Wie friedlich ist Religion?

Eine gemeinsam mit dem Philosophen Sir Karl Popper erstellte Bilanz des Christentums: noch verantwortet der Islam weniger Tote und Ermordete. Doch er holt auf.

So sehr Regierung und Opposition in ihrer Kritik am Umgang des BVT mit islamistischem Terror differieren haben sie doch gleichermaßen peinlich vermieden, den Islam als solchen zu kritisieren. Es gäbe, darin sind sie mit Kardinal Christoph Schönborn und Ümit Vural von der islamischen Glaubensgemeinschaft einig, den “guten Islam”, zu dem sich die überwältigende Mehrheit der Moslems bekenne und einen Fundamentalismus, der im Widerspruch zum ihm stünde- obwohl die vom IS vertretenen Glaubenssätze auch alle im Koran zu finden sind.

Religion ist hierzulande unbestritten “gut” und das Schlimmste wäre “Islamophobie”. Ich halte Aggression im Umgang mit dem Islam auch für kontraproduktiv, meine aber, dass man die Rückwirkung jeder Religion auf das Zusammenleben der Menschen diskutieren muss. Um den Falter nicht dem Schicksal von Charlie Hebdo auszusetzen, konzentriere ich mich dabei auf das Christentum und teile folgende, gemeinsam mit Karl Popper erstellte Bilanz seines Wirkens:

Was steht auf der Haben-Seite des Christentums?

Auf seiner Habenseite steht, dass Jesus dem Rachegott des alten Testaments (das drei Viertel der Bibel füllt) vielfach widersprach. (“Wenn man dich auf die rechte Wange schlägt…”) Allerdings vermochte selbst er seinen Ansprüchen nicht immer zu genügen: Seinen Gegnern unter den Schriftgelehrten, “dieser Schlangenbrut“, droht er die Hölle an. Dagegen gestand er Maria Magdalena zu, ihm zuzuhören, was aber schon Thomas von Aquin missfiel: “Das Weib verhält sich zum Manne wie das Defekte zum Vollkommenen.” Aus Jesu Gleichheit aller Christen (nicht aller Menschen) vor Gott wurde – freilich erst nach Aufklärung und französischer Revolution – die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz.

Christliche Nächstenliebe zeigt sich bis heute in der “Caritas”, bei manchen US-Milliardären und diversen Missionaren. Christlicher Glaube hat herrliche Kunstwerke hinterlassen. Einige Mönche haben die Wissenschaften bereichert. Und vor achtzig Jahren haben Franz Jägerstätter oder Kardinal Clemens von Galen einsamen Widerstand gegen den Holocaust gleistet.

Die negative Seite des Christentums

Dem steht die Verbindung des Christentums mit mörderischen Kriegen gegenüber. Einen ersten beschreibt die Bibel so: Der Herr erteilte Moses den Auftrag, die Israeliten an den Midianitern zu rächen, indem er “alle ihre Soldaten und alle männlichen Kinder und Frauen tötet, die keine Jungfrauen sind – aber die Frauen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, lasst für euch am Leben“. (= Genozid + Vergewaltigung) Es folgen (kursorisch) folgende Kriege: Die Kreuzzüge; die Dezimierung der Mauren und der indigenen Bevölkerung Amerikas unter Isabella der Katholischen; der dreißigjährige Krieg. Dazu Hexenverbrennungen und Inquisition.

Wie fast alle Religionen achtet das Christentum das „Erdenleben“ geringer als das „ewige Leben“, das ihm angeblich folgt. Das hat gläubige Untertanen zur Freude aller Fürsten durch Jahrhunderte gehindert, mit Nachdruck bessere Bedingungen für ihr irdisches Lebens zu fordern. Bis in die jüngste Zeit hat sich voran die katholische Kirche immer wieder mit Diktatoren verbündet – egal ob in Lateinamerika, in Dollfuß’ Österreich, Mussolinis Italien, Salazars Portugal oder Francos Spanien. Gleichzeitig hat religiöses Denken den Fortschritt der Wissenschaften und damit wirtschaftlichen wie sozialen Fortschritte durch Ächtung einiger der größten Forscher und durch Denkverbote behindert.

Die Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche hat zwangsläufig zu ihrer Diskriminierung im abendländischen Kulturkreis geführt. Homosexualität zur „Todsünde“ zu stempeln hat sechs Prozent der Bevölkerung Ächtung und Verfolgung ausgesetzt – in Auschwitz wurden auch 50.000 Schwule vergast. Indem die Christen den Juden den Mord an Christus angelastet haben, haben sie den Grundstein zu zweitausend Jahren Antisemitismus, zahllosen Pogromen und dem größten Verbrechen der Geschichte, dem Holocaust gelegt.

Allerdings kann man zu Beginn des dritten Jahrtausends konstatieren: Wissenschaft, Aufklärung und Zeitablauf haben Rigidität und Aggressivität der christlichen Religionen derart geschwächt, dass man sie nicht mehr entfernt im früheren Ausmaß fürchten muss.

Noch verantwortet der Islam weniger Tote

Der sehr viel weniger geschwächte Islam ist dem einstigen Christentum, was Homosexualität, Wissenschaft oder die Stellung der Frau betrifft, bis heute sehr ähnlich. Er bedingte aber weit weniger Kriege: Türkisch- islamische Herrschaft im osmanischen Reich war erstaunlich tolerant- bis auch sie mit dem Genozid an den Armeniern entgleiste.

Das große Problem besteht darin, dass der Islam durch Aufklärung und Zeitablauf ungleich weniger als das Christentum geschwächt wurde, so dass der Koran heute weit mehr praktische Bedeutung als die Bibel hat. Zum Umgang mit “Ungläubigen” lassen sich dort zahllose Suren finden, die an Moses Umgang mit den Medanitern erinnern. Entsprechend stark erinnern die aktuellen Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten in ihrer Absurdität an die zwischen Katholiken und Protestanten. Und in allen islamischen Ländern sind Christen nicht entfernt so anerkannt wie Muslime in christlichen Ländern. Nicht zuletzt gibt es seltener christliche Attentäter wie Anders Breivik als islamistische Attentäter wie Kujtim F.

Ich meine daher, dass wir darüber nachdenken sollten, ob der Staat “Religion” wirklich durch verpflichtenden Unterricht fördern soll – ob er nicht eher verpflichtet ist, sie durch Ethik- Unterricht zu relativieren.

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Die versäumte Möglichkeit im Kampf gegen Covid-19

Wie SPÖ, NEOS und FPÖ halte ich es für verfehlt, den aktuellen Lockdown selbst über Volksschulen zu verhängen: Wenn man die Kinder zur “Aufbewahrung” doch dorthin schicken kann, dann kann das schwerlich gefährlicher sein, als sie auch gleich zu unterrichten.

Eine Untersuchung der MedUni Wien hat zwar ergeben, dass Kinder genau so oft Covid-19 haben wie Erwachsene, aber das ist etwas anderes als ihre Fähigkeit, andere Menschen anzustecken. Die Menge der Viren, die sie ausscheiden, der sogenannte Ct-Wert, ist nach allen mir bekannten Studien geringer, und das hat entscheidenden Einfluss auf die Ansteckungsgefahr und damit die Ausbreitung der Seuche.

Ich bin überzeugt, dass Pamela Rendi -Wagner um diesen Unterschied weiß und daher nicht nur aus “Opposition” gegen den kompletten Schul-Lockdown gestimmt hat.

Rendi -Wagners Forderungen

Generell hat Rendi -Wagner von Beginn an die richtigsten Ratschläge zum Umgang mit dem Virus gegeben. Schon im Frühjahr hat sie darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, das Krankenhaus-Personal im Umgang mit dem Virus bis hin zum richtigen An- und Ausziehen der Schutzkleidung zu schulen- hätte man das in ausreichendem Ausmaß getan, gäbe es jetzt weniger Sorge, dass die Pfleger und Pflegerinnen für die Betreuung von Intensiv-Patienten nicht reichen. Und unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass Roche einen Schnelltest entwickelt hat, der in 15 Minuten erlaubt, mit 96 Prozent Sicherheit festzustellen, dass jemand Covid-19 negativ ist, hat sie gefordert, sofort große Mengen dieses Test zu kaufen und zu verwenden- auch darin hätte man ihr sofort folgen sollen und Österreich wahrscheinlich einen zweiten Lockdown erspart.

Die fehlende Größe

Dass sich Rendi-Wagner bei der Abwehr der Pandemie durchwegs rechtzeitig richtig geäußert hat, ist kein Zufall: Schließlich ist sie Epidemiologin und Dozentin für public health. Aktuelle Politiker sind zwar der Überzeugung, absolut jedes Ressort leiten zu können, aber ich bin so altmodisch zu meinen, dass es ein Vorteil ist, wenn zumindest Gesundheitsminister und Finanzminister vom Fach sind. Der Volksschullehrer Rudolf Anschober hat seine Sache als Gesundheitsminister zweifellos erstaunlich gut gemacht- aber Rendi-Wagner wäre ebenso zweifellos geeigneter gewesen.

Wäre in der Politik Sachdenken wichtiger als Parteidenken so hätte Sebastian Kurz Pamela Rendi-Wagner zwar nicht zum Gesundheitsminister seiner türkis-grünen Koalition, wohl aber zur Leiterin jenes Corona-Krisenstabes gemacht, den NEOS-Gründer Matthias Strolz Sonntag “Im Zentrum” gefordert hat. Mit entsprechender Vollmacht ausgestattet, hätte sie dafür die optimale Qualifikation und die gegenüber der Bevölkerung maximale Autorität besessen. Nebenher hätte ihre Einbindung maximale Zustimmung der Sozialdemokratie zu den beschlossenen Maßnahmen gesichert.

Aber Sebastian Kurz hat Kompetenz, Überparteilichkeit und Größe zu einer solchen Entscheidung gefehlt. Er hätte nie etwas getan, das Pamela Rendi-Wagner zu größerer Popularität verholfen und damit vielleicht der SPÖ geholfen hätte. Das macht den Unterschied zwischen einem begabten Politiker und einem Staatsmann aus.

Er dürfte es damit bezahlen, dass die Österreicher seine Corona- Politik mittlerweile nicht mehr als “gut” einschätzen.

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Die freie Welt geht noch nicht unter

Aber nur ein Wunder beendete die Krise der US-Demokratie. Nur Eigenverantwortung linderte Covid-19. Nur eine bessere Staatspolizei verminderte erfolgreichen Terror.

Mehr Amerikaner als je zuvor haben Joe Biden zum Präsidenten gewählt. Dass sein Sieg über Donald Trump dennoch eine Zitterpartie war, ist voran dem US-Wahlsystem zu danken. Dass Trump weit besser abschnitt als die meisten Beobachter, Meinungsforscher und Biden selbst erwartet haben, hat aber andere Gründe: Er hat nicht nur gespenstisch viele Anhänger, die ihn auch wählen, wenn er “auf der Fifth Avenue jemanden erschießt”, sondern er hat auch erfolgreich gewirtschaftet: Nachdem schon Barack Obama die Finanzkrise weit besser als die EU überwunden hatte, begünstigten Trumps Steuersenkungen zwar voran die Reichen, sorgten aber auch bei Mittel- und Unterschicht für erhöhte Kaufkraft. Seine Strafzölle schützten Arbeitskräfte traditioneller US-Industrien sehr wohl vor chinesischer Billig-Konkurrenz und ließen ausländische Konzerne (BMW, Toyota) vorsichtshalber in US-Fabriken investieren.

