Die Unfähigkeit des Messias

Sebastian Kurz bleibt für die EU und für Österreich überzeugt, dass Staaten umso erfolgreicher agieren, je weniger Geld sie ausgeben. Das Gegenteil ist wahr.

“Der Gegenvorschlag von Österreich, Schweden und den Niederlanden zu den Corona-Fonds ist verstörend im Ton und falsch in der Sache”, kommentierte Daniel Brössler in der Süddeutschen Zeitung den Widerstand Sebastian Kurz` gegen “Zuschüsse” für jene Regionen Europas, die von Covid-19 am härtesten getroffen wurden. “Die Botschaft des Quartetts, das sich selbst die sparsamen Vier nennt, macht den eigenen Bürgern etwas vor: Österreicher, Niederländer, Dänen und Schweden profitieren als Exporteure nämlich überdurchschnittlich vom Binnenmarkt. Wer sich einer europäischen Krisenbewältigung verweigert, wird das irgendwann weniger Italienern und Spaniern als den eigenen Arbeitslosen und Steuerzahlern erklären müssen.”

Kurz ist nicht unanständig- er will das Beste für Österreich – er hat nur keine Ahnung von Wirtschaft.

Blümel´s Geld will nicht fließen

Das wird jetzt erstmals öffentlich sichtbar bei den Problemen seines Gernot Blümel, wenigstens die Corona-Hilfe in Österreich “schnell und unbürokratisch” abzuwickeln: nur gerade ein paar hundert Millionen “Zuschüsse” des beschlossenen 38 Milliarden-Pakets sind bisher geflossen. Der einzige große Brocken – sechs Milliarden gestundeter Abgaben ist ein rückzuzahlender Kredit. Alles, was man falsch machen konnte, wurde falsch gemacht. Als ich vor einem Monat hier vorschlug, allen EPU´s sofort 20.000 Euro zu überweisen, um nachher nur mehr die Anträge derer bearbeiten zu müssen, die mehr brauchen, hatte ich das mit einem Ex-Staatssekretär im deutschen Finanzministerium besprochen. Doch Blümels Sorge, dass irgendwer zu viel bekommen könnte, überwog.

Kurz` großes Missverständnis

Sie ist Ausfluss des Grund-Missverständnisses Kurz` wie Blümels, dass “Sparen des Staates” die höchste aller Tugenden sei. Beide glauben ehrlich, dass sie damit punkten könnten, weniger als die veranschlagten 38 Milliarden zu verbrauchen, weil sie dann schon früher wieder “Nulldefizite”, ja “Überschüsse” erzielen würden. Sie misstrauen der Mathematik, wonach man um so mehr verkaufen kann, je mehr Bürger, Unternehmen und Staat einkaufen- dass der ausnahmsweise allen gemeinsame Lockdown also nur durch besonders massive Ausgaben des Staates zu überwinden ist.

Ich weiß, dass es unendlich schwer ist, das Hausfrauen zu erklären, aber ich bitte beide, sich zuerst die Entwicklung Deutschlands und dann der USA nach 1933 anzusehen: In Deutschland setzte Kanzler Heinrich Brüning auf massivstes Sparen des Staates und vertiefte die Armut, die die Reparationszahlungen an die Alliierten heraufbeschworen hatten, zum Elend. Es war die mit diesem Elend verbundene Arbeitslosigkeit, die Hitler an die Macht verhalf. Der sorgte- so leid es mir tut, darin Jörg Haider rein ökonomisch recht zu geben- tatsächlich für “ordentliche Beschäftigungspolitik”, indem der Staat Autobahnen baute. Selbst dass er bald wie wild rüstete, war rein wirtschaftlich nicht falsch- so sehr es die Welt in den Abgrund führte.

Wie schädlich ist “Geld Drucken”?

In den USA leitete Franklin D. Roosevelt bekanntlich John M. Keynes folgend den “New Deal” ein: Auch er gab staatliche Projekte in Auftrag, die Arbeit schufen. Erster Erfolg war die Überwindung der tiefsten Rezession. Danach aber geschah etwas für Haufrauen Furchtbares: Angesichts des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour “druckten die USA ohne Rücksicht auf Staatsschulden Geld”, um aufzurüsten. Und erzielten für die Jahre 41 bis 44 folgende Wirtschaftswachstumsraten: 17,7, 18,9, 17 und 8 Prozent. Dann bricht dieses Mega-Wachstum ab, denn die Amerikaner hatten den Krieg gewonnen und der Rüstungsbedarf war befriedigt.

Trotz des Gelddruckens sind sie bekanntlich nicht im Schuldturm gelandet und die Inflation lag 1945 um die 2 Prozent.

Der beschriebene Mega-Boom entspricht exakt der hier von mir bis zum Überdruss zitierten Saldenmechanik: Dass sich den üblichen Einkäufen des Staates und der US-Bürger die Megaeinkäufe von Kanonen, Panzern und Flugzeugen addierten, bescherte den Unternehmen zwingend Megaverkäufe. Der Rüstungsboom beflügelte die Zulieferindustrie, die vermehrte Arbeit ließ die Löhne steigen, die dadurch erhöhten Ausgaben beflügelten die Konsumgüterindustrie.

Vom Staat investiertes Geld schafft gemäß einem messbaren Multiplikator Wohlstand. Nur sind Regierungen, aber auch Bürger nur für Rüstung bereit, besonders viel Geld in die Hand zu nehmen- wenn es um “grüne” Investitionen zur Abwehr des Klimawandels ginge, funktionierte es aber rein wirtschaftlich nicht anders. Grenzen setzt diesem Mechanismus nur die Menge der vorhandenen Ressourcen an Menschen, Bodenschätzen und Energie.

Der gesammelte Unsinn

Die Sorge von Kurz & Co, dass Kredite, die der Staat zum Zweck von Investitionen aufnimmt, zu Lasten künftiger Generationen gingen, ist blanker Unsinn: Wenn damit eine Eisenbahnstrecke oder Schule errichtet wird, kommt sie voran “künftigen Generationen” zu Gute und die erben nicht nur die “Schulden”, sondern auch die ihnen entsprechenden “Guthaben”.

Ebenso unsinnig ist die Sorge, etwa Franz Schellhorn´s (Agenda Austria), dass das billige Geld der EZB “die Zinsen durch die Decke schießen” ließen – seiner diesbezüglichen Behauptung folgte nicht Inflation, sondern beinahe Deflation.

Und unsinnig ist zuletzt auch die Sorge, dass die Zinsen steigen und die Schulden des Staates uns dann doch teuer kämen: Sie bleiben so niedrig, weil es dank dummen Sparens auf der Welt viel zu viel Sparkapital gibt, das verzweifelt nach Anlage sucht.

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Und Deutschland bewegt sich doch

Angela Merkel und Emmanuel Macron wollen dem “Süden”, voran Italien, mit 500 Milliarden Euro “Zuschuss” unter die Arme greifen. Sebastian Kurz ist dagegen.

 Gemeinsam mit Emmanuel Macron präsentierte Angela Merkel eine Initiative, wonach die EU am Kapitalmarkt 500 Milliarden Euro aufnehmen und damit von Covid-19 besonders betroffene Regionen unterstützen soll. Es gibt dabei zwar Unterschiede zu den vom “Süden” erhofften Eurobonds – doch größer ist die Ähnlichkeit: Die Staaten der EU hafteten gemeinsam fürs aufgenommene Geld.

Dass Deutschland das erstmals akzeptierte, ist ein Fortschritt. Ob die konkrete Initiative es auch ist, scheint mir so ungewiss wie ihr Zustandekommen. Denn vorerst steht dem nötigen EU-Beschluss der Widerstand Österreichs, Hollands, Schwedens und Dänemarks entgegen. Wobei ihn Sebastian Kurz- aus den meines Erachtens falschen Motiven- anführt: Er lehnt gemeinsame Schulden unverändert ab.

Es ginge viel einfacher

Ein richtiges Motiv sähe ich darin, dass es eine Initiative ist, bei der der hohe Betrag den Mangel an “dringend nötigen Strukturreformen” verdeckt. Wohl erhält die EU Geld zu derzeit deutlich geringeren Zinsen als etwa Italien oder Spanien, aber viel einfacher wäre es, wenn beide es, wie Bundesstaaten der USA, selbst zu fast gleichen niedrigen Zinsen erhielten. Alles was es dazu brauchte, ist das gesicherte Recht der EZB, so viele Anleihen gleich welchen EU- Staates anzukaufen, wie sie für nötig hält. [1] Wenn klar ist, dass sie dabei keiner Beschränkung unterliegt, wären es im Übrigen gar nicht so viele: Mario Draghi brauchte nicht Milliarden Euro anzukaufen, um dessen Kurs zu stabilisieren, nachdem klar war, dass er es könnte und täte. Genau so kann die EZB Zinsen stabilisieren. Ihre Unterschiede für die Staaten der EU wären dann so marginal wie für die Bundesstaaten der USA und der Wettkampf aller Unternehmen würde ungleich fairer.

Merkels Sprung vorwärts

Wie weit Merkel sich dennoch bewegt hat, wird klar, wenn man sich erinnert, wie sie, dezidierter als selbst Kurz, versprach: “Keine Eurobonds, solange ich lebe.” Auch Kurz will sich freilich nicht so eindeutig gegen “Solidarität” positionieren: Er habe nichts dagegen, so sagte er, dass Italien oder Spanien Geld erhielten – aber nicht als “Zuschuss”, sondern als “Kredit”.

