Wie gerecht ist geltendes Völkerrecht?

Trumps Venezuela-Aktion war völkerrechtswidrig. Aber Maduros Nachfolgerin öffnet die Gefängnisse und US-Investitionen bringen Jobs. Braucht das Völkerrecht eine Reform?

Als Deutschlands Kanzler Friedrich Merz nach der Kommandoaktion, mit der Donald Trump Nicolás Maduro in die USA entführte, gefragte wurde, wie er sie rechtlich einordne, nannte er dieses Thema „komplex“ und fügte an: „Maduro hat sein Land ins Verderben geführt. Die letzte Wahl wurde gefälscht…“. Meine rechtliche Zuordnung ist eindeutig: Trumps Aktion verstieß zweifelsfrei gegen geltendes Völkerreicht – aber sie war ein Segen für Venezuela. So sehe das nicht nur ich, sondern so sieht es wie Friedensnobelpreisträgerin Maria Machado die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Gleichzeitig hat die Aktion mit 80 Toten (laut Venezuelas Behörden) einen relativ geringen Blutzoll gefordert und, anders als der US-Einsatz gegen Saddam Hussein, auch kein Chaos hinterlassen. Wie abgesprochen hat Maduros Stellvertreterin Delcy Rodriguez die Macht übernommen und mittlerweile eine umjubelte Generalamnestie angekündigt, die Machado einer Forderung der USA zuschreibt. Dass Rodriguez auch Trumps Forderung nach Lizenzen für US-Ölkonzerne nachkommt, schadet zwar der Optik, dürfte Venezuela aber dringend nötige Investitionen und vor allem Jobs bescheren. Ich halte es daher wie Merz für „komplex“, Trump wegen der Entführung Maduros eines groben Verstoßes gegen das Völkerrecht zu beschuldigen. (Viel mehr Kritik verdient meines Erachtens, dass er mögliche Drogen-Boote bombardieren ließ und dabei mindestens 120 Menschen umbrachte – es ist das ein klares Kriegsverbrechen.)

Der hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte Volker Türk, sieht die Entführung in einem „Kommentar der anderen“ für Der Standard völlig anders:Die Militäroperation der USA in Venezuela untergräbt einen Grundsatz des Völkerrechts, der nach den Schrecken zweier Weltkriege und des Holocaust vereinbart wurde. (Sie) verstößt gegen die Souveränität Venezuelas und die Charta der Vereinten Nationen. (Sie) schadet der Architektur der internationalen Sicherheit (und) sendet das Signal aus, dass die Mächtigen tun können, was sie wollen.“ Zu Recht weist Türk auch darauf hin, dass sein Büro keineswegs blind gegenüber den von Maduro begangenen Menschrechtsverletzungen gewesen sei, sondern sie ständig angeprangert hätte: „Es ist Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, (dagegen) die ihr zur Verfügung stehenden rechtmäßigen Instrumente… einzusetzen. Dazu können diplomatischer Druck und Investitionen in die Rechenschaftspflicht gehören. Diese Instrumente… wurden jedoch nicht wirksam eingesetzt…“.

Türk übersieht, dass „diplomatischer Druck“ bisher nur in einem einzigen Fall – Südafrika – „wirksam“ war. Im Iran verändert er seit 50 Jahren nichts, in China seit 70 Jahren. Trumps Kommandoaktion war seit Südafrika das erste und einzige Instrument, das Wirkung gezeitigt hat. Und das- ich wiederhole mich- mit wenig Blutzoll und ohne Chaos. Das ändert nichts an der Unzulässigkeit nach geltendem Völkerrecht, denn Venezuela hat die USA nicht angegriffen, so dass Maduros Entführung Teil des Rechts auf Gegenwehr gewesen wäre. Die einzige völkerrechtlich korrekte Möglichkeit hätte darin bestanden, dass die USA die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates erhalten – nur dass Russland die mit absoluter Sicherheit durch sein Veto blockiert hätte. Die Vereinten Nationen sind leider in keiner Weise geeignet, über die Berechtigung einer Aktion zu entscheiden. Trumps Aussage, dass ihm das Völkerrecht völlig egal ist und nur seine persönlichen Moralvorstellungen seinem Handeln Grenzen setzten, ist zweifellos noch schlimmer. Aber zumindest theoretisch sollte man das Völkerrecht meines Erachtens gerechter gestalten. Dass Türk  zu Beginn seines Kommentars darauf hinweist, dass es auf Grund des Weltkriegs und des Holocaust geschaffen wurde, gibt mir die Möglichkeit, ihm die Problematik des geltenden Völkerrechts exemplarisch vor Augen zu führen: Wenn Theodor Roosevelt im November 1941 in einer Militäraktion Hitler, Göring und Goebbels eliminiert hätte, weil nachdem ihm – was in der Realität nicht der Fall war, aber durchaus möglich gewesen wäre – die Massenerschießungen von Juden an der Ostfront bekannt wurden, hätte auch er gegen heute geltendes Völkerrecht verstoßen, denn Deutschland hat den USA erst im Dezember 1941 den Krieg erklärt und sie zur Gegenwehr berechtigt. Dabei hätte eine solche Militäraktion vermutlich den Holocaust gestoppt und zig Millionen Kriegstote erspart, denn viele deutsche Generäle wollten keinen Weltkrieg und ein Teil lehnte auch die Massenerschießungen an der Ostfront ab.

Mein Hinweis ist keineswegs blanke Theorie. Die Führung des Iran hält sich derzeit nur mittels Massenerschießungen an der Macht. Ein Luftschlag der USA, der Irans Raketenbasen und das Hauptquartier der Revolutionsgarden zerstörte, tötete vermutlich weniger Menschen als die Revolutionsgarden getötet haben. Und wieder wäre die Zustimmung des Sicherheitsrats zum Eingreifen der USA wegen des sicheren Vetos Russlands und Chinas ausgeschlossen. Es diente daher meines Erachtens der Gerechtigkeit, eine Bestimmung etwa folgenden Wortlauts zu schaffen: „Eine befristete militärische Intervention in einem fremden Land ist dann mit dem Völkerrecht vereinbar, wenn sie dazu dient oder jedenfalls geeignet ist, schwerste dort stattfindende Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden und wenn Blutzoll und Risiken der Intervention, gemessen an diesen Menschenrechtsverletzungen, ersichtlich geringer sind.“

 

 

 

 

Weiterlesen

Trump war so wahrscheinlich wie Hitler

Der Erfolg des Narzissten und Psychopathen Donald Trump hat einiges mit dem Erfolg Adolf Hitlers gemein.Die wenigsten Menschen sind immun gegen Faschismus.

Weil ich die USA gut kenne, werde ich oft gefragt, wie ich mir erkläre, dass der groteske Narzisst Donald Trump trotz offen faschistoider Ambitionen wieder Präsident werden konnte. Dann erinnere ich daran, dass der psychisch ähnlich abnorme Adolf Hitler die Mehrheit der Deutschen und Österreicher hinter sich vereinte, indem er ihnen (sogarschriftlich) Faschismus versprach. Die wenigsten Menschen sind immun gegen Faschismus.

  Wirtschaftlicher Abstieg begünstigt ihn: Hitlers Aufstieg wurde durch die hohe Arbeitslosigkeit begünstigt – Trumpbegünstigt das Ende des „amerikanischen Traums“: Zu viele Amerikaner sind nicht mehr sicher, es mit Fleiß zumindest zu einem Haus mit Garten zu bringen. Es gibt immer mehr auch weiße Männer, die die Soziologin Arlie Hochschild „Fremde im eigenen Land“ nennt: Sie wissen vom amerikanischen Traum und suchen Schuldige dafür, dass er sich für sie nicht verwirklicht: illegale Einwanderer; gesetzlich bevorzugte Schwarze; abgehobene Eliten. Nur Trump sehen sie auf ihrer Seite.

1984 lud mich das State Departement für zwei Monate in die USA ein und vermittelte alle von mir erbetenen Gesprächspartner: Gewerkschafter, Bürgerrechtler, Journalisten. Ich hörte Vorträge in West Point und diversen Universitäten und war Gast der Washington Post. Es gab keineVerpflichtung darüber zu schreiben, aber der Mann, der die Einladung aussprach, war überzeugt, dass ich die USAschätzen lernen würde. Und so war es: Die Washington Post etwa, führte mir das Ausmaß journalistische Unabhängigkeit vor Augen: Es war für die Redaktion selbstverständlich, Republikaner und Demokraten gleichermaßen zu kritisieren. Dass ihr der aktuelle Eigentümer Jeff Bezos eine Wahlempfehlung für Kamala Harris untersagte, illustriert die Gegenwart: Jeff Bezos und Co. sind für Trump, was Gustav Krupp und Co. für Hitler waren: die Unterstützung der Großindustrie. Und wenn die inseriert, dann bei X und Fox News.

So wie dem Umgang des NS-Staates mit Juden galt mein besonderes Interesse dem Umgang der USA mit „Schwarzen“.in Alabama erlebte ich, wie die Universität einen schwarzen Studenten mit dürftigem College- Abschuss aufnahm, um jenem historischen Urteil des Supreme Court nachzukommen, das da sagt: Weil Schwarze und Frauen durch Jahrhunderte benachteiligt wurden, ist es nötig und berechtigt, sie jetzt zu bevorzugen. Universitäten müssen sie deshalb auch mit schlechteren Abschlussnoten aufnehmen; Unternehmen, die Staatsaufträge erhalten, müssen zu jedem Weißen einen“Schwarzen“ zum Facharbeiter ausbilden, obwohl „Schwarze“nur 13 Prozent der Bevölkerung sind; viele Unternehmen handelten freiwillig ähnlich. So sehr ich das Urteil des Supreme Court bewundert habe, war ich nicht blind für manche Konsequenzen: So wollten niemand von schwarzen Ärztinnen behandelt werden, weil man sie für minder qualifiziert hielt. In einer regionalen Zeitung warf der weiße Chef des Ressorts „Haus und Garten“ alle Texte der farbigenMitarbeiterinnen in den Papierkorb – als ich das nicht verstand, gab er mir einen davon zu lesen: er war absolut unbrauchbar. Es gab nicht nur die kleine Zahl verärgerter weißer Journalisten, die die Rubrik „Haus und Garten“ mit ihren Texten füllen mussten, sondern eine gewaltige Zahl verärgerter weißer Arbeiter, die nicht Facharbeiter wurden.Als ich, heimgekehrt, den eingeschlagenen Weg zur Gleichberechtigung „ein wenig naiv“ nannte, gab mir mein Gastgeber eine Antwort: „Glauben Sie nicht, dass alle wirklich großen Fortschritte immer nur ein wenig naiv erreichtwurden.“ Tatsächlich gibt es heute dank des Urteils des Supreme Court Farbige in allen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Führungspositionen der USA und konnte Barack Obama Präsident werden. Die Präsidentschaft Trumpsist der bedauerliche Backlash zu dieser Entwicklung.

