“ erzeugtem Wasserstoff mit der Luft entnommenem CO2 hergestellt werden. Da sich E-Fuels genauso zum Antrieb herkömmlicher Autos eignen und sogar übers bestehende Tankstellennetz vertrieben werden können, wäre es absurd, sie dort nicht einzusetzen, denn ihr Vorteil ist dramatisch: Sie emittieren beim Verbrennen nur das CO2, das der Atmosphäre bei ihrer Herstellung entnommen wurde – sie sind klimaneutral.

Das Grazer Unternehmen AVL-List ist bei ihrer Herstellung führend: es betreibt seit längerem eine funktionierende Probeanlage, in der der benötigt grüne Wasserstoff mittels Solarstrom hergestellt wird. Das Unternehmen ist überzeugt, dass der Preis pro Liter E-Fuel im Fall der Massenproduktion konkurrenzfähig ist, womit man der ernsthaften Verminderung der CO2 Emissionen nahekäme. Entscheidend ist freilich, dass es tatsächlich zur Massenproduktion kommt, und das hängt von der Gesetzeslage ab: Wenn Autos mit Verbrenner-Motoren in der EU ab 2035 verboten sind, auch wenn sie E-Fuels nutzen, kommt es schwerlich dazu. Fällt das Verbot – und die EU bastelt diskutiert eine entsprechenden Ausnahmegenehmigung- so kommt es zum dramatischen Nutzen für klimaneutrales Fliegen, vielleicht doch zum Wettbewerb zwischen E-Autos und E-Fuel-Autos.

[1] Szillard erkannte, dass und wie sich die im Atomkern enthaltene Energie nutzen lässt und wurde damit zum Vater der in Österreich verpönten Kernkraft, (die international allerdings eine Renaissance erlebt) und, zu seinem Leidwesen, auch der Atombombe, deren Abwurf er freilich mit allen Mitteln zu verhindern suchte.

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Endet Trumps Machtrausch bei der FED?

Einen Präsidenten, der die Unabhängigkeit der FED beschneiden kann, hält nichts mehr auf. Aber eine Notenbank, die das Gegenteil der Politik will, ist ein Problem.

Indem Donald Trump mit Lisa Cook eine Gouverneurin der Notenbank FED gefeuert hat, greift er erstmals in der US-Geschichte in die Unabhängigkeit dieser Institution ein. Er hat zwar das Recht, eine Gouverneurin zu entlassen, aber es bedarf dazu „triftiger Gründe“ und die sind bei Cook höchst fraglich. Der Chef der Aufsichtsbehörde für den Hypothekenmarkt, William Pulte, den CNN einen „republikanischen Kampfhund“ nennt, nachdem er mit Senator Adam Schiff und der New Yorker Generalstaatsanwältin Lätitia James schon zwei heftigen Kritikern Trumps „Hypothekenbetrug“ vorgeworfen hat, erhebt folgenden Vorwurf gegen Cook: Sie hätte einen günstigen Zinssatz für den Kauf ihrer Wohnung in Atlanta erhalten, indem sie sie als Hauptwohnsitz deklarierte, obwohl sie zuvor ihr Haus in Michigan als Hauptwohnsitz deklariert und dafür ebenfalls einen Kredit erhalten hat. Cook nennt diesen Vorwurf unzutreffend und jedenfalls bezieht er sich auf die Zeit vor ihrer FED-Tätigkeit. Aber selbst, wenn er richtig sein sollte, ist fraglich, ob er ein „triftiger Grund“ ist, sie aus einer Funktion zu entlassen, in der ihre unbestrittene ökonomische Expertise gefragt ist. Cook hat jedenfalls gegen ihre Entlassung geklagt und der Rechtstreit wird zweifellos vor dem Supreme Court landen[1]. Dort sind schon mehrere Verfahren um gekündigte Behördenleiter gelandet, doch das Höchstgericht hat bisher noch keine Entscheidung Trumps rückgängig gemacht, hat er doch für eine Mehrheit republikanischer Richter gesorgt. Im Falle der Notenbank gibt es allerdings ein früheres Urteil des Supreme Court, das die Unzulässigkeit personeller Eingriffe in die FED mit ihrer Besonderheit begründet: „Die Federal Reserve (FED) ist eine einzigartig strukturierte, quasi-private Institution, die der besonderen historischen Tradition der Ersten Bank der Vereinigten Staaten folgt.“ Diese historische Tradition ist eindeutig: Die Unabhängigkeit der FED ist ihr höchstes Gut. Das sollte die Entlassung Cooks ausschließen, solange sich FED-Präsident Jerome Powell und andere FED-Gouverneure der Forderung nach ihrer Entlassung nicht anschließen. Aus rechtsstaatlicher Sicht ist die Sache für mich eindeutig: Sollte der Supreme Court ihre Entlassung dennoch akzeptieren, so wäre das ein Riesenschritt hin zu Trumps Allmacht und an Gefährlichkeit nur noch davon übertroffen, dass das Höchstgericht auch akzeptiert, dass er via Notstand Zölle diktiert hat, obwohl ein Berufungsgericht es soeben als unzulässig erklärt hat.

Nur aus ökonomischer Sicht sind beide Themen komplexer. Zölle können nötig sein und Notenbanken sind die mächtigsten auch politischen Akteure:  Als FED-Chef Paul Volcker die Zinsen zu Beginn der Ära Ronald Reagans hochhielt, schwächelte die US-Wirtschaft, als Alan Greenspan sie senkte, boomte sie. Der Euro wäre Geschichte, hätte EZB-Chef Mario Draghi nicht erklärt, ihn mit allen Mitteln zu stützen. Als die Staaten der EU zu wenig investierten, um die Konjunktur aufrecht zu erhalten, verhinderte die EZB mit ihrer Null-Zins -Politik, dass sie völlig einbrach. Zuletzt sorgte sie durch ihre harsche Zinserhöhung für die aktuelle Rezession, obwohl die Teuerung, die sie bekämpfte von der Verteuerung fossiler Brennstoffe herrührte und in einer von deutscher Lohnzurückhaltung geprägten EU nicht das Geringste mit überhöhten Löhnen zu tun hatte.

In den USA ist die Situation anders. Ausgangspunkt der Teuerung war zwar auch dort die Verteuerung fossiler Energie, aber sowohl in Trumps erster Amtszeit wie unter Joe Biden stiegen die US-Löhne massiv und wurde zur Überwindung der Coronakrise noch mehr Geld als bei uns in die Wirtschaft gepumpt – das hat die Inflation sehr wahrscheinlich verschärft. Das Rezept, das das Lehrbuch zu ihrer Dämpfung empfiehlt, verlangt extremes Fingerspitzengefühl, denn es besteht darin, die Wirtschaft durch einen hohen Zins so abzukühlen, dass die Arbeitslosigkeit zunimmt und weitere Lohnerhöhungen ausschließt. Schon unter Biden erhöhte die FED die Zinsen auf 5,5 Prozent, senkte sie unter Trump auf 4,5 Prozent und hat sie bis heute dort belassen. Zuletzt stellte Powell zwar eine vorsichtige Senkung in Aussicht, weil der Arbeitsmarkt schwächelt, aber man kann durchaus meinen, dass Trump recht hat, wenn er seit Monaten eine deutliche Zinssenkung forderte. Weil Regierende niedrige Zinsen fast automatisch vorziehen, hat man den Notenbanken in aller Welt größtmögliche Unabhängigkeit zugestanden, um die Lage möglichst unbefangen einzuschätzen. Zwei Mitglieder des siebenköpfigen FMOC (Federal Open Market Committee) der FED, der die Zinsen festlegt, waren schon bisher dafür, sie zu senken, Brook unterstützte Powell am energischsten, sie beizubehalten. Da mittlerweile eine weitere Gouverneurin freiwillig ausscheidet, kann Trump hoffen, mit den von ihm nominierten Nachfolgern eine Mehrheit für massive Zinssenkungen zu gewinnen. Das ist ein höchst problematischer Eingriff in die Unabhängigkeit der Notenbank, nur ist auch ihre totale Unabhängigkeit ein nicht wirklich gelöstes Problem: Es kann passieren und ist schon passiert, dass die Regierung die Wirtschaft mit hohen Investitionen ankurbeln will, während die Notenbank mit hohen Zinsen auf der Bremse steht. Solang er nicht Recht bricht, ist zulässig, dass ein Präsident die FED auf Seiten seiner Politik sehen will.

 

 

 

 

 

 

[1] Schon Dienstag urteilt ein Gericht, ob Cook vorerst weiter amtieren darf, aber die Entscheidung ist zwar ein Indiz, aber nicht bindend

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Trump im Zoll -Notstand

Zölle wegen angeblichen Notstands zu dekretieren, war rechtswidrig. Nur wenn der Supreme Court ein Berufungsgericht desavouiert, bleibt Trump eine Mega-Blamage erspart. 

Donald Trump könnte vor seiner größten Niederlage stehen – oder der Supreme Court vor dem größten Rechtsbruch der US-Geschichte. Ein US-Berufungsgericht hat Freitag voriger Woche erklärt, Trump habe mit der Verhängung der Zölle vom 2. April seine Befugnisse überschritten und sie seien ungültig. Die Entscheidung tritt erst am 14. Oktober in Kraft, sodass Trump die Zeit hat, sie beim Supreme Court anzufechten. Sollte er Trump im Gegensatz zum Berufungsgericht Recht geben, so wäre der Rechtsbruch beispiellos. Denn das Hauptargument, mit dem Trump Zölle dekretiert hat, war immer grotesk: Die 1,2 Billionen Dollar Leistungsbilanzdefizit, dem die USA gegenüberstünden, stellten einen Notstand dar, der ihm Dekrete erlaube. Nur dass es solches Defizit seit drei Jahrzehnten und vier Präsidenten gibt, ohne dass selbst Trump in seiner ersten Amtszeit von einem Notstand gesprochen hätte.

Nun ist Trump nicht der erste Präsident, der mit Notstandsverordnungen Politik macht. Seit 1977 haben das US-Präsidenten 69-mal getan. Nur das sich diese Notstände doch irgendwo festmachen ließen. So ließ Jimmy Carter 1979 nach der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran den Handel mit dem Iran per Notstandsdekret untersagen. George H. W. Bush nutzte das Gesetz für Sanktionen gegen Serbien im Jugoslawienkrieg, sein Sohn für Sanktionen gegen den Irak. Fast immer haben die Präsidenten ein bestimmtes Land ins Visier genommen oder den Handel mit bestimmten Gütern (etwa Diamanten) untersagt. Noch nie aber wurden per Notstand Zölle, noch dazu in globalem Maßstab, verhängt. Primär dort setzte bereits im Mai die Klage mehrerer Unternehmen und US-Bundesstaaten, darunter auch zweier republikanischer, beim US-Gerichtshof für internationalen Handel in New York an: Trump habe kein Recht, Zölle einzuführen, weil das Gesetz es dem Präsidenten nur erlaube, die Einfuhr ausländischer Produkte im Notfall zu unterbinden, nicht aber mit Zöllen zu belegen. Nur das entspreche dem „International Emergency Economic Powers Act“ von 1977, der es ihm erlaubt, Sanktionen einzuführen, wenn eine „außergewöhnliche Bedrohung der Wirtschaft oder der Sicherheit des Landes“ vorliegt. Das ist zwar vage, aber es ist schwer, daraus abzuleiten, dass sich die USA von der Schweiz derart bedroht fühlen, dass sie ihr 39 Prozent Zoll vorschreiben müssen.