 Ohne Covid-19 hätte Trump gewonnen

Ohne SARS-CoV2 Virus hätte Trump diese Wahl trotz seiner absurden Auftritte vermutlich klar gewonnen. Und selbst den durch Covid-19 bewirkten ökonomischen Absturz hat er durch extrem erhöhtes Arbeitslosengeld erstaunlich gut abgefedert. “Abgehängte” haben sich nicht zu Unrecht von ihm vertreten gefühlt – auch Trump hat mehr Wähler denn je hinter sich vereinigt.

Dass er rechtskonforme Wahlen mit einer Flut von Klagen in Frage stellt und dabei vom republikanischen Justiz-Senator unterstützt wird, entspricht beider Verachtung der Verfassung – bei Trump auch Angst vor Strafverfolgung. Hinzu tritt die Verwandtschaft faschistoider und religiöser Überzeugung: Trump glaubt sich auserwählt – “Republicans” glauben, mit ihrer Politik Gottes Willen zu erfüllen. Die “Tea-Party” ist ihr ideologisches Rückgrat, Trump ihr absurder Messias.

 Die Hoffnung auf Trumps Auferstehung

Ich halte die Institutionen der USA und gemäßigte “Republicans” zwar für stark genug zu verhindern, dass Trump den “gestohlenen Wahlsieg” mittels “Proud Boys” einfordert, aber auch sie glauben an Trumps Auferstehung in vier Jahren. Denn alles, was seinen Aufstieg begünstigt hat – die wachsende Zahl Abgehängter trotz des welthöchsten BIP- bleibt genauso bestehen, wie die religiöse Inbrunst, mit der ausgerechnet der ärmste Teil der Bevölkerung die Hilfe eines aktiven Staates ablehnt. Biden wird es daher unendlich schwer haben, Anliegen fortschrittlicher “Democrats” durchzusetzen. Der wirtschaftliche Absturz ist längst nicht überwunden. Der Kampf gegen Covid-19 bleibt trotz Bidens Task Force Sache der Bundesstaaten. Und solange “Republicans” den Senat dominieren, können sie jedes Gesetz torpedieren.

Bidens Empathie und Vernetzung sind zwar am ehesten geeignet, den totalen Deadlock zwischen “Democrats” und “Republicans” zu verhindern – aber die Spaltung des Landes und die Krise seiner Demokratie zu überwinden wird fast schon ein Wunder brauchen.

Österreich: straffe Zügel funktionieren

Österreich bleibt von Kaiser Franz Josef bis Sebastian Kurz ein Land, dessen Bevölkerung geführt werden will: Solange die Befehlsausgabe durch Kurz & Co funktionierte, folgten sie auch strengen Auflagen mit größter Disziplin und errangen im Krieg mit Covod-19 einen Blitzsieg. Als die Schlacht geschlagen schien und Kurz “Licht am Ende des Tunnels” verkündete, war die Nation auf Eigenverantwortung reduziert und Covid-19 wieder da. Es wird nicht ganz leicht sein, die Disziplin jetzt- und womöglich auch nach einem dritten Lock down- wieder herzustellen. Aber Kurz ist ein begnadeter Führer und die angespannte Kapazität der Intensivmedizin liefert schlagende Argumente. Die beschlossenen Maßnahmen sind geeignet, die Infektionskurve abzuflachen, auch wenn sie nicht immer logisch sind: In Museen oder Theatern steckt man einander weniger als in Kirchen an.

Dass Kindergärten und Pflichtschulen geöffnet bleiben, entspricht der geringeren Infektiösität von Kindern, begrenzt Ausbildungsrückstände und ist die einzige Möglichkeit für Eltern, ihrem Beruf nachzugehen. Dass die Geschäfte diesmal ohne Unterschied offen bleiben, ist ökonomisch jedenfalls richtig. Dass die Gastronomie zugesperrt wird, kann man, wie die Ausgangsperre, damit begründen, dass wir in einem Land leben, in dem die Jungen Halloween nutzten, um die Infektionen noch rasch zu maximieren. Dass ausgerechnet die FPÖ in der Ausgangsperre “Diktatur” erblickt, obwohl das Parlament sie alle 10 Tage erneut beschließen muss, sollen Kabarettisten kommentieren.

Der unvermeidliche Terror

Dass psychisch schwer gestörte junge Männer die von einer fundamentalistisch ausgelegten Religion gebotene Chance nützen, durch Morde an “Ungläubigen” zu Märtyrern zu avancieren, ist kaum zu verhindern. Die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, befriedigt ihr Geltungsbedürfnis und sorgt für Nachahmungstäter. Die relativ beste Gegenwehr bestünde in einer guten Staatspolizei- die wir seit etwa 1970 nicht mehr haben: Versuchte Munitionskäufe eines Gefährders zu ignorieren rechtfertigt Amtshaftungsklagen,

Kardinal Schönborn meint zu Recht, dass es umso weniger Attentäter gibt, je besser die Angehörigen unterschiedlicher Religionen zusammenleben. Ein Beitrag dazu wäre verpflichtender, aufklärender Ethikunterricht, der über die Verwandtschaft monotheistischer Religionen informierte und ihre Erzählungen diskutierte. Leider wird es ihn im katholischen Österreich nie geben, weil dann auch diskutiert werden müsste, wie die Erzählung von der Ermordung Jesu durch die Juden zum Holocaust beigetragen hat.

 

 

 

 

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Der liebe Gott steht hinter Trump

Die nahezu fundamentalistische Religiosität vieler Amerikaner erleichtert die Akzeptanz faschistoiden Denkens, Fühlens und Handelns.

Das größte Glück der freien Welt, diktierte mir Simon Wiesenthal 1988 für seine Memoiren “Recht nicht Rache” bestünde darin, dass der mit Abstand stärkste Staat der Welt, die USA, zufällig eine rechtsstaatliche Demokratie sei; wenn dort Faschismus ausbräche, sei das daher das größte anzunehmende Unglück. 2020 droht dieser GAU: Wenn Donald Trump weiter regiert, muss man fürchten, dass er Medien, Behörden und Gerichte, die ihn gerade noch im Zaum gehalten haben, wie Recep Tayyip Erdoğan zu Instrumenten faschistoider Herrschaft macht.

Die USA sind ein krankes Land

Trump ist ein Narziss und Psychopath. Aber wer bei ARTE oder im ORF Dokumentationen über die USA gesehen hat, der weiß, dass das ganze Land krank ist. Das politische System ist krank: Seit der Supreme Court 2010 entschieden hat, in Wahlkämpfen Spenden jeder Größenordnung zuzulassen, können reaktionäre Milliardäre Abgeordnete und Gesetze kaufen. Die Medienlandschaft ist krank: Ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es kein Medium, dessen Information die Bevölkerung als weitgehend objektiv ansieht. Fox-News im Eigentum eines reaktionären Milliardärs agiert gleichberechtigt neben CNN im Eigentum liberaler Milliardäre. Gleichberechtigte Informationsquellen sind auch Facebook, Youtube & Co, deren Algorithmen dafür sorgen, dass die extremsten Aussagen die weiteste Verbreitung finden und dass die Nachfahren von Cambridge Analytics Wahlen manipulieren können. Nicht zuletzt ist der für jeden Faschismus unverzichtbare Rassismus in dem Ausmaß erstarkt, in dem auch immer mehr Weiße sich abgehängt fühlen.

Glaube wird leicht zu Faschismus

Ich will hier auf eine weiteres Phänomen eingehen, das die faschistoide Entwicklung der USA begünstigt: Die fast fundamentalistische Religiosität. Amerikaner sind fromm: In der Hälfte der Bundesstaaten wird Charles Darwin nicht geglaubt, “Evolution” nicht unterrichtet; am Land ist der Sonntagsgottesdienst ein Muss; im Bibel-Belt gibt es keine Veranstaltung ohne Gebet; es gib keine Reden, in denen Gott die USA nicht mehrmals segnet. Das hat Vorteile: Der Unterschied zwischen Gut und Böse bleibt wichtig. Aber es hat einen erheblichen Nachteil: Religion und Faschismus ist ein Hang zum Irrationalen und die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Sache gemeinsam. So wie man als überzeugter Katholik seinen allmächtigen Gott für den einzig richtigen hält und zu halten verpflichtet ist, stattet der überzeugte Faschist seinen Führer mit Allmacht aus und lässt sich von ihm zum Gehorsam verpflichten. Oft genug war etwa der Katholizismus deshalb unmittelbar mit faschistoiden Systemen à la Franco verbunden. In Österreich ließ sich beobachten, wie leicht es Katholiken fiel, dem frommen Dollfuß zuzujubeln- der in Hitler freilich den Teufel erkannte. Ähnlich leicht wurden allerdings Sozialisten Nazis, denen Karl Marx die Religion als “Opium fürs Volk” ausgeredet hatte: Faschismus okkupiert nur zu gern den von der Religion freigegebenen irrationalen Raum.

Beide Phänomene gibt es auch in den USA: Ihre vielen christlichen Fundamentalisten jubeln Donald Trump zu, weil er eine Abtreibungsgegnerin zur Höchstrichterin macht. Aber dort, wo die Religion Raum freigibt, dringt faschistoides Denken und Fühlen nicht minder ein.

 Protestantismus als Basis des Kapitalismus

Amerikaner sind aber nicht nur besonders religiös- sie sind mehrheitlich “evangelikal”, also Protestanten. Seit Max Weber wissen wir, wie sehr der Kapitalismus auf Protestantismus aufbaut. Voran die Prädestinationslehre des Johannes Calvin besagt, dass das Leben jedes Menschen von Gott vorherbestimmt ist, der natürlich auch weiß, ob jemand zu den Verdammten oder den Erwählten zählt. Ein Zeichen, wohin man gehört, liefere allerdings der Lebenswandel: Wer gottgefällig- sparsam und fleißig- der Gemeinschaft diene, sei am ehesten auserwählt. Das verkam- keineswegs im Sinne des Erfinders- zu der Überzeugung, dass Reichtum gottgefällig ist. Dass der Kapitalismus Bürger höchst unterschiedlichen Reichtums hervorbrachte, war so gottgegeben wie selbstverständlich. Dass der Dienst an der Gemeinschaft mit zur Gottesgefälligkeit zählt, wurde zwar zunehmend vergessen- aber ein Rest davon äußert sich bis heute in der Bereitschaft reicher Amerikaner zu “Wohltätigkeit” .

Reichtum und Armut sind gottgegeben.

Einen “Sozialismus”, der es als Aufgabe des Staates und nicht wohltätiger Milliardäre ansieht, Arme zu unterstützen, hat es in den USA nicht gegeben. Dass Gewerkschaften dort dennoch als erste höhere Löhne und den Achtstundentag durchsetzten war nicht Verdienst sozialistischer Politik, sondern Ausfluss funktionierenden Kapitalismus` in einem sehr großen Land: Arbeitskräfte waren lange so rar, dass Unternehmer ihnen zwingend entgegenkommen mussten. Auch heute, da sie ihnen nicht so zwingend entgegenkommen müssen, glauben die Amerikaner an diesen puren Kapitalismus Calvinischen Zuschnitts an Stelle unserer sozialen Marktwirtschaft. Das hat meist den Vorteil, dass die US-Wirtschaft stärker wächst- und immer den Nachteil, dass der soziale Ausgleich zu kurz kommt.