Dass republikanische Gouverneure die Entscheidung des Supreme Court jetzt zurückzunehmen versuchen, ist nicht ausschließlich reaktionär: Ein weiser Supreme Court hätte irgendwann selbst geprüft, wie weit die Bevorzugung von Schwarzen und Frauen noch nötig ist. Aber der aktuelle Supreme Court hätte diese Bevorzugung nicht nur niegefordert, sondern wäre auch nicht fähig, sie unparteiisch zu überprüfen. Die Justiz ist heute die Achillesferse der USA. Nur wenn die Trumps Dekrete für ungültig erklärt, sind faschistoide USA vielleicht zu vermeiden.

Größter Fehler meiner US- Besuche war, mich auf Städte zu konzentrieren: Nur in Alabama bekam ich mit, wie die Landbevölkerung denkt: Eine Frau konnte dort 1984 ohne Ehemann kein Lokal aufsuchen, Schwarze und Weiße speisten de facto weiter getrennt. Und nur in Alabama verspürte ich damals schon den Geist der „Tea-Party“, die die republikanische Partei heute so derart beherrscht, dass keine ihrer Präsidentschaftskandidaten zu bestreiten wagte, dassGott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat – Präsident wurde mit Trump charakteristischer Weise ein Mann, derFrauen zwischen die Beine greift. Die Religiosität so vielerAmerikaner, von der man meint, sie sei eine Barriere gegen Unrecht, ist, wie 1934 in Österreich, das Gegenteil: Religion und Faschismus ergänzen einander. Den Rest des Phänomens Trump betrachte ich aus dem Blickwinkel der Verhaltensforschung: So wie Tiere mit VorliebeFührungstieren folgen, folgen Menschen mit Vorliebe „starkenFührern“ – auch wenn das historisch meist katastrophal geendet hat.

Weiterlesen

Deutschland senkt wieder Löhne – arme EU

Deutschland greift auf Rezepte Gerhard Schröders zurück: niedrigere Löhne sollen wettbewerbsfähiger machen. Doch sie kosten Wachstum: die Deutschen werden mit uns leiden.

Angesichts der anhaltenden Rezession fordert CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann für Deutschland eine Agenda 2030 im Stile des früheren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hat bereits auf dessen Erfolg verwiesen. Der Präsident des angesehenen Kieler Wirtschaftsforschungsinstituts, Alexander Schularik (CDU) weist den Weg: Es gelte auch ohne Lohnausgleich mehr zu arbeiten. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) weiß, wie man das erreicht: der Kündigungsschutz sei zu lockern. Kanzler Friedrich Merz begründet es wie Schröder: Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden.

Dabei hat es den größten Leistungsbilanzüberschuss des Erdballs. (Nur gegenüber China gibt es ein ernsthaftes Defizit, nachdem der deutsche Auto-Export dorthin einbrach. Nur lag das nicht an Deutschlands Löhnen, sondern der verschlafenen Elektromobilität.)

Trotzdem geht die SPD-CDU-Regierung derart energisch daran, Deutschlands Löhne wieder zu senken. Die große Chemiegewerkschaft geht bereits ohne konkrete Forderung in die Tarifverhandlung: Sie will nicht mehr Geld, sondern Beschäftigungssicherung. Die Arbeitgeber bieten eine Null-Lohnrunde an, und die Gewerkschaft wird mit 1,5 Prozent zufrieden sein.

Die historische Agenda 2030 wurde durch das gleiche Verhalten der Gewerkschaft möglich: Von der SPD dominiert, kam sie bekanntlich der Forderung von SPD-Kanzler Schröder nach Wettbewerbserhöhung nach und akzeptierte sein Rezept, die Löhne niedrig zu halten: „Hartz IV“ reduzierte die Unterstützung jedes Arbeitslosen, der nicht sofort einen neuen Job antritt, derart, dass er lieber einen schlechter bezahlten annahm. Heraus kam Deutschlands von mir strapazierte „Lohnzurückhaltung“: Die Löhne stiegen nicht mehr, wie von den Gewerkschaften fast überall weitgehend durchgesetzt, gemäß der „Goldenen Lohnregel“ (Lohnerhöhung = Produktivitätssteigerung + vergangene Inflation), sondern in Deutschland deutlich weniger.

Deutschland fuhr damit damals tatsächlich gut: Da es seine Waren zu Lasten der Gehälter um bald 20 Prozent günstiger erzeugte, nahm es so gut wie allen Ländern Marktanteile weg und erzielte so Rekordüberschüsse. Freilich zwingend zum Nachteil der vielen Länder, denen es die Arbeitslosigkeit und die Defizite bescherte, die es damit selbst vermied.

Das wird jetzt von Neuem passieren und ich halte es für eine existentielle Gefahr:

1) Deutschland war und ist nicht nur die größte, sondern auch eine der produktivsten Volkswirtschaften der EU, kann sich also die höchsten Löhne leisten, ohne dass seine Lohnstückkosten nicht mehr konkurrenzfähig wären. Wenn ausgerechnet Deutschland seine Löhne neuerlich nach unten korrigiert, muss das Lohnniveau auch in allen anderen EU-Ländern neuerlich sinken, denn sie können unmöglich höhere Lohnstückkosten als ihr meist größter Handelspartner und immer größter Konkurrent haben. Das schon seit 2000 sinkende Lohnniveau – selbst in Österreich und Deutschland erlitten die untersten 15 Prozent der Bevölkerung Reallohnverluste und wuchs die Zahl der Armutsgefährdeten – muss noch mehr Angst und Wut erzeugen: FPÖ oder AfD werden so noch mehr wachsen.

Frankreichs oder Italiens Krisen haben zwar viele Ursachen, aber die zentrale ist unverändert, dass ihnen Deutschland besonders massiv Marktanteile weggenommen und Arbeitslosigkeit beschert hat. Italien hat schon eine faschistoide Regierung, Frankreich wird sie demnächst haben.

  • Das Absenken des Lohnniveaus geht zwingend mit sinkender Kaufkraft einher.
  • Die von der Kaufkraft abhängige „Nachfrage“ ist aber entscheidend dafür, dass mehr Güter und Dienstleistungen gekauft werden.
  • Das Wirtschaftswachstum bleibt daher bei niedrigen Löhnen niedrig, so dass die EU immer weiter hinter USA und China zurückfällt.

2) Weil die Nachfrage in der EU so dürftig ist, muss sie so sehr exportieren und hatte vor Trumps Zöllen gegenüber den USA einen Leistungsbilanzüberschuss von 200 Milliarden Dollar, von dem Deutschland 80 Milliarden unmittelbar verantwortete. Deshalb hat schon Barack Obama Zölle angedacht, hat Joe Biden US-Waren gegenüber EU-Waren steuerlich begünstigt und hat Donald Trump tatsächlich (auf ungeschickte, auch selbstbeschädigende Weise) denkbar schmerzhafte Zölle verhängt, die Deutschlands Überschuss auf 45 Milliarden Dollar sinken ließen. Es kann noch schlimmer kommen. Von den USA und kranken, sparenden EU-Staaten wird Deutschland diesmal kaum Aufträge bekommen.

  • Weil die EU-Industrie so sehr vom Absatz außerhalb der EU abhängt, will sie Mercosur. Das ist für sich nicht schlecht – nur sollte sie dazu nicht gezwungen sein.
  • Das ist sie aber, weil die Kaufkraft ihrer Bevölkerung so viel weniger als die der USA ausreicht, die Mehrheit der von ihr erzeugten Waren selbst zu kaufen.

3) Die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre begann damit, dass in ganz Europa und den USA die Löhne verfielen; erst danach kamen Bankenpleiten. Die durch die Löhne bewirkte „Nachfrage“ ist für eine funktionierende Wirtschaft nämlich nötiger als das Angebot – wo nichts nachgefragt würde, brauchte nichts angeboten (produziert) zu werden. John M. Keynes hat daher gefordert, dass der Staat Nachfrage und Beschäftigung aktiv erzeugen muss, wenn die Wirtschaft schwächelt. Und das wird sie in der EU mit neuerlicher Lohnzurückhaltung und Austerity-Pakt noch mehr als schon bisher.

Deshalb schreibe ich wieder und wieder dagegen an.

 

Weiterlesen

Trump und Deutschland erzwingen Mercosur

Die Zollbarrieren der USA und die dank Deutschland geringe Kaufkraft der Europäer zwingen dazu, immer mehr Produkte in fernen Märkten abzusetzen. Zu Lasten des Klimas.

Nach 25 Jahren Verhandlungen steht das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Bolivien) vor dem Abschluss, weil Europas Industrie nach der Zoll-Barriere, mit der Donald Trump ihre Exporte in die USA erschwert, neue Absatzmärkte braucht. Die qualifizierte Mehrheit im EU-Rat kam bekanntlich am 9. Jänner zustande, nachdem Italien ins Lager der zustimmenden Staaten gewechselt ist, das, von Deutschland angeführt, trotz eines starken Agrarsektors auch das bevölkerungsreiche Spanien umfasst. Die agrarisch stärksten EU-Länder Frankreich und Polen sind, bisher vergeblich, bei ihrer Ablehnung von Mercosur geblieben, auch wenn es noch die Hürde des EU-Parlament noch nicht genommen hat.

Dass die Abstimmung zwar nicht völlig, aber doch in hohem Ausmaß mit der Stärke des Agrar- Sektors korreliert, verwundert wenig, machen die wichtigsten Exportprodukte Südamerikas Soja und Fleisch doch vergleichbaren Produkten aus Polen oder Frankreich Konkurrenz, während Deutschland, Skandinavien oder Holland, wo man Geld fast nur mit Technologie verdient, diese Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen. Auch in Österreich macht man weit mehr Geld mit Technologie als mit Agrarprodukten, aber die Bauern haben traditionell überdimensionalen politischen Einfluss und dass „ausländisches“ Fleisch, wie schon das „Chlorhuhn“, noch dazu gesundheitsschädlich sei, lassen sich Österreicher leichter als andere einreden.

Rein wirtschaftlich bevorzugt „Freihandel“ immer die Technologie-starken Länder. Es war kein Zufall, dass der Brite David Ricardo (1772-1823) den Freihandel ökonomisch begründet hat: Wenn Portugal dank seines Klimas den besten Wein und England dank seiner Manufakturen das beste Tuch produziere, dann sei es verfehlt, den gegenseitigen Austausch durch Zölle zu behindern. Weil die Produktivität in der Technik freilich viel stärker als in der Landwirtschaft zugenommen hat, boten technisch gefertigte Produkte, wie die Briten sie schon damals weit vor den Portugiesen herstellten, stets die höheren Gewinnmargen. Das technologiestarke Europa, zu dem Österreich weit vorne zählt, wird von Mercosur also jedenfalls mehr als das agrarstarke Südamerika profitieren.

