Die überflüssige Verspätung

Spät aber doch wurde das Malariamittel Hydroxychloroquine, dessen Einsatz ich hier mehrfach gegen die oft heftigen Einwände der Jünger des Charité-Top-Virologen Christian Drosten verteidigt habe, von Österreichs Gesundheitsbehörden in einem Eilverfahren zur Behandlung von Covid-19 zugelassen.

Der Pharmakonzern Novartis, der, wie die meisten Pharmakonzerne, eine Variante des altbekannten Medikaments herstellt, hat Österreich und allen Mitgliedern der EU ausreichende Mengen davon zur Verfügung gestellt und so wird es hoffentlich auch wie in Südkorea rundum eingesetzt werden.

 Zuviel deutsche Gründlichkeit mitten im “Krieg”

Die Einwände Christian Drostens gegen Studien des französischen Top-Virologen Didier Raoult, der empfahl Hydroxychloroquine unter dem Handelsnamen Plaquenil gemeinsam mit einem Antibiotikum einzusetzen waren zwar, was die Methodik der Studien betraf, durchaus berechtigt, aber nicht zu Ende gedacht. Erstens hatte Raoult seine Studien nur zur Bestätigung einer viel umfangreicheren chinesischen Studie gemacht. Zweitens hatten Südkoreas Virologen das Mittel zum Einsatz empfohlen. Und drittens nutzte der Einsatz des Mittels zwar vielleicht nicht in dem von Raoult behaupteten Ausmaß -schädlich war er außer bei Leber-Nieren-Vorerkrankungen auf keinen Fall. (Gegen Malaria wurde Plaquenil seit 1949 millionenfach selbst Schwangeren verabreicht). Mitten im Krieg gegen ein Virus ist rasches Handeln sinnvoller als normalerweise berechtigte größte Gewissenhaftigkeit – jedenfalls dann, wenn das Medikament spottbillig ist und nicht schadet.

Das Boris-Johnson-Syndrom

Vermutlich (hoffentlich) erfolgt sein Einsatz in Österreich in der von Raoult empfohlenen, etwas niedrigeren Dosierung von 500 mg und wie bei ihm in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin. Einiges spricht nämlich dafür, dass die immer wieder -etwa auch bei Boris Johnson -beobachtete extreme Verschlechterung im Zustand des Patienten in einer zweiten Phase seiner Erkrankung davon herrührt, dass Bakterien die Viren-geschwächte Lunge stürmen und dort eine lebensbedrohende Lungenentzündung auslösen.

Wieso ist ein für sich eher harmloses Virus so gefährlich?

Es wäre auch sinnvoll, wenn der Bevölkerung klarer wäre, was das “Corona-Virus” SARS-CoV-2 so gefährlich macht, obwohl die mit ihm verbundene Sterblichkeit primär viel geringer als etwa beim Grippe-Virus ist. Sebastian Kurz hat zwar versucht, das im Gespräch mit Armin Wolf zu erklären, aber ausnahmsweise ist es ihm nicht mit der sonst von ihm gewohnten Präzision gelungen.

  • Es scheint es so zu sein, dass Covid-19, wenn es bei einem älteren Menschen zu einer Vorerkrankung hinzutritt, in einem unerwartet hohen Ausmaß tödlich verläuft.
  • Vor allem aber ist das Virus extrem ansteckend und breitet sich daher extrem schnell aus. Das bedeutet, dass nicht nur die leichten und mittelschweren sondern auch diese lebensgefährlichen Verläufe der Erkrankung in einem besonders kurzen Zeitraum extrem gehäuft auftreten.

Dadurch kann ein Gesundheitssystem, das einer langsameren Verbreitung des Virus durchaus gewachsen wäre, überfordert sein, und im schlimmsten Fall wie in Italien zusammenbrechen und auch die Erkrankungen nicht mehr entfernt beherrschen, die mit dem Virus gar nichts zu tun haben.

 

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Die heikle Rückkehr zu Normalität

Die zu frühe Rückkehr zu voller wirtschaftlicher Aktivität kann die Epidemie neu entfachen – die zu späte wird zur Depression führen. Mein subjektiver Versuch eines Stufenplanes.

Dass der “Tag Null” an dem es keine zusätzlichen Corona -Neuinfektionen mehr gibt, absehbar ist, lässt die Regierung morgen einen Stufenplan zur vorgesehenen der Rückkehr zur Normalität veröffentlichen. Ich habe meine Vorstellungen über die Form der Rückkehr zur Normalität Sonntag ebenfalls zusammengeschrieben und bin dabei, vermutlich wie die Regierung, davon ausgegangen, was ich über SARS-CoV-2 Viren, unser Gesundheitssystem und die wirtschaftlichen Folgen des “Shutdown” sicher zu wissen glaube.

Was ist das Besondere am SARS-CoV-2 Virus?

  • Das Virus ändert nicht wie das Grippevirus, immer wieder seine Oberfläche. Überstandene Krankheit gewährt daher langfristig Immunität, und das werden auch künftige Impfungen tun.
  • Das Virus wird bekanntlich durch ausgeatmete Tröpfchen übertragen, die man auch aufnimmt, wenn man mit angeatmeten Händen die eigene Schleimhaut berührt. Wie lange Viren an fremden Oberflächen haften, weiß auch Christian Drosten von der Charité nicht genau. Eine englische Studie spricht bei Metalloberflächen von drei Tagen. Hendrik Streeck, Nachfolger Drostens am Institut für Virologie in Bonn, hat auch dort nur “totes”, nicht mehr ansteckungsfähiges Virenmaterial gefunden. Ansteckend sei eine Türklinke, ein Haltegriff oder ein Handy nur, wenn sie ein Kranker knapp davor angehustet hat und man sie bald danach angreift. Streeck hat die meisten deutschen Covid-19 Kranken gesehen und Infektionswege und Zustand von ihnen benutzter Gegenstände untersucht. Infektion auf dem Umweg über Gegenstände scheint mir zumindest keine vorrangige Rolle zu spielen.
  • Auch einfache Masken vermindern die Menge der Viren, die ein Infizierter gegenüber Gesprächspartnern und Gegenständen ausscheidet. Die Wahrscheinlichkeit, dass geringe Virenmengen im Freien Ansteckung hervorrufen ist minimal.
  • Altbekannte Malariamittel kombiniert mit Antibiotika können die Schwere von Covid-19 Erkrankungen laut Empfehlung der Gesundheitsbehörden Südkoreas und Chinas, sowie chinesischer Studien und der methodisch unzulänglichen Studien des französischen Top-Virologen Didier Raoult wahrscheinlich lindern und die Dauer der Viren-Ausscheidung verkürzen. Mit Sicherheit ist die Einnahme dieser billigen Medikamente außer für Menschen mit Leber-Nieren -Problemen ungefährlich.

Wie verträgt unsere Intensivmedizin die Rückkehr zur Normalität?

  • Österreich hat mit 28,9 nach Deutschland mit 33,9 die meisten Intensivbetten der Welt je 100 000 Einwohner. (Italien: 8,6 Spanien 9,7) Es ist einer noch dazu nur partiellen Wiederkehr von Infektionen daher jederzeit gewachsen.
  • Eine solche partielle Wiederkehr der Infektionen wird es sicher geben, wie man in Singapur, Südkorea, Japan oder China bereits beobachten kann, weil nirgends Herdenimmunität erreicht wurde.
  • Armut, wie eine Depression durch zu langes Shutdown sie zweifellos herbeiführte, verkürzt die Lebenserwartung unbestrittenen um bis zu zehn Jahre. Aber die sofortige Rückkehr zu voller wirtschaftlicher und sozialer Aktivität birgt nach Ansicht so gut wie aller Virologen das Risiko, dass die Epidemie nicht nur partiell wieder aufflammt, sondern mit alter Kraft zurückkehrt. Um das zu verhindern, ist bei der Regierung wie bei mir das dringendste Anliegen die Rückkehr zu Vollbeschäftigung wie zum gewohnten sozialen Leben stufenweise vorzunehmen, so dass die Intensivmedizin zu keinem Zeitpunkt überfordert ist.

Die stufenweise Wiederaufnahme der Arbeit

Auf Grund dieser von mir nach bestem Wissen und Gewissen als zutreffend erachteten Fakten schiene mir folgender Stufenplan sinnvoll:

  • Die Risikogruppe der über- 65jährigen, der ich angehöre, sollte bis zu einer Impfung kaserniert bleiben.
  • Alle Arbeiten im Freien sollten sofort wieder aufgenommen werden.
  • Ab Tag null sollten alle Arbeiten in Werkshallen und Großraumbüros, die Sicherheitsabstand gewährleisten, wieder aufgenommen werden.
  • Ebenfalls ab Tag null sollten alle Verkaufs-Geschäfte wieder geöffnet werden und alle öffentlichen Verkehrsmittel wieder fahren. Fahrgäste, Käufer wie Verkäufer müssen aber vorerst Masken tragen und Polizei und Bundesheer sollten dafür sorgen, dass Großkaufhäuser nicht gestürmt, sondern in einer festzulegenden Maximalzahl pro Stunde betreten werden.
  • Arbeiten in kleinen geschlossenen Räumen sollten erst einen Monat nach Tag null wieder aufgenommen werden.

Was sollte mit Kindern, Schülern und Studenten geschehen?

  •  Kinder bis zu 12 Jahren sollten ab “Tag null” wieder Kindergärten und Schulen besuchen, denn bei Kleinkindern verläuft die Infektion sowieso fast immer unbemerkt und auch bei größeren meist ohne Erkrankung. Wenn eine solche dennoch stattfindet, ist sie leicht einzugrenzen. Im Übrigen könnte partielle Herdenimmunität innerhalb von Kindergärten und Volksschulen entstehen und die letztlich anzustrebende allgemeine Herdenimmunität vorbereiten, ehe geförderte Massenimpfungen sie sicherstellen. Denn ich glaube nicht, dass wir eine Zukunft anstreben sollten, in der Covid-19 Seuchen zyklisch wiederkehren.
  • Angehende Maturanten sollten bis Ende Juni eine erleichterte Matura ablegen.
  • Ältere Kinder und Studenten sollten Schulen und Universitäten ab Herbst wieder besuchen.

