Grausamkeit kann leider erfolgreich sein

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Selbst dass in nächster Zeit wahrscheinlich mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken kann dazu führen dass dort auf lange Sicht weniger Menschen ertrinken. Es dies nur die grausamste Variante einer kaum vermeidbaren Entwicklung – ihre „Mengele-Variante“

Kein Journalist kann sich ganz von der Prägung lösen, die er durch die Geschichte seiner Familie erfahren hat. Das prägendste Ereignis in meiner Familie waren die Auschwitz-Jahre meiner Mutter. Bald nach ihrer Einlieferung brach dort Flecktyphus aus – eine durch Läuse übertragene Gehirnhautentzündung, an der acht von zehn Hunger-geschwächten Kranken binnen Tagen starben. Die Häftlingsärztinnen berieten daher täglich verzweifelter, was zu tun sei. Die einzige Möglichkeit, die Seuche einzudämmen, so argumentierte meine Mutter – und das wussten wohl auch alle anderen Ärztinnen – sei groß angelegte Desinfektion. Dazu musste man der Lagerleitung freilich melden, dass Flecktyphus ausgebrochen war und sich ausgearbreitet hatte. Das aber würde – so wussten ebenfalls alle- höchstwahrscheinlich dazu führen, dass die SS alle Erkrankten sofort ins Gas schicken würde.

„In manchen Wochen starben mehr Menschen an Fleckfieber als in den Gaskammern“

Obwohl meine Mutter schwerlich der Menschenverachtung geziehen werden kann – sie war nach Auschwitz gekommen, weil sie Juden versteckt hat – plädierte sie für die Meldung: Es bestünde eine vage Chance, dass die SS vor der Ermordung so vieler auch nichtjüdischer Häftlinge vielleicht doch zurückschreckte, und der Großteil der Erkrankten stürbe leider sowieso. Ließe man die Seuche weiter wüten, so sei errechenbar, wann fast keine Frau mehr lebe.

Ihr widersprach eine katholische Chirurgin, die ich nach dem Krieg kennenlernen durfte: Wenn Häftlinge eine Gruppe der ihren bewusst dem Tod auslieferten, sei dies das Ende jener Solidarität, für die sie beide gekämpft hätten.

Mit dieser Ansicht behielt sie in einer Abstimmung die Oberhand.

Das Fleckfieber wütete weiter und in manchen Wochen starben daran mehr Menschen als in den Gaskammern.

Aber zum Glück machte die Seuche auch vor der SS nicht halt. Als der erste SS-Mann starb, ordnete SS-Lagerarzt Josef Mengele Desinfektion an: Er schickte die Belegschaft eines Blocks komplett ins Gas und desinfizierte ihn; dann desinfizierte er die Belegschaft des nächsten Blockes und übersiedelte sie in den desinfizierten. Indem er Block für Block so vorging, besiegte er das Fleckfieber, und man müsste schreiben, dass er so zigtausend Häftlingen das Leben gerettet hat.

Meine Mutter und die Chirurgin, die lebenslang befreundet blieben, sprachen von Mengele nur als dem Teufel. Keine war der Meinung, die andere hätte in der Debatte, in der über „Melden“ oder „Nichtmelden“ entschieden wurde, falsch oder gar unmoralisch -menschenverachtend -argumentiert.

„Nur eine grausame Maßnahme -diktatorisch durchgesetzte Geburtenkontrolle-könnte das Missverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Bevölkerungswachstum beseitigen“

Das habe ich im Hinterkopf während ich die Debatte über die allfällige Sperre der Mittelmeerroute verfolge.

Die politischen Zustände, die dazu Anlass geben, sind einmal mehr aberwitzig: Voran in Nigeria, einem Land von gewaltigem Erdöl-Reichtum, herrscht bitterste Armut. Die Bevölkerung von derzeit 188 Millionen wird sich schon 2030 verdoppelt haben. Im islamischen Norden kämpft die Boko Haram mit permanenten Terror-Attentaten – eben hat sich wieder eines ereignet- für einen Gottesstaat. Alleine aus diesem Grund sind 2 Millionen Nigerianer auf der Flucht. Wenn ich die Zahl derer, die Armut und Chaos für ihr Leben gern in die EU entkämen, auf zehn Millionen schätze, ist das eher konservativ.

