Eine Schlappe für den „fairen Wettbewerb“

Die aktuelle Niederlage der EU-Kommission im Rechtsstreit mit Apple und Irland wiegt schwer. Der EuGH wird kaum grundsätzlich daran rütteln können.

Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ist die wichtigste Spitzenfunktionärin der EU: „Fairer Wettbewerb“ ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die wirklich besten Unternehmen – die, die die besten Produkte am effizientesten herstellen – auch den größten Erfolg haben.

Dem Einsatz der Dänin danken wir die Zerschlagung von Kartellen der Produzenten von Rolltreppen und Aufzügen, von Schienen und zuletzt von Lastwagen. Vestager genießt daher sogar so etwas wie Popularität.

Vorige Woche erlitt sie eine schwer Niederlage in ihrem bisher wichtigsten Kampf: Ein Luxemburger Gericht gab einer Klage von Apple recht, mit der sich der Konzern gegen eine von ihr veranlasste Steuernachzahlung von 13 Milliarden Euro an Irland wehrte. Sie wird zwar gegen dieses Urteil berufen und eine endgültige Entscheidung wird erst der EuGH treffen, aber sie hat nicht mehr die besten Karten.

Was verhinderte Fairness?

Zu den großen Problemen der EU zählt, dass Steuern nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Während EU- Recht verbietet, dass ein Staat Unternehmen auch nur die kleinste Subvention- kostenlose Grundstücke, begünstigte Kredite- zuwendet, kann dieser Staat ihnen bisher problemlos günstigere steuerliche Bedingungen gewähren, obwohl die ein weit größerer Vorteil sind.

Neoliberale sehen darin einen sinnvollen „Wettbewerb der Standorte“, der nicht nur Ausbildung oder Verkehrsanbindungen, sondern eben auch die Steuergesetze umfassen soll. Ich sehe darin eine mit “ freier Markwirtschaft“ unvereinbare Verzerrung des Wettbewerbs der Unternehmen.

Gelindert wird das Problem zwar dadurch, dass Staaten mit niedrigen Unternehmenssteuern schwererer gute Universitäten oder Verkehrsanbindungen bereitstellen können- aber verschärft wird es dadurch, dass voran kleine Staaten gut davon leben, auch nur einen Bruchteil der Steuern zusätzlich zu erhalten, die sie vermeiden helfen = anderen Staaten entziehen. So lebten etwa Malta oder Luxemburg lange gut und ungestört davon, sich als Steuer schonende -Länder anzubieten. Denn deren Möglichkeiten werden von einer Vielzahl von Multis- etwa auch der Telekom Austria oder der OMV- genutzt.

Ein Spezialmodell haben Holland, Belgien und Irland geschaffen: Sie ermäßigen Steuern zwar nicht generell, gestehen bestimmten Unternehmen aber in Sonderverträgen besonders günstige steuerliche Bedingungen zu, obwohl das der Idee fairen Wettbewerbs maximal widerspricht.

Margrethe Vestager ist das ein Dorn im Auge. Da die EU keine Steuer-Kompetenz besitzt, kämpft sie dagegen auf einem Umweg: Sie sieht in solchen Vereinbarungen verbotene Beihilfen und glaubte, das im Falle Irlands belegen zu können. Denn dessen Regierung hat mit dem Apple-Konzern vereinbart, dass seine irischen Vertriebs -Töchter „Apple Sales International“ und „Apple Operations Europe“ ihre Gewinne auf „Verwaltungssitze“ verlagern dürfen- in Irland selbst fielen nur 0.005 Prozent Körperschaftssteuer an.

Vestager sieht darin eine verbotene Beihilfe im Wege einer systematischen Bevorzugung von Apple und brummte den Apple-Töchtern eine Steuernachzahlung von 13 Milliarden plus Zinsen auf.

Das Luxemburger Gericht sieht das anders. Eine systematische Bevorzugung sei nicht erwiesen; nicht einmal, dass die von den Apple-Töchtern erzielten Gewinne wirklich in Irland anfallen. Denn die wichtigsten Apple Produkte, iPhone und iPad, seien nicht in Irland entwickelt worden, sondern geistiges Eigentum des Mutterkonzerns in den USA, wo Apple sehr wohl Steuern zahlt.

Irlands Finanzminister Paschal Donohoe begrüßte die Entscheidung, die ihm rund 14 Milliarden vorenthält: „Irland hat immer klar gemacht, dass es keine spezielle Behandlung für die Apple-Gesellschaften gibt“. Ähnlich erfreut ist der Apple-Sprecher: Es sei nicht darum gegangen, wie viel Steuer Apple zu zahlen habe, sondern wo. „Wir sind stolz darauf, der größte Steuerzahler der Welt zu sein. Denn wir kennen den gesellschaftlichen Wert von Steuern.“

Vestager bezweifelt das: Was, wenn nicht Steuerminderung veranlasse Apple, sich in Irland anzusiedeln? Sie hofft, dass das auch der EuGH so sieht.

Der theoretische Durchbruch

Ich kann mir zwar vorstellen, dass er die in Irland bezahlte KöSt für zu niedrig hält, nicht aber, dass er die 13 Milliarden akzeptiert. Denn auch er wird kaum bestreiten, dass Apple in den USA sitzt und seine Produkte dort entwickelt hat. Vielmehr wird das Verfahren das Grundproblem von Steuern aufwerfen, wie die EU sie auf die Umsätze diverser digital agierender US-Konzerne verhängen will: Auch die sitzen zweifellos in den USA und ihre Systeme sind zweifellos geistiges Eigentum ihrer Gründer. Wo welche Gewinne anfallen und zu versteuern sind, wird auch der EuGH kaum festlegen können. Es wird vielmehr Vereinbarungen mit den USA brauchen, bei denen ich die EU am kürzeren Ast sitzen sehe.

Laut Financial Times hat Vestager allerdings die Möglichkeit, das Grundproblem unterschiedlicher Unternehmenssteuern zu lösen: Artikel 116 zur „Arbeitsweise der EU“ erlaubt es dieser nämlich „Richtlinien“ gegen Rechtsvorschriften zu erlassen, die die Wettbewerbsbedingungen auf dem Binnenmarkt verfälschen und dadurch eine Verzerrung hervorrufen.“

Wenn Vestager nachweist, dass die Vereinbarungen Irlands (Maltas, Hollands) das tun, könnte das EU- Parlament es im Einvernehmen mit dem EU-Rat abstellen. Das wäre tatsächlich ein Durchbruch- nur dass Irland nie Einstimmigkeit im EU-Rat möglich machen wird.

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Das ewige Alibi-Heer

Das Bundesheer war noch nie einsatzfähig. Sein niedriges Budget ist kein wirtschaftlicher Vorteil. Unbewaffnete Neutralität wäre ehrlicher und böte eine Chance.

Mit achtzehn wollte ich Berufsoffizier werden: dazu beitragen, dass Österreich sich nie mehr kampflos einem Diktator ergibt. Deshalb meldete ich mich 1957 zu einer angeblichen Eliteeinheit des Bundesheers. In meiner Dienstzeit gab ich fünf scharfe Schüsse ab- denn Munition war teuer- und warf eine Handgranate, die nicht scharf war – denn das wäre gefährlich gewesen. Zu Manövern fuhren wir in LKWs, von denen mindestens einer liegen blieb, und auf das Kommando „Flieger von rechts“ warfen sich alle Angehörigen meiner Elite-Einheit auf eine Hügelkuppe, obwohl ein naher Wald Deckung geboten hätte. Denn ihre Vorgesetzten hatten bei Gefechtsübungen „Ausgangssperre“ über sie verhängt, wenn sie nicht sofort am Boden lagen.

Diese Erfahrungen ließen mich meine Militärkarriere an den Nagel hängen.

Das heutige Bundesheer ist kaum anders beschaffen. Es ist eher noch schlechter als damals ausgebildet und im internationalen Vergleich noch schlechter ausgerüstet. Es ernsthaft einem Kampf auszusetzen wäre fahrlässig.

Daran wurde freilich auch nie gedacht. Ernsthaft gekämpft haben Österreicher zuletzt in Hitlers Wehrmacht, und das ist bekanntlich schiefgegangen. Daraus schlossen sie nicht, dass es falsch war, für Hitler zu kämpfen, sondern dass Kampf falsch ist. Die Österreicher wollen nicht kämpfen- das ist der eigentliche Hintergrund der Bundesheermisere.

 Die bequeme Neutralität

Möglichen Bedrohungen trotzen wir als Trittbrettfahrer: Zu Zeiten der Sowjetunion waren wir überzeugt, dass die NATO uns schützen würde. Dass in nur tausend Kilometern Entfernung Soldaten Putins in die Ukraine eingedrungen sind, halten wir nicht für kritisch und meinen, dass es uns nichts angeht.

Wir geben 2,28 Milliarden im Jahr dafür aus, dass das Heer Muren wegräumt und Schipisten festtritt. So gesehen ist es nicht wirklich kostengünstig, genügt aber unserer Verpflichtung aus dem Staatsvertrag, sofern man sie nicht ernst nimmt: Österreich war nie „neutral nach dem Muster der Schweiz“, sonst hätte sein Militärbudget ein Vielfaches betragen und, wie in der Schweiz, mit dem Willen zur Selbstverteidigung gepaart sein müssen.

Das war sie allenfalls in einer kurzen Phase, die auf charakteristische Weise zustande kam: Viele junge Österreicher wollten das Heer 1970 ganz abschaffen; Bruno Kreisky kam ihnen entgegen, indem er den Wehrdienst auf sechs Monate verkürzte; weil das in der ursprünglichen Organisationsform ein restlos untaugliches Heer geschaffen hätte, erhielt der Berufsoffizier Emil Spannocchi die Chance, es in Richtung eines territorialen Milizsystems zu reformieren, und einen Moment lang flackerte ernsthafter Glaube an Selbstverteidigung auf. Um freilich gleich wieder zu versiegen: Ausreichende Milizübungen erwiesen sich als zu teuer.

Auch die große Chance, ein kampftaugliches Berufsheer zu schaffen, wurde in einer Volksabstimmung nicht zuletzt vertan, weil es teurer als der Wehrdienst gekommen wäre.

Gleichzeitig entpuppte sich die Neutralität als ideale Ergänzung fehlender Kampfbereitschaft. Sie hat zwar noch kein Land vor Krieg bewahrt- Hitler überrannte das neutrale Belgien so selbstverständlich wie das neutrale Holland und hätte auch die neutrale Schweiz überrannt, wenn sie auf seiner Aufmarschlinie gelegen wäre- aber sie ist für Trittbrettfahrer nützlich: Neutralität erspart Österreich die Teilnahme an Kampfeinsätzen der EU oder gar der Nato und verleiht mangelnder Kampfbereitschaft den Anschein der Moralität.

Obwohl es in keiner Weise moralisch ist, Angegriffenen nicht beizustehen.

