Zweischneidige Satiren

Die Satiren, mit denen sich fünfzig deutschsprachige Schauspieler, darunter Nina Proll, Nicholas Ofczarek oder Manuel Rubey über den „Lock down“ lustig machen und der Presse vorwerfen, die „Maßnahmen“ der Regierung kritiklos zu vertreten, haben in den sozialen Medien bekanntlich sowohl begeisterte Zustimmung wie wütende Ablehnung ausgelöst.

Meine Reaktion ist ebenso gespalten. Einerseits verstehe ich den besonderen Frust von Schauspielern – mein jüngster Sohn hat diesen Beruf ergriffen – die tatsächlich die letzten waren, um die sich die Regierung, voran in Österreich, gekümmert haben. Ohne unsere Hilfe wäre unser Sohn vermutlich in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Natürlich ist auch charakteristisch, dass es keinen Kulturminister gibt, dass mit Ulrike Lunacek primär eine restlos ahnungslose Staatssekretärin bestellt wurde und man Sport-Minister Werner Kogler bei jeder Rede anmerkte, wie wenig die Kultur ihn interessiert: Die Probleme der Theater wurden meist erst nach denen der Bordelle erwähnt. Auch bei den Lockerungsschritten galt das Interesse voran dem Handel, danach der Gastronomie, danach Friseuren und Fitness-Studios und nie den Theatern.

Der minimale Stellenwert der Kultur

Dass sich aus den von Helga Rabl-Stadler tapfer durchgezogenen Salzburger Festspielen in keiner Weise ein Corona-Cluster ergab, führte nie zu Diskussionen, die Öffnung von Theatern unter Einhaltung von Sicherheitskonzepten, wie sie durchwegs erarbeitet wurden, zumindest zu prüfen und in medizinisch überwachten Versuchen zu testen.

So bin ich ziemlich überzeugt, dass die Ansteckungsgefahr unter Theaterbesuchern, die getrennt sitzen und Masken tragen, ungleich geringer wäre als unter den Menschen, die in einem Geschäft von XXX-Lutz die meisten Prozente erhalten wollen.

Die Pandemie hat tatsächlich den besonders geringen Stellenwert aufgezeigt, den „Kultur“ in Österreich und wahrscheinlich auch in Deutschland abseits von Sonntagsreden besitzt.

Aber das ändert nichts daran, dass man eine lebensgefährliche Pandemie am erfolgreichsten mittels eines möglichst harten Lock-down bekämpft und dass der leider auch die Theater umfasst. Selbst wenn sie geöffnet wären, schlösse die abendliche Ausgangssperre ihren Besuch aus, und eine solche Ausgangsperre kann eben sehr wohl eine unbedingt notwendige „Maßnahme“ der Regierung darstellen. Weil es bei Covid-19 eben nicht um eine Grippe, sondern um eine Krankheit geht, die nicht nur bei mir mit 81 Jahren und drei Herzinfarkten vermutlich tödlich ausginge, sondern auch bei Menschen im Alter Prolls oder Ofczareks tödlich enden kann.

Die Regierung hat ein Recht darauf, sich im Kampf gegen eine neue solche Seuche auch bei dieser oder jener ihrer Maßnahmen auch zu irren und vielleicht zu viele Institutionen zuzusperren. Weil zu wenige zuzusperren eben tödlich sein kann.

Begeisterte Zustimmung aus der FPÖ

Es muss Nina Proll oder Nicholas Ofczarek doch einigermaßen nachdenklich stimmen, dass sie die größte Zustimmung aus den Reihen der FPÖ oder der AfD erhalten, dass Herbert Kickl sich demnächst auf sie berufen wird, wenn er von der Corona-Diktatur faselt.

Es stimmt sie auch nachdenklich- viele der fünfzig rudern zurück und erklären, dass sie diese Reaktion nicht gewollt, es so nicht gemeint hätten. Aber das hätten sie bei etwas Nachdenken vorher wissen können. So wie von der Regierung, kann man auch von Schauspielern längeres Nachdenken verlangen, ehe sie ihren Beitrag ins Netz stellen.

Wir befinden uns – Gott sei Dank- in der letzten Phase der Pandemie. Es braucht nur noch durch ein paar Wochen die Bereitschaft, „Maßnahmen“ der Regierung – mögen sie nun klüger oder dümmer sein- einigermaßen strikte zu befolgen.

Die Bereitschaft durch eine nicht zuletzt auch eitle Aktion zu erschweren, scheint mir keine Leistung, der ich applaudiere.

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Der entblätterte heilige Sebastian

Fünf sehr verschiedene Gründe für den Verfall der Strahlkraft des Kanzlers. Der Verlust der Glaubwürdigkeit und der Anschein eines Heuchlers wiegen am schwersten.

Talmi sieht aus wie Gold, hat aber den Nachteil, mit der Zeit abzublättern, bis darunter die billige Zink-Kupfer-Legierung sichtbar wird. Soweit ist es mit Sebastian Kurz noch nicht, aber wo die Staatsanwaltschaft zu putzen begann, wurde zunehmend Zinkblech sichtbar. Würde heute gewählt, so läge Türkis-Grün gemäß einer Market-Umfrage des Standard mit 36 +12 Prozent nur mehr gleichauf mit Rot-Grün-Pink (26+12+10), das aber, wie OGM für den Kurier erfragte, erstmals die beliebtere Koalition darstellte. Direkt zum Kanzler gewählt würde Kurz statt im März 2020 von 52 heute nur mehr von 29 Prozent.

Der Verfall seiner Strahlkraft hat verschiedenste Gründe. So ist etwa die Schließung der Balkan-Route schon lange her- die Zahlungen der EU an die Türkei, die stets die weit größere Bedeutung hatten, halten den Flüchtlingsstrom seither in akzeptablen Grenzen. Kurz´ abweisende Asylpolitik zieht zwar noch immer, doch auch keine andere Partei heißt Wirtschaftsflüchtlinge willkommen, schiebt aber keine hier geborenen Kinder ab.

Gleichzeitig hat das aktuelle Milliardendefizit Kurz` „Nulldefizit“ als Gesprächsthema abgelöst. Er behauptet zwar, dass wir dank der vergangenen türkisen Budgetdisziplin so gut durch die aktuelle Krise kämen, aber die Zahlen strafen ihn Lügen: Österreichs BIP erlitt den höchsten Einbruch der EU und erholt sich am langsamsten.

Daher müssten sich zumindest Kurz` sonstige Versprechen bewähren: Dass es mit ihm keine Packelei gäbe, dass er niemanden anpatze und dass seine Koalition nicht streite. Letzteres gelang ihm am relativ längsten: Die Grünen stellen Kurz noch immer keine unerfüllbare Forderung- er muss sich nur immer härter mit ihnen auseinandersetzen. Auch mit H.C. Strache, so weiß man heute aus dessen Handy, musste er sich hart auseinandersetzen- nur dass das nie an die Öffentlichkeit drang. In Wirklichkeit ehrt es Kurz, dass ihm FP-„Einzelfälle“ nicht gleichgültig waren – es desavouiert die Österreicher, dass sie „Auseinandersetzung“ stets als dringend zu vermeidenden „Streit“ diffamieren. Leider befördern die Medien diese fehlende Streitkultur: Journalisten überbieten einander darin, „aufzudecken“, wo es „schon wieder“ unterschiedliche Ansichten innerhalb einer Partei oder einer Koalition gibt. In der Sache überaus fähige rot-schwarze Koalitionen wurden auf diese Weise voran im ORF in bester Absicht kaputt geredet. (Nur die Wiener Zeitung hat kraft Gesetzes unaufgeregt Argumentation gegen Argumentation gestellt- das hat aber leider bald ein Ende.)

Die türkis-blaue Koalition war alles eher als fähig, aber sie bot auf Grund fehlenden „Streits“ keine vergleichbaren Angriffsflächen. Dort, wo sie gelegen wären- in der neoliberalen Wirtschaftspolitik- fehlte den meisten Journalisten das ökonomische Wissen, sich damit auseinanderzusetzen. Gott sei Dank nahmen sich Kurier oder Standard immerhin energisch der „Einzelfälle“ an, sonst wäre es Kurz gelungen, Türkis-Blau tatsächlich als Traum-Regierung im allgemeinen Bewusstsein zu etablieren. Und ohne „Ibiza“ hätten wir sie bis heute: Die in ihrer Gesinnung korrupteste, Rechtsaußen-Regierung der 2. Republik wurde nicht dank demokratischer Erkenntnis, sondern dank eines glücklichen Zufalls beendet.

Spätestens als er Justizministerin Alma Zadic eine Teilschuld am Terroranschlag in Wien anlastete, fand das Märchen ein Ende, dass Kurz niemanden „anpatzt“. Nicht erst der Untersuchungsbericht stellte klar, dass das Versagen ausschließlich beim BVT, also allenfalls beim Innenminister lag. Dass er Bürgermeister Michael Ludwig die häufigen Wiener Corona- Infektionen zu Last zu legen suchte, obwohl sie in Tirol zu diesem Zeitpunkt weit häufiger waren, war ähnlich durchsichtig. Selbst Kurz` Versuch, die EU anzupatzen, indem er ihr anzulasten suchte, dass Österreich aus Sparsamkeit zu wenig Pfizer-Impfstoff erwarb, dürfte bei intelligenteren Bürgern misslungen sein.

Restlos geplatzt ist das Märchen vom neuen Stil freilich erst mit den Chats zwischen Kurz, Gernot Blümel, und Thomas Schmid: Massiver „gepackelt“ wurde bei einer Postenvergabe wohl noch nie. Und erstmals hat sich Kurz damit ein nachhaltiges Problem eingehandelt: Er ist nicht mehr glaubwürdig- der Abstand zwischen dem, was er öffentlich sagt und dem, was er insgeheim tut, war noch bei keinem Kanzler größer.

