Die vielen Schichten des Gernot Blümel

Sein Ruf ist schlecht, seine Steuerreform war gut. Das Land dürfte die Krise bewältigen. Sein zentraler ökonomischer Fehler ist EU-konform, den zweiten gibt die ÖVP vor.

Wie er gemeinsam mit Sebastian Kurz die ÖBAG-Wünsche Thomas Schmids erfüllte, sein zynischer Auftritt vor dem U-Ausschuss und wie er diesem erst auf Druck des Bundespräsidenten Akten vor die Tür schmiss, haben sein öffentliches Ansehen in den Keller befördert. Aber bei seiner jüngsten parlamentarischen Fragestunde bot er ein ganz anderes Bild: Wie Teflon ließen seine Intelligenz und Eloquenz die Angriffe der Opposition abprallen. Wer ihn reden hörte, musste den Eindruck gewinnen, Gernot Blümel rage positiv aus der Reihe schwacher VP-Finanzminister. Und dieser Eindruck ist nicht einmal ganz falsch: Dass Blümel trotz Corona-Krise an der Lohnsteuerreform festhielt, entlastete voran untere und mittlere Einkommen erheblich, und die so erhöhte Kaufkraft half den Wirtschaftseinbruch durch die Krise besser abzufedern. Nach anfangs beträchtlichen Problemen- der verfehlten massiven Einbindung der Bundeswirtschaftskammer- scheint dieser Einbruch durch das geschnürte Paket von Hilfsmaßnahmen letztendlich bewältigt. Dass Österreichs Wirtschaft Ende 2022 Vorkrisenniveau erreichen dürfte, ist auch dann ein Erfolg, wenn er viel gekostet hat.

Kein Erfolg der „Schuldenbremse“

Er hat nur nicht das Geringste damit zu tun, dass die türkise Regierung zuvor so weise gespart und den ersten Budgetüberschuss seit 44 Jahren erzielt hat. Sondern er beruht auf der aktuellen Lösung der „Schuldenbremse“ und der hohen Qualität der österreichischen Klein und Mittelbetriebe, die wir Hannes Androsch verdanken, der bekanntlich nichts als Budgetdefizite produzierte. Dass er die Betriebe damit belastete, den Schilling an die „harte“(teure) D-Mark zu binden, zwang sie zu jener Steigerung der Effizienz, von der Österreichs Wirtschaft bis heute entscheidend profitiert.

Warum „Sparen des Staates“ das Gegenteil guten Wirtschaftens ist, will ich hier nicht zum x-ten Mal ausführen. Ich will nur der Ordnung halber festhalten, dass Blümel diese Fehleinschätzung staatlichen Sparens (nicht staatlicher „Sparsamkeit“) nicht nur mit allen deutschen Finanzministern, sondern mit der EU-Kommission teilt, so dass die „Schuldenbremse“ nicht nur seiner Überzeugung, sondern stets auch ihren Forderungen entsprach. Er könnte nur dank seiner Intelligenz bemerkt haben, dass die USA ohne „Schuldenbremse“ wirtschaftlich ungleich besser als die EU fahren.

„Reichen“ machen den Unterschied

Nachdenklich könnte ihn- und sollte die Österreicher- auch stimmen, wie sehr sich seine Einstellung zur Besteuerung „Reicher“ von der Einstellung der US-Finanzministerin Janet Yellen, Professorin für Finanzwissenschaften der Universität von Kalifornien, unterscheidet:

  • Yellen will die von Donald Trump auf 20 Prozent abgesenkte Körperschaftssteuer wieder auf 28 Prozent anheben- er will sie von 27,5 auf 20 Prozent senken, obwohl vorangegangene Senkungen die Investitionen nicht steigerten.
  • Yellen will die Kapitalertragsteuer, die voran Aktiengewinne trifft, für Menschen ab einem Jahreseinkommen von mehr als einer Million Dollar (830.000 Euro) von 20 auf 39 Prozent fast verdoppeln- er will sie nach einer Behalte-Frist von 27,5 auf null senken.

Fällt es schon sehr schwer, diese Differenzen ökonomisch vernünftig zu begründen, so endet diese Möglichkeit restlos bei Blümels und Kurz` kategorischer Ablehnung der Erhöhung „vermögensbezogener Steuern“ oder gar der Einführung einer „Vermögenssteuer“.

