Songcontest, „Genozid“ und „Antiimperialismus“

Die „Antiimperialistische Koordination“ demonstrierte lautstark gegen Israel. Wofür steht sie sonst? Wie verantwortet man „Genozid“?

Wien hat den 70. Songcontest heil überstanden. Der von „ÖSTERREICH“ befürchtete „Terroralarm“ ist ausgeblieben. Nur Wiens linke Szene hat bis zuletzt in einer größeren Demonstration, deren Teilnehmerzahl nicht bekanntgegeben wurde, weil sie unter den Erwartungen blieb, klargemacht, wie sehr sie auf der Seite der Palästinenser steht und wie empört sie ist, dass die Veranstaltung einem Künstler aus Israel eine internationale Bühne bot.

Willi Langthaler, Sprecher der „Antiimperialistischen Koordination“ (AIK), die die Demonstrationen  koordinierte, musste verblüfft sein, dass ausgerechnet das Public Voting dafür sorgte, dass der Israeli Noam Betta hinter der Bulgarin Daria (eigentlich Darina Nikolaeva Yotova,) den zweiten Platz erreichte: Offenbar wusste das internationale Publikum zwischen einem Künstler und der Regierung seines Landes zu unterscheiden.

Ich hielte für vorteilhaft, wenn diese Unterscheidung sich durchsetzte. Weil ich fast lieber Tenniskonkurrenzen als den Songcontest sehe, irritiert mich jedes Mal, dass die ukrainischen Teilnehmer ihren Konkurrenten nach dem Match nicht die Hand geben, so sehr ich verstehe, dass man Russland aus Sportverbänden ausschließt. Vor allem die besonders guten ukrainischen Spielerinnen könnten ihre Prominenz viel besser nutzen, indem sie in ein Mikrofon sagten: „Mein Handschlag gilt meiner fairen Gegnerin, nicht aber Wladimir Putins Russland, das mein Land überfallen hat.“

Der „Antiimperialistischen Koordination“, einem Zusammenschluss linker Gruppen, den es auch in Deutschland und Italien gibt, liegt Differenzierung freilich fern. Schon am Sonntag vor dem Contest hatte sie mit Trillerpfeifen, Megafon und „Free Palestine“- Rufen, Ansprachen von Außenministerin Beate Meinl-Reisinger und Bürgermeister Michael Ludwig zum Europatag in Lärm erstickt und der Regierung vorgeworfen, Mitschuld am „Genozid im Gazastreifen“ zu tragen. Michael Ludwig hatte vergeblich erklärt, dass man in Wien nicht so miteinander umgehe und „Toleranz“ eingefordert. Die könne es bei „Genozid“ nicht geben, argumentierten die Demonstranten.

Ich teile zwar diese Ansicht, nur sehe ich den konkreten Fall völlig anders, obwohl auch ich geschätzte 50.000 Tote im Gazastreifen für eine humanitäre Katstrophe halte.

Das unvermeidliche Gemetzel

Weil mir auf Grund meiner Familiengeschichte ursprünglich eine Laufbahn als Berufsoffizier vorschwebte (Österreich sollte sich nie mehr ohne Widerstand einem Diktator ergeben), befasse ich mich bis heute eingehend mit dem Verlauf von Kriegen. Der zeigt, dass Kampf in Städten unweigerlich in Gemetzel mündet. Daher habe ich nach dem 7. Oktober im Falter dafür plädiert, dass Israel auf eine Bodenoffensive verzichten und nur einen einzelnen massiven Luftschlag führen möge, um der begreiflichen Wut der Bevölkerung über das Hamas-Massaker ein Ventil zu schaffen. Danach möge man ein technisch bereits entwickeltes System zum billigen Abfangen kleiner Raketen, wie Palästinenser sie in Gaza ständig basteln, um sie auf Israel abzufeuern, landesweit dislozieren und auf Verhandlungen setzen.

Schon während ich diesen Vorschlag niederschrieb, wurde mir allerdings klar, wie sinnlos er war: Man kann so viel Zurückhaltung nach dem größten Pogrom seit dem Holocaust von der Bevölkerung nicht erwarten; die (hoffentlich demnächst abgewählte) ultra-rechte Regierung Benjamin Netanjahus ist die letzte, für die dergleichen in Frage kam; die Geiseln wären nicht freigekommen und die Hamas hätte sich als Sieger gesehen und den nächsten Überfall vorbereitet.

Mir war schon tags darauf klar, dass Israel einen anderen Weg beschreiten würde: versuchen, der Hamas ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Das aber geht bei einer Stadt, unter der rund 700 Kilometer Tunnels verlaufen, in denen sich die Kämpfer bewegen und verschanzen können, nur, indem man diese Stadt fast flächendeckend bombardiert, denn seitens der Armee in einen Tunnel einzudringen bedeutete, das ein Mann nach dem anderen aus dem Hinterhalt abgeknallt worden wäre.

Es  ist es ein unbestritten schwerstes Kriegsverbrechen, das eigene Militär und seine Einrichtungen mit einem Schutzschild von Zivilisten zu umgeben – und genau das hat die Hamas im Gazastreifen auf beispiellose Weise getan: Indem sie solche militärische Zellen in Tunnels unter fast allen Wohnhäusern und mit Vorliebe unter Spitälern, Schulen und Kindergärten unterhalten hat, hat sie den Tod zigtausender Zivilisten, darunter voran Kranke und Kinder, im Fall einer militärischen Auseinandersetzung unvermeidlich heraufbeschworen. Ohne ihr kriegsverbrecherisches Verhalten gäbe es keine fünfzigtausend Toten.

Kaum Medikamente, zu wenig Nahrung

Wenn die Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag bei dem dort erwogenen Strafverfahren die Bestimmungen über Kriegsverbrechen in Anwendung bringen und militärische Sachverständige beiziehen, müssten sie Israel – unter zweifellos wilden internationalen Protesten – vom Vorwurf des Genozids freisprechen. Denkbar hingegen ist eine Verurteilung Israels, weil es die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und Medikamenten offenkundig nicht sichergestellt und vielleicht sogar erschwert hat. Auch dann wird man einem allfälligen solchen Verbrechen seitens israelischer Dienststellen allerdings die Vergewaltigungen und brutalen Morde gegenüberstellen müssen, die die Hamas bei ihrem Überfall auf Israel an einer unbewaffneten Zivilbevölkerung verübt hat.

Eine solche Gegenüberstellung und Abwägung vorzunehmen ist den Demonstranten der AIK allerdings denkbar ferngelegen. Denn die „Antikapitalistische Koordination“ ist ein im August 2000 während der zweiten Intifada in Österreich, Italien und Deutschland entstandener Zusammenschluss von Gruppen, die meinen, ein ideales, weil populäres Betätigungsfeld gefunden zu haben, indem sie sich ohne Wenn und Aber solidarisch mit Palästinensern zeigen.

Wo sonst steht die AIK?

Welch Geistes die AIK ganz allgemein ist, lässt sich aus ihren programmatischen Äußerungen ablesen: „Wir unterstützen den Widerstand der Unterdrückten gegen Ausbeutung, Krieg und Besatzung“, heißt es vorerst unverfänglich in einer Einladung zur Mitarbeit. Um schon gegenüber der EU um einiges einseitiger fortzusetzen: „In den kapitalistischen Zentren setzen wir uns unter anderem mit der Tendenz des Kulturchauvinismus gegen Muslime auseinander und protestieren gegen die EU der Generäle und Konzerne“. Dann aber wird die eigentliche Stoßrichtung klar: „Nato und EU stehen in der Ukraine nicht nur an der Seite der rechtsnationalistischen Kräfte, sondern die österreichischen Regierungen folgen auch deren aggressiver Haltung gegenüber Russland, die so einen bedrohlichen globalen Zusammenstoß heraufbeschwören. Es ist kein Zufall, dass der Ausgangspunkt des Konflikts ein Freihandelsvertrag mit der EU war, der die Geschäftsbeziehungen zu Russland, von der vor allem der ukrainische Osten lebte, schwer behindert.“ Und als Höhepunkt: „Schluss mit dem Krieg gegen den Donbass!“, aber nicht vielleicht durch den Rückzug Russlands, sondern „durch Zurückdrängen der Nazi-Milizen, die nur durch Unterstützung der Regierung und Duldung des Westens die Straßen beherrschen können“

Wie Herbert Kickl zählt Willi Langthaler zur fünften Kolonne Wladimir Putins.

PS: Mit leisem  Stolz vermerke ich, dass mein Sohn Oliver seitens des ORF hauptverantwortlich für die Organisation war.

Weiterlesen

Trumps segenreicher Streit mit Leo XIV

Trumps Streit mit dem Papst lässt ihn hoffentlich die Midterm-Wahlen verlieren und zwingt Militär-Aktionen präziser zu überdenken: Venezuela und Kuba sind nicht Iran.

Für die Demokratie der USA wäre es ein beträchtlicherer Schaden gewesen, wenn es dem katholischen Außenminister der USA Marco Rubio bei seiner jüngsten Audienz bei Papst Leo XIV gelungen wäre, die Differenzen zwischen Donald Trump und dem Oberhaupt der katholischen Kirche abzubauen. Denn diese Differenzen tragen wesentlich dazu bei, dass Trump bei den Midterm-Wahlen hoffentlich eine Niederlage erleidet.

Er meinte bekanntlich „auf der fifth avenue jemanden erschießen zu können“, ohne an Zustimmung zu verlieren, aber den Papst zu kritisieren, kostet ihn nicht nur unter katholischen, sondern unter allen christlichen US-Wählern Stimmen.

Dabei ist Trumps Kritik ausnahmsweise nicht völlig unberechtigt: Dass der Papst grundsätzlich für Frieden ist, hat er mit jedem Menschen, der diese Bezeichnung verdient, gemein – aber Krieg gegen das herrschende Regime Venezuelas, Kubas oder des Iran ist von Krieg gegen die Bevölkerung dieser Länder zu unterscheiden. Die Kritik des Papstes an Trumps Irankrieg war nur berechtigt, sofern der Vorwurf lautete: dieser Krieg war schlecht vorbereitet; Trump hat nicht bedacht, dass er zwingend Bodentruppen brauchte, um die Bevölkerung von der mörderischen Tyrannei des Mullah-Regimes zu befreien; stattdessen hat sein Bombardement nur geschätzte zehntausend Iraner umgebracht und der Welt eine Ölkrise beschert, ohne die Chance auf einen Umsturz herbeizuführen.

Venezuela und Kuba sind nicht der Iran

Wirklich problematisch ist die Kritik des Papstes an Trumps militärischem Eingreifen in Venezuela und seinem offenbar geplanten Eingreifen in Kuba. Die Militäraktion zur Entführung Nicolas Maduros hat 100 venezolanische Sicherheitskräfte das Leben gekostet – der in Venezuela endemische Hunger kostet mit Sicherheit jedes Jahr über 100 Opfer. Ein Chaos wie seinerzeit im Irak hat Trump vermieden, indem die Stellvertreterin Maduros, Celia Rodriguez, von vornherein als neue Regierungschefin feststand, und auch wenn sie keine Demokratin ist, hat sie politische Häftlinge immerhin amnestiert. Dass es Trump vermutlich um Venezuelas weltgrößte Ölreserven ging, ändert nichts daran, dass die Konzessionen, die US-Konzerne nun erhielten, für die Investitionen sorgen, die notwendig sind, die unter Maduro völlig verrotteten Ölförderanlagen zu sanieren und damit Arbeitsplätze und Einkommen zu schaffen. Es ist zwar ungewiss, ob Venezuela wieder zu dem Wohlstand zurückfinden wird, den es schon einmal besaß, aber dass es der Bevölkerung in Zukunft ungleich besser als bisher gehen wird, steht außer Zweifel. Trumps Eingreifen war daher ein Segen und ein funktionierender UN-Sicherheitsrat hätte ihm als humaner Intervention zustimmen müssen – nur kann es mit Russlands Vetorecht keinen funktionierenden Sicherheitsrat geben.

Gefängnis unter Palmen

Ähnliches gilt für Trumps offenbar geplantes Eingreifen in Kuba. Auch dort haben Jahrzehnte kommunistischer Diktatur das Land völlig verarmen lassen. Seit die russische Hilfe restlos versiegt ist, ist es nachts völlig finster: Es gibt nicht einmal mehr den Treibstoff, um Strom- Generatoren zu betreiben.