Claudia Tanners Heeresreform folgt also jahrzehntelanger Tradition. Die 16,2 Milliarden, die laut Thomas Starlinger erforderlich wären, um das Heer einsatzfähig zu erhalten, will weder eine Partei noch die Bevölkerung ausgeben. Wir verzichten daher auch auf ernsthafte Infanterie, schützen den Luftraum durch Nachtflug-untaugliche Eurofighter und werden in Zukunft hoffentlich billigere Flieger leasen. Die Cyber-Abwehr auszubauen nutzt jedenfalls der Wirtschaft.

Geringe Heeresbudgets schaden ihr Hingegen. Sie kosten unsere Rüstungsindustrie Einnahmen und 16.000 Berufssoldaten und 9000 Zivilbedienstete Einkommen. Allenfalls könnten sie und rund 20.000 Wehrpflichtige der Wirtschaft in anderen Arbeitsverhältnissen nützlicher sein- aber eher erhöhten sie gerade jetzt die Zahl der Arbeitslosen.

 Entwicklungshilfe für Frieden              

Theoretisch gäbe es die Möglichkeit, Österreichs schlampigen Pazifismus in ernsthafte Politik zu verkehren: Indem es seine Neutralität im Einvernehmen mit der EU in Zukunft unbewaffnet wahrnähme, sich aber verpflichtete, 1,5 Prozent seines BIP in nicht bloß eigennützige Entwicklungshilfe zu investieren.

Gleichzeitig müsste die EU ernsthafte Militärpolitik beschließen. An sich stehen in ihren Mitgliedsländern ja mehr Männer als in Russland unter Waffen; man müsste sich nur, ohne deshalb die Einbindung in die NATO aufzugeben, auf eine gemeinsame Befehlsstruktur und gemeinsame Waffenkäufe einigen, um adäquates militärisches und mit ihm politisches Gewicht zu erlangen.

Ansätze dazu gibt es. Wenn Donald Trump US-Präsident bleibt, erfordern sie dringend Verwirklichung- sinnvoll sind sie immer.

In jedem Fall könnte ein unbewaffnet neutrales Österreich, das massive Entwicklungshilfe leistet, Akteur eines wichtigen Experiments sein: Klären, ob es erfolgreich ist, militärisches Gewicht durch neutrale Entwicklungshilfe zu ergänzen.

 

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Das Rundum-Versagen des Neoliberalismus

„Corona“ entlarvte seine Thesen und Rezepte als falsch bis tödlich. Dennoch regiert der Neoliberalismus immer noch das Wirtschaftsdenken Österreichs, der EU und der Welt.

Ein Verdienst muss ich „Corona“ bescheinigen: Es hat zentrale Thesen des Neoliberalismus weit eindrucksvoller in Frage gestellt als alle meiner Texte.

Es gibt keine einheitliche Definition des Neoliberalismus, aber in der Praxis teilen seine Vertreter zwei Thesen: Der Markt hat immer Recht. Einfluss und Geldmittel des Staates sind aufs Nötigste zu beschränken.

So haben die Tories Großbritanniens einst perfektes staatliches Gesundheitssystem aus neoliberaler Überzeugung ausgehungert, und ursprünglich wollten sie auch Covid-19 ohne staatliche Eingriffe bekämpfen, bis tausende Tote sie eines Besseren belehrten.

Im Rest der EU erzwang „Brüssel“, was die Tories freiwillig taten. „Ganz im Sinne des Maastricht-Vertrages“, schrieb ich in meinem Falter-Buch zu Italien, „produzierte sein Staatshaushalt bereits seit 1995- Hartwig Löger müsste in Standing Ovations ausbrechen- Primärüberschüsse. In Wirklichkeit entzogen diese Überschüsse des Staates ihm notwendige Investitionen“ – „zum Beispiel in sein Gesundheitssystem“, brauchte ich heute nur anzufügen. Nur dass man es seit „Corona“ konkreter formulieren muss: „Austerity“ trägt Mitschuld am Tod zigtausender Menschen in Italien, Spanien oder Frankreich.

Der angeblich tote Keynes

Schon vor „Corona“ war für Ökonomen, die an die Geltung der Mathematik glauben (um die Saldenmechanik wissen) klar, dass Austerity der Wirtschaft der EU „mehr geschadet als genutzt hat“ (IWF). Mittlerweile anerkennen das auch Oxfords Ökonomen und die Ökonomen der OECD. In den USA, wo die Republikaner zwar Infrastrukturausgaben neoliberal ablehnten, hohe Rüstungsausgaben aber zuließen, war das Wirtschaftswachstum entsprechend größer.

Keynes ist tot“ war durch Jahre zentraler Schlachtruf Neoliberaler. Obwohl schon die Finanzkrise zeigte, wie unverzichtbar massive Staatsausgaben für die Wirtschaft sind: Sie hätte sich – siehe die USA – noch weit besser erholt, wenn der Sparpakt es zugelassen hätte.

Es stimmt nur nicht mehr, was John M. Keynes für seine Zeit zu recht gefordert hat: Dass der Staat in guten Zeiten ansparen möge, was er in schlechten ausgibt. Denn erstmals in der Geschichte sind nicht nur Bürger, sondern auch Unternehmen (die in der Vergangenheit stets Schuldner waren) „Nettosparer“. Und jemand – es bleibt nur der Staat – muss Schulden machen, damit die Wirtschaft wächst.

Jetzt macht er Megaschulden, damit sie überlebt.

Mehr als selbst in den Dreißigerjahren hat „Corona“ den „Staat“ zum zentralen Akteur der Wirtschaft gemacht: Seine Notenbanken „drucken Geld“- so sehr das Neoliberale mangels Kenntnis verteufeln. Schon nach der Finanzkrise wollte die von ihnen prophezeite Inflation nicht „durch die Decke schießen“ (Franz Schellhorn) und diesmal wird sie es genau so wenig tun. Denn auch der vom Vater des Neoliberalismus Milton Friedman gelehrte „Monetarismus“ hat ausgedient: Geldmengen lassen sich weder, wie er meinte, steuern, noch zeugt ihre Erhöhung zwingend Inflation. Das „Geld-Drucken“ der EZB wird vielmehr so funktionieren, wie ich es hier für die Jahre 1940 bis 44 in den USA beschrieben habe: Es ist der einzige effiziente Weg, tiefe Krisen halbwegs rasch zu überwinden.

Dass das meiste Geld in der EU als „Zuschüsse“ in den „Süden“ fließen muss, hängt mit jener Nord-Süd-Spaltung Europas zusammen, auf der ich hier bis zum Überdruss von Leser und Kollegen herumgeritten bin: Die Lohnzurückhaltung des „Nordens“ hat den „Süden“ so viele Marktanteile gekostet, dass er schon vor „Corona“ an lebensgefährlicher Arbeitslosigkeit litt.

„Lohnzurückhaltung“, Rückgang der „Löhne“ relativ zu „Gewinnen“- Sie erinnern sich vielleicht der zugehörigen Grafik- ist zwar in Wirklichkeit ein schwerer Verstoß gegen die Regeln eines „Marktes“, weil Unternehmen ihre Waren unter ungleichen Bedingungen produzieren: In Deutschland, Österreich oder Holland verzichten die Arbeitskräfte auf adäquate Löhne, wie sie sie bis 1999 erhielten. Aber den Neoliberalismus charakterisiert auch das: Dass seine Vertreter alles, was sich de facto in der Wirtschaft ereignet, auch für richtig erachten.

 Das Kernproblem der Wirtschaft

Für richtig erachten sie daher auch die dem Neoliberalismus immanente Entwicklung der Vermögen, wie auch Sebastian Kurz sie für unantastbar erklärt: „Vermögenssteuern wird es mit uns nicht geben.“ Es ist neoliberales Selbstverständnis, als natürlich zu akzeptieren, ja wie Karl Marx für ein Naturgesetz zu halten, dass der „Markt“ immer weniger Menschen immer reicher macht, während die Mittel, die durch „Umverteilung“ und „Sozialstaat“ der Mehrheit zu Gute kommen sollten, relativ immer weniger werden. Wobei das BIP keineswegs optimiert wird: Das nämlich geschähe, wenn möglichst viele Menschen ein Maximum verdienten, um ein Maximum einzukaufen.

Dass das in keiner Weise der Fall ist, ist das Kernproblem der Weltwirtschaft, gleich ob in Europa, Amerika, Afrika, oder Asien: Eine immer kleinere Schicht, ein Prozent der Bevölkerung, besitzt etwa soviel wie die ärmeren 50 Prozent. Weil die, die so viel besitzen, so viel weniger einkaufen als ihr Vermögen zuließe, vermindert das zwingend im selben Ausmaß die Verkäufe der Unternehmen und damit – für einen nun schon ziemlich langen Zeitraum – größeres Wirtschaftswachstum.

Neoliberales Wirtschaftsdenken verhindert exakt jenen größtmöglichen Wohlstand der größtmöglichen Zahl, den die Gründerväter der „kapitalistischen“ USA zum Ziel guter Politik erklärten.

 

 

 

 

 

 

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Was behindert (beschleunigt) die Erholung?

Größtes Hindernis ist die übergroße Ungleichheit. Die Senkung der Körperschaftssteuer hat noch nie etwas gebracht. „Geld drucken“ der Notenbank ist unverzichtbar.

Mit dem letzten Satz meines letzten Kommentars – „die Schulden abzubauen, haben wir hundert Jahre Zeit“ – scheine ich ziemlich alleine. Rundum wird die Rückzahlung der durch „Corona“ auflaufenden Staatsschulden als ebenso zentrales wie drängendes Problem angesehen.

Zur Linken, bei SPÖ oder Arbeiterkammer, wird gefordert, dass Milliardäre und Millionäre dazu einen entsprechend höheren Beitrag leisten. Zur Rechten, bei ÖVP oder Industriellenvereinigung, sieht man den Schuldenabbau nicht minder dringlich, aber aus anderer Perspektive: Vermögenssteuern wären „der falsche Weg“; die Forderung der Arbeiterkammer, wenigstens Vermögen über zehn Millionen Euro zu besteuern, lehnt der neue Präsident der Industriellen, Georg Knill, als „Populismus“ ab. Wie sein Vorgänger fordert er stattdessen, die Körperschaftssteuer (KÖSt) von 27,5 auf 21,5 Prozent zu senken, um Investitionen zu fördern, weil letztlich nur Wirtschaftswachstum den Schuldenberg einebnen kann.

„Grünes“ Wachstum ist möglich

Grundsätzlich scheint mir das schwer zu bestreiten: Es braucht auf alle Fälle erneuertes und fortgesetztes Wirtschaftswachstum.

Die Vorstellung mancher Grüner, dass wir die durch „Corona“ gebotene Chance wahrnehmen sollten, es grundsätzlich in Frage zu stellen, scheint mir ein Missverständnis: Wirtschaft kann nicht nur quantitativ, sie kann (soll) auch qualitativ wachsen, indem sie immer wertvollere Produkte herstellt. Wertvoller sind Produkte zum Beispiel auch, wenn sie weniger Abfall hinterlassen. Gleichzeitig ist überlegene Technologie das beste Mittel, weniger Bodenschätze und weniger Energie für ihre Herstellung zu verbrauchen – nur sie wird eine Klimakatastrophe abwenden.