Gegen dieses Urteil wehrte sich die Trump-Regierung vor dem Berufungsgericht. Dieses hob eine Blockade der Zölle, die das New Yorker Gericht verfügt hatte zwar vorerst auf, um den Fall zu prüfen, hielt die Entscheidung der unteren Instanz mit seinem nunmehrigen Beschluss aber in großen Teilen aufrecht: „Das Gesetz räumt dem Präsidenten zwar erhebliche Befugnisse ein, um auf einen ausgerufenen nationalen Notstand zu reagieren“, hieß es in der Urteilsbegründung, „aber keine dieser Maßnahmen schließt ausdrücklich die Befugnis ein, Zölle, Abgaben oder Ähnliches zu erheben.“ Das Urteil bezieht sich auf die von Trump erstmals Anfang April angekündigten länderspezifischen Zölle, die Dutzende Handelspartner der USA, darunter die gesamte EU betreffen. Nicht von der Entscheidung betroffen sind Zölle, die auf anderer rechtlicher Grundlage erlassen wurden. So erlaubt ein Gesetz dem Handelsminister, die Einfuhr von zu Gütern zu beschränken, wenn der Import den Sicherheitsinteressen der USA zuwiderläuft. Er muss dazu allerdings ein Prüfverfahren einleiten, das meist um die neun Monate dauert, weil dabei interessierte Parteien öffentlich anzuhören sind. Dieses Verfahren nutzte Trump für seine Zölle auf Stahl und Aluminium sowie Autos, auch wenn ich nicht weiß, wie die Sicherheitsinteressen gefährden – Metalle sind dagegen kriegswichtig.

Für Trump ist die Aufhebung seiner wunderbaren Zölle durch das Berufungsgericht die bisher größte juridische Niederlage und er schäumt entsprechend. Das Gericht sei verrückt, befangen und setze die Nation einer Katastrophe aus. Doch er sei zuversichtlich, dass der Supreme Court sie verhindern werde. Wenn die USA noch ein Rechtssaat sind, wird ihr Urteil zu einer Katastrophe für Trump. Das größte Risiko besteht nicht in der Teilnahme der zuletzt von Tump ernannten religiösen Richterinnen – wer gegen Abtreibung ist, kann dennoch für den Rechtsstaat sein – sondern bei zwei konservativen Richtern, deren Neigung zu Geschenkannahme altbekannt ist und in der so tiefen ideologischen Spaltung des Landes: Wenn das Richterkollegium zu dem Schluss gelangt, hier ginge es nicht um die richtige Auslegung eines Gesetze, sondern um Sein oder Nichtsein des republikanisch-konservativen Amerika, dann ist auch das ungeheuerlichste Fehlurteil denkbar.

In der Sache müsste Trump auch bei einem korrekten Urteil keineswegs voll von seinen Zöllen abrücken, er muss sie nur ordnungsgemäß und vermutlich differenziert und entsprechend langsam im Kongress durchbringen. Für die EU ist spannend, wie weit zwischenstaatliche Abkommen aufrecht bleiben, wenn sie unter dem Druck ungesetzlicher Zölle zustande gekommen sein sollten. Auch das von mir hier so oft aufgezeigte Problem, dass ihr gewaltiger Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den USA inadäquaten Löhnen zu danken ist, bliebe bestehen: Trump könnte bei der World Trade Assoziation (WTA) und bei der EU dagegen klagen, denn beide lehnen dauerhafte Überschüsse ab. Trump müsste nur die Mühen zivilisierter Politik auf sich nehmen.

Das New Yorker Gericht hob die sonstigen Zölle jedenfalls auf und argumentierte wie folgt: Der Präsident habe die Verfassung verletzt, als er reziproke Zölle auf so breiter Front eingeführt habe. Das dürfe nur der Kongress.

 

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Die Ohlin-Klippen des Freihandels

Der Ökonom Bertil Ohlin sah Freihandelsprobleme der USA voraus. Mit China haben sie noch keinen Deal, obwohl sie den am meisten brauchten. Der EU kann Ähnliches blühen. 

Während Donald Trump mit der EU, Japan oder Südkorea „Deals“  gelangen, scheitert er bisher in Peking: Man drohte einander zwar Zölle von mehr als hundert Prozent an, schob ihre Einführung aber bis 12.August hinaus und Trump ist noch immer nicht am Ziel. Dabei hat China mit 423 Milliarden den größten Anteil am US-Leistungsbilanzdefizit von 1,29 Billionen Dollar – aber es hat auch ein Beinahe-Monopol für„seltene Erden“, die unverzichtbar für alle modernen Technologien sind. Dazu dient es vielen US-Unternehmen als Werkbank, so dass Zölle den Preis von Apple-Handys bekanntlich verdreifacht hätten und selbst chinesischen Plunder zu verteuern ist für Trump nicht leicht, denn es trifft mit der Unterschicht sein größtes Wählerreservoir.

Es sind diese gegenseitigen Verschränkungen, die die Industriellenvereinigung oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung veranlassen, Freihandel für unabdingbar zu halten und zu vermuten, dass Trumps Zollkriege den Amerikanern am meisten schaden. Als die USA im ersten Quartal 50 Milliarden Dollar an Zöllen einkassierten, ruderte die FAZ zwar zurück, aber die jüngsten US-Arbeitsmarktzahlen sind so schlecht, dass Trump die Leiterin der Statistikbehörde entließ. Die Folgen der Zollkriege für die USA bleiben unklar – nur dass sie uns schaden ist sicher.

Die Gleichsetzung von Freihandel und wirtschaftlichem Erfolg ist dennoch ein Mythos: Historisch entstanden alle starken Industrien, die Englands, Deutschlands oder der USA hinter hohen Zollmauern und in der jüngeren Geschichte war das nicht anders: Südkoreas Autoindustrie entstand hinter Zollmauern von 400 Prozent. Seinen aktuell so unbestrittenen Ruf dankt der Freihandel Nobelpreisträger Paul Krugman, der, auch wenn er außeracht ließ, dass Transportkosten unmöglich serös zu ermitteln sind, darauf verwies, dass nur weltweit Hindernis-freier Verkauf von Waren die großen Serien ermöglicht, durch die sie so billig sind. Aber auch die Argumente, mit denen der britische Ökonom David Ricardo (1772-1823) den Freihandel pries, klingen bis heute gut: Wenn England dank seiner Manufakturen das beste Tuch und Portugal dank seines Klimas den besten Wein erzeuge, dann sei es unsinnig, den freien Austausch dieser Waren durch Zoll zu erschweren. In einer arbeitsteiligen Welt sollte daher jedes Land produzieren, was es am besten kann – dann hätten alle den größten Nutzen. Insbesondere hatten ihn die Briten, denn Industrie bietet dank viel größerer Produktivitätszuwächse viel höhere Gewinne als Landwirtschaft – Freihandel bevorzugt Industrienationen. So böte das bei uns so umstrittene Freihandelsabkommen Mercosur der Industrienation Österreich mit Südamerika einen höchst lukrativen zusätzlichen Markt – aber die Viehbauern zahlten zweifellos drauf, weil sie nicht mit dem Fleisch Argentiniens konkurrieren könnten.

Dieser Nachteil des Freihandels für einen bestimmten Teil der Arbeitskräfte zu sehen, trug 1977 wesentlich zum Nobelbreis für den schwedischen Ökonomen Bertil Ohlin bei. Ich will ihn deshalb die„Ohlin-Klippe“ des Freihandels nennen und an den USA illustrieren: Wenn sich ein Land dank der Qualifikation seiner Unternehmen auf die Herstellung komplexer Produkte – im konkreten Fall digitaler Leistungen – konzentriert, die Produktion einfacher Güter also relativ vernachlässigt, so  konzentrieren sich andere Länder gemäß Ricardo auf die Herstellung einfacherer Güter, in Europa  auf Autos, in China anfangs auf Stahl. Das aber musste Ohlin folgend dazu führen, dass Europas Auto- und Chinas Stahlindustrie den entsprechenden vernachlässigten Industrien der USA klar überlegen sind und deren Beschäftigten Probleme bereiten. Besonders große bei Stahl und Aluminium, weil China beides nicht nur mit billigen Arbeitskräften, sondern auch in produktiven Anlagen herstellt und bei Autos, weil eine vernachlässigte Autoindustrie perfekten und billigen deutschen Autos hilflos gegenübersteht.

Die resultierenden Probleme haben die USA schockartig heimgesucht: Ehe China 2000 der  Weltfreihandelsorganisation WTO beitrat, entsprachen Pekings US-Exporte nur 5 Prozent der US-Industrieproduktion, aber 2014 waren es schon 30 Prozent und explodierte Chinas Überschuss schon auf 278 Milliarden Dollar, um heute bei den den zitierten 423 Milliarden zu liegen. Ähnliches geschah im Verhältnis zur EU. Entsprechend stark vergrößerte sich die Einkommensschere zwischen der eher kleinen Gruppe hochqualifizierter Beschäftigter der US-Digitalindustrie und der großen Gruppe Minderqualifizierter in der traditionellen US-Industrie. Sie wurden zwar nicht arbeitslos, weil die US-Wirtschaft insgesamt boomte, aber oft müssen sie sich mit gleichzeitigen Minijobs über Wasser halten und fühlen sich abgehängt. Trump wird gewählt, weil er sich ihrer annimmt. Ökonomisch perfekt geschähe das, indem etwas vom enormen  Reichtum der Digitalindustrie auf sie umverteilt würde – weil das in den USA undenkbar ist, versucht es Trump mit der  Abwertung des Dollars und Zöllen. Die EU wird vergleichbare Probleme haben, wenn ihre Autoindustrie eine Ohlin- Klippe erlebt: Chinas E-Autos sind schon heute trotz 21 Prozent Zoll viel preiswerter als deutsche, die man höchstens aus Patriotismus kaufen kann.  Auch das kann zum Schock werden – dann bin ich gespannt, ob uns mehr als Trump zu seiner Bewältigung einfällt.

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Eine Einigung ohne Alternative

Für die EU ist das teure Abkommen mit den USA besser als ein chancenloser Zollkrieg. Weil Donald Trump politisch so falsch liegt, muss er ökonomisch nicht falsch liegen.

Die EU hat sich mit Donald Trump geeinigt: Sie kauft LNG um 750 Milliarden Dollar und investiert 600 Milliarden mehr in die USA – dafür werden alle ihre Waren, auch Autos, „nur“ mit 15 Prozent Zoll belastet, bloß bei Stahl und Aluminium bleiben es 50 Prozent. Da der Dollar inzwischen um 12 Prozent abgewertet hat, werden Exporte in die USA damit „nur“ um 27 Prozent schwieriger, aber das ist immer noch besser als kein Abkommen. Mehr war für die EU nicht drin, obwohl sie sich auf Gegenzölle geeinigt hatte, denn die hätte Trump ohne Abkommen auf seine Zölle draufgeschlagen, und das erlaubt ein simples Gedankenexperiment: Käme jeder Handel auf diese Weise zum Erliegen, könnte die EU pro Jahr Güter und Leistungen für 530 Milliarden Dollar nicht mehr in die USA exportieren, während die USA nur für 330 Milliarden nicht mehr in die EU exportieren könnten. Vor allem aber trägt „Export“ nur 10 Prozent zum BIP der USA bei, während es bei der EU 53,4 Prozent (bei Österreich 59,2 Prozent) sind, so dass das Ende des Handels für die EU mit einem gewaltigen Wohlstandsverlust einherginge.

Im realen Zollkrieg hätte die EU noch schlechtere Karten gehabt, denn wenn ihr gewaltiger Güterüberschuss, voran bei Autos, mit Zöllen belastet würde, erhöhte das für Amerikaner zwar die Preise aller Autos etwas, aber bei Chevrolet, Ford oder Cadillac so wenig, dass es nicht wirklich schmerzte -würden hingegen Leistungen der USA, bei denen sie einen Überschuss erzielen, mit Gegenzöllen belastet, so verteuerten sich für Europäer voran Google & Co, ohne dass sie Eigenes zur Verfügung hätten.