Aber das Land ist nicht nur arm, es ist auch ein Gefängnis. Wenn man wie ich zum Teil in Spanien lebt, lernt man unweigerlich Kubaner kennen, die einem erzählen, warum sie geflohen sind. Ein 17- Jähriger verbarg sich einen Monat unter der Zuckerlieferung eines Frachtschiffs, das nach Helsinki fuhr, um seinem Elend zu entgehen. Ein anderer, Mitglied eines Volleyball-Teams, sprang bei einem Match in Italien ab, um auf den Dächern von Eisenbahnzügen ohne Fahrkarten nach Spanien zu gelangen. Seine Mutter, eine Opernsängerin, sprang bei einem Gastspiel von Borgy and Bess in Graz ab, um ihm zu folgen. Beide waren Privilegierte des kubanischen Regimes – ihnen fehlte nicht Nahrung, sondern Freiheit. Ein vierter meiner kubanischen Freunde, dessen Familie einen Bauernhof besessen hatte, wurde mit seinen Eltern enteignet und in Centro Havana in einer Wohnung einquartiert. Er kam nach Spanien, weil eine Frau ihn freikaufte.

Der Polizeistaat

Als ich 2006 mit ihm in Havanna war, wurden wir alle paar Minuten von der Polizei angehalten, denn da er schwarz ist, hielt man ihn für einen Einheimischen und denen war der Kontakt mit Menschen, die wie ich sofort als Ausländer erkennbar waren, verboten. Nur indem er seinen spanischen Pass zeigte, konnten wir weitergehen. So kam ich auch in die Wohnung seiner Mutter, in die die Familie nach Verlust ihres Bauernhofes eingewiesen worden war: Wenn es regnete, floss das Wasser dort beim Dach herein und beim Haustor hinaus. Zwar wurde die Altstadt (Vieja Havana), seit sie 1982 „Weltkulturerbe“ wurde, saniert, aber der durchaus prächtige Rest der Stadt verkam wie fast alles. Das Einzige, was in Kuba noch immer besser als in den umliegenden Ländern funktioniert, ist die Ausbildung von Ärzten – aber davon kann man als Gesunder nicht leben.

Che Guevara als Mörder

Die Verklärung, die das Castro- Regime zur Linken nach wie vor erfährt, ist verfehlt. Zu meinen Freunden in Spanien zählte auch der amerikanische Spitzenjournalist John Lee Anderson, der lange in Kuba gelebt und das Standardbuch „Che“ zur kubanischen Revolution verfasst hat. Es ist aus vielen Gründen lesenswert, aber ein wesentlicher ist, Che Guevara genauer kennenzulernen: Als Kommandant einer Kampfgruppe ordnete er an, einen Angehörigen seines Trupps, der sein Gewehr versehentlich nicht sofort bei der Hand hatte, auf der Stelle zu erschießen. Als die Kameraden sich weigerten, den langjährigen Kampfgefährten zu töten, zog er den Revolver und tat es selbst. Nachdem das Buch veröffentlicht wurde, meldeten sich bei Anderson mehrere Guerilleros, die von ähnlichen Vorfällen mit dem Arzt Guevara berichteten: Er hätte ein perverses Verhältnis zum Töten gehabt. Nur weil man in Europa so wenig von Kuba weiß, hängt ein Konterfei Guevaras in Millionen Haushalten und prangt auf Millionen T- Shirts.

Ein Land als Bordell

Was Anderson am meisten an dem Land erschüttert, das er lieb gewonnen hat und von dem er sagt, nirgendwo anders gäbe es bessere Liebhaber und Liebhaberinnen, ist der Umstand, dass es heute zu einem einzigen Bordell geworden ist: Sextourismus ist Kubas wichtigste Einnahmequelle – und wird es ohne Strom bald auch nicht mehr sein.

Es wird keine große Militäraktion mit hohem Blutzoll brauchen, um das herrschende Regime zu stürzen, denn die Bevölkerung wird darüber heilfroh sein.

Kuba, wieder von den USA beherrscht, wird vermutlich wieder Bordelle, Spielcasinos und Golfplätze haben, aber als Polizeistaat von der Prostitution leben müssen, wird es nicht mehr.

Wenn der Papst über Venezuela und Kuba spricht, sollte er seine Worte daher auf die Goldwaage legen und wird sehr viel ausführlicher sein müssen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Weiterlesen

Mit Doppelbudget der Rezession entgegen

Die Regierung hat ihr Doppelbudget so gekonnt wie möglich auf das Spar-Ziel der EU abgestimmt. Aber da dieses Ziel falsch ist, wird die Wirtschaft darunter leiden. Es soll unsere Staatsausgaben bis 2028 um 5,2 Milliarden Euro reduzieren.

Eine Maßnahme, mit der der Staat seine Steuereinnahmen erhöht, ist sicher richtig: 300 Millionen im Jahr soll die Erhöhung der Körperschaftssteuer bringen, gegen die Unternehmer natürlich protestieren. Aber diese Steuer wurde durch Jahrzehnte ständig gesenkt, ohne dass es zu den von ihnen prophezeiten höheren Investitionen gekommen wäre – es geht also um Wiedergutmachung.

Zugleich wird die Bankenabgabe erhöht. Als eine Art „Reichensteuer“ könnte sie 2026/ 27 jeweils eine halbe Milliarde einbringen und lässt sich denkbar populär damit begründen, dass Banken in der aktuellen Hochzinsphase hohe Gewinne machen. Ich habe dennoch vier Einwände:

  • Es benachteilig die Abgabe unsere Banken im internationalen Wettbewerb.
  • Sie können um diese Milliarde weniger Kredite anbieten.
  • Hohe Gewinne sollen der Expansion dienen: die Erste Bank etwa, könnte weitere Banken in Polen kaufen und verschaffte Österreich damit bei normaler Besteuerung viel größere Mehreinnahmen.
  • Vor allem eignen sich andere „Reichen-Steuern“, nämlich Erbschafts- oder Grundsteuer ganz ungleich besser, um Geld zu generieren: Geld, das derzeit als „Vermögen“, als Sparkonten oder Immobilien, weitgehend brachliegt, würde damit nämlich zu arbeitendem Geld gemacht, das Unternehmen zudem perfekt entlastete: Indem man die Vermögens-bezogenen Steuern erhöhte, könnte man nämlich die Lohnsteuern senken.

Damit, dass die ÖVP nicht versteht, wie sinnvoll das wäre, habe ich mich abgefunden – nur die FPÖ ist ökonomisch noch dümmer. Bei den NEOS wundert es mich, zumal ihr größter Sponsor, Hans Peter Haselsteiner, es versteht.

Stattdessen soll eine im Doppelbudget geplante Senkung der Lohnnebenkosten Unternehmen als Offensivmaßnahme um 2,1 Milliarden entlasten. Denn die Voraussetzungen für Unternehmen haben sich tatsächlich dramatisch verändert. Durch Jahrzehnte ist ihre Gewinnquote ständig gestiegen, während die Lohnquote ständig gesunken ist: 2011 lag die Gewinnquote bei 75, die Lohnquote bei 24 Prozent. Aber im Moment ist Österreichs Lohnquote mit 71 Prozent so hoch wie nie und macht im internationalen Wettbewerb entsprechende Probleme. Eine Senkung zumindest der Lohnnebenkosten war daher zwingend. Wie sie im Detail erfolgt, erforderte einen Text zehnfacher Länge- ich übernehme daher die in meinen Augen richtige Kurz-Bewertung von Andreas Szigetvary im Standard: Teilzeitbeschäftigte (voran Frauen), Pensionisten und Arbeitslose zahlen durchwegs etwas mehr in die Sozialversicherungen ein, aber das geschieht vorsichtig, sozial ausgewogen und in dem Bemühen, das vielfach durchlöcherte Versicherungsprinzip wiederherzustellen. Dennoch ist eines klar: Es senkt die Einkommen – und das ist meines Erachtens grundsätzlich verfehlt, weil es die Kaufkraft verringert.

Damit komme ich zum Kern meiner ewigen Kritik, nicht an Österreichs Regierung, sondern an der in der EU herrschenden Lohnpolitik: Seit 2000 hat Deutschlands Lohnzurückhaltung das Lohnniveau überall in Europa massiv gesenkt, weil alle Unternehmen mit deutschen Unternehmen konkurrieren müssen. Im Internet lässt sich das mit einer Grafik am besten belegen -jedenfalls hat es uns die wichtigste Erkenntnis Henry Ford I gekostet: “Ich muss meine Arbeiter gut bezahlen, damit sie meine Autos kaufen können.“ Es fehlt in der EU dramatisch an Kaufkraft = EU-interner Nachfrage. Seit China, Russland und die USA dieses Manko nicht mehr ausgleichen, haben voran Exportweltmeister wie Deutschland und Österreich Rezession zu fürchten Markus Marterbauer kann daran leider nichts ändern – er hatte keine Wahl.

Vor allem kann er allein auch nichts daran ändern, dass die EU beim Sparen des Staates bleibt, statt zu verstehen, dass genau das ihr größtes Problem ist: Wohlhabende Konsumenten kaufen wenig ein, weil sie schon alles haben oder lieber Vermögen ansparen – geringverdienende Konsumenten können nur das Nötigste kaufen. Wenn auch alle Staaten der EU weniger kaufen, weil sie sparen müssen, kann der Verkauf der Unternehmen = die Wirtschaft unmöglich wachsen. EU- Defizitverfahren verschärfen dieses Problem ganz besonders.

PS: Das war mein letzter ständiger Kommentar für die Druckausgabe des Falter. Es wird zwar auch dort immer wieder Texte von mir geben, aber einen ständigen Kommentar werde ich wie Armin Thurnher, Nina Horacek oder Harry S. Bergmann ohne Bezahlschranke für den Internet-Falter schreiben. Er wird dort immer Dienstag und oft auch Freitag erscheinen und den Vorteil haben, nicht immer gleich lang sein zu müssen und Grafiken zu ermöglichen. Es ist das Teil einer künftigen Modifikation des Falter: Es wird in der Druckausgabe neben Armin Thurnhers Kommentar nur einen ständigen Kommentar zur Außenpolitik, allerdings durch verschiedene Autoren, geben, während die sonstige Berichterstattung ausgeweitet wird.

 

 

Weiterlesen

Die EU braucht Energie-Unabhängigkeit

Bestes Mittel zu Energie-Unabhängigkeit ist alternative Energie. Nur totale Abhängigkeit von Russland gegen totale Abhängigkeit von den USA zu tauschen, schafft Probleme.

„Europa sichert die Kontrolle über seine Energieversorgung und stärkt seine Autonomie“, erklärte im Februar die Präsidentin des EU-Parlaments, Roberta Metsola, anlässlich des Beschlusses des vollständigen Importverbots für russisches Gas, das zum Jahresende in Kraft treten soll. Dieser Optimismus ist heute um so weniger am Platz, als fossile Energie durch den Irankrieg auf Jahre hinaus noch teurer geworden ist und der Spar-Wahn der EU gleichzeitig den besten Weg zu genügend preiswerter Energie – maximale Investitionen in die Erschließung alternativer Energiequellen – grundsätzlich erschwert, obwohl sie auch den Klimawandel bremsten.

Die billigste alternative Energie wird derzeit zweifellos mit Solarpanelen und Windrädern erzeugt – die Weigerung vieler Bundesländer, Windräder aufzustellen verstößt nicht nur gegen die Fairness, sondern auch gegen die Vernunft. Es gibt freilich Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst und man dennoch viel Energie braucht. Die wenigstens mit Gas- und nicht mit Kohlekraftwerken herzustellen, ist im Kampf gegen den Klimawandel immer noch ein Fortschritt. Das aber kann – so wenig man das in Österreich hören will – sehr wohl auch Atomenergie sein. Die großen Unfälle, die Kernenergie derart desavouiert haben -Tschernobyl und Fukushima – wurden in Tschernobyl durch schwere Bedienungsfehler der Belegschaft, in Fukushima durch ein Erdbeben im Meer ausgelöst, das das Kraftwerk überschwemmte, auch wenn beides bei anderen als Kernkraftwerken kaum so schlimm gewesen wäre. Dennoch soll man nicht vergessen, dass der größte Unfall durch Wasserkraftwerke – der Bruch des Banqiao-Staudamms und weiterer Dämme in der chinesischen Provinz Henan 1975 mindestens 171.000 Menschen das Leben gekostet hat – in Fukushima kamen, Ertrunkene eingerechnet, rund 20.000 Menschen um. Auch die gestiegene Krebshäufigkeit einrechnet, stieg diese Zahl dank der raschen Evakuierung nur wenig.