Ein ganz andere Frage ist, wie wir dieses optimale Wirtschaftswachstum erreichen, und da liegt Knill nachweislich falsch: Die KÖST und mit ihr verbundene Belastungen von Unternehmen wurden in Österreich (und fast überall) seit den Neunzigerjahren von 39 auf 27,5 Prozent gesenkt, aber die Investitionen der Unternehmen dümpeln (fast überall) auf niedrigstem Niveau vor sich hin.

Das hat unterschiedliche Gründe:

  • Investitionen in Digitalisierung erfordern weniger Aufwand als Investitionen in die Erweiterung von Produktionsanlagen.
  • Unternehmer sehen keine Chancen auf ernsthaft wachsende Geschäfte, weil alle Staaten der EU mit Einkäufen sparen, und weil selbst Geringverdiener ihre Einkäufe kaum steigern, nachdem ihre Löhne so zurückhaltend steigen.
  • Weil die Löhne so zurückhaltend steigen, herrscht auf die Unternehmen kein ganz so großer Druck zu digitalisieren und in intelligente Roboter zu investieren.

Ich reite nicht aus Jux und Tollerei jedes mal aufs Neue auf der Widersinnigkeit staatlichen Sparens und „nordischer“ Lohnzurückhaltung herum- sie, nicht die KÖSt, sind die entscheidenden Hindernisse für die Erhöhung der Investitionen und damit größeres Wirtschaftswachstum.

Allerdings gibt es ein noch größeres Hindernis für den so wichtigen Zuwachs an Einkäufen, der alleine einen Zuwachs der Verkäufe und damit Wirtschaftswachstum gewährleisten kann: die immer größere Ungleichheit.

Die neoliberale Wirtschaftsordung fördert die Bildung immer größerer Vermögen in den Händen von immer weniger Leuten: Auch in Österreich besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung fast ein Viertel des gesamten Vermögens, während die unteren 50 Prozent nicht einmal 4 Prozent dieses Vermögens teilen.

Extrem Wohlhabende (sic!) legen immer mehr ihres Geldes auf die hohe Kante, weil sie eben das meiste schon haben. Wenn sie Geld ausgeben, dann allenfalls für Aktien, Fusionen und Unternehmenszukäufe. Das befördert die Wirtschaft zwar auch – aber es befördert sie ungleich weniger als sie durch vermehrte Einkäufe der Masse der Bevölkerung befördert würde. Dort aber haben ausgerechnet die, die sofort jeden Cent in Konsum umsetzten, die Geringverdiener, immer weniger Geld in der Tasche- sie verzeichnen Reallohnverluste.

Deshalb- weil die extreme Ungleichverteilung der Vermögen seit Jahrzehnten mit einem unzureichenden Zuwachs an Einkäufen einhergeht- wächst die Weltwirtschaft langsamer als sie könnte. Deshalb ist Knills Ablehnung von Vermögensteuern wirtschaftsfeindlich – wirtschaftsfreundlich wäre, sie zu erhöhen, um Lohn- und Mehrwertsteuern zu senken.

Schulden bis 2120

Davon zu abstrahieren ist die Frage, wie man die durch „Corona“ entstandenen höheren Staatsschulden bewältigen soll. Um aufzuzeigen, dass ich mit meiner diesbezügliche Ansicht nicht ganz allein bin, zitiere ich aus einer Stellungnahme des Vorstands der Vermögensverwaltung Focam, Christian von Bechtolsheim in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Der Weg aus der aktuellen Krise führt über globales Gelddrucken. Die Staaten könnten Anleihen auflegen, die komplett von den Notenbanken übernommen und später ersatzlos ausgebucht werden. Alternativ würde das auch mit einer hundertjährigen Anleihe gehen. Auf die Steuerzahler hätte das keine Auswirkungen, weil man eine Notenbank nicht rekapitalisieren muss… Eine Corona-Anleihe im Portfolio der Notenbank, die 2120 ersatzlos ausgebucht wird, würde niemand stören.“

Nur hinsichtlich der Durchsetzbarkeit ist von Bechtolsheim weniger zuversichtlich: „Deutschland und…die ´Sparsamen Vier` wären wohl dagegen…(Aber) die Politik muss dazu lernen…weil die Welt sich verändert hat.“

Ich bin diesbezüglich optimistischer: In der EZB weiß man um die Richtigkeit der angeführten Argumentation.

 

 

 

 

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Wann kommt die Erholung?

Die Nachfrage aus dem Ausland kann nur stark zurückgehen. Umso wichtiger wäre es, im Inland Kaufkraft zu schaffen. Der Regierung gelingt das ungenügend.

 Mit seiner Prognose des Wirtschaftsabschwungs ist das WIFO im März mit 2,5 Prozent ordentlich daneben gelegen. Ich hoffe, dass es nicht wieder derart daneben liegt, wenn es Österreich für 2021 schon wieder 3,5 Prozent Wachstum prophezeit.

Von einem Tiefpunkt wächst es sich zwar leichter, trotzdem fürchte ich, dass viele Ökonomen die Dimension des eingetretenen Schadens noch immer unterschätzen: In der „Finanzkrise“ von 2008/9, die als die bisher schlimmsten seit 1929 galt, waren in Österreich, inklusive Schulungen 377.000 Menschen arbeitslos und 32.000 in Kurzarbeit- diesmal gab es 571.477Arbeitslose und 1,25 Millionen waren zu Kurzarbeit angemeldet. Mit diesen Zahlen steht Österreich aber immer noch besser da als fast alle anderen Staaten. Es fällt mir daher schwer zu glauben, dass gegenseitiger Handel die rasche Erholung eines Landes ermöglicht, das zu 56 Prozent von seinen Exporten abhängt. Mit dem Ex-Präsidenten der Industriellenvereinigung Georg Kapsch fürchte ich, dass die Erholung nicht die Form eines V, sondern eines U haben wird: Wir dürften länger unten sein.

Unabwendbare Exporteinbrüche

Der Fremdenverkehr, von dem unser BIP zu 15 Prozent abhängt, kann sich unmöglich rasch erholen: Menschen, die mit Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit konfrontiert waren, haben weltweit wenig Geld für Urlaube. Genau so wenig sehe ich bei Österreichs größten Unternehmen rasche Erholung: Die OMV (auf Platz 1) muss ebenso darunter leiden, dass der wirtschaftliche Stillstand den Ölpreis verfallen ließ wie die Gazprom-Neft-Trading GmbH (5). Die Porsche Holding (7) hat wie Magna und die gesamte KFZ-Zulieferindustrie damit zu kämpfen, dass die Autokäufe weltweit eingebrochen sind und Deutschlands Autoindustrie mit 70 Prozent-Rückschlägen kämpft. Die Voestalpine (6) muss sowohl diese Auto-Flaute wie den allgemeinen Abschwung spüren. Etwas besser steht die Bauwirtschaft mit STRABAG (2) und ALUMET (7) da, aber ohne Sorgen kann eigentlich nur der Nahrungsmittelhandel Rewe-Austria (3) und Spar (4) in die Zukunft sehen.

Unsere Hoffnung muss einmal mehr auf den vielen Klein- und Mittelbetrieben liegen, die weltweit zu den Klassenbesten zählen und extrem flexibel sind. Allerdings stehen sie derzeit einer industriellen Revolution gegenüber: Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert, und ich weiß nicht, wie weit sie auch darin Weltspitze sind.

Massive Einbußen im Export scheinen mir jedenfalls unabwendbar.

Umso mehr müsste die Regierung eines so exportabhängigen Landes wie Österreich dafür kämpfen, dass seine Exportmärkte „Corona“ jedenfalls überleben. Leider tut Sebastian Kurz das Gegenteil, indem er sich in Brüssel führend gegen „Zuschüsse“ für den Süden, voran Italien ausspricht. Mir ist klar, dass er diesbezüglich eine „Verhandlungsposition“ einnimmt- aber die ist dumm und selbstmörderisch.

Da Kurz in keiner Weise dumm ist, baue ich auf seine Lernfähigkeit. Anzeichen dafür gibt es: Obwohl er nicht begriffen hat, dass es Österreichs Wirtschaft nicht wegen, sondern trotz des sparenden Staates relativ gut gegangen ist, scheint ihm jetzt klar, dass der Staat tief in die Tasche greifen muss, um den Lockdown zu beheben: Statt von 38 ist jetzt schon von 50 Corona- Milliarden die Rede.

Nur dass nach wie vor nur ein Bruchteil davon fließt: Von 12 Milliarden für Kurzarbeit dürften 2 bis 3 geflossen sein, von 6 Milliarden Fixkostenzuschüssen unverändert nur ein paar hundert Millionen. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge werden wahrscheinlich wirklich bis zu einer Höhe von 6 Milliarden gestundet, aber das ist einmal mehr nur ein Kredit, der genauso rückgezahlt werden muss wie die Überbrückungskredite, für die der Staat haftet. „Stunden“ ist ähnlich verfehlt wie bei Italien: Nur Zuschüsse werden Corona- geschädigte Unternehmen vor Pleiten bewahren. Dass darunter auch solche sein könnten, die ohne Zuschüsse „schöpferischer Zerstörung“ anheim gefallen wären, dürfte außer NB-Gouverneur Robert Holzmann niemand Vernunftbegabten irritieren.

Die fehlende Inlandskaufkraft

Die extreme Exportabhängigkeit Österreichs- wir sind vor Deutschland Exportweltmeister- sollte klarmachen, wie wichtig es ist, in Zeiten einbrechender Exporte wenigstens keinen Einbruch der Inlandskaufkraft zu erleiden.

Uneingeschränkt sinnvoll ist daher das Vorziehen der Steuersenkung, das 1,6 Milliarden kosten wird. Die befristete Senkung der Mehrwertsteuer für Getränke ist viel zu wenig. Sie gehörte auch für andere Güter und dauerhaft gesenkt, um endlich auch Geringverdiener ernsthaft zu entlasten. Uneingeschränkt sinnvoll, aber viel zu gering sind auch die geplanten Investitionen in Digitalisierung, öffentlichen Verkehr und Wohnbau – ausreichend wären sie erst, wenn sie den Wegfall von Arbeitsplätzen und Einkommen in der exportabhängigen Industrie kompensierten. Und jammervoll ist bisher alles, was für die Menschen geschieht, die durch Covid-19 als Selbstständige ihre Arbeit verloren haben- alle Künstler zum Beispiel. Ohne reiche Verwandte wären sie verhungert.

So wie Gernot Blümel derzeit agiert, muss zur Auslands- auch die Inlandskaufkraft einbrechen: Es wird sich als verhängnisvoll herausstellen, weder das Arbeitslosen- noch das Kurzarbeitsentgelt anzuheben. Denn die Wirtschaft braucht zum Überleben in einer Phase einbrechender Auslandsnachfrage wenigstens Inlandsnachfrage – daraus resultierende „Staatsschulden“ zu begleichen haben wir hundert Jahre Zeit.

 

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Globaler Freihandel nach „Corona“

Bald brauchen wir nirgends mehr Masken. Brüssel will dennoch, dass wir Masken, Schutzkleidung und Test-Kits produzieren. Wie geht das angesichts globalen Freihandels?

