Mexikos Angst vor dem Freihandels-Aus

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Die angeblich durch NAFTA ausgebeuteten Mexikaner beten, dass Donald Trump das Abkommen nicht völlig aufkündigt.

Gegner von TTIP und CETA, die versucht haben ihre Gegnerschaft mit Argumenten, nicht nur Emotionen zu untermauern, haben in der Vergangenheit unter anderem immer wieder die Behauptung aufgestellt, dass man doch bloß die Folgen von NAFTA ansehen müsse, um zu erkennen, wie sehr wirtschaftlich unterlegene Länder wie Mexiko unter ihrem Freihandelsabkommen mit den USA leiden.

US-Konzerne haben in Mexiko zigtausende Arbeitsplätze geschaffen, die ohne sie nicht entstanden wären

Derzeit kann man diese Behauptung empirisch überprüfen: Immer wenn Donald Trump wiederholt, dass er NAFTA kündigen wird, sackt der mexikanische Peso in den Keller. Weil das Freihandelsabkommen NAFTA für Mexiko zwar unbestreitbar auch Probleme heraufbeschworen hat, sein Nutzen diese Probleme aber bei weitem überwiegt: US-Konzerne haben in Mexiko zigtausende Arbeitsplätze geschaffen, die ohne sie nicht entstanden wären.

Natürlich sind sie wesentlich schlechter bezahlt als vergleichbare Arbeitsplätze in den USA – die Unternehmen, die ihre Produktion nach Mexiko verlagert haben, sind ja alles eher als Wohltäter – aber sie sind doch wesentlich besser bezahlt als die meisten Arbeitsplätze, die Mexiko aus sich selbst heraus geschaffen hat.

Es sind die Dritte-Welt-Länder, nicht die USA, die vom Freihandel am meisten profitieren

Deshalb jubeln die Mexikaner nicht, weil Trump NAFTA aufkündigen will, wie das nach Ansicht der Freihandelsgegner von ATTAC bis Eva Glawischnig der Fall sein müsste, sondern sie sind im Gegenteil aufs höchste besorgt.

Voran wurden in Mexiko (wie in den EU-Ländern des ehemaligen Ostblocks) Arbeitsplätze der KFZ-Industrie geschaffen: Vor allem Ford, aber auch GM und kaum minder Mercedes, BMW oder VW bauen in Mexiko Autos zusammen und haben das Land zum siebentgrößten Automobil-Produzenten der Welt gemacht. Das wäre ohne ihre „Profitgier“ und die Beweglichkeit des Kapitals nicht möglich gewesen.

Es sind die Dritte-Welt-Länder, nicht die USA, die vom Freihandel am meisten profitieren. Dass die „Konzerne“ die größten Profiteure sind, ändert nichts an diesem Tatbestand.

In den USA sind die in Mexiko geschaffenen KFZ- Arbeitsplätze nämlich zweifelsfrei verloren gegangen und haben den einstigen Gürtel der KFZ-Industrie von Illinois bis West Virginia zum Rost-Gürtel (Rust Belt) verkommen lassen.

Denn der Fehler ist nicht der Freihandel, sondern ist die Unfähigkeit der US-Politik

Dagegen protestierte die dort ansässige weiße Wählerschaft Donald Trumps und glaubt, dass seine Anti-Freihandelspolitik sie ihnen zurückbringen wird.

Das wird sicher nicht passieren: Amerikanische Autos werden nur etwas teurer werden und sich etwas schlechter exportieren lassen.

Denn der Fehler ist nicht der Freihandel, sondern ist die Unfähigkeit der US-Politik das Problem, das sich durch jede Verlagerung von Produktionen ergibt, abzufedern: indem angemessene Steuern auf die gestiegenen Gewinne der in Mexiko bzw. global tätigen Konzerne eingehoben werden. Aus ihnen könnte der Staat Investitionen in die Infrastruktur der USA tätigen, die u.a. zukunftssichere Arbeitsplätze für gekündigte Automobilarbeiter schaffen. (Eisenbahnen z.B., wie sie die USA durchaus brauchen können, werden nicht einmal völlig anders als Autos gefertigt.)

Nicht der internationale Freihandel ist von Übel, sondern die nationale Aufteilung des von ihm geschaffenen Mehrwertes funktioniert nicht.

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1 Kommentar

  1. Bin sicher nicht sattelfest genug in Wirtschaftsfragen, um das Thema ernsthaft besprechen zu können. Herrn Lingens Argumente klingen recht sachlich, pragmatisch werden wir sicher nicht ganz aus dem Netz der internationalen und wirtschaftlichen Finanzen aussteigen können, aber allzu großes Wohlwollen gegenüber dem Kapital kann ich leider auch nicht unterschreiben. Die Janusköpfigkeit des Herrn Trump allerdings ist in sich schon fragwürdig.

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