Für seine Position kann er §125 des EU-Vertrages ins Treffen führen, der ihr die Finanzierung eines Mitgliedstaates verbietet: “Die Union haftet nicht für die Verbindlichkeiten …von Mitgliedstaaten.” Nur bricht auch Merkel EU-Recht nicht, denn §122 lautet: „Ist ein Mitgliedstaat aufgrund von Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Ereignissen…von Schwierigkeiten betroffen …so kann der Rat beschließen, (ihm) unter bestimmten Bedingungen finanziellen Beistand… zu gewähren.

Der Unterschied zu Eurobonds bleibt

Der Unterschied zwischen den beiden Paragraphen ist der Grund dafür, dass Merkel solchen Wert auf den Unterschied zwischen Eurobonds und ihrer Initiative legt: Es handle sich dabei eben nicht um “die Abgeltung von Verbindlichkeiten” schwächelnder Mitgliedstaaten, sondern um “finanziellen Beistand” für Regionen, die mit der Covid-19 Epidemie unter einer “Naturkatastrophe” gelitten haben.

Daher übergäbe die EU-Kommission den betroffenen Staaten das Geld auch nicht zur freien Verwendung, sondern entschiede selbst, welche Projekte sie in welcher Region in Angriff nähme. Darin scheint mir ein gewaltiges Problem zu liegen: Wüsste sie wirklich die besten Projekte? Und welche Region bekäme wie viele?

Karlsruher Richter könnten, falls sie angerufen würden, zu dem Schluss kommen, dass nur Gesundheits-Projekte zulässig sind, weil der Anlass ja nicht wirtschaftliche Schwäche, sondern die Pandemie gewesen ist. Und tatsächlich beruhte die Krise, etwa Italiens (Spaniens, Portugals), ja in erster Linie darauf, dass der “Sparpakt” alle seine Investitionen – natürlich auch die in “Intensivbetten”- hemmte und dass sein Lohnstückkostenabstand zu Deutschland es ständig Marktanteile kostet. Covid-19 hat diese Probleme nur drastisch verschärft.

Initiativen, die nicht nur die Erholung der EU von Covid-19 beförderten, sondern ihre Zukunft sicherten, wären daher: Den Sparpakt nicht nur jetzt außer Kraft zu setzen, sondern aufzuheben; Staatsschulden als notwendige Voraussetzung für Wirtschaftswachstum zu akzeptieren; die deutschen Löhne und damit die Kaufkraft des “Nordens” anzuheben; der EZB die Rechte der FED einzuräumen.

Der große Unterschied

Wenn immerhin die Merkel-Macron Initiative zustande kommt, wird entscheidend sein, ob ihre Milliarden den Betroffenen als “Geschenk” oder – wie Kurz es fordert- als “Kredit” zugute kommen. Der Kredit erhöhte nicht zuletzt Italiens (Spaniens) Schulden, statt zuerst seine Erholung sicherzustellen. Das ist exakt der Unterschied zum Marshall-Plan, mit dem die USA Österreich (Deutschland) zur Hilfe kamen: Vier Fünftel des Geldes waren ein Geschenk, ein Fünftel ein Kredit, der letztlich erlassen wurde.

Ich will nicht darauf eingehen, warum ich den Marshall-Plan für eine christlich-soziale im Gegensatz zu einer primär egoistischen Vorgangsweise halte, sondern nur ins Treffen führen, was hierzulande nie anzufügen vergessen wird: Dass die USA keineswegs nur uneigennützig gehandelt, sondern sich einen künftigen Markt erschlossen hätten. Um wie viel mehr müsste die Erholung Italiens daher zentrales Anliegen eines Bundeskanzlers sein, der weiß, dass dieses Land nur 0,4 Prozentpunkte hinter den USA unser drittgrößter Export-Markt ist.

[1] Derzeit darf die EZB nur ein Drittel der ausstehenden Anleihen jedes Landes und die nur auf dem Umweg über Banken kaufen.

 

 

 

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Die ahnungslosen Vier

“Die geizigen Vier” überschrieb Daniel Brössler einen glänzenden Kommentar in der “Süddeutschen Zeitung”, der sich mit der Gegnerschaft Österreichs, Hollands, Schwedens und Dänemarks zur Initiative Angela Merkels und Emmanuel Macrons, befasst, den von Coved-19 besonders betroffenen Ländern, voran Spanien und Italien mit einem Zuschuss von 500 Milliarden unter die Arme zu greifen.

Der von Sebastian Kurz unterbreitete Gegenvorschlag, es bei einem Kredit zu belassen sei “verstörend im Ton und falsch in der Sache”, wer jetzt europäische Solidarität vermissen lasse, setze die EU aufs Spiel.

Brösslers zentrales Sachargument, wie es auch im Zentrum meines kommenden Falter-Kommentars stehend wird in Kurzform: Für extrem exportabhängige Länder wie Österreich, Schweden, Dänemark oder Holland sei es schlichtweg dumm, die Sanierung Italiens oder Spaniens und das Bestehen der EU zu gefährden.

Ich hätte nur eine andere Überschrift gewählt, so witzig es ist, “die sparsamen Vier” in “die geizigen Vier” umzubenennen. Denn die österreichische wie die deutsche Bevölkerung hängt unverändert dem Slogan “Geiz ist geil” als Vorläufer von “Österreich zuerst” oder “Deutschland zuerst” an. Dass beide besonders viel verlören, wenn die EU zerbräche, geht wirtschaftlich Ahnungslosen am Stammtisch wie auf der Regierungsbank nicht ein

 

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Gernot Blümels widersinniges Versagen

Dass jemand zu viel Geld bekommen könnte, ist völlig unerheblich, sofern der Wirtschaft nur rasch geholfen wird. Blümels Abgang wäre so berechtigt wie der Lunaceks.

Wenn man seine Performance betrachtet, müsste auch Gernot Blümel zurücktreten. Alles was er versprochen hat – schnelle, unbürokratische Hilfe für kleine und mittlere Unternehmen – traf so wenig zu, dass die Betroffenen es in ihrer Mehrheit zu recht mit “Nicht Genügend” bewertet haben. Blümel hat das zentrale Problem seiner aktuellen Aufgabe nicht begriffen: Dass der viel zu langsame, bürokratisch gebremste Fluss der Hilfsgelder der Wirtschaft ungleich mehr schadet, als ein paar hundert Millionen, die daneben fließen, weil irgendwer zu viel Geld bekommt. Selbst ein paar Milliarden zu viel sind letztlich unbedeutend im Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Schaden, der entsteht, wenn Unternehmen angesichts mangelnder Liquidität zu Grunde gehen.

Um es in Ziffern zu gießen: 2019 hatte Österreich ein BIP von 396,5 Mrd. dem Staatsschulden von 280,4 Mrd. gegenüberstanden, so dass die berühmte “Staatsschuldenquote” bei 70,7 Prozent liegt. Laut endlich realistischer WIFO-Prognose wird das BIP um 7,5 Prozent einbrechen, womit es sich auf 368,6 Mrd. verringert. Wenn Blümel die derzeit angenommenen 38 Mrd. Corona- Hilfsgelder ausschüttet, erhöhen sich die Staatsschulden auf 318,4 Mrd., was eine neue Quote von 86,4 Prozent entspricht.

Was passiert wenn 7,6 Milliarden mehr ausgegeben werden?

 Und nun stelle man sich vor, dass die Hilfsgelder durch ihre nicht so penible, bürokratische Vergabe um gewaltige 20 Prozent höher ausfallen und damit 45,6 statt 38Mrd. ausmachen: Dann stiege die Quote nur gerade auf 88,4Prozent. Selbst wenn man Staatsschuldenquoten ernst nimmt, ist es absurd anzunehmen, dass wir bei 88,4, Prozent Staatsschulden höhere Zinsen zahlen müssten, als bei 86,4 Prozent.

In Wirklichkeit ist die Staatssschuldenquote- wie ich hier oft genug erläutert habe- eine relativ irrelevante Größe: Japan mit 235 Prozent zahlt niedrigere Kreditzinsen als Rumänien mit 35 Prozent, und sie sind mit steigender Verschuldung sogar gefallen. Aber Japans Wirtschaft funktioniert- nur darum geht es.

Entscheidend dafür, ob Österreichs BIP-Einbruch sich in den vermuteten Grenzen hält, wird sein, wie weit seine Exporte- wir sind vor Deutschland “Exportweltmeister”- einbrechen. Unser wichtigster Export- Abnehmer ist Deutschland mit 29 Prozent, vor den USA mit 6,7 Prozent und Italien mit 6,3 Prozent. Was mit unseren US-Exporten geschieht, ist so ungewiss wie das Schicksal der deutschen Auto-Exporte dorthin: Brechen die ein, so leiden Österreichs Zuliefer-Exporte nach Deutschland gleich mit.

Das sollte reichen zu begreifen, welche Bedeutung Italien für uns hat.

Schicksalsland Italien

Wie ich hier immer wieder geschrieben habe, wird sich das Schicksal der EU in Italien entscheiden: Wenn sie es in seiner aktuelle Krise im Stich lässt, wird sie mit ihm untergehen.

Bisher ist ihm ein ESM-Kredit von 2 Prozent des BIP bewilligt, den es, nicht zuletzt auf Grund von Blümels Beharren, nur zur Bewältigung seiner Corona-Probleme verwenden darf. Bei der Frage wie die Hilfe für seine sonstigen Probleme aussieht, zeichnet sich die entscheidende Nord-Süd-Auseinandersetzung ab.

Von nachhaltiger Bedeutung wird sein, ob die Zinsen, die Italien auf den Kapitalmärkten bezahlen muss, wieder sinken. Denn nach dem Karlsruher Urteil des BVG zur Geldpolitik der EZB sind sie prompt gestiegen, wurde darin doch gefordert, dass die Deutsche Bundesbank nur dann weiter am Ankauf von Staatsanleihen der EZB teilnehmen darf, wenn sie binnen drei Monaten erklärt, warum sie das tut, obwohl es brave deutsche Sparer um Zinsen bringt.