Die Amerikaner sind- wie sich das für Religiöse gehört- innerlich überzeugt, dass der nirgendwo anders so große Unterschied zwischen Reichen und Armen ein Gottgegebener ist, den durch den Staat zu verwischen ketzerisch wäre. Die ärmsten Menschen in den ärmsten Bundesstaaten kämpfen wütend gegen staatliche Sozialprogramme und wählen Donald Trump, der die Steuern der auserwählten Reichen herabsetzt.

Ich setze nicht zuletzt auf genügend Agnostiker, um Trump zu verhindern.

 

 

 

 

 

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Kurz kräftig anpatzen

Ursprünglich habe ich Sebastian Kurz´ Behauptung, niemanden “anzupatzen” relativ ernst genommen.

Granden seiner Freiheitlichen Koalitionspartner hat er auch bis heute nicht “angepatzt”. Bei Der SPÖ und Michael Ludwig ist ihm das schon schwerer gefallen: Er konnte sich nicht verbeißen, auf die “besorgniserregenden” Infektionsraten in Wien hinzuweisen, das zu wenig dagegen unternähme, ob die Infektionsraten im ÖVP-regierten Tirol immer höher waren und dort auch ein wirkliches Versäumnis vorlag – aber direktes “Anpatzen” konnte man das noch nicht nennen. Das ist ihm erst gegenüber Justizministerin Alma Zadić gelungen: Die Behauptung, der Terroranschlag in Wien wäre unterblieben, wenn die Justiz den Täter nicht nach zwei Dritteln seiner Haft der Gesetzeslage entsprechend entlassen und der Bewährungshilfe übergeben hätte, ist an Unwahrheit und Untergriffigkeit schwer zu überbieten.

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Ungerechter geht nicht

“Dancing Stars” ist wirklich ein grandioses Fernsehformat. Denkbar unterhaltend lehrt es politisch unglaublich Wichtiges:

  • Dass man mit optimalen Lehrern in kurzer Zeit unglaubliche Fortschritte erzielen kann.
  • Dass selbst denkbar Unbegabte passable Leistungen erzielen können, wenn sie optimal unterrichtet werden und man ihnen etwas Zeit gibt.
  • Oder dass Kunst- und Tanzen eine Kunst ist und Menschen verändern kann: Anfangs Harte und Steife können innerhalb weniger Wochen weich und schmiegsam werden.

Mich hat die gestrige Sendung in meiner politischen Überzeugung bestätigt, dass Geschworenengerichte abgeschafft gehören und man Volksabstimmungen in Österreich so weit wie irgend möglich meiden soll: Die Gleichberechtigung des “Public Voting” mit dem Voting der Jury hat zum zweiten Mal dazu geführt, dass ein Paar ausgeschieden ist, dass ebenso gut das Siegespaar sein könnte, während um drei Klassen schwächer Paare im Bewerb geblieben sind.

Das scheint mir etwas zu viel der Ungerechtigkeit, selbst wenn es “nur” um eine Unterhaltungssendung geht.

Drag Queen Tamara hat sich vor ein paar Wochen begreiflicherweise zutiefst über ihr ähnlich ungerechtes Ausscheiden gekränkt – die Schauspielerin Edita Malovčić hat es mit professioneller Eleganz hingenommen. Dennoch hat der ungarische Wertungsrichter Balázs Ekker zu recht erklärt, dass ihn das Ganze an einen Faschingsscherz erinnert.

Das Urteil der Jury kann mehr Gewicht haben

Mir ist klar, dass die Verbindung von professioneller Wertung mit telefonischer Wertung durch die Zuseher den besonderen Reiz dieser Sendung ausmacht, und es hat auch etwas Sympathisches an sich, wenn das Publikum den schwächsten Kandidaten über die ersten Runden bringt, indem es honoriert, wie sehr er sich plagt.

Aber ich weiß nicht, ob es der Sendung auf die Dauer gut tut, wenn sie als extrem ungerecht wahrgenommen wird.

Es gäbe ab der fünften Staffel einen eleganten Ausweg, der sich Freitag optimal angeboten hätte. Konkret hat die Jury zuerst jedes Paar mit dem von ihm vorgeführten Tanz bewertet und das hat wie immer zu einer akzeptablen Reihung geführt. Danach wertete die Jury ein zweites Mal im Rahmen eines Tanz-Marathons und wieder kam eine akzeptable Reihung heraus. In der Folge wurden die beiden Wertungen zusammengeführt und es ergab sich eine neue, quasi optimierte Jury-Wertung, die dann wie jedes Mal gleichberechtigt durch die Publikumswertung ergänzt wurde und das zitierte denkbar ungerechte Resultat ergab.

Vermieden hätte man dieses extrem ungerechte Resultat denkbar einfach, wenn man die Punkte der beiden Jury-Wertungen zusammengezählt und dann die Punkte aus der Publikumswertung hinzugezählt hätte- denn die Wertung der professionellen Jury wäre dann zweifach, die des Publikums nur einfach in die Endwertung eingeflossen.

Ich glaube nicht einmal, dass es den Zusehern negativ aufgefallen wäre, denn es hätte durchaus logisch gewirkt.

Professionelle Wertungsrichter bewerten nun einmal seriöser als “das Volk” so wie eine Entscheidung von Parlamentariern, die sich professionell mit einem Thema auseinandergesetzt haben, ein seriöseres Resultat als eine Volksabstimmung erbringt und man dennoch nicht behaupten kann, dass das Volk von der Entscheidung ausgeschlossen ist. Es gibt offenkundig geeignete und weniger geeignete Modi, um das Volk in Entscheidungen mit einzubeziehen.

Der aktuelle Modus der Dancing Stars scheint mir ein weniger geeigneter.

 

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Was jetzt zu tun ist

Hannes Androsch stellt auf 143 Seiten Forderungen zu Bildung, Migration oder Klimawandel auf. Ohne Rücksicht auf Tabus und meines Erachtens rundum richtig.

“Was jetzt zu tun ist” nennt Hannes Androsch sein jüngstes Buch[1], und der selbstbewusste Titel ist gerechtfertigt: Er gibt konkrete Anweisungen zur Bewältigung der Zukunft und wo er Kritik an der Gegenwart übt, hat sie Hand und Fuß.

Ich beginne mit der Kritik am aktuellen Corona-Paket, auch wenn sie am wenigsten Neues enthält. Natürlich ist das versprochene Geld viel zu langsam geflossen und das neue Epidemie-Gesetz weit schlechter als das alte. Denn es verpflichtet den Staat nicht mehr, erlittenen Schaden zu ersetzen, obwohl nur das den Einbruch der Wirtschaft erheblich verminderte. Anders als in Deutschland gehen auch die Investitionen nicht übers bisher Geplante hinaus, um Jobs zu schaffen und Zukunft zu erobern, obwohl Geld billigst zur Verfügung stünde.

 Programmieren als Schulfach

Auch das Kapitel Bildung ist insofern nicht neu, als es voran Forderungen des von Androsch 2011 initiierten Bildungsvolksbegehrens wiederholt und ihre Dringlichkeit auch mit “Corona” begründet: Natürlich sei es jetzt doppelt ärgerlich, dass Schulen und Schüler nicht längst mit adäquater EDV ausgestattet sind. Obwohl Österreich viel für Schulbildung ausgibt, erhalten die Kinder die EU-weit wenigsten Unterrichtsstunden, und die Lehrergewerkschaft hielt es für eine Zumutung, an Fenstertagen durch Corona verlorenen Unterricht nachzuholen. Solange viel mehr Schulautonomie Direktoren nicht erlaube, sich Lehrer auszusuchen, würde man diesen Mangel an Einsatz nicht los. Nach wie vor mangle es an qualifizierter Vorschulbildung und würden HTL s, Fachschulen und Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht viel zu langsam ausgebaut, obwohl letztere entscheidend dazu beitrügen, die Sprachdefizite von Migranten abzubauen. Natürlich sei der Lehrstoff endlich auszumisten, um Platz für ökonomische und vor allem digitale Kompetenz zu schaffen und müssten Lehrer gezwungen sein, sich diesbezüglich fortzubilden.

Eine Hochschule für Digitalisierung

Das leitet zu Androschs Kritik am geringen Fortschritt bei Digitalisierung und künstlicher Intelligenz über, die über die künftige Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften entschieden. Natürlich stelle ein schnelles digitales Netz nicht nur in Städten, sondern auch am Land die Mindestvoraussetzung dar- am wichtigsten sei aber bessere Ausbildung. Konkret schlägt Androsch eine digitale Fortbildungsstätte in Wien vor, die ein Hochschul- und post graduate-Studium anbietet und dazu beitragen könnte, dass in die USA abgewanderte Fachleute heimkehren. Ich füge an, dass auch die Initiativen der EU, ein Gegengewicht zu den US-Digital-Giganten Alphabet, Facebook oder Amazon zu schaffen, dringend mehr Punch brauchten.

Unverzichtbare Atomenergie

Größter Aufreger des Buches ist zweifellos das Klima- Kapitel. Wie die Grünen und ich sieht Androsch im Klimawandel keine weit entfernte, sondern eine nahe Mega-Gefahr, die abzuwenden unser größtes Anliegen sein muss. Wie die Grünen und ich hält er eine CO2-Steuer, wie Sebastian Kurz sie ablehnt, für so richtig wie dringlich. Aber in diametralem Gegensatz zu den Grünen ist er mit mir der Meinung, dass man beim Übergang zu alternativen Energien nicht auf Atomkraft verzichten kann. Nicht weil er ihre Gefahren übersieht, sondern weil man sie in Relation zur Gefahr des Klimawandels sehen muss. Den Volksentscheid gegen Zwentendorf und das Atomsperrgesetz, das wie die Neutralität zu einem Bestandteil der österreichischen Identität geworden ist, hält er wie ich für verfehlt. Beides kam zustande, weil Bruno Kreisky behauptet hatte, dass er zurücktreten würde, wenn die Abstimmung gegen Zwentendorf ausginge. Darauf- ich kann Androsch Wahrnehmung nur bestätigen- haben auch die engagiertesten Zwentendorf-Befürworter in ÖVP und Industriellenvereinigung gegen Zwentendorf gestimmt. Ausschließlich Kreiskys verfehlte Taktik hat dazu geführt, dass ein Atomkraftwerk, das so sicher wie die tschechischen, Schweizer oder französischen Atomkraftwerke gewesen wäre, eingemottet wurde. Weil Kreisky aber selbst Niederlagen optimal zu nutzen wusste, beschloss er gleich darauf das Atomsperrgesetz, das dazu führt, dass wir Atomstrom zwar natürlich verwenden und wie Schweizer oder Tschechen von einem GAU bedroht sind, es aber für unsere Bestimmung halten, chancenlos gegen benachbarte Atomkraftwerke zu protestieren und der EU vorzuwerfen, dass sie, wie selbst Greta Thunberg, im Kampf gegen den Klimawandel nicht auf Atomkraft verzichten will. Androsch geht beim Brechen österreichischer Tabus aber noch weiter: Er hält mit mir auch für falsch, dass das Kraftwerk Freudenau und diverse Tiroler Wasserkraftwerke nicht gebaut wurden, um “einzigartige Ökosysteme” zu schützen, denn nur die Abwehr des Klimawandels schützt das einzigartige Ökosystem des Erdballs, und Windparks im Meer oder Sonnenkollektoren in der Wüste kommen für Österreichs bei E-Mobilität unverzichtbare Stromerzeugung nicht in Frage.

