Deutschland senkt wieder Löhne – arme EU

Deutschland greift auf Rezepte Gerhard Schröders zurück: niedrigere Löhne sollen wettbewerbsfähiger machen. Doch sie kosten Wachstum: die Deutschen werden mit uns leiden.

Angesichts der anhaltenden Rezession fordert CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann für Deutschland eine Agenda 2030 im Stile des früheren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hat bereits auf dessen Erfolg verwiesen. Der Präsident des angesehenen Kieler Wirtschaftsforschungsinstituts, Alexander Schularik (CDU) weist den Weg: Es gelte auch ohne Lohnausgleich mehr zu arbeiten. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) weiß, wie man das erreicht: der Kündigungsschutz sei zu lockern. Kanzler Friedrich Merz begründet es wie Schröder: Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden.

Dabei hat es den größten Leistungsbilanzüberschuss des Erdballs. (Nur gegenüber China gibt es ein ernsthaftes Defizit, nachdem der deutsche Auto-Export dorthin einbrach. Nur lag das nicht an Deutschlands Löhnen, sondern der verschlafenen Elektromobilität.)

Trotzdem geht die SPD-CDU-Regierung derart energisch daran, Deutschlands Löhne wieder zu senken. Die große Chemiegewerkschaft geht bereits ohne konkrete Forderung in die Tarifverhandlung: Sie will nicht mehr Geld, sondern Beschäftigungssicherung. Die Arbeitgeber bieten eine Null-Lohnrunde an, und die Gewerkschaft wird mit 1,5 Prozent zufrieden sein.

Die historische Agenda 2030 wurde durch das gleiche Verhalten der Gewerkschaft möglich: Von der SPD dominiert, kam sie bekanntlich der Forderung von SPD-Kanzler Schröder nach Wettbewerbserhöhung nach und akzeptierte sein Rezept, die Löhne niedrig zu halten: „Hartz IV“ reduzierte die Unterstützung jedes Arbeitslosen, der nicht sofort einen neuen Job antritt, derart, dass er lieber einen schlechter bezahlten annahm. Heraus kam Deutschlands von mir strapazierte „Lohnzurückhaltung“: Die Löhne stiegen nicht mehr, wie von den Gewerkschaften fast überall weitgehend durchgesetzt, gemäß der „Goldenen Lohnregel“ (Lohnerhöhung = Produktivitätssteigerung + vergangene Inflation), sondern in Deutschland deutlich weniger.

Deutschland fuhr damit damals tatsächlich gut: Da es seine Waren zu Lasten der Gehälter um bald 20 Prozent günstiger erzeugte, nahm es so gut wie allen Ländern Marktanteile weg und erzielte so Rekordüberschüsse. Freilich zwingend zum Nachteil der vielen Länder, denen es die Arbeitslosigkeit und die Defizite bescherte, die es damit selbst vermied.

Das wird jetzt von Neuem passieren und ich halte es für eine existentielle Gefahr:

1) Deutschland war und ist nicht nur die größte, sondern auch eine der produktivsten Volkswirtschaften der EU, kann sich also die höchsten Löhne leisten, ohne dass seine Lohnstückkosten nicht mehr konkurrenzfähig wären. Wenn ausgerechnet Deutschland seine Löhne neuerlich nach unten korrigiert, muss das Lohnniveau auch in allen anderen EU-Ländern neuerlich sinken, denn sie können unmöglich höhere Lohnstückkosten als ihr meist größter Handelspartner und immer größter Konkurrent haben. Das schon seit 2000 sinkende Lohnniveau – selbst in Österreich und Deutschland erlitten die untersten 15 Prozent der Bevölkerung Reallohnverluste und wuchs die Zahl der Armutsgefährdeten – muss noch mehr Angst und Wut erzeugen: FPÖ oder AfD werden so noch mehr wachsen.

Frankreichs oder Italiens Krisen haben zwar viele Ursachen, aber die zentrale ist unverändert, dass ihnen Deutschland besonders massiv Marktanteile weggenommen und Arbeitslosigkeit beschert hat. Italien hat schon eine faschistoide Regierung, Frankreich wird sie demnächst haben.

  • Das Absenken des Lohnniveaus geht zwingend mit sinkender Kaufkraft einher.
  • Die von der Kaufkraft abhängige „Nachfrage“ ist aber entscheidend dafür, dass mehr Güter und Dienstleistungen gekauft werden.
  • Das Wirtschaftswachstum bleibt daher bei niedrigen Löhnen niedrig, so dass die EU immer weiter hinter USA und China zurückfällt.

2) Weil die Nachfrage in der EU so dürftig ist, muss sie so sehr exportieren und hatte vor Trumps Zöllen gegenüber den USA einen Leistungsbilanzüberschuss von 200 Milliarden Dollar, von dem Deutschland 80 Milliarden unmittelbar verantwortete. Deshalb hat schon Barack Obama Zölle angedacht, hat Joe Biden US-Waren gegenüber EU-Waren steuerlich begünstigt und hat Donald Trump tatsächlich (auf ungeschickte, auch selbstbeschädigende Weise) denkbar schmerzhafte Zölle verhängt, die Deutschlands Überschuss auf 45 Milliarden Dollar sinken ließen. Es kann noch schlimmer kommen. Von den USA und kranken, sparenden EU-Staaten wird Deutschland diesmal kaum Aufträge bekommen.

  • Weil die EU-Industrie so sehr vom Absatz außerhalb der EU abhängt, will sie Mercosur. Das ist für sich nicht schlecht – nur sollte sie dazu nicht gezwungen sein.
  • Das ist sie aber, weil die Kaufkraft ihrer Bevölkerung so viel weniger als die der USA ausreicht, die Mehrheit der von ihr erzeugten Waren selbst zu kaufen.

3) Die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre begann damit, dass in ganz Europa und den USA die Löhne verfielen; erst danach kamen Bankenpleiten. Die durch die Löhne bewirkte „Nachfrage“ ist für eine funktionierende Wirtschaft nämlich nötiger als das Angebot – wo nichts nachgefragt würde, brauchte nichts angeboten (produziert) zu werden. John M. Keynes hat daher gefordert, dass der Staat Nachfrage und Beschäftigung aktiv erzeugen muss, wenn die Wirtschaft schwächelt. Und das wird sie in der EU mit neuerlicher Lohnzurückhaltung und Austerity-Pakt noch mehr als schon bisher.

Deshalb schreibe ich wieder und wieder dagegen an.

 

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Trump und Deutschland erzwingen Mercosur

Die Zollbarrieren der USA und die dank Deutschland geringe Kaufkraft der Europäer zwingen dazu, immer mehr Produkte in fernen Märkten abzusetzen. Zu Lasten des Klimas.

Nach 25 Jahren Verhandlungen steht das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Bolivien) vor dem Abschluss, weil Europas Industrie nach der Zoll-Barriere, mit der Donald Trump ihre Exporte in die USA erschwert, neue Absatzmärkte braucht. Die qualifizierte Mehrheit im EU-Rat kam bekanntlich am 9. Jänner zustande, nachdem Italien ins Lager der zustimmenden Staaten gewechselt ist, das, von Deutschland angeführt, trotz eines starken Agrarsektors auch das bevölkerungsreiche Spanien umfasst. Die agrarisch stärksten EU-Länder Frankreich und Polen sind, bisher vergeblich, bei ihrer Ablehnung von Mercosur geblieben, auch wenn es noch die Hürde des EU-Parlament noch nicht genommen hat.

Dass die Abstimmung zwar nicht völlig, aber doch in hohem Ausmaß mit der Stärke des Agrar- Sektors korreliert, verwundert wenig, machen die wichtigsten Exportprodukte Südamerikas Soja und Fleisch doch vergleichbaren Produkten aus Polen oder Frankreich Konkurrenz, während Deutschland, Skandinavien oder Holland, wo man Geld fast nur mit Technologie verdient, diese Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen. Auch in Österreich macht man weit mehr Geld mit Technologie als mit Agrarprodukten, aber die Bauern haben traditionell überdimensionalen politischen Einfluss und dass „ausländisches“ Fleisch, wie schon das „Chlorhuhn“, noch dazu gesundheitsschädlich sei, lassen sich Österreicher leichter als andere einreden.

Rein wirtschaftlich bevorzugt „Freihandel“ immer die Technologie-starken Länder. Es war kein Zufall, dass der Brite David Ricardo (1772-1823) den Freihandel ökonomisch begründet hat: Wenn Portugal dank seines Klimas den besten Wein und England dank seiner Manufakturen das beste Tuch produziere, dann sei es verfehlt, den gegenseitigen Austausch durch Zölle zu behindern. Weil die Produktivität in der Technik freilich viel stärker als in der Landwirtschaft zugenommen hat, boten technisch gefertigte Produkte, wie die Briten sie schon damals weit vor den Portugiesen herstellten, stets die höheren Gewinnmargen. Das technologiestarke Europa, zu dem Österreich weit vorne zählt, wird von Mercosur also jedenfalls mehr als das agrarstarke Südamerika profitieren.

Auch das wichtigste aktuelle Argument, mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman für „Freihandel“ plädiert, begünstigt Technologie-Exporte: Nur Freihandel, so argumentiert er, ermöglicht die großen Serien, die am meisten zur Verbilligung technischer Produkte beitragen. Allerdings hat ein anderer Nobelpreisträger, der Schwede Bertil Ohlin schon 1931 darauf hingewiesen, dass „Freihandel“ zwangsläufig mit Nachteilen für die Bevölkerungsgruppe verbunden ist, die Produkte herstellt, die durch Zoll-freie Importe verbilligt werden. Österreichs Bauern leiden ebenso zwingend durch den Import südamerikanischen Fleischs, wie Südamerikas Industriearbeiter unter der Konkurrenz preisgünstiger Industrieprodukte aus Europa.

Auf beiden Seiten kann man diesen zwingenden Nachteil allerdings wettmachen, indem man die Betroffenen wirtschaftlich entsprechend unterstützt, was in der EU einmal mehr viel leichter als in Südamerika ist: Die EU-Agrarwirtschaft ist seit jeher eine stark regulierte, die die Bauern unterstützt – man muss diese Unterstützung nur entsprechend erhöhen. Gleichzeitig verbilligt Mercosur zum beiderseitigen Vorteil bei uns Fleisch und in Südamerika Autos. Diese Vorteile jedes Freihandels sind unbestreitbar.