Jetzt wäre Sparen idiotisch

Dass es in einer Nachfrage-Krise widersinnig wäre, wenn Geld gespart statt ausgeben würde, ist für deutsche Höchstrichter sichtlich zu schwer zu verstehen. Noch weniger begreifen sie, dass die EZB nötigste Schadensbegrenzung betreibt, indem sie Staatsanleihen “südlicher” Länder ankauft. Dabei beschreiben sie den Grunde dafür in ihrem Urteil durchaus zutreffend: Sie können sich dadurch “zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen.“

Nur so haben italienische Waren zu ihrem Lohnstückostennachteil nicht auch noch einen riesigen Kreditkostennachteil.

Gott sei Dank lässt Angela Merkel erkennen, dass sie diese Leistung der EZB-Geldpolitik versteht und bejaht. Es gelte, sagte sie, eine kluge Lösung zu finden, damit die Bundesbank weiter an den Anleihekäufen teilnehmen kann: “Es geht darum, dass wir so verantwortungsvoll handeln, dass der Euro weiter bestehen kann.”

Danach kamen Sätze, die sogar auf ein vages Umdenken hoffen lassen: Die EU-Staaten müssten eine Wirtschaftspolitik betreiben, die nicht derart von der Geldpolitik der EZB abhängt. Zum Beispiel, so ergänze ich, indem diese Staaten allen voran Deutschland, endlich massiv investierten, statt widersinnige “Schuldenbremsen” zu installieren.

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Deutschland, Deutschland über alles II

Wie man das wirtschaftliche Unheil, das man selbst anrichtet, allen anderen in die Schuhe schiebt. Immer in bester Absicht. Notfalls mit Hilfe ahnungsloser Höchstrichter.

Im Vorjahr habe ich ein Buch über “Die Zerstörung der EU” durch “Deutschland als Sprengmeister” geschrieben. Da es wenige Menschen gelesen haben, möchte ich seinen Inhalt hier, extrem simplifiziert und verkürzt, dafür zusammenhängend, nacherzählen, weil er hilft, die Gegenwart besser zu verstehen.

2008 haben Mitarbeiter von US-Banken wackelige Kreditverträge in Wertpapiere verpackt und US-Rating-Agenturen haben diese Papiere mit bis zu 300 Prozent überbewertet. US-Banken haben ein Drittel dieser wertlosen Papiere erworben – die meisten davon “Lehman Brothers” das daran pleite ging. Zwei Drittel wurde von Europas Banken gekauft, wodurch eine Finanzkrise, die die USA verantworten, auf Europa übersprang – um diese Banken vor der Pleite zu retten, mussten die Staaten Europas sich verschulden.

Voran deutsche Neoliberale verbreiteten dennoch die Legende, nicht wertlose US-Wertpapiere sondern mangelnde Budgetdisziplin der EU-Staaten hätten Europas Finanzkrise bewirkt und das viele Steuergeld das zur Banken-Rettung ausgegeben wurde, müsse durch Sparen der Staaten wieder eingebracht werden.

Mehr Schaden als Nutzen

Budgetdisziplin war ihnen bis dahin durch den Maastricht-Vertrag auferlegt, der auf der Basis erwiesen falscher Berechnungen des Ökonomen Kenneth Rogoff fordert, dass sie sich nicht höher als zu 60 Prozent ihres BIP verschulden dürfen, was etwa so vernünftig ist, wie die Forderung, dass jemand der 100.000 Euro im Jahr verdient, nicht mehr als 60.000 Euro Kredit aufnehmen darf.

Da die Rettung der Banken diese Grenze überall gesprengt hatte, drangen voran Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel, darauf, sie durch “Sparen des Staates” wieder zu erreichen, obwohl es denkunmöglich ist, dass weniger Einkäufe des Staates das BIP erhöhen, weil sie zwingend weniger Verkäufe der Unternehmen bedingen. Aber die Logik vermag nichts gegen die religiöse Überzeugung, dass Staatsschulden Schuld bedeuten, die durch “Sparen” getilgt werden muss.

Mit dem Austerity- Pakt verschärfte Merkel die Maastricht-Spar-Bedingungen durch die Androhung von Strafen für Zuwiderhandeln.

Der IWF, der die Erfolge dieser Politik nachmaß, stellte fest, was ich in meinem Buch vielfach belege: Es brachte der Wirtschaft mehr Schaden als Nutzen (“more harm than good”) – je heftiger gespart wurde, desto kräftiger ging das BIP/Kopf zurück. In Ländern, denen das Sparen wie Griechenland mit aller Gewalt verordnet wurde um 25%.

Die deutsche Politik war bestens gemeint – sie widerspricht nur der Mathematik.

Die überwälzten Probleme

Dass es machen Ländern, voran Deutschland aber auch Österreich oder Holland trotz dieses mathematischen Zusammenhanges gut geht, lag an einer Lohnpolitik, die abermals Deutschland vorgab. Ab 2000 erhöhten die genannten Länder ihre Löhne nicht mehr im Ausmaß ihrer gestiegenen Produktivität. Das verschaffte ihnen einen Lohnstückkosten Vorteil, der, wie ich abermals vielfach belegte, dazu führte, dass sie anderen Ländern, voran Italien mit seinen überhöhten Löhnen, aber etwa auch Frankreich, immer größere Marktanteile wegnahmen. Gleichzeitig machte man dort, um deutsche Waren zu kaufen, die Schulden, die Deutschland (Österreich, Holland) sich ersparten.

Voran die Lohnzurückhaltung erzeugte das aktuelle Nord-Süd-Gefälle.

Auch sie war nicht böse gemeint, sondern entsprang der Not: Gerhard Schröder meinte, nur durch sie die gestiegene Arbeitslosigkeit los zu werden – nur dass Deutschland sie genauso auf andere Länder überwälzte, wie es die in Deutschland vermiedenen Schulden auf sie überwälzt hat. Beides will man in Deutschland nicht wahrhaben: Man ist überzeugt, die Marktanteilsgewinne ausschließlich der überlegenen Qualität deutscher Waren zu danken, obwohl sie exakt mit der Lohnzurückhaltung korrelieren.

Deutsche können sich nicht korrigieren – sie sind gewiss, alles richtig zu machen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Wider die Vernunft der EZB

Letzter Ausfluss dieser Gewissheit ist das Urteil des deutschen Verfassungsgerichtshofes über die Anleihekäufe der EZB, das ich hier neuerlich referiere: Manche Deutsche, voran Mitglieder der AfD, sind bestürzt, dass ihnen ihr braves Sparen angesichts der Geldpolitik der EZB -in Wahrheit angesichts des Überangebots an Sparkapital – keine Zinsen mehr bringt und haben Klage beim BVG eingereicht. Der sieht darin tatsächlich ein Problem, statt zu begreifen, wie richtig es ist, wenn in einer Nachfrage-Krise Geld nicht gespart sondern ausgegeben wird. Genau so wenig begreift er, dass die EZB Schadenbegrenzung betreibt, indem sie Staatsanleihen “südlicher” Länder ankauft. Obwohl sein Urteil den Grund dafür durchaus richtig festhält: Diese Länder können sich dadurch “zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen.“

In diesen günstigeren Konditionen sieht de BVG ein unverdientes Faulbett – nur Deutsche hätten sie sich verdient. Tatsächlich bekommt Deutschland sogar Zinsen für die Kredite die es aufnimmt, weil es sie sicherer als die Staaten des “Südens” zurückzahlen kann. Was daran liegt, dass es die Wirtschaft dieser Staaten durch den Austerity-Pakt und den Verlust von Marktanteilen dank Lohn-Dumping massiv beschädigt hat.

Jetzt fordert der BVG bekanntlich, dass die EZB den Sinn ihrer Politik nachweisen möge. Weil seine Richter natürlich glauben, ihn besser als die Richter des EUGH und die Ökonomen der EZB beurteilen zu können. Denn Deutsche können nun einmal alles am besten.

 

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Russlands Corona-Statistik muss nicht falsch sein

Weltweit werden Zweifel angemeldet, dass Russland bei 282.000 gemeldeten Corona Infizierten nur 2631 Tote haben soll, die Todesrate also bei nur ein Prozent liegt.

Ich halte diese Zweifel an Putins Daten ausnahmsweise für nicht sonderlich fundiert.

Erstens gibt es in Deutschland oder Österreich auch keine höhere Todesrate. Aber selbst wenn man das der guten medizinischen Ausstattung dieser Länder zuschreibt und bezweifelt, dass sie in Russland ähnlich gut ist, gibt es zweitens natürlich Unterschiede in der physischen Widerstandfähigkeit verschiedener Völker.

Meine Mutter hatte als Häftlingsärztin in Auschwitz die traurige Gelegenheit sie in einem vergleichbaren Großexperiment zu beobachten: Holländerinnen beispielsweise, die aus einem nahezu sterilen Umfeld kamen, überlebten Auschwitz -Birkenaus selten mehr als drei Tage. Als die mit Abstand widerstandsfähigsten Frauen erlebte sie Slowakinnen und Russinnen. Praktisch nur sie überlebten ohne Herzmedikamente in zählbaren Fällen die grassierende Fleckfieber-Epidemie, bei der zeitweise mehr Häftlinge umkamen als vergast wurden.” Die Russinnen” erzählte mir meine Mutter, haben sich eine Decke über den Kopf gezogen und nach zehn Tagen waren sie entweder tot oder sind aufgestanden.” (Meine Mutter, die bei der Betreuung der Kranken ebenfalls erkrankte, überlebte nur, weil ein SS-Arzt, mit dem sie in Heidelberg gemeinsam studiert hatte, ihr Herzmedikamente gab.)