 Das Rote Kreuz sitzt auf einer Million Masken. Seit dieser Woche braucht man sie fast nur mehr in Öffis und bald dürfte man keine mehr brauchen. Dennoch will man in Brüssel, dass sie in der EU weiterhin produziert werden: Es soll nicht mehr passieren, dass Masken, Schutzkleidung oder Test-Kits nur mehr in China preiswert zu haben sind – denn die nächste Pandemie kommt bestimmt.

Aber wie lange hält sich eine Produktion von Masken oder Schutzkleidung in Vorarlberg, wenn sie in China zu den halben Löhnen genäht werden? Wird die EU sie subventionieren?

Globaler Freihandel schafft offenbar nicht automatisch rundum und jederzeit optimale Wirtschaftsstrukturen. Nicht mehr existente Produktionen oder unterbrochene Lieferketten, so ahnt man plötzlich nicht nur bei „ATTAC“, können Probleme bescheren.

Sind Zölle immer übel?

Jemand, der sich schon länger mit dem gravierendsten davon herumschlägt, ist Donald Trump. Im März 2018 verhängte er bekanntlich Zölle auf billigen Stahl aus China und wurde dafür wütend gescholten- Zölle seien nichts als übelster Protektionismus. Obwohl schon Barack Obama sie plante und auch „Brüssel“ sie andachte- denn natürlich ist es ein Problem, wenn Billigstahl aus China heimische Stahlkocher umbringt.

Der Däne Bertil Ohlin hat schon 1933 auf den zu Grunde liegenden Mechanismus hingewiesen und dafür den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten: Wenn sich der Staat A auf Grund seines großen Knowhows auf die Produktion komplexer Technik spezialisiert, dann führt das dazu, dass sich der Staat B mit seinem viel geringeren Knowhow auf die Produktion simpler Güter konzentriert. Das aber hat zur Folge, dass die simplen Güter des Staates B jene Betriebe des Staates A gefährden, die weiter einfache Güter erzeugen.

Arbeiter, die in US-Betrieben einfachen Stahl erzeugen, fürchten Chinas Billigstahl zu recht als Jobkiller. Trump war diese beträchtliche Wähler-Gruppe nicht ganz zu unrecht wichtiger als das „Prinzip Freihandel“.

Der Nachteil der Landwirte

Im Übrigen sollte man aus Prinzip auch jedes „Prinzip“ in Frage stellen. „Freihandel“ beruht bis heute auf der Überlegung von David Ricardo (1772- 1823), dass es sinnvoll ist, den Handel zwischen England und Portugal ohne Barrieren abzuwickeln, weil die Portugiesen den besten Wein, die Briten das beste Tuch erzeugten. Als Brite wählte er sein Beispiel perfekt: Die Produktion hochwertigen Tuches ist viel einträglicher als die guten Weins, weil die komplexe Produktion von Tuch weit größere Produktivitätssteigerungen und damit weit höhere Gewinne zulässt.

Technik-Exporteure sind Agrar-Exporteuren im Freihandel immer überlegen.

Im Freihandelsabkommen Mercosur hätten die Länder Südamerikas unsere Maschinenexporte weit mehr zu fürchten als wir ihre Fleischexporte- obwohl diese Fleischexporte unseren Bauern gemäß Ohlin Schwierigkeiten bereiteten. Gleichzeitig wäre das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA rundum schwierig, weil sie sowohl Technik wie Nahrung extrem preiswert herstellen.

Es ist nicht so klar, dass die EU damit keine Probleme hätte.

Die vergessene Umwelt

Es sei denn, man hält globalen Freihandel in jedem Fall für vorteilhaft. Die wichtigste diesbezügliche Arbeit stammt von Nobelpreisträger Paul Krugman, der argumentiert: Globaler Freihandel lässt ungleich größere Serien zu, was die Produktionskosten für alle Beteiligten entscheidend senkt.

Was Krugman vernachlässigt, sind die Umweltkosten. Voran schwere Güter wie Stahl müssten ja theoretisch teurer werden, wenn sie über tausende Kilometer transportiert werden. Praktisch werden sie kaum teurer, weil Luft- und Wasser- Verschmutzung durch Diesel zum Antrieb riesiger Schiffe nicht in seinen Preis eingeht. Vor allem aber, weil Diesel billig sein kann, obwohl Erdöl ein knappes Gut ist. Sein Preis wird nicht auf einem rationalen Markt gebildet, sondern hängt davon ab, wie groß der Druck der USA auf die Golfstaaten ist, ob sie gerade Geld für Kriege brauchen oder ob Russland sich weiter nur aus Öl-Verkäufen finanziert.

Die gute finanzielle Bilanz von Freihandel über tausende Kilometer hinweg beruht auf unvernünftigen Ölpreisen und der gefährlichen Vernachlässigung des Klimaschutzes.

 Die Zukunft des Freihandels

Zugleich ist es ein Mythos, dass Freihandel immer von Vorteil ist: Alle starken Industrien sind hinter Zollmauern entstanden: Die USA bauten die ihre einst auf, indem sie sich durch Zölle vor britischen Importen schützten. Genauso entstand in jüngerer Zeit die Industrie Japans oder Chinas hinter hohen Handelsbarrieren. Südkorea entwickelte seine exzellente Autoindustrie, indem es ausländische Autos mit 400 Prozent Zoll belegte.

Das sagt im Umkehrschluss wie absurd es ist Entwicklungsländern als erste Maßnahme Freihandel zu verordnen: Ihre Industrie kann sich unmöglich gegen barrierefreie Konkurrenz von EU- oder US- Produkten entwickeln.

Derzeit ist eine industrielle Revolution im Gange, die dieses Problem noch verschärft, Trumps und unser Problem aber lösen dürfte: Intelligent digital gesteuerte Roboter erlauben es, Güter billiger als selbst durch billigste Arbeitskräfte herzustellen. Wenn Trump es nicht idiotisch behindert, sollten die USA darin führend sein und somit selbst einfachen Stahl billiger als China erzeugen. Und selbst in Vorarlberg sollten intelligente Roboter Masken eigentlich billiger als in China nähen können.

Dann werden wir Freihandel neu denken müssen: Nur massivste Zölle werden unterentwickelte vor entwickelten Nationen schützen.

 

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Der Klassenkampf im Rassenkampf

Amerikas weißer Mittelstand erlebte den Aufstieg eines schwarzen Mittelstandes zugleich mit dem eigenen Abstieg. Nur bei der Polizei hat er Schwarzen noch etwas voraus.

Die Berichterstattung des ORF (des Teams der ZIB2) von den Rassenunruhen in den USA war, wie des Öfteren, intensiver als die von Sendeanstalten mit ungleich größeren Budgets. Die Worte seines schwarzen Kameramanns beschrieben die Dimension des Konfliktes, das Verfahrene der Situation und das Versagen Donald Trumps präziser und kürzer als jeder Experte. Und eindringlicher als der 12jährige Keedron Bryant mit dem Song „I just wan´a live“ kann man das Leid der schwarzen Bevölkerung nicht vermitteln: Man spürte die Ketten an den Handgelenken seiner Vorfahren.

Dieser Berichterstattung, Bryants Video auf YouTube und der leichten Verabredung per Handy dankten es die überraschten Initiatoren, dass fünfzigtausend Menschen in Wien auf die Straße gingen, um (zwar unter kritischem Verzicht auf den Meter Abstand) das seit Jahrzehnten eindrucksvollste Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Ein deshalb so positives Zeichen, weil aus Transparenten und Befragungen der Teilnehmer kein Zweifel daran bestand, dass sie nicht nur den Rassismus meinten, der George Floyd die Luft zum Atmen genommen hat, sondern sich durchaus daran erinnerten, dass auch Marcus Omofumo nicht mehr atmet, weil österreichische Polizisten ihm den Mund verklebten.

Rückschritt im Fortschritt

Wenn man so jung wie die meisten Demonstranten ist, muss es einen erschüttern, dass der Rassismus in den USA noch immer so groß ist. Wenn man so alt wie ich ist, sieht man trotz Floyds Tod den gewaltigen Fortschritt. Als ich vor vierzig Jahren auf Grund einer Einladung des State Department für zwei Monate die USA bereiste und dem Rassenkonflikt dabei natürlich besondere Aufmerksamkeit schenkte, herrschte in Alabama immer noch Erregung darüber, dass 1956 der erste schwarze Student eine dortige Universität betreten hatte. Heute gibt es mehr schwarze Rechtsanwälte als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Es gibt einen beträchtlichen schwarzen Mittelstand. Schwarze sind selbstverständlich Bürgermeister, Generäle oder Minister, und mit Barack Obama gab es trotz allem Rassismus den ersten schwarzen Präsidenten,

Am Anfang dieser unglaublichen Fortschritte stand eine revolutionäre oberstgerichtliche Entscheidung: Weil Schwarze und Frauen durch Jahrhunderte diskriminiert worden wären, so urteilte der US-Supreme Court, sei es zulässig und notwendig, Schwarze und Frauen solange zu bevorzugen, bis echte Gleichberechtigung erreicht sei.

Dieses Urteil hatte gesetzliche Konsequenzen, die ich zwei Monate hindurch recherchierte:

  • Schwarze und Frauen mussten trotz schlechterer Noten als Weiße und Männer an Universitäten aufgenommen werden und konnten diese abschießen. Das erklärt den gewaltig gewachsenen Mittelstand. Obwohl es auch zur Folge hatte, dass selbst Schwarze sich nicht von schwarzen Ärztinnen behandeln lassen wollten, weil sie ihrem Können misstrauten.
  • Unternehmen, die Staatsaufträge erhielten, mussten zu jedem Weißen auch einen Schwarzen zum Facharbeiter ausbilden, obwohl Schwarze den viel geringeren Anteil der Belegschaft stellten. Auch das stärkte den schwarzen Mittelstand- und erzürnte Weiße, die nicht Facharbeiter wurden.
  • Zeitungen sahen sich verpflichtet, schwarze Journalistinnen zu beschäftigen. Nur dass ich Redaktionen erlebte, in denen der weiße Chef des unerheblichsten Ressorts („Haus und Garten“) jeden Text seiner durchwegs schwarzen Mitarbeiterinnen sofort in den Papierkorb warf. Als ich ihn fragte, was das sollte, hieß er mich einen beliebigen Text herausfischen und lesen: Er war absolut unbrauchbar. Alles was gedruckt wurde schrieb er selbst.

„Ist die Art und Weise, in denen die USA Gleichberechtigung durchsetzen, nicht doch ziemlich naiv?“, fragte ich an Hand dieser Beispiele jenen Mitarbeiter der US-Botschaft, der meine Reise vermittelt hatte. Der Sohn eines jüdischen Budapester Theaterdirektors und vermutliche Leiter der CIA in Osteuropa gab mir darauf eine Antwort, die ich bis heute für weise halte: „Wurden große Fortschritte der Menschheit nicht fast immer nur auf naive Weise erzielt?“

Das letzte verbliebene Privileg

Donald Trump wird zweifellos nicht zuletzt von jenen zornigen weißen Männern gewählt, die nicht zu Facharbeitern ausgebildet wurden und keine Studien abschlossen.