Auch das wichtigste aktuelle Argument, mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman für „Freihandel“ plädiert, begünstigt Technologie-Exporte: Nur Freihandel, so argumentiert er, ermöglicht die großen Serien, die am meisten zur Verbilligung technischer Produkte beitragen. Allerdings hat ein anderer Nobelpreisträger, der Schwede Bertil Ohlin schon 1931 darauf hingewiesen, dass „Freihandel“ zwangsläufig mit Nachteilen für die Bevölkerungsgruppe verbunden ist, die Produkte herstellt, die durch Zoll-freie Importe verbilligt werden. Österreichs Bauern leiden ebenso zwingend durch den Import südamerikanischen Fleischs, wie Südamerikas Industriearbeiter unter der Konkurrenz preisgünstiger Industrieprodukte aus Europa.

Auf beiden Seiten kann man diesen zwingenden Nachteil allerdings wettmachen, indem man die Betroffenen wirtschaftlich entsprechend unterstützt, was in der EU einmal mehr viel leichter als in Südamerika ist: Die EU-Agrarwirtschaft ist seit jeher eine stark regulierte, die die Bauern unterstützt – man muss diese Unterstützung nur entsprechend erhöhen. Gleichzeitig verbilligt Mercosur zum beiderseitigen Vorteil bei uns Fleisch und in Südamerika Autos. Diese Vorteile jedes Freihandels sind unbestreitbar.

Freilich auch gewisse Nachteile: Auch für Europa war es während der Pandemie nachteilig, dass manche medizinische Produkte nur mehr in China und Indien hergestellt wurden. Mercosur darf sicher nicht dazu führen, dass Europa seine Nahrungsmittelproduktion so sehr reduziert, dass es sie in kritischen Zeiten nicht wieder ausreichend hochfahren kann – nur ist das konkret nicht entfernt der Fall.

Auch die von Greenpeace gegen Mercosur vorgebrachten Einwände scheinen mir dürftig: Die Sorge, dass mehr Fleischexporte zu noch mehr Rodung des Regenwaldes führten, wird dadurch stark relativiert, dass Fleisch voran aus Argentinien kommt. Dass dieses Fleisch durch Pestizide und Hormone mehr als unseres belastet wäre, stimmt schon für Argentiniens aktuelle Exporte nicht. Die Sorge, dass mehr PKWs in Südamerika den Klimawandel befördern, nimmt sich seltsam aus, wenn man bedenkt, dass man dort mit Rapsöl schon jetzt „grüner“ als in der EU, wenn auch zu Gunsten einer Monokultur, fährt. Mein gravierendster Einwand gegen weltweiten Freihandel hängt dennoch sehr wohl mit dem Klimawandel zusammen: Weltweiter Freihandel erfolgt voran mittels riesiger Containerschiffe, deren gewaltige Motoren besonders viel klimaschädliches Schweröl verbrennen.

In Summe scheint es mir sehr schwierig, Vor- und Nachteile des Freihandels gegeneinander abzuwägen. Aber im Gegensatz zu den USA ist die EU zu dieser Abwägung gar nicht in der Lage: rund 50 Prozent ihres BIP hängen vom Außenhandel und damit stark vom Freihandel ab, während es bei den USA nur 10 Prozent sind. Denn anders als in der EU, die dem Lohndruck Deutschlands ausgeliefert ist, werden Arbeitnehmer in den USA so gut bezahlt, dass ihre Kaufkraft ungleich eher als in der EU dazu ausreicht, die eigene Produktion aufzukaufen. Europa, so wie es derzeit wirtschaftlich organisiert ist, muss Mercosur haben, um nach den Zollbarrieren der USA eine Krise zu vermeiden.

 

 

Weiterlesen

Trumps Öl-Hunger erlaubt kein Klimaziel

Die USA werden in Venezuela wieder Öl fördern. Dabei ist schon das heute weltweit geförderte und verbrannte Öl unvereinbar mit dem Pariser Klimaziel. Was verbleibt der EU?

Donald Trump droht Venezuela, Grönland, Panama, Kolumbien, Kuba und dem Iran auch militärisch. In manchen dieser Staaten, voran Kuba, Iran und Venezuela, sieht die Opposition das als Chance. Nur dass es Trump nur am Rand um die Destabilisierung von Diktaturen geht: niemand zweifelt, dass es ihm voran  um Venezuelas weltgrößte Ölreserven geht.

Unter allen negativen Folgen seiner Politik ist ihr Nachteil für den Kampf gegen den Klimawandel am gravierendsten. Denn schon jetzt werden weit mehr fossile Brennstoffe gefördert = verbrannt, als mit vorsichtigsten Klimazielen vereinbar ist. Die Chance, dass Solarenergie rasch genug billiger als fossile Energie ist und der Klimawandel so gebremst wird, verringert sich mit der Erschließung der venezolanischen Öl-Reserven ein großes Stück weiter.

Der verstorbene Präsident Venezuelas Hugo Chavez hat die von US-Konzernen finanzierte Ölindustrie seines Landes bekanntlich verstaatlicht – sie den USA also tatsächlich weggenommen. Während er sie aber zumindest so weit in Gang hielt, dass er ihre deutlich schmäleren Gewinne breiter verteilen konnte, ruinierte sie sein nur mehr autoritärer Nachfolger Nicolás Maduro in kaum vorstellbarem Ausmaß: Statt dreieinhalb Millionen Barrel pro Tag, förderte sie nur mehr ein paar hunderttausend. Im gleichen Ausmaß verarmte die Bevölkerung und wurde der Klimawandel ungewollt gebremst.

Dass Trumps militärischer Coup nur zur Verhaftung Maduros und seiner Frau wegen angeblichen (durchaus wahrscheinlichen) Drogenhandels führte, nicht aber dazu, dass er durch einen Demokraten oder eine Demokratin, etwa Friedensnobelpreisträgerin Marina Corina Machado ersetzt wurde, um demokratische Wahlen vorzubereiten, kann Trump vor Demokraten damit verteidigen, dass den USA zu Recht vorgeworfen wurde, dass sie den Irak gefährlich destabilisierten, indem sie nach dem Sieg über Saddam Hussein auch seine Generäle, hohen Beamten und bekannten Politiker ausgewechselt haben. Indem Trump Maduros Stellvertreterin Delcy Rodríguez als Übergangspräsidentin im Amt beließ, ersparte er sich seine Militäraktion auszuweiten, denn Venezuelas Militär, das schon hinter Maduro gestanden war, steht auch hinter ihr. Gleichzeitig schuf er beste Voraussetzungen dafür, Venezuelas Öl wieder ganz in die Hand der USA zu bringen: Rodríguez erklärte sich zu Verhandlungen bereit, die zweifellos mit der Rückkehr der größten US-Öl-Konzerne nach Venezuela enden. Für die Bevölkerung wird das anfangs nicht einmal so schlecht sein, denn laut Experten der Firma „Rystad Energy“ braucht es mehr als 185 Milliarden Dollar und rund sechzehn Jahre, um Venezuelas total verrottete Bohranlagen wieder in Gang zu setzen.

Im Moment fördert nur Chevron dank einer Ausnahmegenehmigung geringe Mengen des venezolanischen Öls, aber Exxon hat schon sein Interesse angemeldet und in Texas befinden sich Anlagen, die das sehr dickflüssige Öl Venezuelas besonders gut verarbeiten können und in den Startlöchern scharren. Damit wird die Verbilligung des Öls zwar noch nicht in den nächsten Jahren, wohl aber in einem Jahrzehnt eine erhebliche sein und dann ständig fortschreiten.

Umweltorganisationen sind natürlich entsetzt, auch wenn das derzeit im Orinoco-Delta ungenutzt in den Atlantik austretende venezolanische Öl ständig dessen Tierbestand reduziert.

Nicht nur sie werden allerdings keine Chance gegen Trumps Politik haben, sondern auch Friedensnobelpreisträgerin Machado, die bereits anbot, ihren Preis mit Trump zu teilen, dürfte wenig Chancen haben, Rodríguez, die sie „schlimmer als Maduro“ nennt, wenigstes in Zukunft zu verhindern. Denn gerade, weil die Erschließung von Venezuelas Ölvorräten nicht so schnell geht, braucht Trump, aber auch jeder andere US-Präsident, dort möglichst stabile Zustände, und leider stellt sich autoritäres Regieren, wie Rodríguez es fortsetzen will, als erstaunlich stabil heraus (siehe Kuba, Iran, Russland, China).

Ich glaube daher, dass die EU ihre Klimapolitik überdenken soll. Schon jetzt spricht viel dafür, dass fossile Energie noch lange billiger als Solarenergie ist, aber mit der Entwicklung in Venezuela hat diese Wahrscheinlichkeit erheblich zugenommen, obwohl sein Öl wegen seiner Dickflüssigkeit relativ teuer ist. Indem die EU völlig auf billiges russisches Öl und Gas verzichtet, schadet sie sich wirtschaftlich, ohne Russlands Vorstoß in der Ukraine aufzuhalten oder den Klimawandel abzuwenden. (so falsch es wäre, zur völligen Abhängigkeit von Russland zurückzukehren) Bezüglich der Ukraine wäre es erfolgreicher, ihr dank einer gestärkten Wirtschaft vielleicht doch die Waffen kaufen zu können, die ihr einen faireren Frieden einbringt, und jedenfalls wird die Sicherung eines von Russland doch gewährten ungerechten Friedens und der Wiederaufbau teuer sein. Bezüglich des Klimawandels wird man sich, so fürchte ich, mit einer kontinuierlich steigenden CO2-Steuer begnügen müssen, um Druck in Richtung einer verbilligten Herstellung alternativer Energie auszuüben. Und eine gestärkte Wirtschaft der EU scheint mir auch am ehesten in der Lage, doch Solarenergie in der Wüste zu produzieren und als Gleichstrom in die EU zu leiten.

Solange die Regierungen der großen Ölstaaten nicht daran denken, sich darauf zu einigen, die Öl-Förderung kontinuierlich zu drosseln, scheint es mir nur wirtschaftliche Nachteile einzubringen, wenn man einsam versucht, jedes CO2 zu vermeiden.