Dass die EU sich trotz der so viel schlechteren Ausgangsposition auf Gegenzölle einigte, lag daran, dass der Kursverfall auch amerikanischer Aktien Trump im Mai, zu Beginn seines Zollkriegs, zu massiven Rückziehern gezwungen hat. Nur dass er ihn damals besonders dumm – mit Zolldrohungen gegen die ganze Welt – begonnen hat, während er ihn jetzt gestaffelt und gezielter führt. Zudem haben die USA durch die Zölle bereits gewaltige Einnahmen erzielt, die sich herumgesprochen haben und der durch die Zölle leicht gestiegenen US-Inflation gegenüberstehen. Trumps Sorge, dass US-Aktien wieder einbrechen könnten, war geringer, aber nicht ganz weg.

Es ist ein Problem der EU, dass ihre Medien Trump fast ausschließlich danach beurteilen, wie schlecht er die USA außen- und innenpolitisch führt: dass er die NATO sinnlos geschwächt hat, rechtsextreme Parteien wie die AfD unterstützt, es der Ukraine aber gleichzeitig an Unterstützung fehlen lässt und vor allem, dass er die USA zunehmend zu einem autoritären Staat umgestaltet. Das kann den USA in sehr, sehr vielen Jahren auch wirtschaftlich schaden, weil hervorragende Wissenschaftler ungern in so einem Staat arbeiten, aber im Moment ist Trump dabei, ein echtes ökonomisches Problem der USA – den Wegfall von immer mehr Industriearbeitsplätzen – zumindest zu lindern. Meines Wissens hat nur der Wirtschaftsressortleiter des Standard Joseph Gepp unter dem Titel „Trumps Zölle gegen alle Welt mögen verrückt wirken – aber er hat dennoch einen Punkt“ das zweite wichtige Argument zu Trumps Gunsten angeführt: Es ist auch ein echtes Problem, dass die USA sich jährlich mit 1,29 Billionen Dollar verschulden, um die Konjunktur in China, Japan oder Südkorea und insbesondere in der EU aufrechtzuerhalten. Es gibt zwar Ökonomen, die meinen, die USA könnten sich unbegrenzt verschulden, aber andere bezweifeln es und vor allem können Ratingagenturen, so unfähig sie in Wirklichkeit sind -man erinnere sich, wie sie toxische US – Derivate mit Tripple A bewerteten – eine Weltwirtschaftskrise auslösen, wenn sie den USA in Hinblick auf diese Schulden die Bonität absprechen. Trump handelt daher richtig, wenn er das gigantische US-Leistungsbilanzdefizit abzubauen sucht. Genau so richtig analysiert sein Finanzministerium, wenn es ausführt: „Länder wie China, Deutschland, Japan und Südkorea haben eine Politik verfolgt, die den Binnenkonsum ihrer eigenen Bürger unterdrückt, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exportprodukte künstlich zu steigern. Zu dieser Politik gehören Maßnahmen, die darauf abzielen, die Löhne der Arbeitnehmer im Verhältnis zur Produktivität zu drücken“.

Statt über Gegenmaßnahmen zu Trumps Zöllen hätten wir über Maßnahmen nachdenken sollen, die ihm dabei helfen, das US-Leistungsbilanzdefizit ohne wirtschaftliche Verwerfungen abzubauen. Den USA mehr LNG und derzeit auch Waffensysteme abzukaufen sind sicher zwei davon, aber nachhaltig ist nur, die Schuldenbremse abzuschaffen und selbst die Schulden zu machen, die es braucht, die Konjunktur der EU zu erhalten, sowie gleichzeig für höhere Löhne zu sorgen, die es den Europäern ermöglichen, mehr der von ihnen produzieren Waren selbst zu konsumieren, statt zu exportieren. Wie wenig man das in Deutschland versteht, zeigt leider die Regierung Friedrich Merz`: Statt für Lohnerhöhungen zu sorgen, senkt sie die Unternehmenssteuern, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.  Obwohl die so groß ist, dass allein Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von 80 Milliarden Dollar gegenüber den USA erreichte, und damit entscheidend zu Tumps Zöllen beitrug. Die EU wird wirtschaftlich erst problemlos funktionieren, wenn sie die für die Konjunktur unerlässlichen Schulden selber schultert und sich eine Erkenntnis des ersten Henry Ford zu eigen macht: „Ich muss meine Arbeiter so gut bezahlen, damit sie, die Autos, die sie bauen auch selbst kaufen können.“

 

 

 

 

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Trump lässt uns und der Ukraine Chancen

Wenn die EU der Ukraine dank Trumps Einverständnis Patriot-Systeme finanziert und dazu Marschflugköper lieferte und ihre Heere aufrüstet, hätte Frieden durchaus Chancen.

Wenn Ich Donald Trump etwas glaube, dann, dass er Krieg nicht mag und gern den Friedensnobelpreis erhielte. Völlig ausgeschlossen ist das nicht, seit er begreift, dass nicht Wolodymyr Selenskyj, sondern Wladimir Putin Frieden im Weg steht. Dass er der Ukraine nun doch Patriot-Systeme zugesteht, stärkt ihr Durchhaltevermögen erheblich, zumal EU-Staaten sie rasch aus eigenen Beständen liefern und bei den USA nachbestellen kann. Wenn die EU darüber hinaus den Mut hat, ihr auch offensive Systeme, wie Marschflugkörper, zu liefern, kann das Putin, auch wenn deren Einsatz in Russland streng begrenzt wird, durchaus zum Einlenken bewegen. Nur bezweifle ich Tempo wie Mut.

Hauptproblem der Ukraine ist stets, dass sie nur 39 Millionen Einwohner gegenüber 143 Millionen Russlands hat, so dass sie ihre Truppen kaum ergänzen kann- einen Abnützungskrieg verliert sie. Um Erfolg zu haben, braucht sie überlegene, statt höchstens gleichwertige Waffen. Nur wenn ihr eine Offensive gelingt, bei der sich die Frontlinie Russlands Grenze nähert, kann sie erreichen, dass Putin in Friedensverhandlungen einwilligt, weil er sich sagt: Besser die Krim zu haben und Sanktionen loszuwerden, als zu riskieren, etwas von seiner Beute zu verlieren.

Um Selenskyjs Armee in diese überlegene Lage zu versetzen, braucht es neben mehr Mut viel mehr Geld. Bisher haben EU und USA die Ukraine gemeinsam unterstützt, jetzt muss es die EU allein tun. Ein Patriot-System kostet eine Milliarde Euro und die Ukraine braucht zehn; Taurus-Marschflugkörper, die eine Million kosten, braucht sie unzählige. Betrachtet man die 3,5 Prozent des BIP, die Europas Nato -Staaten künftig für Rüstung aufbringen sollen unter dem Gesichtspunkt, dass zu diesem Bedarf der Ukraine der Nachrüstungsbedarf aller Armeen der EU-Staaten kommt, scheint mir das keineswegs zu viel.

Der bekannte Soziologe Max Haller erhob dagegen vorige Woche Einwände, auf die ich eingehen will. Voran bezweifelt er, dass man sich auf den Krieg vorbereiten muss, wenn man Frieden will: „Aggressive Herrscher waren jederzeit bereit, ein Land anzugreifen, auch wenn es gut gerüstet war. Beide Weltkriege wurden ausgelöst, als bereits Aufrüstungsspiralen im Gang waren.“ Doch Haller lässt außer Acht, dass Adolf Hitler erlebte, dass die Alliierten seine Überfälle auf Österreich und die Tschechoslowakei einfach hinnahmen- das musste ihn glauben lassen, sie seien nicht bereit zu kämpfen, und eine größere Einladung zum Angriff gibt es nicht.

Haller hält für unwahrscheinlich, dass Putin Nato – Staaten angreift, nachdem er erlebt hat, wie schwer ihm schon der Sieg über die Ukraine fällt. Ich auch – aber mich (und die Moldawier) störte schon, wenn er Moldawien angriffe. Vor allem aber scheint mir Krieg so furchtbar, dass man zu seiner Vermeidung auch ein unwahrscheinliches Szenario in Betracht ziehen muss, das da wäre: Putin greift Litauen an und Trump versagt jeden Beistand, weil es ihm viel zu unwichtig ist. Meines Erachtens muss eine verantwortungsbewusste EU daher allein in der Lage sein, Putin abzuschrecken.

In Hallers Sicht „übersteigt allein die Rüstung Westeuropas schon jetzt die russische“. Doch er irrt insofern, als nur die „Rüstungsausgaben“ derzeit die russischen übersteigen – Russlands „Rüstung“ aber seit Jahrzehnten eine gewaltige ist, während die Heere der EU durch Jahrzehnte kaputtgespart wurden. Es geht also ums Aufholen eines gewaltigen Nachholbedarfs und leider stimmt nicht, „dass die Rüstungsindustrie im Falle eines Angriffst rasch hochgefahren werden kann“- der Ukrainekrieg beweist das Gegenteil.

Meinem Argument, dass Rüstungsausgaben auch der Wirtschaft nutzen, hält Haller entgegen, dass Infrastruktur-Ausgaben ihr viel mehr nützen. Das schrieb auch ich – ich fügte nur an, dass ihr selbst Rüstungsausgaben nützen. Wenn Haller meint, dass sie „Abrüstung verhindern“ irrt er: Der Nato-Doppelbeschluss, russischen Raketen in Europa Nato-Raketen gegenüberzustellen, führte zu einem großen Abrüstungsschritt. Und wenn Haller daran erinnert, dass die Sowjetunion „sich zu Tode gerüstet hat“ zeigt das, wie nützlich Aufrüsten sein kann: In der Ära Ronald Reagans planten die USA ein Laser-Abwehrsystem und die UdSSR, die trotz kommunistischer Misswirtschaft mithalten wollte, zerbrach daran und löste sich auf.

Schließlich hält Haller „für fraglich, dass nur Militärpräsenz und Atomschirm der USA Europa vor Vorstößen der Roten Armee bewahrten“: Durch die Teilung der Einflusssphären in Jalta hätte die UdSSR mehr Macht denn je besessen – „welches Interesse hätte sie gehabt, weiter nach Westen zu marschieren?“

Ein solches Interesse war zum Beispiel die Sicherung des kommunistischen Putschs in der CSSR, danach das Niederschlagen des Ungarn-Aufstandes und zuletzt des Prager Frühlings. Wo ihr der Westen anfangs keinen Widerstand entgegensetzte, in Afghanistan, ist sie auch über die Einflusssphäre hinaus vorgestoßen. Es wird nie zu klären sein, ob wirklich die Nato die UdSSR von Vorstößen nach Westeuropa abgehalten hat, aber mir reicht, dass ihre Existenz von achtzig Jahren Frieden begleitet war. Insofern glaube ich, anders als Haller, dass Henry Kissingers „Gleichgewicht des Schreckens“ zwar keine absolute, aber die relativ größte Sicherheit vor Krieg bietet und man sehr wohl zum Krieg rüsten muss, um den Frieden zu bewahren. Dass man dabei immer auch verhandeln soll, glaube auch ich: Je stärker EU und Ukraine sind, desto eher wird auch Putin verhandeln.

 

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Ein zarter Anfang deutscher Einsicht?