Ich bin gespannt, wie sich mein Stufenplan von dem der Regierung unterscheidet.

Über die Depression entscheidet die Staatsverschuldung

Ob eine EU-weite Depression vermieden werden kann, wird dennoch in erster Linie davon abhängen, ob sich voran die reichen Staaten wie Deutschland, Österreich, die Benelux-Länder und Skandinavien derzeit hinreichend und ohne Rücksicht auf Verluste verschulden, indem sie die Schulden ihrer Bürger wie ihrer Unternehmen übernehmen. Und ob die EZB den schwachen Volkswirtschaften, voran Italien und Spanien, entgegen des aktuellen Verbots der Staatsfinanzierung und trotz der Proteste Österreichs Deutschlands oder Hollands und trotz der unsinnigen Angst vor gemeinsamer “Überschuldung” energisch unter die Arme greift.

 

 

 

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Die vernachlässigten “Shutdown”-Toten

Ich wage in ungewollter Übereinstimmung mit dem Präsidenten der Industriellenvereinigung Georg Kapsch folgende Vorhersage: Der fortgesetzte Shutdown der Wirtschaft durch “Corona” wird uns über zehn Jahre hinweg berechnet, wesentlich mehr vorzeitige Tote bescheren, als die aktuelle Pandemie.

Grundlage dieser Vorhersage ist das völlig zweifelsfrei Wissen, dass die Lebenserwartung “Armer” bis zu zehn Jahren unter der Wohlhabender liegt. Derzeit gibt es in wohlhabenden Ländern wie Österreich, Schweden, Holland und natürlich Deutschland rund zehn Prozent der Bevölkerung auf die das zutrifft – in armen Ländern von Bulgarien über Griechenland bis Italien wird der Prozentsatz schon jetzt viel größer sein. Im Falle einer europaweiten Wirtschaftskrise wird er sich im günstigsten Fall verdoppeln, im ungünstigsten verneunfachen. Daraus ermesse man die in diesen Fällen mindestens oder maximal vorzeitig Sterbenden.

Wie wahrscheinlich ist der Einritt einer solchen europaweiten Krise? Derzeit prognostizieren Deutschlands führende Wirtschaftsforscher, dass jeder Monat Shutdown gegen 5 Prozent Wachstum kostet- drei Monate also 15 Prozent. Vorausgesetzt, dass die US-Wirtschaft nicht kollabiert.

An dieser Prognose mag man die Wahrscheinlichkeit des Einritts einer europaweiten Wirtschaftskrise ermessen.

Die Toten durch Armut fallen nur weniger auf

Dass die vorzeitigen Toten durch Armut bei allen Überlegungen so sehr vernachlässigt werden, liegt daran, dass wir sie normaler Weise überhaupt nicht wahrnehmen- sie sind ständiger Bestandteil der gewohnten Mortalitätsstatistik.

Die zusätzlichen Coronatoten stechen hingegen hervor.

Und horrende Todeszahlen innerhalb kurzer Zeit sind emotional natürlich kaum zu verkraften.

Noch dazu wird sie durch die aktuelle Darstellung noch zusätzlich überhöht: Um exakt zu sein, müsste man die Zahl derer, die seit jeher an Krebs, Diabetes Mellitus, Herz- oder Atemwegsbeschwerden gestorben sind, der Zahl derer gegenüberstellen die jetzt, durch das Hinzutreten des Corona -Virus mehr daran sterben.

In Österreich, so sage ich vorher, werden das unerwartet wenige sein.

In Ländern, in denen “Austerity” die Gesundheitssystem kaputtgespart hat, voran Italien oder Spanien, denen Austerity von Maastricht und Sparpakt aufgezwungen wurde ist dieser Zahl überzähliger Toter in kurzer Zeit gespenstisch: Wenn die Intensivmedizin eines Gesundheitssystems einmal überfordert ist, sterben dort zwangsläufig alle Schwerkranken oder auch nur im Verkehr Verunfallten vorzeitig, egal ob sie auch noch ein Corona-Virus in der Lunge haben. In Ländern die Austerity, wie England oder Holland aus neoliberaler Überzeugung geübt haben, werden die Zahlen ähnlich gespenstisch sein.

Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der vorzeitig Toten durch den Shutdown in Summe noch viel größer sein wird.

Tatsächliches Handeln entspricht selten der Theorie

 Das heißt nicht, dass ich in der Realität als Politiker anders als Kurz und Kogler gehandelt hätte: Die emotionale Angst vor plötzlich angehäuften Leichenbergen lässt das nicht zu. Allenfalls hätte ich die Einschränkungen des Wirtschaftslebens nicht ganz so strikt gestaltet – zum Beispiel Arbeit im Freien immer zugelassen und für den Einkauf in Geschäften nur Maskenpflicht vorgeschrieben. Und vermutlich nähme ich diverse andere Restriktionen früher zurück, obwohl ich damit riskierte, dass die Infektion wieder aufflammt – aber Österreichs Intensivmedizin ist dem meines Erachtens gewachsen.

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Kassandra schreibt

Ewald Nowotny, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und bis zum 31. August 2019 Gouverneur der Österreichischen Nationalbank hat die nachfolgende Rezension des Falter-Buches “Die Zerstörung der EU” von Peter Michael Lingens bereits im Dezember 2019 verfasst und abgeschickt. Sie hat damals aber vermutlich wegen einer Änderung der Adresse  weder den Autor noch den Falter erreicht. Daher können ich und der Falter sie erst jetzt ins Netz stellen-

Ewald Nowotny

zu Peter Michael Lingens, Die Zerstörung der EU, Deutschland als Sprengmeister, Österreich als Mitläufer, Falter-Verlag Wien 2019

Buch bestellen im Falter Verlag

Das Phänomen der griechischen Seherin Kassandra, der vergeblichen Warnerin vor Unheil, hat immer wieder Literaten und politische Analysten beschäftigt. Das jüngste Buch des engagierten und scharfsinnigen Journalisten, Peter Michael Lingens, sieht das Unheil kommen, wenn er schreibt: „In aller Stille steuert die EU auf die größte Krise ihrer Geschichte zu.“ Als „analytische Kassandra“ zeigt er aber auch Wege, dem Unheil zu entgehen und hat ein Buch geschrieben, das zu Diskussion und auch zu Widerspruch anregen sollte. Faktisch ist dies freilich bis jetzt nicht erfolgt und die vorliegende Rezension soll ein kleiner Beitrag gegen die intellektuelle Lethargie sein, die die wirtschaftspolitische Nicht-Diskussion in Österreich derzeit kennzeichnet. Zugegeben: Der nicht gerade seriöse Titel „Die Zerstörung der EU – Deutschland als Sprengmeister, Österreich als Mitläufer“ klingt für Ökonominnen und Ökonomen nicht sehr einladend und auch die Sprache des Buches ist nicht frei von journalistischen Zuspitzungen und Übertreibungen.

Inhaltlich freilich geht es Lingens um drei wesentliche Themen, die durchaus eine ernsthafte Diskussion verdienen. Zum einen wendet sich Lingens gegen die einseitige Betonung des „Sparens“, speziell des Staates und die damit verbundene von Deutschland bestimmte Politik der Europäischen Union. Damit verbunden ist zweitens eine massive Kritik an der durch längere Zeit hinweg praktizierten deutschen Politik der „Lohnzurückhaltung“ und schließlich enthält das Buch eine generelle Kritik des „Neoliberalismus“ als Wirtschaftsideologie.

Ökonomischer Kern seiner Argumentation ist die Betonung der Makroökonomik – dem Denken in gesamtwirtschaftlichen Kreislauf – Zusammenhängen gegenüber dem mikroökonomischen, einzelwirtschaftlichen Denken der „schwäbischen Hausfrau“. Zentraler analytischer Ansatz ist dabei das – in der wirtschaftspolitischen Diskussion leider tatsächlich viel zu wenig beachtete Konzept der „Saldenmechanik“. Diese besagt, dass in einer Volkswirtschaft definitionsgemäß der Zahlungsströme zwischen den Sektoren Haushalt, Unternehmen, Staat und Ausland in der Gesamtheit ausgeglichen sein müssen. Die Ausgaben der Einen sind die Einnahmen der Anderen. In „normalen Zeiten“ zeigt in einer Volkswirtschaft der Haushaltssektor einen Ersparnisüberschuss, der Unternehmenssektor ist wegen seiner Investitionstätigkeit typischer Weise in einer Schuldnerposition und über den Sektor Staat erfolgt der entsprechende Saldenausgleich. Wenn etwa der Unternehmenssektor wegen negativer Nachfrageerwartungen zu wenig investiert und sich damit „zu wenig“ verschuldet, entsteht insgesamt ein „Ersparnisüberschuss“, den der Sektor Staat durch zusätzliche Verschuldung kompensieren muss um eine Abwärtsspirale zu vermeiden. Oder aber es entsteht durch Wettbewerbsvorteile ein Leistungsbilanz-Überschuss, d.h. eine zusätzliche Verschuldung des Auslandes. Dies setzt freilich der Bereitschaft, bzw. Fähigkeit anderer Staaten voraus, sich zu verschulden, da ja nicht alle Volkswirtschaften der Welt gleichzeitig einen Leistungsbilanzüberschuss aufweisen können.

Lingens sieht nun das zentrale Problem der europäischen Wirtschaftspolitik darin, dass Deutschland durch eine Politik der langjährigen Zurückhaltung bei Löhnen und Staatsausgaben – und damit zu geringer Nachfrage – gewaltige Leistungsbilanzüberschüsse „produziert“ habe, seine „Partnerstaaten“ in der EU damit in Leistungsbilanz-Defizite „getrieben“ habe und damit zum „Sprengmeister“ Europas geworden sei. Der Abbau dieser Leistungsbilanz-Defizite musste in den betroffenen Staaten – mangels entsprechender Ausgleichsmechanismen durch Einschränkungen der privaten und öffentlichen Nachfrage erfolgen, was als „Austeritätspolitik“ zu massiven politischen und sozialen Verwerfungen führte.