Klar auch Androschs Haltung zur Migration: Ohne die Aufnahme von Migranten schrumpfte und alterte Europas Bevölkerung zu Lasten der Wirtschaft- und nicht zuletzt der Pensionen. Das Abschieben integrierter, in Mangelberufen tätiger Flüchtlinge sei nicht nur inhuman, sondern dumm.

Wenn ich mit Androsch irgendwo differiere, dann allenfalls bezüglich des Sinns von Vermögenssteuern. Nicht dass ich darin eine Lösung für das von ihm nicht angesprochene Problem wachsender Ungleichheit sehe- wohl aber einen kleinen Beitrag dazu. Aber man kann nicht überall übereinstimmen.

[1] Brandstätter-Verlag 22 EUR

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Ein Plädoyer für “Schweden” + “Ampel”

Geballte “Maßnahmen” sind nicht länger als drei Monate durchzuhalten. Schweden geht zur “Ampel” über- wir haben sie und sollten sie ernst nehmen.

Donald Trump ist ein Büffel. Der 74-Jährige hatte zwar 40 Grad Fieber, aber er twittert schon wieder- seine 50 jährige Frau Melanie hatte nur gerade Kopfweh. Ich bin mit drei Herzinfarkten kein Büffel. Meine Chance, Covid-19 als 81j-ähriger zu überleben ist eher dürftig – meine Frau Eva ist zwar 72, aber sie hat die Physis einer 50-jährigen und überlebte Covid-19 sicherer als der übergewichtige Trump. Ihr größtes Glück ist es, unseren zweijährigen Enkel Noah zu herzen. Seit voriger Woche ist Noah im Kindergarten. Wenn er sich dort mit dem SARS-Cov-2 Virus infizierte, zeigte er vermutlich keine Symptome. Wenn er es auf meine Frau übertrüge, müsste wohl auch ich es überleben- oder eben nicht. Falter-Leser gehören zwar laut Media-Analyse eher selten meiner Altersklasse an, aber vielleicht ist ihnen das innerfamiliäre Dilemma dennoch vorstellbar. Wir sind folgenden Kompromiss eingegangen: Eva wird versuchen, sich nur im Freien an Noahs Anblick zu erfreuen. Ob sie das durchhält, ist ungewiss- und ich kann ihr das schwer verübeln.

Was spricht fürs schwedische Modell?

Ich kann es deshalb auch der Jugend schwer verübeln, dass sie sich, wie Rudolf Anschober kritisiert, immer weniger an die “Maßnahmen” hält und damit den aktuellen Anstieg der Infektionen verantworten dürfte. Das ist zwar eine wirtschaftliche Katastrophe, weil die Reisewarnungen des Auslands uns weiteren Tourismus kosten und der 15,3 Prozent zum BIP beiträgt- aber die Jugend will leben und lieben. Man kann diesen Wunsch zwei, drei Monate “down-locken” – aber nicht länger. Ich glaube daher, dass wir zum schwedischen Modell der sehr begrenzten Maßnahmen und erhöhten “Eigenverantwortung” übergehen müssen und will das begründen. Schweden hat zwar deutlich mehr Tote als Österreich zu beklagen, aber das hat zwei Gründe:

  • Die Lebenserwartung schwedischer Männer ist ein gutes Jahr höher als die der Österreicher- die Gruppe der durch Vorerkrankungen von Covid-19 mit dem Tod Bedrohten ist daher in Schweden wesentlich größer. (Und Männer sterben doppelt so oft wie Frauen an Covid-19.)
  • Im Gegensatz zu Österreich gibt es in Schweden fast nur private Altersheime. Die wurden, wie Schwedens Chef-Virologe Anders Tegnell zugibt, ungenügend beaufsichtigt: Dass dort tödliche Coivid-19-Cluster entstanden, war ein Hauptgrund für die erhöhte schwedische Mortalität. Bei uns gab es dieses Problem kaum, und man will es bekanntlich weiterhin vermeiden, indem man in Altersheimen ständig testet- das sollte eigentlich gelingen.

Tegnell hat zwar soeben einen halben Strategiewechsel angekündigt: Er will zwar weiterhin ohne umfassenden Lockdown auskommen, wie Österreich ihn erfolgreich exekutierte, aber er hält partielle lokale Lockdowns für möglicherweise geboten. Das aber entspricht exakt Österreichs aktueller Ampel-Strategie, sofern die Politik sich daran hält.

Schwedens Modell schonte die Wirtschaft

Dass die Schweden- Bevölkerung wie Politiker- nicht mehr so überzeugt vom schwedischen Sonderweg sind, hat meines Erachtens nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe: Schwedens BIP ist trotz Vermeidung eines Lockdown in den beiden ersten Quartalen um 8,6 Prozent eingebrochen – Österreichs Wirtschaft freilich um 12,5 Prozent und es ist unwahrscheinlich, dass sich das in den zwei nächsten Quartalen umkehrt- eher wird sich der Abstand noch vergrößern.

Zudem werden die Langzeitfolgen ausgeblendet:Ein wesentlicher Vorzug des schwedischen Modells war es nämlich, Schulschließungen zu vermeiden. Mangelnde Ausbildung ist aber laut Sonderauswertung der Statistik Austria ein wesentlicher Grund für eine verkürzte Lebenserwartung: Österreicher ohne Pflichtschulabschluss leben um 11 Jahre kürzer als Akademiker. Bei wie vielen Migranten der unterbrochene Unterricht dieses Jahres die Lebenserwartung weit stärker als Covid-19 verkürzt, wird sich zwar erst in Jahrzehnten herausstellen, aber dass es so sein wird, ist wenig zweifelhaft und einer der Gründe, warum ich mit Heinz Faßmann so sehr dafür eintrete, Schulen nur mehr ganz selten zu schießen.

Nur “schwedisch” hält man durch

Der Faktor Zeit ist auch sonst der entscheidende Grund, dass ich für das neue schwedische Modell plus “Ampel” plädiere: Ein totaler Lockdown ist in einer freien Gesellschaft eben unmöglich länger als zwei, drei Monate durchzuhalten- ein zweiter Lockdown, wie er gelegentlich angedroht wird, schon gar nicht.

Anschobers Hoffnung, dass das Problem schon demnächst durch eine Impfung beseitigt sein wird, halte ich für voreilig. Ich habe mir in der welt-führenden Medizin- Zeitschrift Lancet durchgelesen, was dort über die Verträglichkeit des derzeit am weitesten fortgeschrittenen Impfstoff von AstraZeneka steht: In der Prüfphase 2 konnte 39 Grad Fieber als Nebenwirkung erst nach der Zugabe von Paracetamol in Grenzen gehalten werden, und die Prüfphase 3, in der mehrere tausend Personen geimpft werden, findet in Indien statt, wo man für ein paar hundert Euro jede Auskunft kaufen kann. Jedenfalls vermerkt Lancet, dass es noch eingehender Prüfung bedarf, ob über 80-jährige mir Vorerkrankungen wie ich die Impfung wirklich vertragen.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Impfstoff-Kandidaten, aber selbst wenn ein Impfstoff schon im Frühjahr 2021 als unbedenklich eingestuft wird, wird es noch eine Weile dauern, bis dank Durchimpfung Herdenimmunität erreicht ist. Wir müssen also ziemlich sicher noch ein gutes Jahr mit Covid-19 leben- und das geht nur auf schwedisch plus Corona-Ampel.

 

 

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Covid-19 besiegt man nur überparteilich  

Pamela Rendi Wagner hat dem neuen Epidemie- Gesetz zu Recht zugestimmt- es war dringlich. Die Regierung sollte rasch den von ihr geforderten Schnelltests zustimmen.

Herbert Kickl, der vor zwei Jahren den Bundestrojaner einführen wollte, will Österreich davor bewahren, durch das neue Epidemie-Gesetz zum “Überwachungsstaat” zu werden- so zynisch vermag nur ein Freiheitlicher zu agieren. Gott sei Dank hat Pamela Rendi-Wagner dem Gesetz zur nötigen Verfassungs-Mehrheit verholfen, denn ein funktionstüchtiges Epidemie-Gesetz war dringlich. Wie der Verfassungs-Experte Heinz Mayer behaupte ich, dass es zwangsläufig massiv in Grundrechte eingreifen muss: Schließlich muss man damit auch Ebola oder die Pest bekämpfen können. Ein gutes Epidemie-Gesetz zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es keine rigorosen Bestimmungen enthält, sondern dadurch, dass deren Anwendung ständiger institutionalisierter Kontrolle unterliegt und zeitlich klar befristet ist.

Dass sich Rendi-Wagner als konstruktive Partnerin von Grünen und ÖVP erwiesen hat, erhöht ihre Glaubwürdigkeit- es ging ihr um die Sache und nicht um die Partei. Ich hoffe, dass die Regierung diese Haltung übernimmt und sich jetzt Rendi-Wagners Forderung anschließt, so rasch wie möglich die neuesten Corona-Schnelltests von Roche einzusetzen- denn auch schnelleres Testen ist dringlich.

Zur Illustration: Einer meiner Söhne hatte Kontakt mit einem Covid-19- Infizierten- es dauerte zwei Tage, bis er bei der Telefonnummer 1450 durchkam; zwei Tage später wurde der Test durchgeführt; das negative Ergebnis erhielt er nach weiteren fünf Tagen; allerdings mit dem Hinweis, dass es nicht ganz sicher sei und daher durch einen weiteren Test überprüft werden müsse. Insgesamt dauerte es neun Tage, bis er wusste, dass er Covid-19 negativ ist. Solange wäre er als Arbeitskraft ausgefallen- wenn er als Schauspieler nicht sowieso arbeitslos gewesen wäre. Vor allem aber: Wäre der Test positiv gewesen, so hätte erst jetzt das berühmte Contact-Tracing begonnen, und man kann sich ausmalen, was es bedeutet hätte, erst jetzt alle die Personen ausfindig zu machen, die er vor neun Tagen vielleicht angesteckt hätte und die diese Ansteckung durch neunTage weiter verbreitet hätten.

Der Schnelltest ist also von der Bedeutung, die Rendi-Wagner ihm zumisst und anders als die bisher bekannten Schnelltests scheint der von “Roche” auch zuverlässig. Der Schweizer Pharmakonzern gibt an, dass sein Test in nur 15-30 Minuten ein Resultat liefert, das eine Spezifität von 99,68 und eine Sensitivität von 96,52 Prozent besitzt. Damit wären falsch-positive Ergebnisse fast ausgeschlossen, und die Wahrscheinlichkeit falsch-negativer Ergebnisse läge unter 4 Prozent. Diese Zahlen wurden laut Roche anhand von 426 Probanden in zwei unabhängigen Testzentren ermittelt; die US-Gesundheitsbehörde hat den Test zugelassen; und bei einem ersten Groß- Einsatz in Österreich hat er funktioniert. Ich meine, dass der enorme Zeitgewinn, den er verspricht, eine so große Chance darstellt, dass man das Risiko, dass er sich doch als weniger genau als der PCR-Test herausstellt, vernachlässigen kann.