Freilich auch gewisse Nachteile: Auch für Europa war es während der Pandemie nachteilig, dass manche medizinische Produkte nur mehr in China und Indien hergestellt wurden. Mercosur darf sicher nicht dazu führen, dass Europa seine Nahrungsmittelproduktion so sehr reduziert, dass es sie in kritischen Zeiten nicht wieder ausreichend hochfahren kann – nur ist das konkret nicht entfernt der Fall.

Auch die von Greenpeace gegen Mercosur vorgebrachten Einwände scheinen mir dürftig: Die Sorge, dass mehr Fleischexporte zu noch mehr Rodung des Regenwaldes führten, wird dadurch stark relativiert, dass Fleisch voran aus Argentinien kommt. Dass dieses Fleisch durch Pestizide und Hormone mehr als unseres belastet wäre, stimmt schon für Argentiniens aktuelle Exporte nicht. Die Sorge, dass mehr PKWs in Südamerika den Klimawandel befördern, nimmt sich seltsam aus, wenn man bedenkt, dass man dort mit Rapsöl schon jetzt „grüner“ als in der EU, wenn auch zu Gunsten einer Monokultur, fährt. Mein gravierendster Einwand gegen weltweiten Freihandel hängt dennoch sehr wohl mit dem Klimawandel zusammen: Weltweiter Freihandel erfolgt voran mittels riesiger Containerschiffe, deren gewaltige Motoren besonders viel klimaschädliches Schweröl verbrennen.

In Summe scheint es mir sehr schwierig, Vor- und Nachteile des Freihandels gegeneinander abzuwägen. Aber im Gegensatz zu den USA ist die EU zu dieser Abwägung gar nicht in der Lage: rund 50 Prozent ihres BIP hängen vom Außenhandel und damit stark vom Freihandel ab, während es bei den USA nur 10 Prozent sind. Denn anders als in der EU, die dem Lohndruck Deutschlands ausgeliefert ist, werden Arbeitnehmer in den USA so gut bezahlt, dass ihre Kaufkraft ungleich eher als in der EU dazu ausreicht, die eigene Produktion aufzukaufen. Europa, so wie es derzeit wirtschaftlich organisiert ist, muss Mercosur haben, um nach den Zollbarrieren der USA eine Krise zu vermeiden.

 

 

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Der Grundsteuer-Stumpfsinn der ÖVP

Nur ein Land innerhalb der OECD hat niedrigere Grundsteuern als Österreich. Dafür haben viele Länder vernünftiger Weise niedrigere Lohn- und Einkommenssteuern.

In der Regierung herrscht Uneinigkeit bezüglich einer möglichen Anhebung der Grundsteuer. Sie verläuft ausnahmsweise nicht völlig entlang der Parteilinien, denn da es voran die Gemeinden sind, die mit dieser Steuer Aufgaben wie Kinderbetreuung, Pflege und Straßenerhaltung finanzieren, streben auch VP-geführten Gemeinden eine Anhebung an. Die Entscheidung hakt dennoch an VP- Bundeskanzler Christian Stocker, der seinen Widerstand damit begründet, dass auf diese Weise die Preise für Wohnungen stiegen. Diese Begründung ist, wie alles, was die ÖVP im Zusammenhang mit Vermögensteuern von sich gibt, falsch: Extrem niedrige Grundsteuern wie in Österreich erlauben es, Baugrund zu horten und erst im Augenblick seines maximalen Preises für Verbauung zu verkaufen. In den USA mit ihren hohen Grundsteuern ist das ausgeschlossen: Man muss ein Grundstück sofort verkaufen oder verbauen, was Wohnungen, außer in New York, erstaunlich preiswert macht. Es ist dies der Grund dafür, dass diese Steuer ökonomisch so sinnvoll ist: Sie zwingt dazu, dass in Grund und Boden angelegtes Vermögen nicht, wie in Österreich, ruht, sondern arbeitet.

Die Unterschiede in der Höhe der Grundsteuern sind gewaltig:  In den USA machen sie 10 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus, in Großbritannien 8 Prozent. Innerhalb der EU haben Frankreich (4,4 Prozent), Griechenland (3,7 Prozent) und Belgien (3 Prozent) den größten Anteil des Steueraufkommens aus Steuern auf Grund und Boden. Österreich liegt mit 0,46 Prozent am vorletzten Platz der OECD-Länder. Dabei gibt es noch eine charakteristische Besonderheit: Die Kirche, als Österreichs zweitgrößter einzelner Grundbesitzer, zahlt gar keine Grundsteuern, was Stifte und Klöster nicht daran hindert, die Pacht für ihre Grundstücke mit der Inflationsrate zu erhöhen, wobei es im Vorjahr um 9 Prozent ging. Ansonsten zählen Adelige und Industrielle, vielfach auch aus Deutschland, zu Österreichs größten Grundbesitzern und kommen damit in den Genuss unserer minimalen Grundsteuer – mehr kann man denen, die sowieso reich sind, nicht unter die Arme greifen.

Selbst der nicht gerade sozialdemokratisch dominierte ORF machte zuletzt in der Zeit im Bild anschaulich klar, wie lächerlich gering Österreichs Grundsteuern sind, indem er sie grafisch für ein Einfamilienhaus im Verkehrswert von 500.000 Schilling den Grundsteuern anderer Länder gegenüberstellt: Zahlt man in Österreich 226 Euro, so sind es in Deutschland 550 Euro in der Schweiz 2.000, in Großbritannien 5.200 und in den USA 15.000 Euro. In all diesen Ländern müssten Ökonomen und Politiker also schwachsinnig sein, wenn sie Grund und Boden bis zu 66-mal höher als Politiker und Ökonomen der ÖVP besteuern.

Ich habe die Steuerpolitik der ÖVP bisher immer nur „widersinnig“ genannt – aber das ist nicht das richtige Wort: Es ist eine grobe Untertreibung. Denn natürlich müssen, wenn die Grundsteuern so viel niedriger sind, andere Steuern so viel höher sein. Und das sind die Lohn- und Einkommenssteuern, also die Steuern, die die Arbeit, und damit den zentralen Motor der Volkswirtschaft zur Schaffung von Wohlstand, belasten.

Wer das nicht versteht, ist schlichtweg dumm. Dazu zählen natürlich die Spitzen der FPÖ, die sich grundsätzlich gegen vermögensbezogene Steuern ausgesprochen haben. Aber ich will einfach nicht auch die Spitzen der NEOS dazu zählen, die das derzeit auch tun. Denn immerhin hat Obfrau Beate Meinl Reisinger einmal gesagt, sie könnte sich höhere Vermögensteuern – zu denen neben den Grundsteuern voran Erbschafts- und Schenkungssteuern zählen, dann vorstellen, wenn man die Einkommensteuern senkte – aber sie hat das nie wiederholt und von anderen NEOS-Granden ist nie Vergleichbares gekommen.

Derzeit können sich die NEOS immerhin vorstellen, dass es zu der voran von der SPÖ geforderten „Anhebung“ der Grundsteuern kommt, wobei sie freilich eine sehr geringe wäre: Die Gemeinden haben das Recht, die sogenannten „Hebesätze“ zu verändern, mit der sie die Grundsteuer maximal verfünffachen könnten. Sie betrüge dann für das zitierte Einfamilienhaus im Verkehrswert von 500.000 Euro immerhin 1.130 Euro und wäre damit noch immer weit niedriger als in der Schweiz, wo die Einkommenssteuern freilich weit niedriger als in Österreich sind.

Im Durchschnitt nehmen Europas führende Industrieländer fast fünfmal so viel aus Grundsteuern ein wie Österreich – Großbritannien sogar das 14-Fache. Eine Anpassung Österreichs an internationale Niveaus ermöglichte daher beträchtliche Mehreinnahmen. Bei einer Anhebung auf den EU-Durchschnitt wären es rund 2,3 Milliarden Euro, bei einer Anhebung auf den Durchschnitt der OECD etwa 3,6 Milliarden. Eine Orientierung am dänischen Niveau, so erhob das Momentum-Institut, entspräche einem Einnahmenplus von 4,7 Milliarden Euro, am französischen sogar 8,2 Milliarden Euro.

Höhere Vermögenssteuern sind im Übrigen die einzige Möglichkeit, Österreichs Budget im Rahmen des laufenden Defizitverfahrens ohne größere Wachstumseinbußen näher an die EU-Vorgabe heranzuführen, denn hier würde voran gespartes Geld der Konsumenten aktiviert und bekanntlich braucht es zum Wirtschaftswachstum, dass entweder die Konsumenten oder die Unternehmen oder der Staat (oder ausländische Staaten) mehr als bisher ausgeben. Höhere Vermögensteuern böten die Möglichkeit, den EU-Schwachsinn, keine höhere Verschuldung des Staates zu dulden, zumindest zu entschärfen.

 

 

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Ein wahres deutsches Schicksal? 

Ausnahmsweise eine Empfehlung, die auch der Kurier schon gegeben hat : „Ein deutsches Leben“ im Theater in der Josefstadt ist eine großartig  gelungene Auseinandersetzung mit Problemen der „Vergangenheitsbewältigung“. 

Das Thema: Was man vom größten NS-Verbrechen  wissen konnte oder wissen musste. Abgehandelt wird das an Hand diverser Interviews der mit 103 Jahren verstorbenen Sekretärin von Joseph Göbbels, Brunhilde Pomsel, die scheinbar an der Quelle saß und behauptet, nichts gewusst zu haben. Text des Stückes ist ein Zusammenschnitt der Interviews.  Wie Lore Stefanek ihn  spricht,  ist sensationell – ich habe nie Besseres gesehen. Die Inszenierung von Andrea Breth, in der Lieder aus der Zeit und Pantomime eine unterstützende Rolle spielen, ist erwartungsgemäß hervorragend. Dass mein Enkel Noah eine winzige Rolle als einziger Bub unter den sechs ermordeten Göbbels-Kindern spielt, darf mich nicht hindern, Lore Stefaneks zweistündigen Monolog anzupreisen, um danach zu rätseln, ob sie die Wahrheit sagt.