 

 

 

 

 

Weiterlesen

Das Schweizer Versagen in Crans Montana

 

Egal, welche Ursache der Brand in einer Bar in Crans Montana hatte – derzeit ist von einer zu großen Wunderkerze die Rede- entscheidend ist, dass die Materialien in dieser Bar in keiner Weise feuersicher, sondern im Gegenteil, wie insbesondere die Decke besonders leicht brennbar waren, so dass sich die Flammen blitzschnell ausbreiten konnten. 

Normalerweise muss schon jedes Hotelzimmer von den Materialien her brandsicher sein und in Österreich wird das nicht nur kontrolliert, sondern es gibt auf Brandschutz spezialisierte Unternehmen. Um wieviel mehr als für Hotelzimmer, muss das für eine Bar gelten, in der sich des Öfteren viele Menschen aufhalten. Es muss nicht nur entsprechende Brandschutzvorschriften geben, sondern ihre Einhaltung muss auch überprüft werden. Gibt es das eine oder das andere nicht, so ist das ein dramatisches Versagen der Regierung des Kanton Wallis, aber letztlich auch der Schweizer Bundesregierung. Jedenfalls sollten die Angehörigen der mindestens vierzig Toten entsprechende Schadenersatzprozesse führen. Die Schweiz hat es, wie Deutschland, geschafft, in allem und jedem für perfekt gehalten zu werden. Das ist sie nicht und vor allem schafft es die Gefahr, sich auszuruhen und Risiken zu verschlafen.

Weiterlesen

Die EU braucht den einigen Kapitalmarkt

Die Union braucht so viel Risikokapital wie die USA, um Unternehmen zu gründen und so viel Geld, dass sie optimal wachsen. Dazu braucht es Aktien zu ihrer Finanzierung.

 Wesentlicher Vorteil der Marktwirtschaft ist, dass die besten Unternehmen auch den größten Finanzerfolg haben. Denn es geht um einen Wettbewerb der Unternehmen, nicht der Länder, die sie beherbergen. Denn natürlich hat ein Unternehmen auch dann größten Erfolg, wenn es, wie in China, gewaltige staatliche Subventionen erhält, wie Malta oder Irland bestimmte Produkte extrem niedrig besteuern kann oder wie Deutschland, die Löhne seiner Unternehmen nicht im Ausmaß der Produktivität erhöht.

So gewinnt nicht das beste Unternehmen, sondern das, das den größten unfairen Vorteil hat – ein wesentliches Ziel der Marktwirtschaft wird verfehlt.

Lange herrschte auch mental Einigkeit darüber, dass Länder, deren Unternehmen Schaden erleiden, weil die Unternehmen anderer Länder unfaire Vorteile genießen, sich wehren dürfen, indem sie die eigenen Unternehmen zum Beispiel durch Zölle schützen. Sofern das korrekt gehandhabt wird, entspricht es den Regeln der Welthandelsorganisation WTO: Die USA dürfen laut WTO Zölle verhängen, wo sie unfaire Vorteile der EU nachweisen könnten und die EU verhängt bekanntlich Zölle gegen China.

Ob es unfaire Vorteile gibt, zeigen die Handelsbilanzen. Die Regeln der WTO besagen daher, dass kein Land gegenüber einem anderen dauerhaft Handelsbilanzüberschüsse haben darf, wie sie etwa Deutschland gegenüber fast allen Ländern hat. Laut WTO dürfte sich auch Frankreich, das gegenüber Deutschland ein gewaltiges Handelsbilanzdefizit hat, mit Zöllen gegen die Vorteile deutscher, im Bereich des Internets auch irischer Unternehmen wehren, nur dass Zölle innerhalb der EU unmöglich sind. Deshalb hat auch die EU die Regel, dass kein Land gegenüber anderen dauerhaft Handelsbilanzüberschüsse haben darf, nur dass es sie gegenüber Deutschland nicht exekutiert und gegen Malta gar nicht vorsieht. Daher haben derzeit in der EU nicht zwingend die besten Unternehmen auch den größten Erfolg. Weil das langfristig ein wesentlicher Nachteil ist, muss es Ziel der EU sein, dass Waren gleichartige steuerliche Bedingungen vorfinden und die Lohnpolitik gleichen Regeln folgt.

Die EU muss aber noch ein zweites Ziel haben: Die Bedingungen für ihre Unternehmen dürfen sich auch nicht allzu sehr von denen in ihren wichtigsten Konkurrenzregionen, USA und China, unterscheiden. In beiden gibt es viel mehr Risikokapital, um Unternehmen zu gründen und viel mehr Kapital, durch das sie wachsen können. In China voran dank von der WTO verbotener Subventionen, um die es sich freilich wenig schert, in den USA, weil deren Kapitalmarkt erlaubterweise so beschaffen ist, dass viel mehr Geld viel leichter und billiger zur Verfügung steht.

So hat es bei den USA bekanntlich nie Zweifel gegeben, dass sie in ihrer Gesamtheit für den Dollar haften, während Deutschland erst durch den EuGH verpflichtet werden konnte, das zu akzeptieren. Und so sind die USA eine Transfer- Union, in der die Regierung für die größten Kostenblöcke aller Bundesstaaten, Arbeitslosengeld, Landesverteidigung und medizinische Versorgung aufkommt, während voran Deutschland und Österreich sich stets gewehrt haben, dass die EU „zur Transfer-Union verkommt“. Während das arme Mississippi für geliehenes Geld kaum höhere Zinsen als das reiche Texas zahlt, zahlen Italien oder Rumänien für geliehenes Geld ungleich höhere Zinsen als Deutschland oder Österreich.

Entscheidend aber ist, dass das Geld für EU -Unternehmen voran von Banken bereitgestellt wird, deren Risikobereitschaft seit der Finanzkrise durch „Basel 3“ mehr als schon zuvor beschränkt ist – es gibt daher in der EU viel weniger Risikokapital, wie es voran Startups brauchen. Und vor allem stehen US-Unternehmen, um zu wachsen, nicht nur Bankkredite, sondern vor allem die Gelder von Aktionären zur Verfügung. Fast jeder Amerikaner legt Erspartes in Aktien an – bei uns dominiert immer noch das Sparbuch. Vor allem gibt es in den USA riesige Pensionsfonds, die sowohl Risiken wie Wachstum finanzieren, indem sie für die Altersvorsorge gespartes Geld zu gewaltigen Aktienkäufen nutzen und damit zugleich ständig vermehren. Dass Firmen wie Private dort einzahlen, wird vom Staat auf eine mit der WTO kompatible Weise begünstigt.

Der Vorsprung, den US-Unternehmen auf diese Weise erzielt haben, ist gewaltig: Anders als in den 90er Jahren gibt es derzeit kein europäisches Unternehmen unter den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt, denn auch SAP und Siemens sind neuerdings nicht mehr dabei.

In der EU gibt es keine Fonds amerikanischer Größe. Vor allem ist Aktien zu kaufen ungleich weniger als in den USA verbreitet und viel seltener sind sie wesentlicher Bestandteil der Altersvorsorge. Zugleich haften Banken zwar theoretisch in allen EU-Ländern für Einlagen bis zu 100.000 Euro, aber ob Bulgarien oder Rumänien ihre Haftung auch wahrnehmen können, ist ungewiss. Es wird daher eine für die Banken aller Länder gemeinsame Haftung angestrebt, der sich einmal mehr Deutschland widersetzt, weil es fürchtet, als letzter Zahler übrig zu bleiben. Genauso scheitert daran auch die gemeinsame Aufnahme von Krediten im Weg von Eurobonds, während das für die USA trotz pudelarmer Staaten selbstverständlich ist.

Das Problem ist immer das Gleiche. Europa muss näher zusammenrücken, um mit den USA konkurrieren zu können, aber derzeit werden die Parteien immer stärker, die den nationalen Rückzug propagieren.

 

Weiterlesen

Der Grundsteuer-Stumpfsinn der ÖVP

Nur ein Land innerhalb der OECD hat niedrigere Grundsteuern als Österreich. Dafür haben viele Länder vernünftiger Weise niedrigere Lohn- und Einkommenssteuern.

In der Regierung herrscht Uneinigkeit bezüglich einer möglichen Anhebung der Grundsteuer. Sie verläuft ausnahmsweise nicht völlig entlang der Parteilinien, denn da es voran die Gemeinden sind, die mit dieser Steuer Aufgaben wie Kinderbetreuung, Pflege und Straßenerhaltung finanzieren, streben auch VP-geführten Gemeinden eine Anhebung an. Die Entscheidung hakt dennoch an VP- Bundeskanzler Christian Stocker, der seinen Widerstand damit begründet, dass auf diese Weise die Preise für Wohnungen stiegen. Diese Begründung ist, wie alles, was die ÖVP im Zusammenhang mit Vermögensteuern von sich gibt, falsch: Extrem niedrige Grundsteuern wie in Österreich erlauben es, Baugrund zu horten und erst im Augenblick seines maximalen Preises für Verbauung zu verkaufen. In den USA mit ihren hohen Grundsteuern ist das ausgeschlossen: Man muss ein Grundstück sofort verkaufen oder verbauen, was Wohnungen, außer in New York, erstaunlich preiswert macht. Es ist dies der Grund dafür, dass diese Steuer ökonomisch so sinnvoll ist: Sie zwingt dazu, dass in Grund und Boden angelegtes Vermögen nicht, wie in Österreich, ruht, sondern arbeitet.

Die Unterschiede in der Höhe der Grundsteuern sind gewaltig:  In den USA machen sie 10 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus, in Großbritannien 8 Prozent. Innerhalb der EU haben Frankreich (4,4 Prozent), Griechenland (3,7 Prozent) und Belgien (3 Prozent) den größten Anteil des Steueraufkommens aus Steuern auf Grund und Boden. Österreich liegt mit 0,46 Prozent am vorletzten Platz der OECD-Länder. Dabei gibt es noch eine charakteristische Besonderheit: Die Kirche, als Österreichs zweitgrößter einzelner Grundbesitzer, zahlt gar keine Grundsteuern, was Stifte und Klöster nicht daran hindert, die Pacht für ihre Grundstücke mit der Inflationsrate zu erhöhen, wobei es im Vorjahr um 9 Prozent ging. Ansonsten zählen Adelige und Industrielle, vielfach auch aus Deutschland, zu Österreichs größten Grundbesitzern und kommen damit in den Genuss unserer minimalen Grundsteuer – mehr kann man denen, die sowieso reich sind, nicht unter die Arme greifen.

Selbst der nicht gerade sozialdemokratisch dominierte ORF machte zuletzt in der Zeit im Bild anschaulich klar, wie lächerlich gering Österreichs Grundsteuern sind, indem er sie grafisch für ein Einfamilienhaus im Verkehrswert von 500.000 Schilling den Grundsteuern anderer Länder gegenüberstellt: Zahlt man in Österreich 226 Euro, so sind es in Deutschland 550 Euro in der Schweiz 2.000, in Großbritannien 5.200 und in den USA 15.000 Euro. In all diesen Ländern müssten Ökonomen und Politiker also schwachsinnig sein, wenn sie Grund und Boden bis zu 66-mal höher als Politiker und Ökonomen der ÖVP besteuern.