Auch für die Korona-Ampel wäre es ein Segen, wenn sie überparteilich betrachtet würde. Die Grundidee, mit ihrer Hilfe eine lokale Differenzierung zu ermöglichen- nicht die Sperrstunde in Salzburg zu verändern, weil in Kufstein ein Covid-19-Cluster aufgebrochen ist- bleibt grundvernünftig, auch wenn drei Konstruktionsfehler vorliegen:

  • In der Ampelkommission sollten nur Virologen, Epidemiologen und Public Health-Experten, nicht auch Politiker sitzen, so dass sie ein reines Fachurteil fällt.
  • Es sollte aber offenkundig und klar sein, dass sich die Politik über dieses Fachurteil hinwegsetzen kann: Sie muss es nur begründen und trägt damit auch eindeutig die politische Verantwortung.
  • Am Rande ist es ein Fehler, dass “grün” nicht die völlige Abwesenheit von Covid-19 signalisiert- aber daran kann man sich gewöhnen.

Was der Ampel den Erfolg versagt, ist der Umstand, dass die Politik ohne jeden Zusammenhang mit ihr agiert: Sebastian Kurz hat damit begonnen, die Maßnahmen für ganz Österreich zu verschärfen, ohne es mit dem Urteil der Ampelkommission zu begründen und jetzt machen die Landeshauptleute das gleiche. Es ist zwar durchaus nachvollziehbar, dass sie derzeit rigorosere, großflächige, Maßnahmen vorziehen, weil sie Reisewarnungen des Auslandes fürchten, aber das kann man der Öffentlichkeit in exakt dieser Form erläutern: In formalisierten Pressekonferenzen, wie die Regierung sie liebt, soll ein Sprecher der Ampel erklären, was die Ampel sagt, und die Landeshauptleute sollen erklären, warum sie davon abweichen. Man nennt dergleichen “transparente Kommunikation” und sie ist den Bürgern durchaus zuzumuten.

Wie Rudolf Anschober durch die Ampel hat auch Heinz Faßmann durch den Schulbeginn an Zustimmung eingebüßt: Bei Eltern und Lehrern herrscht Verwirrung. Aber das liegt nicht an ihm, sondern am Föderalismus: Bildungsminister, Schuldirektoren und Lehrer können nicht entscheiden, was zu geschehen hat, wenn der Verdacht auf eine Covid-19 Infektion auftaucht- das kann nur die Gesundheitsbehörde, und die ist in jedem Bundesland anders organisiert. Das Gesundheitsministerium hat eine zwar eindeutige, aber unendlich komplizierte Anweisung verfasst, wie sie zu entscheiden hätte – ich habe sie drei Mal durchgelesen, und es fiele mir denkbar schwer ihr zu folgen. Es gibt gelegentlich auch die Notwendigkeit, allzu große Differenzierung um der Verständlichkeit Willen zu unterlassen- ich weiß davon ein Lied zu singen.

 

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Wie steht das Covid-19-Rennen

Die Politik, nicht die Ampel versagt. Übersterblichkeit bleibt weiter aus. Aber Österreicher erreichen nicht so oft das Alter, in dem man an Covid-19 stirbt.

Die Corona-Ampel teilt das Schicksal der Regierung Kern-Mitterlehner: Sie ist medial totgesagt, bevor sie sich bewähren konnte.

Ja, es war ein Fehler, die gesetzliche Grundlage nicht früher zu schaffen, aber das ändert nichts daran, dass die Ampel sich eignet, Corona-Maßnahmen zu differenzieren – nicht flächendeckend Maskenpflicht zu verhängen, wenn die Corona-Infektionen in Wien hochschnellen. Es ist sinnvoll, danach vorzugehen, ob die Infektionen sich diffus erhöhen oder ein Cluster lokalisierbar ist, wie viele Intensivbetten in der Nähe sind, ob es in der Region viele oder wenige Pendler gibt oder wie alt die meisten Infizierten sind. Eine Kommission aus Virologen und Epidemiologen kann daraus sehr wohl die jeweils angemessenen Maßnahmen ableiten. Es ist auch sinnvoll, der Regierung dennoch die letzte Entscheidung zu überlassen- sie müsste nur öffentlich begründen, warum sie vom Urteil der Kommission abweicht.

Was nicht geht ist, dass Sebastian Kurz, ohne die Ampel abzuwarten, Maßnahmen verschärft oder dass der Bürgermeister von Linz und der Landeshauptmann von Oberösterreich die Ampel- Entscheidung zurückweisen und der Eindruck entsteht, sie sei auf ihren Druck hin zurückgenommen worden.

Nicht die Ampel, sondern ihre politische Handhabung hat nicht funktioniert.

Weiterhin keine böse Zacke

Wie kritisch die Lage wirklich ist, lässt sich in Wahrheit nur bei EUROMOMO eruieren- jener dänischen Organisation, die misst, wie viele Menschen in einem Land zwischen dem 1. Jänner und heute woran immer verstorben sind, und ob sich diese Zahl gegenüber dem Durchschnitt der letzten Jahre erhöht hat.

Bisher hat sie sich in Österreich und Deutschland trotz Covid-19 nicht erhöht. Die türkis-grüne Regierung kann daher weiter zu recht behaupten, die Pandemie mit messbarem Erfolg bekämpft zu haben. Das gleiche Bild ergibt sich, wenn man die Covid-19-Toten einzig vernünftig pro Million Einwohner betrachtet: Da liegt Österreich mit nur 85 Toten sogar noch vor Deutschland mit 112 und deutlich vor der Schweiz mit 220 und Holland mit 368 Toten, während es in Italien, Frankreich oder Schweden um die 500, in Groß Britannien und Spanien sogar über 600 sind. Spitzenreiter Belgien überflügelt mit 856 Toten sogar Donald Trumps USA mit 599 Toten.

Alle genannten Länder weisen auch bei EUROMOMO eine deutliche Zacke gegenüber der durchschnittlichen Todesrate auf, verzeichnen also echte “Übersterblichkeit.”

Erstaunliche gutes Gewissen

Aus der Zusammenstellung ergibt sich auch klar, warum: In Spanien, Italien, Frankreich oder Belgien wurde die Intensivmedizin auf Grund des Spar-Paktes kaputtgespart. In Belgien trat hinzu, dass Brüssel und Straßburg eine besonders hohe Reisetätigkeit verkraften müssen. In Großbritannien und Holland sparten die Regierungen ihre Gesundheitssysteme abseits des Sparpaktes aus neoliberaler Überzeugung kaputt. Wie Angela Merkel, Jean Claude Juncker, Mark Rutte und Boris Johnson diese Abertausend dem Sparen des Staates geschuldeten Toten vor ihrem Gewissen vertreten, bleibt ihr Geheimnis, denn in den Medien werden sie kaum mit diesem Zusammenhang konfrontiert.

Im reichen Schweden, wo man, wie in Dänemark auch besonders wenig Intensivbetten hat, gesteht dessen Spitzenvirologe Anders Tegnell immerhin mittlerweile ein, dass es vermutlich ein Fehler war, Alte nicht energischer geschützt zu haben. Von Boris Johnson oder Donald Trump kann man keinerlei Einsicht erwarten.

 Die unterlassene Rechnung

Wenn Sie den Text bis hierher gelesen haben, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass die Mortalität eines besonders reichen Landes- nämlich der Schweiz- mit 220 Toten pro Million aus dem Rahmen fällt- sie ist fast drei mal so hoch wie die Österreichs und vor allem verzeichnet die Schweiz auch bei EUROMOMO “Übersterblichkeit”. Das aber liegt schwerlich an Mängeln des Schweizer Gesundheitssystems. Schließlich weisen die Schweizer Europas zweithöchste Lebenserwartung auf: Männer werden im Schnitt 80,3, Frauen 88,5 Jahre.

Spätestens diese Ziffern sollten Anlass sein, die Erfolgsmeldung Österreichs oder Deutschlands noch einmal zu überdenken. In Österreich werden Männer nämlich nur 78,9 und Frauen nur 84,3 Jahre alt, und in Deutschland sieht es mit der Volksgesundheit noch etwas schlechter aus: Männer werden dort 78,5, Frauen 83,2 Jahre.

Covid-19 ist aber bekanntlich aus vielen Gründen (etwa Krebs als Vorerkrankung) umso tödlicher, je älter der Patient ist. Ab Achtzig nimmt die Covid-Mortalität extrem zu. Die Zahl derer, die dieses Alter erreichen, ist in der Schweiz also deutlich größer als in Österreich. Boshafter formuliert: Österreicher erreichen leider nicht so oft das Alter, in dem Covid-19 extrem tödlich verläuft.

Vielleicht überzeugt Sie das auch von meinen im vorwöchigen Kommentar formulierten Forderungen zur Hebung der österreichischen Volksgesundheit: Es braucht eine Wirtschaftsordnung, die weniger Armut zulässt, indem voran höhere Mindestlöhne ein halbwegs menschenwürdiges Lohnniveau sicherstellen. Wie die Statistik Austria errechnet hat, sinkt die Lebenserwartung nämlich massiv mit dem Einkommen: bei armutsgefährdeten Frauen um anderthalb, bei armutsgefährdeten Männern um volle vier Jahre. Und laut Statistik Austria sind in Österreich 1,5 Millionen Menschen mit einem Monatseinkommen unter 1.238 Euro armutsgefährdet.

P.S.: Die weltweit höchste Lebenserwartung haben mit 85,6 und 93,5 Jahren die Monegassen- warum wohl?

 

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Die Furcht vor der zweiten Welle

Die gestiegene Zahl der neu-Infizierten ist wenig aussagekräftig. Die wichtige Zahl der Toten bleibt niedrig. Menschenwürdige Löhne senkten sie nachhaltig.

Sebastian Kurz sieht die zweite Corona-Welle angekommen und konnte sich nicht enthalten, die Lage in Wien besonders dramatisch zu nennen, obwohl sie in Relation zur Einwohnerzahl in Tirol kritischer ist.

Was seine bisher erfolgreiche Corona-Strategie betrifft- er erreicht durch den verfehlten Hinweis auf die Lombardei, dass die Österreicher maximale Disziplin übten- so wird sich zeigen, ob sie weiter funktioniert: Es könnte auch sein, dass man ihm nicht mehr glaubt.

Ich bin insofern optimistisch, als ich bezweifle, dass die Covid-19 Gefahr im gleichen Ausmaß wie die Zahl der Infizierten gestiegen ist. Der ORF erwähnt zwar stets, dass die auch mit der höheren Zahl der Tests zusammenhängen könnte, aber man müsste, glaube ich, sagen, dass sie erheblich davon abhängt: In Wien wird besonders häufig, in Tirol am häufigsten getestet. In Wahrheit weiß man trotz “Stichproben” nur sehr ungenau, wie verbreitetet das Sars-COV2 Virus in der Bevölkerung ist, denn unglaublich viele Erkrankungen verlaufen Symptom-frei. Die Dunkelziffer kann das Doppelte, aber auch das Zehnfache des angenommenen Wertes betragen. Ist Letzteres der Fall, so ist es kein Wunder, dass viel mehr Tests viel mehr Infizierte hervorbringen.