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Das ausrechenbare Budget-Fiasko

Nur wirtschaftlich Ahnungslose konnten glauben, dass Markus Marterbauer mit der von der EU verordneten Politik wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

 Seit voriger Woche herrscht helle Aufregung über Österreichs höher als angenommenes Budgetdefizit. Statt bei 4,5 liegt es bei 4,9 Prozent und die endgültigen Zahlen könnten noch schlechter ausfallen. „Wie konnte das sein?“ fragt Andras Szigetvari im Standard, setzt sich aber nur mit dem zu späten Erkennen der Überschreitung auseinander: Bundesländer und Gemeinden hätten ihren erhöhten Abgang zu spät erkannt und erst jetzt gemeldet.

Auch „Schuldige“ suchen die Medien. Ich hatte gefürchtet, die Kritik würde voran Finanzminister Markus Marterbauer treffen, so ungerecht das wäre, lässt die EU ihm doch keine Wahl – aber zu meiner Überraschung traf sie voran die Finanzverwaltung, die nicht früher Alarm geschlagen hat. Am Tatbestand des Misslingens der Sanierung ändert das freilich nichts.

Dabei ist die Erklärung dieses Misslingens denkbar einfach: Die Mastrichtkriterien, mit denen die EU alle Staaten zum Sparen zwingt, sind widersinnig; und es ist doppelt widersinnig, Staaten, die sie, wie Österreich, nicht einhalten, zu noch mehr Sparen zu zwingen.

Ich habe vorhergesagt, dass das Sparen des Staates die Rezession vertiefen wird und die Aufregung wird noch größer sein, wenn sich herausstellen wird, dass dem so sein dürfte: Die Auftragseingänge für die Industrie sind heuer jedenfalls um 2,3 Prozent geringer als 2024.

Es frustriert, ausgerechnet den Ökonomen der EU ökonomisch Zwingendes klar machen zu müssen: Jemand muss mehr ausgeben, damit mehr produziert und gekauft wird (die Wirtschaft wächst): Konsumenten sparen lieber; Unternehmen sparen seit über zwei Jahrzehnten auch; das Ausland verschuldet sich weniger als bisher für uns. Aber Europas Staaten, die das, wie die USA, mit ihreb Investitionen  ausgleichen müssten, werden durch die Mastrichtkriterien daran gehindert, sich dafür höher zu verschulden.  Obwohl die Behauptung Kenneth Rogoffs, auf denen sie beruhen, spätestens seit Japans Staatsschuldenquote von über 200 Prozent falsifiziert ist: Es stimmt in keiner Weise, dass hohe Staatsschulden Wachstum kosten. Bei Nobelpreisträger Joseph Stieglitz ist seit 2016 in Ziffern nachzulesen, dass die EU sich vor Einführung der Mastrichtkriterien wirtschaftlich besser als danach entwickelt hat. Dem Wirtschaftskreislauf durch Sparen ständig Geld zu entziehen, schwächt ihn und kann zum Kollaps führen, weil nicht stimmt, dass mehr Gespartes mehr Investitionen bewirkt.

Marterbauer weiß das meines Erachtens – er hat sich geopfert, um das Schlimmste – extremes Sparen – abzuwenden. Aber die durch jedes staatliche Sparen unvermeidliche Beschädigung der Wirtschaft bringt die schwarz-rot-pinke Regierung in eine teuflische Lage: Das anhaltende Totalversagen der EU wird ihr angelastet werden. Die FPÖ, die alles noch viel schlechter machte, baucht nur abzuwarten.

Derzeit wird gerätselt, was es bedeutet, dass die Regierung ihr Ziel verfehlt – ob sie dann strafweise noch mehr sparen muss? Ich kann das beantworten: Österreich ginge bankrott. Von Deutschland dominiert verhält sich die Kommission wie der Präsident des Fiskalrats Christian Badelt, der, statt das staatliche Sparen grundsätzlich abzulehnen, bedauert, dass man seine Warnungen, das Sparziel zu verfehlen nicht befolgt hat. Die Mehrheit deutscher Ökonomen vermag Staatshaushalte nicht anders als aus der Perspektive der schwäbischen Hausfrau zu sehen, für die Sparen die größte Tugend ist. Verknüpft mit dem deutschen Protestantismus ist das zu einer Ideologie geworden, gegen die rationales Denken keine Chance hat.

Dass es Österreich schlecht geht, hängt natürlich auch direkt mit Deutschland zusammen: Die Hoffnung, dass wir von einem deutschen Aufschwung profitieren könnten, war verfehlt. Auch Deutschlands Rezession vertieft sich, obwohl die EU der Regierung gestattet, im Wege eines Sondervermögens jährlich zusätzlich 100 Milliarden für die Sanierung des kaputtgesparten Heeres und weitere 100 Milliarden für die Sanierung der kaputtgesparten Infrastruktur auszugeben. Nur dass dem ein Sparvolumen von 350 Milliarden auf Seiten von Konsumenten und Unternehmen gegenübersteht, so dass es weitere 150 Milliarden brauchte, das auch nur zu egalisieren.

Früher konnte Deutschland das, indem es mit Waren, die es zu Dumpinglöhnen produzierte, andere Europäer, Russen, Chinesen und voran Amerikaner dazu verführte, sich an seiner Stelle zu verschulden. Seit das in viel geringen Ausmaß gelingt, ist das deutsche Mega-Export-Modell nicht mehr tragfähig.

Auch in Deutschland wird Nebensächliches dafür verantwortlich gemacht: Es fehle an Wettbewerbsfähigkeit, obwohl deutsche Waren noch immer besonders preisgünstig sind – statt zu monieren, dass es der Lohnzurückhaltung wegen ab  Kaufkraft fehlt. Oder man beklagt die übergroße Bürokratie, obwohl alle Staaten damit kämpfen. Natürlich funktionierte auch Österreich besser, wenn es den Föderalismus zähmte – vernünftige Sparsamkeit sucht immer nach Gelegenheiten, solche Fehlkonstruktionen zu beseitigen – aber das allenfalls eingesparte Geld wäre an anderer Stelle auszugeben, damit das Gesamtvolumen der Staatsausgaben auf keinen Fall schrumpft. Denn Staatsausgaben, selbst verfehlte, sind immer gleichzeitig Einnahmen der Bürger und der Unternehmen. Auch in Deutschland sucht man zwar zu Recht nach Fehlkonstruktionen, aber sie zu finden ändert nichts am entscheidenden Zusammenhang: Je mehr Geld ein Staat ausgibt, desto besser geht es seinen Bürgern.

 

 

 

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Pensionsfonds wären mehrfach nützlich!

Steuerlich begünstigte Pensionsfonds, die Aktienvermögen schaffen und verwalten, können Pensionen ergänzen und einen wichtigen Beitrag zu nötigen Finanzierungen leisten.

Während meine Generation hofft, dass die Steuern auf Zuverdienste zur Pension sinken, hegt die Generation meiner Kinder die von Konservativen und der Agenda Austria gelegentlich geschürte Befürchtung, dass ihre Pensionen nicht mehr sicher sind. Ich halte das insofern für unbegründet, als Österreichs Pensionssystem, das darauf beruht, dass die jeweils arbeitende Generation im Weg der Pensionsversicherung für die Pensionen der in den Ruhestand tretenden aufkommt, sich bisher als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, auch wenn der Staat dazu einen immer größeren Beitrag aus Steuern leistet. Worin ich mit der Agenda Austria allerdings übereinstimme, ist die Forderung, es, wie in den skandinavischen Ländern, automatisch der höheren Lebenserwartung anzupassen: Es muss sich auf die Höhe der Einzahlungen oder aber der ausbezahlten Pensionen auswirken, wenn die Lebenserwartung um zehn Jahre steigt.

Ansonsten werden wir voran in Deutschland, und da selbst von konservativen Medien, um unser Pensionssystem beneidet: 2022 lag die durchschnittliche Pension in Österreich bei 1.640, in Deutschland bei 1.120 Euro, war also um 47 Prozent höher, was vor allem für Frauen lebenswichtig ist. Zugleich sind diese höheren Pensionen zwangsläufig hauptverantwortlich für unsere ständig kritisierten hohen „Lohnnebenkosten“, die eben voran aus den Beiträgen zur Pensionsversicherung bestehen. Ebenso hauptverantwortlich sind sie dafür, dass unsere „Abgabenquote“ höher als die deutsche ist, während wir die gleiche Steuerquote haben. Die dänische Abgabenquote, so wende ich diesbezüglich ein, war lang die höchste Europas – aber der dänische Staat bietet seinen Bürgern auch größte Sicherheit, und das trägt zweifellos dazu bei, dass sich Dänen bei Befragungen als besonders zufrieden outen und als glücklichste Bevölkerung der Welt gelten. Eine hohe Abgabenquote kann auch Kennzeichen eines perfekten Sozialstaates sein.

Derzeit wird ein angeblich „überbordender Sozialstaat“ von Neoliberalen als in hohem Maße verantwortlich für die dürftige wirtschaftliche Entwicklung Europas diffamiert. In Wirklichkeit liegt ihr zu Grunde, dass die Maastrichtkriterien die Staaten der EU daran hindern, sich wie die USA zu verschulden und auf diese Weise entsprechendes Wirtschaftswachstum zu generieren. „Die Maastrichtkriterien gehören in die Mottenkiste“, hat Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker im Gegensatz zur Agenda Austria als erster heimischer Politiker ausgesprochen und vorerst so vergeblich wie ich gefordert, dass Österreich das in Brüssel anspricht und Verbündete sucht.

Worin ich mit der Agenda Austria hingegen übereinstimme, ist der Nutzen einer zusätzlichen Aktien-finanzierten Säule der Pension – Betonung auf „zusätzlich“. Vorsicht ist deshalb geboten, weil in Ländern, in denen die Aktien-finanzierte Säule eine nicht nur zusätzliche Rolle spielt, in Phasen abstürzender Aktienkurse auch die Pensionen kritisch sanken. Solche Kursstürze sind aber ungleich seltener als steigende Kurse: Auf längere Sicht lohnen Aktien immer – damit auch Fonds, die sie verwalten.