Der aktuelle Rückschlag im Verhältnis von Schwarzen und Weißen wäre nicht so augenfällig, wenn Barack Obama nicht einen so augenfälligen Fortschritt signalisiert hätte. Er wäre vor allem nicht so lebensgefährlich, wenn der weiße Mittelstand der USA weiterhin wirtschaftlichen Aufstieg erlebt hätte, auch wenn sein wirtschaftlicher Vorsprung gegenüber den Schwarzen schrumpfte.

Aber das Gegenteil war der Fall. In einem Wirtschaftssystem, das seit jeher auf maximale Ungleichheit setzte, gelangt derzeit, wie überall auf der Welt, eine immer kleinere Oberschicht zu so exzessivem Reichtum, dass kein Platz mehr für wachsenden Wohlstand von Mittelstand und Unterschicht bleibt. Die Forderung der US-Gründerväter nach dem „größtmöglichen Wohlstand der größtmöglichen Zahl“ wird seit Jahrzehnten nicht mehr erfüllt: Erstmals zählt eine große Zahl Weißer unter die wirtschaftlichen Absteiger; unter die Deklassierten.

Weiß zu sein ist ihr letztes verbliebenes Privileg. Polizist zu sein ist eine letzte Gelegenheit, es zu realisieren: man kann zu einem sicheren Gehalt einen Schwarzen anhalten, ihn zwingen, sich mit Händen am Rücken vor einem niederzuknien und ihn schlagen, wenn er nicht pariert.

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Die Unfähigkeit des Messias

Sebastian Kurz bleibt für die EU und für Österreich überzeugt, dass Staaten umso erfolgreicher agieren, je weniger Geld sie ausgeben. Das Gegenteil ist wahr.

„Der Gegenvorschlag von Österreich, Schweden und den Niederlanden zu den Corona-Fonds ist verstörend im Ton und falsch in der Sache“, kommentierte Daniel Brössler in der Süddeutschen Zeitung den Widerstand Sebastian Kurz` gegen „Zuschüsse“ für jene Regionen Europas, die von Covid-19 am härtesten getroffen wurden. „Die Botschaft des Quartetts, das sich selbst die sparsamen Vier nennt, macht den eigenen Bürgern etwas vor: Österreicher, Niederländer, Dänen und Schweden profitieren als Exporteure nämlich überdurchschnittlich vom Binnenmarkt. Wer sich einer europäischen Krisenbewältigung verweigert, wird das irgendwann weniger Italienern und Spaniern als den eigenen Arbeitslosen und Steuerzahlern erklären müssen.“

Kurz ist nicht unanständig- er will das Beste für Österreich – er hat nur keine Ahnung von Wirtschaft.

Blümel´s Geld will nicht fließen

Das wird jetzt erstmals öffentlich sichtbar bei den Problemen seines Gernot Blümel, wenigstens die Corona-Hilfe in Österreich „schnell und unbürokratisch“ abzuwickeln: nur gerade ein paar hundert Millionen „Zuschüsse“ des beschlossenen 38 Milliarden-Pakets sind bisher geflossen. Der einzige große Brocken – sechs Milliarden gestundeter Abgaben ist ein rückzuzahlender Kredit. Alles, was man falsch machen konnte, wurde falsch gemacht. Als ich vor einem Monat hier vorschlug, allen EPU´s sofort 20.000 Euro zu überweisen, um nachher nur mehr die Anträge derer bearbeiten zu müssen, die mehr brauchen, hatte ich das mit einem Ex-Staatssekretär im deutschen Finanzministerium besprochen. Doch Blümels Sorge, dass irgendwer zu viel bekommen könnte, überwog.

Kurz` großes Missverständnis

Sie ist Ausfluss des Grund-Missverständnisses Kurz` wie Blümels, dass „Sparen des Staates“ die höchste aller Tugenden sei. Beide glauben ehrlich, dass sie damit punkten könnten, weniger als die veranschlagten 38 Milliarden zu verbrauchen, weil sie dann schon früher wieder „Nulldefizite“, ja „Überschüsse“ erzielen würden. Sie misstrauen der Mathematik, wonach man um so mehr verkaufen kann, je mehr Bürger, Unternehmen und Staat einkaufen- dass der ausnahmsweise allen gemeinsame Lockdown also nur durch besonders massive Ausgaben des Staates zu überwinden ist.

Ich weiß, dass es unendlich schwer ist, das Hausfrauen zu erklären, aber ich bitte beide, sich zuerst die Entwicklung Deutschlands und dann der USA nach 1933 anzusehen: In Deutschland setzte Kanzler Heinrich Brüning auf massivstes Sparen des Staates und vertiefte die Armut, die die Reparationszahlungen an die Alliierten heraufbeschworen hatten, zum Elend. Es war die mit diesem Elend verbundene Arbeitslosigkeit, die Hitler an die Macht verhalf. Der sorgte- so leid es mir tut, darin Jörg Haider rein ökonomisch recht zu geben- tatsächlich für „ordentliche Beschäftigungspolitik“, indem der Staat Autobahnen baute. Selbst dass er bald wie wild rüstete, war rein wirtschaftlich nicht falsch- so sehr es die Welt in den Abgrund führte.

Wie schädlich ist „Geld Drucken“?

In den USA leitete Franklin D. Roosevelt bekanntlich John M. Keynes folgend den „New Deal“ ein: Auch er gab staatliche Projekte in Auftrag, die Arbeit schufen. Erster Erfolg war die Überwindung der tiefsten Rezession. Danach aber geschah etwas für Haufrauen Furchtbares: Angesichts des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour „druckten die USA ohne Rücksicht auf Staatsschulden Geld“, um aufzurüsten. Und erzielten für die Jahre 41 bis 44 folgende Wirtschaftswachstumsraten: 17,7, 18,9, 17 und 8 Prozent. Dann bricht dieses Mega-Wachstum ab, denn die Amerikaner hatten den Krieg gewonnen und der Rüstungsbedarf war befriedigt.

Trotz des Gelddruckens sind sie bekanntlich nicht im Schuldturm gelandet und die Inflation lag 1945 um die 2 Prozent.

Der beschriebene Mega-Boom entspricht exakt der hier von mir bis zum Überdruss zitierten Saldenmechanik: Dass sich den üblichen Einkäufen des Staates und der US-Bürger die Megaeinkäufe von Kanonen, Panzern und Flugzeugen addierten, bescherte den Unternehmen zwingend Megaverkäufe. Der Rüstungsboom beflügelte die Zulieferindustrie, die vermehrte Arbeit ließ die Löhne steigen, die dadurch erhöhten Ausgaben beflügelten die Konsumgüterindustrie.

Vom Staat investiertes Geld schafft gemäß einem messbaren Multiplikator Wohlstand. Nur sind Regierungen, aber auch Bürger nur für Rüstung bereit, besonders viel Geld in die Hand zu nehmen- wenn es um „grüne“ Investitionen zur Abwehr des Klimawandels ginge, funktionierte es aber rein wirtschaftlich nicht anders. Grenzen setzt diesem Mechanismus nur die Menge der vorhandenen Ressourcen an Menschen, Bodenschätzen und Energie.

Der gesammelte Unsinn

Die Sorge von Kurz & Co, dass Kredite, die der Staat zum Zweck von Investitionen aufnimmt, zu Lasten künftiger Generationen gingen, ist blanker Unsinn: Wenn damit eine Eisenbahnstrecke oder Schule errichtet wird, kommt sie voran „künftigen Generationen“ zu Gute und die erben nicht nur die „Schulden“, sondern auch die ihnen entsprechenden „Guthaben“.

Ebenso unsinnig ist die Sorge, etwa Franz Schellhorn´s (Agenda Austria), dass das billige Geld der EZB „die Zinsen durch die Decke schießen“ ließen – seiner diesbezüglichen Behauptung folgte nicht Inflation, sondern beinahe Deflation.

Und unsinnig ist zuletzt auch die Sorge, dass die Zinsen steigen und die Schulden des Staates uns dann doch teuer kämen: Sie bleiben so niedrig, weil es dank dummen Sparens auf der Welt viel zu viel Sparkapital gibt, das verzweifelt nach Anlage sucht.

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Die ahnungslosen Vier

„Die geizigen Vier“ überschrieb Daniel Brössler einen glänzenden Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“, der sich mit der Gegnerschaft Österreichs, Hollands, Schwedens und Dänemarks zur Initiative Angela Merkels und Emmanuel Macrons, befasst, den von Coved-19 besonders betroffenen Ländern, voran Spanien und Italien mit einem Zuschuss von 500 Milliarden unter die Arme zu greifen.

Der von Sebastian Kurz unterbreitete Gegenvorschlag, es bei einem Kredit zu belassen sei „verstörend im Ton und falsch in der Sache“, wer jetzt europäische Solidarität vermissen lasse, setze die EU aufs Spiel.

Brösslers zentrales Sachargument, wie es auch im Zentrum meines kommenden Falter-Kommentars stehend wird in Kurzform: Für extrem exportabhängige Länder wie Österreich, Schweden, Dänemark oder Holland sei es schlichtweg dumm, die Sanierung Italiens oder Spaniens und das Bestehen der EU zu gefährden.

Ich hätte nur eine andere Überschrift gewählt, so witzig es ist, „die sparsamen Vier“ in „die geizigen Vier“ umzubenennen. Denn die österreichische wie die deutsche Bevölkerung hängt unverändert dem Slogan „Geiz ist geil“ als Vorläufer von „Österreich zuerst“ oder „Deutschland zuerst“ an. Dass beide besonders viel verlören, wenn die EU zerbräche, geht wirtschaftlich Ahnungslosen am Stammtisch wie auf der Regierungsbank nicht ein

 

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Gernot Blümels widersinniges Versagen

Dass jemand zu viel Geld bekommen könnte, ist völlig unerheblich, sofern der Wirtschaft nur rasch geholfen wird. Blümels Abgang wäre so berechtigt wie der Lunaceks.

Wenn man seine Performance betrachtet, müsste auch Gernot Blümel zurücktreten. Alles was er versprochen hat – schnelle, unbürokratische Hilfe für kleine und mittlere Unternehmen – traf so wenig zu, dass die Betroffenen es in ihrer Mehrheit zu recht mit „Nicht Genügend“ bewertet haben. Blümel hat das zentrale Problem seiner aktuellen Aufgabe nicht begriffen: Dass der viel zu langsame, bürokratisch gebremste Fluss der Hilfsgelder der Wirtschaft ungleich mehr schadet, als ein paar hundert Millionen, die daneben fließen, weil irgendwer zu viel Geld bekommt. Selbst ein paar Milliarden zu viel sind letztlich unbedeutend im Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Schaden, der entsteht, wenn Unternehmen angesichts mangelnder Liquidität zu Grunde gehen.