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Wie die EU dem deutschen Tod entrinnt

Höchstrichter in Karlsruhe bezweifeln den Weg, auf dem die Europäische Zentralbank die EU geldpolitisch abstützt. Ihr Urteil bleibt -hoffentlich-folgenlos.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat ein Urteil gefällt, das nicht nur deutsche Medien einen “Knall” nannten: Es wirft dem EuGH vor, EU-Recht zu brechen, indem er die aktuelle Geldpolitik der EZB zulässt und fordert ihre Kontrolle durch die deutsche Regierung.

Konkret richtete sich die Klage zweier AfD- Exponenten gegen das Programm PSPP der EZB, auf dessen Basis sie seit 2015 bestimmte Mengen Staats-Anleihen ankauft. Karlsruhe gab der Klage “teilweise” recht: Die EZB dürfe zwar Anleihen kaufen, müsse aber binnen drei Monaten die “Verhältnismäßigkeit” dieser Käufe nachvollziehbar begründen: Erklären, warum das billige Geld der Wirtschaft mehr nutzt, als es etwa Sparern schadet. Gelänge ihr das nicht, so dürfe die Deutsche Bundesbank nicht mehr an den Anleihekäufen der EZB teilnehmen.

Für einen Moment begannen die Kurse an Europas Börsen zu rutschen, denn selbst gegen das Corona-Hilfsprogramm der EZB könnte die gleiche Klage erhoben werden. Ein möglicher Ausstieg der Bundesbank aus den EZB -Programmen wäre das Ende der EU.

Die EU kommt noch einmal davon

Einen Tag später schätzte man die Dinge realistischer ein: Die EZB würde wie bisher agieren. Die von der EZB geforderte Begründung der “Verhältnismäßigkeit” würde schon irgendwie zustande kommen, denn selbstverständlich würden bei den Verhandlungen im EZB-Rat alle Auswirkungen aller Programme ausgiebig diskutiert

Mittlerweile prüft die EU-Kommission ein (schwer denkbares) Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, weil es EUGH-Rechtsprechung negiere – umkehrt ist kaum denkbar, dass die deutsche Regierung ein Urteil ihres Verfassungsgerichts negiert. Ich tippe auf “irgendwie”. Die EU wird einmal mehr davonkommen.

Das aufgebrochene Problem bleibt freilich bestehen: Weil Deutschland die eigene Bundesbank stets als Vorbild ansah, setzte es durch, dass auch die EZB sich voran dem “Kampf gegen Inflation” zu widmen hat. Gleichzeitig wurde ihr – weil reichere Staaten darin ein Kernproblem sahen – “Staatsfinanzierung” verboten: Sie darf schwächelnden EU-Staaten- etwa Italien- wirtschaftlich nicht unter die Arme greifen.

Beides ist völlig realitätsfern: “Inflation” ist das mit Abstand geringste Problem der EU- die Pleite Italiens wäre ihr mit Abstand größtes. Und Geldpolitik ist immer zugleich Wirtschaftspolitik.

Die EZB sitzt zwischen den Stühlen

Erstmals kann Großbritannien sich zum EU-Austritt gratulieren: Die “Bank of England” konnte dem Staat unter die Arme greifen, indem sie ihm soeben 20 Milliarden Pfund überwies. Die US-Notenbank FED hat zumindest den Vorteil, dass sie neben der “Inflation” auch das Wohl der US-Wirtschaft zu beachten hat. Zwar ist auch ihr verboten, schwächelnde Bundesstaaten zu finanzieren, aber das Problem stellt sich ihr nicht. Denn im Gegensatz zur EU sind die USA eine Transferunion: Die Ausgaben für Arbeitslosigkeit, medizinische Versorgung und Verteidigung, die bei schwachen Bundesstaaten über die Hälfte ihres Budgets ausmachen, bestreitet die Bundesregierung. Sie zahlen daher kaum höhere Zinsen als starke Bundesstaaten.

Die EZB ist leider weder in der Lage der FED noch der “Bank of England” – sie kann ihre Aufgabe nur in der Form halbwegs erfüllen, in der sie das tut. Genau das hat ihr der EuGH in seinen bisherigen Urteilen bestätigt.

Ohne EZB gäbe es die nächste Euro-Krise

Exakt wie Mario Draghi hat Christine Lagarde sofort klargestellt, dass die EZB Währungsspekulationen gegen ein EU-Mitglied mit allen Mitteln abwehren würde: Als “Corona” die Zinsen für italienische, spanische, portugiesische Anleihen Anfang März hochzucken ließ, kaufte sie verstärkt Anleihen dieser Staaten, und der Anstieg ging sofort zurück.

Karlsruhe hat diese ständige (angesichts “Corona” lebensrettende) Leistung der EZB in seinem Urteil sogar zutreffend gewürdigt: “PSPP verbessert die Refinanzierungsbedingungen der Mitgliedstaaten, weil sich diese zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen können.“

Was Karlsruhe nicht begreifen will, ist, dass eben dies die entscheidende Leistung der EZB darstellt, weil sie natürlich das Gesamtwohl der EU im Auge haben muss. Alles andere wäre für eine “Union” absurd.

Wer unterlässt Strukturreformen?

Die “Nebenwirkungen” ihrer lockeren Geldpolitik, auf die Karlsruhe hinweist, sind Lagarde so klar wie Draghi: Sparen bringt keine Zinsen, aber Kredite kosten fast keine – beides ist gut, weil Geld ausgegeben werden soll. City-Baugrund wird teurer- doch Bauen billiger. ÖNB-Chef Robert Holzmann bemängelt, dass billiges Geld schwache Firmen überleben lässt- derzeit ist das ein Segen. Es drohen Blasen bei Aktien- doch sie waren schon stärker überteuert. Vorerst macht billiges Geld Reiche freilich reicher.

Draghi forderte daher ständig, dass die Staaten der EU, voran Deutschland, endlich mehr investieren und ultra-lockere Geldpolitik überflüssig machen sollten- doch sie beharren auf dem Sparpakt.

Die größte Sorge auch deutscher Höchstrichter ist noch unumstößlicher: Dass die Länder des “Südens” sich angesichts des billigen Geldes faul zurücklehnen und “Strukturreformen unterlassen”.

In hundert Jahren werden Wirtschaftshistoriker bei Untersuchungen zum Niedergang der EU feststellen, dass es Deutschland war, das “Strukturreformen”- höhere Investitionen in seine Schulen, sein Glasfaser- Strom-  Schienen- oder Verkehrsnetze – ab dem Jahr 2000 wie kein anderes Land unterlassen hat. Weil es viel einfacher war, deutsche Arbeitskräfte schlecht zu entlohnen und anderen Volkswirtschaften auf der Basis dieses Lohnstückkosten-Vorteils Marktanteile wegzunehmen.

 

 

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Corona: Wie geht es weiter mit Medikamenten?

Wie geht es weiter mit dem Malaria-Medikamente Hydroxychloroquin, (HCQ)nachdem Donald Trump es als “amerikanisches Wundermittel gegen das chinesische Virus” gepriesen hatte, weil Studien des französischen Virologen Didier Raoult, die freilich ohne Kontrollgruppe stattfanden und daher zu Recht als mangelhaft kritisiert wurden, positive Ergebnisse erwarten ließen?

Im Moment ist das Medikament Spielball politischer Auseinandersetzungen:

Vorerst machte HCQ auch in Brasilien Furore, weil sich Präsident Jair Bolsonaro ebenso begeistert wie Trump hinter seine Verwendung stellte, nachdem man ihm, wie Trump, vorgeworfen hatte, keinerlei Vorkehrungen gegen die Covid-19 Epidemie getroffen zu haben.

Mittlerweile hat der oberste medizinische Berater Trumps Anthony Fauci sich ebenso kritisch zu HCQ geäußert wie Bolsonaros Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta. Bolsonaro trennte sich darauf von Mandata, Trump wagte vorerst noch nicht, sich von Fauci zu trennen.

Laura Ingraham, die Moderatorin von Trumps Leib- TV-Sender Fox macht weiterhin unverdrossen HCQ-Propaganda: wer dessen Wirksamkeit anzweifle, verlange wohl auch eine Doppelblindstudie darüber, ob der Himmel blau sei, schmetterte sie die Kritik an Raoults Studien und Trumps Empfehlungen – die mittlerweile auch die Einnahme von Desinfektionsmitteln umfassten-ab.

Was sagen neue Studien?

Am 8. April zeigten Daten aus Spitälern in verschiedenen Ländern- unter anderem auch aus dem SMZ-Süd in Wien- dass die Kombination von HCQ und Azithromycin das Risiko für Herzschäden und Herzversagen erhöhen könnte.

Wenig später wurde eine brasilianische Studie abgebrochen: Die mit einer hohen Dosis HCQ behandelten Patienten hatten eine höhere Sterblichkeit als jene ohne HCQ-Behandlung. Raoult hatte bei seinen Versuchen allerdings ausdrücklich eine niedrige Dosierung empfohlen.

Am 14. April fand eine französische Studie mit 181 Patienten beim Einsatz von HCQ bei schweren Covid-19-Lungenentzündungen keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen der HCQ- und der Kontrollgruppe.

Aus Marseille, wo er in der Zwischenzeit Besuch von Präsident Emmanuel Macron erhalten hatte,  twittert Didier Raoult am 20. April ein Zitat von Ferdinand Foch, einem französischen General im Ersten Weltkrieg: «Auf dem Schlachtfeld studiert man nicht. Man tut einfach, was man kann, man wendet an, was man schon weiß. Um dort ein wenig auszurichten, sollte man also vieles wissen, und das gut.»