Erstmals erfahren die Deutschen aus ihrer führenden Wirtschaftszeitung, dass der deutsche Exportüberschuss ein Problem anderer Staaten und ein „Problemfall“ der EU ist.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Erstmals erfährt die deutsche Öffentlichkeit aus einem führenden deutschen Medium, dem liberalkonservativen „Handelsblatt,“ was Spiegel, Süddeutsche, oder Frankfurter Allgemeinen kaum anrühren: Dass Deutschlands Exportweltmeisterschaft ein gravierendes Problem für alle anderen Staaten ist und vielleicht darauf beruht, dass Deutschland internationale Regeln fairen Handels negiert.

Bekanntlich ermüde ich Falter-Leser und Kollegen seit Jahren mit eben dieser Behauptung und versuche sie zu belegen, aber mediale Unterstützung wurde mir bisher kaum zuteil: Nur der Ökonomen Kurt Bayer[1] vertritt Ähnliches in seinem Blog und 2019 nannte Notenbankgouverneur Ewald Nowotny entsprechende Behauptungen meines Buches „Die Zerstörung der EU“ in seiner Rezension zutreffend.[2]  Insofern ist der Handelsblatt-Text zumindest eine leise mediale Rechtfertigung meiner Sturheit: Deutschland ist wirklich ein zentrales Probleme der EU.

Natürlich hütet sich das Handelsblatt, es so explizit zu sagen. Der betreffende Text ist unter dem Titel „Schwarz -Rot sucht ein neues Wirtschaftsmodell“ dem Umstand gewidmet, dass Friedrich Merz ein neues Geschäftsmodell für die deutsche Wirtschaft schaffen will: „weg vom Export, hin zu mehr Binnennachfrage“. Ordnungsgemäß referiert das Handelsblatt die Zweifel eigener wie fremder Ökonomen, dass das gelingt -Deutschland müsse Exportland bleiben – wogegen niemand etwas hat. Aber im Zuge dieser Argumentation geht der Text doch auf das von mir aufgezeigte Grundproblem ein: „Dass Deutschland viel mehr Güter und Dienstleistungen exportiert als importiert, galt hierzulande lange als harter Leistungsnachweis deutscher Wettbewerbsfähigkeit. Im Ausland muss sich Deutschland dafür aber schon lange Kritik anhören. Denn ein hoher Überschuss erzeugt zwangsläufig Leistungsbilanzdefizite in anderen Ländern, durch die diese in Schwierigkeiten geraten können.“

Korrekt müsste es heißen, dass sich zumindest Italien und Frankreich durch Deutschlands hohe Übergüsse bereits seit vielen Jahren in den größten Schwierigkeiten befinden, aber das zu schreiben unterlässt das Handelsblatt und verzichtet auch darauf zu recherchieren, worauf die überlegene deutsche Wettbewerbsfähigkeit beruht: Nicht auf der seit jeher gegebenen Qualität deutscher Waren, sondern seit zwei Jahrzehnten darauf, dass deutsche Löhne nicht mehr im Ausmaß der deutschen Produktivität stiegen.

Doch immerhin verrät eine Textstelle, dass Handelsblatt und EU-Kommission ahnen, dass die hohe deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht ganz im Einklang mit den Regeln der EU stand: „Erst in dieser Woche stufte die EU-Kommission Deutschland erstmals seit Jahren offiziell nicht mehr wegen zu hoher Handelsüberschüsse als Problemfall ein.“

Nicht nur für deutsche Leser dürfte spannend sein, dass die EU-Kommission Deutschland seit Jahren als „Problemfall“ einstuft. Der (im Falter nachzulesende) Grund: funktionierende Handelsregionen vermeiden dauerhafte Handelsüberschüsse eines bestimmten Landes durch entsprechende Regeln, weil sie -siehe oben- dauerhaft Defizite anderer Länder erzeugen. Die Kommission hätte nach ihren Regeln die Möglichkeit (ich meine: die Pflicht) gehabt, die deutsche Lohnzurückhaltung abzustellen, statt durch Jahre zuzusehen, wie Deutschland allen anderen Ländern Marktanteile abjagt. Und eigentlich hätte das Handelsblatt die Möglichkeit gehabt zu fragen, warum sie das nicht getan hat, während sie ständig Strafen wegen zu hoher Budgetdefizite verhängt? Die korrekte Antwort hätte es freilich nicht erhalten: Die EU-Kommission war immer von Deutschland dominiert und weder Frankreichs noch Italien wehrten sich. Charakteristisch für ihre durch ökonomische Ahnungslosigkeit bedingte, unsinnige Zurückhaltung ist die Haltung von Frankreichs Präsident Emanuel Macron: Er bewundert Deutschland für seinen Erfolg und wollte ihn kopieren, indem er Frankreichs Löhne zu drücken suchte. Dass es denkunmöglich ist, dass alle Länder immer mehr exportieren, während alle ihre Konsumenten immer weniger verdienen, kam ihm nicht in den Sinn.

Auch die absurde Sparpolitik und Schuldenphobie Deutschlands und der EU kritisiert das Handelsblatt nicht explizit, lässt aber an ihren Folgen keinen Zweifel: Fakt ist: Deutschland fährt seine Infrastruktur seit mehr als zwei Jahrzehnten auf Verschleiß“. Und dann eine Erkenntnis, wie ich sie auch seit Langem zu vermitteln suche: „Doch nicht nur der Staat sparte, sondern auch die Unternehmen. Sie wurden sogar schon kurz nach der Jahrtausendwende von Netto-Schuldnern zu Netto-Sparern.“ Dass daraus folgt, dass der Staat umso mehr investieren muss, ist dem Handelsblatt schon wieder zu kühn, um es niederzuschreiben – es pocht auf die Notwendigkeit auch privater Investitionen, die niemand bestreitet.

Deutschlands Zukunft sieht das Handelsblatt realistisch: „Der immer heißer laufende Exportmotor verdeckte die Investitionsschwäche. Deutschland wird (zwar) ein stark am Außenhandel orientiertes Land bleiben. Nur die Abnehmer deutscher Produkte werden im Idealfall nicht mehr vor allem in den USA und China, sondern…vor allem in der EU sitzen“.

Das geht nur, wenn die EU ihre Schuldenphobie aufgibt und Deutschland seine Lohnpolitik so ändert, dass auch andere EU-Länder konkurrenzfähig sind.

[1] Dass Bayer meine Falter-Kommentare, wenn immer möglich in Leserbriefen harsch kritisiert. ist ein eigenes Kapitel.

[2] Die Rezension erreichte den Falter zu spät, um gedruckt zu werden.

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NATO-Rüsten hilft der Wirtschaft der EU

Spanien führt den Widerstand gegen die Aufrüstung der NATO an. Dabei nutzt sie neben dem Frieden auch der EU-Wirtschaft, sofern rasch eigene Rüstungsbetriebe entstehen.  

Bis auf Spanien waren Dienstag voriger Woche beim NATO-Gipfel in Den Haag alle Mitglieder einig, bis 2035 fünf Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Verteidigung auszugeben. Spaniens sozialdemokratischer Premier Pedro Sanchez wusste sich in seinem scheinbar einsamen Widerstand freilich nicht nur einig mit der Mehrheit seiner Wähler, sondern auch mit vielen Sozialdemokraten voran in Deutschland. Ihr Widerstand hat zwei Wurzeln: Das Wissen, dass soviel Nützliches vergeblich auf Finanzierung wartet – und die von der Friedensbewegung beeinflusste Aversion gegen jegliche Aufrüstung. Ihr sollte freilich das Wissen entgegenstehen, dass ausgerechnet Russlands Geheimdienst KGB Europas Friedensbewegung stets kräftig finanziell unterstützt hat und dass dem gewiss nicht Friedensliebe zu Grunde lag. Friede, dass sollte man aus Erfahrung wissen, wird leider nicht dadurch gewährleistet, dass man unbewaffnet bleibt, sondern genau umgekehrt dadurch, dass man so gut bewaffnet ist, dass ein potentieller Aggressor keinen Angriff riskiert: Man muss für Krieg gerüstet sein, um Frieden maximal abzusichern. Diesen Schutz bot seinen Mitgliedern am relativ preiswertesten das transatlantische Bündnis NATO – auch die Ukraine wäre nie überfallen worden, wenn sie der Nato angehört hätte.

Im Moment liegen die Gründe für eine massive Aufrüstung voran der EU-Mitglieder auf der Hand: Wladimir Putin hat Europas Friedensordnung durch seinen Überfall auf die Ukraine außer Kraft gesetzt – sie militärisch zu unterstützen ist die einzige Chance, ihre Eigenstaatlichkeit zu erhalten. Zugleich hat Putin eben erst wiederholt, dass sie ein Teil Russlands sei. Auszuschließen, dass er dergleichen auch von Georgien, Moldawien, Finnland, Polen oder dem Baltikum meinen könnte, wäre schlicht verantwortungslos. Schon Joe Biden und vor ihm Barack Obama, aber so gut wie alle US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte haben daher von den Europäern gefordert, ihre Investitionen in Landesverteidigung  denen der USA anzugleichen – aber nur der Brutalo Donald Trump hat sie mit der glaubwürdigen  Drohung, die NATO zu verlassen, durchgesetzt. Und obwohl er sich in Den Haag zufrieden mit dem Fünf-Prozent-Ziel der NATO zeigte und sich zur Beistandspflicht der USA bekannte, kann man bei jemandem wie ihm nie sicher sein, dass er sie auch wahrnimmt. Massive Investitionen der EU in Ihr Militär sind unausweichlich, wer immer US-Präsident ist.

Die zweite zentrale Ursache des Widerstands vieler Europäer gegen diese Aufrüstung ist die Sorge, dass die Wirtschaft unter dem so großen Aufwand für Waffen leiden müsse. Sie ist in dieser Form so verfehlt wie die Sorge, dass hohe Staatsschulden der Wirtschaft schaden. Ausgaben für Rüstung gereichen der Wirtschaft vielmehr zum Vorteil, weil Rüstung erstens vielen Unternehmen gute Gewinne und zweitens vielen Angestellten gute Gehälter beschert und weil sie drittens ihre Zulieferindustrie auf die gleiche Weise boomen lässt. Am Rande ist sie meist auch noch für technische Fortschritte verantwortlich.

Deshalb ist Russlands BIP derzeit trotz Sanktionen nicht geschrumpft, sondern gewachsen, auch wenn die Russen schmerzhaft spüren, dass Putin die Konsumgüterindustrie zu Lasten der Kriegsindustrie extrem vernachlässigt. Deshalb vermochte Adolf Hitler Deutschlands Arbeitslosigkeit durch Rüstung endgültig zu überwinden, auch wenn er es durch den folgenden Krieg mit diesen Waffen in den Abgrund gestürzt hat. Das eindrücklichste Bespiel für den wirtschaftlichen Vorteil von Rüstungsausgaben habe ich hier mehrfach ausgeführt: Die USA überwanden die Weltwirtschaftskrise endgültig, indem sie,  obwohl durch den New Deal bereits hoch verschuldet, „Geld druckten“, um bei ihrer Rüstungsindustrie Panzer und Kanonen gegen Hitler-Deutschland und Japan in Auftrag zu geben, denn dadurch wuchs ihre Wirtshaft zwischen 1941 und 1945 mit Raten zwischen 16 und 20 Prozent.

Durch Ausgaben des Staates Arbeit zu schaffen ist immer von Vorteil für die Wirtschaft und wäre es noch mehr, wenn der Staat statt nur in Waffen, in Isolierung aller Bauten, Solaranlagen oder E-Werke im Meer investierte, um den Klimawandel zu bekämpfen. Aber leider billigen auch die Bürger dem Staat so große Investitionen nur zu, wenn es um die Verteidigung des Vaterlandes gegen einen Aggressor geht – oder wie bei Hitler um die Tilgung der „Schmach von Versailles“ und eine behauptete Gefährdung durch Russland oder wie bei Putin um die „Entnazifizierung der Ukraine“ und eine behauptete Gefährdung durch die NATO.