Inzwischen sind neu konzipierte kleine Atomkraftwerke vermutlich sicherer und billiger und kann man das Strahlen des Atommülls durch Beschuss mit Elektronen von 1.000 auf 100 Jahre verringern. Es kann dennoch billiger sein, voran Methoden zum Speichern von Solarenergie zu forcieren, um sie auch zur Verfügung zu haben, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst – aber man sollte die Entscheidung darüber nicht Emotionen, sondern dem Markt überlassen.

Gleichgültig wie sie ausgeht, werden Länder, die nicht wie Österreich viel Wasserkraftwerke besitzen, noch lange von fossiler Energie abhängen. Die wurde früher fast nur über Pipelines aus Russland bezogen – heute stammen in Europa rund 60 Prozent als Flüssiggasimporte (LNG) aus den USA, weil wir Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht finanzieren wollen. Aber US-LNG ist deutlich teurer als russisches Gas und preislich viel volatiler. Während Pipelinegas in der Regel über langfristige Verträge mit kalkulierbaren Preisen geliefert wurde – orientiert sich LNG an globalen Spotmärkten. Die Preise reagieren sensibel auf Nachfrageschwankungen, Wetterereignisse und geopolitische Schocks: Während Brüssel die neu gewonnene „Energieautonomie“ pries, stieg der US-LNG-Preis innerhalb einer Woche wegen extremer Kälte gestiegener US-Nachfrage, eingefrorener Leitungen und Lieferausfällen um 70 Prozent.

Bereits in den vergangenen Jahren haben hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit vieler europäischer Industrien geschwächt. Besonders betroffen war auch Österreich, mit seiner energieintensiven Stahl- und Aluminiumindustrie, obwohl insbesondere die VOEST damit auf technologisch beachtliche Weise fertig geworden ist. Dennoch bleibt der völlige Ersatz billigen russischen Gases durch teures LNG aus den USA ein Problem: Man muss, so meine ich, darüber nachdenken, ob man der eigenen Wirtschaft dadurch nicht mehr als der russischen schadet.

Über Jahrzehnte hinweg lieferte die Sowjetunion, später Russland, selbst in Phasen schwerer politischer Spannung Energie nach Europa. Auch nach Beginn des Ukrainekriegs erklärte Moskau wiederholt, eine Wiederaufnahme von Lieferungen liege in der Hand der EU. Dagegen verfügen die USA über eine lange Tradition, Energiepolitik mit strategischen Zielen zu verknüpfen und unter Donald Trump wurde „US-Energiedominanz“ ausdrücklich als Teil der nationalen Sicherheitsstrategie definiert. 2025 etwa nutzte die US-Regierung die Drohung mit Zöllen, um die EU zum Kauf von US- LNG, Öl und Nukleartechnik im Wert von 750 Milliarden Dollar zu verpflichten – im Gegenzug würden die USA auf Strafzölle verzichten. Dass die EU diese Verpflichtung kaum einhalten muss, ändert nichts an der Problematik ihres Zustandekommens. Ich glaube, man muss darüber nachdenken, ob man die Abhängigkeit von billiger russischer Energie- wirklich so völlig durch die Abhängigkeit von teurer US-Energie ersetzen soll, statt dieses Verhältnis mit Bedacht und Vorsicht auszutarieren.

Die mit Abstand beste Engie-Autonomie bleibt – siehe oben – die möglichst große Investition in „grüne“ Energie. Genau die wollen die USA verhindern: Vor wenigen Monaten forderten US- Energieminister Cris Wright gemeinsam mit seinem katarischen Amtskollegen Saad Sherida Al-Kaabi, dass die EU ihre Klima- und Umweltauflagen aussetzen möge, um fossile Energieimporte aus den USA und der Golf-Region zu erleichtern. Beider Druckmittel:  Europas Abhängigkeit von LNG.

 

Weiterlesen

Die vielen Verlierer des Iran-Krieges

Europas Wirtschaft leidet unter der verteuerten Energie. Irans Bevölkerung leidet weiter unter den Mullahs. Trump hat Prestige verloren. Nur Israel ist vorerst sicherer.

Die meisten Beobachter haben die vereinbarte 14-tägige Waffenruhe für höchst brüchig gehalten – ich war und bin fast sicher, dass sie hält und in eine Vereinbarung mündet. Denn für die Mullahs ist es ein Erfolg weiter an der Macht zu sein und sich als eigentliche Sieger in der Auseinandersetzung mit der stärksten Armee der Welt zu fühlen.

Aber auch Donald Trump ist heilfroh, den Kriegsschauplatz zu verlassen, nachdem er angeblich einen „totalen Sieg“ errungen hat. Denn im Stillen dürft ihm klar sein, dass er sich angesichts des Blitzerfolgs in Venezuela völlig verkalkuliert hat, als er annahm, auch im Iran würden wüste Drohungen und auftauchende Flugzeugträger einen Blitzsieg bescheren. Die Ignoranz und Selbstüberschätzung, mit der er die auf den Iran spezialisierte Geheimdienst-Abteilung aufgelöst und Warnungen seiner Militärs in den Wind geschlagen hat, rächte sich indem erkennen musste, dass der Iran militärisch ungleich stärker war, als er angenommen hat.

Zwar hat ihn der Krieg bisher wenig tote US-Soldaten gekostet- die geglückte Rettungsaktion für den zweiten Piloten eines abgeschossenen Kampfjets war tatsächlich ein „Gottesgeschenk“ (Trump-Bewunderer) -aber mit jedem Tag, den der Krieg länger dauert, muss er höhere Verluste befürchten. Dass jeder Kriegstag eine Milliarde Dollar kostete, war ein weiteres Problem, auch wenn ein Teil dieses Geldes durch den erhöhten Ölpreis wieder hereinkam. Trumps Hauptproblem aber war und ist die auch in den USA weiter gestiegene Inflation, die eine Gallone Benzin mehr als 4 Dollar kosten lässt: die Erfahrung lehrt, dass mit diesem an jeder Tankstelle sichtbaren Preis keine Wahl zu gewinnen ist. Fast so gewichtig ist, dass Trump seinen engsten Anhängern versprochen hat, keinen Krieg zu führen, so dass auch ein Gutteil der MAGA- Bewegung ihm den Iran- Krieg übelnimmt. Zusammen mit den wüsten Einsätzen der ICE- Truppen hat das Trumps Umfragewerte auf den tiefsten Wert seiner Amtszeit gedrückt.

Der vorläufige Abbruch der Verhandlungen mit dem Iran in Pakistan wird an dieser Konstellation so wenig ändern, wie Trumps Beschluss, die Passage der Straße von Homus nun auch Seitens der USA zu kontrollieren: Nur indem er den Irankrieg schnellstens beendet, hat er noch eine vage Chance, die Midterm- Wahlen zu überstehen. Eher glaube ich, dass er sie verlöre und wenn er das ähnlich sieht, wird er alles tun, sie zu vermeiden: vielleicht indem er mittels weiterer ICE- Einsätze bürgerkriegsähnliche Zustände herbeizuführt, um dann zu erklären, dass sie das Abhalten von Wahlen ausschließen.

Anders als die USA profitiert Israel erheblich von diesem Krieg: Der Iran ist durch das Bombardement, das das Gros seiner Abschussrampen und Raketenproduktionsstätten, aber auch viele andere Produktionsanlagen und viel Infrastruktur zerstört hat, militärisch und wirtschaftlich doch erheblich geschwächt und wird es auch schwer haben, diverse Israel bedrohende Milizen wie bisher zu unterstützen. Gegen die Hisbollah- Miliz wird Israel nach weiteren Angriffen die Überhand gewinnen, den Gazastreifen wird es ewig besetzen. Allerdings wird der Iran das kommende Jahrzehnt mehr denn je dazu nützen doch Atomwaffen zu entwickeln: auch wenn Trump doch durchsetzen sollte, dass er offiziell darauf verzichtet, wird er sich wie bisher nicht daran halten. Gleichzeitig wird er sein Raketen- Arsenal wieder auffüllen und kaum davon abgehen, Israels Vernichtung anzustreben.

Hauptleidtragender dieses undurchdachten (nie zu Ende gedachten) Krieges ist zweifellos die Bevölkerung des Iran, die tausende Gefallene zu beklagen hat und dennoch weiter unter dem Joch eines Regimes leben muss, das heuer zigtausende Demonstranten ermordet hat. Dieses Regime zu stürzen war in meinen Augen der einzig legitime Grund, diesen Krieg zu führen. Dass er geltendem Völkerrecht widerspricht, halte ich nach wie vor für ein verfehltes Kriterium, solange das Vetorecht Russlands jedes völkerrechtskonforme militärische Vorgehen gegen ein Unrechtsregime ausschließt.

Was jetzt im Iran passiert, ist damit zu vergleichen, dass die Alliierten im Verlauf des zweiten Weltkriegs zwar die Krupp- Werke kaputtgebombt und diverse Raketenstellungen ausgeschaltet hätten, das NS- Regime mit SS und Gestapo aber weiterhin an der Herrschaft belassen, weil jetzt Heinrich Himmler anstelle von Adolf Hitler es anführt. So stark ist jedenfalls Trumps Argument, dass Mojtaba Chamenei anstelle seines Vaters an der Spitze des Iran steht.

Zwar längst nicht im gespenstischen Ausmaß der Iranis, aber doch beträchtlich, leiden auch die Europäer unter dem Verlauf dieses Krieges: Die sowieso schwache Wirtschaft der EU ist durch Jahre mit deutlich erhöhten Kosten für Gas und Öl und damit für Energie konfrontiert, weil einmal geschlossene Förderanlagen sich nur langsam wieder hochfahren lassen. Das sowieso dürftige Wirtschaftswachstum der großen, etablierten EU-Volkswirtschaften dürfte einer Rezession weichen, die manche Ökonomen für die schlimmste seit dem Krieg halten. Denn die beste Möglichkeit, unabhängiger von Öl und Gas zu werden- nämlich massive Investitionen in alternative Energie- wird durch verrückte Sparvorschriften für den Staat verhindert. Dieses Sparen in der aktuellen Situation nicht ad acta zu legen, sondern beizubehalten, wie das in der gesamten EU der Fall ist und auch von Finanzminister Markus Marterbauer nicht in Frage gestellt wird, ist mir unverständlich.

 

 

 

 

Weiterlesen

Das Leben mit verteuerter Energie

Auch wenn der Irankrieg bald endet, wird es lange dauern, bis der Öl- und Gas-Preis sich normalisiert. Es wird dringend neuer Wege bedürfen, damit zu Rande zu kommen.

Donald Tump will ihn trotz martialischer Drohungen schleunigst beenden und Israel allein kämpfen lassen, denn er kostet ihn Wähler. Doch selbst wenn Verhandlungen dazu führen, dass die Straße von Hormus demnächst geöffnet wird, wird Öl/Gas noch lange knapp = teuer sein. Denn in Brand geschossene Gasfelder lassen sich nur langsam wieder betreiben, und noch viel mehr gilt das für Bohrlöcher, die in den Golfstaaten verschlossen werden mussten, weil nur ein Bruchteil des geförderten Öls durch eine Pipeline abtransportiert werden konnte.

Gleichzeitig verteuert sich auch russisches Öl und Gas, weil es der Ukraine gelang, russische Raffinerien und Hafenanlagen zu beschädigen, so dass auch nur ein Teil des russischen Öls abtransportiert werden konnte. Russland muss daher ebenfalls Bohrlöcher schließen. Selbst wenn die EU von den Sanktionen absähe, wäre daher auch russisches Öl und Gas nicht billig. Nur in den USA funktioniert die Öl-Förderung wie bisher, ja lässt sich ausbauen, weil der hohe Ölpreis Fracking lohnender macht. Aber Öl und Gas durch Fracking ist eben weit teurer als Öl und Gas aus den Golfstaaten oder Russland.

Zudem halte ich für eher unwahrscheinlich, dass die Mullahs die Straße von Hormus schon demnächst öffnen, denn sie wissen jetzt besser denn je, welch perfektes Druckmittel sie mit ihrer Sperre besitzen: Es genügt, ein Tankschiff zu beschießen und schon wird keines mehr versichert. Sie können noch eine Weile nur eigene und befreundeten Tankschiffe passieren lassen. Auf alle Fälle müssen wir noch eine gute Weile mit teurer Energie leben, auch wenn die Teuerung nicht so heftig wie 2022 ausfallen dürfte. In der EU ist man überzeugt, dass es völlig falsch gewesen wäre, die USA und Israel in ihrem Kampf gegen den Iran zu unterstützen, aber ich möchte das zumindest in Frage stellen: Wenn es nicht gelingt, das Mullah-Regime zu stürzen, wird der Iran im nächsten Jahrzehent mit doppelter Energie an Atomwaffen arbeiten und sein dezimiertes Raketen-Arsenal wieder auffüllen. Israel ist dann wie eh und je bedroht, Irans Raketen erreichen auch Ziele in Europa, und wir sind der Möglichkeit einer neuerlichen Sperre der Straße von Hormus hilflos ausgeliefert.