Ich habe die Steuerpolitik der ÖVP bisher immer nur „widersinnig“ genannt – aber das ist nicht das richtige Wort: Es ist eine grobe Untertreibung. Denn natürlich müssen, wenn die Grundsteuern so viel niedriger sind, andere Steuern so viel höher sein. Und das sind die Lohn- und Einkommenssteuern, also die Steuern, die die Arbeit, und damit den zentralen Motor der Volkswirtschaft zur Schaffung von Wohlstand, belasten.

Wer das nicht versteht, ist schlichtweg dumm. Dazu zählen natürlich die Spitzen der FPÖ, die sich grundsätzlich gegen vermögensbezogene Steuern ausgesprochen haben. Aber ich will einfach nicht auch die Spitzen der NEOS dazu zählen, die das derzeit auch tun. Denn immerhin hat Obfrau Beate Meinl Reisinger einmal gesagt, sie könnte sich höhere Vermögensteuern – zu denen neben den Grundsteuern voran Erbschafts- und Schenkungssteuern zählen, dann vorstellen, wenn man die Einkommensteuern senkte – aber sie hat das nie wiederholt und von anderen NEOS-Granden ist nie Vergleichbares gekommen.

Derzeit können sich die NEOS immerhin vorstellen, dass es zu der voran von der SPÖ geforderten „Anhebung“ der Grundsteuern kommt, wobei sie freilich eine sehr geringe wäre: Die Gemeinden haben das Recht, die sogenannten „Hebesätze“ zu verändern, mit der sie die Grundsteuer maximal verfünffachen könnten. Sie betrüge dann für das zitierte Einfamilienhaus im Verkehrswert von 500.000 Euro immerhin 1.130 Euro und wäre damit noch immer weit niedriger als in der Schweiz, wo die Einkommenssteuern freilich weit niedriger als in Österreich sind.

Im Durchschnitt nehmen Europas führende Industrieländer fast fünfmal so viel aus Grundsteuern ein wie Österreich – Großbritannien sogar das 14-Fache. Eine Anpassung Österreichs an internationale Niveaus ermöglichte daher beträchtliche Mehreinnahmen. Bei einer Anhebung auf den EU-Durchschnitt wären es rund 2,3 Milliarden Euro, bei einer Anhebung auf den Durchschnitt der OECD etwa 3,6 Milliarden. Eine Orientierung am dänischen Niveau, so erhob das Momentum-Institut, entspräche einem Einnahmenplus von 4,7 Milliarden Euro, am französischen sogar 8,2 Milliarden Euro.

Höhere Vermögenssteuern sind im Übrigen die einzige Möglichkeit, Österreichs Budget im Rahmen des laufenden Defizitverfahrens ohne größere Wachstumseinbußen näher an die EU-Vorgabe heranzuführen, denn hier würde voran gespartes Geld der Konsumenten aktiviert und bekanntlich braucht es zum Wirtschaftswachstum, dass entweder die Konsumenten oder die Unternehmen oder der Staat (oder ausländische Staaten) mehr als bisher ausgeben. Höhere Vermögensteuern böten die Möglichkeit, den EU-Schwachsinn, keine höhere Verschuldung des Staates zu dulden, zumindest zu entschärfen.

 

 

Weiterlesen

Ein wahres deutsches Schicksal? 

Ausnahmsweise eine Empfehlung, die auch der Kurier schon gegeben hat : „Ein deutsches Leben“ im Theater in der Josefstadt ist eine großartig  gelungene Auseinandersetzung mit Problemen der „Vergangenheitsbewältigung“. 

Das Thema: Was man vom größten NS-Verbrechen  wissen konnte oder wissen musste. Abgehandelt wird das an Hand diverser Interviews der mit 103 Jahren verstorbenen Sekretärin von Joseph Göbbels, Brunhilde Pomsel, die scheinbar an der Quelle saß und behauptet, nichts gewusst zu haben. Text des Stückes ist ein Zusammenschnitt der Interviews.  Wie Lore Stefanek ihn  spricht,  ist sensationell – ich habe nie Besseres gesehen. Die Inszenierung von Andrea Breth, in der Lieder aus der Zeit und Pantomime eine unterstützende Rolle spielen, ist erwartungsgemäß hervorragend. Dass mein Enkel Noah eine winzige Rolle als einziger Bub unter den sechs ermordeten Göbbels-Kindern spielt, darf mich nicht hindern, Lore Stefaneks zweistündigen Monolog anzupreisen, um danach zu rätseln, ob sie die Wahrheit sagt.

Weiterlesen

Das ausrechenbare Budget-Fiasko

Nur wirtschaftlich Ahnungslose konnten glauben, dass Markus Marterbauer mit der von der EU verordneten Politik wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

 Seit voriger Woche herrscht helle Aufregung über Österreichs höher als angenommenes Budgetdefizit. Statt bei 4,5 liegt es bei 4,9 Prozent und die endgültigen Zahlen könnten noch schlechter ausfallen. „Wie konnte das sein?“ fragt Andras Szigetvari im Standard, setzt sich aber nur mit dem zu späten Erkennen der Überschreitung auseinander: Bundesländer und Gemeinden hätten ihren erhöhten Abgang zu spät erkannt und erst jetzt gemeldet.

Auch „Schuldige“ suchen die Medien. Ich hatte gefürchtet, die Kritik würde voran Finanzminister Markus Marterbauer treffen, so ungerecht das wäre, lässt die EU ihm doch keine Wahl – aber zu meiner Überraschung traf sie voran die Finanzverwaltung, die nicht früher Alarm geschlagen hat. Am Tatbestand des Misslingens der Sanierung ändert das freilich nichts.

Dabei ist die Erklärung dieses Misslingens denkbar einfach: Die Mastrichtkriterien, mit denen die EU alle Staaten zum Sparen zwingt, sind widersinnig; und es ist doppelt widersinnig, Staaten, die sie, wie Österreich, nicht einhalten, zu noch mehr Sparen zu zwingen.

Ich habe vorhergesagt, dass das Sparen des Staates die Rezession vertiefen wird und die Aufregung wird noch größer sein, wenn sich herausstellen wird, dass dem so sein dürfte: Die Auftragseingänge für die Industrie sind heuer jedenfalls um 2,3 Prozent geringer als 2024.

Es frustriert, ausgerechnet den Ökonomen der EU ökonomisch Zwingendes klar machen zu müssen: Jemand muss mehr ausgeben, damit mehr produziert und gekauft wird (die Wirtschaft wächst): Konsumenten sparen lieber; Unternehmen sparen seit über zwei Jahrzehnten auch; das Ausland verschuldet sich weniger als bisher für uns. Aber Europas Staaten, die das, wie die USA, mit ihreb Investitionen  ausgleichen müssten, werden durch die Mastrichtkriterien daran gehindert, sich dafür höher zu verschulden.  Obwohl die Behauptung Kenneth Rogoffs, auf denen sie beruhen, spätestens seit Japans Staatsschuldenquote von über 200 Prozent falsifiziert ist: Es stimmt in keiner Weise, dass hohe Staatsschulden Wachstum kosten. Bei Nobelpreisträger Joseph Stieglitz ist seit 2016 in Ziffern nachzulesen, dass die EU sich vor Einführung der Mastrichtkriterien wirtschaftlich besser als danach entwickelt hat. Dem Wirtschaftskreislauf durch Sparen ständig Geld zu entziehen, schwächt ihn und kann zum Kollaps führen, weil nicht stimmt, dass mehr Gespartes mehr Investitionen bewirkt.

Marterbauer weiß das meines Erachtens – er hat sich geopfert, um das Schlimmste – extremes Sparen – abzuwenden. Aber die durch jedes staatliche Sparen unvermeidliche Beschädigung der Wirtschaft bringt die schwarz-rot-pinke Regierung in eine teuflische Lage: Das anhaltende Totalversagen der EU wird ihr angelastet werden. Die FPÖ, die alles noch viel schlechter machte, baucht nur abzuwarten.

Derzeit wird gerätselt, was es bedeutet, dass die Regierung ihr Ziel verfehlt – ob sie dann strafweise noch mehr sparen muss? Ich kann das beantworten: Österreich ginge bankrott. Von Deutschland dominiert verhält sich die Kommission wie der Präsident des Fiskalrats Christian Badelt, der, statt das staatliche Sparen grundsätzlich abzulehnen, bedauert, dass man seine Warnungen, das Sparziel zu verfehlen nicht befolgt hat. Die Mehrheit deutscher Ökonomen vermag Staatshaushalte nicht anders als aus der Perspektive der schwäbischen Hausfrau zu sehen, für die Sparen die größte Tugend ist. Verknüpft mit dem deutschen Protestantismus ist das zu einer Ideologie geworden, gegen die rationales Denken keine Chance hat.

Dass es Österreich schlecht geht, hängt natürlich auch direkt mit Deutschland zusammen: Die Hoffnung, dass wir von einem deutschen Aufschwung profitieren könnten, war verfehlt. Auch Deutschlands Rezession vertieft sich, obwohl die EU der Regierung gestattet, im Wege eines Sondervermögens jährlich zusätzlich 100 Milliarden für die Sanierung des kaputtgesparten Heeres und weitere 100 Milliarden für die Sanierung der kaputtgesparten Infrastruktur auszugeben. Nur dass dem ein Sparvolumen von 350 Milliarden auf Seiten von Konsumenten und Unternehmen gegenübersteht, so dass es weitere 150 Milliarden brauchte, das auch nur zu egalisieren.

Früher konnte Deutschland das, indem es mit Waren, die es zu Dumpinglöhnen produzierte, andere Europäer, Russen, Chinesen und voran Amerikaner dazu verführte, sich an seiner Stelle zu verschulden. Seit das in viel geringen Ausmaß gelingt, ist das deutsche Mega-Export-Modell nicht mehr tragfähig.