Die ersten Pensionsfonds wurden 1759 in den USA zur Versorgung der Witwen und Waisen von Ministern geschaffen.1875 schuf „American Express“ den ersten Fond eines Unternehmens. Seit 1921werden Einzahlungen in Pensionsfonds steuerlich begünstigt und fast alle großen US-Unternehmen haben sie: sie sind Teil des Entgelts, das ein Unternehmen seinen Angestellten bietet. Weltweit existieren heute rund 46.000 Pensionsfonds – dank der langen Tradition 90 Prozent davon in den USA – und legen gemeinsam rund 24 Billionen Dollar auf den Kapitalmärkten an. In den USA wird der Großteil der Altersvorsorge über Pensionsfonds abgewickelt, aber sie spielen auch eine wichtige Rolle bei der Finanzierung nötiger Großprojekte, aber selbst von Startups. Dank ihrer enormen finanziellen Potenz ist auch ihr internationaler Einfluss gewaltig: Wenn sie Ihr Geld vorrangig in einem bestimmten Land anlegen, ist das von größtem Vorteil für dessen Kapitalmarkt – das ist Teil der US- Weltmacht. Selten aber doch gibt’s das auch umgekehrt: Derzeit droht der niederländische Pensionsfond PME US-Vermögensverwaltern seine Milliarden zu entziehen, wenn sie zu große Nähe zur Trump- Administration aufweisen.

Ich hielte es für sinnvoll, wenn Österreich, ohne das staatliche Pensionssystem anzutasten, einen ähnlich großen Pensionsfonds hätte. Raiffeisen, das einen offenen Pensionsfond hat, hat seine Kunden leider vor allem in Südtirol. Letztlich hängt der Erfolg von Pensionsfonds vom Ausmaß ihrer steuerlichen Begünstigung ab und ich glaube, dass Österreich da etwas tun sollte.

Darüber hinaus glaube ich, dass voran jüngere Menschen lernen sollten, den Kauf von Aktien dem Sparbuch vorzuziehen, auch wenn sie nur kleine Beträge zur Verfügung haben, denn meist kompensieren die Sparbuchzinsen nicht einmal die Inflation. Natürlich kann man sich bei Aktien leichter verspekulieren, aber beim Sparbuch tut man das der Inflation wegen fast ständig. Die meisten Banken helfen beim Aufbau vergleichsweise sicherer Aktienportfolios und es gibt Unternehmen, die jungen Leuten das Management solcher Portfolios zu sehr günstigen Preisen oder sogar gratis anbieten. Natürlich ist immer auch ein gewisses eigenes Wirtschaftswissen von Nöten – deshalb ist es so wichtig, dass Wirtschaft endlich wesentlicher Bestandteil aller Lehrpläne wird.

 

 

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Sommerlich ORF-Plattform für Herbert Kickl

Ein schlecht vorbereiteter Klaus Webhofer bot Herbert Kickl im letzten „ORF-Sommergespräch“ dieses Jahres die ideale Plattform zu einer die Fakten völlig verdrehenden Kritik an der Regierung und ihrem Verhältnis zu Russland. Nachdem er eine Reihe uninteressanter Fragen gestellt hatte, auf die man sich die Antwort Kickls ausrechnen konnte- etwa: wie er damit umgeht, dass er in Umfragen als nicht vertrauenswürdig bezeichnet wird – kam er auf das Thema Inflation zu sprechen, und Kickl konnte dort lang und breit, und vor allem unwidersprochen, ausführen, dass sie darauf beruht, dass Österreich kein russisches Gas mehr kauft, weil es sich in die Sanktionspolitik der EU einbinden ließ. Nicht einmal ansatzweise wendet Webhofer ein, dass die Ursache der Inflation darin zu finden ist, dass Wladimir Putin in Vorbereitung des Ukraine-Krieges gemeinsam mit der OPEC jene Drosselung der Öl- und Gasförderung beschloss, die Energie so teuer machte, dass alles Produzierte sich entsprechend verteuern musste. Die EU hat zwar den Kauf russischen Öls, nicht aber russischen Gases sanktioniert, weil sie weiß, wie abhängig Österreich, Deutschland, aber auch viele andere Staaten davon waren und zum Teil noch sind. Während die EU Putin wegen seines Krieges wie der damit verbundenen Inflation zu Recht ächtet, hat die FPÖ bekanntlich einen nicht aufgekündigten Freundschaftsvertragmit seiner Partei „Einiges Russland“ und sorgt sich Kickl, dass wir unsere Neutralität gefährden, indem wir Putins Krieg kritisieren und uns den Sanktionen der EU angeschlossen haben.

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Österreichs teures, unbrauchbares Heer

Dafür, dass Österreich das militärisch unsicherste Land der EU bleibt, riskieren wir viel Geld und die übliche Korruption für die Aufrüstung des Bundesheeres

 Obwohl von der EU zu absurdem Sparen vergattert, geben wir bekanntlich 16 Milliarden zur Aufrüstung des Bundesheeres aus, und mindestens eine Milliarde davon fließt nach Italien, um Trainingsjets des Typs Leonardo zu bezahlen. Dass wir pro Jet das Doppelte Nigerias zahlen steht fest, aber das Verteidigungsministerium begründete es mit der ganz anderen Ausstattung und Bewaffnung. Dem steht gegenüber, dass seine „Interne Revision“ festhielt, die Ausschreibung sei „ohne Not“ von vornherein auf Leonardo zugeschnitten gewesen. Das Ministerium bestreitet diese Behauptung und die Grünen wittern „Korruption“.

Ich kann den konkreten Fall nicht beurteilen, wohl aber wiedergeben, was VP-Obmann Erhard Busek mir allgemein zu Staatsaufträgen sagte, als er mir die Informationen übergab, die „profil“ den AKH-Skandal aufdecken ließen: „Bei jedem Staatsauftrag sind 10 Prozent Korruption unvermeidlich– bei Rüstungsaufträgen sind es 30 Prozent.“  1970 hatte ich Kontakt zu einem Direktor der Schweizer Waffenschmiede Hispano Suiza, die eben vom Konkurrenten Oerlikon übernommen worden war. Er zeigte mir eine ganze Reihe von Dokumenten, die unter anderem 40 Prozent Korruption bei Waffenkäufen Frankreichs nahelegten. Bezüglich Österreichs besagten sie nur, dass wir für ein Feuerleitsystem das Sechsfache Deutschlands bezahlt hatten. Andere Dokumente wollte er mir erst übergeben, wenn ich diese Story veröffentlicht hatte. Das tat ich, aber weitere Dokumente blieben aus: Oerlikon hatte ihm die strittige Provision bezahlt. Eine Untersuchung der Justiz zu unserem Feuerleitsystem unterblieb unter Christian Broda wie erwartet. Als SP-Verteidigungsmister Karl Lütgendof starb, fanden sich in seinem Safe Oerlikon-Aktien – aber das konnte auch purer Zufall sein. Für Österreich als Kunde für Rüstungskäufe hegte mein Informant jedenfalls größte Wertschätzung: „Österreich kauft alles zum vielfachen Preis.“

Das kann sich natürlich geändert haben, aber wie Erhard Busek halte ich Korruption bei Rüstungsaufträgen für unvermeidlich. Die EU muss dennoch aufrüsten, wenn sie Wladimir Putin nicht hilflos ausgeliefert sein will und da Österreich ihr angehört, sollte es theoretisch auch aufrüsten. Ich teile nur die Ansicht des Präsidenten der Offiziersgesellschaft Erich Cibulka : Das aktuelle Bundesheer mit 6 Monaten Ausbildung ohne Wehrübungen ist zur Landesverteidigung unbrauchbar. Insofern sind die 16 Milliarden Euro, die die Regierung bis 2032 investieren will, hinausgeschmissenes Geld. Man kann sie nur damit rechtfertigen, dass der Bau von Kasernen und der Kauf von Pandur-Panzern die heimische Wirtschaft stärkt.

Vielleicht kann man zumindest diskutieren, was unsere Sicherheit tatsächlich erhöhte. So glaube ich, dass nur ein Berufsheer den Anforderungen moderner Kriegsführung gewachsen ist. Und nur Männern, die sich freiwillig dazu melden und entsprechend bezahlt werden, ist zuzumuten Ihr Leben zu riskieren. Ein Berufshehr ist teuer, aber zu etwas Gut und wir haben beste Offiziere, es zu führen. Vor allem aber müssen wir die Neutralität endlich so diskutieren, wie die Offiziere, die die neue Wehrdoktrin erarbeitet haben, das wollten, ehe Karl Nehammer und Christian Stocker erklärten, sie stünde nicht zur Diskussion, „weil 80 Prozent der Österreicher der Neutralität anhängen.“ Ich will zumindest zur Diskussion stellen, ob wir mit 16 Milliarden Euro nicht sehr viel Geld ausgeben, ohne unsere Sicherheit zu erhöhen.

Es ist zwingend viel teurer, ein Heer zu finanzieren, das allein in der Lage ist, ein Land militärisch zu schützen, als es in einem Bündnis mehrerer Staaten zu tun. Deshalb hat sich im „Westen“ die NATO gebildet, und gab es im „Osten“ den Warschauer-Pakt. Sollten die Österreicher meinen, dass „Neutralität“ an sich vor Krieg schützt, belegt die Geschichte das Gegenteil: Adolf Hitler überfiel nacheinander die neutralen Länder Luxemburg, Belgien, Holland, Dänemark und Norwegen. Dass er die Schweiz verschonte, lag nicht an ihrer Neutralität, sondern daran, dass General Heinz Guderian Hitler überzeugte, dass es viel besser ist, Frankreich überraschend über die angeblichen nicht Panzergängigen belgischen Ardennen als über die Schweiz anzugreifen.

Österreichs Sicherheit nach dem Krieg beruhte in keiner Weise auf der Neutralität, sondern darauf, dass es bei der Teilung der Einflusssphären im Jalta klar dem „Westen“ zugezählt wurde, so dass die Sowjetunion davon ausgehen musste, dass die USA einen Vorstoß nach Österreich nicht hinnehmen würden. In kritischen Situationen, während der Ungarn-Aufstandes oder des Prager Frühlings, hat sich unsere Regierung dennoch immer besorgt bei der US-Regierung erkundigt, ob man uns auch wirklich verteidigte.