Der aktuelle NATO-Beschluss ist meines Erachtens erstaunlich rational: Er ist die einzige Möglichkeit, die Ukraine vielleicht vor der Eroberung durch Russland zu bewahren; er schützt Europa vor Putins Russland auch dann, wenn Donald Trump dem Baltikum bei einem russischen Überfall nicht zu Hilfe kommt; nicht zuletzt sieht er vor, dass nur 3,5 Prozent unmittelbar in Aufrüstung investiert werden – die restlichen 1,5 Prozent dürfen für die Verbesserung der vielleicht kriegswichtigen Infrastruktur, von Brücken über Straßen bis zu Glasfaser-Kabeln verwendet werden. Einfach zu sagen, dass der Staat sich natürlich zu seinem Vorteil verschulden darf und muss, ist man in der Führung der EU ökonomisch leider unverändert zu dumm. Trotzdem sollte die EU-Wirtschaft (sollte auch Österreich) vom fünf-Prozent Ziel der NATO profitieren, sofern man rasch genug eine EU-eigene Rüstungsindustrie aufbaut.

 

 

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Was wären „Kriegsverbrechen“ Israels?

Die EU versteht Israels Angriff auf das Atomprogramm des Iran. Viele Österreicher verstehen ihn so wenig wie Israels Bombardement des Gazastreifens. Eine Diskussion.

Anders als bei der Ukraine einigten sich die G7 (USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und EU) bezüglich des Angriffs Israels auf den Iran auf folgenden Text: Der Iran ist „Hauptquelle regionaler Instabilität und des Terrors“ und Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung.

Der Zufall wollte es, dass ich unmittelbar nach dieser Erklärung vor sechzig jüngeren Leuten ein Referat über die Motive hielt, die meine Eltern veranlassten, in der NS-Zeit Juden zu verstecken und ich nutzte die Gelegenheit, sie nach ihrer Meinung zum aktuellen Verhalten Israels zu fragen. Ich war wenig erstaunt, dass sie Israels Vorgehen im Gazastreifen einmütig ablehnen, aber die Ablehnung des Angriffs auf den Iran fiel ebenso eindeutig aus. Die ausnehmend informierten Diskutanten begründeten sie so: Ein unmittelbarer Angriff des Iran auf Israel, der eine vorbeugende Abwehr gerechtfertigt hätte, sei nicht bevorgestanden; zudem sei es Donald Trump gewesen, der den Vertrag verließ, mit dem der Iran auf die Herstellung einer A-Bombe verzichtet; dass er Uran daraufhin so angereichert hat, dass ihm die Herstellung der Bombe in wenigen Jahren möglich wäre, sei zu wenig, um Israels Angriff zu rechtfertigen.

Ich bestritt das mit dem Argument, dass man inhaltlich von einem ständigen Krieg des Iran gegen Israel ausgehen müsse: Teheran fordert nicht nur permanent dessen Auslöschung, sondern finanziert, vom Gazastreifen, über den Libanon und Syrien bis zum Jemen eine Kette von Milizen, die abwechselnd vom Iran gelieferte Raketen auf Israel abfeuern. Man müsse mit einem Gegenschlag nicht warten, bis der Iran nur mehr Wochen zur Herstellung von A-Bomben braucht.

Bei den jungen Leuten blieb ich mit dieser Argumentation erfolglos. Einvernehmen gab es nur in einem Punkt: Auch ich sehe ein Kriegsverbrechen darin, dass Israel auch iranische Gasfelder und Raffinerien zerstört, denn sie sind Lebensgrundlage der Bevölkerung.

Am weitesten entfernt von den jungen Diskutanten war ich bei „Gaza. Seit dem Mord an sechs Millionen Juden, von denen viele vor den Augen meiner Mutter mit den Worten „Nächstes Jahr in Jerusalem“ ins Gas gegangen sind, war es für mich unausweichlich, ihnen dort eine Heimstätte zu schaffen der Nahe Osten ist dazu groß genug. Dass Organisationen wie die Hamas diese Notwendigkeit bestreiten, ist für mich Basis des Nahostkonflikts. Nur davon ausgehend, könne man Israels Fehler diskutieren.

Bei „Gaza“ gipfelten sie darin, dass Benjamin Netanjahu, um einem Korruptionsprozess zu entgehen, eine Koalition mit religiösen Ultras einging, die als einzige bereit waren, ihn zum immunen Regierungschef zu machen. Es war die militärische und nachrichtendienstliche Unfähigkeit dieser Regierung, die am 7.Oktober 2023 dazu führte, dass Kämpfer der Hamas die Grenze überwanden, mehr als tausend Israelis massakrieren und zweihundert Geiseln nahmen.

Obwohl klar war, dass Israel jedes Recht zur Selbstverteidigung hat, schrieb ich damals, dass ich es für besser hielte, wenn es im Gazastreifen zwar einen einzelnen Militärschlag setzte, die große Bodenoffensive aber unterließe, weil Häuserkampf in ein Gemetzel münden müsse. Um sich gegen Raketen zu wehren, die die Hamas weiterhin abschießen würde, sollte Israel möglichst rasch ein technisch bereits entwickeltes Abwehrsystem installieren, das es erlaubt auch kleine, selbstgebastelte Raketen billig abzufangen.

Obwohl ich das schrieb, war ich ziemlich sicher, dass es nicht so kommen würde: Wohl jeder Staat, der militärisch dazu in der Lage ist, wäre wie Israel in den Gazastreifen vorgestoßen, zumal es militärischen Druck zur Befreiung der Geiseln brauchte. Wenn die Hamas sie weder freigab noch sich ergab, musste es zu dem Massensterben kommen, das mich zu meiner Warnung veranlasst hat: In die unterirdischen Gänge der Hamas einzudringen, hätte es dort hinter Deckung mit Maschinengewehren Wartenden denkbar einfach gemacht, die Eindringenden zu Tausenden zu erschießen, und die Gänge zu fluten hätte die Geiseln umgebracht. Selbstverständlich haben die USA Afghanistan daher aus der Luft bombardiert, um die Taliban zu stürzen. Dass Israel das auch tat, hat dazu geführt, dass tausend massakrierten Israelis rund fünfzigtausend tote Palästinenser gegenüberstehen und schon diese Relation beweist für die jungen Diskutanten Israels Kriegsverbrechen. Das übersieht in meinen Augen die Besonderheit der Situation: Die Kämpfer der Hamas bewegten sich in einem unterirdischen Gangsystem, das seine Ein und Angänge wie seine Gefechtsstände bevorzugt unter Krankenhäuern und Schulen hat. Es ist nicht zufällig ein eindeutiges Kriegsverbrechen, die eigene Streitmacht mit einem Schutzschild von Zivilisten zu umgeben wer das wie die Hamas grundsätzlich tat, trägt daher in meinen Augen die Hauptschuld an Abertausenden Opfern. Israels Mitschuld liegt allenfalls darin, Überlegungen wie ich sie angestellt habe, nie in Betracht gezogen zu haben. Ich bin deshalb unverändert nicht bereit, es ein „Kriegsverbrechen“ zu nennen, dass Israel Bereiche, in denen es Hamas-Kämpfer vermutete, bombardierte. Wirklich stark erscheinen mir hingegen die Indizien für ein Kriegsverbrechen Israels dort, wo es die Gaza –Bevölkerung von der Versorgung mit Nahrung und Medikamenten abgeschnitten hat. Auch die jungen Diskutanten sahen darin das größte Verbrechen ohne freilich meine Meinung zum Bombardement zu teilen.

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Im Duell mit Trump bleibt Musk Zweiter

Donald Trump kann Elon Musk Staatsaufträge streichen und „Entflechtung“ androhen. Musks Drohung, dass Trumps Verwicklung in die Epstein-Affäre publik würde, ist zahnlos.

Dass die Symbiose der Alphatiere Donald Trump und Elon Musk platzen würde, war klar. Der Riss begann, als Trump sich nicht unglücklich zeigte, dass Musk als Leiter der Einspar-Behörde DOGE abtrat. Musk reagierte, indem er Trumps neues Budgetgesetz „ekelerregend“ fand, kappte es doch die Subvention für E-Autos. Dass er anfügte, dass „die Bombe gezündet werden könnte, dass Trump in den Epstein-Files vorkommt“ unterschritt die Gürtellinie und war vor allem zahnlos: die Justiz würde jedes gegen Trump denkbare Verfahren sofort unterdrücken und in der Öffentlichkeit schadete ihm eine weitere Sex-Affäre so wenig wie „Bunga Bunga“ Silvio Berlusconi geschadet hat.[1]

Für Trump ist das Ende der Symbiose jedenfalls ungefährlich. Ihr Nutzen war sowieso vorbei, denn Musks Wahlkampfspende hat ihre Wirkung bereits getan. Der Image-Gewinn, den die Freundschaft des Tech-Milliardärs Trump eine Weile gewährte, hat sich in ein Risiko verkehrt, seit er durch DOGE bei der Bevölkerung zur Hassfigur geworden ist. Und vielleicht hat Trump sogar begriffen, wie gefährlich es für die USA gewesen wäre, wenn Musk tatsächlich zwei Billionen Dollar in ihrer Verwaltung eingespart hätte: Die US-Kaufkraft wäre derart geschrumpft, dass das US-Wirtschaftswachstum geendet hätte.

Dass Musk Trumps neues Steuergesetz „ekelerregend“ findet, spricht einmal mehr gegen sein volkswirtschaftliches Verständnis: Zwar war es schon bisher verfehlt, dass Trump die Steuern Superreicher senkte, doch er hat auch die Steuern für Unterschicht und Mittelstand und die sehr hohen US-Unternehmenssteuern gesenkt, und das hat die Konjunktur sehr wohl gestützt und wird es weiter tun, indem er es mit seiner „most beautiful bill“, so der offizielle Name des Budgetgesetzes, verlängert. Dass Trump, um die von Musk in ihrem Widerstand gegen das hohe Defizit bestärkten Republikaner zu beruhigen Sozialleistungen kürzte, wird ihn etwas von diesem Wachstum (und Stimmen) kosten, aber er investiert massiv in Rüstung, und das wird der Zulieferindustrie wie der Konjunktur zugutekommen. Die Vermutung, dass Trump den USA wirtschaftlich substantiell schadet, weil er widerlich und asozial ist, ist voreilig, auch wenn es in Zukunft so sein könnte.

Die bereits hohe Staatsschuldenquote der USA von 120,8 Prozent wird sich durch die Form der Steuersenkung weiter erhöhen, und die Rating-Agentur Moody´s hat die US- Bonität bereits heruntergestuft. Doch in der Realität wird die erhöhte Verschuldung den USA bei künftigen Zinsen für ihre Kredite so wenig wie Japan schaden: Solange eine Volkswirtschaft gut funktioniert, bekommt sie immer genug billiges Geld. Irgendwann werden das sogar die Rating-Agenturen begreifen und ihre Kriterien ändern.

Trump hat zwar den Verfall der Aktienkurse, nicht aber Musks ökonomische Kritik zu fürchten. Bekanntlich hat der sie auch bereits abgemildert, denn er muss fürchten, dass Trump die gewaltigen Staatsaufträge kürzt, die seine Unternehmen erhalten und dass er Verfahren einleitet, die ihn zur Aufspaltung seines Imperiums zwingen. In der Auseinandersetzung mit dem mächtigsten Mann der Welt bleibt der reichste Mann der Welt eindeutig Zweiter.

