Nur wirtschaftlich Ahnungslose konnten glauben, dass Markus Marterbauer mit der von der EU verordneten Politik wirtschaftlich erfolgreich sein kann.
Seit voriger Woche herrscht helle Aufregung über Österreichs höher als angenommenes Budgetdefizit. Statt bei 4,5 liegt es bei 4,9 Prozent und die endgültigen Zahlen könnten noch schlechter ausfallen. „Wie konnte das sein?“ fragt Andras Szigetvari im Standard, setzt sich aber nur mit dem zu späten Erkennen der Überschreitung auseinander: Bundesländer und Gemeinden hätten ihren erhöhten Abgang zu spät erkannt und erst jetzt gemeldet.
Auch „Schuldige“ suchen die Medien. Ich hatte gefürchtet, die Kritik würde voran Finanzminister Markus Marterbauer treffen, so ungerecht das wäre, lässt die EU ihm doch keine Wahl – aber zu meiner Überraschung traf sie voran die Finanzverwaltung, die nicht früher Alarm geschlagen hat. Am Tatbestand des Misslingens der Sanierung ändert das freilich nichts.
Dabei ist die Erklärung dieses Misslingens denkbar einfach: Die Mastrichtkriterien, mit denen die EU alle Staaten zum Sparen zwingt, sind widersinnig; und es ist doppelt widersinnig, Staaten, die sie, wie Österreich, nicht einhalten, zu noch mehr Sparen zu zwingen.
Ich habe vorhergesagt, dass das Sparen des Staates die Rezession vertiefen wird und die Aufregung wird noch größer sein, wenn sich herausstellen wird, dass dem so sein dürfte: Die Auftragseingänge für die Industrie sind heuer jedenfalls um 2,3 Prozent geringer als 2024.
Es frustriert, ausgerechnet den Ökonomen der EU ökonomisch Zwingendes klar machen zu müssen: Jemand muss mehr ausgeben, damit mehr produziert und gekauft wird (die Wirtschaft wächst): Konsumenten sparen lieber; Unternehmen sparen seit über zwei Jahrzehnten auch; das Ausland verschuldet sich weniger als bisher für uns. Aber Europas Staaten, die das, wie die USA, mit ihreb Investitionen ausgleichen müssten, werden durch die Mastrichtkriterien daran gehindert, sich dafür höher zu verschulden. Obwohl die Behauptung Kenneth Rogoffs, auf denen sie beruhen, spätestens seit Japans Staatsschuldenquote von über 200 Prozent falsifiziert ist: Es stimmt in keiner Weise, dass hohe Staatsschulden Wachstum kosten. Bei Nobelpreisträger Joseph Stieglitz ist seit 2016 in Ziffern nachzulesen, dass die EU sich vor Einführung der Mastrichtkriterien wirtschaftlich besser als danach entwickelt hat. Dem Wirtschaftskreislauf durch Sparen ständig Geld zu entziehen, schwächt ihn und kann zum Kollaps führen, weil nicht stimmt, dass mehr Gespartes mehr Investitionen bewirkt.
Marterbauer weiß das meines Erachtens – er hat sich geopfert, um das Schlimmste – extremes Sparen – abzuwenden. Aber die durch jedes staatliche Sparen unvermeidliche Beschädigung der Wirtschaft bringt die schwarz-rot-pinke Regierung in eine teuflische Lage: Das anhaltende Totalversagen der EU wird ihr angelastet werden. Die FPÖ, die alles noch viel schlechter machte, baucht nur abzuwarten.
Derzeit wird gerätselt, was es bedeutet, dass die Regierung ihr Ziel verfehlt – ob sie dann strafweise noch mehr sparen muss? Ich kann das beantworten: Österreich ginge bankrott. Von Deutschland dominiert verhält sich die Kommission wie der Präsident des Fiskalrats Christian Badelt, der, statt das staatliche Sparen grundsätzlich abzulehnen, bedauert, dass man seine Warnungen, das Sparziel zu verfehlen nicht befolgt hat. Die Mehrheit deutscher Ökonomen vermag Staatshaushalte nicht anders als aus der Perspektive der schwäbischen Hausfrau zu sehen, für die Sparen die größte Tugend ist. Verknüpft mit dem deutschen Protestantismus ist das zu einer Ideologie geworden, gegen die rationales Denken keine Chance hat.
Dass es Österreich schlecht geht, hängt natürlich auch direkt mit Deutschland zusammen: Die Hoffnung, dass wir von einem deutschen Aufschwung profitieren könnten, war verfehlt. Auch Deutschlands Rezession vertieft sich, obwohl die EU der Regierung gestattet, im Wege eines Sondervermögens jährlich zusätzlich 100 Milliarden für die Sanierung des kaputtgesparten Heeres und weitere 100 Milliarden für die Sanierung der kaputtgesparten Infrastruktur auszugeben. Nur dass dem ein Sparvolumen von 350 Milliarden auf Seiten von Konsumenten und Unternehmen gegenübersteht, so dass es weitere 150 Milliarden brauchte, das auch nur zu egalisieren.
Früher konnte Deutschland das, indem es mit Waren, die es zu Dumpinglöhnen produzierte, andere Europäer, Russen, Chinesen und voran Amerikaner dazu verführte, sich an seiner Stelle zu verschulden. Seit das in viel geringen Ausmaß gelingt, ist das deutsche Mega-Export-Modell nicht mehr tragfähig.
Auch in Deutschland wird Nebensächliches dafür verantwortlich gemacht: Es fehle an Wettbewerbsfähigkeit, obwohl deutsche Waren noch immer besonders preisgünstig sind – statt zu monieren, dass es der Lohnzurückhaltung wegen ab Kaufkraft fehlt. Oder man beklagt die übergroße Bürokratie, obwohl alle Staaten damit kämpfen. Natürlich funktionierte auch Österreich besser, wenn es den Föderalismus zähmte – vernünftige Sparsamkeit sucht immer nach Gelegenheiten, solche Fehlkonstruktionen zu beseitigen – aber das allenfalls eingesparte Geld wäre an anderer Stelle auszugeben, damit das Gesamtvolumen der Staatsausgaben auf keinen Fall schrumpft. Denn Staatsausgaben, selbst verfehlte, sind immer gleichzeitig Einnahmen der Bürger und der Unternehmen. Auch in Deutschland sucht man zwar zu Recht nach Fehlkonstruktionen, aber sie zu finden ändert nichts am entscheidenden Zusammenhang: Je mehr Geld ein Staat ausgibt, desto besser geht es seinen Bürgern.