In der Gesamtsicht ist diese Perspektive zweifellos relevant, bedarf aber – entgegen der Linie des Buches – vielfacher Differenzierungen. So bestehen die Leistungsbilanz-Überschüsse Deutschlands zu einem erheblichen Teil gegenüber den USA, das sich weitgehend in eigener Währung – dem Dollar – verschulden kann, daher wesentlich größere Verschuldungsspielräume hat und sich so de facto zum „Consumer of last Resort“ – zum „Notfalls-Konsumenten“ entwickelt hat. Für Staaten des Euro-Bereiches, für die Verschuldung – auch im Euro – durch das Verbot der Notenbank-Finanzierung des Staates ökonomisch Fremdwährungs-Verschuldung darstellt, sind die Grenzen der öffentlichen Verschuldung durch die Finanzierungsbereitschaft der Kreditgeber beschränkt. Die Nicht-Beachtung dieser Beschränkungen kann zu dramatischen Finanzierungsengpässen mit entsprechenden Kostenwirkungen führen, was in der Finanzkrise einige südliche Staaten dramatisch erleben mussten. In der Tat sind ja neben einem teilweisen „Schuldenschnitt“ dann an Stelle privater Kreditgeber öffentliche Kreditgeber wie Währungsfonds und europäische Institutionen eingesprungen, um einen potentiellen „Staatskonkurs“ mit unabsehbaren wirtschaftlichen und politischen Langzeitwirkungen für den gesamten Euro-Bereich zu verhindern.

Man kann – wie Lingens – sicherlich einzelne Bedingungen, die bei diesen Finanzhilfen gestellt werden, kritisch beurteilen. Letztlich ist aber jeder Staat gut beraten, alles zu tun, um erst gar nicht in eine solche Situation zu kommen. Es ist daher aus meiner Sicht dem Aspekt der „Budgetdisziplin“ auch im Sinn der langfristigen sozialen Stabilität für die wirtschaftspolitische Praxis größeres Gewicht zu geben, als dies den Thesen von Lingens entspricht. Insgesamt ist wohl beides von Bedeutung: Die makroökonomischen Zusammenhänge, die Lingens temperamentvoll aufzeigt, aber auch die strukturpolitischen „angebotsseitigen“ Bereiche der Technologiepolitik, Infrastrukturpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Wachstumspolitik, etc. die das Wachstumspotential einer Volkswirtschaft bestimmen. Lingens Buch ist dabei jedenfalls ein wichtiges Plädoyer, die derzeit oft zu wenig beachteten makroökonomischen Aspekte der Nachfrageseite für die europäische Wirtschaftspolitik zu beachten. Eine „Zerstörung der EU“ ist wohl nicht zu befürchten, vielfache Verbesserungen sind, wie Lingens zeigt, aber zweifellos sinnvoll und möglich.

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Corona: Es braucht Cash – sofort

In der Theorie stimmt die türkis-grüne Strategie zur Bewältigung des “Shutdown” der Wirtschaft. In der Praxis fließt viel zu wenig Geld viel zu langsam.

Österreichs Wirtschaftsforscher vermuten, dass “Corona” das Wachstum um circa 2,5 Prozent vermindern wird. Das ist mehr als optimistisch. Deutschlands Wirtschaftsforscher schätzen, dass jeder Monat “Shutdown” 5 Prozent Wachstum kostet – in mindestens drei Monaten also 15 Prozent. Wenn die USA nicht kollabieren.

Die Corona -Krise ist mit der Finanzkrise nicht vergleichbar. Damals ging es um einen Krampf des Bankenapparates- diesmal geht um den gleichzeitigen Einbruch von Angebot wie Nachfrage: Unternehmer und gar Dienstleister agieren im Kriechgang – fast niemand kauft mehr als Nahrungsmittel.

Beim Finanzminister besser aufgehoben

Das hat es so noch nie gegeben – daher erfordert es auch Maßnahmen, die es so noch nie gegeben hat. Grundsätzlich halte ich die Strategie der türkis-grünen Koalition für richtig: Es ist richtig “koste es, was es wolle” aufzuwenden, um die Wirtschaft so über die Runden zu bringen, dass sie ihre Leistung nach “Corona” wieder hochfahren kann. Das wird, sagt die Regierung ebenso richtig, umso eher gelingen, je schneller und unbürokratischer geholfen wird.

Das Problem ist die Praxis. Zwölfseitige Formulare um Hilfe zu beantragen sind nicht unbürokratisch. Und es wäre, wie die Opposition moniert, sehr wohl besser, die Zahlungen dem Finanzminister zu übertragen, weil er direkten Einblick in die Finanzen aller Anspruchsberechtigten hat. Die Wirtschaftskammer sollte ihm Beamten und Knowhow beigeben.

So bedarf etwa das primär gute Kurzarbeitsmodell dringend der Ergänzung. Gernot Blümel hat am Wochenende angekündigt, dass es Überbrückungskredite für die Lohnzahlungen geben wird, weil das AMS sie ja erst später übernimmt. Aber es muss sie auch für Generalunkosten geben.

Das Geld muss schneller fließen

Wenn kleine Unternehmen nicht demnächst Cash erhalten, bereuen sie nicht nur, das Kurzarbeitsmodell Kündigungen vorgezogen zu haben, sondern sind pleite. Denn Andreas Treichls Annahme, dass die Banken auch illiquiden Unternehmen entgegenkommen, war eher ein frommer Wunsch. In Wirklichkeit sollte der Staat in Zeiten wie diesen “Bank” spielen und nötige Kredite von sich aus gewähren – und vor allem nie mehr rückfordern, wo es nicht geht. Für diese paar Monate sollte “Helikopter Geld” sein Vorbild sein. Nationalbank-Präsident Robert Holzmann mag dann zwar bedauern, dass die Krise keine “reinigende Wirkung” entfaltet – aber es wird noch Unternehmen geben.

Heiner Flassbeck

Fünf dringend konkrete Maßnahmen

Ich habe den Ökonomen und Ex-Staatssekretär im deutschen Finanzministerium Heiner Flassbeck gefragt, ob folgende Vorgangsweise sinnvoll wäre:

  • Niemand muss in den nächsten Monaten Steuern zahlen. Die Abrechnung erfolgt nachträglich und wird meist in Erlässe münden.
  • Niemand muss Sozialversicherung zahlen – der Finanzminister stattet die Sozialversicherung mit den Mitteln aus, die sie zur Erbringung ihrer Leistungen braucht. Abrechnung wie oben.
  • Die Finanz überweist Freischaffenden und EPUs, deren knappe Finanzlage aus den Steuerakten und den aktuellen Corona-Auflagen sofort ersichtlich ist – Kaufläden, Handwerkern, Gastwirten, Kosmetiksalons usw.- sofort Überbrückungshilfen von 20.000 €. Wer sich übergangen glaubt oder mehr braucht, muss es beantragen. Verrechnung und Erlass wie oben.
  • Unternehmen, die von Banken keine Kredite erhalten, erhalten sie vom Finanzministerium das Rückzahlungen der Lage anpasst.
  • Personen arbeitsfähigen Alters, die der Staat nicht sowieso unterstützt und die keiner oder der untersten Steuerklasse angehören, erhalten vom Finanzamt monatlich 850 Euro.

Flassbeck hält diese Maßnahmen durchwegs für sinnvoll: unterlaufende partielle Fehler wären unerheblich neben dem Gewinn an Zeit und Sicherheit.

Die Schulden sind nicht das Problem

Kein Betrag ist zu hoch, um Österreichs Wirtschaft lebendig über die nächsten Monate zu bringen- 38 Milliarden zusätzliche Schulden sind natürlich zu stemmen: Wir erhalten Geld zu Negativ-Zinsen, denn unsere Bonität ist stets höher als die fast aller Corona -betroffenen Länder.

In Wirklichkeit müssen Österreich und Deutschland begreifen, dass genau das ein zentrales Problem ist: Wenn alle, deren Bonität geringer als die Deutschlands oder Österreichs ist, wenn mit Italien die dritt- und mit Spanien die viertgrößte Volkswirtschaft der EU die Krise nicht überstehen, ist Depression in Europa unausweichlich- und die verschlingt auch Deutschland und Österreich.

Wann lernt Deutschland Solidarität?

Leider begreift man das weder hier noch dort. Der “Norden” wehrt sich unverändert gegen Eurobonds und Ex- EZB-Volkswirt Otmar Issing doziert, dass es “verbotene monetäre Staatsfinanzierung” wäre, wenn die EZB Spanien oder Italien überproportional durch Anleihekäufe unterstützte. Statt zu begreifen, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden: Italien und Spanien müssen gerettet werden, wenn Deutschland oder Österreich wieder blühen sollen.

Die 750 Milliarden Euro, die die EZB für Anleihe-Ankäufe bereit hält, sind kein Problem wenn man die absurde Angst vor “Schulden” ablegt: Das Geld, das sie “druckt”, schafft zwar für einige Monate keinen Gegenwert in Gütern und Leistungen, aber es schafft auch keine Inflation, weil in diesen Monaten auch nur wenig Güter und Leistungen gebraucht werden. Wenn die Wirtschaft zu Ende der Krise wieder anspringt, schafft sie die Werte, die dem gedruckten Geld entsprechen. Die angeblich untragbaren Schulden werden, wie die 250 Prozent Staatsschuldenquote Japans, ausschließlich für akademische Diskussionen von Bedeutung sein.

Wichtig ist nur, dass die Wirtschaft tatsächlich wieder hochkommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie lang soll man um ein Corona-Medikament streiten?

Der Einsatz des Malariamittels Hydroxychloroquine, unter den Handelsnamen Plaquenil, Quensyl, gegen Covid-19 bleibt weiterhin Gegenstand denkbar heftiger Auseinandersetzungen.