Vielleicht hätte man diesen Krieg nie beginnen sollen – aber ihn zu beginnen und nicht bis zum Ende des Mullah-Regimes zu führen, scheint mir die dümmste Variante – eine, die exakt der Intelligenz Donald Trumps entspricht. Damit zum Umgang mit dem verteuerten Öl und Gas: Der Schock trifft eine EU, deren Wirtschaft durch Jahrzehnte Sparen der Staaten geschwächt ist. Ihre widersinnige Schuldenbremse verhindert die mit Abstand erfolgreichste Gegenwehr: mittels maximaler Investitionen so rasch wie möglich alternative Energiequellen zu erschließen und damit unabhängiger von Öl zu werden. Österreich, das durch ein Defizitverfahren besonders belastet ist, kann nur (hoffentlich) verhindern, dass Bürgerproteste den Bau eines weiteren Wasserkraftwerks in Tirol und weitere Windräder verzögern. Das Problem bleibt in jedem Fall gewaltig:

Klar muss sein, dass es uns allen durch verteuerte Energie schlechter geht. Wir sollten aber dringend vermeiden, dass unser industrieller Output leidet und dass die Teuerung Menschen, die sowieso kaum mit ihrem Geld auskommen, restlos verzweifeln lässt. Ich möchte es, der Einfachheit halber am Dieselpreis festmachen: Die Mineralölsteuer zu senken, hat zwar den Vorteil, weithin sichtbar zu sein und die Inflation marginal zu verringern, aber den grundlegenden Nachteil, dass Millionäre davon genauso profitieren wie Geringverdiener. (Millionäre profitieren sogar etwas mehr, denn sie haben die stärkeren Autos und heizen die größeren Wohnungen). Gleichzeitig entgehen dem Staat Steuereinnahmen, die bei steigenden Dieselpreisen sehr hoch sind und die er viel besser verwenden könnte (sollte), indem er die gestiegenen Mehrkosten sozial Schwacher durch Zuschüsse abfängt. Breite Schultern müssen mehr als schmale tragen. Personen der oberen Steuerklassen können auch deutlich mehr als zwei Euro für den Liter Diesel zahlen und dennoch ihr Auto fahren und ihre Wohnung heizen. Personen der beiden untersten Steuerklassen oder Personen, die gar keine Steuer zahlen, muss der Staat Geld zuschießen und das ist für die Finanz durchaus administrierbar, wenn sie darauf verzichtet, neben den Einkommens- auch die Vermögensverhältnisse zu berücksichtigen. Die nämlich gehören berücksichtigt, indem man endlich auch bei uns ausreichend vermögensbezogene Steuern einhebt. Die Begründung, mit der ÖVP und Neos das abzulehnen, entspricht in ihrem Wahrheitsgehalt den Äußerungen Trumps: Österreich ist nicht, wie sie behaupten, ein „Hochsteuerland“. Das ist es allenfalls bezüglich der Steuern auf Arbeit – dafür zählen die vermögensbezogenen zu den weltweit niedrigsten.

Das ganze Problem wäre dennoch ungleich geringer, wenn die soziale Unterschicht nicht so elend entlohnt würde. Das aber wird sie, weil die Löhne in der EU seit der Agenda 2010 mit dem deutschen Lohnniveau gesunken sind. Was die Versorgung von Unternehmen mit Energie betrifft, ist die Gießkanne abermals verfehlt. Man muss die staatlichen Zuschüsse wie anlässlich der Pandemie nach ihrem (Energie) Bedarf staffeln, und wenn man damit nicht, wie Sebastian Kurz, eine VP-nahe Gesellschaft, sondern die Finanz betraut, wird das auch nicht „kosten, was es wolle“.

Weiterlesen

Der Niedergang der Sozialdemokratie 

Die Wahl-Debakel der SPD spiegeln das Versagen der Sozialdemokratie: Sie sorgt nicht mehr für höhere Löhne, obwohl sozial Schwache die Teuerung immer schwerer bewältigen.

Gleich hinter dem Irankrieg beherrschen die jüngsten Wahldebakel der SPD die politische Diskussion unseres Nachbarlandes: In Rheinland-Pfalz, einem der wenigen Bundesländer, in denen die SPD den Ministerpräsidenten stellte, verlor sie zehn Prozent und erstmals seit 34 Jahren stellt ihn die CDU-CSU. Noch desaströser war das Wahlergebnis in Baden-Württemberg, wo die SPD fast an der 5-Prozent-Hürde gescheitert wäre. In beiden Fällen war die schlechte Performance der Bundes-SPD hauptverantwortlich für die Wahldebakel, denn in Rheinland-Pfalz war der unterlegene SP-Ministerpräsident persönlich sogar besonders beliebt. Dabei war vor beiden Wahlgängen noch gar nicht klar, wie sehr die Verteuerung von Öl und Gas durch den Irankrieg es gerade sozial Schwachen erschweren wird, mit ihrem Einkommen auszukommen, was einmal mehr der AfD zugute gekommen wäre. Bundesweit steht die SPD in Umfragen nur mehr bei 14,2 Prozent, gegenüber 24,2 Prozent der AfD und 26,3 Prozent der CDU-CSU.

Das Schwächeln der SPD schwächt auch die Regierung aus CDU-CSU und SPD, in der sie mit Lars Klingbeil den Vizekanzler und Finanzminister stellt. Denn zwangsläufig wird es in der SPD zu fortgesetzten Führungsdiskussionen kommen, weil Klingbeil zusammen mit Bärbel Bas auch die Parteispitze bildet. Zugleich wird der Zwang der SPD, sich stärker zu profilieren, zu ständigem Streit führen: Dass sie jetzt – vernünftig – einen höheren Spitzensteuersatz fordert, um eine Steuersenkung für das gros der Arbeitnehmer zu finanzieren, wurde von Markus Söder (CSU) prompt energisch ablehnt und dergleichen wird sich wiederholen. Das, obwohl die Koalitionspartner in der zentralen ökonomischen Frage überraschend einig sind: Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden. Das erreichte die CDU-CSU am liebsten mit längeren Arbeitszeiten (Arbeitnehmern wird vorgeworfen, immer weniger arbeiten zu wollen), aber sie ist auch damit zufrieden, dass sich die meisten Gewerkschaften mit „maßvollen Lohnforderungen“ begnügen. Niemandem fällt auf, dass Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gar nicht gefährdet ist: Es hat unverändert rundum Leistungsbilanz Überschüsse. Ich zweifle daher, dass es der SPD besonders guttun wird, wenn die Lohnforderungen der Gewerkschaften ausgerechnet in Zeiten künftig starker Teuerung denkbar „maßvoll“ bleiben.

Niemand weiß mehr, wofür die SPD steht, ist die übereinstimmende Ansicht deutscher Kommentatoren. Voran ZEIT-Autorin Jana Hensel zog daraus auch den richtigen Schluss: Es schadet der SPD extrem, nicht mehr Partei der Arbeiter und Arbeiterinnen zu sein. Den Knackpunkt sieht sie wie ich im Jahr 2000 mit der Agenda 2010 unter Kanzler Gerhard Schröder: Die Agenda unterstützte Unternehmen zu Lasten der Arbeitnehmer, indem sie den Lohnkampf mit Hartz 4 extrem erschwerte: Es kostet sofort Arbeitslosenunterstützung, wenn man nicht gleich eine Arbeit annimmt, auch wenn sie schlechter bezahlt ist.

Anders als Lars Klingbeil und die CDU-CSU, die die Agenda 2010 für einen großen Wurf halten, weiß Hensel auch, dass sie nur deshalb wirtschaftlich erfolgreich war, weil Deutschland seine dank dürftiger Löhne verbilligten Waren in allen Ländern zu deren Lasten vermehrt verkaufen konnte. Heute ist es der Grund für Deutschlands Rezession: Es kann im eigenen Land zu wenig verkaufen, weil die dürftigen Löhne dürftige Kaufkraft bedingen und da alle anderen EU-Mitglieder, die sich Deutschlands Lohnniveau anpassen mussten und die der Austerity-Pakt zum Sparen zwingt, kann es auch dort nicht mehr verkaufen. Gleichzeitig ist China ein billiger Konkurrent und die USA wehren sich mittlerweile voran durch die Abwertung des Dollar gegenüber dem Euro. Je fairer die Wirtschaft funktioniert, desto mehr rächt sich die der EU durch Deutschland aufgezwungene Politik. Nicht, dass das der breiten Bevölkerung bewusst und bekannt wäre, aber die Unterschicht, die am meisten unter dem niedrigen Lohnniveau leidet, spürt am intensivsten, dass sie zunehmend Reallohneinbußen erlebt. Dass die Gewerkschaften bei ihrer zentralen Aufgabe, für adäquate Löhne zu sorgen, versagen, bedingt daher den kontinuierlichen Niedergang der Sozialdemokratie.

Die Umfragen in Österreich sehen inhaltlich noch schlechter als in Deutschland aus: Hier liegt die SPÖ zwar bei 19, die ÖVP bei 21, die FPÖ aber bereits bei 35 Prozent. Dass die rechtsextremen Parteien überall in Europa immer stärker werden, liegt durchwegs voran an der immer schwächeren Sozialdemokratie, die ihre einstigen Stammwähler an diese Rechtsaußen-Parteien verliert. Überall ist die Unterschicht mit der Wirtschaftspolitik der Regierungen unzufrieden, zumal die Migration ihre Probleme am spürbarsten verschärft: Sie verstärkt den Lohndruck und schafft Konkurrenz im Kampf um billiges Wohnen und jede andere Sozialleistung.

Dass es die rechtsextremen Parteien, wenn sie regierten, noch viel schlechter machten, illustriert exemplarisch die FPÖ: Die einfachste Möglichkeit, die unteren Einkommen zu erhöhen, indem man die Vermögensteuern erhöhte, um die Lohnsteuern zu senken, lehnt sie so kategorisch ab wie die ökonomisch unterbelichtete ÖVP und leider auch die Neos. Aber auch wenn es darum geht, mit der aktuellen Verteuerung fossiler Energie umzugehen, erhebt sie die denkbar dümmste Forderung:  Man möge die CO2-Steuer abschaffen, obwohl voran sie dazu zwingt, alternative Energie zu forcieren.

 

Weiterlesen

Die Risiken von Trumps Ultimatum

Ob der Krieg USA gegen die Mullahs wirklich bald endet, ist höchst unklar. Jedenfalls bleiben Öl- und Gaspreis hoch und gefährden die Wirtschaft.

Donald Trump liebt Ultimaten. Dieses ist dennoch das riskanteste seiner Karriere: Entweder, so hat er bekanntlich erklärt, die Straße von Hormus ist binnen 48 Stunden offen oder er bombardiere Irans Kraftwerke. Die Mullahs, die wissen, dass Hormus ihr wichtigstes Faustpfand ist, haben erwartungsgemäß zurückgedroht, dass sie dann die Golfstaaten weit über US-Stützpunkte hinaus angreifen, Urlaubsgebiete beschießen und nichts und niemanden schonen würden.

Ich glaube nicht, dass sich daran demnächst etwas ändert und damit kann auch Trump kaum ganz zurück, obwohl das Bombardement nach angeblich guten Gesprächen um fünf Tage verschoben hat. Gar nichts zu unternehmen, würde ihm wohl als Schwäche ausgelegt und kostete ihn genauso die Midterm -Wahlen wie die steigende Inflation. Ich könnte mir vorstellen, „nur“ die der Straße von Hormus vorgelagerte Insel Kharg angreifen wird, weil es dort unterirdische Abschussbasen für Raketen gibt, vor allem aber, weil sich dort Irans größte Verladungsanlage für Öl befindet, die zu verlieren ihn entscheidende Einnahmen kostete. Jedenfalls hätte er dazu ein weiteres Kriegsschiff und 2.500 Marins zur Verfügung. Wenn Sie diese Zeilen lesen, könnten Sie schon wissen, was er getan hat.