So ließ sich Kurz bekanntlich im Juni 2019 in der Wiener Stadthalle von einem evangelikalen Prediger vor tausenden Zuhörern als idealen Kanzler feiern und segnen – jetzt feierte er seinen Generalsekretär im Finanzministerium Thomas Schmied per Handy dafür, dass er der Kirche den Verlust ihrer finanziellen Privilegien androhte, nachdem die Bischofskonferenz die türkise Asylpolitik heftig kritisiert hatte: „Super Danke vielmals!!“

Schmids Drohungen, die er Kurz präzise referierte, erinnerte erstaunlich an Straches Ibiza-Vorhaben, dem Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner alle Staatsaufträge zu entziehen. Denn so wie Haselsteiner Staatsaufträge vom Gesetzes wegen zustünden, wenn er Bestbieter wäre, war auch das Gros der angeführten „Privilegien“ der katholischen Kirche (und anderen Religionsgemeinschaften) gesetzlich gedeckt und auch sofern das bloßem Ermessen entsprach, wäre es gesetzwidrig, wenn dieses Ermessen von der Haltung der Bischöfe zur Asylpolitik abhinge. Kurz Haltung zur Religion heuchlerisch zu nennen, scheint mir daher nicht rasend riskant, solange die Justiz noch unabhängig ist.

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Bischöfe sind nicht türkise Familie

Das kann die Kirche Privilegien kosten. Thomas Schmid, Gernot Blümel, Sebastian Kurz – zur engsten Familie zu gehören ist nicht nur in Kalabrien von Vorteil.

Wären die Chats auf dem Handy von Thomas Schmid, die die Staatsanwaltschaft zu rekonstruieren vermochte, auf dem Handy eines Vertrauten der rot-schwarzen Regierung Werner Faymanns aufgetaucht, die ÖVP hätte den Rücktritt aller Beteiligten gefordert und gute Chancen gehabt, die folgende Neuwahl zu gewinnen. In der türkis-grünen Regierung hofft Werner Kogler, dass Schmid von sich aus den Hut nimmt. Diese Zurückhaltung ist verständlich: Sebastian Kurz` ÖVP erhielte bei Neuwahlen wieder die meisten Stimmen und koalierten dann entweder mit der SPÖ oder, wenn es sich ausginge, wieder der FPÖ. Beides kann nicht im Interesse der Grünen sein. In ihrem Interesse wäre nur eine rot-grün-pinke Koalition und die ginge sich nur aus, wenn die Österreicher begriffen, wie sehr Kurz das christlich-soziale Selbstverständnis seiner Partei nach rechts gerückt hat- und daran zweifle ich.

Zur Erinnerung an türkis-blau: Schmid, derzeit Chef der ÖBAG, in der die Republik ihre Beteiligungen bündelt, wird verdächtigt, als Generalsekretär des Finanzministeriums an einem Deal von ÖVP und FPÖ mitgewirkt zu haben, bei dem FP-Bezirksrat Peter Sidlo zum Finanzvorstand der Casino AG bestellt wurde und das Ministerium dem Glückspielkonzern Novomatic entgegenkommen sollte. Ich zweifle, dass das nachweisbar ist, obwohl Schmid ein neues Glückspielgesetz plante. Auch die Rechtswidrigkeit seiner eigenen Bestellung halte ich für kaum nachweisbar- sie verlief nur charakteristisch: „Ich bin nicht international erfahren“ ließ Schmid wissen – worauf die Forderung nach „internationaler Erfahrung“ aus der Ausschreibung verschwand.

Raiffeisennah und steuerbar

Dass Schmid sich auch die Aufsichtsratsräte aussuchte, die ihn bestellten und jetzt überwachen sollen, liest sich im Chat so: „Wirklich eine Gute“, schwärmte er über eine von ihm erhoffte Vorsitzende des Aufsichtsrates gegenüber Sebastian Kurz, „Finanzexpertin, compliant, steuerbar und mit guten Beziehungen zu Raiffeisen“. Die besaßen auch die Raiffeisenmanager Walter Rothensteiner und Josef Pröll und nahmen ihre Aufsicht bei der Bestellung Sidlos, dem der zuständige Headhunter die Qualifikation abgesprochen hatte, mit vornehmer Zurückhaltung wahr- sie segneten sie ab und bestreiten jede Vetternwirtschaft. Auch bei Schmids ÖBAG- Ambition ist allenfalls wechselseitige Warmherzigkeit aus den Chats zu erahnen: „Das bist Du mir schuldig“, ließ er Finanzminister Gernot Blümel wissen – „Du bist Familie“ beruhigte ihn dieser. Um schon drei Monate vor der tatsächlich Bestellung zu posten: „Schmid AG fertig.“ Dass Schmid potenter Alleinvorstand sein wollte, verstand auch Familien-Oberhaupt Kurz: „Kriegst eh alles was Du willst“.

„Unter Schmid ist die ÖBAG fünf Milliarden wertvoller geworden“, verteidigte VP-Mandatar Andreas Hanger diese familiäre Zuwendung. Auch wenn die gewaltige Wertsteigerung der Verbund AG voran deren Vorstand und der EU-weiten Verpflichtung zur CO2 Reduktion zu danken ist und die Wertsteigerung der Bundesimmobilien kaum mit Schmid zu tun hat.

Warum nicht mehr privat?

Nur dass die Republik ihre Beteiligungen in einer AG gebündelt hat, ist vermutlich gut. Allerdings teile ich den ÖVP- Standpunkt, dass „weniger Staat, mehr privat“ noch besser wäre: Nur beim Verbund macht Staatseigentum Sinn- OMV, Post oder Immobilien, brauchen es in keiner Weise. Staatseigentum an nicht zwingend vom Staat zu führenden Unternehmen, darin bin ich ausnahmsweise neoliberal, befördert politische Freunderlwirtschaft. (Der führende Theoretiker des Austromarxismus Otto Bauer formulierte es noch härter: Unfähige Beamte treten an die Stelle fähiger Unternehmer). Theoretisch sollte es Kurz und Blümel also schwer fallen, zu erklären, warum sie sich entgegen ihrer Ideologie derart für Schmid engagiert haben und eigentlich müsste daraus auch ein reales Rechtsproblem erwachsen: Schließlich haben beide ein solches Engagement vor dem U-Ausschuss bestritten.

Fast Zack Zack Zack

Noch mehr erstaunt hat mich in der Theorie- nicht in der realen Praxis- beider Umgang mit der katholischen Kirche. Unmittelbar nachdem Kardinal Christoph Schönborn, vor allem aber der Generalsekretär der Bischofskonferenz Peter Schipka die türkisblaue Asylpolitik heftig kritisiert hatte, kam es am 13. März 2019 zu einem Treffen zwischen Schipka und Schmid, das diesen am frühen Nachmittag folgende Nachrichten an Kurz senden ließ: „Heute ist die Kirche bei uns. Schipka kommt um 16.00 Wir werden Ihnen ordentliches Package mitgeben. Im Rahmen eines Steuerprivilegien Checks aller Gruppen in der Republik wird für das BMF auch die Kirche massiv hinterfragt. Alle sind gleich. Dann gehen wir unsere Liste durch. LG Thomas“. Darauf Kurz: „Ja super. Bitte Vollgas geben.“ Am Abend berichtete Schmid dem Kanzler über den Verlauf des Gesprächs: „Also Schipka war fertig! Steuerprivilegien müssen gestrichen werden Förderungen gekürzt. Und bei Kultus und Denkmalpflege wesentliche Beiträge. Heimopfergesetz werden wir deckeln. Er war zunächst rot dann blass dann zittrig“

Erinnert mich fast an „Zack Zack Zack“. Nicht so Kurz : „Super danke vielmals!!“schrieb er zurück.

Wann werden die Österreicher begreifen, wie der Mann beschaffen ist, den sie mit so großem Abstand zum Kanzler haben wollen? Kurz dürfte jedenfalls begriffen haben, dass es ihm nicht gut tut, wenn die Staatsanwälte Handys beschlagnahmen. Innenminister Karl Nehammer hat ein Gesetz entworfen, das das Sicherstellen von Datenträgern zur Ausnahme machen soll.

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Der Impfvorsprung der Widerlinge

Die Osterruhe ist zu kurz. Nur Impfen erspart Lockdowns. Der US-Vorsprung kommt daher, dass Donald Trump der Forderung neoliberaler Ökonomen nach Planwirtschaft folgte

Alle, die etwas davon verstehen, sind ausnahmsweise einig: Nur ein schon vorige Woche einsetzender landesweiter beinharter Lockdown hätte ausgeschlossen, dass die „britische“ Covid-19 Welle unsere Intensivstationen an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringt. Für Günter Platter, dessen Weitsicht seinem Bundesland bekanntlich schon bisher weltweites Corona-Ansehen beschert hat, kam das freilich nicht in Frage. Unter neun Landesfürsten zeigte nur Michael Ludwig letztlich Einsicht, so dass trotz des Zögerns von Johanna Mikl-Leitner und Hans Peter Doskozil zumindest der eben beginnende Ost-Lockdown zustande kam. Freilich nur vom 1. bis 6. April, obwohl Epidemiologen zwei Wochen fürs Minimum halten. Zwingende Folge: Die „Inzidenz“ wird nicht nur im Osten, sondern in ganz Österreich und bald auch in Vorarlberg kritisch sein. Die Wirtschaft wird darunter länger und stärker leiden, als sie unter einem ausreichend langen, noch so harten Lock Down gelitten hätte.

Die obszöne „Coronadiktatur“

Wahrscheinlich ist das politische Gespür der Politiker, die ihn vermieden haben, vorerst dennoch nicht so falsch: Die Zahl der Österreicher, die keinen Lockdown mehr erleben wollen, ist ungleich größer als die Zahl der zusätzlich anfallenden Covid-19-Toten. Die FPÖ agiert jedenfalls durchaus erfolgreich, indem sie Anti-Corona Demos befördert: Tausende, die ohne Maske und Abstand marschieren und Hunderte, die „Kurz muss weg“ brüllen, sorgen für maximales Viren-Spreading und Herbert Kickl, der uns als Innenminister Trojaner aufs Handy schicken wollte, schützt uns jetzt vor „Corona-Diktatur“. Um es in seiner ganzen Obszönität festzuhalten: In Belarus oder Myanmar fordern todesmutige Frauen Demonstrationen gegen fortgesetzte Wahlfälschung und putschende Generäle, die auf ihr Volk schießen lassen- in Österreich husst Kickl zu Demonstrationen gegen Maßnahmen auf, die dem Schutz vor einer Seuche dienen, parlamentarisch beschlossen wurden und alle zehn Tage parlamentarisch überprüft werden.