Ich versuche weiterhin mir möglichst emotionslos sein sachliches Bild von seiner Wirkung zu machen und halte es für das Einfachste, Sie an meinen Bemühungen teilhaben zu lassen. Zu diesem Zweck rekapituliere ich kurz die Vorgeschichte:

Erstmals aufmerksam wurde ich auf Hydrooxychoroquine, als Donald Trump – wie üblich im Zuge restlos inkompetenter Äußerungen zum Corona- Problem – auf ein angeblich “amerikanisches” Malaria- Wundermittel zu sprechen kam, das es den USA gestatten würde, locker mit dem “chinesischen Virus” fertig zu werden.

Als nächstes hörte ich auf NDR die Kritik des Topvirologen Christian Drosten an einer Studie seines Kollegen Didier Raoult: Er habe den Einsatz dieses Medikaments mit unzureichender methodischer Sorgfalt an nur wenigen Patienten überprüft.

“Game Over” für das Coronavirus?

Unmittelbar darauf stieß ich im des französischen Medizin- Anthropologen Jean Dominique Michel auf die Geschichte der Raoult- Studie. Der außerhalb Österreichs und Deutschlands wie Drosten als Top-Virologe gehandelte Leiter des “Institut Hospital Universitaire Méditerranée Infection, (IHU) in Marseille hat sich auf die Erforschung von Corona- Viren (SARS, MERS) und derzeit auch die Behandlung von Covid- 19 Erkrankten spezialisiert, sieht aus wie Obelix und ist für sein ebenso unkonventionelles wie selbstherrliches Auftreten verschrien. Ganz seinem Ruf entsprechend erklärte er am 26. Februar in einer Videobotschaft auch über Youtube: “Game over” für das Coronavirus- man kann es bekämpfen.

Zugrunde lag dieser Frohbotschaft eine Studie, die chinesische Ärzte in Wuhan anhand der dort explodierten Covid- 19 Erkrankungen angestellt hatten und die zu dem Schluss kam, dass Plaquenil den Verlauf der Erkrankung erheblich lindert und die Zeit, in der die Infizierten Viren ausscheiden erheblich verkürzt.

Raoult, der an Hand seiner MERS-Erfahrung mit den molekularen Mechanismen möglicher Medikamente gegen Corona Viren denkbar vertraut war, hatte die chinesische Studie für valid empfunden und sein “Game over” darauf gegründet.

Die Kritik des Meinungsführers Christian Drosten

Statt Begeisterung war ihm jedoch auch in seiner Heimat vehemente kollegiale Kritik entgegen geschlagen. Unter anderem wurde behauptet, Plaquenil könne sogar den Tod herbeiführen.

Bei den französischen Behörden hatte Raoult daraufhin die Bewilligung erkämpft, 24 schwer an Covid-19 Erkrankte mit Plaquenil zu behandeln. Er tat es mit einer etwas geringeren als der chinesischen Dosierung und verabreichte es, wie sein Institut aus den Erfahrungen mit SARS gelernt hatte, zusammen mit dem Antibiotikum Azithromycin. Als Ergebnis dieser Studie teilte in der Medizinzeitschrift “Lancet” am 3.März mit, dass 90% derer, die Plaquenil erhalten hatten, nach kurzer Zeit kein Coronavirus mehr ausschieden und dass ihr Zustand sich wesentlich gebessert hätte.

Das war die Studie, die Drosten im NDR methodisch kritisiert hatte.

Ich verfasste in Kenntnis dieser Kritik und Michels Blog meinen Artikel “Gibt es bereits ein wirksames Corona Medikament?” und erntete damit neben Zustimmung auch harsche Kritik: Drosten hätte Raoults Studie “in der Luft zerrissen”.

So hatte ich seine Worte freilich nicht empfunden – wohl aber als zutreffende methodische Kritik: Auch für jeden Laien ist klar, dass 24 Erkrankte ein viel zu kleines Sample sind.

Stutzig machte mich etwas anderes: Im Internet schwirren unter den Namen verschiedenster Autoren auf Punkt und Beistrich wortgleiche Texte herum, die Raoul und Parquenil tatsächlich in der Luft zerreißen. Das riecht nach Steuerung.

Eine vernichtende zweite Kritik

Wenig später übersandte mir die Neurologin Andrea Bronner einen Text, in dem der Derek Lowe, ein anerkannter Medizin-Chemiker der sich auf die Beurteilung neuer Medikamente spezialisiert hat, eine neue Studie Raoults, die diesmal 80 Patienten umfasste, höchst seriös in der Luft zerreißt: Raoult hätte auf eine Kontrollgruppe, die kein Plaquenil erhielt, verzichtet und damit gegen das wichtigste Gebot seriöser Medikamenten -Studien verstoßen. Darüberhinaus sei das Patientenmaterial nicht homogen gewesen und es seien Personen aus dem Sample ausgeschieden und durch andere ersetzt worden. Am Ende meldet Lowe nicht nur größte Bedenken an der Studie sondern auch an Raoult als Person an. Tatsächlich hatte der Franzose sich beim Auftauchen der ersten Covid-19 Fälle in China und dann in Italien ähnlich inkompetent wie Donald Trump geäußert und die Erkrankungen als “lächerlich” abgetan.

Ich teile Lowes methodischen Zweifel, gebe allerdings zu Bedenken, dass es in Marseille nicht so leicht wie in China ist, ausreichend homogenes Patientengut aufzutreiben, dass unter 80 schwerkranken Patienten zwingend dieser oder jener durch Tod ausscheiden kann und ersetzt wird, und dass es für jemanden, der von seiner Behandlung überzeugt ist und in seinem Krankenhaus Patienten betreut ein ethisches Problem ist, sich auf eine unbehandelte Kontrollgruppe einzulassen.

Die offenkundigen wirtschaftlichen Interessen

Am nächsten Tag nahm sich der “Standard” erstmals des Themas an. Sowohl Chloroquine als auch Azithromycin seien Wirkstoffe, die seit Jahrzehnten am Markt sind und Malaria- und Rheuma-Patienten in Milliarden Dosen verschrieben wurden. Die möglichen Nebenwirkungen beider Medikamente seien daher sehr gut bekannt. “Insofern sind viele Kritiken an dieser möglichen Behandlungsoption nicht im Geringsten nachvollziehbar. Gestützt würden die guten Ergebnisse der ersten chinesischen und der beiden französischen Studien durch Ergebnisse “von inzwischen mehr als 13 laufenden klinischen Studien zu Chloroquin und COVID-19 in China. Obwohl die Ergebnisse zu den meisten dieser Studien noch ausstehen, haben sie dazu geführt, dass das chinesische nationale Gesundheitskomitee eine Therapieempfehlung (unter Auflagen) für SARS-CoV-2 Infektionen mit Chloroquin abgegeben hat. In der Wissenschaft folgte ein regelrechter Aufschrei auf diese Ergebnisse. Anstatt alle Ressourcen in die weitere Erforschung dieser beiden Wirkstoffe zu setzen, wurden die Resultate aus Marseille von vielen heruntergespielt, manche warnen heute gar vor einer Behandlung mit Chloroquin. Man ist geneigt, der Kritik des medizinischen Anthropologen Dominique Michel zu glauben, dass es in Wahrheit nicht um Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit des Medikaments geht, sondern um den größten Profitkrieg des Jahrhunderts in der Pharmaindustrie.”

Wie ich verweist der Standard darauf, dass Plaquenil spottbillig ist, während etwa die Behandlung mit einem neue entwickelten Ebola Medikament, die dann abgeblasen wurde 1.000 Euro gekostet hätte.

Widersprüchliche Reaktionen in den USA

Regelrecht enthusiastischer äußerte sich das konservative Wallstreet Journal, WSJ zu Chloroquine: Es verwies auf die chinesische Studie, aber auch auf die vielen konkreten positiven Erfahrungen, über die chinesische Ärzte berichtet hätten. Auch in den USA hätte Raoults Kombination sich bei der Behandlung von Covid-19 Erkrankten bewährt, und die Universität von Washington habe es zur Behandlung empfohlen.

Soeben meldete freilich der Nachrichtendienst Bloomberg (im Eigentum des gescheiterten Trump- Gegenkandidaten Michael Bloomberg) dass in Frankreich nach Angaben des Nachrichtenmagazins “Le Point” zwei Personen an der Behandlung mit Plaquenil verstorben wären. Bloomberg-Nachsatz: “Das von Trump empfohlene Medikament ist zuvor von US-Behörden zum dringenden Einsatz zugelassen worden.”

Ich konnte es nicht recherchieren, bin aber ziemlich sicher, dass es sich bei den von Le Pont gemeldeten Toten um zwei der Patienten aus der Raoult- Studie handelt und füge daher an: Es wäre extrem unwahrscheinlich, wenn unter 80 besonders schwer an Covid-19 Erkrankten nicht auch einige mit Plaquenil Behandelte den Tod fänden.

Wie handelte ich als Betroffener?

In Deutschland finden derzeit -hoffentlich unter Drostens Aufsicht- gleich mehrere Studien zur Überprüfung des Chloroquine- Einsatzes statt und sind dann in ihrer Aussage hoffentlich unbestritten. Die Bundesregierung hat jedenfalls bei Bayer große Mengen von dessen Chloroquine- Präparat reserviert.

Meine gegenwärtige Einschätzung als Achtzigjähriger mit drei Herzinfarkten: ich ließe mir im Falle einer Corona-Infektion zweifellos Plaquenil in Kombination mit Azithromycin verabreichen. Denn schädlich ist es sicher nicht, und eher scheint es mir trotz der begründeten Kritik an Raoults Studien von einer gewissen Wirksamkeit. Sonst würde es meines Erachtens weder in China noch in Südkorea zur Standard -Behandlung Infizierter empfohlen. Ich halt die dortigen Virologen (ohne darüber Näheres zu wissen) den “unsrigen” primär für ebenbürtig.

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Kommt die Corona -Weltwirtschaftskrise?  

Die Entwicklung in den USA wird über ihre Schwere entscheiden. Das Sparpakt-Fiasko ist nicht gutzumachen, Lohnzurückhaltung rächt sich. Österreich wird mit “Exportkaiser” Deutschland leiden.