Eines ist sicher: Öl und Gaspreis werden hoch bleiben. Denn Israel hat im iranischen Teil Katars bereits das weltgrößte Gasfeld in Brand geschossen und der Iran darauf das weltgrößte LNG-Terminal des Golfstaats beschädigt. Für China, Japan und Indien, die voran über die Straße von Hormus versorgt werden, ist das schon jetzt wirtschaftlich katastrophal. Für Österreich ist es in dem Ausmaß weniger, als es seine hohe Abhängigkeit von (russischem) Öl/Gas reduziert und den Einkauf diversifiziert hat. Trotzdem sind die nunmehrigen Öl/Gas-Importe aus den Golfstaaten, den USA und Norwegen, die schon bisher teurer als Russlands Öl/Gas waren, noch viel teurer geworden. Wirtschaftsforscher Gabriel Felbermayr hat wie ich für die Auflösung der Mindestölreserve plädiert und die Risiken der geplanten Senkung der Mineralölsteuer aufgezeigt: Sie kann den Fiskus Einnahmen kosten, die der Mineralölindustrie verbleiben; deren Margen zu beschränken, kann die Tankstellen trockenlegen. Nur sinnwidrig wäre der Wegfall der CO2 -Steuer, denn sie drängt uns das Nützlichste zu tun: grüne Energie zu forcieren.

Die USA kostet jeder Kriegstag ein Milliarde Dollar, Russland kaum weniger. Beide bekommen einen Teil davon durch den gestiegenen Öl/Gas -Preis wieder herein. In der EU sollte man nachdenken, ob ihr der Verzicht auf russisches Öl/Gas nicht mehr Probleme als Russland beschert, das beides, wenn auch billiger, eben an China verkauft.

Trump will vom US-Parlament dennoch 200 Milliarden Dollar, obwohl er den Irankrieg als bereits gewonnen bezeichnet hat, und auch Israel glaubt ihn demnächst gewonnen. Angesichts ihrer Lufthoheit ist denkbar, dass fast alle von oben sichtbaren Abschussrampen, Munitionsdepots und Produktionsstätten tatsächlich ausgeschaltet wurden. Aber Unterwasser-Minen und unterirdische Abschuss-Basen sind von oben nicht sichtbar und haben Tankschiffe schon deshalb problemlos am Passieren der Straße von Hormus gehindert, weil niemand sie versichert. So dürftig Trump Europa in der Ukraine unterstützt, hat er bekanntlich von den europäischen NATO Partnern gefordert, dass sie Tankschiffe wie vor Suez mit Kriegsschiffen begleiten. Bisher haben sie das mit der Begründung abgelehnt, dass das nicht ihr Krieg und schon gar kein NATO-Fall sei. Nur im Fall eines Waffenstillstands wollen sie helfen. Diese Weigerung Trump zu unterstützen birgt das Problem, dass Europa die USA als NATO-Partner mehr braucht, als die USA Europa brauchen, und auch die Tankschiffe bringen mehr Öl nach Europa als in die USA. Allerdings erreichen Irans Mittelstreckenraketen Europa, nicht aber die USA.

Dass es Trump so wichtig ist, dass der internationale Ölpreis durch Öffnung der Straße von Hormus sinkt, liegt daran, dass die Inflation sein größtes Handikap bei den Midterm-Wahlen ist. Aber nun sinkt er sicher gar nicht. Und so sehr ich hoffe, dass er sie verliert, ist sein Sinken für Europa, Japan, China und Indien als Handelspartner noch weit wichtiger, denn die USA haben dank Fracking (teureres) eigenes Gas und Öl.

Den Iran, wenn man ihn angegriffen hat, nicht wenigstens maximal zu schwächen, halte ich für restlos unsinnig: In ein paar Jahren erholte er sich und stellte die alte Gefahr dar. Daher scheint mir vorteilhaft, alles zu tun, was die Fehler in Trumps Kriegsführung ausgleicht und den Sieg Israels und der USA sicherstellt. Nicht aus Sympathie für Trump und Netanjahu, wohl aber, weil eine massive Niederlage der Revolutionsgarden den Nahen Osten sicherer macht und nicht zuletzt die einzige, vage Chance für einen Regimewechsel ist. Diese noch so vage Chance zumindest aufrecht zu halten, sollte ein Kriegsziel bleiben. Denn völlig unerreichbar ist es nicht: Hohe Militärs der Revolutionsgarden, denen Geld aus ihren Industriebeteiligungen ungleich wichtiger als der Islam ist, könnten einer Regierung zustimmen, der weder die Vernichtung Israels noch das Kopftuchverbot wichtigstes Anliegen ist. Zwar würde damit noch längst nicht Demokratie und Freiheit, wohl aber eine gewisse Normalisierung erreicht. Trump, dem es zwar kaum um Demokratie und Freiheit für die Iraner gegangen ist, wäre an einem solchen Arrangement jetzt mehr denn je interessiert.

 

 

Weiterlesen

Der Iran entscheidet über Trumps Zukunft

Wenn der Irankrieg nicht blitzartig endet, erlebt Trump ein Wahldebakel. Aber wenn der Iran nicht zur Gänze entwaffnet wird, bleibt er zentrales Problem des Nahen Ostens.

 „Die befristet gestiegenen Ölpreise, die nach Zerstörung der atomaren Bedrohung durch den Iran rapide fallen werden, sind ein sehr kleiner Preis, den die USA und die Welt für Sicherheit und Frieden zahlen. Nur Idioten sehen das anders“, schrieb Donald Trump vorige Woche auf „Truth social“. Wenn man die Schmähung Andersdenkender als „Idioten“ weglässt und zumindest die Entwaffnung des Iran gelingt, sehe ich das ausnahmsweise ähnlich: Das Streben eines Regimes, das seine Bevölkerung wie kein anderes unterdrückt, nach atomarer Bewaffnung, bedroht zwar nicht Frieden und Sicherheit der USA und der Welt, wohl aber Israels und des Nahen Ostens. Die vom Iran finanzierte Hisbollah- Miliz bedroht nicht nur Israel, sondern hält auch den einst blühenden Libanon, wie die Huthi-Rebellen den Jemen, in Geiselhaft. Selbst Drohnen zur Vernichtung der Ukraine liefert der Iran. Das alles sollte man über der befristeten Steigerung des Ölpreises nicht sofort vergessen.

Der Krieg Israels und der USA gegen den Iran wird nicht dadurch zu einem verfehlten Krieg, der sofort zu beenden ist, weil wir für eine Weile 30 Cent mehr für den Liter Benzin zahlen – sondern er wird dazu, wenn er keines seiner Ziele erreicht: wenn er weder Lager und Produktionsstätten von Langstreckenraketen und Abschussrampen und Anlagen zur Anreicherung von Uran zerstört noch einen Regimewechsel herbeiführt.

Letzteren muss man sich, fürchte ich, bereits abschminken. Trumps Vorstellung, dass die Bevölkerung das Regime stürzt, indem sie aufsteht, war vielleicht nicht absurd, wenn der Angriff der USA mit den Massendemonstrationen im Jänner zusammengefallen wäre – heute ist sie zynisch, wissen die Demonstranten doch, dass sie sofort erschossen würden. Der Regimewechsel ist nur mit Bodentruppen möglich und ich dachte, zwischen Trump und Benjamin Netanjahu sei abgesprochen, dass Israel diese Aufgabe übernimmt. Denn Trump, der versprochen hat, die USA nie mehr Kriegen auszusetzen, kann sich nicht so viele tote US-Soldaten leisten wie im Bodenkampf unvermeidlich sind. Doch es hat diese Absprache offenbar nicht gegeben und auch die Israelis setzen vorerst keine Bodentruppen ein, obwohl vermutlich nur sie die 400 Kilo angereicherten Urans vernichten können, die Iran bereits besitzt.

Trump ist damit vor den Midterm -Wahlen zwar „nur“ mit dem Risiko des hohen Benzinpreises konfrontiert, aber in seiner Ahnungslosigkeit hat er offenbar nicht begriffen, dass der Iran mit der Möglichkeit, die Straße von Hormus zu sperren, die denkbar stärkste Waffe besitzt: Er kann die Auslieferung von 20 Prozent des Öls der Welt verhindern. Zwar befahl Trump der US-Armee, alles zu tun, um die Passage zu öffnen, und zumindest 16 Minenlege-Boote hat sie versenkt, aber zwei ausgebrannte Tankschiffe zeigten, wie gut die Sperre funktioniert. Zuletzt versuchten die USA die Abschussrampen auf der Insel Kharg auszuschalten, die der Passage vorgelagert ist, aber aus unterirdischen Gängen an der Küste können ebenso weiter Torpedos abgeschossen werden, wie Raketen von Lastautos, die sich danach verstecken. Trump, so fürchte ich, könnte die Öffnung der Straße von Hormus, der Midterm-Wahlen wegen, nicht abwarten und den Rückzug anordnen, um nicht weitere Tote zu riskieren.

Ich hoffe zwar einerseits, dass er die Midterm-Wahlen trotzdem verliert, aber anderseits fürchte ich, dass dann, wenn Israel alleine weiterkämpfen muss, auch das zweite Kriegsziel nicht erreicht wird: die dauerhafte Entwaffnung des Iran. Der bliebe dann, etwas geschwächt, der Störenfried, der er immer gewesen ist. Noch bin ich allerdings optimistisch, dass den Israelis die Entwaffnung auch alleine gelingt – sonst war es wirklich ein rundum verfehlter Krieg, der nur zu den wirtschaftlichen Turbulenzen geführt hat, die ein zeitweilig erhöhter Ölpreis zwangsläufig nach sich zieht.

Mit diesen Turbulenzen schlägt sich derzeit die EU herum und fordert ebenfalls raschen Frieden, ohne zu bedenken, was es bedeutetet, wenn die Entwaffnung des Iran nicht erreicht wird. Gravierende andere Fehler scheint man nicht zu machen. Von der Senkung der Treibstoffsteuer, wie sie seinerzeit die FPÖ gefordert hat, ist diesmal auch in Deutschland nicht die Rede, erinnert man sich doch daran, dass sie den Fiskus 30 Millionen Euro gekostet hat, die der Treibstoffindustrie verblieben, indem sie das Benzin keineswegs verbilligt hat. Auch einen Preisdeckel dürfte man nicht verfügen, seit man weiß, dass er Ungarns Tankstellen trockenlegte. Einzige Maßnahme Österreichs dürfte sein, dass die Tankstellen nur dreimal in der Woche Preise festsetzen und sie dann nur mehr nach unten korrigieren dürfen, denn dieses Modell hat sogar Deutschland übernommen. Für ernsthaft preisdämpfend halte ich es nicht, denn im Zweifel wird die Treibstoffindustrie den so heiklen Preis möglichst hoch ansetzen. Viel eher preisdämpfend werden Freigabe der Öl-Mindestreserven und die befristete Aufgabe der Sanktion russischen Öls sein, so sehr sie der Ukraine schadet.

All zulange, so hoffe ich, wird die Sperre der Straße von Hormus trotzdem nicht dauern, denn zu viele wollen, dass sie endet: neben den USA auch alle Golfstaaten, von denen nur Saudi-Arabien Teile seines Öls auch per Pipeline liefern kann. Stimmt der Iran der Durchfahrt länger nicht zu, so beteiligen sich womöglich auch sie am Kampf gegen ihn. Nicht zuletzt muss er auch sein eigenes Öl über die Straße von Hormus verkaufen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen

Ist Irankrieg wider Völkerrecht richtig?

Der Krieg Israels und Trumps widerspricht aktuellem Völkerrecht, aber er hinterlässt den Iran ohne angereichertes Uran und Raketen und gibt dem Volk eine (vage) Chance.

 Deutschlands Kanzler Friedrich Merz erntet Kritik, weil er sich im Irankrieg vor ein „Dilemma“ gestellt sieht: Die Ajatollahs stünden an der Spitze eines Terrorregimes, das Israel vernichten will, Terrormilizen finanziert und die Erschießung zigtausender eigener Bürger verantwortet – daher wolle er niemanden rechtlich belehren.

Mir scheint das Dilemma offensichtlich, solange geltendes Völkerrecht ausschließt, ärgsten Menschenrechts-Verstößen eines Regimes militärisch entgegenzutreten: Da der Iran im Moment keinen Angriff auf Israel plant, ist ein Präventivschlag unzulässig und dass ihn der UN-Sicherheitsrat erlaubt, verhindert Russlands Vetorecht. Deshalb halte ich, so unrealistisch das ist, für nötig, das Völkerrecht dahingehend zu reformieren, dass eine militärische Intervention in einem fremden Land zulässig ist, wenn sie dazu dient oder jedenfalls geeignet ist, schwerste dort stattfindende Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden, und wenn Blutzoll und Risiken der Intervention, an ihnen gemessen, tragbar sind. Jedenfalls scheint es mir sinnvoll, den Irankrieg nach diesen Kriterien zu bewerten.