Für uns viel relevanter ist, wie Trumps Zollkrieg mit der EU weitergeht. Obwohl das nicht seine Strategie war – die ist immer der möglichst brutale Angriff – hat Trump weitgehend erreicht, was bei mehr Intelligenz seine Strategie gewesen wäre: Der Dollar hat deutlich abgewertet. Das bedeutet, dass die US-Handels- wie Leistungsbilanz-Probleme sich automatisch verringern: Exporte aus der EU werden für die USA ähnlich teurer, wie sie es durch Zölle geworden wären, und US-Waren verbilligen sich für den Export in die EU. Das sollte, bei geschickter Verhandlungsführung einen Kompromiss-Deal wesentlich erleichtern. Große EU-Waffenkäufe in den USA und vielleicht etwas erhöhte Zölle für deutsche Autos könnten reichen. Die Chancen auf ein Einlenken Trumps stehen auch insofern nicht so schlecht als der Historiker Timothy Snyder ihn zu Recht ein „Schaf im Wolfspelz“ nennt: Er hat bisher noch nach jedem wüsten Angriff den Rückzug eingeleitet. Ein Problem für dieses Einlenken ist allerdings sein Hirn: Es ist nicht sicher, dass er begreift, dass eine Abwertung des Dollar dasselbe wie seine Zölle bewirkt. Und es ist vor allem nicht sicher, dass ein „schwächerer Dollar“ mit seinem Ego vereinbar ist. Denn natürlich muss das Amerika, das er so groß wie nie zuvor zu machen glaubt, auch den stärksten Dollar aller Zeiten haben – aber das ist nun einmal unvereinbar mit einer ausgeglichenen US -Leistungsbilanz.

Ökonomisch ist spannend, wie es zur Abwertung des Dollar gekommen ist, obwohl der Zollkrieg primär die EU und China wirtschaftlich zu gefährden schien. Aber die „Märkte“ haben sich der Meinung so vieler Ökonomen angeschlossen, dass der Zollkrieg voran den USA schadet, denn schon die bloße Ankündigung der Zölle hat dort die Preise steigen lassen, weil auch US-Autos teurer werden, wenn Stahl oder Aluminium aus China, Kanada und der EU sich durch Zölle verteuern. Ebenso zwingend steigen die Preise chinesischer Alltagswaren. Ob Trumps Rechnung aufgeht, dass in Zukunft mehr Amerikaner zu besseren Löhnen Jobs in einer durch Zölle oder Dollar-Abwertung geschützten traditionellen US-Industrie finden, wurde gar nicht abgewartet. Die „Märkte“ waren stärker als der mächtigste Mann der Welt.

[1] Italiens Regierungschef wurde Sex mit Minderjährigen nachgesagt

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Rechtfertigt Trump-Irrwitz EU-Blindheit?

Die EU muss immer mehr exportieren, weil ihre Einwohner immer weniger ihrer Waren selbst kaufen können. Weniger Einwohner der USA können das sehr wohl. Das hat Gründe.  

Der Zollstreit schwelt weiter. Allerdings hat der Euro seither gegenüber dem Dollar derart aufgewertet, dass sich das US -Handelsbilanzdefizit automatisch verringern wird. Die EU überlegt dennoch Gegenzölle, hat dabei aber schlechte Karten. Denn während bei den 536 Milliarden Euro jährlicher EU-Exporte in die USA die Güter weit überwiegen, überwiegen bei 333,4 Milliarden US- Exporten in die EU die Leistungen, von Facebook bis Instagram bei weitem – sie durch Zölle zu verteuern verärgerte Abermillionen Nutzer. Ich glaube aber, dass die neuen Währungsrelationen Verhandlungen erleichtern und dass man den USA auch gewisse Zölle zugestehen kann, denn für völlig unberechtigt halte ich sie nicht. Das auszusprechen ist freilich kaum möglich: Wie soll es jemand akzeptieren, den Trumps Zölle womöglich seinen Job in der Auto-Zulieferindustrie kosten. Ich will trotzdem versuchen, das Thema sachlich zu diskutieren und glaube nachweisen zu können, dass die EU den größten Teil des aktuellen Problems durch ihre verfehlte Wirtschaftspolitik selbst geschaffen hat, auch wenn Trump es auf so brutale wie irrwitzige, den US-Rechtsstaat zerstörende Weise zu lösen sucht.

Im Zentrum seiner, aber auch schon Joe Bidens oder Barack Obamas Sorge steht das jährliche Leistungsbilanzdefizit der USA von tausend Milliarden Dollar. Ich halte es zwar für halb so kritisch, weil ihre Wirtschaft trotzdem weit stärker als die der EU wächst, aber es gibt Ökonomen und vor allem Rating- Agenturen, die in der zunehmenden US-Verschuldung eine Gefahr für die Stabilität des Dollar sehen: Moody’s hat die US-Bonität soeben abgestuft. Sicher ist, dass es den USA ohne ihr gigantisches Leistungsbilanz-Defizit noch besser ginge. Vor allem aber, und das ist mir ungleich wichtiger, ginge es den Bürgern der EU weit besser, wenn sie Löhne erhielten, von denen sie, wie die Amerikaner, die Mehrheit der von ihnen produzierten Waren selber kaufen könnten. Auch die USA exportieren, aber Exporte machen nur 11Prozent ihres BIP aus – bei der EU sind es 20, bei Deutschland 47,9 Prozent. Deutschland muss mehr und mehr exportieren, obwohl die Regeln der EU besagen, dass kein Land dauernd Handelsbilanzüberschüsse erzielen soll. Doch Deutschland ist stolz darauf, mit immer größeren Überschüssen „Exportweltmeister“ zu sein. Das war kein Problem, solang es nur der hohen Qualität seiner Produkte zu danken war. Aber es wurde eines, seit deutsche Exporte auch deshalb so erfolgreich sind, weil deutsche Löhne im Verhältnis zur deutschen Produktivität immer geringer ausfielen. Diese Entwicklung begann bekanntlich 2000, als die SPD dominierten Gewerkschaften sich nicht gegen die Hartz-Reform von SPD-Kanzler Gerhard Schröder wehrten, die es Unternehmern massiv erleichterte, Lohnsteigerungen gering zu halten, indem sie jeden bestraft, der nicht sofort den nächstbesten Job annimmt. Unternehmer schwärmen vielfach bis heute von Hartz, weil sie lange nicht sahen, dass ordentlich steigende Löhne nötig sind, um ihren Absatz zu steigern – und sie sahen es deshalb nicht, weil sich andere Staaten und deren Bürger verschuldet haben, um immer mehr deutsche Waren zu kaufen. Das Ende dieser Entwicklung bedingt Deutschlands Rezession: China baut selbst beste Autos; Russland muss den Ukrainekrieg finanzieren; die EU zwingt ihre Mitgliedsstaaten zu sparen – blieben nur die USA, um sich weiter für die EU, voran Deutschland, zu verschulden. Das will Trump unterbinden.

Friedrich Merz, der, wenn auch auf andere Weise, ökonomisch ähnlich dumm wie Angela Merkl ist, will Deutschlands Rezession überwinden, indem er die deutsche Wettbewerbsfähigkeit steigert, obwohl sie schon jetzt ausreicht, um 80 Milliarden Euro mehr in die USA zu exportieren als es von dort importiert. Teil des Rezepts: Die Deutschen sollen länger arbeiten = einmal mehr weniger Lohn beziehen. Leider verwechselt auch Merz Volkswirtschaft mit Betriebswirtschaft. Er steigerte Trumps Problem – und der wäre stärker.

Dass die EU dieser Verwechslung abseits der deutschen Lohnzurückhaltung, (die zwangsläufig das Lohnniveau der gesamten EU senkte) auch in Bezug auf die Schulden des Staates anhängt, bedingt die aktuelle Wohlstandskluft zwischen USA und EU: Trotz gewaltig gestiegenen Knowhows ist das Einkommen ihrer Bürger seit 2000 nicht entfernt wie das der Amerikaner gewachsen, ja untere Schichten haben sogar Reallohnverluste erlitten, die sie rechtsextrem wählen lassen.

Denn es muss nun einmal jemand mehr als bisher einkaufen, damit Unternehmen mehr verkaufen können, und wenn die Bürger es nicht tun, weil sie angstsparen und die Unternehmer es nicht tun, weil sie keine Nachfrage sehen, dann kann nur der Staat sich verschulden, um dank vermehrter Investitionen mehr Einkäufe zu tätigen. Die Lösung der aktuellen Krise ist – theoretisch – ganz einfach: Die EU-Staaten müssen zu sparen aufhören – dann brauchen sich andere Staaten nicht mehr an ihrer Stelle zu verschulden; und die Bürger der EU müssen im Ausmaß der Produktivität ihrer Volkswirtschaften entlohnt werden, dann sind 450 Millionen EU -Bürger mindestens so sehr wie 340 Millionen Amerikaner in der Lage, vornehmlich selbst zu kaufen, was sie produzieren. Natürlich wird man immer auch exportieren, aber man wird es nicht in ständig steigendem Ausmaß tun müssen. Zur Anpassung muss man den USA zugestehen, was ich eingangs angeführt habe. Das fiele umso leichter, als es den Bürgern der EU viel besser ginge.

 

 

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Europas Rüsten bereichert voran die USA

Die Abermilliarden, die die EU vermehrt in Rüstung steckt fließen voran in die USA. Aber vielleicht machen sie einen „Deal“ im Zollkrieg möglich.

Zuerst die positive Nachricht: Wie der britische Premierminister Keir Starmer vorige Woche bekanntgab, haben sich Großbritannien und die EU darauf verständigt, ihre Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit, Fischerei, Jugendmobilität und Verteidigung auf eine neue Grundlage zu stellen. So soll es britischen Unternehmen möglich sein, sich an EU-Rüstungsprojekten zu beteiligen und es flösse ein Teil der tausend Milliarden Euro, die allein Deutschland für Aufrüstung ausgeben will, dorthin. „Es ist Zeit, nach vorne zu blicken – die alten politischen Auseinandersetzungen hinter uns zu lassen“, schrieb Starmer auf X. In Wirklichkeit ist erschütternd, dass man erst jetzt, fünf Jahre nach dem Brexit zu dieser Einsicht kommt und die EU nicht mehr vor allem nachweisen will, wie dumm die Briten waren. Wie unverzichtbar sie für die Verteidigung Europas sind, ergibt sich schon allein daraus, dass neben den Franzosen nur sie Atomwaffen besitzen. Dem guten Verhältnis zwischen Starmer und Emanuel Macron ist die aktuelle Annäherung denn auch zu danken und hoffentlich führt sie zu einer wirklich gemeinsamen Atom-Politik, auch wenn ich glaube, dass künftige Kriege nicht atomar, sondern konventionell geführt werden.

Damit bin ich bei der schlechten Nachricht: Die EU hat es durch ihr Verkennen Wladimir Putins und ihre widersinnige Sparpolitik unterlassen, zeitgemäße Waffensysteme zu entwickeln. Sie ist diesbezüglich gegenüber den USA in einem solchen Rückstand, dass der mit Abstand größte Teil der Milliarden, die etwa Deutschland endlich in Aufrüstung steckt, in die USA abfließen wird, denn nur sie stellen solche Waffensysteme her. So flossen in der Vergangenheit 70 Prozent der Mittel, die die EU für die Ukraine aufgewendet hat, in die USA, aber mittlerweile sind es mit dem Zweiprozent -Ziel der NATO absolut viel größere Summen: indem die EU diesbezüglich die Schuldengrenze gelockert hat, geht es allein bei Deutschland um mehrere hundert Milliarden Euro. Folgt man Donald Trumps Forderung, als NATO-Staat in Zukunft sogar vier Prozent des BIP für Rüstung aufzuwenden, so bedeutet das tausende EU-Milliarden, die US-Unternehmen kassieren, indem ihr rüstungstechnischer Vorsprung zum Tragen kommt.