So wie die EU im Moment mit COVID-19 umgeht – und das Gros ihrer Experten hält diesen Umgang für unvermeidlich- steuern wir einer weltweiten Rezession entgegen: Nachfrage und Produktion in China werden sich denkbar langsam erholen – in der EU und den USA werden sie einbrechen.

Nur Boris Johnson und Hollands Mark Rutte propagierten einen anderen Umgang mit dem Virus: Sie wollten bloß die Über-Sechzigjährigen kasernieren – der Rest der Bevölkerung sollte wie bisher leben. Ihre Theorie: Die Risikogruppe sei wie überall geschützt, doch die schnellere Durchseuchung der Bevölkerung schaffe schneller Herdenimmunität. Die Virologen, auf die sie sich dabei beriefen, sehen das SARS-CoV-2 Virus wie der Bonner Virologe Hendrik Streeck: Es sei zwar extrem infektiös, aber relativ harmlos. Tatsächlich liegt die Sterblichkeitsrate in Deutschland (Österreich) vorerst im Promillebereich – für Wuhan, wo der extreme Smog allerdings Vorerkrankungen fördert, beziffert sie eine erste Studie freilich mit 1,4 Prozent. Gewiss ist-siehe Italien- dass sie massiv vom Zustand des Gesundheitssystems abhängt.

Johnsons Risiko war daher durch seine eigen Partei maximiert: Extrem neoliberal hat sie das britische Gesundheitssystem derart kaputtgespart, dass schwer vorstellbar war, dass es der auch in seinem Modell unvermeidlich größeren Belastung standhält. So gibt es etwa für 66,4 Millionen Briten nur 5000 Intensivbetten. Eine Studie des Imperial College of London prophezeite daher, dass Johnsons Strategie zu 250.000 Toten führen würde. Tags darauf ruderte er zurück: Auch er ließ Stadien Museen und Schulen schließen und kann sich “jede nötige Maßnahme vorstellen.” Rutte vorerst nicht, doch auch er schloss die Schulen. Stufenweise nähern sich beide der Strategie der EU an – mit Problemen durch die Verspätung: Es wurde kaum Hilfe für Unternehmen vorbereitet und “Neue Selbstständige” erwartet ungebremstes Elend.

Die EU wird eine beispiellose Rezession freilich auch nur vermeiden können, wenn sie ihre Strategie stufenweise der Johnsons annähert: Es muss dringend bald wieder ausreichend produziert und konsumiert werden. Auch wirtschaftliche Not verkürzt Leben erheblich

Ökonomische Unkenntnis rächt sich

Massiv gerächt hat sich angesichts “Corona” der “Sparpakt”: Fast überall hat Sparen des Staates das Gesundheitssystem geschwächt- Italien ist nur das dramatischste Beispiel. Jetzt schwächen die geschwächten Gesundheitssysteme auf maximale Weise die Wirtschaft. Zumindest einen Staatschef hat das wachgerüttelt: “Kostenlose Medizin und Sozialstaat”, erklärte Emmanuel Macron, “sind keine Kosten und Lasten, sondern unverzichtbare Güter. Diese Pandemie hat deutlich gemacht, dass es Leistungen gibt, die außerhalb der Marktgesetze gestellt werden müssen. Wir müssen das Modell hinterfragen, in das sich unsere Welt seit Jahrzehnten verstrickt hat.”

Vielleicht erklärt jemand den Deutschen, dass “Lohnzurückhaltung” die Wirtschaft nicht minder schwächt: Das BIP der EU wäre jetzt viel weniger gefährdet, wenn es weniger von Exporten nach China und in die USA abhinge. Es hat nämlich- ich wiederhole mich leider auch diesbezüglich- einen volkswirtschaftlichen Sinn, wenn das was man produziert von der eigenen Bevölkerung gekauft werden könnte. So hingegen hat “Lohnzurückhaltung” die Kaufkraft voran Deutschlands aber auch Österreichs und unter deutschen Druck fast aller EU-Mitglieder, massiv geschwächt. Mit der Konsequenz, dass voran “Exportweltmeister” Deutschland, aber auch Österreich, überproportional vom Corona-bedingten Rückgang der Exporte nach China und in die USA betroffen sein werden.

Diese durch Lohnzurückhaltung bedingte Schwäche wird sich der massiven durch Covid-19 bedingten addieren. Vielleicht wird das mehr EU-Granden als nur Emmanuel Macron veranlassen, das “Modell” der EU zu hinterfragen – dann hätte das Corona Virus zumindest einen Vorteil.

Christine Lagarde hat zwar sofort beschlossen, dass die EZB diesmal gleich 750 Milliarden Anleihen kauft, um Europas Staaten Geld zuzuführen – aber unverändert auf eine Weise, die schwachen Staaten wie Italien höhere Zinsen belässt. Aber Ursula von der Leyen denkt erstmals über EU- Bonds nach.

Wenn die so geschaffenen Milliarden die Wirtschaft der EU auch nur einigermaßen funktionsfähig erhalten, ist völlig egal, dass dieses Geld “gedruckt” worden ist.

Wie krank werden die USA?

Auch die türkis-grüne Regierung handelt richtig indem sie 38 Milliarden zur Verfügung stellt um Unternehmen ausreichende Liquidität zu sichern. Um Kündigungen zu vermeiden entstand ein durchdachtes Kurzarbeitsmodell. Die fixierte steuerliche Entlastung der Bürger kommt wie gerufen, weil das Virus die Sparneigung beflügeln wird, während die Unternehmen nach Schließungen und Ausgangsperren dringend Einkäufe brauchen werden. (Im Idealfall geben die Österreicher nicht weniger als vor “Corona” aus.)

Wie dramatisch die weltweite Rezession ausfällt, entscheidet sich in den USA: Wie weit ist die enorme Leistungskraft ihrer Industrie, gepaart mit der Machtfülle der Gouverneure und den Möglichkeiten des Kriegsrechts in der Lage Donald Trumps Indolenz aufzuwiegen? Wie weit vermögen punktuelle Beschlüsse das löchrige Gesundheitssystem zu stärken? Zumindest gibt es erstmals gesetzlichen Krankenurlaub und KFZ-Firmen erzeugen Beatmungsgeräte.

Eine kurzfristige Erholung der US-Aktienkurse wird nichts über die wirtschaftliche Lage sagen. Es kann ihr ein noch tieferer Absturz folgen wenn mehr Tests viel mehr Infizierte zeigen.

 

 

 

 

 

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Wirtschaft und Gesundheit sind nicht zu trennen

Anders als hierzulande, wo jede Diskussion der aktuellen Corona- Strategie als “billigende Inkaufnahme zehntausendfachen Todes” gebranntmarkt wird, mit etwa diesen Worten kritisierte mich auch eine Leserin, wird in Deutschland immerhin diskutiert.

So machte der Präsident der deutschen Ärztevereinigung darauf aufmerksam, dass der Umstand, dass Ärzte und Pfleger ohne ausreichende Schutzkleidung rund um die Uhr mit Risikofällen, also jenen Menschen, die die meisten Viren ausscheiden, befasst sind, dazu führen wird, dass immer mehr notwendiges medizinisches Personal durch Erkrankung ausfällt.

Man müsse innerhalb der Risikogruppe zwischen Patienten mit höchstem, mittlerem und geringsten Risiko unterscheiden und diese Kategorien unterschiedlich betreuen. Ich füge an: Man sollte auch zwischen unterschiedlich gefährdeten und gefährdenden Gruppen der Bevölkerung unterscheiden und die ihnen auferlegten Zwangsmaßnahmen darauf abstimmen.

Drei Monate Shutdown – bis zu 20% weniger BIP

Schützenhilfe erhält der Präsident der Ärztekammer vom Präsidenten des deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut, IFO, mit den folgenden Aussagen ( denen ich nochmals anfüge, dass auch wirtschaftlicher Niedergang Leben erheblich verkürzt).

“Schon bei einer Shutdown- Dauer von zwei Monaten reduziert sich die Wachstumsrate des BIP zwischen 7,2 und 11 Prozentpunkten, bei drei Monaten zwischen 10 und 20 Prozentpunkten.”

“Debatten, die in der wirtschaftlichen Einschätzung und der Bekämpfung der Epidemie einen unauflöslichen Zielkonflikt sehen, führen in eine Sackgasse. Es ist dringend notwendig, nach Möglichkeiten zu suchen, die schrittweise Aufhebung oder Lockerung des Shutdown mit effektivem Gesundheitsschutz zu verbinden. Dazu gehört umfangreiches Testen, die flächendeckende Verwendung von Gesichtsmasken sowie Desinfizierungsmaßnahmen im öffentlichen Raum.”

Zu den umfangreichen Tests ist Österreich etwas verspätet übergegangen. Der flächendeckenden Verwendung von Gesichtsmasken stehen die mir rätselhaften Aussagen zuständiger Experten und Politiker gegenüber. Den Umfang der Desinfizierungsmaßnahmen kenne ich nicht, da ich kaserniert bin- im Fernsehen wurden aber keine gezeigt.

Für die Lockerung des Shutdown finden Experten und Regierung hoffentlich den richtigen Zeitpunkt- mir ist bewusst, wie unendlich schwierig das ist. Es zu diskutieren halte ich weiterhin für nötig.

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Corona-Anordnungen die mir rätselhaft sind

Zu Schutzmasken: Drei mal täglich höre ich von irgend einem Corona-Verantwortlichen im Fernsehen, dass einfache Schutzmasken wenig Sinn machen, weil sie nicht davor schützen sich anzustecken, sondern nur davor schützen, dass man jemanden anderen ansteckt, wenn man das Virus in sich trägt. Diese Haltung ist mit rätselhaft denn Österreichs Corona – Strategie besteht ja nicht darin, durch möglichst viele Ansteckungen rasch Herdenimmunität zu erreichen, sondern darin, die Zahl der Ansteckungen nach Kräfte zu verhindern. Und dazu trüge natürlich entscheidend bei, wenn möglichst viele Leute eine Maske trügen um keinen andren anzustecken, falls sie selbst infiziert wären. Auch die Erfahrungen von China, Südkorea oder Japan sprechen dafür, dass es nützlich ist, wenn möglichst viele Leute eine Maske tragen. Auch wenn es noch so komisch aussieht.