Seit der „Wende“ umgeben uns mit Ausnahme der militärisch weit stärkeren Schweiz nur NATO-Staaten: wir sind dank Trittbrettfahrens relativ sicher. Derzeit ist die Nato zwar theoretisch stärker denn je, weil sich ihr auch das neutrale Schweden und das neutrale Finnland angeschlossen haben, aber in der Praxis hat die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sie arg geschwächt -mehr Schutz als die Neutralität bietet sie unverändert. Und die EU wird, wer immer US-Präsident wird, in Zukunft sehr viel mehr für ihre Sicherheit tun müssen. Ob sie ewig hinnimmt, dass Österreich weniger als alle anderen in Rüstung investiert und keine Gefallenen riskiert, weiß ich nicht.

 

 

 

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Das harte Brot des Markus Marterbauer

Zwischen EU-Defizitverfahren und Donald Trumps Zöllen als Finanzminister Erfolg zu haben, wäre ein Wunder. Auch die Lebensmittelpreise zu senken wird nicht leicht sein und die Inflation ist wieder auf einem Zwischenhoch von 3,6 Prozent.

An sich hat mich gefreut, dass nach diversen VP- Kandidaten ohne ökonomische Vorbildung mit Markus Marterbauer jemand Finanzminister wurde, den ich aus der Arbeiterkammer als hervorragenden Ökonomen kenne – aber gleichzeitig habe ich ihn bedauert: zwischen EU-Defizitverfahren und Trumps Zöllen Erfolg zu haben, wäre ein Wunder. Ein deutscher Ökonom, der Marterbauer ebenso schätzt, wundert sich, dass er das Ministeramt überhaupt übernommen hat: Sparauflagen zu exekutieren müsse einen Keynesianer fast physisch schmerzen, wisse er doch, dass Sparen des Staates die Rezession nicht lindert, sondern verschärft. Ich wandte ein, dass Marterbauer wohl davon ausgeht, Schlimmeres  zu verhindern, indem er so behutsam wie möglich spart, vielleicht die eine oder andere Strukturverbesserung erreicht und im Detail „sparsam“ ist. In der Vorwoche konnte ich hier noch schreiben, dass den negativen konjunkturellen Vorzeichen zumindest gegenübersteht, dass Österreichs Unternehmen davon profitieren sollten, dass Deutschland 500 Milliarden in seine Infrastruktur und 1.000 Milliarden in seine Aufrüstung stecken will. Aber die jüngsten deutschen Zahlen lassen befürchten, dass diese Hoffnung voreilig ist: Auftragseingänge und Produktion gingen im Juni erneut zurück- vorerst scheint nichts von den Milliarden in der Realwirtschaft angekommen. Und das Problem des deutschen Geschäftsmodells ist leider so grundsätzlich, wie ich es beschrieben habe: Eine Volkswirtschaft, die derart vom Export abhängt, muss in Schwierigkeiten geraten, wenn sparende EU- Staaten nicht mehr als Abnehmer in Frage kommen, Exporte nach Russland sanktioniert sind, China selbst hervorragende Autos produziert und die USA sich mit Zöllen gegen Exporte wehren. Die Probleme Deutschlands wie der EU werden nicht aufhören, solange man sich nicht vom Sparen des Staates verabschiedet.

Marterbauer versucht daher, im Detail zu punkten: Er erwägt, die durch gestiegene Nahrungsmittelpreise wieder erhöhte Inflationsrate mit Eingriffen in den Markt zu bekämpfen und erinnert an entsprechende Erfolge Spaniens. Doch so sehr ich solche Eingriffe grundsätzlich für zulässig halte, so vorsichtig wäre ich in Kenntnis Spaniens, dessen Verhältnisse auf Österreich zu übertragen. So war es immer verfehlt, Spaniens extrem niedrige Inflation voran dem besonders guten Management der Regierung zuzuschreiben: Spanien war nur fast unabhängig von russischem Gas, weil es billiges Gas aus Afrika bezog, vor allem aber über Atomkraftwerke und viel Solar- und Windkraft verfügt, während Österreich zu 80 Prozent von russischen Gas abhing. Verglichen mit  Ex- Ostblockstaaten, die eine ähnlich große Abhängigkeit verzeichneten, hat die schwarz -grüne Regierung die Inflation nur halb so schlecht bekämpft wie allseits behauptet wird. Bei den Nahrungsmittelpreisen hat Spaniens Regierung allerdings tatsächlich mit besonderem Erfolg eingegriffen, indem sie die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel  ausgesetzt hat. Während die gleiche Vorgangsweise bei Treibstoffen in Deutschland total daneben ging, weil die Tankstellen die Verbilligung nicht weitergaben, sondern für sich behielten, gaben  Spaniens Nahrungsmittelhändler sie sehr wohl weiter. Allerdings nicht zuletzt deshalb, weil  es in Spanien zahllose miteinander konkurrierende Nahrungsmittelketten gibt, sodass jede, die die Verbilligung nicht weitergegeben hätte, das Risiko eingegangen wäre, dass eine Konkurrentin das sehr wohl tut und ihr so Marktanteile wegnimmt. In Österreich, wo nur Spar, Lidl, Hofer und Rewe miteinander konkurrieren, ist das keineswegs so sicher, liegen ihre Preise doch stets um 20 Prozent über denen in Deutschland. Auch der Ökonom Christoph Badelt zeigte sich skeptisch, dass der Marterbauer- Eingriff, der einmal mehr übersieht, dass Mehrwertsteuersenkungen immer auch Reichen zu Gute kommen, erfolgreich verliefe. Spanien ergänzte seine Mehrwertsteuersenkung denn auch durch eine viel gewichtigere Einmalzahlung an erwiesen Arme und nur diese.

Letztlich ist sowohl der aktuelle Preisanstieg wie das viel ärgerlichere um 20 Prozent über Deutschland liegende Preisniveau unserer Nahrungsmittel die typische Folge mangelnden Wettbewerbs. Markenartikel- Riesen, von denen es in Österreich keine gibt, haben die Stellung von Oligopolen inne: Sie bestimmen im Wege von Verträgen, die ihren Partnern territoriale Lieferbeschränkungen vorschreiben, welches Land sie zu welchen Preisen beliefern und können in einem kleinen Land höhere Margen einplanen, weil sie aus Österreich heraus natürlich keine Konkurrenz haben. Offiziell begründen sie die höheren Preise mit Österreichs höheren Löhnen für Handelsangestellte und angeblich höheren Mieten. Zum Teil produzieren sie freilich  auch in Österreich und das verschafft ihnen auch eine gewisse Hausmacht.  In „Brüssel“ hat man das Wettbewerbsproblem aber erkannt und will dagegen vorgehen. Doch ausgerechnet Österreichs Vertreter im zugehörigen Arbeitskreis haben zu Protokoll gegeben, man möge zuwarten, zumal es keine universelle Lösung gäbe. Als das Protokoll vom ORF publik gemacht wurde, erklärte die  Regierung, diese Stellungnahme entspräche nicht ihrer Linie und VP -Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer, aus dessen Ressort die nach Brüssel entsendeten Beamten kommen, beeilte sich, das zu bestätigen. Ich glaube, dass man von ihnen dennoch dringend erfahren muss, wie sie zu ihrer Stellungnahme gekommen sind.

 

 

 

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Bekommen wir Wirtschaftswachstum?

Die Wirtschaftsforscher sind vorsichtig optimistisch. Milliarden für Infrastruktur und Rüstung sprechen dafür. EU-Defizit-Verfahren und Trumps Zölle sprechen dagegen.

Die Institute für Wirtschaftsforschung (WIFO) und höhere Studien (IHS) meinen vorsichtig optimistisch, dass Österreichs Wirtschaft 2025 wieder wächst. Als sie 2023 eine ähnliche Prognose abgaben, lagen sie gründlich daneben. Aber im Zweifel sind sie besser zu optimistisch als umgekehrt, denn die Wirtschaft braucht Optimismus: Theoretisch könnten die relativ großen (für die Metallindustrie zu großen) Lohnerhöhungen der letzten Zeit die Österreicher zu vermehrten Einkäufen bewegen und das könnte, wie WIFO und IHS hoffen, die Wirtschaft beleben. Nur dass ihre Chefs, Gabriel Felbermayr und Holger Bonin sich bei ihren öffentlichen Äußerungen bloß in Nuancen vom Chef des Fiskalrates Christoph Badelt abheben, der fordert, dass der Staat dringend sparen müsse, um der Forderung der EU-Kommission zu genügen. Zu hoffen, dass die Bürger mehr ausgeben, wenn täglich vom Sparen die Rede ist, scheint mir freilich kühn.

Massivstes Hindernis für den Aufschwung sind die von der EU-Kommission gegen neun Staaten eingeleiteten Defizitverfahren, die sie zum gleichzeitigen Einsparen von Milliarden zwingen. Es ist absurd zu meinen, dass es die Wirtschaft beflügelt, wenn neben 18 wie immer sparenden Staaten, neun noch intensiver sparen, während die Konsumenten seit jeher sparen und Unternehmen seit zwei Jahrzehnten ebenfalls Nettosparer sind. Lauter Sparer können denkunmöglich Wachstum generieren.

Die daher eher überraschende Hoffnung der Wirtschaftsforscher auf Wirtschaftswachstum beruht darauf, dass Deutschland wieder zu dessen Lokomotive werden könnte, weil es im nächsten Jahrzehnt 500 Milliarden in seine Infrastruktur und 1000 Milliarden in seine Aufrüstung investieren wird, und weil andere Staaten ebenfalls rüsten können, seit die EU zusätzliche Militärausgaben von 1,5 Prozent des BIP erlaubt.

Bekanntlich geht die NATO bei ihrem Fünf-Prozent-Ziel davon aus, dass 1,5 Prozent nicht der Rüstung, sondern der Sanierung der Infastruktur dienen und natürlich profitieren zumindest österreichische Baukonzerne, wenn Deutschland zu zig Milliarden seine Infrastruktur, Straßen und Brücken, saniert. Die Frage, zu der im Falter zu Recht eine heftige Diskussion entbrannt ist, lautet: Wie sehr helfen auch Rüstungsausgaben der Wirtschaft und wie nötig sind sie, um Krieg zu vermeiden. Ich meine, dass man das getrennt diskutieren muss. Der Ökonom Kurt Bayer hält das Nato -Fünfprozentziel (in Wirklichkeit ein 3,5 Prozentziel für Rüstung) in einem Leserbrief für „hirnrissig“, solange man nicht wisse, wieviel Waffen man brauche. Ich fürchte, dass man das insofern nicht wissen kann, als niemand weiß, wie die USA sich in Zukunft verhalten. Verhielten sie sich wie unter Joe Biden, wären 3,5 Prozent des EU- BIP tatsächlich hirnrissig, aber unter Donald Trump muss man für möglich halten, dass die USA einem angegriffenen NATO-Land in Europa nicht zur Hilfe kommen, obwohl sich Trump beim Nato-Gipfel mit den erhöhten Ausgaben zufrieden zeigte. Es gibt leider absolut nichts, worauf man sich bei ihm verlassen kann.