Dass die Bevölkerung dieser Maßnahmen müde ist, verstehe ich. Es ist auch nicht vergnüglich, mit 81 Jahren und drei Herzinfarkten zu den von ihnen Geschützten zu gehören, denn auch dieser Schutz wird irgendwann zu viel verlangt sein. Aber es ist nicht zu viel verlangt, dass Leute wie ich rascher geimpft werden. Gute Informatiker – „Willkommen Österreich“ hat es vorgeführt- sind für höchstens hunderttausend Euro in der Lage, eine Plattform zu programmieren, auf der man sich mit Alter, Adresse, Beruf und Vorerkrankung einloggt und die dann automatisch Impftermine und Adressen ausspuckt. Je eine solche Plattform pro Bundesland oder noch besser eine für ganz Österreich hätte es seit Monaten geben können.

Der Erfolg Trumps, das Versagen der EU

Entscheidend fürs Impftempo ist freilich ausreichend Impfstoff und diesbezüglich muss sich die EU-Kommission dringend mit ihrem Versagen auseinandersetzen, denn es ist ein systemisches Versagen: Sie war zu langsam und zu sparsam. So schwer mir diese Feststellung fällt: Ausgerechnet Donald Trump hat die Impfstoffbeschaffung perfekt gehandhabt. Und zwar zu meinem Leidwesen, indem er auf eine Gruppe neoliberaler Ökonomen gehört hat, wie sie die Universität von Chicago hervorbringt und wie sie als Regulierungs-Gegner 2009 entscheidend zur Finanzkrise beigetragen haben. Diese „Chicago-Boys“ überzeugten Trump, dass es im Kampf gegen eine Pandemie in erster Linie um Tempo geht: Es gilt, der exponentiellen Verbreitung von Infektionen Paroli zu bieten. Innovative Medikamente, so überzeugten sie Trump am Beispiel von Aids, nützten dabei ungleich mehr als die Forderung nach einem veränderten (sexuellen)Verhalten. Gefordert sei daher die Beschleunigung medizinischer Innovation. Um die zu erreichen zeigten sie allerdings eine Einsicht, die Neoliberalen normaler Weise fremd ist: Der „Markt“, so befanden sie, honoriere medizinische Forschung nicht rasch genug- deshalb müsse die öffentliche Hand in Frage kommenden Firmen diese Forschung, die Schaffung von Produktionskapazitäten, ja sogar den Kauf großer Mengen von Covid-19-Medikamenten im Voraus bezahlen. So kam es zu den 18 Milliarden, die Trump schon investierte, bevor er Impfstoffe kaufte. Dass er für die Durchführung Gustave Perna, einen Vier-Sterne-General beauftragte war möglicherweise auch zweckdienlich.

Die schnelle US-Zulassung – die langsame EU-Zulassung

Es war voran germanische Spargesinnung, die ein vergleichbares Vorgehen der EU verhindert hat, obwohl unsere „soziale Marktwirtschaft“ theoretisch viel besser als der Neoliberalismus um die Wichtigkeit großzügig finanzierter Forschung und Beschaffung weiß. Aber Ausgabenbremsen bremsen auch gezieltes Denken.

War das Eintreten der Chicago Boys für fast planwirtschaftliche Vorfinanzierung der Forschung unerwartet, so kritisierten sie erwartungsgemäß das Tempo der staatlichen Gesundheitsbehörde FDA bei der Zulassung von Medikamenten: Bei Seuchen- wieder verwiesen sie auf die exponentielle Verbreitung – müsse Schnelligkeit vor Genauigkeit gehen. Trumps soziale Medien erzeugten den Druck, der die widerstrebende FDA soviel früher als die EMA eine vorläufige Notzulassung für Pfizer und Moderna erteilen ließ. Zusammen hat das dafür gesorgt, dass in den USA schon ein Drittel, in der EU nur ein Zehntel der Bevölkerung geimpft ist.

Nur schnellstes Impfen kann die Pandemie auch bei uns besiegen. Israels Benjamin Netanjahu, den es ohne Impftriumpf nicht mehr gäbe, hat gezeigt, wie es geht; Österreich impfte zu Recht durchgehend AstraZeneka, obwohl die Meldungen über Thrombosen nicht abreißen. Ungarns Viktor Orban impft schon jetzt mit Erfolg Sputnik-V. Und Sebastian Kurz will zu Recht das gleiche.

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Sebastian Kurz, der edle Ritter

Die Legende vom Impfstoff-Komplott in Brüssel, von seiner Entdeckung und Zerschlagung durch Sebastian Kurz und von seinem edlen Einsatze für das betrogene Bulgarien.

Sebastian Kurz hat es wieder einmal allen gezeigt. In kürzester Zeit hat er in Brüssel für Recht und Ordnung bei der Verteilung des Corona -Impfstoffes gesorgt: Die EU sei „nahe“ daran, die bestehenden Abweichungen vom Bevölkerungsschlüssel zu korrigieren, ließ er nach einer Videokonferenz mit EU-Ratspräsident Charles Michel wissen, er sei zuversichtlich, dass wir hunderttausende Dosen mehr aus vorgezogenen Lieferungen von Pfizer bekämen. Sein Einsatz hätte jedoch gar nicht so sehr uns, als den armen Bulgaren gegolten, die schwer benachteiligt worden wären, weil „Beamten“ sich unbegreiflicher Weise heimlich über die Beschlüsse der „Staatchefs“ hinweggesetzt hätten.

Richtig an dieser Legende ist, dass die EU bei der Beschaffung von Impfstoff – nicht seiner Verteilung- Fehler gemacht hat. Sie hat zwar die richtige Strategie verfolgt, sie gemeinsam in Angriff zu nehmen, Vorverträge bezüglich möglichst vieler Vakzine abzuschließen, und diese, sobald sie geliefert würden, gemäß einem Bevölkerungsschlüssel an die Mitglieder zu verteilen, aber bei der praktischen Durchführung lief einiges schief (wie nicht einmal Ursula von der Leyen bestritt): Zwar hat die EU Millionen aufgewendet, um die Forschung potentieller Produzenten wie AstraZeneka zu beschleunigen und Produktionskapazitäten zu schaffen, aber Donald Trumps USA wendeten dafür 18 Milliarden auf. Und vor allem legten die USA Milliarden auf den Tisch um tatsächlich Impfstoffe zu kaufen, während die EU nur „Abnahmegarantien“ unterzeichnete und mit den Pharmakonzernen zu feilschen suchte.

Das Sparen kostet die EU Abermilliarden

Es hätte sofortige Abschlüsse und das Zehnfache der aufgewendeten Beträge gebraucht um die Produktionsstandorte in Europa entsprechend auszubauen und schnellste Lieferungen sicherzustellen. „Einzig ein solches Vorgehen“, so hielt Armin Thurnher schon im Jänner fest, „hätte das jetzt erwünschte Impftempo ermöglicht. Aber eine solche volkswirtschaftlich fundierte Public Health Position war im frühen Sommer 2020 nicht mehrheitsfähig, schon gar nicht mit den Ländern der sparsamen Vier.“ Die hatten bekanntlich Sebastian „Ausgabenbremse “ Kurz zum Wortführer. Die Staaten der EU sollten auch bei der Bestellung von Impfstoff nach Kräften sparen.

Vorsichtig geschätzt wird das ihre Wirtschaft auf Grund verspäteter Impfungen das Tausendfache des eingesparten Betrages kosten.

Während die USA schon im Juli bis zu 600 Millionen Impfdosen bei Biontech/Pfizer orderten, orderte die EU erst im November 300 Millionen Dosen für ihre viel größere Bevölkerung, obwohl ihr Biontech 500 Millionen anbot. Biontech-Chef Ugur Sahin: „Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert. „Dabei ist Hintergrund klar: die EU setzte vorrangig auf den billigeren Impfstoff von AstraZeneka, und das, ohne die Produktionskapazitäten des schwedisch-britischen Konzerns zu bedenken.

Österreich wollte Pfizer-Vakzine nicht nehmen müssen

Es war voran Österreich, das aus Sparsamkeit auch den von der EU geplanten Verteilungsschlüssel nicht einfach akzeptieren wollte, sondern sich vorbehielt, von jedem Impfstoff nur die selbst gewünschte Menge abzunehmen. Lettland, Slowenien oder Bulgarien bestanden auf Grund ihrer begrenzten Mittel auf dem gleichen Vorbehalt. Nicht die EU veranstaltete einen „Basar“ (Kurz) bei dem es zu einer Neuverteilung des Impfstoffes kam, der nicht mehr dem Bevölkerungsschlüssel folgte, sondern die beteiligten Staaten, darunter Österreich, setzen ihn durch: Arme Länder wie Bulgarien oder Lettland verzichteten auf den teuren Pfizer-Impfstoff und bestellten mehr von AstraZeneka, reiche Länder wie Dänemark oder Malta deckten sich mit dem auf diese Weise frei gewordenen Pfizer- Impfstoff ein. Auch Österreich hätte diese Möglichkeit bekanntlich gehabt: Es hätte 100.000 Dosen des Pfizer Vakzins mehr bestellen können, hat das aber nicht getan, weil der Sonderbeauftragte für Gesundheit, ÖVP-Mann Clemens Martin Auer das nicht wollte.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober erklärte bekanntlich, dass Auer ihm nichts von dieser Möglichkeit gesagt hätte und Sebastian Kurz, der jetzt „entdeckt“ haben will, wie sehr die EU von der bevölkerungsgerechten Verteilung abgewichen ist, ist darüber bekanntlich so empört, dass er Auers Abberufung durchsetzte. Was er in der Video-Konferenz mit Charles Michel „erreichte“ war die Zusage, dass die EU natürlich nichts dagegen haben würde, zu dem von ihr ursprünglich geplanten Verteilungsschlüssel zurück zu gelangen, indem Länder wie Dänemark oder Malta sich damit einverstanden erklärten, Pfizer-Impfstoff abzugeben. Ich hege nur vorsichtige Zweifel daran, dass sie das angesichts der eingetretenen Lieferengpässe in größerem Umfang tun werden.