Mit Falter- Leser Franz Laimböck, der an der Technischen Universität Graz an Langstreckenantrieben von Überwachungsdrohnen für große Flughöhen forscht, fürchte ich, dass Geld nicht reicht, diesen Vorsprung in absehbarer Zeit aufzuholen. Er liegt voran in der engmaschigen Satellitenaufklärung durch Elon Musks „Starlink“, verbunden mit real time Datenverarbeitung durch künstliche Intelligenz und erlaubt bekanntlich die Einsicht in alle Details des Schlachtfeldes und des Luftraumes. Das war für die Ukrainer im Kampf gegen Russland ebenso unverzichtbar wie für Israel bei der Abwehr des Raketenangriffs des Iran und ob man darüber verfügt, hängt ausschließlich von der Gnade des US-Präsidenten ab. Ein Satelliten-Kommunikationssystem der EU ist weder fertig noch auf militärische Nutzung hin entwickelt.

  • Die EU hat auch kein „Patriot“ vergleichbares System, um angreifende Raketen oder Drohen abzuwehren. Noch ist Sky-Shield nicht in der Lage, Schwärme von hunderten Drohnen oder Raketen abzufangen. Allerdings hat Israel diese Technologien weiterentwickelt und könnte zur Kooperation mit der EU bereit sein.
  • US- Kampfflugzeuge, wie der F35, sind in der Basisausführung billiger als ihre europäischen Pendants, deren Erzeugung auf Dassault in Frankreich, das EU-Projekt Eurofighter in Frankreich und Deutschland und Saab in Schweden aufgesplittert ist. Der F35 in der Ausführung „Stealth“ hat dank seiner Elektronik die Fähigkeit, sich der Erkennung zu entziehen und Raketenbeschuss abzulenken.

Weil es kaum möglich ist, den beschriebenen US-Vorsprung in absehbarer Zeit aufzuholen, scheint es mir mit Laimböck vordringlich, beim Kauf von US-Waffen immer einen Technologietransfer mit zu verhandeln, weil die Abhängigkeit sonst aufrecht bleibt. Eine zweite Möglichkeit bietet der chinesische Weg: US-Unternehmen durch günstige Konditionen zu veranlassen, ihre Waffen in Kooperation mit EU- Unternehmen auch in Europa herzustellen und dabei von ihrem Knowhow zu profitieren. Entscheidend wäre dabei das Verhandlungsgeschick der Akteure, und geschicktes Verhandeln eröffnete der EU, voran Deutschland, vielleicht auch die Chance, in der Auseinandersetzung um 50 Prozent US-Zoll auf EU- Waren einen tragbaren Kompromiss zu erreichen: So wenig er es eingesteht, muss Trump angesichts der Probleme, die sie ihm im eigenen Land bereiten, darauf erpicht sein, seine Zollkriege so rasch wie möglich mit einem „Deal“ zu beenden. Dabei könnten ihm die Unterhändler der EU, nach außen hin schweren Herzens, anbieten, sich zu verpflichten, den USA in einem bestimmten, sehr großen Umfang Waffen abzukaufen. In Wirklichkeit – und das müsste die Unterhändler verbergen – sollte ihnen das nicht ganz so schwerfallen, weil die EU den USA diese Waffen sowieso abkaufen muss, wenn sie der Ukraine helfen und militärisch gegenüber Russland bestehen will. Sie könnten durchaus zutreffend sagen, dass die EU-Kommission die Schuldenregeln nur auf Trumps Zoll-Drohungen hin derart gelockert hat und damit seinem Ego schmeicheln. Das Ausmaß, in dem die Waffenkäufe der EU das US-Leistungsbilanzdefizit in Zukunft verringern, ließe sich berechnen und gäbe Trump die Möglichkeit, der US-Bevölkerung seinen „Deal“ besonders gut zu verkaufen.

 

 

 

 

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Donald Trumps einsamer Krieg

Der Zollkrieg ist ein Krieg um die korrekte Relation der Währungen zueinander. Trump führt ihn falsch – aber EU oder China wollen das US-Problem noch weniger begreifen.  

Das beste Geschäft, das ich je gemacht habe, war 1996 der Kauf eines 300.000 Dollar teuren Hauses in Florida zu einem Wechselkurs von 10,4 Schilling für den Dollar, denn zwei Jahre später konnte ich es zu einem Wechselkurs von 17 Schilling für den Dollar verkaufen, obwohl es weder in den USA noch in Österreich große wirtschaftliche Änderungen gab. Der Wechselkurs ist von überragender Bedeutung – die Vorstellung, dass er stets wirtschaftlicher Logik folgt, ist eine Illusion.

Trumps Zollkrieg ist ein Krieg um den Wechselkurs des Dollar. Theoretisch wäre er zu ermitteln, indem man vergleicht, wieviel Dollar ein Warenkorb in den USA und wieviel Euros er in der Eurozone kostet – das ergäbe, wieviel Euro ein Dollar wert ist. Praktisch glaubt man, das richtige Verhältnis zu erhalten, indem man die Kursbildung weitgehend den „Finanzmärkten“ überlässt. Das aber ist verfehlt, weil Finanzmärkte Spekulation begünstigen. Der sogenannte Carry-Trade ist ein klassisches Beispiel: Der Spekulant nimmt Geld in einem Staat auf, der es sehr billig verborgt und legt es in einer schwachen Volkswirtschaft zu hohen Zinsen an. Das macht ihn reich – nicht aber die beteiligten Volkswirtschaften.

Zudem gestalten mächtige Staaten den Wert ihrer Währung auch künstlich: China tat alles, um den Renminbi Yuan gegenüber dem Dollar schwach zu halten, denn dadurch sind seine Güter in den USA extrem billig und optimal dorthin zu exportieren – das ist der außereuropäische Teil des riesigen US- Leistungsbilanzdefizits. Auch die EU ist um einen schwachen Euro bemüht. Bereits Barack Obama hat einer Reihe chinesischer Waren mit Zöllen belegt, Joe Biden hat US-Waren steuerlich begünstigt – Trump schwingt die Zollkeule. Sie eignet sich nur viel schlechter als die simple Abwertung des Dollars. Ihr aber stand entgegen, dass der Chef der FED, Jerome Powell, bei einem noch immer relativ hohen Zinssatz des Dollar bleibt, weil er eine steigende Inflation fürchtet. Das war der Hintergrund des Streits zwischen Trump und Powell. Kurzfristig haben die Börsen Trumps Kritik an Powells Haltung mit einem neuerlich heftigen Kursverlust bestraft, aber gleich darauf sind die Aktienkurse wieder gestiegen, weil sich Kompromisse im Zollkrieg abzeichneten.

In Europa ist man hin und her gerissen: Einerseits freut man sich über etwas erholte Aktienkurse und wahrscheinlichere Zoll-Kompromisse, andererseits gönnte man Trump nur zu gerne Stimmenverluste durch den Verfall amerikanischer Aktien. Mehr noch als in den USA ist man in der EU überzeugt, dass die unabhängige Notenbank immer das richtige tut. Dabei ist genau das bei der EZB höchst zweifelhaft: ihre harsche Zinserhöhung zur Bekämpfung einer Inflation, die in Wirklichkeit nur eine vorübergehende Teuerung durch verteuertes russisches Gas war, hat die Rezession eingeleitet. In den USA lagen die Dinge immer anders: dort wurde Gas zwar auch teurer, aber man hatte selbst genug davon, so dass die Inflation sehr wohl mit den unter Trump wie unter Joe Biden sehr stark gestiegenen Löhnen zusammenhängen konnte- Powells Zinspolitik entspricht daher dem Lehrbuch.

Dennoch ist die völlige Unabhängigkeit der Notenbank von der Politik auch problematisch: So passiert es in der EU nicht zum ersten Mal, dass Staaten mittels Defizitspendings Gas gaben, während die EZB gleichzeitig mit Zinserhöhungen auf der Bremse steht. Ideal ist die Absprache wirtschaftlich kompetenter Gesprächspartner, und das sind in der EU weder Ursula von der Leyen noch Christine Lagarde, während Jerome Powell in den USA ein jedenfalls geldpolitisch versierter Pragmatiker ist, dessen Warnung, dass Trumps gleichzeitige Mega-Zölle ein Problem wären, sicher nicht falsch war. Trump ist schlicht zu dumm, zu verstehen, was zum Teil durchaus kompetente Ökonomen ihm rieten. Er braucht einen schwachen Dollar, um seine Leistungsbilanz zu sanieren, will ihn aber nicht, wirklich schwach, weil es schlecht dazu passt, dass er „Make America Great Again“ macht.

Ob der aktuelle Wirtschaftskrieg ohne große Verwerfungen auf allen Seiten endet, hängt davon ab, ob Trumps Kontrahenten vernünftiger als er agieren, indem sie das Problem der USA begreifen und ihm helfen ihr Defizit abzubauen.  Friedrich Merz` Forderung Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit noch zu steigern, ist das Gegenteil: Es bleibt ein Problem, dass Amerikaner, die 2010 für ein deutsches Auto 30.000 Dollar zahlen mussten, es 2024 schon für 20.000 Dollar bekamen. Ganz anders regiert Süd-Koreas Übergangspräsident Han Duck Soo, indem er die Zölle ruhig besprechen will und das in einem Interview mit der Financial Times damit begründete, dass es eine historische Schuld Südkoreas gegenüber den USA gäbe: „Nach den Verwüstungen des Koreakrieges gaben uns die USA Hilfe, Technologietransfer, Investitionen und Sicherheitsgarantien“, Südkoreas Wohlstand sei daher in hohem Maße auf ihre Hilfe zurückzuführen.

In Europa, Japan oder China ist das nicht anders: Die USA haben Westeuropa nicht nur mittels des Marshallplans geholfen, sondern allen genannten Ländern mindestens so sehr, indem sie den Kurs des Dollars hochhielten. Das hat uns, Japan, Südkorea und danach China, geholfen, rascher zu Wohlstand zu gelangen. Doch mittlerweile haben ale Genannten ausreichend aufgeholt: Der Dollar ist gegenüber dem Euro, dem Jen, dem Won oder Chinas Renminbi viel zu stark: Die Abwertung des Dollar ist berechtigt, so problematisch Trump sie betreibt.

 

 

 

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Trump:100 Tage Faschismus und Aggression

Donald Trump regiert als Faschist. Wirtschaftlich verfolgt er ein verständliches Anliegen so aggressiv, dass er sich selbst beschädigt. In der Ukraine hilft er Putin.

In Österreich bestürzte, dass sich laut Demokratie-Monitor sieben Prozent der Bevölkerung einen „starken Führer“ wünscht, „der sich nicht ums Parlament kümmern muss“. In den USA regiert Donald Trump seit 100 Tagen, ohne sich ums Parlament zu kümmern. Obwohl die Verfassung „Dekrete“ nur für Notlagen vorsieht, kann er sie nutzen, weil die Abgeordneten der Republikaner, die im „Congress“ die Mehrheit haben, es zulassen: Ohne Trumps Gunst fürchten sie um ihre Wiederwahl.