 Ein Wendepunkt?

Am 21. April erklären Ärzte von amerikanischen Veteranen-Spitälern, die mehrere hundert Patienten untersucht hatten, es gebe Hinweise, dass HCQ zu einer höheren Sterblichkeit führe – hingegen keine Anzeichen dafür, dass es das Risiko für eine Beatmung senke.

Am 22. April setzte Raoult wie Trump einen Tweet ab:. “Fake-News” nannte er darin die angeführte amerikanische Studie und kritisierte ihre Methode und Patientenauswahl. Er selbst präsentiert neuerlich eine Studie ohne Kontrollgruppe, die abermals positive Ergebnisse suggeriert.  Mit seinem Team hält er an seinen Erkenntnissen fest.

Am selben Tag warnte allerdings die amerikanische Aufsichtsbehörde für Medikamente FDA vor der Einnahme von HCQ und verwies auf mehrfach beobachtete schwere Herzrhythmusstörungen.

Der französische Gesundheitsminister rät bei der Verwendung des Mittels zur Vorsicht und verweist dabei auf die Studie aus den Veteranen-Spitälern der USA.

Vierzig Studien weltweit

In Nord- und Südamerika, in Europa, Afrika, Iran, und China laufen derzeit rund vierzig Studien zur Wirksamkeit des Medikaments. Auch in der weltweiten WHO-Studie «Solidarity» mit mehreren tausend Patienten soll eine Gruppe HCQ erhalten.

Meine persönliche Einschätzung auf der Basis der in diesem Text angeführten Informationen: Zu Beginn hätte ich, mit drei Herzinfarkten der “Hochrisikogruppe” zugehörig, die Behandlung mit HCQ im Zweifel nach dem Motto begrüßt: Es könnte nützen und scheint jedenfalls nicht zu schaden, weil es ja auch bei Rheuma und Malaria durch Jahrzehnte ohne gravierende Nebenerscheinungen eingenommen wurde.

Heute reagierte ich genau umgekehrt: Ob es nutzt ist ungewiss und die Indizien für gravierende Nebenwirkungen sind jedenfalls so gewichtig, dass man sie nicht ignorieren kann. Man muss zweifellos die Ergebnisse solider Studien abwarten.

 

 

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Österreich first – auch beim Abschwung

Österreichs explodierende Exporte bedingen seit “Corona” zwingend BIP-Einbrüche. Wenn Italien oder Frankreich in Rezession versinken, sinken wir als erste mit.

Auch unsere Wirtschaftsforscher gehen nun also davon aus, dass Österreichs Wirtschaft bis Ende 2020 um 7,5 Prozent einbricht. Falter-Leser waren immer mit dieser Vermutung konfrontiert, denn sie war zwingend: Überall auf der Welt hat “Corona” die Bewegungsfreiheit maximal eingeschränkt, wurden Grenzen gesperrt und blieben Flugzeuge am Boden. Kein Wirtschaftszweig musste darunter mehr als der Tourismus leiden – Österreichs BIP hängt zu 15,3 Prozent von Tourismus und Freizeitwirtschaft ab und “Normalität” kehrt frühestens mit Impfungen zurück.

Gleichzeitig hat “Corona” überall in der Welt zur schwersten Kontraktion der Wirtschaft seit Menschengedenken geführt, überall ist Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit explodiert und können Staaten, Unternehmen und Bürger wesentlich weniger einkaufen, voran wesentlich weniger importieren – Österreichs BIP hängt zu 55,6 Prozent vom Export ab, wir sind vor Deutschland (50,9 Prozent)”Exportweltmeister”.

Österreichs wie Deutschlands größtes Interesse sollte also spätestens jetzt darin liegen, die Kaufkraft der eigenen Bevölkerung möglichst kompakt zu erhalten und alles zu tun, damit die Länder, in die sie exportieren, wirtschaftlich überleben.

Aber Sebastian Kurz und Gernot Blümel können sich so wenig wie Angela Merkel und Olav Scholz vorstellen, die Zahlungen an Arbeitslose- und Kurzarbeiter auf 100% ihres Gehalts zu erhöhen. Und alle Vier tun bisher alles, um die Erholung des für Deutschland größten Exportabnehmers in der EU, Frankreich, und des für Österreich zweitgrößten Abnehmers, Italien, zu erschweren.

Wie ist es soweit gekommen?

Schon bisher haben sie diese beiden Volkswirtschaften ständig geschwächt. Denn Österreichs und Deutschlands Exporterfolg beruht zwar auf der hohen Qualität ihrer Produkte, aber seit zwanzig Jahren auch darauf, dass ihre Unternehmen einen enormen Wettbewerbsvorteil genießen, indem sie ihre Arbeitnehmer nicht mehr im Ausmaß der gesteigerten Produktivität entlohnen.

Das bedingt zum einen schmerzhaft, dass die eigene Bevölkerung jetzt nicht entfernt soviel kaufen kann, wie sie produziert. Und es ist zum anderen der Hauptgrund für die wirtschaftliche Schwäche Italiens oder Frankreichs.

Historisch hat Holland mit dieser Lohnpolitik begonnen, Österreich und die Schweiz sind gefolgt. Als Gerhard Schröder sie 2000 übernahm, war sie für Österreich irreversibel – Deutschland ist sein größter Handelspartner.

Für andere Länder war und ist diese Lohnpolitik desaströs: Deutschlands, Österreichs oder Hollands traditionell gute Waren nahmen ihnen angesichts bis zu 30 Prozent verringerter Lohnstückkosten immer größere Marktanteile weg. Am meisten litt Italien, das seine Löhne sogar über den Produktivitätsfortschritt hinaus erhöhte.[1] Ähnlich erging es Spanien. Doch kaum minder litt Frankreich, das seine Löhne exakt gemäß der gestiegenen Produktivität erhöhte und damit der Forderung der EU nach 2 Prozent Inflation nachkam, während Deutschland, Österreich und Holland sie eisern negierten.

Zugleich mit der Verbesserung ihrer Konkurrenzsituation hielt die “Lohnzurückhaltung” die Kaufkraft dieser drei Länder zurück: Sie kauften zwangsläufig immer weniger eigene Waren, und noch viel weniger kauften sie die relativ verteuerten Waren Frankreichs oder Italiens. Die Länder des “Südens” verloren damit doppelt: Erstens, weil ihre Waren auf Grund der höheren Lohnstückkosten weniger konkurrenzfähig waren, zweitens, weil sie wegen der verringerten Kaufkraft des Nordens noch weniger davon absetzen konnten. Zusammen hat das ihren aktuellen wirtschaftlichen Zustand bedingt: Der Italiens ist katastrophal, der Frankreichs schlecht. (Ohne gemeinsamen Euro wäre das nicht passiert – die Währungen des “Nordens hätten sofort aufgewertet”

“Österreich First” hat zwei Seiten

 Genau diesen schlechten Zustand werfen ihnen die drei Verursacher jetzt vor: Weil Italien oder Frankreich so schlecht dastehen, lehnen Gernot Blümel, Olaf Scholz und Wopke Hoekstra Eurobonds kategorisch ab, obwohl die nur dazu dienten, dass die Kreditkosten italienischer, spanischer oder französischer Unternehmen nicht höher als die österreichischer, holländischer oder deutscher wären.

Soeben begründete Blümel seine Forderung nach befristeter Aussetzung der EU- Bewilligung von Staatsbeihilfen sogar damit, dass die EU es an Solidarität mit Österreich fehlen lasse. In der Sache liegt er “nur” falsch: Die EU hat die Beihilfen für Klein- und Mittelbetriebe rechtzeitig bewilligt – nur die heimische Bürokratie hält sie auf. Für große Unternehmen prüft sie staatliche Beihilfen zu Recht, weil sie den Wettbewerb verzerren können.

Unerträglich wird Blümels Aussage jedoch im Licht der oben beschriebenen Entwicklung: Österreich (Deutschland, Holland) hat durch zwanzig Jahre unsolidarische Lohnpolitik betrieben, und kein Land hat “gemeinsame Haftung” so kategorisch abgelehnt. Es gibt zwar das technische Problem, dass bei einer Haftung als Gemeinschuldner Schulden Italiens in Österreich oder Belgien eingetrieben werden könnten, aber das lässt sich durch eine andere Konstruktion der Bonds reparieren. (So wird es wohl auch geschehen: Wie bei den US-Treasury-Bonds wird es EU-Bonds mit der Haftung der EU in ihrer Gesamtheit geben.)

Man kann diese “Österreich First” Politik (Handelsblatt) goldrichtig finden. Nur muss einem klar sein, dass Österreich vorderster Leidtragender sein wird, wenn es weiter dazu beiträgt, dass Italien und Frankreich in Rezession versinken. Denn exportieren kann man nur solange, als es andere Volkswirtschaften gibt, die importieren können.

[1] noch 2004 wies Italien trotz zurückgebliebenen Südens, Mafia und Korruption das gleiche BIP pro Kopf wie Deutschland auf.

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Was erhöht die Chance auf Erholung?

Noch sind keine Unternehmen kaputt, noch kann eine “Kontraktion” der Wirtschaft überbrückt werden. Vorausgesetzt, dass mit “Corona” etliches anders wird.

Wirtschaftskrisen sind nicht zuletzt ein psychologisches Phänomen – daher ein paar positive Hinweise: Die Gefahr, dass ein Wiederaufflammen von Covid-19 unser Gesundheitssystem überfordert, ist minimal. Denn es hat nach Deutschland die meisten Intensivbetten der Welt und tausend sind frei obwohl es noch immer letzte Grippekranke gibt.