Unter diesen Umständen entspricht es meiner Vorstellung von Verantwortung, die EU so aufzurüsten, dass sie Wladimir Putins Russland auch ohne US-Hilfe in absehbarer Zeit Paroli bieten kann. Dafür scheinen mir 3,5 Prozent des BIP in keiner Weise zu viel. Die USA geben diese 3,5 Prozent jedes Jahr aus, obwohl ihre Armee seit Jahrzehnten hochgerüstet ist und sie während des kalten Krieges sogar 7 Prozent dafür ausgegeben haben- dagegen wurden die Heere der EU-Staaten durch zwei Jahrzehnte kaputtgespart. Deshalb halten selbst Deutschlands SPD- Verteidigungsminister Gert Pistorius oder Österreichs roter EU-Mandatar Hannes Swoboda die 3,5 Prozent für „durchaus angebracht“. Ich wagte auch nicht, Polens oder Lettlands Regierungen Hirnlosigkeit zu unterstellen, wenn sie sogar 4,2 Prozent ihres BIP in Rüstung investiert – vielleicht schätzen sie Russland aus Erfahrung richtiger ein.

Dass Investitionen in Rüstung der Wirtschaft viel weniger nützen als Investitionen in die Infrastruktur steht außer Zweifel – dass sie ihr überhaupt nützen, aber genauso: Anders ist nicht zu erklären, dass Russlands Wirtschaft trotz Sanktionen besser als unsere gewachsen ist, anders ist nicht zu erklären, dass die USA die Weltwirtschaftskrise erst endgültig hinter sich gelassen haben, als sie Unsummen in Rüstung gegen Deutschland und Japan investierten. Der zughörige ökonomische Mechanismus: Die Rüstungsindustrie stimuliert eine riesige Zulieferindustrie und in beiden Industrien gutverdienende Arbeitskräfte erhöhen Nachfrage und Produktion aller Güter.

Die EU hat beim Rüsten allerdings mindestens zwei große Probleme: Natürlich, da hat Bayer Recht, sollte man längst wissen, wie ihre Streitmacht beschaffen sein soll, und sollten Einkauf und Produktion der Waffen längst gemeinsam erfolgen. Ähnlich groß ist das Problem, dass nur die USA eine militärisch nutzbare Satelliten-Aufklärung und Abfangjäger von der Qualität der F 35 besitzen. Dassault in Frankreich entwickelt zwar ein vergleichbares Flugzeug, aber es ist nicht fertig und eine EU- Satellitenaufklärung ist es schon gar nicht. Man wird also vorerst beides von den USA kaufen müssen und damit nur ihr Milliarden-Leistungsbilanzdefizit gegenüber der EU etwas verringern. Dass das Donald Trump von Zöllen gegen die EU abhält, glaube ich eher nicht. Es wird spannend, ob WIF0 und IHS mit ihrem Optimismus diesmal richtig liegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Börse stoppt Trump– was tut die EU?

Fallende Aktienkurse zwangen Donald Trump im Zollkrieg einzulenken. Wer zwingt die EU, endlich mehr eigene Nachfrage zu schaffen, statt zu sparen? Was tut sie uns an?

Donald Trumps Aufruf, die Amerikaner sollten US-Aktien kaufen, nutzte nichts: In einem Land, in dem fast alle Einwohner Aktien besitzen, zwang ihn der Kurssturz, den sein Zollkrieg auslöste, zum Abrüsten: Erst nachdem er die Einigung mit China verkündete, erholten sich die Kurse – der „Markt“ in Gestalt der Börse hat Trump die Grenzen seiner Macht gezeigt.

Dabei wollte Trump ein Problem lösen, das die Grenzen des Marktes aufzeigt: Mit dem „Rustbelt“ gibt es in den USA seit Jahrzehnten einen Gürtel verrotteter traditioneller Unternehmen, deren einst gut bezahlte Arbeiter in der boomenden digitalen Industrie keine vergleichbaren Jobs finden. Ursache ihres Niedergangs: Importierte chinesische Waren sind dank hoher staatlicher Subventionen und niedriger Lohnkosten konkurrenzlos billig, und weil voran Deutschland seine Löhne nicht im Ausmaß seiner Produktivität erhöht, sind voran deutsche Autos preiswerter als ihre US-Konkurrenz.

Das entstandene Währungsproblem: Weil der Dollar seit Jahrzehnten nicht nur gegenüber dem Euro und Chinas Renminbi und Yuan, sondern auch gegenüber Japans Yen oder Südkoreas Won zu hoch bewertet ist, haben die USA ein jährliches Leistungsbilanz -Defizit von mehr als 1000 Milliarden Dollar, das schon Barack Obama und Joe Biden ein Dorn im Auge war. Durch seine Zölle, so meinte Trump, würde er dieses Defizit abbauen. Was er nicht bedachte – Bedenken sind ihm fremd – war, dass ein Zollkrieg mit der ganzen Welt wegen der Verflechtung der Weltwirtschaft kein geeignetes Instrument ist: Zölle gegen China mussten auch Apple Handys, Zölle gegen Mexiko auch dort produzierte Autos von Ford, Zölle gegen Kanada auch das für die traditionelle US-Industrie unverzichtbare Stahl verteuern. Gleichzeitig mussten verteuerte Importe aus China, Südkorea, Japan und EU die Inflation befeuern.

So wie viele Ökonomen vorhersagt hatten, verwandelte sich die Hoffnung der Amerikaner auf das von Trump versprochene „goldene Zeitalter“ schon allein wegen der allgemeinen Verunsicherung in die Angst vor einer Rezession. Trump war gezwungen, 90 Tage Waffenruhe zu erklären und die Einigung mit China zu suchen. Mit Südkorea und Groß Britannien gibt es sie ebenfalls – mit Japan und der EU wird es sie geben, denn der Schrecken bei Trump sitzt tief. Er sitzt freilich auch tief bei allen Unternehmen, die in die USA exportieren: Sie werden dort sehr wohl mehr investieren. Vor allem aber dürfte es der FED in absehbarer Zeit gelingen, den Dollar abzuwerten und das sollte das US-Leistungsbilanzdefizit sukzessive verringern. Man muss in der EU begreifen: Kein US-Präsident kann auf die Dauer zulassen, dass sich die USA um die 2000 Milliarden pro Jahr verschulden.

Eben dies aber war die Voraussetzung für den extremen Exporterfolg voran Deutschlands. Die aktuelle deutsche Krise ist nichts anderes als das Ende der Bereitschaft so vieler anderer, sich zu Deutschlands Gunsten zu verschulden. Damit ist auch die Lösung klar: Der deutsche Staat und die EU müssen sich selbst verschulden, um das nötige Wachstum zu generieren. Das hat in Deutschland soeben mit Milliardeninvestitionen in Rüstung und Infrastruktur begonnen. Irgendwann müssen auch die deutschen Löhne, und muss mit ihnen das das Lohnniveau der EU, so hoch sein, dass die Kaufkraft ihrer Bevölkerung wie in den USA ausreicht, den Großteil des Produzierten selbst zu kaufen.

Anders als in Deutschland wird der Staat in Österreich von der EU bekanntlich zum Sparen gezwungen und das kann aus Gründen der Mathematik nicht gut gehen, weil schon die Konsumenten sparen.  Leider deuten WIFO- Chef Gabriel Felbermayr oder IHS-Chef Holger Bonin dieses Risiko in ihren Reden nur an: Man dürfe sicher nicht radikal sparen, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. Finanzminister Markus Marterbauer hat in seiner Budgetrede zumindest angefügt, dass er sich in Brüssel für eine Reform der Maastricht Kriterien einsetzen würde. In Wirklichkeit wäre das die zentrale Aufgabe aller Genannten: der EU-Kommission klarzumachen, dass Sparen des Staates widersinnig ist. Natürlich soll er „sparsam“ wirtschaften und hat das, am augenfälligsten bei der Förderung für E-Autos nicht getan, indem sie Leuten zuteilwurde, die sich sowieso Teslas leisten können. Diverse Staatsausgaben wären zweifellos besser zu organisieren – aber nicht um sie einzusparen, sondern um besser zu zielen.

Marterbauers wirksamstes Argument krankt aus dem gleichen Grund. So sagt er, dass wir sparen müssen, um hohe Zinszahlungen zu vermeiden. Nur dass Österreichs jüngste Staatsanleihen in Kenntnis eines drohenden Defizitverfahrens vielfach überzeichnet waren oder dass Japan trotz der horrenden Staatsschuldenquote von 235 Prozent minimale Zinsen zahlt, weil es wirtschaftlich gut funktioniert. Österreich wird daher nur dann höhere Zinsen zahlen müssen, wenn es wirtschaftlich zurückfällt – und genau das kann das Sparen des Staates bewirken.

Wie WIFO-Expertin Margit Schratzenstaller meine ich, dass die Regierung Gott sei Dank bisher so wirtschaftsschonend wie möglich vorgeht – nur das höhere Kilometergeld ist problematisch. Und die sture Ablehnung vermögensbezogener Steuern durch NEOS und ÖVP war auch für Marterbauer nicht zu überwinden: Lieber benachteiligt man Österreichs Banken durch eine Abgabe im Konkurrenzkampf, als diese Steuern auf das durchschnittliche EU-Niveau anzuheben. Er muss sich leider damit abfinden, dass unsere bürgerlichen Parteien weniger als er von bürgerlicher Ökonomie verstehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie wurde die zweite Republik so reich?

Adolf Hitler schuf die industrielle Basis. Der Marshall-Plan lieferte Kapital. Bruno Kreisky waren Schulden mit Erfolg lieber als Arbeitslose. Wieso erstarkte die FPÖ?