Nicht einmal Wladimir Putin regiert so bequem: Das russische Parlament stimmt Putins Vorhaben zwar immer zu, aber sie werden formal dort immerhin diskutiert. Was Trump will, geschieht hingen sofort und ohne Diskussion – der Historiker Timothy Snyder nennt ihn zu Recht einen Faschisten. So konnte er Männer, die für ihre Gewalttaten beim Sturm aufs Capitol verurteilt wurden, so problemlos begnadigen, wie Justizfunktionäre entlassen, die an Strafverfahren gegen ihn beteiligt waren. Trumps Rückendeckung genügte, damit Elon Musk mit seiner nirgends beschlossenen Behörde DODGE abertausende Beamte parlamentarisch beschlossener Behörden und Ministerien entlassen konnte. Trump setzt sich, und das ist entscheidend, über die Urteile von Gerichten hinweg, die diese Entlassungen für unzulässig erklärten oder urteilen, dass die Regierung einen zu Unrecht nach Venezuela Abgeschobenen zurückholen muss. Nur der Supreme Court kann die Rechtstaatlichkeit der USA vielleicht noch retten.

Wie Adolf Hitler hat Trump wichtige Industrielle hinter sich. Teils weil sie, wie Tech-Milliardär Peter Thiel oder Tech-Billionär Elon Musk ebenfalls Anhänger eines autoritären Führungsstils sind, teils weil sie finanziell von ihm profitieren. Nicht zuletzt, weil sie seine Gegnerschaft fürchten: Als Trumps Sprecherin erklärte, dass er darin einen „feindlichen Akt“ sähe, erklärte die Führung von Amazon eilig, dass sie die Möglichkeit, höhere Warenpreise mit Trumps Zöllen zu begründen, zwar intern diskutiert hat, nie aber in die Tat umsetzen wollte. Denn Jeff Bezos weiß, dass Trump jederzeit ein Kartell-Verfahren gegen Amazon eröffnen kann.

Schon weil er unverändert von Strafverfahren bedroht ist, bastelt Trump zweifellos an seiner durchgehenden Herrschaft. Stellte Putin die sicher, indem sein Adlatus Dimitri Medwedew eine Amtsperiode lang Präsident spielen durfte, könnten Trumps Sohn (oder sein Vize JJ Vance) diese Rolle spielen, indem er sich mit Tump als Vizepräsident zum Präsidenten wählen lässt, um ihm dieses Amt nach wenigen Monaten zu übergeben. Die USA können unter Trump zur lupenreinen Demokratur werden, wenn sich die Amerikaner nicht energischer dagegen wehren. Diese Gegenwehr hat begonnen. Laut Umfrage hält 60 Prozent der Bevölkerung nichts von Trumps Amtsführung. Er, der versprach, die Wirtschaft zu entfesseln und die Inflation zu beenden, kämpft mit einer 0,3Prozent schrumpfenden Wirtschaftsleistung und steigenden Preisen. Denn er hat sich bei seinem „Zollkrieg“ offenkundig verschätzt: Das US-Preisniveau steigt durch diese Zölle rascher als die Zahl der Arbeitsplätze in Unternehmen der traditionellen Industrie, die ihre Produktion wie zuletzt Novartis und Roche und zuvor südkoreanische und japanische Autohersteller aus Angst vor Trumps Zöllen in die USA verlegen. Da auch General Motors in Mexico produziert, rudert Trump bei 25 Prozent Zoll auf Autos schon zurück und stellt auch EU-Unternehmen Ausnahmen in Aussicht, wenn sie in den USA investieren. Es ist der „Markt“, der Trump jetzt in die Knie zwingt.

Dabei ist sein Aufbegehren gegen den „Markt“ der wichtigste Grund für seinen Rückhalt in der Bevölkerung. Es ist ein zentrales Problem der USA, dass Millionen Arbeiter ihre gut bezahlten Jobs in der traditionellen Industrie verloren haben, weil die Importe aus Staaten, die ihre Waren hoch subventionieren oder zu Dumping-Löhnen produzieren, viel billiger sind. Die Masse solcherart Abgehängter ist Trump dankbar, dass er sich um eine Renaissance der traditionellen Industrie bemüht. Dass er das in seiner zwanghaften Aggressivität im Weg eines Zollkriegs gegen die ganze Welt, statt im Wege von Verhandlungen und einer sukzessiven Abwertung des Dollar tut, könnte (dürfte) ihn scheitern lassen.

Ein spezielles Phänomen ist Trumps Eitelkeit. Er will wie Barack Obama den Friedensnobelpreis erhalten, indem er in der Ukraine Frieden stiftet – ich schließe nicht aus, dass das Blutvergießen dort ihn wirklich irritiert.  Er hätte auch am ehesten zu diesem Frieden beizutragen, indem er droht, Wolodymyr Selenskyj mit modernsten Waffen auszustatten, falls Putin nicht bereit ist, einem tragbaren und haltbaren Waffenstillstand zuzustimmen: „nur“ die Krim, einen Zugang zum schwarzen Meer und die Provinzen Lugansk und Donezk zu behalten, aber die Unantastbarkeit des Rests der Ukraine zu respektieren. Doch bisher hat Trump diese Drohung so wenig wie Joe Biden ausgesprochen, obwohl das Risiko sich in Grenzen hält. Nicht nur haben die USA Putins Drohung Atomwaffen einzusetzen, damit beantwortet, Russland dann atomar zu vernichten, sondern auch China hat Putin gewarnt. Nach dem Treffen zwischen Trump und Selenskyj beim Tod des Papstes und dem „Deal“, der den USA Schürfrechte im Donbas einräumt, schien ein solcher Waffenstillstand weiterhin denkbar – doch vorerst droht Trump nur, sich aus den Friedensverhandlungen zurückzuziehen und das ist Putin mehr als recht.

 

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Wie sähe Karl Popper 2025?

Vor 80 Jahren erschien Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Da ich ihn gut kannte, frage ich mich, wie er Trump, die EU oder den Ukrainekrieg sähe.

Wenn Karl Popper, den die ZEIT den bedeutendsten Philosophen des 20.Jahrhunderts nannte, seine Heimatstadt Wien besuchte, hatte ich das Glück, nach dem Tod zweier Jugendfreunde der erste zu sein, den er anrief. Einer der ersten Anrufe erreichte mich 1962, knapp nachdem die Kuba-Krise beinahe zum dritten Weltkrieg geführt hätte, als sich US-Kriegsschiffe sowjetischen Schiffen entgegenstellten, die Raketen zu einer kubanischen Basis bringen sollten. Popper bat mich, zu ihm ins Hotel Ambassador zu kommen, um Briefe an westliche Staatsmänner zu verfassen, die besagten, wie dringlich es sei, Raketen zu besitzen, die ohne Atomsprengköpfe in der Lage wären, Raketen-Basen zu zerstören. Hätte die USA solche besessen, so hätten sie die Basis in Kuba zerstört, ohne dass es zur Konfrontation der Kriegsschiffe gekommen wäre.  Solche Aktionen waren typisch für Popper: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, zählte zu seinen Überzeugungen und sie erstreckte sich selbstverständlich auch auf den militärischen Bereich. Gerade weil er den Krieg wie jeder anständige Mensch hasste, war er kein Pazifist. Frieden, so war er überzeugt, war am ehesten durch militärisches Gleichgewicht zu sichern, aber im Idealfall sollte die anständige Partei, und das waren für ihn die USA, ihrem Gegner überlegen sein.

Ich habe daran denken müssen, als ich die aktuellen Aufrufe der Friedensbewegung zu „Ostermärschen“ vernommen habe, mit denen gegen die massive Erhöhung der europäischen Rüstungsetats demonstriert werden sollte – Popper sähe in ihnen einen Beitrag zu der Gefahr, dass Wladimir Putin nach der Ukraine ein weiteres Land angreift. Er war nie ein „Idealist“, sondern ein idealistischer Realist: dem Frieden verpflichtetes, aber rationales Denken ging ihm über alles. Wenn dieses rationale Denken dazu führte, sich stärker zu bewaffnen – Popper war zu Recht der Ansicht, dass es viel eher zu konventionellen als zu atomaren Kriegen kommen würde – dann hatte man sich für diese stärkere Bewaffnung einzusetzen. Ich bin absolut sicher, dass er sich eine militärisch starke EU gewünscht hätte.

Die Entwicklung in den USA hätte ihn ebenso sicher entsetzt. Mit Donald Trump stellt die republikanische Partei das Fundament der „offenen Gesellschaft“ in Frage, indem fundamentalistisch evangelikales oder von bloßer Gier beherrschtes Denken rationales Denken und Verhalten ablösen. Am meisten erschütterte Popper, dass die Unterscheidung zwischen „richtig “ und „falsch“, zu der er mit der „Logik der Forschung“ einen entscheidenden Beitrag geliefert hat, unter Trump keine Bedeutung mehr hat: Er konnte noch so oft gelogen haben und wurde dennoch wiedergewählt. Wenn diese Unterscheidung nicht mehr angestrebt wird, ist rationales Denken und Handeln nicht mehr möglich.

Poppers Forderung wahrheitsgemäß zu agieren war unerbittlich: Als ihn eine ORF- Angestellte im Sendestudio bat, noch rasch für sie zu unterschreiben, dass er das Honorar erhalten hätte, das ihm nach der Sendung übergeben würde, weigerte er sich energisch: „Ich unterschreibe nichts Unwahres. Ich werden unterschreiben, nachdem ich das Honorar erhalten habe“. Nachsatz: „Solche unwahren Bestätigungen sind die Basis des AKH-Skandals.“ Ich lachte damals und meinte, er müsse doch nicht ganz so streng sein. Aber das Problem ist, dass wir jegliche Strenge abgelegt haben: Dass Sebastian Kurz im U-Ausschuss nicht ganz die Wahrheit sagte, finden viele nicht so schlimm; der Ex-Präsident des Nationalrats Wolfgang Sobotka wollte die Wahrheitspflicht im U-Ausschuss abschaffen. Keinen FPÖ- Wähler stört, dass die FPÖ die Neutralität als unverzichtbar erklärt, obwohl sie es war, die Österreichs Beitritt zur NATO forderte oder dass Herbert Kickl, der den Bundestrojaner als Innenminister einführen wollte, ihn jetzt heftig ablehnt. Friedrich Merz ist erste Wahl der CDU-CSU für die deutsche Kanzlerschaft, obwohl er die Staatsschuldenbremse, die er im Verein mit SPD und Grünen soeben zu Recht außer Kraft setzte, noch kurz zuvor unverzichtbar nannte, als die Ampel-Regierung sie in Frage stellte.

Selbst im Bereich der Wissenschaft wird Poppers Prinzip, dass falsch ist, was falsifiziert wurde, negiert:  Es kann sich noch so oft zeigen, dass Volkswirtschaften mit hohen Staatsschuldenquoten wie Japan oder die USA tadellos wachsen, und die EU hält dennoch daran fest, dass mehr als 60 Prozent schädlich wären – und Dutzende Ökonomen unterstützen es, so dass es Maxime der Kommission bleibt. Popper war als Mitglied der Mont Pellerin- Gesellschaft, auch wenn er nur einmal an ihrem Meeting teilnahm, kein Anhänger einer vom Staat dominierten Wirtschaft, aber wenn sich erwiesen hätte, dass höhere Staatsverschuldung nötig ist, um Wachstum zu generieren, so hätte er sie mit absoluter Sicherheit befürwortet (auch wenn er in Frage gestellt hätte, dass Wachstum dauerhaft möglich ist.)

Mit absoluter Sicherheit wäre ihm der Erfolg der EU heute so wichtig wie nie zuvor gewesen, Ist sie doch derzeit wichtigster Hort jener „offenen Gesellschaft“, für die er sich so sehr eingesetzt hat.  Im Übrigen war er ein Optimist: er war zuversichtlich, dass sich die „offene Gesellschaft“ als bestes Modell einer Gesellschaft erweisen würde. Dass sie sich deshalb weltweit durchsetzen müsse, schien ihm allerdings in keiner Weise gewiss. „Wir müssen ständig um die offene Gesellschaft kämpfen“ – „denn „es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

 

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