Benjamin Netanjahus Motiv ist klar: er will Israel dauerhaft vor dem Iran schützen. Dass Donald Trump sich ihm anschloss, scheint mir die Flucht vor schlechten Umfragewerten durch Epstein-Skandal und ICE -Affäre, vermischt mit der Gier nach Öl: wie in Venezuela könnte er mit der geschwächten künftigen Regierung des Iran Nutzungsverträge abschließen. Beider Staatsführer Interesse am Schicksal der Iranis halte ich dagegen für begrenzt.

Der „Blutzoll“ der Intervention ist Trumps größtes Risiko: Jeder tote US-Soldat schadet ihm extrem, hat er doch versprochen, die USA aus Kriegen herauszuhalten. Kann er die Zahl toter US-Soldaten jedoch sehr niedrig halten und die Intervention dennoch erfolgreich abschließen, könnten seine Umfragewerte aber wie nach dem Venezuela-Coup in die Höhe schießen.

Für die Beurteilung in Europa werden freilich alle Todesopfer zählen. Da US-Raketen sehr präzise sind, stehen derzeit nur rund anderthalbtausend getöteten Iranis (darunter voran Schergen des Regimes), geschätzten 15.000 (allein heuer) von den Revolutionsgarden erschossene Demonstranten gegenüber. Allerdings kann sich diese Bilanz leicht zu Lasten Unschuldiger ändern: 175 Menschen kamen um, weil US-Piloten auf ein Gebäude feuerten, das ursprünglich Teil der Marinebasis der Revolutionsgarden, nun aber eine Mädchenschule war. Den fehlerlosen Krieg gibt’s nicht, aber zumindest ist er zeitlich begrenzt: Trump muss die Intervention deutlich vor den Midterm-Wahlen im November abschließen, um ein Wahldebakel zu vermeiden.

Sonstige Risiken sind schwer abzuschätzen: die Verteuerung von Öl kann gefährlich oder, wie mir wahrscheinlicher scheint, mit der Sicherung der Passage von Hormus, bald vorbei sein. Fluchtbewegungen gab es schon bisher, doch der bereits ausgelöste „Flächenbrand“ dürfte sie verstärken. Zudem beschießt der Iran US-Stützpunkte in diversen „Bruderstaaten“ in der Hoffnung, dass es sie gegen die Intervention aufbringt, aber da nicht nur Stützpunkte getroffen werden, stärkt es die Sympathie für die Intervention.

Trump & Netanjahu können vor allem argumentieren, dass der „Flächenbrand“ ungleich größer wäre, wenn man zuwartet, bis der Iran Atomsprengköpfe und Langstrecken-Raketen besitzt und sich in der Lage fühlt, Israel, wie beschworen, „von der Landkarte zu tilgen“ – ja dass es höchste Zeit ist, dieses Szenario zu vermeiden. Denn die Vorstellung, dass der Iran sich durch Diplomatie zähmen ließe, erweist sich seit 47 Jahren als falsch. Niemand glaubt, dass er nicht weiter nach Atomsprengsätzen strebt, auch wenn sie keineswegs, wie Trump behauptet, demnächst einsatzfähig wären – 400 Kilo angereichertes Uran besitzt er schon jetzt.

Das für mich tragischste Risiko besteht darin, dass der Krieg zu keinem Systemwechsel, sondern nur von der blutigen Diktatur der Mullahs zur blutigen Diktatur der Revolutionsgarden führt, die längst die eigentlichen Herrscher des Landes sind. Denn wie die meisten Beobachter halte ich für extrem schwierig, den Systemwechsel erreichen, ohne Bodentruppen einzusetzen, was aber weder Netanjahu noch Trump will. Dass sich die Bevölkerung, wie Trump fordert, „ihr Land zurückholt, indem sie auf die Straße geht“ verkennt die Brutalität der Revolutionsgarden. Nur deren Einigkeit könnte angesichts der erfolgreichen Angriffe auf die Öl-Infrastruktur leiden. Allerdings ist auch die Opposition uneins: der Sohn von Schah Reza Pahlevis genießt dieses Namens wegen zwar Zustimmung, aber kaum weniger Ablehnung. Voran, dass er die Autonomie der Kurden ablehnt, bringt sie gegen ihn auf.

Trotz aller aufgezählten Risiken halte ich die militärische Intervention für berechtigt, wenn ich sie 47 Jahren mörderischer Unterdrückung der iranischen Bevölkerung gegenüberstelle – auch wenn ich mich sehr viel wohler fühlte, wenn Netanjahu und Trump zu Hause nicht so düstere Staatsmänner wären. Aber ihre Intervention bietet der Bevölkerung zumindest die vage Chance auf Verbesserung ihrer Lage. Und vor allem: Selbst wenn die unterbleibt, weil der Mullah-Diktatur tatsächlich nur die Diktatur der Revolutionsgarden folgt, verbessert sich zumindest die internationale Lage: Denn die Entwaffnung des Iran – die Zerstörung der Langstreckenraketen und Abschussrampen, der Anlagen zu ihrer Produktion und zur Uran-Anreicherung – gelingt sicher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen

Was bringt uns „Budgetkonsolidierung“?

Ökonomen haben überprüft, was „Budgetkonsolidierung“ Österreich und 11 weiteren EU-Staaten in der Vergangenheit eingebracht hat: sinkende Produktion und mehr Arbeitslose.

Aus dem Bericht der EU über die Anforderungen, die ihr Defizitverfahren an Betroffene stellt, geht hervor, dass sie erwartet, dass Österreich 2026/27, über die bisherigen Maßnahmen hinaus, einen Teil der Mehreinnahmen durch „kalte Progression“ wieder beim Staat belässt, die Progression für Spitzenverdiener verschärft und die CO2-Steuer befristet reduziert. Ich will hier nicht beurteilen, welche der bisherigen oder künftigen Maßnahmen ich für besser oder schlechter halte – aber ich bleibe dabei, dass die von der EU geforderte „Budgetkonsolidierung“ der Wirtschaft nicht nützt, sondern schadet.

Darin bestärkt mich eine Studie der Ökonomen Anna Matzner und Philipp Heimberger vom „Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche“(WIIW)[1] die prüfte, wie die Maßnahmen, die der Einhaltung der EU-Fiskalregeln dienten, sich zwischen 1980 und 2020 in der Praxis auf Österreich und elf weitere EU-Staaten (Belgien, Deutschland, Spanien, Finnland, Frankreich, Dänemark, Schweden, Italien, Irland, Niederlande und Portugal) ausgewirkt haben: „Wir präsentieren empirische Evidenz“, so heißt es in der Studie zusammenfassend, „dass Budgetkonsolidierung… die Wirtschaftsleistung reduziert, die Arbeitslosenquote und die Einkommensungleichheit erhöht.. Die Bremseffekte waren in Abschwüngen deutlich stärker als in Aufschwüngen.“

Für Österreich sagt die Studie auf Grund der von ihr ermittelten Zusammenhänge vorher: „Die Regierung plant im Laufe der Legislaturperiode eine durchschnittliche Konsolidierung in Höhe von etwa 0,5 Prozentpunkten des BIP pro Jahr. Das reale BIP sinkt infolge (dessen) um etwa 0,6 Prozent im ersten Jahr. Drei Jahre nach der Konsolidierung summieren sich die BIP-Verluste auf 1,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote steigt mit der Budgetkonsolidierung um 0,6 Prozentpunkte und zwei Jahre später in Summe um 0,9 Prozentpunkte an. Die Einkommensungleichheit nimmt zu. Allerdings reduzieren (die) gesamtwirtschaftlichen Bremseffekte die Inflationsrate mittelfristig um rund 0,15 Prozentpunkte. In (unserer) Simulationen ist die reale Wirtschaftsleistung im Jahr 2028 um 1 Prozent niedriger als in der Projektion der EU-Kommission, womit auch die Staatsschuldenquote höher ausfällt – und bis zum Jahr 2028 trotz Kürzungen und Steuererhöhungen nicht absinkt.“

Dass die EU die Zukunft Österreichs so anders vorhersagt, liegt daran, dass jede Gleichung Wirtschaftswachstum ergibt, wenn man für ihre Variablen entsprechende Annahmen trifft – selbst, wenn die der bisherigen Erfahrung[2] und sogar EU-eigenen Untersuchungen widersprechen.

Leider entsprechen die Ergebnisse des WIIW hingegen exakt meiner hier geäußerten Befürchtung: Was die EU von uns verlangt, vertieft die Rezession! Nur die massiv erhöhten Staatsausgaben Deutschlands dämpfen diesen Effekt. Natürlich entsprechen die Ergebnisse des WIIW auch der „Saldenmechanik“, wonach die Wirtschaft unmöglich wachsen kann, wenn die Ausgaben des Staates sinken, obwohl die Ausgaben von Konsumenten und Unternehmen nicht steigen.

Hinter der Blindheit der EU-Kommission steckt, wie fast immer, Emotion: Deutsche, die die Hauptverantwortung für die Maastricht-Kriterien tragen, können nicht zugeben, sich – in zweifellos bester Absicht: weil „Sparen“ für die schwäbische Hausfrau nun einmal die höchste aller Tugenden ist – geirrt zu haben. Die Frage, die mich bewegt, lautet daher: Was muss passieren, damit die EU zu funktionierenden Fiskal-Regeln gelangt? 2024, als sie diese Regeln reformierte, dachte ich, sie würde die Chance wahrnehmen, sie massiv zu lockern – aber die Lockerung fiel minimal aus: Man kann die 60 Prozent Staatsschuldenquote über mehrere Jahre hinweg erreichen. Erst 2025 erzwang der Ukrainekrieg endlich eine Aufweichung von Gewicht: Die Wiederbewaffnung kaputtgesparter Heere war nur möglich, wenn man Investitionen in die militärische Schlagkraft von der Schuldenregel ausnahm –  was sich derzeit für Österreich als besonders segensreich erweist, weil Deutschland nicht nur jedes Jahr 100 Milliarden Euro in seine kaputtgesparte Infrastruktur, sondern auch in sein Heer investiert und zumindest ein Teil davon seiner und damit auch unserer Wirtschaft zu Gute kommt.

Othmar Karas, der die EU besser als ich kennt, meint, dass ähnliche Aufweichungen bald auch andere Bereiche betreffen werden. Die EU kann nur ernsthaft in den Klimaschutz investieren, wenn diese Investitionen künftig von der Schuldenbremse ausgenommen werden. Genauso Investitionen in Digitalisierung oder künstliche Intelligenz, wenn Europa nicht total von den USA und China abgehängt werden will. Die Ausnahmen würden immer nur Themenbezogen erfolgen – in meinen Augen, um den Schein zu wahren, dass die Maastricht-Kriterien richtig wären.

Ich hoffe, dass Karas Recht behält. Sonst wird es Europa so ergehen, wie Philipp Heimberger festhält: „Viele Regierungen müssen, selbst im Wirtschaftsabschwung, Budgetkürzungen vornehmen, was die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in der Eurozone weiter dämpfen wird. Das könnte in eine längere Phase von schwachem Wachstum und Arbeitsmarktproblemen münden.“ Sprich: in eine Euro-weite Wirtschaftskrise.

[1] 2021 wurde das WIIW auf dem Global Go To Think Tank Index in der Kategorie ‚Top International Economics Think Tanks‘ auf den dritten Platz gereiht.

[2] Schon der Internationale Währungsfonds (IWF) kam zu dem Schluss, dass sich der Spar-Pakt „mehr schlecht als gut“ ausgewirkt hätte.

 

Weiterlesen

Trump scheitert ökonomisch und juristisch

Dass Donald Trump Zölle nicht dekretieren durfte, zwingt, sie betroffenen US-Firmen zu ersetzen. Dieses Geld fehlt für Steuersenkungen. Trumps Midterm-Chancen schwinden.