Letztere umfasst das Gesamtvermögen eines Bürgers vom Bargeld bis zur Briefmarkensammlung und es gibt sie meines Wissens nur noch in der Schweiz- die freilich ökonomisch auch nicht unbedingt schwachsinnig agiert. Alle anderen Länder kassieren „vermögensbezogene Steuern“, voran Grund- und daneben Erbschafts- und Schenkungssteuern. Diese vermögensbezogenen Steuern machen in Österreich wie in Slowenien 0,6 Prozent des BIP aus. Niedriger sind sie nur in der Slowakei, in Mexiko und Estland. In der wirtschaftlich offenbar katastrophal gemanagten Schweiz liegen sie bei 1,75, in den USA bei 2,75 und in Groß-Britannien gar bei 5 Prozent.

In allen diesen Ländern sind die Lohnsteuern auf Arbeit deutlich geringer als bei uns, weil man der nicht ganz abwegigen Ansicht ist, dass sich Leistung nicht minder als Vermögen lohnen soll.

Unverständnis ausgeschlossen

Erreicht wird das derzeit zwar auch in Großbritannien oder den USA in keiner Weise: Amazon-Eigner Jeff Bezos, von seinem Einkommen her vielleicht hundert Mal reicher als ein durchschnittlicher Amerikaner, ist von seinem Vermögen her eine Million Mal reicher. Bei unseren Superreichen ist das nicht grundsätzlich anders. Seit Jahrzehnten lahmt daher in den reichsten Regionen der Welt, den USA und der EU, die Zunahme der Produktivität- wir befinden uns im Zeitalter eines neuen Feudalismus: Die Reichen werden immer reicher, während Arbeitende Reallohnverluste erleiden.

Ob der Versuch von Yellen und Joe Biden „die Besteuerung von Arbeit und Vermögen einander anzunähern“ (so der Leiter des nationalen US-Wirtschaftsrats, Brian Deese) tatsächlich gelingt, ist angesichts des Widerstandes der Republikaner (und intern auch etlicher Demokraten) höchst fraglich- aber zumindest die Richtung stimmt.

Dass Blümel und Kurz sich selbst dem denkbar vorsichtigen Ansinnen der SPÖ widersetzen, die Steuern auf Arbeit um die Steuern auf Millionen-Erbschaften zu verringern, ist ökonomisch schwachsinnig. Bei Kurz halte ich nur für höchst unwahrscheinlich, dass er das nicht sieht- bei Blümels Intelligenz ist es ausgeschlossen.

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Wie „Zuwanderung“ die SPÖ spaltet

Verstärkte Zuwanderung bringt für jene Unterprivilegierten, die einst die Kernklientel der SPÖ waren, durchwegs ökonomische Nachteile. Aber sie kann schwer FPÖ spielen.

Die vermutlich wesentlichste Ursache dafür, dass Pamela Rendi -Wagner mit nur 75 Prozent als Parteichefin bestätigt wurde, war die Überzeugung eines erheblichen Teils der Delegierten, dass sie politische Chancen nicht zu nutzen wisse. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem diverse Chats innerhalb der türkisen Familie die ÖVP in die Defensive gedrängt hat, habe sie zugelassen, dass ein roter Vorstoß für raschere, einfachere Einbürgerung ihr die Chance bot, die SPÖ zu einer Partei der „Willkommenskultur“ zu stempeln, die Zuwanderung begrüßt.

Umfragen stützen diesen Vorwurf: Gemäß einer Umfrage der OECD lehnt die überwältigende Mehrheit der Österreicher Zuwanderung ab – nur 13 Prozent sehen sie positiv. Und selbst wenn es nicht um Zuwanderung, sondern um die völkerrechtlich gebotene Aufnahme von Flüchtlingen geht, sind laut profil-Umfrage 61 Prozent der Österreicher dagegen, selbst wenn man danach frägt, ob sie im Rahmen einer Gemeinschaftsinitiative mehrerer EU-Staaten zur Entlastung Griechenlands stattfinden soll.

Wenn man bedenkt, dass die FPÖ so stark geworden ist, weil die Mehrheit der Arbeiter aus der SPÖ zu ihr übergelaufen ist, dann liege ich kaum falsch, wenn ich vermute, dass die Ablehnung der Zuwanderung und der Aufnahme von mehr Flüchtlingen bei Arbeitern eher verbreitet ist. Und zwar aus verständlichen Gründen: Zuwanderer und Flüchtlinge sind für sie durchwegs Konkurrenten. Voran Konkurrenten am Arbeitsmarkt, wo ihre geringen Ansprüche auf die Löhne drücken. Aber auch Konkurrenten am Wohnungsmarkt, wo sie die gleichen billigen Wohnungen mieten wollen und Konkurrenten am Sozialmarkt, wo Gemeindewohnungen und Beihilfen vergeben werden. Am explosivsten verschärft Zuwanderung das hausgemachte Schulproblem: In den Schulen des 7., Bezirks oder Döblings, in Waldorf- oder anderen Privatschulen, wie meine Kinder, die Kinder vieler Grüner und vieler roter Granden sie besuchten, sind ein paar Kinder „mit Migrationshintergrund“ kein Problem – in den Schulen der Bezirke, in denen Arbeiter und Geringverdiener wohnen, sind sie bekanntlich ein gewaltiges: Natürlich beschneiden 80 Prozent Schüler, die Deutsch nicht zur Muttersprache haben, den Lernerfolg aller – sie vermindern die Bildungs-Chancen von Arbeiterkindern erheblich.

Es war schon ein erhebliches Problem, dass die Freizügigkeit der EU gestattet, dass Bürger aus Mitgliedstaaten, in denen die Arbeitsstunde vier Euro kostet, in Österreich Arbeit suchen. Die Zuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika und Afghanistan vergrößert es um ein kulturell noch schwerer verdauliches Stück – auch wenn ich vom Mord an einer 13-Jährigen absehe.

Eine SPÖ-Führung, die die Interessen von Arbeitern und Geringverdienern vertreten will, muss alle diese ökomischen (= sozialen) Nachteile gesteigerter Zuwanderung für diese unterprivilegierte Gruppe vor Augen haben. Daher liegt Hans Peter Doskozil mit seiner restriktiven Haltung zur Zuwanderung schwerlich weit daneben, und sie ist auch nicht ökonomisch falsch oder inhuman: Für Österreich wären noch mehr Zuwanderer nur dann ein ökonomischer Gewinn, wenn die Bevölkerung schrumpfte oder wenn sie extrem qualifiziert sind – für Entwicklungsländer ist es eine Katastrophe, wenn sie ausgerechnet jene jungen Männer verlieren, die dank Initiative und relativ besserer Ausbildung ihre Flucht zu finanzieren vermögen.

Trotz dieser volkswirtschaftlich ziemlich starken Argumente habe ich privat als SP-Wähler stets eine andere als Doskozils Haltung eingenommen: Ich habe zeitlebens „Flüchtlinge“, gleich ob Konventions- oder Wirtschaftsflüchtlinge, in meine (immer sehr große) Wohnung aufgenommen – meine Kinder sind mit ihnen aufgewachsen. Freilich waren Zuwanderer für mich auch nie die Konkurrenten, die sie für Arbeiter und Geringverdiener sind.

Die SPÖ vertritt diese Gruppe heute kaum mehr – sie hat sie an die FPÖ verloren. Ihre Hauptklientel sind längst, nicht anders als bei ÖVP, Grünen oder NEOS, Angestellte und Akademiker: Immer mehr von ihnen können sich wie Grüne den Luxus leisten, selbst in der Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen eine humane Aufgabe und in Zuwanderung kulturelle Bereicherung zu sehen. Schließlich sind Internationalität und Solidarität auch zentrale sozialdemokratische Werte. Bei der Wahl in Wien war Michael Ludwig jedenfalls genau so erfolgreich wie Doskozil bei der Wahl im Burgenland, obwohl er sich in der Frage der Zuwanderung und der Aufnahme von Flüchtlingen klar von Doskozil, der ÖVP und der FPÖ abgrenzte.

Sarah Wagenknecht, vom Parteiausschluss bedrohte einstige Obfrau der deutschen „Linken“, ortet in diesem Zusammenhang freilich viel linke „Selbstgerechtigkeit“: Die Solidarität mit Zuwanderern aus der Fremde ließe die Solidarität mit den eigenen Unterprivilegierten, mit Arbeitern und Geringverdienern, in bestürzendem Ausmaß vermissen.

Am Ende dieses Kommentars bin ich daher so gespalten wie die SPÖ: einerseits kann und will ich die massiven ökonomischen Nachteile, die vermehrte Zuwanderung für Arbeiter und Geringverdiener bringt, nicht übersehen – andererseits wünsche ich mir eine Gesellschaft, die es sich leistet, selbst Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen. Ratlos beschränke ich mich darauf, für eine Wirtschaftspolitik zu plädieren, die weniger Abgehängte produziert und dem Staat die Mittel gibt, Wohnungsprobleme durch mehr Sozialbauten und Schulprobleme durch mehr Lehrkräfte zumindest zu minimieren.