 Die geringe Covid-19-Mortalität

Um die Gefahr abzuschätzen, die von der Pandemie ausgeht, muss man die Infektionszahlen aber vor allem mit den Zahlen derer vergleichen, die schwer erkranken oder sterben. Daher meldet der ORF zu recht meist die Zahl der in Intensivstationen aufgenommenen und verstorbenen Covid-19 Erkrankten – und beide Zahlen steigen nicht entfernt mit der Zahl der Infizierten. Wie sehr es die Wahrnehmung verzerrt, wenn man das nicht berücksichtigt, zeigt am krassesten Frankreich: Dort sind die Infektionszahlen derzeit mit über 10.000 pro Tag fast genauso hoch wie am Höhepunkt der Epidemie im April – aber die Zahl der Toten, die Corona zugeordnet werden, liegt nur um die fünfzehn Personen pro Tag, verglichen mit fast tausend Mitte April.

Das Virus ist zwar hoch ansteckend, aber, wie manche Virologen von Anfang an behaupteten, nicht ganz so gefährlich, wenn nicht massive Vorerkrankungen vorliegen und es vor allem nicht an Intensivbetten fehlt. Insofern waren die sich stapelnden Särge in der Lombardei, die Sebastian Kurz so erfolgreich ins Treffen führte, im Nachhinein betrachtet, offenkundig völlig atypisch für die Covid-19-Mortalität.

Das soll freilich in keiner Weise heißen, dass das Virus ungefährlich wäre. Da wir selbst im Falle einer baldigen Impfung noch durch Jahre mit ihm leben müssen und vor allem weil es immer wieder zu Pandemien kommen wird ist es nützlich, sich mit den sozioökonomischen Voraussetzungen hoher Mortalität auseinanderzusetzen:

Arme sterben an jeder Seuche als erste

Das Kaputtsparen der Intensivmedizin hat von Italien über Frankreich bis Spanien zweifellos die entscheidende Rolle gespielt- Österreich und Deutschland sind positive Ausnahmen. Vorerkrankungen sind hingegen überall entscheidend für die Todesrate und es gibt keinen Zweifel, dass Atemwegserkrankungen oder kritisches Übergewicht bei Geringverdienern, die sich schlecht ernähren, sehr viel häufiger als in der Oberschicht sind. Ein probates Mittel, nicht nur die Corona -Sterblichkeit, sondern auch die Sterblichkeit bei Grippe und künftigen neuen Pandemien zu senken, wäre daher ein menschenwürdiger Mindestlohn- gleichzeitig stärkte er die Kaufkraft zum Nutzen der Konjunktur.

Fest steht ferner, dass Arbeits- und Wohnverhältnisse für die Ansteckungshäufigkeit von entscheidender Bedeutung sind. Für die Wohnverhältnisse ist der Soziale Wohnbau wahrscheinlich noch bedeutender als die Mindestlöhne. Bezüglich der Arbeitsverhältnisse sind Gesetze und ist das Arbeitsinspektorat gefragt: Auch in unseren Schlachthöfen herrschen offenbar höchst ungesunde Arbeitsbedingungen und sind die meist zugewanderten Arbeitskräfte nur zu oft in elenden Massenquartieren untergebracht- beides befördert Covid-19, ist aber auch bei jeder anderen Seuche gefährlich. Ähnliches gilt für die überfüllten Lager Asylsuchender, und auch dort wo viele Leiharbeiter unter ungünstigen Bedingungen beschäftigt und in elenden Quartieren untergebracht sind, hat jedes Virus erhöhte Chancen zuzuschlagen.

Alle angeführten wirtschaftlichen Bedingungen kann man durch Gesetze ändern, ohne auf eine Impfung zu warte – und ihr positiver Einfluss auf die Volksgesundheit wäre, weit über Corona hinaus, ein nachhaltiger.

Die Ampel braucht Respekt

Sebastian Kurz und Rudolf Anschober werden einwenden, dass sie genug damit zu tun haben, die aktuelle Situation unter Kontrolle zu bringen. Aus allen angeführten Gründen glaube ich dennoch nicht, dass wir die Lockerungsmaßen großflächig zurücknehmen müssen, sollen und können. Heinz Fassmann zum Beispiel hat rundum recht, für einen halbwegs normal ablaufenden Unterricht zu kämpfen- die sozialmedizinischen Folgen ungenügend ausgebildeter Jahrgänge wären kritischer als schulbedingte Corona-Cluster.

Die Corona Ampel ist eine sinnvolle Einrichtung, um großflächige Lockerungs-Rücknahmen zu vermeiden. Dass einzelne Gemeinden, wie Linz oder Wien sich ungerecht behandelt fühlen, wird immer wieder vorkommen, aber alle Beteiligten sollten begreifen, dass die Ampelschaltung die relativ objektivste Vorgangsweise darstellt, wenn sie korrekt interpretiert wird, Leider befinden sich Kurz & Co freilich schon im Wiener Wahlkampfmodus- das besorgt mich mehr als die Infektionszahlen.

Das seltsame Diktat gegen Robert Meyer

PS: Es ist zwar ein völlig anderes Thema, aber ich möchte zumindest festhalten, dass es mich erstaunt, dass Robert Meyer nicht einmal die Chance erhält, sich um die Fortführung seiner Direktion der Volksoper zu bewerben. Denn so oft ich sie besucht habe, waren die Aufführungen ausgezeichnet, der Spielplan war abwechslungsreich und bei der im Vergleich zur Staatsoper mit 96 Prozent geringeren Auslastung von 80 Prozent muss man bedenken, dass Staatsoper und Theater an der Wien eine überragende Konkurrenz darstellen und dass selbst noch das Raimundtheater der Volksoper potentielles Publikum streitig macht.

Das heißt nicht, dass es keinen Grund gibt, Meyers Volksopern-Konzept anlässlich der Neu-Ausschreibung seines Postens mit den Konzepten anderer Direktions-Kandidaten zu vergleichen – ich kann nur nicht verstehen, dass Staatssekretärin Andrea Mayer Robert Meyer nicht einmal mehr anhören will. Es verwundert mich auch, dass sie so einsam für eine solche Entscheidung zuständig ist. Ich hätte mir auch vorgestellt, dass es für die Besetzung solcher Jobs so etwas wie eine Jury gibt, in der neben Mayer jedenfalls auch ein Sprecher des Volksopernensembles, der Chef der Bundestheater-Holding, aber etwa auch der Chef der “Bühne” Sitz und Stimme haben. Andrea Mayer soll meinetwegen dennoch das Recht der Letztentscheidung haben, aber sie müsste dann zum Beispiel begründen, warum sie sich über eine allfällige anderslautende Mehrheitsentscheidung der Jury hinweggesetzt hat. So froh ich bin, dass Mayer die ahnungslose Elfriede Lunacek als Staatssekretärin abgelöst hat, so wenig wünsche ich sie mir als künftige Diktatorin der Kulturszene.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Braucht Einkommen Zwang zur Arbeit?

Was für Gernot Blümel ein Horror ist, ist für einen der tüchtigsten Unternehmer und einen Philosophen vorweggenommene Zukunft. Freilich mit vielen Fragezeichen.

Um zu erklären, was das Schlimmste an Joe Biden ist, behauptete Donald Trump, der wolle den “Sozialismus” einführen. Um zu erklären, was das Schlimmste an den Grünen ist, behauptete Gernot Blümel, die planten das “Bedingungslose Grundeinkommen” (BGE).

Nicht jeden scheint das zu schrecken: EU-weit finden 71 Prozent der Bürger BGE erwägenswert- in Deutschland immerhin 51 Prozent. Doch in Österreich kann Blümel punkten: Ein BGE-Volksbegehren unterschrieben nur 69.940 Bürger. Mit 42 Prozent war die Ablehnung auch in einer jüngsten Umfrage größer als die Zustimmung mit 40 Prozent.

Das entspricht der Parteienlandschaft: In Deutschland können selbst manche CDU-CSU -Funktionäre BGE etwas abgewinnen- in Österreich hatte es nur in der KPÖ und der “Liste Pilz” Fürsprecher. FPÖ und ÖVP war selbst die “Mindestsicherung” an zu wenige Bedingungen geknüpft: “Durch unsere (inzwischen freilich vom VfGH gekippte) Reform haben wir die Anreize verstärkt, eine Arbeitsstelle anzunehmen.” Aber auch die SPÖ zieht dem BGE ein “Soziales Netz” vor, “das Menschen die Existenz sichert, wenn sie selber dazu nicht in der Lage sind. Die NEOS wollen zu diesem Zweck alle Sozialtransfers als “Bürgergeld” zusammenfassen, und auch die Grünen halten sehr wohl am “Bedarf” fest: “Wir schlagen eine bedarfsorientierte Grundsicherung vor, die auch Ausbildung, Pflege und Absicherung im Alter anbietet. Für alle, die sie brauchen.”

Der grundlegende Unterschied zum BGE: Auch wer es nicht braucht, hätte darauf Anspruch.

Dass ein “Grundeinkommen”, für das man nicht zu arbeiten braucht, auf soviel Zustimmung stößt, liegt daran, dass Oxford-Ökonomen 2017 prophezeiten, dass “künstliche Intelligenz” (KI) und digital gesteuerte Roboter in 25 Jahren 47 Prozent aller Jobs vernichten würden. Ich zweifle, dass es so schnell so viele sein werden, weil das niedrige Lohnniveau die Digitalisierung verlangsamt, aber tendenziell stimme ich dem zu: Nicht nur in der Industrie werden Roboter fast alle Arbeiten besser und billiger als Menschen erledigen, sondern KI wird auch zahllose Verwaltungskräfte, gleich ob in Banken, Unternehmen oder Behörden, überflüssig machen: Akademiker und Maturanten werden weit häufiger als Handwerker den Job verlieren.

Die Hoffnung, dass der steigende Bedarf an Pflegekräften das ausgleicht, ist schon von der Größe der betroffenen Branchen her absurd und unterschätzt zudem den Fortschritt der Medizin. Die digitale Revolution wird sehr wohl eine große Zahl von Menschen den Job kosten.

Und für Menschen ohne Job wird es Einkommen geben müssen.

Dass es “bedingungslos” sein soll, verficht am längsten der Gründer der Drogeriemarktkette DM Götz Werner, der Arbeit nicht gerade scheut: DM ist Europas Branchen-Leader, Werners Vermögen liegt bei zwei Milliarden €. Er vermacht es einer gemeinnützigen Stiftung, weil er “erben” nicht für eine Leistung hält, sondern überzeugt ist, dass jeder Mensch von sich aus das Beste leisten will und kann, wenn ihm ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.500 Euro die Möglichkeit dazu gibt. Dass BGE -Bezieher die Hände in den Schoß legten, entspräche einem falschen, negativen Menschenbild. Wenn sie intensiverer Kindererziehung, sozialen Tätigkeiten oder den Künsten widmeten, nütze das der Gesellschaft ebenfalls.