Auch ohne frische Luft sterben Menschen

  • Geschlossenen Parks: Selbst wenn einander ein zwei Leute unter Missachtung der Abstandsvorschrift im Schönbrunner Schlosspark anstecken sollten, scheint mir das unerheblich neben dem Erholungswert von Spaziergängen in einem solchen Park. Ich zum Beispiel soll wegen meiner überstandenen Herzoperation unbedingt längere Spaziergänge an der frischen Luft machen. Wenn alle Leute meines Gesundheitszustandes das wegen geschlossener Parks nicht können, könnte die Sterblichkeitsrate eine größere sein, als die, die eine mögliche Infektion zweier die Abstandsvorschrift Negierender nach sich zieht. Wenn schon, dann könnte man anordnen, dass man Parks nur mit Schutzmaske aufsuchen darf. Eine einfache Schutzmaske kann man sich sogar selber nähen.

 Auch wirtschaftlicher Zusammenbruch kostet Leben

  • Zu den gesperrten Grenzen: Ein Reflex, insbesondere aller europäischen Staaten, scheint zu sein, die Grenze möglichst hermetisch zu schließen. Ich glaube nicht, dass die Zahl der Lastwagenchauffeure, die unsere Grenzen passieren, um den notwendigsten Warenverkehr aufrecht zu erhalten, wesentlich dafür sein wird, wie sich das Virus in Österreich beziehungsweise seinen Nachbarländern ausbreitet: Es wird sich da wie dort rasch verbreiten, auch wenn man den einen oder anderen Corona-infizierten Chauffeur an der Grenze abfängt.

Der Wirtschaft würde es aber unglaublich nützen, wenn die Grenzen für Lastwagen so offen blieben, wie das im Schengen -Abkommen vorgesehen war. Generell glaube ich, dass man unterschätzt, was ein Zusammenbruch der Wirtschaft für die Sterblichkeitsrate bedeutete. Die Statistiken, die belegen, dass “Arme” um mehrere Jahre früher sterben, sind besser abgesichert, als die Statistiken zur Corona -Sterblichkeit.

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Volkswirtschaftliche Ahnungslosigkeit rächt sich

Leider kann ich mich im Epizentrum einer weltweiten Krise nicht darüber freuen, in meinen jahrelangen Kommentaren und meinem nirgends rezensierten Buch “Die Zerstörung der EU” rundum Recht behalten zu haben.

Sparen des Staates, wie Angela Merkel und Olav Scholz oder Sebastian Kurz und Gernot Blüml es predigen und der “Sparpakt” es erzwungen hat, hat die Gesundheitssysteme fast aller EU- Staaten in dem Ausmaß geschwächt, das uns die Corona-Krise jetzt vorführt. Diese Schwächung der Gesundheits- und Sozialsysteme überträgt sich jetzt direkt proportional auf die Wirtschaft.

Und die “Lohnzurückhaltung”, die wir mit erfunden haben und die Deutschland allen EU- Mitglieder aufgezwungen hat, führt dazu, dass wir den Rückgang der Exporte in die USA und nach China doppelt schmerzlich spüren werden, weil unsere Kaufkraft massiv zurückgehalten wurde. Gemeinsam mit “Exportkaiser” Deutschland wird Österreich in diesem Zusammenhang überproportional leiden.

 

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Die Corona- Challenge

Zur Spitze der Corona-Risikogruppe zu zählen ist spannend. Bisher hat nur das autoritäre China “Corona” mit Erfolg bewältigt. Das US-Gesundheitssystem könnte der Welt eine neue Krise bescheren.

Bei seinem letzten Wien-Besuch verwahrte sich der Philosoph Karl Popper gegen die Überzeugung eines Grünen, dass der Mensch die Natur vernichte. “Ich stelle jetzt einmal die These auf, dass auch ein Virus die Menschheit vernichten könnte.”

Es ist spannend vierzig Jahre später zu erleben, wie das Corona-Virus unser Dasein zumindest auf den Kopf stellt. Besonders spannend wenn man achtzig ist, drei Herzinfarkte hinter sich hat, und sich von einer Bypass -Operation erholt: Man bekommt nicht aus dem Hinterkopf, dass man zur Spitze der „Risikogruppe“ zählt. Wenn man vorbeugend sofort vor Angst sterben will, hört man auf “Szenarien”: Schon in wenigen Wochen würden uns Intensivbetten fehlen…

Beim Scheiben dieser ersten Zeilen bin ich freilich in Spanien weil ich mich zur Rehabilitation möglichst viel in frischer Luft bewegen soll und dazu Andalusiens Wärme Österreichs Wechselwetter vorziehe. Wider Erwarten lehnt leider auch das Virus Wärme nicht ab: Hier hat es seit Wochen über zwanzig Grad und es hat sich wie in Österreich verbreitet. Mein Risiko, ihm zu begegnen, ist trotzdem gering: außer zum Einkaufen muss nicht einmal meine Frau unter Menschen. Aber sie will ihren Sohn sehen und unser gemeinsamer Sohn hat Premiere im Scala-Theater – also will sie nach Wien. “Sie fliegt, ich bleibe”, hatten wir vorerst entschieden und meine Ärztin hat das gut gefunden.

Doch dann schoss mir- zu recht, wie sich zeigen sollte-in den Kopf, dass die Grenzen geschlossen und alle Flüge eingestellt werden könnten – dann wären wir für Monate getrennt. Also beschlossen wir doch beide zu fliegen – schließlich wollte auch ich zur Premiere unseres Sohnes. Bei der Gepäckkontrolle würde ich eben Abstand zum Vordermann halten. De facto hatte der Flughafen Malaga für Ältere bereits eigene Kontroll-Stationen eingerichtet – nur beim Einsteigen herrschte etwas Gedränge und im Flieger kamen wir prompt hinter zwei Chinesen zu sitzen. “Aber die haben Corona schon hinter sich” habe ich mir gesagt.

Erst ein Arzt-Gespräch in Wien hat mich wieder am Hinterkopf getroffen: ” Eine Theaterpremiere? Mit dem Leben spielt man nicht!”

 Der italienische Risikopatient

Trotzdem sind meine Probleme Luxusprobleme: Ich beziehe eine ausreichend ASVG-Pension, kann mit Falter-Kommentaren am Bildschirm dazuverdienen und auf ein starkes Gesundheitssystem zählen. Seit Jahrzehnten haben wir sogar zu viele Spitalbetten, die in Pflegebetten umzuwandeln die einzige substantielle Einsparung “im System” gewesen wäre. Dass auch Sebastian Kurz sie nicht versuchte, könnte sich jetzt als Glück erweisen: Es wird nicht so teuer sein, Spital- in Intensivbetten umzuwandeln.

Die meisten Italiener haben alle diese Vorteile nicht. Bisher hat mich bekanntlich besorgt, dass deutsches Lohndumping und “Sparpakt” ihre Wirtschaft der Gefahr eines Infarkts aussetzen – jetzt hat das Virus sie verdoppelt. Italien ist zwar zu Recht optimistisch, dass die EU die Corona-Kosten nicht seinem Defizit zurechnen wird –aber meine Hoffnung, dass man begreifen würde, dass Sparen (nicht Sparsamkeit) des Staates grundsätzlich kontraproduktiv ist, war einmal mehr verfehlt. Dabei behaupte das längst nicht nur ich im “linkslinken” Falter, sondern auch der “rechte” Economist schreibt es seit Jahren; der konservative IWF stellte fest, dass Sparen der Sparpakt “mehr Schlechtes als Gutes” bewirke; die wichtigsten US-Ökonomen teilen diese Meinung; Oxford- Ökonomen rechneten das Ausmaß der EU-Verluste vor. Dennoch unterbleibt in der Union auch jetzt jede Diskussion, weil Leute, die davon exakt soviel wie die schwäbische Hausfrau verstehen – von Olav Scholz und Angela Merkel über Gernot Blüml und Sebastian Kurz bis zu Ursula von der Leyen – nicht daran denken, sie zu führen.

Von der Leyen hatte allerdings ein lucides Intervall: Sie schlug vor, dass EU- Staaten „grüne“ Investitionen nicht dem Defizit zuzählen sollten. Das hätte dem Klima und der Wirtschaft gleichermaßen geholfen – aber Sebastian Kurz war der erste, der ihr sofort widersprach.

“Corona” statt “Klimaschutz”

 Am effizientesten würde der Klimawandel bekämpft wenn Erdöl sich extrem verteuerte -der Virus hat es extrem verbilligt. Chinas Wirtschaftswachstum, das die Schwäche des EU-Wachstums bisher gelindert hat, ist so zurückgegangen, dass es viel weniger Öl braucht. Trotzdem hat Russland sich geweigert, die Förderung zurückzufahren, um den Preis zu stabilisieren. Worauf Saudi Arabien, um Russland in die Knie zu zwingen, seine Förderung ausgeweitet und den Preis in den Keller gedrückt hat. Beide fürchten, dass jede Drosselung ihrer Förderung nur dazu führte, dass die USA ihr “Wracking” ausweiten.

So ist Öl wieder weit billiger als jede Alternative.

Nichts, was wirklich wichtig ist, schon gar nicht der Öl-Markt, funktioniert rational.

Extrem spannend wird sein, wie die US-Wirtschaft weiter auf das Virus reagiert. Vorerst schien Donald Trump es so wenig ernst wie den Klimawandel zu nehmen, obwohl er verfügte, dass Europäer nicht mehr einreisen dürfen. Dass die USA unter seiner Führung entschlossener denn je an ihrem löchrigen Gesundheitssystem festhalten, könnte fatal sein: Ich will lieber nicht ausmalen, was das Virus mit der US-Wirtschaft macht, wenn es ein Jahr dauern sollte, es zu besiegen.

Bisher hat nur das autoritäre China bewiesen, dass es mit “Corona” erfolgreich umgehen kann. Unser freiheitliches System ist dringend herausgefordert, es nicht soviel schlechter zu machen.

Bisher führt Österreich vor, dass das geht.