Selbst gestapelte Särge in der Lombardei, in Madrid, Paris oder New York vermitteln nicht zwingend, was am Ende für ganz Italien oder die ganzen USA herauskommt. Im weit verzweigten Los Angeles ist die Mortalität eine ganz andere als im extrem verdichteten New York, im Süden Italiens eine ganz andere als im Smog der Lombardei. Sicher ist nur, dass “Sparen des Staates” die Mortalität maximiert: Wenn zu wenige Ärzte und Krankenschwestern mit zu wenig Schutzkleidung über zu wenige Intensivbetten verfügen, wie das für Italien, Spanien und selbst Frankreich zutrifft, dann werden sie selbst zu den gefährlichsten Infektions-Überträgern. Dann bedingt die totale Überlastung der Spitäler gestapelte Särge.

Etliche Epidemiologen sind daher der Ansicht, dass die Mortalität für die volle Bevölkerung unter keinen Umständen die von vielen Virologen in den Raum gestellten Horror -Extreme erreicht. Ich will das nicht beurteilen, bin aber folgender Aussage sicher: In Österreich oder Deutschland wird sie liegen, wo der Virologe Hendrik Streeck sie vermutet – beim langjährigen Durchschnitt.

Warum Helikopter-Geld?

Schwerer ist es, wirtschaftlich Positives aufzuspüren – aber es geht:

  • Das Corona-Virus hat nicht, wie Kriege, Erdbeben oder Unwetter, reale Werte zerstört. Noch ist das gesperrte VW-Werk in Wolfsburg unverändert das größte der Welt oder Magna in Graz einer der größten Zulieferer. Noch war auch jedes Café, jedes Modegeschäft oder Restaurant nur zugesperrt und ist um nichts schlechter als vor drei Monaten.
  • Anders als bei der Finanzkrise gibt es keine Angst-Verkrampfung des Bankenapparats, denn die Banken haben wesentlich mehr Eigenkapital, und es gibt geordnete Mechanismen zu ihrer Unterstützung. Sie wissen, dass sie schon einmal Schlimmeres überstanden haben.
  • Dass “Blasen” an Immobilien- Rohstoff- und Aktienmärkten geplatzt sind, ist nicht “die” Katastrophe: Das passiert immer wieder und muss sogar passieren- es verändert vor allem virtuelle Kontostände.

Ich werde daher in Zukunft nicht von einer “Krise” sondern einer “Kontraktion” der Wirtschaft schreiben – die am ehesten zu überbrücken ist, wenn Bürger und Unternehmen nach der Kontraktion finanziell exakt gleich gut wie vor der Kontraktion dastehen.

Warum ist bald wieder Sparen dumm?

Deshalb mein so dringender Appell, dass der Staat Geld derzeit mit der Großzügigkeit, aber zugleich Übersicht von Helikoptergeld verschenken, auf keinen Fall nur stunden möge, damit dieser Gleichstand wie bei einer Brücke erreicht wird, bei der das Tragwerk auch auf gleich große Pfeiler aufgesetzt werden muss. Daher mein Kummer darüber, dass Gernot Blümel unverändert meint, er müsse beim Helfen nach Kräften sparen damit die Staatsschuld nicht explodiert. Denn das tut sie nur, wenn die Wirtschaft ihre Kontraktion nicht denkbar rasch überbrückt, sondern in “Depression” kippt.

Warum brauchen die Bürger mehr Geld?

Es klingt unglaublich staatsmännisch, wenn man sagt, man könne das Geld für Arbeitslose nicht erhöhen, und für Kurzarbeiter nicht auf 100 Prozent aufstocken, um die Schulden nicht ins Unermessliche zu steigern. Aber in Wirklichkeit müsste man rechnen: Rund 13 Prozent Arbeitslose von März bis Mai 2020 minus 7 Prozent Arbeitslose im gleichen Zeitraum 2019 ergibt 6 Prozent, die sehr viel weniger als sonst ausgeben. Dieser Betrag geht der Wirtschaft ebenso an Geschäften verloren wie der Betrag, den so viel mehr Kurzarbeiter weniger als ihr volles Gehalt verdienen. Beides wäre Unternehmen laut Epidemie-Gesetz zu ersetzen. Das wird gemäß der aktuellen Beschlüsse nicht vor einem Jahr geschehen, indem man ihnen nachgewiesene Mindereinnahmen ersetzt – oder bald, wenn eine Bevölkerung, die ein höheres Arbeitslosengeld und weiterhin das volle Gehalt erhielte, in den nächsten Monaten sehr viel mehr einkaufen kann. “Bald” ist für alle Beteiligten ungleich vorteilhafter – die den Unternehmen zu ersetzenden Verluste vermindern sich um die Mehrausgaben der höher bezahlten Arbeitslosen und Kurzarbeiter.

Hohe Staatsschulden -Japan beweist es seit Jahrzehnten- sind nicht kritisch, wenn die Wirtschaft funktioniert. Kritisch ist ihr Kippen in Depression.

Warum sich etwas ändern muss

Angeblich wird nach Corona nichts mehr wie vorher sein. Das ist richtig und falsch: Richtig, weil die EU danach noch schwächer als davor sein wird – falsch, weil es nicht so sein muss, wenn sie sich ändert.

  • Wenn sie ihren Mitgliedern die obige Rechnung klar machte und die widersinnigen Sparauflagen des Vertrags von Maastricht endgültig ad acta legte. Wenn selbst Sebastian Kurz aufhörte, vom Sparen des Staates zu schwärmen.
  • Wenn die Lohnzurückhaltung voran Deutschlands nicht nur durch zuletzt passable Lohnerhöhungen vermindert würde, sondern wenn massive Lohnerhöhungen seine Lohnstückkosten wieder in die Nähe derer Italiens, Frankreichs oder Spaniens rückten, so dass Unternehmen wieder auf der Basis ihrer Innovation konkurrierten, statt dass ihr Erfolg davon abhängt, in welchem Ausmaß ihre Angestellten sie zu Lasten ihrer Löhne subventionieren.
  • Wenn man allenthalben die Steuern auf große Vermögen erhöhte, um kleine Einkommen zu entlasten und selbst die ÖVP das als wirtschaftsfreundlich begriffe. 

 

 

 

 

 

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Gernot Blümel im heroischen Kampf mit der EU

Gernot Blümel profiliert sich: “Ich habe kein Verständnis dafür, wenn wir mit österreichischem Steuergeld andere Länder unterstützen und dafür im Gegenzug ein Verbot bekommen, unsere eigenen Unternehmen mit unserem eigenen Steuergeld zu unterstützen. Solidarität ist keine Einbahnstraße.” begründete er seine Forderung, die EU möge derzeit darauf verzichten, staatliche Beihilfen einer Prüfung zu unterziehen.

Es ginge dabei “weniger um die großen Konzerne”, assistierte ihm Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, als darum “den Mittelstand zu unterstützen und das Leid der kleinen Unternehmen zu beschränken”.

Applaus blieb nicht aus – es trifft nur keine dieser Behauptungen zu:

  • Die EU hat allen Hilfszahlungen an Klein- und Mittelbetriebe rechtzeitig zugestimmt. Dass sie zu langsam fließen, liegt an zu komplizierten Anträgen und der Abwicklung durch die ÖWK statt durchs Finanzministerium.
  • Staatliche Beihilfen für Großunternehmen stellen natürlich ein Problem dar, weil sie den Wettbewerb massiv verzerren können. EU-Vizepräsidentin Margrethe Vestager lehnte Blümels Vorschlag daher wohlbegründet ab.
  • Und kein Land hat sich im Zuge der Verhandlungen um Unterstützung “hoch verschuldeter” Euroländer weniger solidarisch als Österreich gezeigt.

Stur, sturer, Österreich

Eurobonds, für die EU-Mitglieder gemeinsam haften, schlossen Österreich, Deutschland und Holland bekanntlich stets kategorisch aus.[1] Sie verwiesen auf günstige Kredite aus dem Rettungsschirm ESM. Die in Anspruch zu nehmen hätte für Italien allerdings bedeutet, sich den Bedingungen der “Rettung” Griechenlands zu unterwerfen, was es aus gutem Grund ablehnte.[2]

Weil selbst Deutschland das begriff, wurde ein Kompromiss gefunden, wonach Rom Kredite nicht wie Athen rechtfertigen müsste, und als selbst Holland dem zustimmte, bestand Österreich darauf, dass es das Geld nur zu Bewältigung von Corona-Problemen verwenden dürfe.

Hintergrund der österreichischen (deutschen, holländischen) Haltung ist immer der gleiche: Es müsse verhindert werden, dass Italien (Spanien usw.) weiterhin “Schuldenpolitik” betriebe, statt dank “Strukturreformen”, endlich so gut zu wirtschaften wie wir tüchtigen, sparsamen fleißigen Österreicher (Holländer, Deutschen).

Sind die Südländer fauler?

In Wirklichkeit haben die Länder des “Nordens” ihre soviel besseren Wirtschaftsdaten nicht dem Fleiß ihrer Bürger zu verdanken (die Griechen arbeiten doppelt so viele Stunden wie die Holländer) sondern sie verdanken sie ihren viel moderneren Produktionsanlagen, die Spanien oder Portugal auch deshalb nicht haben, weil sie bis 1975 abgeschottete Diktaturen waren.