Um es in Ziffern zu gießen: 2019 hatte Österreich ein BIP von 396,5 Mrd. dem Staatsschulden von 280,4 Mrd. gegenüberstanden, so dass die berühmte „Staatsschuldenquote“ bei 70,7 Prozent liegt. Laut endlich realistischer WIFO-Prognose wird das BIP um 7,5 Prozent einbrechen, womit es sich auf 368,6 Mrd. verringert. Wenn Blümel die derzeit angenommenen 38 Mrd. Corona- Hilfsgelder ausschüttet, erhöhen sich die Staatsschulden auf 318,4 Mrd., was eine neue Quote von 86,4 Prozent entspricht.

Was passiert wenn 7,6 Milliarden mehr ausgegeben werden?

 Und nun stelle man sich vor, dass die Hilfsgelder durch ihre nicht so penible, bürokratische Vergabe um gewaltige 20 Prozent höher ausfallen und damit 45,6 statt 38Mrd. ausmachen: Dann stiege die Quote nur gerade auf 88,4Prozent. Selbst wenn man Staatsschuldenquoten ernst nimmt, ist es absurd anzunehmen, dass wir bei 88,4, Prozent Staatsschulden höhere Zinsen zahlen müssten, als bei 86,4 Prozent.

In Wirklichkeit ist die Staatssschuldenquote- wie ich hier oft genug erläutert habe- eine relativ irrelevante Größe: Japan mit 235 Prozent zahlt niedrigere Kreditzinsen als Rumänien mit 35 Prozent, und sie sind mit steigender Verschuldung sogar gefallen. Aber Japans Wirtschaft funktioniert- nur darum geht es.

Entscheidend dafür, ob Österreichs BIP-Einbruch sich in den vermuteten Grenzen hält, wird sein, wie weit seine Exporte- wir sind vor Deutschland „Exportweltmeister“- einbrechen. Unser wichtigster Export- Abnehmer ist Deutschland mit 29 Prozent, vor den USA mit 6,7 Prozent und Italien mit 6,3 Prozent. Was mit unseren US-Exporten geschieht, ist so ungewiss wie das Schicksal der deutschen Auto-Exporte dorthin: Brechen die ein, so leiden Österreichs Zuliefer-Exporte nach Deutschland gleich mit.

Das sollte reichen zu begreifen, welche Bedeutung Italien für uns hat.

Schicksalsland Italien

Wie ich hier immer wieder geschrieben habe, wird sich das Schicksal der EU in Italien entscheiden: Wenn sie es in seiner aktuelle Krise im Stich lässt, wird sie mit ihm untergehen.

Bisher ist ihm ein ESM-Kredit von 2 Prozent des BIP bewilligt, den es, nicht zuletzt auf Grund von Blümels Beharren, nur zur Bewältigung seiner Corona-Probleme verwenden darf. Bei der Frage wie die Hilfe für seine sonstigen Probleme aussieht, zeichnet sich die entscheidende Nord-Süd-Auseinandersetzung ab.

Von nachhaltiger Bedeutung wird sein, ob die Zinsen, die Italien auf den Kapitalmärkten bezahlen muss, wieder sinken. Denn nach dem Karlsruher Urteil des BVG zur Geldpolitik der EZB sind sie prompt gestiegen, wurde darin doch gefordert, dass die Deutsche Bundesbank nur dann weiter am Ankauf von Staatsanleihen der EZB teilnehmen darf, wenn sie binnen drei Monaten erklärt, warum sie das tut, obwohl es brave deutsche Sparer um Zinsen bringt.

Jetzt wäre Sparen idiotisch

Dass es in einer Nachfrage-Krise widersinnig wäre, wenn Geld gespart statt ausgeben würde, ist für deutsche Höchstrichter sichtlich zu schwer zu verstehen. Noch weniger begreifen sie, dass die EZB nötigste Schadensbegrenzung betreibt, indem sie Staatsanleihen „südlicher“ Länder ankauft. Dabei beschreiben sie den Grunde dafür in ihrem Urteil durchaus zutreffend: Sie können sich dadurch „zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen.“

Nur so haben italienische Waren zu ihrem Lohnstückostennachteil nicht auch noch einen riesigen Kreditkostennachteil.

Gott sei Dank lässt Angela Merkel erkennen, dass sie diese Leistung der EZB-Geldpolitik versteht und bejaht. Es gelte, sagte sie, eine kluge Lösung zu finden, damit die Bundesbank weiter an den Anleihekäufen teilnehmen kann: „Es geht darum, dass wir so verantwortungsvoll handeln, dass der Euro weiter bestehen kann.“

Danach kamen Sätze, die sogar auf ein vages Umdenken hoffen lassen: Die EU-Staaten müssten eine Wirtschaftspolitik betreiben, die nicht derart von der Geldpolitik der EZB abhängt. Zum Beispiel, so ergänze ich, indem diese Staaten allen voran Deutschland, endlich massiv investierten, statt widersinnige „Schuldenbremsen“ zu installieren.

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Deutschland, Deutschland über alles II

Wie man das wirtschaftliche Unheil, das man selbst anrichtet, allen anderen in die Schuhe schiebt. Immer in bester Absicht. Notfalls mit Hilfe ahnungsloser Höchstrichter.

Im Vorjahr habe ich ein Buch über „Die Zerstörung der EU“ durch „Deutschland als Sprengmeister“ geschrieben. Da es wenige Menschen gelesen haben, möchte ich seinen Inhalt hier, extrem simplifiziert und verkürzt, dafür zusammenhängend, nacherzählen, weil er hilft, die Gegenwart besser zu verstehen.

2008 haben Mitarbeiter von US-Banken wackelige Kreditverträge in Wertpapiere verpackt und US-Rating-Agenturen haben diese Papiere mit bis zu 300 Prozent überbewertet. US-Banken haben ein Drittel dieser wertlosen Papiere erworben – die meisten davon „Lehman Brothers“ das daran pleite ging. Zwei Drittel wurde von Europas Banken gekauft, wodurch eine Finanzkrise, die die USA verantworten, auf Europa übersprang – um diese Banken vor der Pleite zu retten, mussten die Staaten Europas sich verschulden.

Voran deutsche Neoliberale verbreiteten dennoch die Legende, nicht wertlose US-Wertpapiere sondern mangelnde Budgetdisziplin der EU-Staaten hätten Europas Finanzkrise bewirkt und das viele Steuergeld das zur Banken-Rettung ausgegeben wurde, müsse durch Sparen der Staaten wieder eingebracht werden.

Mehr Schaden als Nutzen

Budgetdisziplin war ihnen bis dahin durch den Maastricht-Vertrag auferlegt, der auf der Basis erwiesen falscher Berechnungen des Ökonomen Kenneth Rogoff fordert, dass sie sich nicht höher als zu 60 Prozent ihres BIP verschulden dürfen, was etwa so vernünftig ist, wie die Forderung, dass jemand der 100.000 Euro im Jahr verdient, nicht mehr als 60.000 Euro Kredit aufnehmen darf.

Da die Rettung der Banken diese Grenze überall gesprengt hatte, drangen voran Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel, darauf, sie durch „Sparen des Staates“ wieder zu erreichen, obwohl es denkunmöglich ist, dass weniger Einkäufe des Staates das BIP erhöhen, weil sie zwingend weniger Verkäufe der Unternehmen bedingen. Aber die Logik vermag nichts gegen die religiöse Überzeugung, dass Staatsschulden Schuld bedeuten, die durch „Sparen“ getilgt werden muss.

Mit dem Austerity- Pakt verschärfte Merkel die Maastricht-Spar-Bedingungen durch die Androhung von Strafen für Zuwiderhandeln.

Der IWF, der die Erfolge dieser Politik nachmaß, stellte fest, was ich in meinem Buch vielfach belege: Es brachte der Wirtschaft mehr Schaden als Nutzen („more harm than good“) – je heftiger gespart wurde, desto kräftiger ging das BIP/Kopf zurück. In Ländern, denen das Sparen wie Griechenland mit aller Gewalt verordnet wurde um 25%.

Die deutsche Politik war bestens gemeint – sie widerspricht nur der Mathematik.

Die überwälzten Probleme

Dass es machen Ländern, voran Deutschland aber auch Österreich oder Holland trotz dieses mathematischen Zusammenhanges gut geht, lag an einer Lohnpolitik, die abermals Deutschland vorgab. Ab 2000 erhöhten die genannten Länder ihre Löhne nicht mehr im Ausmaß ihrer gestiegenen Produktivität. Das verschaffte ihnen einen Lohnstückkosten Vorteil, der, wie ich abermals vielfach belegte, dazu führte, dass sie anderen Ländern, voran Italien mit seinen überhöhten Löhnen, aber etwa auch Frankreich, immer größere Marktanteile wegnahmen. Gleichzeitig machte man dort, um deutsche Waren zu kaufen, die Schulden, die Deutschland (Österreich, Holland) sich ersparten.

Voran die Lohnzurückhaltung erzeugte das aktuelle Nord-Süd-Gefälle.

Auch sie war nicht böse gemeint, sondern entsprang der Not: Gerhard Schröder meinte, nur durch sie die gestiegene Arbeitslosigkeit los zu werden – nur dass Deutschland sie genauso auf andere Länder überwälzte, wie es die in Deutschland vermiedenen Schulden auf sie überwälzt hat. Beides will man in Deutschland nicht wahrhaben: Man ist überzeugt, die Marktanteilsgewinne ausschließlich der überlegenen Qualität deutscher Waren zu danken, obwohl sie exakt mit der Lohnzurückhaltung korrelieren.

Deutsche können sich nicht korrigieren – sie sind gewiss, alles richtig zu machen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Wider die Vernunft der EZB

Letzter Ausfluss dieser Gewissheit ist das Urteil des deutschen Verfassungsgerichtshofes über die Anleihekäufe der EZB, das ich hier neuerlich referiere: Manche Deutsche, voran Mitglieder der AfD, sind bestürzt, dass ihnen ihr braves Sparen angesichts der Geldpolitik der EZB -in Wahrheit angesichts des Überangebots an Sparkapital – keine Zinsen mehr bringt und haben Klage beim BVG eingereicht. Der sieht darin tatsächlich ein Problem, statt zu begreifen, wie richtig es ist, wenn in einer Nachfrage-Krise Geld nicht gespart sondern ausgegeben wird. Genau so wenig begreift er, dass die EZB Schadenbegrenzung betreibt, indem sie Staatsanleihen „südlicher“ Länder ankauft. Obwohl sein Urteil den Grund dafür durchaus richtig festhält: Diese Länder können sich dadurch „zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen.“

In diesen günstigeren Konditionen sieht de BVG ein unverdientes Faulbett – nur Deutsche hätten sie sich verdient. Tatsächlich bekommt Deutschland sogar Zinsen für die Kredite die es aufnimmt, weil es sie sicherer als die Staaten des „Südens“ zurückzahlen kann. Was daran liegt, dass es die Wirtschaft dieser Staaten durch den Austerity-Pakt und den Verlust von Marktanteilen dank Lohn-Dumping massiv beschädigt hat.

Jetzt fordert der BVG bekanntlich, dass die EZB den Sinn ihrer Politik nachweisen möge. Weil seine Richter natürlich glauben, ihn besser als die Richter des EUGH und die Ökonomen der EZB beurteilen zu können. Denn Deutsche können nun einmal alles am besten.