Auch in Deutschland wird Nebensächliches dafür verantwortlich gemacht: Es fehle an Wettbewerbsfähigkeit, obwohl deutsche Waren noch immer besonders preisgünstig sind – statt zu monieren, dass es der Lohnzurückhaltung wegen ab  Kaufkraft fehlt. Oder man beklagt die übergroße Bürokratie, obwohl alle Staaten damit kämpfen. Natürlich funktionierte auch Österreich besser, wenn es den Föderalismus zähmte – vernünftige Sparsamkeit sucht immer nach Gelegenheiten, solche Fehlkonstruktionen zu beseitigen – aber das allenfalls eingesparte Geld wäre an anderer Stelle auszugeben, damit das Gesamtvolumen der Staatsausgaben auf keinen Fall schrumpft. Denn Staatsausgaben, selbst verfehlte, sind immer gleichzeitig Einnahmen der Bürger und der Unternehmen. Auch in Deutschland sucht man zwar zu Recht nach Fehlkonstruktionen, aber sie zu finden ändert nichts am entscheidenden Zusammenhang: Je mehr Geld ein Staat ausgibt, desto besser geht es seinen Bürgern.

 

 

 

Weiterlesen

Pensionsfonds wären mehrfach nützlich!

Steuerlich begünstigte Pensionsfonds, die Aktienvermögen schaffen und verwalten, können Pensionen ergänzen und einen wichtigen Beitrag zu nötigen Finanzierungen leisten.

Während meine Generation hofft, dass die Steuern auf Zuverdienste zur Pension sinken, hegt die Generation meiner Kinder die von Konservativen und der Agenda Austria gelegentlich geschürte Befürchtung, dass ihre Pensionen nicht mehr sicher sind. Ich halte das insofern für unbegründet, als Österreichs Pensionssystem, das darauf beruht, dass die jeweils arbeitende Generation im Weg der Pensionsversicherung für die Pensionen der in den Ruhestand tretenden aufkommt, sich bisher als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, auch wenn der Staat dazu einen immer größeren Beitrag aus Steuern leistet. Worin ich mit der Agenda Austria allerdings übereinstimme, ist die Forderung, es, wie in den skandinavischen Ländern, automatisch der höheren Lebenserwartung anzupassen: Es muss sich auf die Höhe der Einzahlungen oder aber der ausbezahlten Pensionen auswirken, wenn die Lebenserwartung um zehn Jahre steigt.

Ansonsten werden wir voran in Deutschland, und da selbst von konservativen Medien, um unser Pensionssystem beneidet: 2022 lag die durchschnittliche Pension in Österreich bei 1.640, in Deutschland bei 1.120 Euro, war also um 47 Prozent höher, was vor allem für Frauen lebenswichtig ist. Zugleich sind diese höheren Pensionen zwangsläufig hauptverantwortlich für unsere ständig kritisierten hohen „Lohnnebenkosten“, die eben voran aus den Beiträgen zur Pensionsversicherung bestehen. Ebenso hauptverantwortlich sind sie dafür, dass unsere „Abgabenquote“ höher als die deutsche ist, während wir die gleiche Steuerquote haben. Die dänische Abgabenquote, so wende ich diesbezüglich ein, war lang die höchste Europas – aber der dänische Staat bietet seinen Bürgern auch größte Sicherheit, und das trägt zweifellos dazu bei, dass sich Dänen bei Befragungen als besonders zufrieden outen und als glücklichste Bevölkerung der Welt gelten. Eine hohe Abgabenquote kann auch Kennzeichen eines perfekten Sozialstaates sein.

Derzeit wird ein angeblich „überbordender Sozialstaat“ von Neoliberalen als in hohem Maße verantwortlich für die dürftige wirtschaftliche Entwicklung Europas diffamiert. In Wirklichkeit liegt ihr zu Grunde, dass die Maastrichtkriterien die Staaten der EU daran hindern, sich wie die USA zu verschulden und auf diese Weise entsprechendes Wirtschaftswachstum zu generieren. „Die Maastrichtkriterien gehören in die Mottenkiste“, hat Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker im Gegensatz zur Agenda Austria als erster heimischer Politiker ausgesprochen und vorerst so vergeblich wie ich gefordert, dass Österreich das in Brüssel anspricht und Verbündete sucht.

Worin ich mit der Agenda Austria hingegen übereinstimme, ist der Nutzen einer zusätzlichen Aktien-finanzierten Säule der Pension – Betonung auf „zusätzlich“. Vorsicht ist deshalb geboten, weil in Ländern, in denen die Aktien-finanzierte Säule eine nicht nur zusätzliche Rolle spielt, in Phasen abstürzender Aktienkurse auch die Pensionen kritisch sanken. Solche Kursstürze sind aber ungleich seltener als steigende Kurse: Auf längere Sicht lohnen Aktien immer – damit auch Fonds, die sie verwalten.

Die ersten Pensionsfonds wurden 1759 in den USA zur Versorgung der Witwen und Waisen von Ministern geschaffen.1875 schuf „American Express“ den ersten Fond eines Unternehmens. Seit 1921werden Einzahlungen in Pensionsfonds steuerlich begünstigt und fast alle großen US-Unternehmen haben sie: sie sind Teil des Entgelts, das ein Unternehmen seinen Angestellten bietet. Weltweit existieren heute rund 46.000 Pensionsfonds – dank der langen Tradition 90 Prozent davon in den USA – und legen gemeinsam rund 24 Billionen Dollar auf den Kapitalmärkten an. In den USA wird der Großteil der Altersvorsorge über Pensionsfonds abgewickelt, aber sie spielen auch eine wichtige Rolle bei der Finanzierung nötiger Großprojekte, aber selbst von Startups. Dank ihrer enormen finanziellen Potenz ist auch ihr internationaler Einfluss gewaltig: Wenn sie Ihr Geld vorrangig in einem bestimmten Land anlegen, ist das von größtem Vorteil für dessen Kapitalmarkt – das ist Teil der US- Weltmacht. Selten aber doch gibt’s das auch umgekehrt: Derzeit droht der niederländische Pensionsfond PME US-Vermögensverwaltern seine Milliarden zu entziehen, wenn sie zu große Nähe zur Trump- Administration aufweisen.

Ich hielte es für sinnvoll, wenn Österreich, ohne das staatliche Pensionssystem anzutasten, einen ähnlich großen Pensionsfonds hätte. Raiffeisen, das einen offenen Pensionsfond hat, hat seine Kunden leider vor allem in Südtirol. Letztlich hängt der Erfolg von Pensionsfonds vom Ausmaß ihrer steuerlichen Begünstigung ab und ich glaube, dass Österreich da etwas tun sollte.

Darüber hinaus glaube ich, dass voran jüngere Menschen lernen sollten, den Kauf von Aktien dem Sparbuch vorzuziehen, auch wenn sie nur kleine Beträge zur Verfügung haben, denn meist kompensieren die Sparbuchzinsen nicht einmal die Inflation. Natürlich kann man sich bei Aktien leichter verspekulieren, aber beim Sparbuch tut man das der Inflation wegen fast ständig. Die meisten Banken helfen beim Aufbau vergleichsweise sicherer Aktienportfolios und es gibt Unternehmen, die jungen Leuten das Management solcher Portfolios zu sehr günstigen Preisen oder sogar gratis anbieten. Natürlich ist immer auch ein gewisses eigenes Wirtschaftswissen von Nöten – deshalb ist es so wichtig, dass Wirtschaft endlich wesentlicher Bestandteil aller Lehrpläne wird.

 

 

Weiterlesen

Der gefährlicher Rückstand bei KI

Seit ich beim Falter bin, veröffentliche ich meine Kommentare auch auf meinem Blog „Lingens online“. Vor ein paar Tage teilte mir ein Freund, der ihn verwaltet, mit, dass es ihn nicht mehr gibt.

Seine Erkundigung beim Anbieter meiner Domain ergab, dass man mir unter einer alten von mir nicht mehr einsehbaren E-Mail -Adresse, eine Verlängerungsanfrage gestellt hätte, und als meine Antwort ausblieb, hätte man meine Domain abgeschaltet. Um sie zu aktivieren, hätte ich mich gegenüber dem US Registrar, „Whois“ zu legitimieren, was in meinen Fall insofern komplizierter war als ich den Blog im Rahmen einer Firma betreibe. Von ihr brauche es einen Firmenbuchauszug, eine Strom- oder Gasrechnung, und einen Personalausweis der Geschäftsführerin (meiner Frau). Ich haben das alles geschickt, und werde hoffentlich bald sehen, ob es reicht.

Was ich schon jetzt gesehen habe, ist meine völlige Abhängigkeit von einem zentralen weltweit tätigen US-Internet-Unternehmen. Und natürlich kann der US-Geheimdienst jeden meiner Texte lesen. (gegenüber US-Bürgern darf er das laut Verfassung ausdrücklich nicht, hat es aber natürlich getan. Dass ein Mitarbeiter- Eduard Snowden- das aufdeckte, führte zu einem Haftbefehl gegen ihn, vor dem er nach Russland floh.) Am Rande begriff ich, wie schwer es ist, in den USA zu wählen: Da, es dort keine Meldepflicht gibt, bedarf es einer Strom- oder Gasrechnung, um den Wohnort (die Wahlberechtigung) nachzuweisen.

Nicht nur ob ich meinen Blog weiter betreiben kann, hängt von den USA ab, sondern bei Recherchen bin ich natürlich von Google abhängig und schreibe meine Texte auf „Microsoft 365“ die meine texte automatisch in die Microsoft Cloud stellt. Beide Abhängigkeiten teile ich mit 500 Millionen EU-Bürgern. Deshalb ist es so unsinnig, wenn angesichts der Zölle Donald Trumps gefordert wurde, im Gegenzug doch die US-Internet-Dienste höher besteuern: sie verteuerten sich damit für uns selbst, und die USA könnten damit reagieren, sie uns einzuschränken oder ganz vorzuenthalten: Damit wäre Europa ein Entwicklungsland.

Die Abhängigkeit ist eine nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch militärische: US-Waffensysteme, wie das Raketenabwehrsystem Patriot oder die derzeit besten Jagdflugzeuge F35 bedürfen amerikanischer Software und selbst unsere endlich nachtflugtauglichen Eurofighter wären es nicht mehr, wenn die USA die Software mit einem Knopfdruck deaktivierte, was sie sogar rechtlich darf. Die größte Katastrophe für das ukrainische Heer bestünde bekanntlich darin, dass Elon Musks Satelliten ihm keine Einsicht mehr ins Schlachtfeld gewährte.

Alle diese Abhängigkeiten waren nicht so kritisch, solange die USA klar auf Seiten Europas standen – aber unter Donald Trump ist das nicht mehr der Fall und auch keinem künftigen US-Präsidenten wird Europas Wohlergehen ein vorrangiges Anliegen sein. Wenn die EU wirtschaftlich und militärisch nicht völlig abgehängt werden will, muss sie alles tun, um bei „Digitalisierung“ und  „Künstlichen Intelligenz“ aufzuholen, denn das, wird um so schwieriger je mehr sich der Vorsprung der USA vergrößert.