Vor allem aber haben die Holländer als erste, danach die Österreicher und ab 2000 die Deutschen, ihre Löhne nicht mehr im Ausmaß ihrer gesteigerten Produktivität erhöht, um auf diese Weise mit ihrer gestiegenen Arbeitslosigkeit fertig zu werden. Mit folgenden zwingenden Folgen:

  • Ihre Lohnstückkosten sanken im Verhältnis zu denen der genannten Länder um 20 bis 30 Prozent, so dass sie deren Produkten gewaltige Marktanteile abnahmen und ihnen entsprechend steigende Arbeitslosigkeit bescherten.
  • Da ihre zurückgehaltenen Löhne die Kaufkraft kaum steigen ließen – bei Arbeitern sanken sogar die Reallöhne- konnten sie immer weniger ihrer Mehrproduktion im eigenem Land absetzen = mussten sie immer mehr davon nach Italien, Spanien oder Frankreich exportieren. Was ihnen gelang, weil die laut 1. verringerten Lohnstückkosten ihren Produkten einen klaren Preisvorsprung verliehen.

Die Defizite der einen sind die Vorteile der anderen

  • Nicht zuletzt weil deutsche Banken die Bevölkerung des “Südens” mit billigem Geld überschwemmten, vermochten sie die deutsche (österreichische, holländische) Mehrproduktion zu kaufen, indem sie sich immer höher verschuldete. Als in Spanien das Platzen einer Immobilienblase hinzutrat, gerieten seine Banken in Schwierigkeiten und um sie zu retten verschuldete sich auch der Staat. (dessen Schuldenquote noch 1970 die niedrigste der EU gewesen war)
  • Umgekehrt konnten Italien oder Spanien in Österreich, Deutschland oder Holland, wegen der hier kaum gestiegenen Kaufkraft immer weniger ihrer preislich sowieso unterlegenen Waren absetzten. Sie erlitten immer größere Leistungsbilanz-Defizite, denen zwingend immer bessere Wirtschaftsdaten Deutschlands, Österreich oder Hollands gegenüberstehen.

Was geht Italien Österreich an?

Auch wenn das alles real viel komplexer ablief (weil die Exporte des “Nordens” zum Beispiel nicht nur gegenüber dem “Süden” sondern auch gegenüber den USA oder China stiegen oder weil Italien und Spanien auch gewaltige hausgemachte Probleme mitbrachten) kann man die Grundstruktur der Nord-Süd -Entwicklung so zusammenfassen: Die Lohnzurückhaltung des “Nordens” bescherte dem Süden die Probleme und ein Gutteil der Schulden, die Blümel ihm jetzt zum Vorwurf macht und weswegen er Kredite an Italien oder Spanien nur unter strengsten Auflagen vergeben will.

Auch wenn er alle diese Zusammenhänge nicht verstehen will, gereicht seine Haltung Österreich zum Schaden: Italien nimmt mit 6,3 Prozent unmittelbar nach den USA mit 6,7 Prozent (und natürlich nach Deutschland) die meisten österreichischen Exporte auf – wenn es “Corona” nicht übersteht, wird unser Wirtschaftswachstum um 6,3 Prozent mehr einbrechen.

[1] Es gibt das Problem, dass bei einer Haftung der EU als “Gesamtschuldner” Schulden Italiens bei Österreich eingetrieben werden könnten. Aber die Bonds ließen sich so konstruieren, dass das ausgeschlossen ist, nur nähme das etwas Zeit in Anspruch.

[2] Griechenlands “Rettung” kostete 300 Milliarden Euro, senkte sein BIP pro Kopf um 3.000 Euro und seine Schulden sind bis heute offen.

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Das Lunacek – Phänomen

Vor ein paar Monaten hatte ich das Pech, mit Ulrike Lunacek über ein Sachthema zu diskutieren.

Die Wochenzeitung “Falter” wollte in einem Podcast mein Buch über “Die Zerstörung der EU- Deutschland als Sprengmeister” vorstellen und Lunacek war eingeladen, es mit mir und einem Kollegen zu diskutieren. Im Wesentlichen behandelt das Buch alle derzeit relevanten Probleme: Das Kaputtsparen der Sozialsysteme durch “Sparen des Staates”, die ausweglose Situation Italiens oder Spaniens angesichts der Überlegenheit der deutschen Konkurrenz mit ihren zurückgehaltenen Lohnkosten oder die Problematik eines Freihandels, in dem gewisse Güter von China wesentlich preiswerter produziert werden.

Insgesamt war für die Diskussion eine halbe Stunde Zeit. Ulrike Lunacek verbrauchte die Hälfte davon mit der (nicht unberechtigten) vehementen Kritik des Buchtitels, den ich heute auch nicht mehr wählte, weil er einfach nicht zum Kauf animiert.

Zum Inhalt des Buches nahm sie mit keinem Wort Stellung. Vermutlich hatte sie es nicht gelesen, oder, wenn sie es gelesen hatte, davon so viel verstanden, wie von Kulturpolitik. Aber statt in einem solchen Fall die Teilnahme an der Diskussion abzulehnen redete sie – minutenlang, sich zehn Mal wiederholend, absolut Überflüssiges.

Irgendwie ist es ein Jammer, dass auch die Grünen eigene Mitglieder für die Lösung von Sachfragen nominieren, von denen sie oft nicht die leiseste Ahnung haben. Heraus kommen dann Vorschläge wie die 20 Quadratmeter Platz pro Theaterbesucher.

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Italien: Die amputierte EZB  

Dass Deutschland oder Österreich dem Euro die Vorteile des Dollar untersagen, verhindert eine nachhaltige Lösung der Probleme Italiens und des “Südens.”

In Brüssel fanden wieder einmal Beratungen statt, an denen das Schicksal der EU hing. Es ging darum, wie Italien gerettet und dem “Süden” über die Corona-Krise hinweg geholfen werden kann – denn auch Frankreich verzeichnet die schlimmste Rezession seit 1945. Das Ergebnis: Der “Süden” bekommt Gelder aus dem Kurzarbeitsprogramm “Sure” von der “Europäischen Investitionsbank” und vor allem aus dem Schutzschirm “ESM“. Zusammen stehen 500 Milliarden zur Verfügung.

Die EU wird sich also nicht auflösen- dazu ist sie als “Friedensprojekt” zu etabliert- sie wird nur weiter nicht funktionieren. (Wenige wissen das genauer als ich -ich habe darüber ein ganzes Buch geschrieben.)

 Die Unzahl ungelöster Probleme

Italiens Probleme sind dafür ein klassisches Beispiel: Sein aktuelles Mega-Problem resultiert bekanntlich daraus, dass “Sparen des Staates” die Zahl seiner Intensivbetten von 5 je 1000 Einwohner auf heute weniger als eines reduziert hat. Aber Italiens permanentes Problem der letzten 25 Jahre resultiert daraus, dass Sparen des Staates jede Wirtschaftsleistung aus Gründen der Mathematik grundsätzlich beeinträchtigt – und noch mehr daraus, dass ihm Deutschland, Holland, Österreich und die Schweiz dank zurückgehaltener Lohnkosten seit 20 Jahren ständig Marktanteile abjagen. (Genau das ist auch die Ursache für Frankreichs wirtschaftliche Schwäche.) Zwar hatte Italien immer mit dem Rückstand seines Südens, mit Mafia, Korruption und mangelnder Steuermoral zu kämpfen, aber das hat es nicht gehindert, noch 2003 über das gleiche BIP pro Kopf wie Deutschland zu verfügen und noch heute vor Frankreich stärkste Industrienation und drittstärkste Volkswirtschaft der EU zu sein.

Es war der Euro, den es nicht verkraftete.

Denn es konnte seine Währung nicht mehr abwerten, und Deutschlands Währung wertete nicht auf, obwohl es ständig Marktanteile hinzugewann. Im von der EU erhofften Idealfall hätte Italien seine Produktivität erhöht um den deutschen Lohnstückkosten-Vorteil aufzuholen – aber der ist viel zu groß. Dazu auch noch höhere Kreditkosten als die deutscher Konkurrenten schließen Aufholen dauerhaft aus. “Ich weiß nicht”, so schrieb ich hier schon vor “Corona” mehrfach, “wie sich Italien innerhalb des Euro erholen soll.”

Nur nicht “Griechenland”

Damit bin ich wieder in Brüssel. Die Verhandlungen waren so schwierig, weil die EU zwar zu kitten, nie aber zu erneuern vermag: Die untauglichen Spar-Kriterien Maastrichts wurden nicht vielleicht abgeschafft, sondern nur bis auf Weiteres außer Kraft gesetzt.

Das nächste Problem bestand darin, dass Holland die Mittel des ESM daran binden wollte, dass Italien sie ausschließlich zur Behebung der Corona-Folgen nutzt und sich den gleichen Bedingungen wie seinerzeit Griechenland unterwirft. Genau das wollte Italien auf keinen Fall, und auch die anderen Finanzminister wollten Griechenland nicht unbedingt als Muster sehen: Mit seiner 300 Milliarden teuren “Rettung” hat sich sein BIP pro Kopf um 5000 Euro verringert und seine Staatsschuldenquote um 36 Prozentpunkte erhöht.

Letztlich akzeptierte Holland einen Kompromiss: Es bleibt vage, was Italien mit erhaltenen Krediten tun muss.

Warum keine Eurobonds?

Ursprünglich hatte Italien, wie acht weitere Länder, “Eurobonds” gefordert. Das hatte der “Norden”, voran Holland und Österreich, kategorisch abgelehnt, und so wurde es nicht weiter verfolgt. Im Moment war diese Ablehnung berechtigt: Haftung der EU als “Gesamtschuldner” hätte bedeutet, dass Gläubiger, die etwa Italiens Schulden eintreiben wollen, sie bei Österreich, Deutschland oder Holland eintreiben könnten. Für “Eurobonds” hätte man die Haftung natürlich anders konstruieren müssen, und dafür war es in der gebotenen Eile viel zu spät.