Dann hat er seine Laden nicht im Griff

Um Kurz Rolle in der Frage des „Basars“ zu illustrieren, zitiere ich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die ihn normalerweise ob seiner neoliberalen Überzeugung mit Glacéhandschuhen anfasst. In Brüssel, so ihr Bericht, „sorge seine Darstellung für erhebliche Verwunderung. Es gilt als schwer vorstellbar, dass ein Beamter eine solche Entscheidung ohne Kenntnis der Regierung treffen konnte“. Die Impfstoffbestellungen sind doch spätestens seit die EU wegen ihrer Impfstrategie im Kreuzfeuer der Kritik steht, eine hochpolitische Angelegenheit, sagt ein Diplomat. Einer aus einem anderen Mitgliedstaat ergänzt: wenn das Kurz tatsächlich nichts gewusst hat, dann hat er seinen Laden nicht im Griff“.

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Noch einmal „Gender Pay Gap“

Fünf Vorschläge, es effizient und erfolgreich zu verringern. Im Abtausch gegen das Binnen-I

Der Weltfrauentag ist zwar vorbei, aber die finanziellen Probleme, in die die Pandemie voran Alleinerzieherinnen gestürzt hat, sind es in keiner Weise, so dass ich das Thema noch einmal aufgreifen möchte. Es ist mir insofern geläufig, als ich eine durch Jahre alleinerziehende Mutter zur zweiten Frau habe und der Sohn einer Alleinerzieherin bin.

Statt einer Pandemie hat Auschwitz die Berufslaufbahn meiner Mutter drei Jahre unterbrochen, so dass sie statt gut bezahlter Psychoanalytikerin schlecht bezahlte Sekundarärztin in einer Lungenheilanstalt wurde. Weil sie mich dort wegen der Ansteckungsgefahr nicht bei sich haben konnte, wechselte sie in den noch schlechter bezahlten Job einer nebenberuflichen Fürsorgeärztin. 1963 stieg sie freilich dank männlicher Protektion durch Justizminister Christian Broda zur Beamtin im Gesundheitsministerium und damit in eine Gehaltssphäre auf, in der Mann und Frau theoretisch gleich gestellt sind- sie werden mindestens „Ministerialrat“. Meine Mutter, obwohl Ärztin und Juristin, freilich als letzte, und während ihre Kollegen zum Karriere-Ende zu Sektionschefs befördert wurden, um in den Genuss der Höchstpensionen zu gelangen, blieb sie Ministerialrat. Die ihr vorgesetzten Sektionschefs waren zwar nie zugleich Ärzte und Juristen, aber dafür hatten sie die Auschwitz-Jahre meiner Mutter bei der NSDAP verbracht.

Ähnlich typisch verlief die Berufskarriere meiner zweiten Frau. Auch sie schloss zwei Studien, eines als Juristin, eines als Pianistin ab. Als das kleinere ihrer beiden Kinder drei war, brachte sie zwei marginal bezahlte Richteramtsjahre hinter sich, um sich als Richterin zu bewerben. Aber obwohl sie eine erste perfekte Übernahmeprüfung zum Strafecht abgelegt hatte, zeigte sich der Prüfer skeptisch: Da sie Kinder hätte, würde sie ständig fehlen und damit ungeeignet sein. „Ich habe die Kinder schon“, wendete sie ein. Noch schlimmer, meinte der Prüfer, „was werden Sie tun, wenn wir sie ins Waldviertel versetzen?“

Noch schlimmer war der zweite, entscheidende Prüfer, seines Zeichens Präsident des Oberlandesgerichtes: Nachdem sie eine Stunde hindurch jede seiner Fragen perfekt beantwortet hatte, erklärte er ihr, es gäbe keinen freien Platz. „Egal was ich mache- Sie wollen mich einfach nicht“, schrie sie ihn schließlich an und erntete damit immerhin die Gratulation seiner Vorzimmerdame: „Endlich hat`s ihm´s eineg`sagt.“

Ein paar Wochen später trat sie zufällig der SPÖ bei- drei Tage später erhielt sie einen Anruf aus dem Gericht: jetzt gäbe es einen freien Platz. Sie lehnte dankend ab und verdingte sich bei einem Anwalt, wo man als Frau 8.000 und als Mann 8.500 Schilling Anfangsgehalt erhielt. Nachdem sie zwei Jahre hindurch von Kindergartentermin zu Gerichtstermin und wieder zu Kindergartentermin gehetzt war, warf sie das Handtuch: Eine Anwaltskarriere- ein entsprechendes Einkommen- ist mit zwei Kindern nicht möglich. Sie wurde Juristin einer Bank und baute schließlich mit mir in Heimarbeit einen kleinen Verlag auf – „Home-office“ sollte die Pandemie überdauern.

Ich war, als ich sie kennenlernte, Herausgeber des profil mit Budgethoheit und habe das „Gender Pay Gap“ ökonomisch zu Gunsten des trend-Verlages genutzt: Ich habe vorzugsweise Frauen eingestellt, weil Ursula Pasterk, Trautl Brandstaller oder Elfriede Hammerl zu gleichen Gehältern ungleich besser als die meisten Männer schrieben. Für Hammerl richtete ich die damals erste „feministische“ Kolumne ein. Seit bald sechzig Jahren ist sie meine älteste, wichtigste Freundin, was freilich nicht nur mit ihrer intellektuellen Qualität zusammenhängt: In ihrer Jugend wurde sie von Kollegen, die in Schwechat die Ankunft der „Miss Welt“ erwarteten, mit ihr verwechselt. Auch ich bin ein Male Chauvinist Pig.

Entsprechend schwer fällt es mir, manche feministische Überzeugung zu teilen: Ich glaube zum Beispiel nicht, dass „Gendern“ erheblich zur Gleichstellung der Frau beiträgt: Im Englischen hat man nur mit dem Wort „Mankind“ zwar ein massives feministisches Problem- aber überall sonst fehlt die Geschlechtszuordnung. Trotzdem wüsste ich, die Stellung der Frau betreffend, keinen dramatischen Unterschied zu Ländern, in denen das Binnen-I durchgesetzt wurde und man politisch korrekt „mehr BürgerInnenmeisterInnen“ fordern müsste. Ich danke Gott, dass die Autorin Elfriede Hammerl in ihren Texten nicht schreibt, in die KonditorInnenei gegangen zu sein, und davon ausgeht, dass Männer „Göttinnen“ mitdenken, wenn sie „göttlich“ sagen.

Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, dass man (auch Mann) für anderes kämpfen sollte. Allem voran für „Betriebskindergärten“, die der Staat finanziell massiv fördern sollte, weil sie Frauen erlauben, Kinder ohne Hetze in die Arbeit mitzunehmen. Frankreich tut das seit Jahrzehnten und hat damit eine ungleich höhere Geburtenrate als Österreich, sogar die höchste in Europa. Dem gleichen Zweck (und dem Erlernen der deutschen Sprache) dienen Ganztagsschulen. Und wenn der Staat etwas dafür tun will, dass „soziale Kompetenz“ nicht soviel schlechter als „technische Kompetenz“ bezahlt wird, müsste er nur die Pflegerinnen in öffentlichen Spitälern und Altersheimen besser bezahlen, obwohl es das Budgetdefizit erhöhte.

Am meisten schlägt sich das Gender Pay Gap bei Arbeitslosigkeit im so viel niedrigeren Entgelt und im Alter in der so viel geringeren Pension nieder. Auch da könnte (sollte) der Staat eingreifen: Er könnte beides pro Kind um einen bestimmten Prozentsatz erhöhen. Das kostete abermals Geld -wäre aber leistungsgerecht.

Dafür hatte das stets rote Gesundheitsministerium in Primaria Ingrid Leodolter, eine der Verwaltung in keiner Weise gewachsene Chefin, weil Bruno Kreisky „auch Frauen“ in der Regierung haben wollte. (Mit Hertha Firnberg bestellte er allerdings eine perfekte Wissenschaftsministerin).

Sebastian Kurz setzte seine Regierung, dem Zeitgeist entsprechend, zur Hälfte aus Frauen zusammen – dem verdankten wir Christine Aschbacher.

Die Geschichte meiner Frau passt immer noch.

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Der Preis des Sparens

Pfizer/Biontech hatte der EU angeboten, für 10 Milliarden Euro Chargen ihres Impfstoffes zu kaufen.

Die EU hat es vorgezogen, nur für drei Milliarden Euro bei Pfizer zu kaufen und mehr vom billigeren AstraZeneka-Impfstoff zu bestellen, weil es für sie keine größere politische Tugend als das Sparen des Staates gibt. Österreich hatte die Möglichkeit, mehr von Pfizer/Biontech nachzubestellen und Clemens Martin Auer (ÖVP) hat darauf verzichtet und ist bei AstraZeneka geblieben, weil Sparen des Staates auch in Österreich zur größten aller politischen Tugenden erklärt wurde. Vorsichtig geschätzt dürfte das billigere Impfen die EU und Österreich bisher etwa das Zehntausendfache dessen gekostet haben, was beim Impfstoff-Einkauf eingespart wurde.

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Der kleine Schadenersatz-Unterschied

Die Stadt Minneapolis bezahlt den Hinterbliebenen von George Floyd 27 Millionen Dollar weil sie in seinem Erstickungstod unter dem Knie eines Polizisten zu Recht ein Versagen des Staates sieht.

In Wien erhielten die Hinterbliebenen der Todesopfer des letzten Terrorattentäters bisher je 2.000 Euros, obwohl die Verantwortung des Staates außer Zweifel steht: Schließlich wurde das BVT darauf aufmerksam gemacht, dass der Attentäter andere IS-Sympathisanten getroffen und Munition zu kaufen versucht hat, und hat ihn dennoch nicht der Justiz überantwortet.

Generell sind die gigantischen Opferentschädigungen, die das amerikanische Schadenersatzrecht ermöglicht zweifellos übertrieben- ab er die vom österreichischen Schadenersatzrecht gewährten Entschädigungen sind grotesk: Patienten, denen bei Operationen versehentlich ein falsches Organ entfernt wurde, oder Hinterbliebene eines durch Kunstfehler Verstorbenen erhalten ein paar Tausend Euro.

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Türkis-Grün, aber stramm neoliberal

Arbeitsminister Martin Kocher ist überzeugt, dass höhere Arbeitslosen-Gelder und Mindestlöhne der Wirtschaft schaden. US-Ökonomen sehen es umgekehrt.

Anlässlich des Weltfrauentages forderten ÖGB und SPÖ einmal mehr, das Arbeitslosengeld zu erhöhen: Die Pandemie hätte besonders viele Frauen arbeitslos gemacht, ihr sowieso geringeres Gehalt bedinge besonders niedriges Arbeitslosenentgelt, so dass vor allem Alleinverdienerinnen kaum durchkämen. Die Regierung hat das mit der Expertise von Arbeitsminister Martin Kocher- er war Direktor des „Instituts für höher Studien“ (IHS)- einmal mehr abgelehnt.