Dankenswert sucht der ORF mit zahlreichen Sendungen zu vermitteln, was 80 Jahre zweiter Republik bedeuten. Patriotische Mythen erfreulich vermeidend lieferte die erste Sendung einen Überblick: Es stimmt zwar, dass Talent und Fleiß der Bevölkerung wesentlich dazu beitrugen, dass Österreich mit der zweiten Republik zu einem der reichsten Länder Europas wurde, aber die Bevölkerung der ersten Republik war nicht minder fleißig. Mit noch nicht vertriebenen jüdischen Wissenschaftlern besaß sie sogar das viel größere wirtschaftliche Potential und erlebte dennoch die größte Krise. Äußere Umstände machten den großen Unterschied: Nach dem ersten Weltkrieg forderten die Sieger von Österreich untragbare Reparationszahlungen und eine von den USA ausgehende Krise addierte sich mit einer gleichartigen Krise in Europa zur Weltwirtschaftskrise. Nach dem zweiten Weltkrieg hingegen hatten die die USA ihre Krise dank John M. Keynes überwunden und unterstützten die Kriegsverlierer mit dem Marshallplan.

Die für Zuseher vermutlich ungewohnteste Erkenntnis:  Österreichs industrielle Basis schuf Adolf Hitler. Er baute die Ölindustrie aus, und auch wenn das nach dem Krieg nur der russischen Besatzungsmacht zugutekam, die selbst die Anlagen abtransportierte, war was verblieb, doch Basis der OMV. Vor allem aber schuf Hitler mit den Herman Göring -Werken in Linz die Basis der VOEST. Ihre Verstaatlichung war viel weniger sozialistisches Anliegen als von den USA unterstützter Weg, sie zu behalten- letztlich erreichten sie, dass Deutschland sie Österreich als Entschädigung überließ. Jörg Haiders Lob für Hitlers „gute Beschäftigungspolitik“ war für sich allein zwar empörend, aber sachlich richtig: Der mit seiner Regierung in Deutschland einsetzende Aufschwung war entscheidend dafür, dass er so viele Anhänger gewann, und jeder Aufschwung profitiert von Aufrüstung. Dass Hitlers Krieg alles vernichtete, ist ein anderes Kapitel.

Die Wirtschaft unmittelbar nach dem Krieg hatte mit heutiger Wirtschaft nichts gemein: „Markt“ war nur der Schwarzmarkt, ansonsten mussten verschiedenste Vorschriften ungewisses Angebot mit übergroßer Nachfrage in Einklang bringen. Erst in den 60er Jahren erreichte es diese Nachfrage und erst 1967 gab es eine der heute typischen Diskrepanzen. Finanzminister Stephan Koren überwand diese erste Konjunkturdelle mit Defizit Spending. Dass er ausgegebenes Geld mit Steuern auf Alkoholika und Autos wieder hereinbrachte, führte 1970 zur Niederlage der VP-Alleinregierung gegen Bruno Kreiskys SPÖ und mündete ein Jahr später in deren Alleinregierung. Koren, nun Chef der Notenbank, überzeugte Finanzminister Hannes Androsch, den Schilling weiter an die D- Mark zu binden und leitete damit eine wichtige Etappe ökonomischen Erfolgs ein: Um trotz des „harten“ Schillings erfolgreich zu exportieren, mussten alle Betriebe Qualität und Produktion ihrer Waren optimieren – es entstanden jene führenden Klein- und Mittelbetriebe, die bis heute Rückgrat unserer Wirtschaft und vermutlich Gegenstand kommender Sendungen sind.

Krisen überwand Österreich immer durch Defizit Spending: Kreiskys Ausspruch „Ein paar Milliarden mehr Schulden bereiten mir weniger Sorgen als hunderttausend Arbeitslose“ erwies sich nachträglich immer als richtig. Doch Kreisky gewann seine letzte Wahl auch, nachdem er groben wirtschaftlichen Unfug angerichtet hatte: Seine Erklärung, dass der Staat für alle Kredite der verstaatlichten Industrie hafte, verschaffte der VOEST unbegrenzten Kredit, den sie auf dem Terminmarkt verspekulierte, worauf Österreichs größte Banken und die VOEST nur mehr vom Staat gerettet werden konnten. Kreisky schadete das so wenig wie der Lucona -Krimi, der zwei seiner Minister schwer belastete. Selbst für die ungeheuerliche Verleumdung Simon Wiesenthals kritisierten ihn nur ganze 12 Personen. Ich schrieb damals – und meine bis heute- dass es ein Glück war, dass Kreisky ein Demokrat war, denn die Österreicher folgten ihm blind. Es wünschen sich ja nicht nur 7 Prozent einen „starken Führer“, den kein Parlament behindert, sondern 20 finden das eher gut. Autoritäres Regieren hat hierzulande mehr Chancen als anderswo und das beantwortet zu einem Teil die Frage dieser ORF Sendung, wieso die FPÖ Herbert Kickls die meisten Stimmen auf sich vereint. Die Journalistin Anneliese Rohrer machte dafür Versäumnisse der Nachkriegszeit verantwortlich:  Es sei unerträglich gewesen, wie ÖVP und SPÖ den Staat zwischen sich aufteilten – jemand, der kein Parteibuch besessen hätte, sei chancenlos gewesen. Gleichzeitig hätte man sich nie mit der Mittschuld an den NS-Verbrechen auseinandergesetzt – so sei zu erklären, dass selbst jemand zur Wahl steht, der nach dem Verbotsgesetz verurteilt wurde.

Ich möchte anfügen: Die Phase parlamentarischer Demokratie, die die Monarchie ablöste, war in Österreich eine der kürzesten: Die erste Republik war sehr begrenzt eine wirkliche Demokratie, unterhielten Sozialisten wie Christlichsoziale doch bewaffnete Milizen und träumten erstere doch auch von der Diktatur des Proletariats, während zweitere nur zu gern mit Engelbert Dollfuss zu Austrofaschisten wurden. Dass es so wenig Erfahrung darin gibt, Gefahren für die Demokratie zu erkennen, macht den Erfolg der FPÖ am ehesten verständlich. Dass große Teile der Bevölkerung wirtschaftlichen Abstieg erleben, lässt sie wie in der Zwischenkriegszeit den Parlamentarismus verachten.

 

 

 

 

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Wie sähe Karl Popper 2025?

Vor 80 Jahren erschien Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Da ich ihn gut kannte, frage ich mich, wie er Trump, die EU oder den Ukrainekrieg sähe.

Wenn Karl Popper, den die ZEIT den bedeutendsten Philosophen des 20.Jahrhunderts nannte, seine Heimatstadt Wien besuchte, hatte ich das Glück, nach dem Tod zweier Jugendfreunde der erste zu sein, den er anrief. Einer der ersten Anrufe erreichte mich 1962, knapp nachdem die Kuba-Krise beinahe zum dritten Weltkrieg geführt hätte, als sich US-Kriegsschiffe sowjetischen Schiffen entgegenstellten, die Raketen zu einer kubanischen Basis bringen sollten. Popper bat mich, zu ihm ins Hotel Ambassador zu kommen, um Briefe an westliche Staatsmänner zu verfassen, die besagten, wie dringlich es sei, Raketen zu besitzen, die ohne Atomsprengköpfe in der Lage wären, Raketen-Basen zu zerstören. Hätte die USA solche besessen, so hätten sie die Basis in Kuba zerstört, ohne dass es zur Konfrontation der Kriegsschiffe gekommen wäre.  Solche Aktionen waren typisch für Popper: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, zählte zu seinen Überzeugungen und sie erstreckte sich selbstverständlich auch auf den militärischen Bereich. Gerade weil er den Krieg wie jeder anständige Mensch hasste, war er kein Pazifist. Frieden, so war er überzeugt, war am ehesten durch militärisches Gleichgewicht zu sichern, aber im Idealfall sollte die anständige Partei, und das waren für ihn die USA, ihrem Gegner überlegen sein.

Ich habe daran denken müssen, als ich die aktuellen Aufrufe der Friedensbewegung zu „Ostermärschen“ vernommen habe, mit denen gegen die massive Erhöhung der europäischen Rüstungsetats demonstriert werden sollte – Popper sähe in ihnen einen Beitrag zu der Gefahr, dass Wladimir Putin nach der Ukraine ein weiteres Land angreift. Er war nie ein „Idealist“, sondern ein idealistischer Realist: dem Frieden verpflichtetes, aber rationales Denken ging ihm über alles. Wenn dieses rationale Denken dazu führte, sich stärker zu bewaffnen – Popper war zu Recht der Ansicht, dass es viel eher zu konventionellen als zu atomaren Kriegen kommen würde – dann hatte man sich für diese stärkere Bewaffnung einzusetzen. Ich bin absolut sicher, dass er sich eine militärisch starke EU gewünscht hätte.

Die Entwicklung in den USA hätte ihn ebenso sicher entsetzt. Mit Donald Trump stellt die republikanische Partei das Fundament der „offenen Gesellschaft“ in Frage, indem fundamentalistisch evangelikales oder von bloßer Gier beherrschtes Denken rationales Denken und Verhalten ablösen. Am meisten erschütterte Popper, dass die Unterscheidung zwischen „richtig “ und „falsch“, zu der er mit der „Logik der Forschung“ einen entscheidenden Beitrag geliefert hat, unter Trump keine Bedeutung mehr hat: Er konnte noch so oft gelogen haben und wurde dennoch wiedergewählt. Wenn diese Unterscheidung nicht mehr angestrebt wird, ist rationales Denken und Handeln nicht mehr möglich.

Poppers Forderung wahrheitsgemäß zu agieren war unerbittlich: Als ihn eine ORF- Angestellte im Sendestudio bat, noch rasch für sie zu unterschreiben, dass er das Honorar erhalten hätte, das ihm nach der Sendung übergeben würde, weigerte er sich energisch: „Ich unterschreibe nichts Unwahres. Ich werden unterschreiben, nachdem ich das Honorar erhalten habe“. Nachsatz: „Solche unwahren Bestätigungen sind die Basis des AKH-Skandals.“ Ich lachte damals und meinte, er müsse doch nicht ganz so streng sein. Aber das Problem ist, dass wir jegliche Strenge abgelegt haben: Dass Sebastian Kurz im U-Ausschuss nicht ganz die Wahrheit sagte, finden viele nicht so schlimm; der Ex-Präsident des Nationalrats Wolfgang Sobotka wollte die Wahrheitspflicht im U-Ausschuss abschaffen. Keinen FPÖ- Wähler stört, dass die FPÖ die Neutralität als unverzichtbar erklärt, obwohl sie es war, die Österreichs Beitritt zur NATO forderte oder dass Herbert Kickl, der den Bundestrojaner als Innenminister einführen wollte, ihn jetzt heftig ablehnt. Friedrich Merz ist erste Wahl der CDU-CSU für die deutsche Kanzlerschaft, obwohl er die Staatsschuldenbremse, die er im Verein mit SPD und Grünen soeben zu Recht außer Kraft setzte, noch kurz zuvor unverzichtbar nannte, als die Ampel-Regierung sie in Frage stellte.