 

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Wie die EU dem deutschen Tod entrinnt

Höchstrichter in Karlsruhe bezweifeln den Weg, auf dem die Europäische Zentralbank die EU geldpolitisch abstützt. Ihr Urteil bleibt -hoffentlich-folgenlos.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat ein Urteil gefällt, das nicht nur deutsche Medien einen „Knall“ nannten: Es wirft dem EuGH vor, EU-Recht zu brechen, indem er die aktuelle Geldpolitik der EZB zulässt und fordert ihre Kontrolle durch die deutsche Regierung.

Konkret richtete sich die Klage zweier AfD- Exponenten gegen das Programm PSPP der EZB, auf dessen Basis sie seit 2015 bestimmte Mengen Staats-Anleihen ankauft. Karlsruhe gab der Klage „teilweise“ recht: Die EZB dürfe zwar Anleihen kaufen, müsse aber binnen drei Monaten die „Verhältnismäßigkeit“ dieser Käufe nachvollziehbar begründen: Erklären, warum das billige Geld der Wirtschaft mehr nutzt, als es etwa Sparern schadet. Gelänge ihr das nicht, so dürfe die Deutsche Bundesbank nicht mehr an den Anleihekäufen der EZB teilnehmen.

Für einen Moment begannen die Kurse an Europas Börsen zu rutschen, denn selbst gegen das Corona-Hilfsprogramm der EZB könnte die gleiche Klage erhoben werden. Ein möglicher Ausstieg der Bundesbank aus den EZB -Programmen wäre das Ende der EU.

Die EU kommt noch einmal davon

Einen Tag später schätzte man die Dinge realistischer ein: Die EZB würde wie bisher agieren. Die von der EZB geforderte Begründung der „Verhältnismäßigkeit“ würde schon irgendwie zustande kommen, denn selbstverständlich würden bei den Verhandlungen im EZB-Rat alle Auswirkungen aller Programme ausgiebig diskutiert

Mittlerweile prüft die EU-Kommission ein (schwer denkbares) Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, weil es EUGH-Rechtsprechung negiere – umkehrt ist kaum denkbar, dass die deutsche Regierung ein Urteil ihres Verfassungsgerichts negiert. Ich tippe auf „irgendwie“. Die EU wird einmal mehr davonkommen.

Das aufgebrochene Problem bleibt freilich bestehen: Weil Deutschland die eigene Bundesbank stets als Vorbild ansah, setzte es durch, dass auch die EZB sich voran dem „Kampf gegen Inflation“ zu widmen hat. Gleichzeitig wurde ihr – weil reichere Staaten darin ein Kernproblem sahen – „Staatsfinanzierung“ verboten: Sie darf schwächelnden EU-Staaten- etwa Italien- wirtschaftlich nicht unter die Arme greifen.

Beides ist völlig realitätsfern: „Inflation“ ist das mit Abstand geringste Problem der EU- die Pleite Italiens wäre ihr mit Abstand größtes. Und Geldpolitik ist immer zugleich Wirtschaftspolitik.

Die EZB sitzt zwischen den Stühlen

Erstmals kann Großbritannien sich zum EU-Austritt gratulieren: Die „Bank of England“ konnte dem Staat unter die Arme greifen, indem sie ihm soeben 20 Milliarden Pfund überwies. Die US-Notenbank FED hat zumindest den Vorteil, dass sie neben der „Inflation“ auch das Wohl der US-Wirtschaft zu beachten hat. Zwar ist auch ihr verboten, schwächelnde Bundesstaaten zu finanzieren, aber das Problem stellt sich ihr nicht. Denn im Gegensatz zur EU sind die USA eine Transferunion: Die Ausgaben für Arbeitslosigkeit, medizinische Versorgung und Verteidigung, die bei schwachen Bundesstaaten über die Hälfte ihres Budgets ausmachen, bestreitet die Bundesregierung. Sie zahlen daher kaum höhere Zinsen als starke Bundesstaaten.

Die EZB ist leider weder in der Lage der FED noch der „Bank of England“ – sie kann ihre Aufgabe nur in der Form halbwegs erfüllen, in der sie das tut. Genau das hat ihr der EuGH in seinen bisherigen Urteilen bestätigt.

Ohne EZB gäbe es die nächste Euro-Krise

Exakt wie Mario Draghi hat Christine Lagarde sofort klargestellt, dass die EZB Währungsspekulationen gegen ein EU-Mitglied mit allen Mitteln abwehren würde: Als „Corona“ die Zinsen für italienische, spanische, portugiesische Anleihen Anfang März hochzucken ließ, kaufte sie verstärkt Anleihen dieser Staaten, und der Anstieg ging sofort zurück.

Karlsruhe hat diese ständige (angesichts „Corona“ lebensrettende) Leistung der EZB in seinem Urteil sogar zutreffend gewürdigt: „PSPP verbessert die Refinanzierungsbedingungen der Mitgliedstaaten, weil sich diese zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite am Kapitalmarkt verschaffen können.“

Was Karlsruhe nicht begreifen will, ist, dass eben dies die entscheidende Leistung der EZB darstellt, weil sie natürlich das Gesamtwohl der EU im Auge haben muss. Alles andere wäre für eine „Union“ absurd.

Wer unterlässt Strukturreformen?

Die „Nebenwirkungen“ ihrer lockeren Geldpolitik, auf die Karlsruhe hinweist, sind Lagarde so klar wie Draghi: Sparen bringt keine Zinsen, aber Kredite kosten fast keine – beides ist gut, weil Geld ausgegeben werden soll. City-Baugrund wird teurer- doch Bauen billiger. ÖNB-Chef Robert Holzmann bemängelt, dass billiges Geld schwache Firmen überleben lässt- derzeit ist das ein Segen. Es drohen Blasen bei Aktien- doch sie waren schon stärker überteuert. Vorerst macht billiges Geld Reiche freilich reicher.

Draghi forderte daher ständig, dass die Staaten der EU, voran Deutschland, endlich mehr investieren und ultra-lockere Geldpolitik überflüssig machen sollten- doch sie beharren auf dem Sparpakt.

Die größte Sorge auch deutscher Höchstrichter ist noch unumstößlicher: Dass die Länder des „Südens“ sich angesichts des billigen Geldes faul zurücklehnen und „Strukturreformen unterlassen“.

In hundert Jahren werden Wirtschaftshistoriker bei Untersuchungen zum Niedergang der EU feststellen, dass es Deutschland war, das „Strukturreformen“- höhere Investitionen in seine Schulen, sein Glasfaser- Strom-  Schienen- oder Verkehrsnetze – ab dem Jahr 2000 wie kein anderes Land unterlassen hat. Weil es viel einfacher war, deutsche Arbeitskräfte schlecht zu entlohnen und anderen Volkswirtschaften auf der Basis dieses Lohnstückkosten-Vorteils Marktanteile wegzunehmen.

 

 

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Das Blümel-Tiefdruckgebiet

Sebastian Kurz ist in Polit-Barometer von sagenhaften 72 Prozent Zustimmung auf „nur mehr“ 52 Prozent abgestürzt. Das ist insofern verblüffend, als Österreich Covid-19 unbestreitbar in Europa am besten in den Griff bekommen hat und auch Rudolf Anschober sich unverändert höchster Zustimmung erfreut.

Höchstwahrscheinlich büßt Kurz für seinen Finanzminister Gernot Blümel, der die versprochenen Corona-Hilfsmilliarden unverändert viel zu langsam an die Betroffenen bringt. Blümel hat nicht begriffen, dass der langsame Geldfluss der Wirtschaft ungleich mehr schadet, als ein paar hundert Millionen, die vielleicht daneben fließen, weil irgendwer zu viel bekommt.

Selbst ein paar Milliarden zu viel sind unbedeutend im Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Schaden, der entsteht, wenn Unternehmen angesichts Geldmangels zu Grunde gehen und die Kaufkraft der Bürger einbricht.

Der Unterschied zu Hannes Androsch

Es ist, um es in Ziffern zu gießen, völlig egal, ob Österreich nach Corona 75 oder 85 Prozent Staatsschulden hat, obwohl diese Differenz viele Milliarden ausmacht, wenn nur seine Wirtschaft intakt geblieben ist. Auch mit der 85 Prozent Staatsschuldenquote wird es problemlos billigste Kredite erhalten.

Vielleicht wäre es doch ganz sinnvoll, wenn die ÖVP statt eines Agraringenieurs oder eines Philosophen jemanden zum Finanzminister bestellte, der mehr Sachkompetenz besitzt. Von einem Professor für Volkswirtschaftslehre wage ich nicht zu träumen, aber schon ein Steuerberater wie Hannes Androsch wusste besser, was der Geldfluss für die Wirtschaft bedeutet.

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Die berechtigte Sorge vor der zweiten Welle

Der sicherste, schmerzloseste Weg, eine zweite Welle von Covid-19 zu vermeiden, ist die Nutzung einer App. Leiser Druck, sie herunterzuladen wird vermieden. Aus unsinnigen Gründen.

So wenig ich von Sebastian Kurz` bisheriger Wirtschaftspolitik halte – sein „Nulldefizit“ entzog der Wirtschaft Geld, statt es ihr zuzuführen, das aktuelle Abfangen des Abschwungs funktioniert bürokratisch langsam – so erfolgreich war seine türkis-grüne Koalition im Kampf gegen Covid-19.

Das beweisen Zahlen von „EuroMOMO“, an denen nicht zu rütteln ist, weil diese Organisation Unumstößliches misst: die Zahl aller Sterbefälle in den von ihr überwachten 24 Ländern der EU. Im besonders schlimmen Grippejahr 2018 gab es in ihnen zum Beispiel 121.009 Tote mehr als im Schnitt vergangener Jahre. Heuer liegt diese „Übersterblichkeit“ schon nach vier Monaten bei weit über 140.000, und voran in Spanien oder Frankreich wütet das SARS -CoV2 Virus weiter. In Österreich dagegen liegt die Mortalität bisher sogar unterm Durchschnitt. (Vermutlich weil die Grippe weniger als sonst dazu beitrug)

Möglich war das, weil rasche, energische Maßnahmen den „Replikationsfaktor“ für Covid-19-Ansteckungen auf derzeit 0.67 reduzierten: 100 Kranke stecken nur mehr 67 Personen an. Das ließ mich vor zwei Wochen so sicher sein, dass die Mortalität zu Ende des Jahres nicht über dem langjährigen Durchschnitt liegen würde. Allerdings nur – und das hätte ich eigentlich anfügen müssen – wenn es nicht zu einer „zweiten Welle“ der Erkrankung kommt.

Spanische Grippe als warnendes Beispiel

Christian Drosten hat in der ZIB 2 eindringlich vor diesem Risiko gewarnt und es ergibt sich auch logisch: Gerade in einem Land, in dem Covid-19 so erfolgreich bekämpft wurde, ist die Immunität kaum erhöht. Das Virus kann sich also tatsächlich von einem einzigen Infizierten mit der gleichen exponentiellen Beschleunigung wie zuvor ausbreiten, wenn dem nicht weiter beschränkende Hürden entgegenstehen. Die „spanische Grippe“ der Jahre 1918/20 ist dafür ein erschreckendes Beispiel – ihre zweite und dritte Welle waren schlimmer als die erste.