Es gab und gibt in der Wirtschaft immer von einer bestimmten Technologie dominierte Zeitalter: im Zeitalter der Eisenbahn lag Europa vorne und die USA mussten aufholen, was ihnen freilich gelang. Es folgte das Zeitalter des Autos in dem Europa um eine Nuance voran lag. Weil die deutsche Lohnzurückhaltung auf ganz Europa abfärbte, erzielten voran die großen deutschen Auto- Konzerne gewaltige Gewinne. Auf diesen Gewinnen ruhte man sich aus un versäumte den Eintritt ins Zeitalter der Computerisierung und Digitalisierung, obwohl europäische Forscher zu beidem grundlegende Beiträge geliefert hatten. Nicht zuletzt auf Grund brillanter jüdischer Wissenschaftler, die aus Österreich und Deutschland geflohen waren, übernahmen US-Universitäten wie Stanford oder das MIT eine führende Rolle im Bereich der Physik und brachten immer mehr Absolventen hervor, die eine führende Rolle bei der Entwicklung der Hardware (Computer), wie der Software (Programme) spielten.  Bill Gates war mit Microsoft zweifellos ein Pionier, aber weil man in den USA sehr rasch begriff, das schnelles Rechnen und rasche Kommunikation nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch von überragender Bedeutung sind, hatte er viele Nachfolger: Die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak vermochten mit dem iPhone Leistungen zu erbringen, für die man früher zimmergroße Computer brauchte. Später machten selbst weit weniger brillante Männer wie Mark Zuckerberg mit Facebook Milliarden, weil sich zeigte, dass digitale Plattformen wie Amazon oder selbst Airbnb einfach auf Grund Skalierung und der großen Zahl erreichter Personen Geldmaschinen sind. Gelichzeitig gibt es noch vor dem Staat genügend Aktionäre, Fonds und Unternehmen, die in die neue Technologie investierten und jeder neuen Idee rasches Wachstum bescheren. Das Geld vermehrt sich sozusagen automatisch von selbst Und das mit immer größerer Geschwindigkeit.

Was kann Europa dem entgegensetzen: In erster Linie Konzentration auf eigene Forschung: Beim Quantencomputer haben wir -noch- die Nase vorn. Zweitens: Nur ein maximal geeintes Europa mit einem geeinten Kapitalmarkt, kann im Ausmaß der USA in Digitalisierung und KI investieren- derzeit stehen Billionen- Investitionen in den USA nur einstelligen Milliarden-Investitionen in der EU gegenüber. Dass es bald nicht einmal die geben wird, wage ich für weiterhin sparend EU-Staaten mit Sicherheit vorherzusagen: Es gibt auch die automatische Geldverminderung.

 

 

 

 

 

Weiterlesen

Die Problematik der Russland-Sanktionen

19 Sanktionspakete haben Putin nur wenig gestört, aber Energie für uns verteuert. Dabei erleichterte billige russische Energie die Waffenlieferungen an die Ukraine.

Dass die EU soeben das 19. Sanktionspaket gegen Russland beschlossen hat und am zwanzigsten arbeitet, signalisiert schon von diesen Zahlen her, dass die Wirkung der Sanktionen voran im Bereich Erdöl und Erdgas sehr überschaubar ist. Wirklich weh tut Wladimir Putin nur, dass er keine Produkte der Hochtechnologie mehr erhält: Das lässt russische Flugzeuge wegen fehlender Ersatzteile vom Himmel fallen und erschwert die Entwicklung moderner Waffen.

Dass die EU schon durch Jahre kein russisches Erdöl mehr kauft, lässt Putin dagegen kalt – er verkauft es an China, Japan, Südkorea und trotz Trumps Zöllen an Indien, auch wenn er Pipelines ausbauen musste. Bei Erdgas war das Transportproblem größer und die EU vor allem ursprünglich sein mit Abstand größte Abnehmer. Mittlerweile ist einmal mehr China der größte Kunde, aber auch Japan und die Türkei sind Großabnehmer und über die türkische Pipeline fließt russisches Erdgas auch weiterhin in die EU, voran die Slowakei und Österreich, dessen Abhängigkeit von Erdgas immer besonders groß war (was unsere besonders hohe Inflationsrate anlässlich der Verteuerung russischen Gases erklärt.). 2024 erreichten Chinas Gasimporte einen Rekordwert von 31 Milliarden Kubikmetern und 2025 dürften es 38 Milliarden Kubikmeter sein. Das ist geschätzt die Hälfte der Mengen, die Putin durch das Ende des Transits über die Ukraine verloren gehen.

Die derzeit größten Einnahmen erzielt er aber mit dem Flüssiggas LNG, das mit Tankern aus den Förderge­bieten Sibiriens durchs Eismeer nach Europa verschifft wird. Die EU ist diesbezüglich Putins größter Abnehmer, wobei Frankreich, Belgien und die Niederlande die größten Mengen kaufen. Auch Deutschland ist ein guter Kunde: SEFE als Nachfolger von Gazprom- Germania, importiert allein im laufenden Jahr LNG- Lieferungen im geschätzten Wert von zwei Milliarden Euro. Aber selbst Spanien, das Gas ursprünglich preiswert aus Algerien bezog (und deshalb keine Inflation hatte) kauft russisches LNG. Was in den Gasterminals zwischen Huelva in Spanien und Klaipéda in Litauen ankommt, macht die EU heute zum größten Flüssiggaskunden Russland- weit vor China und Japan. Und der Durst wächst stetig: In der ersten Hälfte des Jahres 2025 haben europäische Kunden deutlich mehr Flüssiggas aus Russland gekauft als 2024. Die Gesamtmenge übersteigt dabei sogar jene, Menge, die zuvor über die Ukraine-Pipeline verkauft wurde. Im vergangenen Jahr erreichten Russlands LNG-Exporte ihren bisherigen Rekord.

Wie die EU damit bisher und weiterhin Putins Krieg finanziert, hat Greenpeace im September ausgerechnet. Der russische Exportkonzern Yamal LNG hat demnach allein in den ersten drei Kriegsjahren Flüssiggas für 34 Milliarden Euro verkauft und rund 5,4 Milliarden als Steuer an den Staat abgeführt. Dafür kann Putin sechs Millionen Artilleriegranaten, also das Doppelte der aktuellen Jahresproduktion beschaffen. Frankreich, Spanien, Belgien oder die Niederlande haben seit 2022 deutlich mehr Geld für LNG nach Russland überwiesen, als sie der Ukraine an bilateraler Hilfe geleistet haben.

In Summe gehen Ökonomen davon aus, dass der Wegfall aller Verkäufe über die Ukraine- Pipeline Russland nur etwa 0,2 bis 0,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) kostet – viel zu wenig, um Putins Kriegsmaschinerie eine Delle zuzufügen. Gleichzeitig büßt die Ukraine 0,5 Prozent ihres BIP ein, weil sie keine Transit -Gebühren mehr erhält. Daher das große Ziel für das zwanzigste Sanktionspaket: ab 1 Jänner 2027 will die EU kein russisches LNG mehr kaufen.

Ich bin nur nicht sicher, dass Sanktionen, die fossile Brennstoffe betreffen, wirklich der richtige Weg sind, Russland zum Einlenken zu bewegen. Das Argument „Wir finanzieren durch unsere Einkäufe dieser Brennstoffe Russlands Krieg gegen die Ukraine“ klingt zwar sehr überzeugend, aber ich weiß nicht, ob es wirklich so stark ist. In der Vergangenheit galt für Europa immer die Überlegung (der Vorwurf), dass seine entwickelten Länder enorm davon profitieren, unterentwickelten Ländern billig ihre Rohstoffe abzukaufen. Das unterentwickelte Russland war dabei unser Hauptlieferant für die fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas. Zwar wurde beides wesentlich teurer, weil Putin 2020 mit der OPEC eine Förderkürzung vereinbarte, aber das ist lange vorbei. Ich zweifle daher, dass es unserer Wirtschaft guttut, wegen der Sanktionen kein billiges russisches Gas mehr zu kaufen: Die Slowakei, die allerdings auch an den Transitgebühren verdiente, büßt ohne russisches Gas zum Beispiel 0,3 Prozent ihres BIP ein.

Ich frage mich daher, ob die Nachteile, die Europa erleidet, indem es den Kauf billiger fossiler Energie aus Russland beendet, nicht größer als die sind, die Putin erleidet. Denn es ist ja nicht so, dass Russland für seine fossilen Brennstoffe kein Geld mehr erhielte – es erhält es nur von anderen Staaten. Ein Boykott, an dem so viele große Staaten sich nicht beteiligen, hat immer nur sehr begrenzte Wirkung. Jedenfalls gelte es eingehend zu berechnen, ob es für die EU nicht besser wäre, der Ukraine auf dem Wege einer Wirtschaft, die auf der Basis billiger russischer Energie besser als jetzt funktioniert, mehr Waffen zu liefern. Man brauchte ja nicht zur viel zu großen einstigen Abhängigkeit zurückzukehren. Erdgas des Klimawandels wegen durch Solarenergie zu ersetzen, bliebe unverändert wichtig, zumal sie immer billiger wird.

 

 

Weiterlesen

Militärindustrie bleibt Trumpfkarte

Die überlegene US- Militärindustrie ermöglicht Donald Trump überall Erfolg. Dass er in den USA einen Bürgerkrieg heraufbeschwört, verhindert die erfolgreiche Bilanz.

Grund für Donald Trumps erfolgreiches Engagement in Gaza war höchstens am Rand die Qualität seines 20- Punkte- Plans, der meines Erachtens auch nicht von ihm, sondern seinem Schwiegersohn Jered Kushner stammt (Trump selbst hatte noch kurz zuvor geplant, alle Palästinenser auszusiedeln und in Gaza Luxusressorts zu errichten). Aber er hat sich den aktuellen Plan zu eigen gemacht und vermochte vor allem, seinen Anfang durchzusetzen – nicht dank Diplomatie, sondern dank der überlegenen US-Militärindustrie. Er konnte nicht nur allen arabischen Diktatoren drohen, sie nicht mehr wie bisher zu beliefern, sondern, anders als Joe Biden,  auch Israel in die Schranken weisen, indem er drohte, auch dessen Unterstützung durch US-Waffensysteme zurückzufahren. Trump, das müssen ihm seine Gegner lassen, mag keinen Krieg. Natürlich ist höchst ungewiss, ob aus dem Gaza-Waffenstillstand tatsächlich Frieden wird, aber die Chance dafür lebt.