Selbst im Bereich der Wissenschaft wird Poppers Prinzip, dass falsch ist, was falsifiziert wurde, negiert:  Es kann sich noch so oft zeigen, dass Volkswirtschaften mit hohen Staatsschuldenquoten wie Japan oder die USA tadellos wachsen, und die EU hält dennoch daran fest, dass mehr als 60 Prozent schädlich wären – und Dutzende Ökonomen unterstützen es, so dass es Maxime der Kommission bleibt. Popper war als Mitglied der Mont Pellerin- Gesellschaft, auch wenn er nur einmal an ihrem Meeting teilnahm, kein Anhänger einer vom Staat dominierten Wirtschaft, aber wenn sich erwiesen hätte, dass höhere Staatsverschuldung nötig ist, um Wachstum zu generieren, so hätte er sie mit absoluter Sicherheit befürwortet (auch wenn er in Frage gestellt hätte, dass Wachstum dauerhaft möglich ist.)

Mit absoluter Sicherheit wäre ihm der Erfolg der EU heute so wichtig wie nie zuvor gewesen, Ist sie doch derzeit wichtigster Hort jener „offenen Gesellschaft“, für die er sich so sehr eingesetzt hat.  Im Übrigen war er ein Optimist: er war zuversichtlich, dass sich die „offene Gesellschaft“ als bestes Modell einer Gesellschaft erweisen würde. Dass sie sich deshalb weltweit durchsetzen müsse, schien ihm allerdings in keiner Weise gewiss. „Wir müssen ständig um die offene Gesellschaft kämpfen“ – „denn „es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

 

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Wien Wahl: besser als befürchtet

Obwohl die FPÖ in Wien 20 Prozent erreicht und ihr katastrophales Ergebnis nach Ibiza damit verdreifacht hat, ist ihr Zuwachs doch unter den eigenen Erwartungen und meinen Befürchtungen geblieben.

Eine Partei, die noch nie einen konstruktiven Beitrag zu irgendeinem Thema geliefert hat, wurde zumindest in Wien in die Schranken gewiesen. Das liegt unverändert daran, dass diese Stadt von der SPÖ alles in allem immer gut regiert wurde und zu Recht zu den lebenswertesten Städten der Welt zählt. Michael Ludwig wird zweifellos mit den NEOS weiter regieren, die sogar dazu gewonnen haben und nicht wie die Grünen den von ihm gewünschten Lobau-Tunnel verhindern. Das von den NEOS forcierte Thema Bildung ist ein zweifellos wesentliches und es ist ein Vorteil, dass es hier die Zusammenarbeit mit dem NEOS-Bildungsminister der Bundesregierung gibt.

Dass die Grünen ihr gutes letztes Ergebnis beinahe halten konnten, zeigt, dass der Klimaschutz den Menschen unverändert wichtig ist, aber er ist es auch den NEOS. Zwar sind auch sie gegen den Lobau-Tunnel, aber nicht mit der Vehemenz der Grünen.

Ich denke, dass das Ergebnis auch ein eher positives für die aktuelle Bundesregierung darstellt: Ihr Image hat sich jedenfalls nicht nachteilig auf SPÖ, Grüne und NEOS ausgewirkt.

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Österreichs Problem heißt auch „EU“

Österreichs „hausgemachte Probleme“ sind gravierend, aber lösbar. Allerdings nur dann nachhaltig, wenn die EU ihre Wirtschaftspolitik grundsätzlich ändert.

Dass Österreichs Wirtschaft heuer um 0,3 Prozent schrumpfen dürfte und damit Schusslicht der EU ist, während Malta mit 4,3 Prozent wächst, ist zweifellos das gravierendste Problem seit langem.  Dennoch soll man es richtig einordnen: Malta ist eine Steueroase, Österreichs BIP pro Kopf ist unverändert 3.500 Euro höher als das deutsche, auch wenn Deutschland seit drei Jahren das Gegenteil einer „Konjunkturlokomotive“ der EU ist.  Seine Ökonomen schreiben das seiner angeblich verringerten Konkurrenzfähigkeit zu. Dass es dennoch einen Handelsbilanzüberschuss von jährlich 80 Milliarden Dollar gegenüber den USA erzielt, passt zwar nicht zu dieser Diagnose, wird von den Ökonomen aber negiert, so sehr Donald Trumps Zölle sie erschüttern.

In Bezug auf Österreichs diagnostiziert der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) Gabriel Felbermayr, dass unser aktuelles Finanz-Problem „zum größten Teil hausgemacht“ ist, – ich sehe einen mindestens so großen Anteil bei der EU.  Zuerst zu den „hausgemachten“ Problemen: Das älteste davon ist unsere überdurchschnittliche Abhängigkeit von russischem Gas, das uns allerdings erlaubt hat, Stahl und Aluminium, besonders billig zu produzieren. Mit der extremen Verteuerung von Gas durch die von der OPEC und Russland gedrosselte Förderung, mussten sich alle Güter Österreichs daher überdurchschnittlich verteuern. (Es stimmt nicht, dass die Regierung die Teuerung besonders schlecht gemanagt hat: Ungarn, das zu total von russischem Gas abhängt, hatte die höchste Inflation, die Schweiz, die kein Gas braucht, hat keine Inflation)

Mit der Gas-Verteuerung, die zwangsläufig unseren Wohlstand mindern musste, hängt der größte hausgemachte Fehler zusammen: Die sonst so vernünftigen Gewerkschaften haben Lohnerhöhungen gemäß der Benya-Formel (Erhöhung =Inflation + Produktivitätssteigerung) gefordert, obwohl die minimal war, und vor allem, obwohl die Inflation nicht durch übliche Lohnerhöhungen, sondern durch die außergewöhnliche Gaspreis-Explosion verursacht war, so dass ich sie lieber „Teuerung“ als „Inflation“ nenne. Dass die EZB sie dennoch wie eine gefährliche, sich selbst verstärkende Inflation mit einer harschen Zinserhöhung bekämpft hat, hat die Rezession ausgelöst. Der „hausgemachte“ Fehler der Gewerkschaften hat dazu geführt, dass die Löhne in Österreichs exportintensiver Metallindustrie um neun Prozent stiegen, während sich die Gewerkschaften unseres Hauptkonkurrenten Deutschland mit 2,4 Prozent und einer Einmalzahlung begnügten. Als ich hier über kritisch hohe Lohnstückkosten schrieb, warf mir der Ökonom Kurt Bayer in einem Leserbrief Fehlinformation der Falter-Leser vor – heute lassen Felbermayr und der Direktor des „Instituts für höhere Studien (IHS) Holger Bonin keinen Zweifel daran, dass unsere hohen Lohnstückkosten ein zentrales hausgemachtes Problem sind.  Dennoch haben in gewisser Hinsicht auch Bayer und die Gewerkschaften recht: Es ist ein zentrales Problem der EU, dass sie zugelassen hat, dass Deutschland seine Löhne durch zwei Jahrzehnte nicht adäquat erhöht hat, obwohl permanente Handelsbilanzüberschüsse eines Landes unzulässig sind und auch das Zwei-Prozent-Inflationsziel mit zu niedrigen Löhnen nicht erreicht werden kann.

Letztlich drückte Deutschlands Niedriglohnpolitik auf alle Löhne der EU und damit auf ihre Kaufkraft, womit wir bei einem weiteren gemeinsamen Problem sind: Weil die EU-eigene Kaufkraft besonders niedrig ist, muss sie besonders viel exportieren und wird daher besonders unter Trumps Zöllen leiden. Am Rande waren die zu niedrigen deutschen Löhne eine unzureichende Peitsche für die Steigerung der Produktivität.

Das mit Abstand größte Problem bleiben jedoch Maastrichtkriterien und „Staatsschuldenbremse“. Seit es sie gibt, fällt die EU in allen Wirtschaftsdaten mehr und mehr hinter die USA zurück: Wirtschaftswachstum, Produktivität und Löhne der USA steigen ungleich stärker, sie überwinden Krisen rascher und haben kaum Arbeitslosigkeit. Das ist kein Augenblicksbefund, sondern es musste so sein. Den Grund hat Bonin in seiner Pressstunde für Österreich angeführt, aber er gilt für alle hochentwickelten Volkswirtschaften:  die Bürger kaufen – schon gar in Zeiten wie diesen- nicht wesentlich mehr ein, selbst wenn ihre Löhne steigen, sondern legen mehr Geld auf die hohe Kante. Tut mir leid, immer die gleiche Frage zu stellen: Wie sollen die Unternehmen mehr verkaufen -wie soll die Wirtschaft wachsen – wenn der Staat gleichzeitig weniger einkauft, weil er spart? Das ist nicht nur jetzt so, sondern so lange, wie dem Staat Sparen vorgeschrieben ist. Nur wenn er sich, wie die USA, für gemeinsame Zwecke (etwa: ein starkes Heer, Kilmaschutz, KI) verschulden kann, kann die Wirtschaft wachsen. Wenn die EU das nicht begreift, werden sich ihre, und damit unsere,- Probleme verstärken, statt verringern.

Was wir zu Haue machen können, gehört natürlich trotzdem gemacht und ist machbar: der Föderalismus ist auszumisten. Alle Staatsausgaben und Förderungen sind auf ihre Effizienz zu überprüfen. Sozialausgaben müssen treffsicher sein: wer keine Unterstützung braucht, soll keine bekommen – moderne Datenverarbeitung macht das möglich. Das Pensionsalter muss mit der Lebenserwartung steigen. Und natürlich gehören – Bonin hat es wie ich begründet- die Steuern auf Arbeit verringert, indem man die Steuern auf Vermögen, voran die Grund- und Erbschaftssteuer, erhöht.

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