Ein fast so prominenter BGE-Befürworter ist der Philosoph Richard David Precht, für den die “digitale Revolution” im Vordergrund steht: Sie würde so viele Arbeitsplätze wegrationalisieren, dass es überflüssig sei, einen Unterschied zwischen bedingungslosem und bedarfsorientiertem Grundeinkommen zu machen. An sich sei es eine große Chance, dass Digitalisierung sie uns anstrengende, langweilige Arbeit abnähme, aber wir sollten dieser gigantischen Umwälzung vorbereitet gegenüberstehen.

Widerspruch zum BEG formulierten am schärfsten die linken Ökonomen Heiner Flassbeck und Friederike Spieker: BEG lenke davon ab, die aktuellen Ursachen von Arbeitslosigkeit und unzureichender Entlohnung zu bekämpfen -nämlich das widersinnige Sparen des Staates und das Niedriglohnniveau, das die deutsche Lohnzurückhaltung der EU aufzwinge.

Zudem bezweifeln beide, dass BEG finanzierbar ist- das Grundeinkommen zerstöre die ökonomische Basis, aus der heraus es bezahlt werden soll: “Wenn es Geld vom Staat ohne Arbeitsgegenleistung nicht nur bei Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit oder Unfall gibt, sondern auch dann, wenn der einzelne im Prinzip zu arbeiten in der Lage ist, bestehe ein Anreiz, um den Betrag weniger zu arbeiten, den man automatisch vom Staat erhält. Dann nimmt die gesamte Wirtschaftsleistung ab, die ja die Besteuerungsbasis ist, aus der heraus das Grundeinkommen gezahlt werden muss.” (Spieker)

Auch ich sehe dieses Risiko, auch wenn ich es mit Werner und Precht für geringer als Spieker halte. Nur ist bei einer so großen Weichenstellung auch das kleinste Risiko kritisch. Deshalb riete ich trotz ihrer Umständlichkeit zu einer Allparteien -Kommission, die ein “Modell” erarbeitet: Wer ist bezugsberechtigt? Ab welchem Alter? Auch Vermögensmillionäre? Auch Zuwanderer aus der EU? Wie hoch kann der Betrag sein? Welche Steuer beschafft ihn? Welche Sozialleistungen ersetzt es, welche braucht es weiter? Welcher Mindestlohn verhindert, dass Arbeitgeber im BGE eine fast schon ausreichende Entlohnung sehen? Und so fort.

Dieses Modell setzte ich einem Versuch aus, der umfangreicher als der bisherige finnische sein sollte. Denn die digitale Revolution kommt bestimmt.

 

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Gott erhalte H.C. Strache

Die Spaltung der FPÖ ist ein unschätzbarer Segen. Verschwörungstheorien oder der Stau in Kärnten lassen Hofer wie Strache dennoch hoffen.

Gott sei Dank hat das Verwaltungsgericht Wien sofort bestätigt, dass H.C. Strache in Wien kandidieren darf. Denn alles, was eine möglichst tiefe Spaltung der FPÖ gefährdet, sollte als nationales Unglück betrachtet werden. Das Urteil wird auch vor der obersten Instanz halten: Filippa Straches Aussage, dass ihr Mann angesichts einer Ehekrise in die verwaiste Wohnung seiner Mutter in Wien gezogen sei, ist kaum zu widerlegen und nicht einmal sonderlich unglaubwürdig. Am Rande meine ich, dass die Bestimmung, wonach jemand in Wien gemeldet sein muss, um hier das passive Wahlrecht zu genießen, gestrichen gehört: Wenn die Wiener VP die Salzburgerin Helga Rabl-Stadler statt Gernot Blümel als Spitzenkandidatin aufstellte, wollte ich sie wählen können, wenn sie mir die beste Bürgermeisterin der Bundeshauptstadt schiene.

Strache vom passiven Wahlrecht auszuschließen hätte nur Unklarheit geschaffen. Vermutlich hätte seine dennoch antretende Liste von der Mär profitiert, man hätte ihn aus Angst vor seinem Erfolg eliminiert. So wird er zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihm höchstens 4 bis 5 Prozent der Wähler die Treue halten, was nach “Ibiza” und “Spesen” immer noch gespenstisch ist: Vier Prozent erwachsener Wiener scheinen geistig nicht in der Lage, seine Aussagen im Ibiza-Video sinnerfassend anzuhören oder halten für selbstverständlich, dass man die Berichterstattung einer Zeitung mittels Geldes umfärbt und einem Unternehmen Staatsaufträge vorenthält, um sie einem anderen zuzuschieben.

Dennoch sind nicht nur die vorhergesagten vier Prozent für Strache gespenstisch- auch die von Norbert Hofer erhofften 12 Prozent für seine FPÖ sind ein Rätsel, das dadurch nur noch größer wird, dass sie 2015 über 31 Prozent verfügte. So wie Wien von der SPÖ regiert wird, wird es, seit es diesen Titel gibt, von unbefangenen Besuchern als “lebenswerteste Stadt der Welt” empfunden: Parks sind gepflegt; fast nur in Wien ist der soziale Wohnbau nicht zum Erliegen gekommen- die Seestadt ist Europas größte Sozialbaustelle; und das kulturelle Angebot ist unschlagbar. Das alles sollten doch auch Bewohner nicht ganz übersehen.

Das Rätsel gipfelt darin, dass die Hälfte dieser Bewohner Migrationshintergrund hat, und dass diese Gruppe nirgends mehr Hilfe als in Wien erhält und nirgends größere Chancen auf eine Wohnung hat, während die FPÖ eben dies wütend bekämpft. Doch eingebürgerte “Ausländer” ziehen in die Gemeindewohnung ein und wählen FPÖ. Diskriminierte und Modernisierungsverlierer wählen eine Partei, die in ihrem aktuellen Wirtschaftsprogramm endgültig nur für die Reichen da ist- die den Sozialstaat “schlank” halten, Unternehmenssteuern senken und Vermögensteuern verhindern will. Gerade der “kleine Mann” muss tatsächlich sein Hirn in der Garderobe abgeben, um diese FPÖ zu wählen, selbst wenn es ihn nicht stört, dass jemand wie Strache sie durch Jahrzehnte angeführt hat, dass sie seinen “Mietzuschuss” von monatlich 2500 € natürlich bewilligen musste und dass ihr ein “Einzelfall” nach dem anderen passiert.

Dass die Zahl der Enthirnten nach wie vor erstaunlich groß ist, zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Marketagent in Bezug auf Corona: 27 Prozent der 500 Befragten denken, dass das Corona-Virus nicht schlimmer als ein normales Grippevirus ist, aber 21,8 Prozent sind der Meinung, dass es sich bei Covid-19 um eine “biologische Waffe” handelt. 14 Prozent stimmen der These zu, dass “Geheimgesellschaften” die Krise nutzen, um eine autoritäre Weltordnung zu errichten und 11 Prozent glauben, dass Bill Gates den Menschen mit einem Impfstoff einen Mikrochip implantieren möchte.

Strache und FPÖ könnten also nicht ganz falsch liegen, wenn sie in der kurzen Zeit bis zur Wiener Wahl ganz auf “Corona” setzen. Es gibt die begreifliche Unzufriedenheit nicht so weniger vor allem kleiner Wirtschaftstreibender mit der praktischen Durchführung der Corona-Hilfe. Es gibt die nicht abwegige Kritik des Gesundheitsexperten Martin Sprenger, dass die “Maßnahmen” der Regierung in keinem allzu rationalen Verhältnis zur Todesrate von Covid -19 gestanden wären. Und der Erfolg, mit dem die Regierung der Bevölkerung in der ersten Phase der Pandemie jeden Schritt vorgeschrieben hat, zeitigt nun seine Kehrseite: Ein Teil der Menschen fordert jetzt permanent “eindeutigen Regeln”, obwohl sie angesichts der mittlerweile so unterschiedlichen Manifestationen der Seuche- ihres so unterschiedlichen Auftretens aus so unterschiedlichen Gründen- kaum möglich sind. Zumal die Regierung ständig Angst haben muss, neuerlich Verfassungsbestimmungen zu verletzen, die einer Pandemie meines Erachtens einfach nicht angemessen sind: ÖVP, Grüne, SPÖ und Neos schützten die Bevölkerung, wenn sie das Epidemie-Gesetz dahingehend reformierten, dass es- zwar mit sehr klarer Befristung- nicht ganz soviel Rücksicht auf “persönliche Freiheit” und “Datenschutz” nimmt. Man kann sich im Kampf gegen eine Seuche nicht vom “Datenschutz” daran hindern lassen, Menschen gelegentlich vorzuschreiben, Name und Adresse zu hinterlassen.

Ein anderer Teil der Bevölkerung ist der durch drei Monate so strikt befolgten Maßnahmen müde und wird ihrer auch nur punktuellen neuerlichen Verschärfung Widerstand entgegensetzen. Es kann daher relativ erfolgreich sein, solche Maßnahmen als “Corona-Wahnsinn” zu diffamieren- schon gar, wenn sie, wie der Wochenend-Stau in Kärnten, nicht weit davon entfernt sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mega-Schulden oder Mega-Abschwung!

Die Bewältigung von “Corona” unterliegt den Gesetzen der Saldenmechanik. Werden sie nicht beachtet, so nähern wir uns einem Abschwung vom Ausmaß der Dreißigerjahre.

Selbst wohlmeinende Leser bemängeln, dass ich zum hundertsten Mal (auch vorige Woche) auf den Schaden verwiesen habe, den die Wirtschaft durch “Sparen des Staates” und “Lohnzurückhaltung” erleidet. Aber gemeinsam sind sie das zentrale Problem: Sie verringern die Menge der Einkäufe- und müssen aus Gründen der Saldenmechanik im gleichen Ausmaß die Menge der Verkäufe verringern = Wachstum kosten. Meine Hoffnung lautet: Man wird irgendwann feststellen, dass meine ökonomischen Voraussagen zutreffender als die von Beobachtern sind, die nie von der Saldenmechanik reden.

So hat das WIFO etwa im März behauptet, dass Österreichs Wirtschaftseinbruch wegen Corona 2,5 Prozent betragen wird – ich habe hier geschrieben, dass “jeder Monat Lockdown 5 Prozent kostet”. Die Regierung hat die österreichweite Ausgangssperre am 15. März verhängt und am 28. April aufgehoben, der totale Lockdown hat also anderthalb Monate gedauert. Derzeit sieht auch das WIFO den Rückgang bei 7,5 bis 8 Prozent.

Dass ich von vornherein soviel richtiger lag, lag an der “Saldenmechanik”: Wenn der Bevölkerung durch anderthalb Monate fast jeder Einkauf unmöglich gemacht wird, kann der Rückgang der Verkäufe unmöglich bei nur 2,5 Prozent liegen.