„Donald Trump könnte vor seiner größten Niederlage stehen – oder der Supreme Court vor dem größten Rechtsbruch der US-Geschichte“, schrieb ich hier im September vorigen Jahres, „denn das Argument, dass das 1,2 Billionen Dollar Leistungsbilanzdefizit der USA einen Notstand darstellt, der ihm erlaube mit Dekreten zu regieren, ist grotesk. Es gibt ein solches Defizit seit drei Jahrzehnten und vier Präsidenten, ohne dass selbst Trump in seiner ersten Amtszeit von einem Notstand gesprochen hätte.“

Freitag voriger Woche hat Trump seine größte Niederlage endlich tatsächlich erlitten, denn der Supreme Court hat den größten Rechtsbruch der US-Geschichte vermieden: Er hat, im Wesentlichen mit dieser für jeden Juristen stets klaren Begründung, ein Urteil bestätigt, mit dem ein Gericht für internationalen Handel schon vor Monaten auf Grund der Klage betroffener Firmen entschieden hatte, dass Trump damit seine Befugnisse überschritten hat, weil die Verhängung von Zöllen Sache des Parlaments (des Congress) ist. Konkret aufgehoben wurden, neben den weltweiten Zöllen, die Trump mit dem Handelsbilanzdefizit begründet hat, auch die Zölle gegen Mexiko, Kanada und China wegen angeblichen Drogenschmuggels.

Der „Tag der Befreiung“, an dem Trump, wie Moses mit einer riesigen Tafel in der Hand, seine Zolloffensive verkündet hat, wurde zum Tag seiner Entlarvung als Scharlatan.

Wie zu erwarten, schäumt er und nennt die Höchstrichter „Narren“, die die Interessen des Landes verrieten und jemandes „Schoßhunde“ wären. Besonders wütend ist er, dass neben den vier liberalen Mitgliedern des Supreme Court ausgerechnet die beiden Richter das Urteil ermöglich haben, die er ernannt hat. Er irrte, als er glaubte, dass Richter, die die Abtreibung für Mord halten, (so unsinnig das in meinen Augen auch ist) zu seinen Vollzugsgehilfen würden – das Gegenteil war der Fall. In Wirklichkeit ist erschütternd, dass das Votum des Supreme Court nur mit sechs zu drei Stimmen zu Stande kam, denn neun zu null Stimmen wären das einzig Angemessene gewesen. Die Besetzung des Supreme Court braucht unverändert die von den Demokraten schon lange geforderte Reform.

Bekanntlich hat Trump sofort angekündigt, auf Basis einer anderen gesetzlichen Grundlage – Abschnitt 122 des Trade Expansion Act, nunmehr Zölle von 15 Prozent auf alle importierten Waren zu dekretieren. Auch dabei geht es um Zölle, die sich gegen ein bedrohliches Handelsbilanzdefizit richten, das freilich konkreter definiert ist, und einmal mehr ist fraglich, ob diese Bedrohung vorliegt. Vor allem aber ist die ergriffene Maßnahme mit 150 Tagen begrenzt und setzt eigentlich zumindest eine interne Diskussion voraus. So hat Trump die Zölle gegen Stahl und Aluminium, Autos und Autobestandteile auf dieser Basis verhängt und vorerst gelten sie, wie der neu verhängte 15 Prozent-Zoll auf alle Importe weiter. Der mit der EU vereinbarte Zoll von 15 Prozent ist mit dem Urteil zwar wie die gesamte Vereinbarung hinfällig, aber die 15 Prozent bleiben gleich. Und zumindest dürfte Trump in Zukunft darauf verzichten, Staaten Zölle anzudrohen, die seinen Anspruch auf Grönland bestreiten, ihm wie Norwegen den Friedensnobelpreis nicht verliehen oder wie Brasilien seinen Freund Jair Bolsonaro verurteilt haben. Die Androhung von Zöllen als Mittel der Erpressung dürfte ein Ende finden. Seinem krankhaften Größenwahn wurde eine rechtliche Grenze gesetzt – wie weit er sie beachtet, bleibt ungewiss. Es gibt den köstlichen Cartoon, in dem Sigmund Freud Trump frägt, seit wann er um seine große Überlegenheit weiß und der antwortet: „Seit ich Himmel und Erde geschaffen habe.“

Auch das reale, von seinem Treasury Department aufgeworfene Problem, dass europäische Waren so konkurrenzlos billig sind, weil sie im Schlepptau Deutschlands zu Lasten der Arbeitnehmer zu Dumpinglöhnen produziert werden, wird Trump in Zukunft zivilisierter lösen müssen: entweder, indem er mit der EU darüber verhandelt – auch wenn es der schwerfällt, auch eigene Fehler zu erkennen – oder, indem er der Empfehlung besserer Ökonomen folgt, den Dollar gegenüber dem Euro abwerten zu lassen. Das tut er seit zwei Monaten und der Dollar hat gegenüber dem Euro bereits um 12 Prozent abgewertet – entsprechend leichter fallen den USA Exporte in die EU, während der EU Exporte in die USA schwerer fallen.

Zölle könnte Trump nur mehr dann rechtmäßig einheben, wenn die Welthandelsorganisation WTO weiterhin ein Ungleichgewicht zu Lasten der USA sieht, und wenn der Congress es beschließt. Im Moment kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass Trump dort nach den Midterm-Wahlen weiterhin eine Mehrheit hat. Denn vorerst hat das größte Genie auf Erden mit banalen Problemen zu kämpfen: Rechtlich scheint klar, dass die Unternehmen, die Zölle entrichten mussten, diese vom Staat zurückfordern können und dabei geht es um Abermilliarden, mit denen Trump eigentlich die Steuersenkungen seiner „Big Beautyful Bill“ finanzieren wollte. Kann er seine diesbezügliche Versprechen nicht erfüllen, so müssen die Amerikaner all die Güter, die sich durch seine Zölle verteuert haben und weiterverteuern, mit ihren aktuellen Einkommen kaufen – und die Inflation war schon bisher hauptverantwortlich für die schlechten Umfragewerte der Republikaner.

Ehe man sich zu früh freut, sollte man für möglich halten, dass Trump einen Weg findet, die Midterm-Wahlen abzusagen.

 

Weiterlesen

Sind wir wirtschaftlich über den Berg?

Österreichs Wirtschaft dürfte trotz staatlichen Sparens minimal wachsen, weil weniger als geplant gespart wurde, Deutschland sehr viel mehr ausgibt und auch wir rüsten.

Finanzminister Markus Marterbauer nimmt auch für Österreich die „Ausweichklausel“ des „Stabilitäts- und Wachstumspaktes“ der EU in Anspruch, die es erlaubt, die Staatsausgaben um 1,5 Prozent des BIP zu erhöhen, ohne gegen diesen Pakt zu verstoßen, wenn diese Ausgaben die militärische Schlagkraft erhöhen.

Ich halte Marterbauers Entscheidung für zweifach richtig: Erstens, weil Österreich durchaus mehr militärische Schlagkraft braucht, auch wenn es von NATO-Staaten umgeben ist und ich nicht glaube, dass Putin demnächst weitere Vorstöße unternimmt – aber es kann zum Beispiel darum gehen, das Territorium der Restukraine nach einem „Frieden“ abzusichern und dazu sollte auch Österreich einen Beitrag leisten können.

Zweitens meine ich, dass jede zusätzliche Investition des Staates der Wirtschaft nützt. Wie sehr das bei Rüstungsinvestitionen der Fall ist, ist freilich umstritten: So gibt es eine aktuelle Studie der Universität Mannheim, wonach ein Euro, den Deutschland in Rüstung investiert, maximal zusätzlich 50 Cent, vielleicht aber auch gar kein Zusatzeinkommen schafft (Während es bei Infrastrukturinvestitionen das Doppelte ist). In Russland haben die hohen Rüstungsausgaben der letzten Jahre das Wirtschaftswachstum allerdings sehr wohl erhöht, weil eine beträchtliche Zulieferindustrie davon profitierte. Noch viel dramatischer war das zwischen 1939 und 1945 in den USA der Fall, als sie gegen Hitler-Deutschland rüsteten: ihre Wirtschaft wuchs mit Raten von zuerst 8 und 8,8 Prozent, dann17,7, zuletzt 18,9 und 17,8 Prozent. Allerdings flossen alle Rüstungsinvestitionen der USA in US- Betriebe, während ein Großteil des deutschen „Sondervermögens“ für den Kauf von F35 Abfangjägern oder von Patriot-Systemen in die USA abfließt und nur ein Teil bei Rheinmetall oder Thyssen landet. Eher noch weniger der österreichischen Rüstungsausgaben landen in Österreich: Geld für weitere Flugzeuge, Hubschrauber oder Raketen landeten ausschließlich im Ausland- höchstens der Kauf von mehr Pandur-Radpanzer käme der Produktionsstätte in Wien-Simmering zu Gute. Doch man kann auch Brücken finanzieren, auf denen Panzer fahren können, und sogar eine dritte Piste für den Flughafen Schwechat ließe sich militärisch begründen. Jedenfalls könnte man neue Kasernen bauen und damit der darbenden Bauindustrie unter die Arme greifen, während man die Stifts- oder die Fasangarten- Kaserne für sündteure Wohnungen nutzte. Vor allem aber kann man Teile der Ausgaben dazu verwenden, die Grundlagenforschung in Bereichen zu fördern, die „auch“ militärisch von Bedeutung sind. Es wird der EU-Kommission kaum möglich sein, solche zivil wie militärisch nützliche Investitionen als unzulässig abzulehnen. Auch wenn es ökonomisch ungleich sinnvoller wäre, wenn sie jede Investition des Staates akzeptierte.

Etwas wird Österreichs Wirtschaft also sehr wohl von seinen militärischen Mehrausgaben profitieren und zweifellos profitiert ein Stahlproduzent wie die VOEST von den erhöhten Rüstungsinvestition Deutschlands und anderer EU-Staaten, während Baufirmen wie die STRABAG oder PORR bekanntlich voran von Deutschlands Infrastrukturinvestitionen profitieren. Zusammen sollte das vorerst für jenes minimale Wirtschaftswachstum reichen, das Wirtschaftsforschungsinstitute und Nationalbank für das noch nicht abgeschlossene Jahr 2025 erwarten und für 2026 prophezeien. Danach, so prophezeie ich, wird es enden. Denn noch nie in der Geschichte wurde die Wirtschaft eines Landes durch Sparen des Staates dauerhaft saniert: Schwedens Sanierung 1993, die manchmal ins Treffen geführt wird, beruhte auf einer Abwertung der Schwedenkrone und einem Stillhalteabkommen der Sozialpartner.

Dass ein minimales Wachstum auch noch noch in den nächsten Monaten zu messen sein wird, in denen Österreich auf Grund des Defizitverfahrens zu sparen versucht, sollte deshalb auf keinen Fall zu dem Fehlschuss verleiten, dass dieses Sparen des Staates Ursache des Wachstums ist – das Gegenteil ist der Fall: Österreichs Wirtschaft wächst „trotz“ der staatlichen Sparbemühungen, weil ihm Deutschlands höhere Ausgaben auf die hier beschriebene Weise zu Gute kommen. Und nicht zuletzt auch, weil es, wie wir jetzt wissen, auch längst nicht soviel gespart hat, wie man annahm, bevor man die Ausgaben der Bundesländer und Gemeinden kannte. Dass Österreichs Budgetdefizit 4,9 statt 4,5 Prozent betragen dürfte, hat ebenso wie Deutschlands Mehrausgaben dazu beigetragen, dass das minimale Wachstum zu Stande kam.

Es gibt aber bereits das Gerücht, dass auch Deutschland ein Defizitverfahren drohen könnte, weil es die 3 Prozentgrenze womöglich verfehlt, und leider muss man angesichts der grundsätzlichen ökonomischen Ahnungslosigkeit Brüssels für möglich halten, dass es auch seine größte Volkswirtschaft tatsächlich zu mehr staatlichem Sparen zwingt. Dann kehrte Österreich im gleichen Augenblick zur Rezession zurück.

Sonst wird das erst der Fall sein, wenn die deutsche Unterstützung wegfällt und auch die teils gute wirtschaftliche Entwicklung des Ex- Ostblocks endet. Denn außer gegen Österreich, Frankreich, Italien, Belgien und Malta hat die EU- Kommission auch gegen Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien Defizitverfahren verhängt und sie alle werden zu Ende der Verfahren Budgetdefizite von mehr als drei Prozent haben. Müssen sie dann Strafen laut EU Strafen zahlen geht es endgültig abwärts.

 

 

 

 

 

Weiterlesen

Ukraine: der schmähliche Frieden ist nah

Trump hat es eilig: Während die Ukrainer frieren, fahren die USA ihre waffentechnische Unterstützung dramatisch zurück – die EU kann sie nicht ersetzen.