Nur eine grausame Maßnahme – diktatorisch durchgesetzte Geburtenkontrolle – könnte das Missverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Bevölkerungswachstum in absehbarer Zeit beseitigen. So wie nach meiner unveränderten Überzeugung leider nur eine grausame Maßnahme – die Schließung der Mittelmeer-Route – das Chaos, ja die bürgerkriegsähnlichen Zustände vermeiden kann, die in der EU unweigerlich ausbrächen, wenn der Flüchtlingsstrom nicht eingedämmt wird.

„Es ist das der Weg, den Josef Mengele gewählt hätte“

Derzeit, so fürchte ich, wird er auf die grausamste Weise verringert: Die Schiffe der größten NGOs stellen ihre Rettungsaktionen ein, weil die libysche Küstenwache sie vertreibt und Libyens schwache Regierung die von ihr beanspruchte kontrollierte Meereszone sogar massiv ausweiten will. Gleichzeitig fühlen sich alle NGOs zu unrecht moralisch attackiert: Natürlich ist es keine „Zusammenarbeit mit Schleppern“ wenn sie Menschen aus deren lecken Booten retten.

Nur dass es dennoch dazu geführt hat, dass sie ihr Ziel, Italien, erreichten.

Das dürfte in Zukunft seltener der Fall sein: Die libysche Küstenwache wird ungleich weniger Personen retten als Frontex und NGOs. Deren Warnung ist voll berechtigt: Es werden mehr Menschen ertrinken.

Dennoch wird sich Erfolg einstellen: Sobald sich via Handy herumgesprochen hat, dass man nicht mehr aus dem Mittelmeer nach Italien gerettet wird, sondern ertrinkt, werden sich weniger Menschen zum Mittelmeer aufmachen. Auf lange Sicht wird das die Zahl der Ertrinkenden reduzieren.

Es ist das in etwa der Weg, den Josef Mengele gewählt hätte.

Ich meine daher unverändert, dass diejenigen am wenigsten menschenverachtend agieren, die fordern, dass die Menschen zwar sehr wohl aus Seenot gerettet aber sofort nach Nigeria zurückgeflogen werden sollen.

Dazu muss es eine Vereinbarung mit Nigeria geben, die sich erkaufen lässt: Etwa indem die EU ein großes Infrastrukturprojekt, an dem der Regierung liegt, auf ihre Kosten durchführt – schließlich zahlt sie auch den Türkei-Deal.

Gleichzeitig muss die von Sebastian Kurz geforderte Möglichkeit der legalen Einwanderung vom bloßen Gerede zum realen Projekt werden.

Dann kann die Drohung, dass niemand aus der Familie eines illegal Geflohenen in den Genuss legaler Einwanderung kommen kann-also grausame „Sippenhaftung“- ein Übriges dazu tun, dass weniger Nigerianer diesen Weg beschreiten.

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1 Kommentar

  1. Ihrem Satz: „Ich meine daher unverändert, dass diejenigen am wenigsten menschenverachtend agieren, die fordern, dass die Menschen zwar sehr wohl aus Seenot gerettet aber sofort nach Nigeria zurückgeflogen werden sollen“ kann ich nur vollinhaltlich zustimmen. Im Grunde genommen meinte das ja auch Außenminister Kurz und wurde deshalb vom Bundeskanzler Kern als „Vollholler“ beschimpft. Grotesk war es dann nur, als der französische Präsident eine ähnliche Lösung wie von Kurz vorgeschlagen forderte. Ob Kern den französischen Präsidenten in Salzburg mit „Bonjour Monsieur Vollholler“ begrüßte ist leider nicht bekannt.

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