Nur höheres Arbeitslosengeld erhält die Kaufkraft

Ich möchte daher, von der Saldenmechanik ausgehend, auch vorhersagen, was es braucht, um zum wirtschaftlichen Zustand quo ante zurückzukehren: Der Verlust an Einkäufen seit 15. März muss aufgeholt werden, und alle müssen wieder soviel wie zuvor einkaufen. Das ist in einem Land, das derart vom Export abhängt, extrem schwierig. Es gilt zumindest die Binnenkaufkraft zu erhalten- und das, obwohl zweihunderttausend Menschen mehr als zuvor arbeitslos sind. Daher hat die SPÖ zu recht eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes gefordert. Im Idealfall hätten die derzeit 571.477 Arbeitslosen genau soviel Geld beziehen sollen wie die nur 361.202 Arbeitslosen und 210.275 Beschäftigten mehr im April 2019. Das Arbeitslosengeld hätte also deutlich angehoben werden müssen. Die von Grünen, NEOS und ÖVP gleichermaßen angedachte verstärkte Degression des Arbeitslosengeldes wäre saldenmechanischer Wahnsinn.

Für die Kurzarbeit gilt saldenmechanisch das gleiche. Sie war eine grundrichtige Maßnahme und das ist auch ihre Verlängerung. Im Idealfall brächte sie dem Bezieher nicht 80, sondern 100 Prozent des ursprünglichen Gehalts. Aber es trifft zu, dass eine gleich hohe Dotierung zu Missbrauch verleitet und wenig Ansporn zu voller Arbeit gäbe – allenfalls hätte man über 90 Prozent diskutieren können.

Es bleibt also sowohl bei der Arbeitslosigkeit wie der Kurzarbeit ein saldenmechanisches Loch, zu dem sich das Loch durch verminderte Exporte addiert. Beides wäre durch gewaltig vermehrte Staatsaufträge für sozialen Wohnbau, Ganztagsschulen, U-Bahnen, Digitalisierung, ein E-Tank-Netz usw. zu kompensieren.

Bald wieder einsparen ist widersinnig

Die beschriebenen Maßnahmen kosteten den Staat enorm viel Geld: Er müsste die 50 Milliarden nicht vor allem kreditieren, sondern voll “zuschießen” = sich viel höher verschulden. Aber selbst das sind nur 12,5 Prozent unseres BIP und wir haben hundert Jahre Zeit die Schulden abzutragen.

Die Behauptung von WIFO-Chef Christoph Badelt, dass wir die hohen Corona Ausgaben schon in den nächsten Jahren durch Sparen des Staates hereinzuholen müssen, ist so falsch wie die WIFO-Behauptung von den nur 2,5 Prozent Wirtschaftseinbruch, denn sie negieren die Saldenmechanik. Wir haben nur die Wahl: Mega-Staatsschuld oder Mega-Abschwung.

Ich möchte die mögliche Dimension an Hand der USA aufzeigen. Der Staat hat dort bis Corona auf “Sparen” verzichtet, daher hat sich die Wirtschaft trotz eines geistig minderbemittelten Präsidenten viel besser als in der EU entwickelt. (Seine Abgeordneten haben ihm zwar kein Geld für Infrastrukturinvestitionen, wohl aber für Rüstung bewilligt- und das hat gereicht.)

Bei Corona ist seine geistige Mittellosigkeit aber schlagend geworden. Das Virus hat in den USA bisher pro Million Einwohner 427 Tote gefordert- in Österreich 81. Dem entspricht der US-Wirtschaftseinbruch: 32,9 Prozent im letzten Quartal. Primär hat die Regierung verblüffend richtig reagiert: In der (falschen) Hoffnung, die Krise ginge rasch vorüber, hat sie 600 USD pro Woche aufs Arbeitslosengeld draufgelegt. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit sofort massiv gesunken, weil die hohen Arbeitslosenentgelte die Binnenkonjunktur stützten.

Aber die viel zu frühe Lockerung des ohnehin in vielen Bundesstaaten halbherzigen Lockdown ließ die Infektionen explodieren, und ein Ende ist nicht abzusehen. Verhandlungen über eine noch höhere Staatsverschuldung scheiterten, weil viele Republikaner nicht mehr 600 USD wöchentlich aufs Arbeitslosengeld drauflegen wollen. Trump, der bessere ökonomische Ratgeber als Kurz hat, verfügte per Dekret, dass es zumindest 400 USD sein müssen.

Die US- Industrie will gleichzeitig “Lohnzurückhaltung”, weil sie dann angeblich mehr Menschen beschäftigen kann. Aus Gründen der Saldenmechanik ist das Gegenteil wahr: Gesenkte Löhne senken die Binnenkaufkraft = würgen die Konjunktur ab. Denn anders als Deutschland können die USA mit nur 15 Prozent Export ihr Problem nicht auf andere Länder abwälzen.

Der nächste Präsident- wer immer es ist- wird die gigantischen Staatsschulden jedenfalls eingehen müssen: Wie zum Zweck der Hochrüstung in den Jahren 1941 bis 1944 werden die USA “Geld drucken” müssen, wenn sie – und wir mit ihnen- eine Depression vom Ausmaß der Dreißigerjahre vermeiden sollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das ewige Alibi-Heer

Das Bundesheer war noch nie einsatzfähig. Sein niedriges Budget ist kein wirtschaftlicher Vorteil. Unbewaffnete Neutralität wäre ehrlicher und böte eine Chance.

Mit achtzehn wollte ich Berufsoffizier werden: dazu beitragen, dass Österreich sich nie mehr kampflos einem Diktator ergibt. Deshalb meldete ich mich 1957 zu einer angeblichen Eliteeinheit des Bundesheers. In meiner Dienstzeit gab ich fünf scharfe Schüsse ab- denn Munition war teuer- und warf eine Handgranate, die nicht scharf war – denn das wäre gefährlich gewesen. Zu Manövern fuhren wir in LKWs, von denen mindestens einer liegen blieb, und auf das Kommando “Flieger von rechts” warfen sich alle Angehörigen meiner Elite-Einheit auf eine Hügelkuppe, obwohl ein naher Wald Deckung geboten hätte. Denn ihre Vorgesetzten hatten bei Gefechtsübungen “Ausgangssperre” über sie verhängt, wenn sie nicht sofort am Boden lagen.

Diese Erfahrungen ließen mich meine Militärkarriere an den Nagel hängen.

Das heutige Bundesheer ist kaum anders beschaffen. Es ist eher noch schlechter als damals ausgebildet und im internationalen Vergleich noch schlechter ausgerüstet. Es ernsthaft einem Kampf auszusetzen wäre fahrlässig.

Daran wurde freilich auch nie gedacht. Ernsthaft gekämpft haben Österreicher zuletzt in Hitlers Wehrmacht, und das ist bekanntlich schiefgegangen. Daraus schlossen sie nicht, dass es falsch war, für Hitler zu kämpfen, sondern dass Kampf falsch ist. Die Österreicher wollen nicht kämpfen- das ist der eigentliche Hintergrund der Bundesheermisere.

 Die bequeme Neutralität

Möglichen Bedrohungen trotzen wir als Trittbrettfahrer: Zu Zeiten der Sowjetunion waren wir überzeugt, dass die NATO uns schützen würde. Dass in nur tausend Kilometern Entfernung Soldaten Putins in die Ukraine eingedrungen sind, halten wir nicht für kritisch und meinen, dass es uns nichts angeht.

Wir geben 2,28 Milliarden im Jahr dafür aus, dass das Heer Muren wegräumt und Schipisten festtritt. So gesehen ist es nicht wirklich kostengünstig, genügt aber unserer Verpflichtung aus dem Staatsvertrag, sofern man sie nicht ernst nimmt: Österreich war nie “neutral nach dem Muster der Schweiz”, sonst hätte sein Militärbudget ein Vielfaches betragen und, wie in der Schweiz, mit dem Willen zur Selbstverteidigung gepaart sein müssen.

Das war sie allenfalls in einer kurzen Phase, die auf charakteristische Weise zustande kam: Viele junge Österreicher wollten das Heer 1970 ganz abschaffen; Bruno Kreisky kam ihnen entgegen, indem er den Wehrdienst auf sechs Monate verkürzte; weil das in der ursprünglichen Organisationsform ein restlos untaugliches Heer geschaffen hätte, erhielt der Berufsoffizier Emil Spannocchi die Chance, es in Richtung eines territorialen Milizsystems zu reformieren, und einen Moment lang flackerte ernsthafter Glaube an Selbstverteidigung auf. Um freilich gleich wieder zu versiegen: Ausreichende Milizübungen erwiesen sich als zu teuer.

Auch die große Chance, ein kampftaugliches Berufsheer zu schaffen, wurde in einer Volksabstimmung nicht zuletzt vertan, weil es teurer als der Wehrdienst gekommen wäre.

Gleichzeitig entpuppte sich die Neutralität als ideale Ergänzung fehlender Kampfbereitschaft. Sie hat zwar noch kein Land vor Krieg bewahrt- Hitler überrannte das neutrale Belgien so selbstverständlich wie das neutrale Holland und hätte auch die neutrale Schweiz überrannt, wenn sie auf seiner Aufmarschlinie gelegen wäre- aber sie ist für Trittbrettfahrer nützlich: Neutralität erspart Österreich die Teilnahme an Kampfeinsätzen der EU oder gar der Nato und verleiht mangelnder Kampfbereitschaft den Anschein der Moralität.

Obwohl es in keiner Weise moralisch ist, Angegriffenen nicht beizustehen.

Claudia Tanners Heeresreform folgt also jahrzehntelanger Tradition. Die 16,2 Milliarden, die laut Thomas Starlinger erforderlich wären, um das Heer einsatzfähig zu erhalten, will weder eine Partei noch die Bevölkerung ausgeben. Wir verzichten daher auch auf ernsthafte Infanterie, schützen den Luftraum durch Nachtflug-untaugliche Eurofighter und werden in Zukunft hoffentlich billigere Flieger leasen. Die Cyber-Abwehr auszubauen nutzt jedenfalls der Wirtschaft.

Geringe Heeresbudgets schaden ihr Hingegen. Sie kosten unsere Rüstungsindustrie Einnahmen und 16.000 Berufssoldaten und 9000 Zivilbedienstete Einkommen. Allenfalls könnten sie und rund 20.000 Wehrpflichtige der Wirtschaft in anderen Arbeitsverhältnissen nützlicher sein- aber eher erhöhten sie gerade jetzt die Zahl der Arbeitslosen.

 Entwicklungshilfe für Frieden              

Theoretisch gäbe es die Möglichkeit, Österreichs schlampigen Pazifismus in ernsthafte Politik zu verkehren: Indem es seine Neutralität im Einvernehmen mit der EU in Zukunft unbewaffnet wahrnähme, sich aber verpflichtete, 1,5 Prozent seines BIP in nicht bloß eigennützige Entwicklungshilfe zu investieren.

Gleichzeitig müsste die EU ernsthafte Militärpolitik beschließen. An sich stehen in ihren Mitgliedsländern ja mehr Männer als in Russland unter Waffen; man müsste sich nur, ohne deshalb die Einbindung in die NATO aufzugeben, auf eine gemeinsame Befehlsstruktur und gemeinsame Waffenkäufe einigen, um adäquates militärisches und mit ihm politisches Gewicht zu erlangen.

Ansätze dazu gibt es. Wenn Donald Trump US-Präsident bleibt, erfordern sie dringend Verwirklichung- sinnvoll sind sie immer.

In jedem Fall könnte ein unbewaffnet neutrales Österreich, das massive Entwicklungshilfe leistet, Akteur eines wichtigen Experiments sein: Klären, ob es erfolgreich ist, militärisches Gewicht durch neutrale Entwicklungshilfe zu ergänzen.

 

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