„Der Frieden war noch nie so nah“, sagt mit Oberst Markus Reisner der sachkundigste Beobachter des Ukrainekrieges – „aber es wird ein Frieden zu Lasten der Ukraine sein: Russlands Mindestanspruch wird es sein, zur Krim auch den gesamten Donbas und den Oblast Saporischschja zu erhalten.“ Auch wenn es dessen gleichnamige Hauptstadt noch längst nicht erobert hat.

Ich teile diese Ansicht. Der Frieden wird kommen, weil Wladimir Putins Beute so reich ist und er das riesige Land militärisch sowieso nie voll kontrollieren könnte. Die Frage ist nur, ob die EU in der Lage ist, die Rest-Ukraine militärisch so abzusichern, dass Putin sie nach einem Jahr nicht neuerlich überfällt, um eine ihm genehme Marionetten-Regierung zu installieren.

Denn Donald Trump wird ihn daran nicht hindern. Schließlich wäre es ihm ein Leichtes gewesen, einen für die Ukraine ungleich günstigeren Frieden zu erreichen, indem er sie mit den besten Waffen unterstützt. Das aber tut er nicht: sicher, weil ihm an guten Geschäften mit Russland gelegen ist; wahrscheinlich, weil es länger dauerte und er glaubt, den Friedensnobelpreis so schneller zu erhalten; vielleicht auch, weil er wirklich keine Toten mehr sehen will. Ich halte es allerdings auch nicht für eine abwegige Verschwörungstheorie, dass Trump Putin ausgeliefert ist, weil der nachweisen könnte, dass er ihn mit Geld des KGB vor der Pleite gerettet hat.

Vor allem zu Beginn der russischen Offensiv wäre es dem „Westen“ leicht gewesen, sie aufzuhalten, denn Russlands Armee war völlig desorientiert. Wochenlang standen ihre Panzer der Reihe nach aufgefädelt schutzlos da. Aber Joe Biden lieferte der Ukraine nicht die dazu nötigen Luft-Boden-Raketen. Allerdings nicht aus Trumps Gründen, sondern weil er sich davon beeindrucken ließ, dass Putin den Einsatz von Atomwaffen androhte, obwohl ich sicher bin, dass er zwar zu jedem Verbrechen bereit, aber kein Selbstmörder ist. Danach gab es die Chance, die Russen zurückzudrängen, als die Truppen der Ukraine anlässlich ihrer Sommeroffensive die russische Abwehrlinie durchbrochen hätten, hätte ihr Deutschland unter Olav Scholz schwere Panzer geliefert. Aber der tat das, aus den gleichen Motiven, so wenig wie Biden.

Das blieb die Regel: Was immer die Ukraine erhielt, erhielt sie zu spät; schwere Panzer erst, nachdem die Russen massive Panzersperren errichtet hatten, F16 Jagdflugzeuge erst, nachdem es zu spät war, Russland die Lufthoheit streitig zu machen. In den letzten Monaten – und das macht Reisner wie mich so sicher, dass Trump möglichst rasch zu einem Ende kommen will – ließ er der Ukraine immer weniger Patriot-Abfangraketen zukommen, so dass viele ihrer Abschussvorrichtungen leer blieben. Und das genau in dem Moment, in dem Putin die Taktik der russischen Armee endgültig und restlos umgestellt hat: Da sie am Boden kaum vorankommt, konzentriert sie sich auf Kriegsverbrechen: Am 3., 6. und 7. Februar griff sie aus der Luft mit insgesamt 1.303 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen an, und obwohl es den Ukrainern gelang, 80 Prozent davon abzufangen, reichte das, die wichtigste zivile Infrastruktur zu zerstören: In Kiew wurden zwei der drei wichtigsten Heizkraftwerke zerstört und das dritte wurde ebenso schwer beschädigt wie die größten nahen Umspannwerke. Ganz Kiew mit Ausnahme des Regierungsviertels kann nicht mehr mit der notwendigen Energie versorgt werden: In den Häusern herrschen im Schnitt Raumtemperaturen von 6 bis 7 Grad. Gleichzeitig funktionieren viele Wasserleitungen nicht mehr, weil der Frost die Rohre bersten lässt. Das alles müssen die Menschen in Kiew aushalten, obwohl es unter die sicheren Städte zählt.

Zuletzt blieb der Ukraine nichts übrig, als mit gleicher Münze zu antworten: Nach ukrainischen Angriffen auf die russische Stadt Belgorod fielen dort für etwa 100.000 Menschen Strom und Heizungen aus. Aber das ist kurzfristig – die Ukrainer frieren seit Jahren. Langfristig bedeutungsvoller wäre der Versuch, die russischen Erdölraffinerien zu treffen, um Russlands wichtigste Einnahmequelle zu drosseln – aber aktuell ist das unerheblich.

Während Russland seine Sommeroffensive vorbereitet, ist nur noch eines der militärischen Hilfsmittel, die die USA der Ukraine bisher gewährten, voll in Funktion: Elon Musks Skylink liefert ihrer Armee weiterhin Einsicht ins Schlachtfeld. Bezahlt wurde das seit 2022 von Polen mit 77 Millionen Euro und im laufenden Jahr sollen es weitere 18,3 Millionen sein. Allerdings wurden immer wieder Empfangsgeräte nach Russland geschmuggelt, so dass auch dessen Armee sie partiell nutzen konnte. Schon lange fordert Wolodymyr Selenskyj, dass Skylink den Empfang in Russland unterbindet, und soeben scheint das zahlende Polen das erreicht zu haben.

Nur ist Trump in der Lage, Musk zu zwingen, der Ukraine Skylink nicht mehr zugänglich zu machen und das schwächte sie militärisch in kaum absehbarem Ausmaß. So sehr Vertreter der EU in München auch erklärten, unverrückbar hinter der Ukraine zu stehen, muss man sich doch darüber im Klaren sein, dass die EU die USA technisch nicht ersetzen kann: Sie hat so wenig ein Skylink vergleichbares Satellitensystem wie ein Patriot vergleichbares Luftabwehr-System.

Indem Trump von Selenskyj spätestens im Juni einen Friedensvertrag fordert, setzt er ihn unter einen Druck, dem Stand zu halten mir kaum möglich scheint

Weiterlesen

Wie gerecht ist geltendes Völkerrecht?

Trumps Venezuela-Aktion war völkerrechtswidrig. Aber Maduros Nachfolgerin öffnet die Gefängnisse und US-Investitionen bringen Jobs. Braucht das Völkerrecht eine Reform?

Als Deutschlands Kanzler Friedrich Merz nach der Kommandoaktion, mit der Donald Trump Nicolás Maduro in die USA entführte, gefragte wurde, wie er sie rechtlich einordne, nannte er dieses Thema „komplex“ und fügte an: „Maduro hat sein Land ins Verderben geführt. Die letzte Wahl wurde gefälscht…“. Meine rechtliche Zuordnung ist eindeutig: Trumps Aktion verstieß zweifelsfrei gegen geltendes Völkerreicht – aber sie war ein Segen für Venezuela. So sehe das nicht nur ich, sondern so sieht es wie Friedensnobelpreisträgerin Maria Machado die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Gleichzeitig hat die Aktion mit 80 Toten (laut Venezuelas Behörden) einen relativ geringen Blutzoll gefordert und, anders als der US-Einsatz gegen Saddam Hussein, auch kein Chaos hinterlassen. Wie abgesprochen hat Maduros Stellvertreterin Delcy Rodriguez die Macht übernommen und mittlerweile eine umjubelte Generalamnestie angekündigt, die Machado einer Forderung der USA zuschreibt. Dass Rodriguez auch Trumps Forderung nach Lizenzen für US-Ölkonzerne nachkommt, schadet zwar der Optik, dürfte Venezuela aber dringend nötige Investitionen und vor allem Jobs bescheren. Ich halte es daher wie Merz für „komplex“, Trump wegen der Entführung Maduros eines groben Verstoßes gegen das Völkerrecht zu beschuldigen. (Viel mehr Kritik verdient meines Erachtens, dass er mögliche Drogen-Boote bombardieren ließ und dabei mindestens 120 Menschen umbrachte – es ist das ein klares Kriegsverbrechen.)

Der hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte Volker Türk, sieht die Entführung in einem „Kommentar der anderen“ für Der Standard völlig anders:Die Militäroperation der USA in Venezuela untergräbt einen Grundsatz des Völkerrechts, der nach den Schrecken zweier Weltkriege und des Holocaust vereinbart wurde. (Sie) verstößt gegen die Souveränität Venezuelas und die Charta der Vereinten Nationen. (Sie) schadet der Architektur der internationalen Sicherheit (und) sendet das Signal aus, dass die Mächtigen tun können, was sie wollen.“ Zu Recht weist Türk auch darauf hin, dass sein Büro keineswegs blind gegenüber den von Maduro begangenen Menschrechtsverletzungen gewesen sei, sondern sie ständig angeprangert hätte: „Es ist Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, (dagegen) die ihr zur Verfügung stehenden rechtmäßigen Instrumente… einzusetzen. Dazu können diplomatischer Druck und Investitionen in die Rechenschaftspflicht gehören. Diese Instrumente… wurden jedoch nicht wirksam eingesetzt…“.

Türk übersieht, dass „diplomatischer Druck“ bisher nur in einem einzigen Fall – Südafrika – „wirksam“ war. Im Iran verändert er seit 50 Jahren nichts, in China seit 70 Jahren. Trumps Kommandoaktion war seit Südafrika das erste und einzige Instrument, das Wirkung gezeitigt hat. Und das- ich wiederhole mich- mit wenig Blutzoll und ohne Chaos. Das ändert nichts an der Unzulässigkeit nach geltendem Völkerrecht, denn Venezuela hat die USA nicht angegriffen, so dass Maduros Entführung Teil des Rechts auf Gegenwehr gewesen wäre. Die einzige völkerrechtlich korrekte Möglichkeit hätte darin bestanden, dass die USA die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates erhalten – nur dass Russland die mit absoluter Sicherheit durch sein Veto blockiert hätte. Die Vereinten Nationen sind leider in keiner Weise geeignet, über die Berechtigung einer Aktion zu entscheiden. Trumps Aussage, dass ihm das Völkerrecht völlig egal ist und nur seine persönlichen Moralvorstellungen seinem Handeln Grenzen setzten, ist zweifellos noch schlimmer. Aber zumindest theoretisch sollte man das Völkerrecht meines Erachtens gerechter gestalten. Dass Türk  zu Beginn seines Kommentars darauf hinweist, dass es auf Grund des Weltkriegs und des Holocaust geschaffen wurde, gibt mir die Möglichkeit, ihm die Problematik des geltenden Völkerrechts exemplarisch vor Augen zu führen: Wenn Theodor Roosevelt im November 1941 in einer Militäraktion Hitler, Göring und Goebbels eliminiert hätte, weil nachdem ihm – was in der Realität nicht der Fall war, aber durchaus möglich gewesen wäre – die Massenerschießungen von Juden an der Ostfront bekannt wurden, hätte auch er gegen heute geltendes Völkerrecht verstoßen, denn Deutschland hat den USA erst im Dezember 1941 den Krieg erklärt und sie zur Gegenwehr berechtigt. Dabei hätte eine solche Militäraktion vermutlich den Holocaust gestoppt und zig Millionen Kriegstote erspart, denn viele deutsche Generäle wollten keinen Weltkrieg und ein Teil lehnte auch die Massenerschießungen an der Ostfront ab.

Mein Hinweis ist keineswegs blanke Theorie. Die Führung des Iran hält sich derzeit nur mittels Massenerschießungen an der Macht. Ein Luftschlag der USA, der Irans Raketenbasen und das Hauptquartier der Revolutionsgarden zerstörte, tötete vermutlich weniger Menschen als die Revolutionsgarden getötet haben. Und wieder wäre die Zustimmung des Sicherheitsrats zum Eingreifen der USA wegen des sicheren Vetos Russlands und Chinas ausgeschlossen. Es diente daher meines Erachtens der Gerechtigkeit, eine Bestimmung etwa folgenden Wortlauts zu schaffen: „Eine befristete militärische Intervention in einem fremden Land ist dann mit dem Völkerrecht vereinbar, wenn sie dazu dient oder jedenfalls geeignet ist, schwerste dort stattfindende Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden und wenn Blutzoll und Risiken der Intervention, gemessen an diesen Menschenrechtsverletzungen, ersichtlich geringer sind.“

 

 

 

 

Weiterlesen