 

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Prophetischer Journalismus

Am 27. November 2018 veröffentlichte Simon Parkin in der spanische Zeitung “El Pais” unter dem Titel “So wird die nächste globale Pandemie verlaufen” einen Text, den er folgendermaßen einleitete:

“Trotz aller Anstrengungen von Regierungen und Organisationen, sich auf das Schlimmste vorzubereiten, ist die Welt nicht auf den weltweiten Schub einer tödlichen ansteckenden Krankheit vorbereitet. Wenn gewettet würde, welches apokalyptische Ereignis die Menschheit am wahrscheinlichsten ausrottet, ist eine Pandemie viel wahrscheinlich als ein Atomkrieg… Im Februar 2017 warnte Bill Gates, dass ein patogener Keim, der sich in der Luft verbreitet, 30 Millionen Menschen töten könnte, wenn man nicht so rasch wie mögliche Maßnahmen ergriffe”.

Der Autor geht davon aus, dass die Pandemie von China ausginge, wo das Virus auf Tiermärkten erstmals entdeckt würde. Obwohl die Regierung drastische Maßnahmen verhängte, “breitete es sich ganz rasch aus und würde schon Tage später in anderen Ländern beobachtet.”

Dann zitiert Parkin die Vision eines US Wissenschaftlers, was zwischen bzw. in den verschiedenen Ländern passiert:

“Es gibt zu wenige Beatmungsgeräte…”

“Die Schließung der Flughäfen erfolgte zu spät, um die Verbreitung der Keime in der ganzen Welt zu unterbinden. Im Internet wird behauptet werden, die Pandemie sei Teil eines unverantwortlichen gentechnischen Experiments in China … die ersten Schulen zu schließen wäre die wichtigste Maßnahme die Seuche einzudämmen…Aber wer betreuet die Kinder. .. und was passiert mit der Wirtschaft, wenn die Eltern nicht mehr arbeiten können?… Versorgungsketten brechen zusammen…Wenn wir verbieten, dass Lastwägen zwischen den Ländern verkehren, wären in Kürze die Regale der Supermärkte leer…Gesundheitssysteme brechen zusammen. Spitäler sind nicht mehr in der Lage, sich adäquat um Patienten zu kümmern. Es gibt zu wenige Beatmungsgeräte… das ethische Problem taucht auf, wem man sie zur Verfügung stellt.”

“Donald Trump verhängt das Kriegsrecht…”

Ein besonderes Problem sieht Parkins Gesprächspartner im Schwinden der nationalen, aber vor allem der internationalen Solidarität:

“Die Pandemie bedroht alle Länder gleichermaßen…da die Mittel beschränkt sind, aktiviert das den Instinkt, sich zuerst um sich selbst zu kümmern. Die Tendenz geht in jedem Land dahin, Nahrungsmittel oder Medikamente zu horten…Donald Trump verhängt das Kriegsrecht und schließt die Grenzen zu Mexico und Canada.”

Erst ganz zum Schluss übt sich der Autor doch in Optimismus: “Bill Gates meint, wir wären einer Pandemie gewachsen, wenn wir unser Geld in deren Abwehr statt in Rüstung investierten.” Freilich sei fraglich, ob das gelinge.

PS: Ich persönlich erinnere mich, wenn von weisen Prophezeiungen die Rede ist, immer einer Auseinandersetzung, die vor 40 Jahren anlässlich eines Vortrages in Wien zwischen dem Philosophen Karl Popper und einem Grünen stattfand, der ihm erklärte, wie gewiss der Mensch die Natur vernichten würde. “Ich stelle jetzt einmal die These auf”, reagierte Popper, “dass auch ein Virus die Menschheit vernichten könnte.”

Simon Parkin in “El Pais”

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Simon Parkin

 

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Johnson rudert zurück – Holland prescht vor

Jetzt werden auch in Großbritannien Großveranstaltungen abgesagt, Schulen und Museen geschlossen, Bildschirmarbeit und zu Hause wird angeraten. Zögernd und verspätet nähern die Briten ihre Maßnahmen denen der EU an, nachdem Boris Johnson ursprünglich – ich habe es ausführlich beschrieben- eine ganz andere Strategie gefahren war: Nur die Über-Sechzigjährigen sollten zu Hause bleiben – der Rest der Bevölkerung sollte wie bisher leben und damit rasche Herdenimmunität erreichen. Dagegen will Niederlands Premier Mark Rutte gegen gleichfalls wachsenden Widerstand bei der ursprünglichen Johnson-Strategie bleiben: Die Jungen sollten durch möglichst rasche Durchseuchung Immunität erlangen.

Wie aussagekräftig ist Italien?

Es waren in beiden Ländern führende Virologen, die Johnson und Rutte zu ihrer Politik geraten haben, obwohl ihnen nicht nur von der Opposition, sondern auch von Teilen der Bevölkerung Widerstand entgegenschlug. Diese Virologen sehen das Virus ähnlich wie der von mir zitierte Bonner Corona-Experte Hendrik Streeck: Es sei zwar extrem infektiös, aber nicht sonderlich gefährlich. Tatsächlich liegen die Sterblichkeitsraten derzeit in Deutschland, Österreich oder der Schweiz bei allerdings strengen Maßnahmen im Promillebereich. Die hohe Rate in Italien erklären diese Virologen damit, dass die Zahl der Infizierten in Wirklichkeit ungleich größer ist und dass das kaputtgesparte italienische Gesundheitssystem durch die bei jeglicher Strategie gesteigerte Belastung mit Covid-19 zusammengebrochen ist. Ein ungenügendes Gesundheitssystem sei immer mit höherer Sterblichkeit belastet. An Wochenenden wird selbst in Österreich mehr gestorben – im zusammenbrechenden italienischen System sterben jetzt Krebskranke, Herzkranke oder schwere Diabetiker durchwegs schneller und werden möglicherweise unter “Corona-Tote” subsumiert.

Die Experten widersprechen einander

Von Anfang an war Johnsons Strategie mit dem Risiko des desolaten Zustands des britischen Gesundheitssystems belastet, das von seiner Partei neoliberal kaputtgespart wurde. So stehen 66,4 Millionen Briten etwa nur 5000 Intensivbetten zur Verfügung. Vor wenigen Tagen sprach eine Studie des Imperial College of London davon, dass die britische Strategie mindestens 240.000 Tote produzieren und die allgemeine Sterblichkeit sehr wohl deutlich steigern würde.

Hinzu werden jedenfalls erhöhte wirtschaftliche Probleme treten: Johnson hat keine Gesetze zur Abstützung strauchelnder Unternehmen vorbereitet und britische Arbeitslose stürzen ins Elend.

Vermutlich war es die Londoner Studie, die Johnson abseits der Proteste der Opposition und der zunehmenden Angst der Bevölkerung zum Zurückrudern bewegte. Entgegen steht der Studie die Aussage Hendrik Streecks, der sagt: “Ich hänge mich zwar aus dem Fenster, aber ich riskiere die Behauptung, dass wir in Deutschland am Ende des Jahres nicht mehr Tote als in vergangenen Jahren haben werden.”

Das Ende besonnener Diskussion

Emotionslose Diskussion über die richtige Strategie ist kaum mehr möglich – ein wenig gleicht sie der Diskussion über Sebastian Kurz` Forderung, aus dem Mittelmeer Gerettete nicht in die EU zu bringen. Der Kurier etwa nannte Ruttes Politik ein “Spiel mit dem Tod” und einer meiner Leser mutete mir eine ähnliche Einstellung zu. Die WHO bestätigt die Strategie der EU und nennt Johnsons wie Ruttes Strategie gefährlich. Unter anderem, weil keineswegs erwiesen sei, dass eine überstandene Covid-19 Erkrankung Immunität beschert.

Unser gerettetes Gesundheitssystem

Ich will hier trotz allem weiterhin versuchen, eine rationale Diskussion zu führen: Zwar neige ich der Ansicht zu, dass Ruttes wie Johnsons Strategie grundsätzlich richtig ist, auch wenn sie ein starkes Gesundheitssystem zur unverzichtbaren Voraussetzung hat und ein solche in Großbritannien offenkundig nicht gegeben ist. Aber ich bin davon alles eher als überzeugt und nehme jedes Gegenargument nicht nur zur Kenntnis, sondern gebe es auch wieder.

So gibt es bisher etwa tatsächlich keine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass eine überstandene Covid-19 Erkrankung Immunität beschert. Aber die Entwicklung der chinesischen Zahlen spricht eher dafür, auch wenn der unbestrittene massive Rückgang der Neuerkrankungen zweifellos auch mit der autoritären chinesischen Kasernierungspolitik zusammen hängt.

Ganz sicher ist für mich eines: Dass die Qualität des Gesundheitssystems für die Anzahl der Toten von entscheidender Bedeutung ist und dass sein durch Jahrzehnte geübtes Kaputtsparen zu einer Katastrophe – wie in Italien- oder zu enormen Risiken – wie in Großbritannien- führen muss.

So danke ich Gott dafür, dass Rudolf Anschober an Stelle von Beate Hartinger- Klein auf absehbare Zeit über unsrer Gesundheitssystem entscheidet.

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Mein Leben in der “Risikogruppe”

Ich zähle mit drei Herzinfarkten zur Spitze der “Risikogruppe”. Das macht das Leben nicht gerade einfacher. Aber Kleinunternehmer, freie Schauspieler oder Sänger sind noch viel schlechter dran

Leben in der “Risikogruppe” erinnert stark an Klosterleben: Trotz aller Demut kommen Spannungen auf. Unsere Kinder, die zu treffen wir aus Spanien nach Wien zurückgekehrt sind, dürfen wir nicht sehen- schon gar nicht die Enkel. Ich habe das notgedrungen innerlich akzeptiert- achtzig Jahre, drei Herzinfarkte und eine eben überstandene Bypass -Operation machen gefügig. Meine Frau hingegen fühlt sich verkannt: In Ziffern ist sie nur zehn Jahre jünger als ich – physisch mehr als zwanzig: Als sie mit vierzig mit mir ein Casino in Las Vegas betreten wollte, wurde sie angehalten, weil der Zutritt erst ab achtzehn gestattet ist – sie musste den Pass vorweisen.

