Dass Donald Trump Zölle nicht dekretieren durfte, zwingt, sie betroffenen US-Firmen zu ersetzen. Dieses Geld fehlt für Steuersenkungen. Trumps Midterm-Chancen schwinden.
„Donald Trump könnte vor seiner größten Niederlage stehen – oder der Supreme Court vor dem größten Rechtsbruch der US-Geschichte“, schrieb ich hier im September vorigen Jahres, „denn das Argument, dass das 1,2 Billionen Dollar Leistungsbilanzdefizit der USA einen Notstand darstellt, der ihm erlaube mit Dekreten zu regieren, ist grotesk. Es gibt ein solches Defizit seit drei Jahrzehnten und vier Präsidenten, ohne dass selbst Trump in seiner ersten Amtszeit von einem Notstand gesprochen hätte.“
Freitag voriger Woche hat Trump seine größte Niederlage endlich tatsächlich erlitten, denn der Supreme Court hat den größten Rechtsbruch der US-Geschichte vermieden: Er hat, im Wesentlichen mit dieser für jeden Juristen stets klaren Begründung, ein Urteil bestätigt, mit dem ein Gericht für internationalen Handel schon vor Monaten auf Grund der Klage betroffener Firmen entschieden hatte, dass Trump damit seine Befugnisse überschritten hat, weil die Verhängung von Zöllen Sache des Parlaments (des Congress) ist. Konkret aufgehoben wurden, neben den weltweiten Zöllen, die Trump mit dem Handelsbilanzdefizit begründet hat, auch die Zölle gegen Mexiko, Kanada und China wegen angeblichen Drogenschmuggels.
Der „Tag der Befreiung“, an dem Trump, wie Moses mit einer riesigen Tafel in der Hand, seine Zolloffensive verkündet hat, wurde zum Tag seiner Entlarvung als Scharlatan.
Wie zu erwarten, schäumt er und nennt die Höchstrichter „Narren“, die die Interessen des Landes verrieten und jemandes „Schoßhunde“ wären. Besonders wütend ist er, dass neben den vier liberalen Mitgliedern des Supreme Court ausgerechnet die beiden Richter das Urteil ermöglich haben, die er ernannt hat. Er irrte, als er glaubte, dass Richter, die die Abtreibung für Mord halten, (so unsinnig das in meinen Augen auch ist) zu seinen Vollzugsgehilfen würden – das Gegenteil war der Fall. In Wirklichkeit ist erschütternd, dass das Votum des Supreme Court nur mit sechs zu drei Stimmen zu Stande kam, denn neun zu null Stimmen wären das einzig Angemessene gewesen. Die Besetzung des Supreme Court braucht unverändert die von den Demokraten schon lange geforderte Reform.
Bekanntlich hat Trump sofort angekündigt, auf Basis einer anderen gesetzlichen Grundlage – Abschnitt 122 des Trade Expansion Act, nunmehr Zölle von 15 Prozent auf alle importierten Waren zu dekretieren. Auch dabei geht es um Zölle, die sich gegen ein bedrohliches Handelsbilanzdefizit richten, das freilich konkreter definiert ist, und einmal mehr ist fraglich, ob diese Bedrohung vorliegt. Vor allem aber ist die ergriffene Maßnahme mit 150 Tagen begrenzt und setzt eigentlich zumindest eine interne Diskussion voraus. So hat Trump die Zölle gegen Stahl und Aluminium, Autos und Autobestandteile auf dieser Basis verhängt und vorerst gelten sie, wie der neu verhängte 15 Prozent-Zoll auf alle Importe weiter. Der mit der EU vereinbarte Zoll von 15 Prozent ist mit dem Urteil zwar wie die gesamte Vereinbarung hinfällig, aber die 15 Prozent bleiben gleich. Und zumindest dürfte Trump in Zukunft darauf verzichten, Staaten Zölle anzudrohen, die seinen Anspruch auf Grönland bestreiten, ihm wie Norwegen den Friedensnobelpreis nicht verliehen oder wie Brasilien seinen Freund Jair Bolsonaro verurteilt haben. Die Androhung von Zöllen als Mittel der Erpressung dürfte ein Ende finden. Seinem krankhaften Größenwahn wurde eine rechtliche Grenze gesetzt – wie weit er sie beachtet, bleibt ungewiss. Es gibt den köstlichen Cartoon, in dem Sigmund Freud Trump frägt, seit wann er um seine große Überlegenheit weiß und der antwortet: „Seit ich Himmel und Erde geschaffen habe.“
Auch das reale, von seinem Treasury Department aufgeworfene Problem, dass europäische Waren so konkurrenzlos billig sind, weil sie im Schlepptau Deutschlands zu Lasten der Arbeitnehmer zu Dumpinglöhnen produziert werden, wird Trump in Zukunft zivilisierter lösen müssen: entweder, indem er mit der EU darüber verhandelt – auch wenn es der schwerfällt, auch eigene Fehler zu erkennen – oder, indem er der Empfehlung besserer Ökonomen folgt, den Dollar gegenüber dem Euro abwerten zu lassen. Das tut er seit zwei Monaten und der Dollar hat gegenüber dem Euro bereits um 12 Prozent abgewertet – entsprechend leichter fallen den USA Exporte in die EU, während der EU Exporte in die USA schwerer fallen.
Zölle könnte Trump nur mehr dann rechtmäßig einheben, wenn die Welthandelsorganisation WTO weiterhin ein Ungleichgewicht zu Lasten der USA sieht, und wenn der Congress es beschließt. Im Moment kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass Trump dort nach den Midterm-Wahlen weiterhin eine Mehrheit hat. Denn vorerst hat das größte Genie auf Erden mit banalen Problemen zu kämpfen: Rechtlich scheint klar, dass die Unternehmen, die Zölle entrichten mussten, diese vom Staat zurückfordern können und dabei geht es um Abermilliarden, mit denen Trump eigentlich die Steuersenkungen seiner „Big Beautyful Bill“ finanzieren wollte. Kann er seine diesbezügliche Versprechen nicht erfüllen, so müssen die Amerikaner all die Güter, die sich durch seine Zölle verteuert haben und weiterverteuern, mit ihren aktuellen Einkommen kaufen – und die Inflation war schon bisher hauptverantwortlich für die schlechten Umfragewerte der Republikaner.
Ehe man sich zu früh freut, sollte man für möglich halten, dass Trump einen Weg findet, die Midterm-Wahlen abzusagen.