Dass auch eine andere ökonomische Beurteilung möglich ist, zeigen die USA: Dort hat schon Donald Trump die (freilich besonders niedrigen) Arbeitslosenentgelte um gewaltige 400 Dollar pro Woche erhöht und dafür (das erste und einzige Mal) den Beifall von Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erhalten: Dank des so hohen Arbeitslosenentgelts sei die Kaufkraft nicht eingebrochen und das hätte die Verluste von Geschäften und Unternehmen minimiert. Tatsächlich ist das BIP der USA nur um drei Prozent, das Österreichs und der EU um mehr als das Doppelte eingebrochen. Joe Biden wollte die 400 Dollar pro Woche in seinem jüngsten 1,9 Billionen -Hilfspaket denn auch beibehalten, gab sich aber mit „nur“ 300 Dollar zufrieden, um die Zustimmung des Senats zu erhalten. Dass das erhöhte Arbeitslosengeld zur Überwindung der Krise beiträgt, blieb für Biden, Krugman und Finanzministerin Janet Yellen freilich unbestritten.

Dass das Sebastian Kurz oder Martin Kocher zum Nachdenken gebracht hätte, hätte mich verblüfft: Ihre Überzeugung, dass voran die Staatsschuld gering gehalten werden müsse (nicht durch mehr Arbeitslosengeld erhöht werden dürfe), ist durch die bessere Entwicklung der USA nicht zu erschüttern.

Ein Brief für Brüssel

Kocher ist auch in anderer Hinsicht konsequent neoliberal: Der Staat möge dem Markt bei der Gestaltung der Gehälter nicht in die Quere kommen. So wollte die EU heuer nämlich Mindeststundenlöhne einführen, gab das aber auf, nachdem Ökonomen aus neun Ländern, darunter Martin Kocher, sich in einem Brief energisch dagegen ausgesprochen hatten. Das dahinter liegende Argument: Höhere Mindestlöhne erhöhten die Arbeitslosigkeit. Als Deutschland 2017 einen Mindestlohn von 8,50 Euro einführte, rechneten diverse Starökonomen in der Frankfurter Allgemeine Zeitung sogar vor, wie viele Stellen es kosten würde- obwohl es am Ende nicht eine einzige war.

Mindestlöhne erhöhen nämlich nicht nur die Lohnkosten für Unternehmen, sondern (wie höheres Arbeitslosengeld) auch die Kaufkraft der Bevölkerung, und wenn die mehr einkauft, können Unternehmen mehr verkaufen.

Doch Neoliberale haben immer nur das „Angebot“ nie auch die „Nachfrage“ im Kopf, sind sie doch überzeugt, dass der „Markt“ die beiden ins optimale Gleichgewicht bringt. Dass dabei der Lohnanteil am BIP seit Jahrzehnten sank, während der Gewinnanteil stieg, irritiert sie nicht.

Wie funktioniert der Arbeitsmarkt?

Der Arbeitsmarkt zählte daher zu den zentralen Themen meines Buches über „die Zerstörung der EU“ und ich zitiere daraus, weil ich die Argumentation nie kürzer zusammenfassen konnte: Der Markt ist ein theoretisches Modell, das in der Praxis unter folgenden Voraussetzungen funktioniert: 1. alle Beteiligten besitzen die gleichen Informationen und haben 2. die gleiche Möglichkeit gemäß diesen Informationen optimal zum eigenen Vorteil zu handeln. Genau das ist beim Arbeitsmarkt nicht gegeben. An zwei Beispielen:

  • wenn die Gefahr von zu viele Arbeitskräften für zu wenige Jobs besteht, müssten alle Arbeitnehmer theoretisch so heftig wie nie zuvor konsumieren, denn das vergrößerte den Bedarf an Gütern und sicherte damit Arbeitsplätze. In der Praxis schränken sie ihren Bedarf so weit wie möglich ein, um die erwarteten schwierigen Zeiten zu überleben.
  • wenn sie Kündigungen befürchten, müssten sie ihr Angebot an Arbeitskraft theoretisch verknappen, das heißt Überstunden unbedingt ablehnen. In der Praxis erklären sie sich bereit, mehr Überstunden denn je zu leisten, um den eigenen Job zu behalten.

Selbst der Urvater der Markwirtschaft, Adam Smith, wusste um dieses Ungleichgewicht der Kräfte am Arbeitsmarkt. Bei Lohnverhandlungen, so schrieb er, wären Arbeiter in einer schwächeren Position als Unternehmer, weil diese sich leichter zu einem Lohnkartell zusammenschließen könnten.

Die Gewerkschaft schwächen

Nur der Zusammenschluss Arbeiter zu Gewerkschaften vermochte die Position der Arbeiter zwei Jahrhunderte später der der Unternehmer anzunähern. Anliegen Neoliberaler ist es daher stets, die Gewerkschaften zu schwächen, indem man etwa, wie unter Schwarz-Blau, „betriebsspezifische Lohnverhandlungen“ fordert, bei denen sie nichts mehr mitzureden haben. Oder indem man staatlich geregelte Mindestlöhne ablehnt, die den Arbeitnehmern vor allem dort bessere Entlohnung verschaffen, wo die Gewerkschaften, wie etwa im Gastgewerbe, zu schwach sind, um starke Kollektivverträge durchzusetzen. Neoliberale meinen, der Wirtschaft durch diese Lohnzurückhaltung etwas Gutes zu tun- auch die Erkenntnis des 1. Henry Ford -„ich muss meine Arbeiter gut bezahlen, damit sie meine Autos kaufen können“- ist nicht zu ihnen durchgedrungen.

Auch in den USA musste Joe Biden die (schon von Donald Trump erhobene) Forderung nach 15 Dollar Mindeststundenlohn zum Leidwesen seiner Ökonomen aus seinem Billionen-Paket streichen, sonst hätte der demokratische Senator Joe Manchin es gemeinsam mit den Republikanern zu Fall gebracht.

Martin Kocher wäre bei den Republikanern gut aufgehoben.

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Frauen: Was macht den Gehaltsunterschied

Die Gehaltsdifferenz zu Männern bleibt groß – aber nicht ausschließlich als Folge patriarchaler Strukturen. Auch die Babypause der Justizministerin trägt dazu bei.

Alle Medien haben anlässlich des Weltfrauentages mehr oder minder ausführlich berichtet, dass das um Teilzeitarbeit bereinigte „Gender Pay Gap“ zwischen Frauen und Männern in Österreich immer noch 14,7 Prozent beträgt und dieses Unrecht gebührend angeprangert. Ich begehe das Sakrileg, es zwar nicht zu bestreiten, aber zu relativieren: Derart groß ist die Differenz nicht in erster Linie, weil die Arbeit von Frauen so viel schlechter als die von Männern bezahlt wird, sondern vor allem, weil Frauen in soviel größerer Zahl besonders schlecht bezahlte Berufe wie Kosmetikerin, Verkäuferin oder Friseurin ergreifen.

Auch Friseure verdienen wenig.

Dass Frauen auch im durchgehend schlecht bezahlten „Handel“ weniger als Männer verdienen, liegt abermals nicht daran, dass man sie für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt, sondern daran, dass Männer sehr viel häufiger als „Logistiker“ Lager verwalten- sind Frauen ausnahmsweise Logistikerinnen, verdienen sie wie die Männer

Der Vorteil der Technik

Grundsätzlich sind Berufe, die mit Naturwissenschaften zu tun haben, deutlich besser als die meisten anderen Berufe bezahlt- weil der technologische Fortschritt nun einmal die mit Abstand größten Zuwächse des BIP ermöglicht. Aber obwohl Schulen, Berufs-Messen und Medien seit vierzig Jahren raten, dass Frauen seltener Friseurinnen und öfter Ingenieurinnen werden sollen, geschieht das nur sehr zögernd: Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass ihr Interesse an Technik einfach viel geringer ist. Relativ unbestrittene Untersuchungen belegen, dass sie dafür auch das etwas schlechtere räumliche Vorstellungsvermögen mitbringen.

Die feministische Erklärung schreibt das ausschließlich versteinerten „Rollenbildern“ zu: Kleine Mädchen bekämen Puppen, kleine Buben Autos geschenkt, so dass ihre Interessen und Fähigkeiten von vornherein entsprechend gelenkt würden. Wahrscheinlich spielen diese Rollenbilder tatsächlich die wesentlichste Rolle bei der Berufswahl, aber es gibt Tierversuche, die an der ausschließlich soziologischen Erklärung Zweifel wecken: Wenn man Affen Puppen, Geschirr, Autos und Bälle zum Spielen anbietet, greifen die weiblichen Tiere in ihrer überwältigenden Mehrheit zu Puppen und Geschirr, die männlichen zu Autos und Bällen. Ganz abwegig ist die These einer epigenetisch etwas größeren Technik-Affinität von Männern also schwerlich, zumal sie exakt zu ihrem etwas besseren räumlichen Vorstellungsvermögen passt. Und weil Technik-Affinität aus ökonomischen Gründen eben weit besser bezahlte Berufe sichert, erklärt das zumindest einen Teil des männlichen Gehaltsvorsprunges.

Der künftige Vorteil der Frauen

Die Zukunft könnte das übrigens ändern: Abermals relativ unbestrittene Untersuchungen belegen, dass Frauen eine etwas größere Sprachbegabung als Männer haben. Sprachbegabung scheint aber das Verständnis von Informatik zu erleichtern und in dem Ausmaß, in dem Informatik zum wesentlichsten Faktor des Produktivitätsfortschritts wird, sollte das die Gehälter von Frauen erhöhen, die ihre Sprachbegabung zum Studium der Informatik nutzen.

Vor allem aber schließen seit Jahren ungleich mehr Frauen als Männer akademische Studien jeglicher Art erfolgreich ab- das könnte den Gehaltsabstand früher oder später überhaupt umkehren. Noch ist es freilich lange nicht so weit, und ich möchte nicht dahin missverstanden werden, dass der feministische Kampf um gleichen Gehalt für gleiche Arbeit überflüssig wäre- ich setzte nur die Schwerpunkte anders: Die Forderung nach Ganztagsschulen, Betriebskindergärten und höhere Mindestpensionen schiene mir relevanter als der Hinweis auf den Gehaltsunterschied.

Der Nachteil der Babypause

So hängt der errechnete Gehaltsabstand zwischen der Summe der Frauen und der Summe der Männer nicht zuletzt damit zusammen, dass Frauen sehr viel seltener extrem hoch bezahlte Spitzenpositionen in der Wirtschaft innehaben. Mit Sabine Herlitschka führt in Österreich zwar mittlerweile eine Frau „Infineon“ und in den USA ist Mary Barra CEO von „General Motors“, aber noch sind das einprägsame Ausnahmen. Wieder hängt das sicher mit „Rollenbildern“, patriarchalen Strukturen und männlicher Macht-Verteidigung zusammen, aber Frauen gelangen auch deshalb seltener in solche Positionen, weil sie nun einmal Kinder bekommen und von ihnen länger und mehr als Väter in Anspruch genommen werden.

Das ist in einer absoluten Spitzenposition ein Problem, das man derzeit an Alma Zadic beobachten kann. Ich schicke voraus, dass sie ihre Sache bisher bestens gemacht hat, und dass ich sie für qualifizierter als etliche ihrer Vorgänger halte- dennoch stellt Zadic` Babypause ein reales Problem dar: Es ist von Nachteil, dass sie die Justiz nicht mit ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit gegen die Angriffe der ÖVP verteidigen kann. Es wäre von Vorteil, wenn in einer Zeit, in der die Staatsanwaltschaft an so vielen Fronten in so heikle Verfahren verwickelt ist, die Juristin Zadic statt des Betriebswirtes Werner Kogler an ihrer Spitze stünde, und wie die Weichen für den künftigen Bundesstaatsanwalt gestellt werden, kann eine anwesende Justizministerin auch eher beeinflussen. Das alles ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsachenfeststellung.

Was für die Spitze der Justiz gilt, gilt aber auch für die Spitze großer Unternehmen: Monatelange Abwesenheit oder begrenzte Anwesenheit sind reale Probleme. Solange Frauen Kinder bekommen, werden sie daher seltener als Männer Vorstandsvorsitzende sein, obwohl sie das wichtigste -Leben- produzieren.

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Gute Noten trotz schwacher Leistung

Die Corona-Strategie ist riskant – die Wirtschaft liegt am Boden. Aber nur im Umgang mit der Justiz stößt das Marketinggenie des Sebastian Kurz an Grenzen.

 Wären wenigstens alle Alten geimpft, die Lockerung in Vorarlberg wäre vertretbar. So könnte sie sich in das unglückliche Auf-Zu einreihen dem wir die zeitweise weltweit meisten und heute noch immer über 2.000 SARS-Cov2 Neuinfektionen pro Tag verdanken. Aber Sebastian Kurz ist ein Marketing Genie: Niemand lacht, wenn er sagt, dass wir viel besser als andere durch die Pandemie kämen. Restlos katastrophal ist bekanntlich unsere wirtschaftliche Performance: Mit 6,6 Prozent brach Österreichs BIP weit stärker als im Schnitt der EU (-6,3 Prozent) ein, verzeichnete im vierten Quartal mit -7,8 Prozent den EU-weit größten Absturz (EU:- 4,3 Prozent), obwohl Tourismus im Herbst keine so überragende Rolle spielt und wächst heuer mit geschätzten 2 Prozent (EU:+3,7 Prozent) am geringsten. Das hat die Zustimmung zur ÖVP in Umfragen zwar von sagenhaften 43 Prozent im April 2020 auf derzeit 35 Prozent sinken lassen, doch damit rangiert sie immer noch 12 Prozent vor der SPÖ, und bei der Kanzlerfrage liegt Kurz mit 32 Prozent beim Doppelten von Pamela Rendi-Wagner (15 Prozent). Für eine so schwache Regierungsleistung so gut benotet zu werden, dürfte Weltspitze sein.

Zweierlei Maß

 Zum Vergleich: Die rot-schwarze Regierung Werner Faymanns überwand die Welt-Finanzkrise von 2009 mit einem Wirtschaftseinbruch von -3,9 Prozent gegenüber -4,3 Prozent der EU und -5 Prozent Deutschlands. Dennoch geriet sie in fortgesetztes Trudeln, weil der Präsident der Wirtschaftskammer Christoph Leitl den Wirtschaftsstandort als „abgesandelt“ diffamierte. Es brauchte nur genügend Journalisten, die diese groteske Behauptung widerspruchslos verbreiteten und belanglosen regierungsinternen Streit Tag für Tag breittraten, um Rot-Schwarz aus den Angeln zu heben. In der Folge brauchte es ähnlichen Journalismus, um in Schwarz-Blau statt eines absehbaren Desasters eine bürgerliche Chance und in Kurz den schwarzen Messias zu sehen.

Dennoch dankt er seine Karriere auch unbestreitbaren Qualitäten: Er hat sie generalstabsmäßig vorbereitet; er gewann in Reinhold Lopatka oder Wolfgang Sobotka Helfer vom Format Christoph Leitls beim Diffamieren der Regierung Christian Kern -Reinhold Mitterlehner; er vermochte ahnungslosen Wirtschaftsjournalisten Budgetüberschüsse, die das Wirtschaftswachstum zwingend beeinträchtigten, als Jahrhundertleistung zu verkaufen; und in der konsequenten Ablehnung von „Zuwanderung“ bis hin zur Abschiebung in Österreich geborener Kinder übertraf er selbst H.C. Strache. (Zugleich ist das Beweis seiner extremen Flexibilität: Als Integrationsstaatssekretär vertrat er das Gegenteil genauso gekonnt.)

Sein Atout ist sein souveränes Auftreten. Er sagt kein Wort zu viel – nichts, was er nicht lange überlegt und eingehend auf Zielgenauigkeit und Treffsicherheit geprüft hat. Fragen von Journalisten überraschen ihn daher so wenig, wie sie ihn in Bedrängnis bringen. Es brauchte schon „Ibiza“, um ihn – ein einziges Mal – zu verunsichern.

 Warum ist Kurz so nervös?

Deshalb ist es so überraschend, dass er diese Souveränität in der Auseinandersetzung mit der Justiz so völlig vermissen lässt: Er wirkt überrumpelt und nervös – erstmals fehlen ihm die richtigen Worte. Es ist nun einmal sehr schwer, einer Wirtschaft und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) vorzuwerfen, dass sie einen Verdacht prüft, der sich nach H.C Straches „Die Novomatic zahlt alle“ aus einem Mail ergibt, mit dem der damalige Novomatic-Vorstand Harald Neumann Wiens VP-Chef Gernot Blümel um einen Termin bei Kanzler Kurz „erstens wegen Spende und zweitens bezüglich eines Problems, das wir in Italien haben!“ bittet. Die Hausdurchsuchung bei Blümel war schwerlich „überschießend“ – es wäre vielmehr ein schwerer Ermittlungsfehler gewesen, seinen Laptop nicht sicherzustellen, ehe man ihn vernahm.

Doch statt sich auf die Überzeugung von der Entkräftung des Verdachts zu beschränken, warf Kurz der WKStA ähnlich unbegründet „zahlreiche Verfehlungen“ vor und provozierte damit die Justiz: Es protestierte nicht nur die Vereinigung der Staatsanwälte, sondern auch die der Richter. Der Präsident am Innsbrucker Oberlandesgericht Klaus Schröder forderte von Bundespräsident Alexander Van der Bellen „die rein politisch motivierten Aussagen der ÖVP gegen die Justiz in die Schranken zu weisen.“

Der groteske Brief

Dass der Kanzler der WKStA in einem offenen Brief anbot, ihr „sieben Tage die Woche für eine Zeugenaussage zur Verfügung zu stehen“, (damit) „diese fehlerhaften Fakten sowie falschen Annahmen rasch aus der Welt geschafft werden können“ und dass er dieses Schreiben mit den Worten schloss „Ich würde mich nie öffentlich in ein Verfahren einmischen“, wurde rundum nur verspottet. Erstmals hat Kurz die gesamte bürgerlicher Presse gegen sich. Der Kurier, dessen Chefredakteurin Martina Salomon ÖVP-Interna wie niemand anderer kennt, deckte die Pläne zur Entmachtung der WKStA durch Vierteilung auf und zwang den VP-Chef zum fliegenden Strategiewechsel: Plötzlich will er nur den von der Opposition seit Jahrzehnten geforderten Partei-unabhängigen Bundesstaatsanwalt installieren. Zur Entmachtung der WKStA wird auch der sich nicht eignen: Zu viele Juristen achten zu genau auf die Gesetze, die seine Bestellung und Stellung regeln werden.

Wenn wirklich, wie Kurz beschwört, in der ÖVP nie von Spenden die Rede war, sollte er sich entspannt zurücklehnen können: Die WKStA wird sicher keine erfinden. Und sein Marketing sollte weiterhin genügen, der Regierung trotz schwacher Leistungen beste Noten zu bescheren.

 

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Die Macht (nicht) anzuklagen

Wir verdanken einem falschen Anlass, dass unsere Anklagebehörde nach fast einem halben Jahrhundert hoffentlich einem unabhängigen „Bundesstaatsanwalt“ unterstellt wird.

Mit 82 Jahren könnte ich erleben, was ich mit 44 für dringlich hielt: Dass an der Spitze der Staatsanwaltschaft ein neutraler „Bundesanwalt“ statt eines von der Regierung bestellten Justizministers darüber entscheidet, ob ein Strafverfahren mit „Einstellung“ oder „Anklage“ endet. profil hatte 1973 den „Bauring“-Skandal aufgedeckt: Die gemeindeeigene Baufirma hatte in Saudi Arabien 1,4 Mrd. Schilling (100 Millionen Euro) in den Sand gesetzt und dennoch 60 Millionen Schilling an eine Wiener Bank überwiesen. Wir konnten Bank und Konto nennen und zitierten die einander diametral widersprechenden Aussagen der Beteiligten über den Zweck der Überweisung, denn wir kannten den Fall von innen: Autor Alfred Worm, war Bauring-Angestellter gewesen. Doch die Staatsanwaltschaft unter SP-Justizminister Christian Broda dachte nicht daran, das Konto zu öffnen.