Jetzt sollte sie nicht einmal das Scala-Theater betreten dürfen, um unserem Sohn bei der Premiere von “Casanova kocht” zuzusehen. Denn selbst wenn ihre eigene Erkrankung so glimpflich wie bei einer Fünfzigjährigen verliefe, könnte sie das Virus auf mich übertragen.

Ich komme mir erstmals im Leben sehr, sehr alt vor.

Vom Virus jede Kultur zerstören lassen?

Trotz Corona hatten wir ursprünglich nicht gedacht, die Premiere zu versäumen. Man sitzt in diesem Stück an kleinen Tischen und bekommt auch etwas serviert – an unserem Tisch wären wir mit der Freundin unseres Sohnes allein gesessen. Ich habe also beim Leiter des Theaters Bruno Max, den ich ein wenig kenne und extrem schätze, angerufen, um ihn zu fragen, ob er die Tische in Corona-gerechtem Abstand aufgestellt hätte. Dass sei bei 88 Plätzen unmöglich, hat er wie befürchtet geantwortet, und verstanden, dass ich abgesagt habe. “Aber Ihre Frau kommt doch sicher”, war er so überzeugt wie sie. “Ja”, habe auch ich gemurmelt – aber vorsichtig angedeutet, dass viele Leute doch nicht kommen könnten.

Jeder andere Theaterleiter hätte das von vornherein befürchtet. Aber wenn man wie Bruno Max seit Jahrzehnten in Wien eine Bühne und in Mödling das Stadttheater nicht nur dank Subventionen, sondern auch dank Kartenverkaufs erfolgreich führt, ist man gebürtiger Optimist: “Wenn nur ein paar Prozent der Leute, die nicht mehr ins Burgtheater gehen dürfen, zu uns kommen, sind wir voll- wir können uns doch nicht von einem Virus jede Kultur zerstören lassen.”

Wären wir nicht zum Arzt gegangen…

Meine Frau, die neben ihrem Jura- ein Klavierstudium abgeschlossen hat, sah das ähnlich und ich vorerst auch. Ich hegte daher den Plan, zumindest bis vor die Haustür des Scala-Theaters zu gehen und dort zu beobachten, wie viele Besucher tatsächlich kämen. Wären es wie ich vermutete wenig, so könnten wir uns mit genügend Abstand, an unsren Tisch setzten. “Beim Einkaufen im Merkur bin ich in einer Schlange bis ans Ende des Supermarktes gestanden”, bestärkte mich meine Frau. Doch unsere Ärztin, die wir aufsuchten, um uns Grippe impfen zu lassen, war gnadenlos: “Ins Theater? Mit dem Leben spielt man nicht! ”

“Wären wir nicht zum Arzt gegangen, wären wir wenigstens im Theater gewesen”, sagte meine Frau.

“Wir haben vor ungefähr dreißig Leuten gespielt”, erzählte unser Sohn, “trotzdem war es das einzig Richtige, dass ihr weggeblieben seid. Alles andere wäre verrückt gewesen.” “Ja” murmelte meine Frau, aber es klang nicht restlos überzeugt. Sie fühlt mit Bruno Max als Künstler wie als Unternehmer. Kleine Theater, Galerien, Cafés, Konzertveranstalter, werden wahrscheinlich weit vor Fluglinien Hauptleidtragende der Corona-Krise sein. Es gibt zwar einen Krisenfonds, der auch ihnen bei der Überbrückung von Problemen helfen soll, aber er wird nicht lang reichen halten- “systemrelevant” war Kultur noch nie.

“Bis Sonntag wird Max noch spielen” prophezeite mein Sohn und irrte. Dass in Restaurants am Abend nicht mehr gegessen werden durfte, ließ auch Max das Handtuch werfen: Freitag sahen die letzten vierzig Zuschauer “Casanova kocht”. “Wie auf der Titanic” meinte mein Sohn”.

Doch am 18. April soll Casanova schon wieder kochen. Das nächste Stück, Kleists “Zerbrochener Krug”, wurde parallel verschoben. Max ist entschlossen, auch die Corona Infektions-Kurve zu kratzen.

Ich bin weniger optimistisch: Es schiene mir ein gewaltiger Erfolg, wenn mein Sohn im Anfang Herbst Sommer wieder spielen könnte.

Durch das Virus sofort arbeitslos…

Auch er zählt zu einer Corona-Risikogruppe: Zu denen, die durch das Virus wie Sänger oder Fotografen sofort arbeitslos werden. In der Vergangenheit hatte er für solchen Zeiten, die bei freien Schauspielern nicht selten sind, ein Sicherheitsnetz: Eine geerbte 60 m2-Altbauwohnung, die sich via Airbnb passabel vermieten ließ. Zwar verhindert Wien das demnächst, indem es diese Art des Vermietens auf 90 Tage begrenzt, aber bis Juni war die Wohnung gut gebucht.

Bis vor einer Woche: Seither folgt ein Corona-Storno dem nächsten.

Die befristete Vermietung zum “Richtwert”, die die Alternative wäre, bringt, anders als die einer gleichwertigen Neubauwohnung, bei befristeter Vermietung (um das Eigentum nicht ganz zu verlieren) nur 450 € im Monat – also etwa die Hälfte. Als ich diesen Unterschied in einem Falter-Kommentar “ungerecht” nannte, erntete ich heftigen Widerspruch. “Hausherrn” sind in jedenfalls “Profiteure”.

PS: In diesem Kommentar habe ich, um auch das Problem der “Eintrittsrechte” in bestehende Verträge zu illustrieren, zum berechtigten Ärger des Lesers Walter Rosifka fälschlich geschrieben, dass man für eine 200 Quadratmeter große Wohnung am Graben “nur 800 Euro Miete” zahlen muss, wenn man sie von seiner “Großtante” übernimmt. Korrekt hätte es heißen müssen, dass “der Mietzins nur 720 Euro” beträgt, wenn man sie von der “Großmutter” übernimmt.

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Die übertriebene Corona -Sterblichkeit

Die Corona -Sterblichkeit hat längst nicht das Ausmaß, das Italien suggeriert. Es ist fraglich, ob das Corona-Virus die Sterblichkeit der Bevölkerung in einen Land wie Deutschland überhaupt erhöhen wird.

Das sind die zentralen Aussagen des Virologen Professor Hendrik Streeck, der die Leitung des virologischen Instituts der Universität Bonn von Professor Christian Drosten übernommen hat, nachdem dieser in die Berliner Charité übersiedelt ist, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wenn sie zutreffen, unterstreichen sie meine Meinung, dass die britische Strategie, nur die Über -Sechzigjährigen zu kasernieren und den Rest der Bevölkerung wie bisher weiter leben und arbeiten zu lassen, der fast überall geübten österreichischen Strategie der maximalen Abschottung aller überlegen ist.

Völlig falsche Infektionszahlen-problematische Todeszahlen

Streeck, für den die Gruppe der Corona-Viren innerhalb der Virologie sein Spezialgebiet darstellt, begründet diese These wie folgt: Die Sterblichkeitsrate ergibt sich aus dem Verhältnis der tatsächlich Infizierten zu den Toten. Vor allem diese erste Zahl kennen wir nur sehr ungenau, und sie ist in Italien sicher ungleich höher als wir derzeit täglich den Medien entnehmen. Gleichzeitig ist wahrscheinlich nur ein Teil der jetzt gemeldeten “Corona -Toten” wirklich am SARS-CoV2-Virus verstorben, das Streeck für das relativ harmloseste in der Gruppe der Corona -Viren hält (zu der etwa auch SARS CoV1 zählt, das Europa nicht erreichte.) Derzeit wird nämlich jeder, der höchstwahrscheinlich sowieso an Diabetes mellitus, an einer Erkrankung der Atemwege oder an Krebs gestorben wäre, unter “Corona -Tote” subsumiert, wenn er gleichzeitig das Corona Virus in sich trägt.

Das wiederum ist in Italien schon deswegen besonders häufig, weil die allgemeine Infektionsrate eben sehr hoch ist und das zusammenbrechende Gesundheitssystem es kaum mehr gestattet, Corona Kranke von anderen Kranken erfolgreich zu isolieren.

Die wahre Sterblichkeit könnte im Promille-Bereich liegen

Näher kommen den wirklichen Sterblichkeitsraten die Ziffern Chinas, wo jetzt, da die Epidemie abklingt, 81.038 festgestellte Infizierte 3229 Toten gegenüberstehen. Und am nächsten die aktuellen Raten in Deutschland, der Schweiz oder Österreich, die im Promille -Bereich liegen: So stehen In Deutschland 20 Tote 7.636 Infizierten gegenüber, in der Schweiz 14 Tote 2.200 Infizierten und in Österreich 3 Tote 1.032 Infizierten.

Wobei die drei österreichischen Toten exakt der Streeck-Vermutung entsprechen: Sie litten schon zuvor an Diabetes melliltus, Atemwegserkrankungen und Krebs und ihr “Multiorganversagen” lässt vermuten, da sie ohne Corona vermutlich kaum länger gelebt hätten.

Boris Johnsons Risiko ist die bisherige Politik der Konservativen

Das alles bestärkt mich in der Ansicht, dass es problematisch ist, das gesamte soziale und wirtschaftliche Leben auf Grund dieser zwar hoch infektiösen, relativ harmlosen Krankheit derart einzuschränken und dass die Briten klüger handeln, indem sie nur die strikte Kasernierung der Über-Sechzigjährigen beschlossen bzw. angeordnet haben.

Einen Strich durch seine Rechnung könnte Boris Johnson allerdings die aktuelle Schwäche des britischen Gesundheitssystems machen: Seine Konservativen haben es in den letzten Jahren nach Ansicht vieler Beobachter restlos kaputt gespart. Es könnte also sein, dass es den Anforderungen aus normalen Erkrankungen, sich in der Bevölkerung häufenden keineswegs lebensgefährlichen Corona -Erkrankungen und kaum völlig abwendbaren schweren Corona-Erkrankungen nicht gewachsen ist.

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