Bezüglich der Ukraine schien Trump endlich begriffen zu haben, dass es Wladimir Putin und nicht Wolodymyr Selenskyj ist, der jeden Frieden ablehnt. Er erklärte bekanntlich, dass die Ukraine das Recht hätte, verlorene Gebiete zurückzuerobern und schien bereit, ihr zu diesem Zweck weitreichende Tomahawk -Raketen zukommen zu lassen. Aber dann genügte ein einziger Anruf Putins, der ihm schmeichelte, der größte Friedensstifter aller Zeiten zu sein und zugleich zum x-ten Mal mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte, um ihn davon wieder abkommen zu lassen. Stattdessen will Trump Putin in Budapest treffen, wo der alles versuchen wird, einen Frieden zu russischen Bedingungen anzubahnen.

Dabei ist die US-Militärindustrie der russischen derart überlegen, dass Trump, wenn er der Ukraine zukommen ließe, was Selenskyj fordert, dort sehr wohl einen Zustand herbeiführen könnte, bei dem Putin sich frägt, ob es nicht besser ist, sich mit der Krim und allenfalls einem winzigen Stück des Donbass als Beute zu begnügen und die Sanktionen los zu sein, als weiterzukämpfen und Verluste zu riskieren. Trump könnte auch für die Befriedung der Ukraine den Nobelpreis erhalten, wenn er konsistent agierte.

Was es zu einem solchen Problem macht, ihm den zu verleihen, ist der Umstand, dass er im eigenen Land bürgerkriegsähnliche Zustände heraufbeschwört: Er verlegt Militär in demokratische Bundesstaaten, um dort Krieg gegen angeblich ausufernde Kriminalität zu führen; er missachtet alle Regeln der Gewaltenteilung; er negiert Gerichtsurteile. Angesichts der Manipulation von Wahlkreisen und der Erschwernis der Stimmangabe für vermutlich demokratisch wählende Bürger fürchte ich, dass schon bei den Midterm- Wahlen keine fairen Verhältnisse gegeben sind, die einen Sieg der Demokraten ermöglichen. Der wird nur stattfinden, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse für die Amerikaner eindeutig verschlechtert haben.

Im Moment hat seine Zollpolitik die Inflation etwas erhöht, aber gleichzeitig investieren immer mehr ausländische Firmen Milliarden in den USA. Zum Taiwanesischen Chiperzeuger TSMC oder den Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis gesellte sich neuerdings der Autokonzern Stellantis, der aus den US-Firmen Jeep und Chrysler, aber auch den europäischen Firmen Fiat und Ferrari sowie Citroen und Peugeot besteht und 21 Milliarden Euro in den USA investieren will. Die Gewerkschaft UAW, die nicht nur die Arbeitskräfte der Autoindustrie, sondern auch der Luftfahrt- und der Landmaschinenindustrie vertritt und und damit eine der größten der USA ist, erklärt, dass mittlerweile außer Zweifel stünde, dass Trumps Zölle zu einer Stärkung der traditionellen US- Industrie geführt haben. Es bleibt verfehlt, seine Wirtschaftspolitik nur unter dem Gesichtspunkt zu sehen, dass sie Österreichs und Deutschlands Auto- und Zulieferindustrie in Verlegenheit bringt. Denn es gibt eben wirklich die Problematik, dass voran deutsche Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöht haben, indem sie ihren Arbeitskräften Löhne bezahlen, die nicht der erhöhten Produktivität entsprechen.

Ein US-Präsident, der anders als Trump, nicht nur energisch, sondern auch vernünftig ist, hätte dieses Problem mit der EU besprochen und einen für alle Seiten vorteilhaften Kompromiss gefunden, es zu lösen. Statt der Zollkeule hätte der Dollar gegenüber dem Euro noch mehr als derzeit abgewertet und damit wären US- Exporte in die EU in dem Maße leichter geworden, in dem EU- Exporte in die USA schwieriger geworden wären. Nur gegen einige Länder, Deutschland, die Länder Skandinaviens oder die Schweiz, die sich durch permanente Lohnzurückhaltung auszeichnen, wären Zölle wahrscheinlich unvermeidbar gewesen. (Dass Zölle manchmal unvermeidbar sind, sehen mittlerweile auch die Europäer und führen sie selbstverständlich gegenüber China ein.)

Schließlich ist auch Trumps Bemühen, Ausländer ohne entsprechende Arbeitsbewilligung in ihre Heimat abzuschieben, nicht absurd: Die USA haben ein enormes Problem mit der massiven anhaltenden Zuwanderung aus Lateinamerika. Nur dass Trump einmal mehr nicht Maß zu halten und überlegt vorzugehen vermag: Derzeit geht die von ihm zu diesem Zweck geschaffene Behörde ICE auch gegen dringend benötigte Landarbeiter oder von der Industrie durchaus benötigte Mitarbeiter vor.

Trump, wenn er vernunftbegabt wäre und konsistent agierte, könnte ein herausragender US-Präsident sein – so bleibt er ein lebensgefährliches Risiko für sein Land.

 

 

 

Weiterlesen

War es das Ende der Rezession?

Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) und Institut für höhere Studien (IHS) halten Österreichs Rezession in ihren jüngsten Prognosen für überwunden.

Das WIFO erwartet für 2025 beim Wirtschaftswachstum ein Plus von 0,3 Prozent und glaubt, dass die Wirtschaft 2026 um 1,1 Prozent wachsen wird, das IHS erwartet, dass die Wirtschaft heuer um 0,4 Prozent und 2026 um 0,9 Prozent wachsen wird. Als Grund für die Anhebung der Wachstumszahlen verweisen sie auf die veränderte Datenlage: Laut Statistik Austria war der Zustand der österreichischen Wirtschaft schon im ersten Quartal besser als vermutet und hat dank erhöhten Konsums Wachstum ermöglicht. Das Phänomen bleibt leider zwiespältig, denn gegenüber Deutschland bleiben Österreichs Löhne weiterhin überhöht, weil dort eine weit geringere Steigerung stattgefunden hat. Dass die Institute die Zukunft neuerdings dennoch positiv sehen, begründen sie auch mit der veränderten internationalen Lage, auch wenn sie ihre Prognose diesmal mit einer Menge Fragezeichen versehen, denn 2023 und 2024 haben sie sich mit ähnlich positiven Prognosen gründlich geirrt.

Worin bestehen die internationalen Veränderungen?

  • Die EZB hat ihren sinnlos harsch erhöhten Referenzzinssatz mittlerweile gesenkt und das sollte der gesamten Wirtschaft, voran der Baukonjunktur zugutekommen. Da Österreich mit der STRABAG einen der größten Baukonzerne Europas beherbergt, sollte das für uns von besonderem Vorteil sein.
  • Die deutsche Regierung hat endgültig beschlossen, den Gemeinden 100 Milliarden Euro zur Verbesserung ihrer Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Da es sich dabei voran um Straßen und Bauwerke handelt, sollten STRABAG und Porr davon abermals überproportional profitieren.
  • Die Barriere für den Export in die USA besteht nicht nur aus 15 Prozent Zoll auf alle Waren und 50 Prozent Zoll auf Stahl, sondern aus zusätzlichen 10 Prozent, um die sich der Euro mittlerweile gegenüber dem Dollar verteuert hat. Wie sehr das unseren US-Exporten schadet, ist derzeit nicht abzuschätzen – gering wird der Schaden nicht sein, denn etwa VW hat mittlerweile bereits 10 Prozent seines US-Absatzes eingebüßt und unsere Zulieferer verlieren entsprechend mit. Als einziger Vorteil verbleibt uns, dass die meisten unserer Exportgüter Marktnischen bedienen und dass die VOEST eigene Aanlagen in den USA besitzt, deren Produktion sie ausweiten kann.
  • Da Österreichs Konjunktur so sehr von der Entwicklung Deutschlands abhängt, bleibt entscheidend, wie es mit der deutschen Rezession weitergeht. Die deutsche Automobilindustrie ist trotz ihrer aktuellen Schwierigkeiten nicht chancenlos: Auch E- Autos bestehen ja nicht nur aus Batterien, sondern aus zahllosen Teilen, die in Deutschland immer hervorragend gefertigt wurden. So konnte VW seinen Absatz von E-Autos trotz Verlusten in den USA und in China steigern, weil die Markentreue in Europa extrem hoch ist. Aber die überragenden Gewinne, die Deutschlands Schlüsselindustrie bisher abgeworfen hat, wird es nicht mehr geben und die Zahl der Beschäftigten wird sich deutlich verringern, weil E-Autos nicht zuletzt auch einfacher zu fertigen sind. Schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland stark gestiegen und das ist budgetär doppelt fatal: Das Steueraufkommen verringert sich, während das Ausgaben für Arbeitslose steigen. Wohin das führt, wenn es anhält, kann man in Frankreich beobachten, das dank der deutschen Billigkonkurrenz immer mehr Marktanteile verlor und damit immer mehr Arbeitslose zu versorgen hatte.

Bisher verloren in der deutschen Auto-Industrie 50.000 Menschen ihre Arbeit und Bosch, Continental und ZF haben ähnlich viele Kündigungen angekündigt. In Österreich sollte man daher mit dem üblichen Zehntel solcher Kündigungen rechnen. Betroffen scheint mir voran Magna, das bisher Autos für BMW, Mercedes und Toyota fertigte und meines Wissens derzeit nur kleine neue Aufträge aus China hat, um diese Großaufträge allenfalls zu ersetzen. Während Deutschland einen Teil der frei gewordenen Kapazitäten der Autoindustrie und ihrer Arbeitskräfte dazu nutzen kann, Panzer und Geschütze zu produzieren, ist das neutrale Österreich diesbezüglich gehandicapt.

Österreichs größtes Handicap ist freilich, dass der Staat zusätzliche Einsparungen vornehmen soll, statt das Wirtschaftswachstum durch staatliche Investitionen anzukurbeln. Es muss darauf hoffen, dass es von einem Aufschwung Deutschlands profitiert, das dieses Problem nicht zu haben scheint, billigt ihm die EU doch nicht nur zu, 500 Infrastrukturmilliarden auszugeben, sondern dazu im Wege eines Sondervermögens in zehn Jahren tausend Milliarden in Aufrüstung zu investieren, so dass es heuer scheinbar zusätzliche 200 Milliarden investieren kann. Nur dass Deutschlands Konsumenten und Unternehmen heuer 350 Milliarden sparen, das heißt nicht investieren. Bleibt also eine Investitionslücke von 150 Milliarden. Schon jetzt hat Deutschlands Wirtschaft daher wesentlich weniger Auftragseingänge und ist ein Ende der deutschen Rezession nicht abzusehen. Die von Friedrich Merz geführte Regierung aus CDU-CSU und SPD will daher dringend Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, obwohl die schon jetzt so groß ist, dass es allen anderen Staaten Märkte abgejagt und Trumps Zölle herbeigeführt hat. Ich glaube leider nicht, dass diese Politik zu einem guten Ende führt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen