Korruption ist nur Ungarns augenfälligstes Problem. Die viel größere Herausforderung für den neuen Staatschef Péter Magyar ist Ungarns mangelnde Wettbewerbsfähigkeit.
Viktor Orbans Wahldebakel zählt zu den raren positiven politischen Veränderungen der Gegenwart, denn es stärkt die EU erheblich. Ich gehe davon aus, dass sich auch Ungarns Verhältnis zu Österreich trotz des burgenländischen Asbest-Schotter erheblich verbessern wird.
Die augenfälligste Ursache für Orbans Verluste war zweifellos die extreme Korruption in seiner engsten Umgebung. Aber die gab und gibt es auch in der engsten Umgebung Donald Trumps – ohne vergleichbare Folgen. Denn die USA funktionieren trotz Korruption ökonomisch blendend. Ungarn hingegen wurde unter Orban bei blühender Korruption heruntergewirtschaftet. Irgendwann hat diese Kombination Orban trotz gelenkter Propaganda und eines, die stärkste Partei massiv fördernden Wahlrechts die Mehrheit gekostet und Péter Magyars Partei TISZA eine Zweidrittelmehrheit beschert. Er wird sie nachhaltig nutzen müssen, damit der ungarische Frühling nicht vergeht. Denn Ungarns wirtschaftliche Probleme sind tiefgreifend und hängen nicht nur mit Orban, sondern mit Schwierigkeiten zusammen, denen alle armen Länder mit ihrem Beitritt zur EU ausgesetzt sind.
Mit der ersten dieser Schwierigkeiten war schon Orban konfrontiert, und dass er sie meisterte, war Ursache seiner anfangs großen Beliebtheit: Westeuropas Banken, die durch die Grundfreiheiten der EU im ex-kommunistischen Osteuropa agieren konnten, nutzten die wirtschaftliche Unerfahrenheit der Bevölkerung, indem sie ihr massenweise Franken-Kredite verkauften, ohne aufs zugehörige Risiko hinzuweisen. Als der Franken aufwertete, gerieten Abertausende Ungarn prompt in größte finanzielle Bedrängnis. Orban erlöste sie, indem er die Banken erfolgreich zwang, die Frankenkredite zu ihren Lasten zu verbilligen.
Der Glaube an Milch und Honig
Andere Probleme, die so gut wie alle armen Staaten erleben, die neu zur EU kommen, habe ich in Spanien erlebt: Die Menschen waren der Meinung, von nun an fließe Milch und Honig. Alle Waren verteuerten sich sofort, schon weil hohe Peseten-Preise in Euro soviel niedriger scheinen und kleine Preise selbst in Cent nicht darstellbar sind, so dass sie stets aufgerundet werden. (Auch in Österreich war der Euro deshalb ein Teuro.)
Aber vor allem hatten die Spanier gleichzeitig das Gefühl, sie müssten sofort weit höhere Löhne bekommen. Sie glaubten mir nicht, als ich ihnen sagte, unsere Gehälter wären zwar deutlich, nicht aber so dramatisch höher als die ihren. Jedenfalls setzten die spanischen Gewerkschaften damals Lohnerhöhungen durch, die deutlich über Spaniens dürftiger Produktivität lagen.
Noch massiver, manchmal zweistellig, stiegen mit dem EU-Beitritt die Löhne in ex-kommunistischen Ländern, obwohl sie deren Produktivität noch viel weniger entsprachen.
Ausgehalten haben das nur westeuropäische Unternehmen, die sich neu in diesen Ländern angesiedelt haben und für die ein relativ überhöhter bulgarischer, kroatischer, ungarischer Lohn, absolut gesehen, immer noch ein niedriger Lohn war. Für die die Mehrzahl der einheimischen Betriebe waren die Löhne angesichts der geringen Produktivität aber viel zu hoch und waren und sind daher ein gewaltiges Problem, das gelegentlich absurde Blüten treibt: In Rumänien stellen Betriebe asiatische Gastarbeiter ein, weil die billig genug sind. Nur Polen hat dieses Problem, vermutlich dank vergleichsweise erfahrener Gewerkschaft, halbwegs gelöst – in Ungarn oder Bulgarien ist es aufgebrochen, in Kroatien wird es demnächst aufbrechen, obwohl hohe Fremdenverkehrseinnahmen es dort nicht nur wie in Spanien lindern, sondern vorerst verdecken.
Auch Zuschüsse der EU, wie Viktor Orban sie dank des Zwanges zur Einstimmigkeit gelegentlich zu erpressen vermochte, haben zur Verschleierung solcher gravierender Unternehmensprobleme beigetragen.
Magyars extrem schwere Aufgabe
Péter Magyar steht damit vor einer denkbar diffizilen Aufgabe: er muss seiner Bevölkerung klar machen, dass es ihr trotz des zweifellos verbesserten Verhältnisses zur EU und der Freigabe einbehaltener Gelder finanziell noch lange nicht besser gehen kann, weil die Löhne keinesfalls steigen dürfen. Leider plant er, wie Kroatien, so bald wie möglich, den Euro zu übernehmen und wird darin – leider – von der EU bestärkt, obwohl er sich damit des wirksamsten Mittels zur Verbesserung der ungarischen Wettbewerbsfähigkeit begibt: einer Abwertung des Forint.
Dabei ist diese Aufgabe ohnehin schwer genug: Spekulanten nehmen nämlich (voran in Deutschland) billiges Geld auf und legen es in armen Ländern, die wie Ungarn hohe Zinsen zahlen müssen, gewinnbringend an. Dieser sogenannte „Carrytrade“ wertet den Forint auf, statt ihn abzuwerten. Nur gegen den „Carrytrade“ hätte die sonst so nachteilige Übernahme des Euro freilich geschützt.
Magyar muss also zwischen Szilla und Charybdis manövrieren: Senkt er die Zinsen deutlich, um Carrytrade unattraktiv zu machen und den Forint abzuwerten, so kann die Abwertung einen Inflationsschub auslösen, der die Forderungen nach Lohnerhöhungen befeuert, die er unbedingt vermeiden muss.
Es muss ihm also gelingen, dass sich Gewerkschaft und Arbeitgeber bei Übernahme des Euro einigen, die Nominallöhne so anzupassen, dass Ungarn wieder wettbewerbsfähig ist. Dazu aber brauchen alle Beteiligten – voran die Arbeitnehmer – viel ökonomische Einsicht, denn es kann vorerst sinkende Nominallöhne bedeuten.