Es gab in 13 Jahren Bruno Kreisky keinen die SPÖ irritierenden Sachverhalt, den die Staatsanwaltschaft von sich aus aufgeklärt hätte. Offenbar hatte man aus den Erfahrungen der VP-Alleinregierung Josef Klaus gelernt: Deren Justizminister, der parteilose Rechtsgelehrte Hans Klecatsky, hatte nämlich Anklage wegen Korruption gegen Niederösterreichs VP- Landeshauptmann zugelassen und damit erheblich zur schwarzen Niederlage des Jahres 1970 beigetragen. Dergleichen sollte keinem Justizminister Kreiskys passieren.

profil lebte durch Jahre davon, von der Staatsanwaltschaft negierte suspekte Geschäfte der Gemeinde Wien zu beschreiben. Weil die Texte die Wiener nicht so kalt wie die Staatsanwaltschaft ließen, ließ sich Bürgermeister Felix Slavik von zwei Ganoven für 15.000 Schilling ein „Dokument“ andrehen, wonach profil-Eigentümer Oscar Bronner von der ÖVP Millionen erhalten hätte, um ihn fertig zu machen. Nach zwei Tagen besaßen wir ein schriftliches Geständnis eines der beiden Ganoven, dass das Papier gefälscht und Bronners Unterschrift aus dem Handelsregister kopiert war. Doch die Staatsanwaltschaft klagte die Fälscher nicht an- die Gemeinde hätte „keinen Schaden geltend gemacht“. Nur weil ein Richtergremium unserem Anwalt eine Subsidiaranklage zubilligte, wurden die Täter verurteilt.

Krönung dieser Art Strafrechtspflege war der AKH-Skandal: profil beschrieb detailliert, dass man Aufträge für den Bau dieses größten Wiener Spitals nur gegen Geld auf ein Konto in Liechtenstein erhielt- die Staatsanwaltschaft plädierte engagiert auf Einstellung des Verfahrens. Nur weil die Untersuchungsrichterin sich energisch wehrte, kam es, einmal mehr durch ein Richtergremium, doch zum Prozess.

In keinem dieser Fälle gab es übrigens „Weisungen“ Brodas- Wiens leitender Staatsanwalt Otto F. Müller war sozusagen sein Sektionschef Christian Pilnacek. So wie sich jetzt die Ex-Staatsanwältin Christine Jilek über die Behinderung bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität beklagte, beklagte sich damals Staatsanwältin Klothilde Eckbrecht-Dürckheim: Nach diversen Auseinandersetzungen mit Müller, der ein Disziplinarverfahren gegen sie anstrengte und mein Telefon abhören wollte, um zu erfahren, ob wir kommunizierten, warf auch sie das Handtuch und wechselte ins Richteramt.

Als die SPÖ nicht mehr allein regierte und ihr Koalitionspartner FPÖ mit Harald Ofner den Justizminister stellte, wurde es übrigens nicht besser: Wochenpresse und profil beschrieben durch Monate, wie der Gründer des roten „Club 45“ Udo Proksch einen sechsfachen Mord beging, um eine Versicherung zu betrügen, doch Ofner fand „die Suppe zu dünn“ für eine Anklage. Zu der kam es erst, als der parteilose Rechtsgelehrte Egmont Foregger das Justizministerium übernahm- das er wieder abgab, weil die SPÖ ihn nicht mehr bestellte, nachdem er auch ein Verfahren wegen falscher Zeugenaussage gegen Kanzler Fred Sinowatz zugelassen hatte.

Versicherungsbetrug mit Mord ist freilich ein eher rarer Fall unter den vielen die Politik berührenden Wirtschaftsdelikten- in der Praxis ungleich bedeutsamer ist die Korruption, weil der Staat (die Regierung) die größten Aufträge vergibt, so dass die Versuchung verbotener Geldflüsse dort die größte ist. Dass ein von der Regierung bestellter Justizminister Korruption aufklären soll, die seine Regierung verantworten könnte, muss daher zwingend höchst problematisch sein. „Anzuklagen oder nicht anzuklagen“ schrieb ich 1976 in einem Kommentar der den gleichen Titel wie der heutige trug, „ist eine der wesentlichsten Möglichkeiten staatlicher Machtausübung. Es ist- mit Ausnahme eines Kriminellen- kein Mensch denkbar, der als letzte weisungsgebende Instanz der Anklagebehörde befangener wäre als der Spitzenfunktionär einer politischen Partei.“ Deshalb darf an der Spitze der Anklagebehörde niemand stehen, der von einer Regierungspartei bestellt wurde.

Man muss Gott danken, dass die ÖVP das plötzlich auch so sieht- auch wenn der Anlass noch so falsch ist: Weil die Staatsanwaltschaft Verfahren gegen einige der ihren- zuletzt Gernot Blümel- eröffnet hat, zweifelt sie auf einmal an der Justizministerin. Trotzdem kommt es hoffentlich zu einer sachgerechten Lösung, die ich wie die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss sehe: Richter und Staatsanwälte machen gemeinsam einen Dreiervorschlag, aus dem das Parlament mit Zweidrittelmehrheit auf zehn Jahre einen „Bundesanwalt“ bestellt, der den Abgeordneten seine Entscheidungen bei Bedarf nachträglich erläutert und nur mit Dreiviertelmehrheit absetzbar ist.

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Wie die USA die EU weiter abhängen

Schon Donald Trump wirtschaftete ungleich besser als die Staatschefs der EU. Unter Joe Biden und Janet Yellen wird sich der Abstand weiter vergrößern

In den nächsten Jahren werden die USA einmal mehr vorführen, um wie viel besser als die EU sie wirtschaften. Schon Donald Trump agierte rein ökonomisch weit besser als Deutschlands sparsame Angela Merkel oder Österreichs sparsamer Sebastian Kurz:  indem er, die Staatsschulden negierend, die Steuern ohne ausreichende Gegenfinanzierung drastisch senkte, entfachte er einen Boom, der den USA mit 3 Prozent das im „Westen“ höchste Wachstum, die niedrigste Arbeitslosigkeit, kaum Inflation und Geringverdienern die seit langem größten Einkommenszuwächse bescherte. Einfachen Amerikanern war das ungleich wichtiger als seine katastrophale Außen- und Klimapolitik: Ohne „Corona“ hätte Trump den Wahlsieg errungen, den er seither herbei zu lügen versucht. Und selbst Corona hat er ökonomisch besser als die EU bewältigt, indem er den Wirtschaftseinbruch durch massiv erhöhtes Arbeitslosengeld abfing: Das US-BIP schrumpfte trotz Trumps miserabler Covid-19- Politik nur um 3,5, das der EU um 7,8 Prozent.

Sparen des Staates hat eben seinen Preis: Es kommt die Wirtschaft teuer.

Das große Staunen über Trump

Folgt man den Thesen der EU für gutes Wirtschaften, so durfte es Trumps Erfolg nicht geben. „Amerikas wundersames Wachstum“, überschrieb der Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Winand von Petersdorff denn auch seinen Bericht über die US-Wirtschaft, um verblüfft festzuhalten: „Eine der Weisheiten (der deutschen Wirtschaftspolitik) lautete, dass eine deutliche Erhöhung der Staatsdefizite und eine Steuersenkung, die nicht durch zusätzliche Staatseinnahmen gegenfinanziert war, zwangsläufig die Zinsen nach oben treibe (und so) die zusätzliche Dynamik ersticke, die die Steuersenkung entfachen sollte. In der Wirklichkeit allerdings stiegen die Zinsen nicht, sondern wiesen eher nach unten. Eine andere liebgewonnene Vorstellung war, dass die US-Wirtschaft nahe an der Kapazitätsgrenze produziere, weshalb ein Konjunkturprogramm aus Steuersenkung und zusätzlichen Ausgaben letztlich in Inflation münden würde“. Auch sie unterblieb. 

die „liebgewonnenen Vorstellungen“

Würde Nationalökonomie in Deutschland (in der EU) als Wissenschaft statt als Glaubenslehre betrieben, hätte dieser Bericht zur Folge, dass Ökonomen und Journalisten sich fragten, ob ihre „liebgewonnenen Vorstellungen“ zutreffen. Die Saldenmechanik erklärt zum Beispiel überzeugend, dass erhöhte Staatsausgaben die Wirtschaft nicht ersticken, sondern beflügeln. Und die „Kapazitätsgrenzen“ der US-Wirtschaft wurden allenfalls zwischen 1941 und 1945 erreicht, als die Notenbank jede Menge Geldes druckte und der Staat es in gigantische Rüstungsaufträge steckte – aber auch das erzeugte keineswegs Inflation. Und die Inflationstheorie des Monetarismus, wonach jede Erhöhung der Geldmenge sie erzeugt, wird längst auch nur mehr in Deutschland ernst genommen. Denn deutsche Ökonomen ticken besonders: Dass Staatsschulden und Gelddrucken des Teufels sind, ist für sie – anders als für angloamerikanische Ökonomen- Glaubensgewissheit. 

Die richtigen Vorstellungen

Joe Bidens Finanzministerin Janet Yellen setzt fort, was Trump gut gemacht hat: Sie belässt es bei seinem hohen Arbeitslosengeld und bei seinen Steuersenkungen und will sogar seine Forderung nach 15 Dollar Mindeststundenlohn erfüllen – nur Trumps Steuersenkung für Superreiche wird sie rückgängig machen. Vor allem aber weiß sie, im Gegensatz zu Sebastian Kurz und Angela Merkel, dass Geldausgeben, nicht Sparen des Staates entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg beiträgt – in Zeiten, in denen Konsumenten und Unternehmen zum Sparen neigen, gilt das nur in besonderem Ausmaß. Ohne Rücksicht auf  kontraproduktive Maastricht – Kriterien bezüglich Budgetdefizit oder Staatsschuldenquote wird sie daher die höchsten Investitionen in die Infrastruktur der USA seit dem 2.Weltkrieg vornehmen. 

Die Republikaner werden diese Investitionen kaum mitbeschlieen. Erstens, weil die Zeiten gelegentlich gemeinsamer Beschlüsse seit gut zwölf Jahren vorbei sind, sofern es nicht um Rüstung geht. Zweitens weil auch viele Republikaner nicht begreifen, dass nur hohe Staatsausgaben Krisen überwinden. Drittens weil die wenigen, die es begreifen, Biden diesen Erfolg nicht gönnen. Nicht zuletzt haben sich Republikaner sogar gegen Großinvestitionen Trumps gesträubt, weil sie großen finanziellen Einfluss des Staates für „Sozialismus“ (= des Teufels) halten. 

Joe Bidens knappe Zeit

Biden wird alles tun, diese Bezeichnung für sein Programm zu vermeiden: er wird stets vorzurechnen versuchen, dass seine Investitionen sich sofort rentieren. Tatsächlich muss es ihm gelingen, den Amerikanern vorzuführen, dass es ihnen unter seiner Regierung schon demnächst bestens geht: Nur so kann er verhindern, dass die Republikaner womöglich schon bei den Midterm-Wahlen neuerlich eine Mehrheit im Senat oder gar Repräsentantenhaus erringen und der vom Impeachment befreite Trump in vier Jahren ein Comeback feiert – Biden hat keine Zeit. Er hat daher zwar angeboten, über Details zu verhandeln, wird sein Programm aber lieber mit der knappen eigenen Mehrheit beschließen als den Beschluss zu verzögern. Europa muss hoffen, dass wirtschaftlich eher konservative demokratische Abgeordnete ihm darin geschlossen folgen. Voran weil es eine politische Katastrophe für die Welt wäre, wenn Biden scheiterte; nicht zuletzt, weil die EU sich um so eher erholt, je rascher sich die USA erholen – schließlich sind sie Europas größter (Österreichs zweitgrößter) Handelspartner. 

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Wie Kogler einen Etappensieg vergab

In einem Pokerspiel um die Tinas Abschiebung hatte Werner Kogler bessere Karten als Sebastian Kurz – er hätte sie nur ausspielen müssen. In Tirol regiert der Wahnwitz.

Die einzige Ausrede, die Werner Kogler vorbringen kann, wenn er das Verhalten der Grünen bezüglich der Abschiebung Tinas und ihrer Schwester nach Georgien verteidigen will, lautet: Wenn wir standhaft geblieben wären, hätte Sebastian Kurz die Koalition aufgekündigt und türkis-grün wäre durch türkis-blau ersetzt worden – wäre Ihnen das lieber?

Natürlich nicht – aber es handelt sich trotzdem um eine Ausrede. Werner Kogler hatte eine neunzigprozentige Chance, diese Auseinandersetzung siegreich zu beenden, wenn er sie riskiert hätte. Beziehungsweise: Sebastian Kurz hätte den Koalitionsbruch meines Erachtens mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht riskiert, um zwei Kinder abzuschieben.

Kurz` Risiken waren größer

Denn dieser Koalitionsbruch hätte ihn mit gewaltigen Risiken konfrontiert: Immerhin wäre das die dritte Regierung gewesen, mit der er scheitert – und das aus einem wenig einsichtigen Grund. Bei sofortigen Neuwahlen, die die Opposition zweifellos gefordert und die Bevölkerung wohl auch erwartet hätte, hätte die ÖVP zwar wieder gewonnen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit schlechter als zuletzt abgeschnitten – Kurz hätte das enorme Risiko eingehen müssen, dass sich nach diesen Neuwahlen rot-grün pink ausgeht.

Er hätte daher erstmals einen höchst unpopulären „fliegenden Wechsel“ zur FPÖ oder zur SPÖ vornehmen müssen, wobei er die SPÖ als Partner stets ausgeschlossen und der FPÖ die Regierungsfähigkeit abgesprochen hat. Norbert Hofer wäre zur Koalition zwar sofort bereit, aber Kurz müsste, um nicht ganz das Gesicht zu verlieren, wohl fordern, dass Herbert Kickel keine Regierungsfunktion erhält. Und so gern Norbert Hofer das akzeptierte, so fraglich ist die Akzeptanz durch Kickl. Vor allem aber müsste Kurz, wenn er diese Variante wählt, folgenden Tausch als förderlich für seine Karriere erachten: Statt eine national und international angesehene Regierung anzuführen, in der ihm der grüne Partner bisher nirgendwo ernsthafte Probleme gemacht hat, führte er mit der FPÖ eine Regierung, in die sie einmal mehr unfähige Minister einbrächte, die von der Hälfte der Österreicher massiv ablehnt würde und international geächtet wäre.

Nicht dass nicht auch diese türkis-blaue Retro-Regierung irgendwie regieren könnte, – aber die Gefahr des neuerlichen Schiffbruches wäre doch eine beträchtliche. Und ein neuerlicher Schiffbruch hätte Kurz` politischen Tod bedeutet.

Ich fasse die Wahl, vor der Kurz stand, noch einmal kurz zusammen:

  • Er konnte Neuwahlen riskieren, die Rot -Grün -Pink zur Mehrheit verhelfen konnten
  • Er konnte eine Koalition mit der FPÖ riskieren, die, wenn sie neuerlich schiefgegangen wäre – was stets im Bereich des Möglichen lag- sein politisches Ende bedeutet hätte
  • Oder er hätte zwei Minderjährigen, die in Österreich aufgewachsen sind, ein humanitäres Bleiberecht zugestanden.

Ich bin überzeugt, dass Kurz, wenn schon nicht aus Anstand, dann aus purer Risikoabwägung die dritte Variante vorgezogen hätte. Zumal es öffentlich kaum aufgefallen wäre: „Lassen wir diese beiden Kinder (und zwangsläufig auch ihre Mutter) da“, hätte er nur leise zu Karl Nehammer sagen müssen. Und laut: „Das ist ein einmaliger Sonderfall: Tina ist in Österreich geboren und aufgewachsen. Sie in ein Land abzuschieben, dessen Sprache sie nicht spricht, wäre tatsächlich unmenschlich. In diesem ganz besonderen Fall ist das humanitäre Bleiberecht daher gerechtfertigt.“

Mit dieser Aussage hätte Kurz niemanden nach Österreich gelockt, nicht einen ehemals freiheitlichen Wähler verloren, und etliche an ihm zweifelnde schwarze Wähler bei der Stange gehalten – die österreichweite Zustimmung für ihn wäre eher gewachsen als gesunken.

Kurz hätte gepasst

Dies alles hätte ihm Werne Kogler erfolgreich vor Augen führen können. Statt sich, wie das geschah, in die Lage bringen zu lassen, die Abschiebung entweder zu schlucken oder die grüne Regierungsbeteiligung zu riskieren, hätte er Kurz in die Lage bringen müssen, Tina entweder im Land zu lassen oder das dritte Scheitern seiner Regierung hinzunehmen. Manchmal ist es im politischen Leben notwendig, der erste zu sein, der seine stärkste Karte ausspielt. Etwa mit folgenden Worten: “ Lieber Sebastian, Wir haben diese nicht einfache Koalition doch bisher recht erfolgreich hinbekommen. Ich und meine Wähler haben um der Sache willen ausgehalten, dass bestens integrierte Lehrlinge abgeschoben werden und dass man Kinder nicht aufnimmt, die in unerträglichen Lagern leben. Aber weder ich noch meine Wähler halten es aus, wenn wir jetzt auch noch ein in Österreich geborenes und hier aufgewachsenes Mädchen abschieben. Wenn Du das wirklich unbedingt durchziehen willst, muss ich diese Koalition aufkündigen.“

Kurz, so bin ich überzeugt, hätte gepasst – Kogler hätte einen Etappensieg errungen.

PS: Nach Ansicht von Virologen wie Impfstoff-Experten bieten die vorhandenen Impfstoffe keinen ausreichenden Schutz gegen die in Tirol zirkulierende südafrikanische Mutation des SARS-Cov2 -Virus. Der Tiroler Abwehrkampf gegen eine kurzfristige, möglichst massive Abschottung des Bundeslandes ist daher lebensgefährlich und wirtschaftlich schwachsinnig – er kann die Pandemie extrem verlängern. Dazu ist er selbstzerstörerisch: Wenn Tirol zum Zentrum einer europaweiten Verbreitung des Südafrika -Virus werden sollte, wird sein Tourismus auf Jahre am schwersten darunter leiden.

 

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„Unverantwortlich“

Bayerns Politiker nennen Österreich „unverantwortlich“ und das ist die einzig treffende Bezeichnung für die Corona-Politik so ziemlich aller Politiker Tirols sowie Österreichs Kanzler Sebastian Kurz:

Tirol ist das Zentrum einer höchstwahrscheinlich Österreichweiten, vermutlich europaweiten Ausbreitung der südafrikanischen Corona-Variante B.1.351. Ihre Mutationen machen sie einerseits infektiöser, andererseits lassen spezifische Veränderungen (K417N, E484K und N501Y) noch ganz andere Sorgen wachsen. Die Varianten könnte, zumindest teilweise, dem immunisierenden Schutz von Antikörpern entfliehen. Das hieße, auch wer bereits infiziert war oder geimpft ist, könnte sich erneut anstecken, zudem der AstraZeneka-Impfstoff, den Österreich und die EU vor allem bestellt haben wenig (Südafrika ab sofort impft ihn nicht mehr), und der Biontech und der Moderna-Impfstoff möglicherweise nur verminderten Schutz gewähren.

Kurz wird damit Schuld an einer erheblich verlängerten Pandemie in Österreich und womöglich in ganz Europa sein – mit allen zugehörigen wirtschaftlichen Konsequenzen.

Ein Leser wird unter diesen Blog sicher wieder schreiben, dass ich Kurz hasse – ich schätze ihn nur richtig ein und bin von seiner untadligen Frisur und seinen wohlfrisierten Worten nicht ganz so beeindruckt.

Ein verantwortlicher Kanzler hätte am ersten Tag, an dem er vom Zirkulieren der südafrikanischen Variante in Tirol erfuhr, einen totalen Lockdown und eine komplette Grenzsperre dieses Bundeslandes verhängt. Ein verantwortungsvoller Landeshauptmann Günter Platter und Co hätte das nicht bekämpft, sondern von sich aus angeboten und nach Kräften unterstützt. Und zwar voran im Interesse Tirols, das wirtschaftlich auf Jahre hinaus unter dem Ruf der „Unverantwortlichkeit“ leiden wird, den es dieser Tage europaweit errungen hat.

PS: Erst am 12. Februar besteht immerhin eine Testpflicht beim Verlassen von Tirol, Kinder sind davon ausgenommen.

Pharmazeutische Zeitung: Escape-Mutationen machen Sorgen

 

 

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