Aber voran Deutschland, Österreich oder Holland lehnen prinzipiell ab, was sie “Vergemeinschaftung der Schulden” nennen. Die zu Grunde liegende Emotion in der Terminologie des Stammtisches: “Wir fleißigen, sparsamen, disziplinierten Deutschen (Österreicher) werden doch nicht für die Schulden haften, die diese faulen, untüchtigen, undisziplinierten (an dieser Stelle kann jedes andere Volk eingesetzt werden) womöglich auftürmen”. In der Terminologie deutscher Ökonomen: “Es muss unbedingt verhindert werden, dass andere Volkswirtschaften sich bei ihrer Gebarung auf die Wirtschaftskraft und Budgetdisziplin Deutschlands verlassen”.

Der große Unterschied zum Dollar

Genau das ist der große Unterschied zu den USA, die selbstverständlich gemeinsam für den Dollar haften: Die Zinsen, die das arme Louisiana für Kredite bezahlen muss, unterscheiden sich daher nur marginal von denen, die das reichen Kalifornien zahlt, und die winzige verbleibende Differenz mindert die Bundesregierung durch Zuschüsse.

Denn auch die gemeinsame Abfederung von Risiken ist selbstverständlich: Die US-Regierung trägt die Kosten der Landesverteidigung, der Arbeitslosigkeit und der Gesundheits- Programme aller Bundesstaaten – in etwa betragen diese “Transferzahlungen” 30 Prozent des Budgets.

Ebenso massiv unterscheiden sich FED und EZB: Es ist, schon gar in kritischen Zeiten, selbstverständliche Aufgabe der FED, sicherzustellen, dass alle Bundesstaaten möglichst gleich niedrige Zinsen zahlen. Das könnte auch die EZB – wenn man ihr das Verbot der “Staatsfinanzierung” erließe. Doch Deutschland besteht darauf, weil sonst angeblich alle Reform- Bemühungen Betroffener erlahmen. Dabei ist es völlig marktwidrig, dass sich italienische Unternehmen teurer als deutsche finanzieren müssen – aber auch “Markt” zu verstehen fällt manchen schwer.

 

 

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Corona-Rückfälle bleiben ungefährlich

Rudolf Anschobers Aussage, dass uns mit der Lockerung des Shuttdown die kritischsten Corona- Wochen noch bevorstünden, kann man, so hoffe ich, getrost relativieren, ohne des Spiels mit dem Leben Tausender geziehen zu werden.

Es ist ausgeschlossen, dass uns ein – zweifellos mögliches- Wiederaufflammen der Epidemie mehr Tote beschert, als unser Gesundheitssystem aushält. Denn wir haben die meisten Spitalsbetten und nach Deutschland die meisten Intensivbetten je 100.000 Einwohner der Welt. Derzeit sind noch tausend davon frei, und da die Influenza-Saison zu Ende ist, werden täglich noch mehr davon frei werden.
Ich riskiere sogar die Aussage, mit der ich den Bonner Virologen Hendrik Streeck hier zitiert habe: “Für Deutschland (Österreich) dürfte die Anzahl der Toten zu Ende dieses Jahres nicht höher als im Durchschnitt vorangegangener Jahre ausfallen.”

Viele Zahlen die wenig sagen

Viele Epidmiologen haben Ähnliches im Gegensatz zu den meisten Virologen immer behauptet und die täglich veröffentlichten Horrorziffern, selbst aus Italien und Spanien, und jetzt aus den USA, immer etwas relativiert. Man könne Regionen mit ungenügendem (kaputtgespartem) Gesundheitssystem und dichter Bevölkerung, (Lombardei, Madrid, Paris) nicht mit Regionen vergleichen, die ihres Reichtums wegen trotz staatlichen Sparens genügend Intensivbetten besäßen, Regionen mit großer Luftverschmutzung, (Wuhan, Lombardei) nicht mit ländlichen Regionen mit sauberer Luft, und Länder mit überalterter Bevölkerung und vielen Vorerkrankungen (Lombardei) nicht mit Ländern mit viel jüngerer Bevölkerung.
Die Zahlen über “Corona-Infizierte” gäben vor allem darüber Auskunft, wie viele Test-Kits verwendet  wurden und die Aussage, dass es in den USA bereits mehr Corona-Tote als in Spanien sei schon deshalb wenig sinnvoll, weil sie nicht berücksichtige, dass die USA 335 Millionen Einwohner, Spanien aber nur 47 Millionen Einwohner hätte. Und weil man schon gar nicht wisse, wie viel Corona-Infizierte es tatsächlich in den beiden Ländern gäbe.

Ideologie könnte schlimmer als das Virus gewesen sein

Zumindest einige dieser Epidemiologen bleiben bei der Aussage, dass sich zu Ende des Jahres herausstellen würde, dass die Corona -Mortalität, wenn man sie über die gesamte Bevölkerung, seine dichten Städte und das weite Land hinweg berechne, die Sterberate vergangener Jahre allenfalls marginal erhöhte, dass der jüngste Corona-Virus also doch ein relativ harmloser sei.
Ich wende gleich ein, dass das an den gehäuften gespenstischen Todeszahlen in der Lombardei, Madrid, Paris oder New York nichts ändere. Nur halte ich für möglich, dass man dafür eher das “Sparen des Staates” als das Virus verantwortlich machen sollte. Wobei New York einen absurden Sonderfall darstellt: Während Italien, Spanien oder Frankreich dieses Sparen von Maastricht und Angela Merkels Spar-Palt mehr oder minder aufgezwungen wurde, haben die steinreichen USA von sich aus, aus purer Ideologie, seit jeher auf ein starkes staatlich abgesichertes Gesundheitssystem verzichtet.

PS: Weil ich Sie grundsätzlich auch informieren will, was gegen hier gemachte früheren Aussagen spricht: Die Erfahrungen des SMZ Süd mit Plaquenil lassen mich doch daran zweifeln, dass ich es so sicher nähme, wenn ich an Covid-19 erkrankte – dort soll es die Gesundung der Patienten nämlich – glaubwürdig – erschwert haben. Ich werde also doch lieber die zahlreichen in Deutschland laufenden Studien abwarten.

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Die überflüssige Verspätung

Spät aber doch wurde das Malariamittel Hydroxychloroquine, dessen Einsatz ich hier mehrfach gegen die oft heftigen Einwände der Jünger des Charité-Top-Virologen Christian Drosten verteidigt habe, von Österreichs Gesundheitsbehörden in einem Eilverfahren zur Behandlung von Covid-19 zugelassen.

Der Pharmakonzern Novartis, der, wie die meisten Pharmakonzerne, eine Variante des altbekannten Medikaments herstellt, hat Österreich und allen Mitgliedern der EU ausreichende Mengen davon zur Verfügung gestellt und so wird es hoffentlich auch wie in Südkorea rundum eingesetzt werden.

 Zuviel deutsche Gründlichkeit mitten im “Krieg”

Die Einwände Christian Drostens gegen Studien des französischen Top-Virologen Didier Raoult, der empfahl Hydroxychloroquine unter dem Handelsnamen Plaquenil gemeinsam mit einem Antibiotikum einzusetzen waren zwar, was die Methodik der Studien betraf, durchaus berechtigt, aber nicht zu Ende gedacht. Erstens hatte Raoult seine Studien nur zur Bestätigung einer viel umfangreicheren chinesischen Studie gemacht. Zweitens hatten Südkoreas Virologen das Mittel zum Einsatz empfohlen. Und drittens nutzte der Einsatz des Mittels zwar vielleicht nicht in dem von Raoult behaupteten Ausmaß -schädlich war er außer bei Leber-Nieren-Vorerkrankungen auf keinen Fall. (Gegen Malaria wurde Plaquenil seit 1949 millionenfach selbst Schwangeren verabreicht). Mitten im Krieg gegen ein Virus ist rasches Handeln sinnvoller als normalerweise berechtigte größte Gewissenhaftigkeit – jedenfalls dann, wenn das Medikament spottbillig ist und nicht schadet.

Das Boris-Johnson-Syndrom

Vermutlich (hoffentlich) erfolgt sein Einsatz in Österreich in der von Raoult empfohlenen, etwas niedrigeren Dosierung von 500 mg und wie bei ihm in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin. Einiges spricht nämlich dafür, dass die immer wieder -etwa auch bei Boris Johnson -beobachtete extreme Verschlechterung im Zustand des Patienten in einer zweiten Phase seiner Erkrankung davon herrührt, dass Bakterien die Viren-geschwächte Lunge stürmen und dort eine lebensbedrohende Lungenentzündung auslösen.

Wieso ist ein für sich eher harmloses Virus so gefährlich?

Es wäre auch sinnvoll, wenn der Bevölkerung klarer wäre, was das “Corona-Virus” SARS-CoV-2 so gefährlich macht, obwohl die mit ihm verbundene Sterblichkeit primär viel geringer als etwa beim Grippe-Virus ist. Sebastian Kurz hat zwar versucht, das im Gespräch mit Armin Wolf zu erklären, aber ausnahmsweise ist es ihm nicht mit der sonst von ihm gewohnten Präzision gelungen.

  • Es scheint es so zu sein, dass Covid-19, wenn es bei einem älteren Menschen zu einer Vorerkrankung hinzutritt, in einem unerwartet hohen Ausmaß tödlich verläuft.
  • Vor allem aber ist das Virus extrem ansteckend und breitet sich daher extrem schnell aus. Das bedeutet, dass nicht nur die leichten und mittelschweren sondern auch diese lebensgefährlichen Verläufe der Erkrankung in einem besonders kurzen Zeitraum extrem gehäuft auftreten.

Dadurch kann ein Gesundheitssystem, das einer langsameren Verbreitung des Virus durchaus gewachsen wäre, überfordert sein, und im schlimmsten Fall wie in Italien zusammenbrechen und auch die Erkrankungen nicht mehr entfernt beherrschen, die mit dem Virus gar nichts zu tun haben.

 

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