Die aktuelle Lockerung ist daher tatsächlich höchst heikel und erfolgt aus gutem Grund nur stufenweise und „bremsbereit.“ Auch und gerade wenn man die Folgen für die Wirtschaft bedenkt, muss man die Gefahr eines Wiederaufflammens der Krankheit dringend vermeiden. Und die sicherste und schmerzloseste Möglichkeit dazu, bietet ohne Zweifel eine App, die es, wie in Südkorea, erlaubt, blitzschnell festzustellen, mit wem ein Infizierter Kontakt hatte. Der gesunde Menschenverstand sollte also dazu führen, dass jedermann diese App herunterlädt, denn wie bei der Herdenimmunität braucht sie 60 Prozent Verbreitung um zu funktionieren.

Der Datenschutz als ewiges Hindernis

Leider sind wir davon weit entfernt. Alle möglichen Datenschützer haben die Unbedenklichkeit der vom Roten Kreuz entwickelten App zwar bestätigt, aber allein die lange Diskussion darüber musste bei der Bevölkerung den Eindruck erwecken, dass sie nicht so harmlos sei.[1] Das ist grotesk, denn die fast gleiche Bevölkerung teilt als Facebook-Nutzer miteinander ungleich intimere Daten als Kontakte mit Virus-Ausscheidern.

Ich halte die Zurückhaltung gegenüber der Rot-Kreuz-App für schlichtweg absurd und kann auch nicht verstehen, warum die Opposition fordert, und die Regierung schwört, dass die Nutzung jedenfalls freiwillig bleibt und dass auf keinen Fall Druck ausgeübt würde, sie herunterzuladen.

Das entbehrt in meinen Augen jeder Logik: Man hat uns Verbote auferlegt, die aufs massivste in Grundrechte eingriffen: Dass wir uns anderen Menschen nur bis auf einen Meter nähern dürfen, dass wir nichts Überflüssiges kaufen, nicht ins Theater gehen dürfen, weil wir sonst Leben gefährden. Daran gemessen wäre die Pflicht die Rot-Kreuz-App aufs Handy zu laden ein lächerlicher Eingriff. Zumindest aber sollte die Regierung erklären können, dass der Besuch von Sport-Events oder Theatern nur dann sukzessive frei gegeben werden kann, wenn die App sechzig Prozent Verbreitung gefunden hat.

Datenmissbrauch ist das wahre Problem

Ich gestehe, dass mich „Datenschutz“, so wie er geübt wird, insgesamt zunehmend nervt: Es ist plötzlich eine Affäre dass mein Hausarzt über meine Adresse verfügt oder dass das Restaurant, in dem ich gut gegessen habe, mich verständigen will, dass es wieder geöffnet hat.

Gleichzeitig besteht kein Zweifel, dass alle größeren Geheimdienste und Internet -Plattformen dieser Erde über jede Menge Informationen über jeden von uns verfügen.

Der Datenschutz ist meines Erachtens völlig falsch aufgezogen: Es ist, angesichts der technischen Möglichkeiten, die es dafür gibt, völlig ausgeschlossen, uns durch Gesetze davor zu schützen, dass Daten über uns gesammelt und verknüpft werden. Was wir mit Gesetzen hoffentlich unterbinden können, ist nicht das Sammeln, sondern der Missbrauch gesammelter Daten: Es muss durch Menschenrechtskonvention und Verfassungen geächtet sein, dass eine Regierung, wie die Chinas, Reisebewilligungen- Kredite und dergleichen an ein Verhalten bindet das sie dank Handy-Überwachung kennt.

Wenn die Post Daten an wahlwerbende Parteien verkauft, muss die Strafe nicht achtzehn sondern hundert Millionen Euro betragen. Wenn Daten meiner e-card von einer Versicherung dazu genutzt werden, mich als Kunden abzulehnen, muss die Strafe dafür für sie existenzgefährdend sein. Dass mein Arzt sie kennt, ist hingegen höchst sinnvoll-so sinnvoll wie der Umstand, dass ich einer App entnehmen könnte, dass ich mit einem SARS-CoV2 Viren -Ausscheider Kontakt hatte.

[1] Es könnte ein Fehler sein, sie allein dem Roten Kreuz zuzuordnen. In der Schweiz ergab eine Umfrage, dass die Bevölkerung eine vom Bundesrat angebotene App bevorzugt.

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Österreich first – auch beim Abschwung

Österreichs explodierende Exporte bedingen seit „Corona“ zwingend BIP-Einbrüche. Wenn Italien oder Frankreich in Rezession versinken, sinken wir als erste mit.

Auch unsere Wirtschaftsforscher gehen nun also davon aus, dass Österreichs Wirtschaft bis Ende 2020 um 7,5 Prozent einbricht. Falter-Leser waren immer mit dieser Vermutung konfrontiert, denn sie war zwingend: Überall auf der Welt hat „Corona“ die Bewegungsfreiheit maximal eingeschränkt, wurden Grenzen gesperrt und blieben Flugzeuge am Boden. Kein Wirtschaftszweig musste darunter mehr als der Tourismus leiden – Österreichs BIP hängt zu 15,3 Prozent von Tourismus und Freizeitwirtschaft ab und „Normalität“ kehrt frühestens mit Impfungen zurück.

Gleichzeitig hat „Corona“ überall in der Welt zur schwersten Kontraktion der Wirtschaft seit Menschengedenken geführt, überall ist Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit explodiert und können Staaten, Unternehmen und Bürger wesentlich weniger einkaufen, voran wesentlich weniger importieren – Österreichs BIP hängt zu 55,6 Prozent vom Export ab, wir sind vor Deutschland (50,9 Prozent)“Exportweltmeister“.

Österreichs wie Deutschlands größtes Interesse sollte also spätestens jetzt darin liegen, die Kaufkraft der eigenen Bevölkerung möglichst kompakt zu erhalten und alles zu tun, damit die Länder, in die sie exportieren, wirtschaftlich überleben.

Aber Sebastian Kurz und Gernot Blümel können sich so wenig wie Angela Merkel und Olav Scholz vorstellen, die Zahlungen an Arbeitslose- und Kurzarbeiter auf 100% ihres Gehalts zu erhöhen. Und alle Vier tun bisher alles, um die Erholung des für Deutschland größten Exportabnehmers in der EU, Frankreich, und des für Österreich zweitgrößten Abnehmers, Italien, zu erschweren.

Wie ist es soweit gekommen?

Schon bisher haben sie diese beiden Volkswirtschaften ständig geschwächt. Denn Österreichs und Deutschlands Exporterfolg beruht zwar auf der hohen Qualität ihrer Produkte, aber seit zwanzig Jahren auch darauf, dass ihre Unternehmen einen enormen Wettbewerbsvorteil genießen, indem sie ihre Arbeitnehmer nicht mehr im Ausmaß der gesteigerten Produktivität entlohnen.

Das bedingt zum einen schmerzhaft, dass die eigene Bevölkerung jetzt nicht entfernt soviel kaufen kann, wie sie produziert. Und es ist zum anderen der Hauptgrund für die wirtschaftliche Schwäche Italiens oder Frankreichs.

Historisch hat Holland mit dieser Lohnpolitik begonnen, Österreich und die Schweiz sind gefolgt. Als Gerhard Schröder sie 2000 übernahm, war sie für Österreich irreversibel – Deutschland ist sein größter Handelspartner.

Für andere Länder war und ist diese Lohnpolitik desaströs: Deutschlands, Österreichs oder Hollands traditionell gute Waren nahmen ihnen angesichts bis zu 30 Prozent verringerter Lohnstückkosten immer größere Marktanteile weg. Am meisten litt Italien, das seine Löhne sogar über den Produktivitätsfortschritt hinaus erhöhte.[1] Ähnlich erging es Spanien. Doch kaum minder litt Frankreich, das seine Löhne exakt gemäß der gestiegenen Produktivität erhöhte und damit der Forderung der EU nach 2 Prozent Inflation nachkam, während Deutschland, Österreich und Holland sie eisern negierten.

Zugleich mit der Verbesserung ihrer Konkurrenzsituation hielt die „Lohnzurückhaltung“ die Kaufkraft dieser drei Länder zurück: Sie kauften zwangsläufig immer weniger eigene Waren, und noch viel weniger kauften sie die relativ verteuerten Waren Frankreichs oder Italiens. Die Länder des „Südens“ verloren damit doppelt: Erstens, weil ihre Waren auf Grund der höheren Lohnstückkosten weniger konkurrenzfähig waren, zweitens, weil sie wegen der verringerten Kaufkraft des Nordens noch weniger davon absetzen konnten. Zusammen hat das ihren aktuellen wirtschaftlichen Zustand bedingt: Der Italiens ist katastrophal, der Frankreichs schlecht. (Ohne gemeinsamen Euro wäre das nicht passiert – die Währungen des „Nordens hätten sofort aufgewertet“

„Österreich First“ hat zwei Seiten

 Genau diesen schlechten Zustand werfen ihnen die drei Verursacher jetzt vor: Weil Italien oder Frankreich so schlecht dastehen, lehnen Gernot Blümel, Olaf Scholz und Wopke Hoekstra Eurobonds kategorisch ab, obwohl die nur dazu dienten, dass die Kreditkosten italienischer, spanischer oder französischer Unternehmen nicht höher als die österreichischer, holländischer oder deutscher wären.

Soeben begründete Blümel seine Forderung nach befristeter Aussetzung der EU- Bewilligung von Staatsbeihilfen sogar damit, dass die EU es an Solidarität mit Österreich fehlen lasse. In der Sache liegt er „nur“ falsch: Die EU hat die Beihilfen für Klein- und Mittelbetriebe rechtzeitig bewilligt – nur die heimische Bürokratie hält sie auf. Für große Unternehmen prüft sie staatliche Beihilfen zu Recht, weil sie den Wettbewerb verzerren können.

Unerträglich wird Blümels Aussage jedoch im Licht der oben beschriebenen Entwicklung: Österreich (Deutschland, Holland) hat durch zwanzig Jahre unsolidarische Lohnpolitik betrieben, und kein Land hat „gemeinsame Haftung“ so kategorisch abgelehnt. Es gibt zwar das technische Problem, dass bei einer Haftung als Gemeinschuldner Schulden Italiens in Österreich oder Belgien eingetrieben werden könnten, aber das lässt sich durch eine andere Konstruktion der Bonds reparieren. (So wird es wohl auch geschehen: Wie bei den US-Treasury-Bonds wird es EU-Bonds mit der Haftung der EU in ihrer Gesamtheit geben.)

Man kann diese „Österreich First“ Politik (Handelsblatt) goldrichtig finden. Nur muss einem klar sein, dass Österreich vorderster Leidtragender sein wird, wenn es weiter dazu beiträgt, dass Italien und Frankreich in Rezession versinken. Denn exportieren kann man nur solange, als es andere Volkswirtschaften gibt, die importieren können.

[1] noch 2004 wies Italien trotz zurückgebliebenen Südens, Mafia und Korruption das gleiche BIP pro Kopf wie Deutschland auf.

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