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Ansteckung durch Maskenverweigerer im U-Ausschuss-Cluster

Vor der Neos – Abgeordneten Stephanie Crisper dürfte das FP- Ausschuss Mitglied
Christian Hafenecker aus der Riege Masken verweigernder FP-Parlamentarier bereits
den Grünen David Stögmüller und einen SP-Mitarbeiter mit Covid-19 angesteckt
haben.

Ich frage mich, ob er deshalb immerhin mehr schlechtes Gewissen hat, als er
öffentlich zeigt. Oder hätte er das erste, wenn ein älteres Ausschussmitglied mit einer
Vorerkrankung an Covid-19 stirbt? Weil für geeichte Deutschnationale ja die Fittesten
überleben und die weniger Fitten ausgelesen werden müssen.

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Wie Herbert Kickl die FPÖ verändert

Trotz seiner wüsten Sprache wächst die Schnittmenge mit der SPÖ. Sebastian Kurz hat den meisten Grund, ihn zu fürchten. Die Grünen entscheiden über seinen Erfolg.

Wie FPÖ-Urgestein Andreas Mölzer halte ich für ausgeschlossen, dass Herbert Kickl nicht neuer FP-Chef wird. Er bringt dafür alles mit, was sich typische FP- Wähler wünschen: mit Fremdenfeindlichkeit und Islamphobie bietet er „Nationalen“, die mit Mölzer „Umvolkung“ oder mit den Identitären „Bevölkerungsaustauch“ fürchten, eine ideale Heimat; in der Ablehnung der Covid-19-Maßnahmen ist er mit den vielen Menschen einig, die durch sie arbeitslos geworden oder zu Kurzarbeit gezwungen sind; und all die Menschen, die jetzt noch mehr Angst vor sozialem Abstieg haben, vertritt er mit der Redegewalt Joseph Goebbels.

Dem Wissen, dass voran Kickl dafür verantwortlich ist, dass sich die FPÖ in der jüngsten Market-Umfrage bis auf 20 Prozent erholt hat, während die ÖVP auf 28 bis 29 Prozent abgesackt ist, wird sich letztlich auch der ob seiner Koalition mit der ÖVP kritisch gesinnte FP-Chef Oberösterreichs Manfred Haimbuchner unterordnen.

Auf Bundesebene ist die Rückkehr zu Türkis- Blau mit Kickl als alleiniger FP-Spitze noch unwahrscheinlicher geworden, als ich hier schon vorige Woche angenommen habe: sie geht sich nicht nur mathematisch kaum mehr aus, sondern es ist auch kaum vorstellbar, dass Kickl und Sebastian Kurz wieder miteinander können. Obwohl man bei Kurz vorsichtig sein muss: Um der Macht willen ist er meines Erachtens zu jeder Verrenkung fähig und grundsätzlich ist ihm Kickls Islamphobie ja nicht fremd. Aber Kickl ist meines Erachtens weniger ÖVP-affin als Norbert Hofer und trägt Kurz länger nach, dass der ihn den Posten des Innenministers gekostet hat. Ich glaube, dass Kickl vorerst allen- sich selbst, seiner Partei, den Österreichern- vorführen will, was er kann.

Die Grünen haben jedenfalls- ich wiederhole mich- keinen vernünftigen Grund mehr, aus Angst vor der Wiederkehr einer türkis-blauen Koalition allen noch so unerträglichen Forderungen Sebastian Kurz` nachzugeben, denn es ist Kurz, der Neuwahlen am meisten fürchten muss. Gemäß der zitierten Market-Umfrage ist die SPÖ der ÖVP mit 28 Prozent bis auf 1 Prozent nahe gerückt und eine rot-grün-pinke Koalition hätte nach Neuwahlen die besten Chancen auf die Mehrheit, liegen die NEOS doch mittlerweile mit 11 Prozent vor den Grünen mit 10 Prozent.

Die Umfrage hat zwar die beträchtliche Schwankungsbreite von +/- 3,5 Prozent -auch Türkis-Blau kann sich weiterhin ausgehen- aber die Rückkehr dorthin wäre für Kurz auch international blamabel. Vor allem aber befindet er sich ja in einer hoch angesehenen türkis-grünen Koalition, die eigentlich nicht den geringsten Anlass hat, in Neuwahlen zu gehen- es sei denn Kurz fordert sie heraus, indem er den Grünen ständig untragbare Zugeständnisse abverlangt. Es ist, wenn er Neuwahlen vermeiden will, voran an Kurz, sich einzubremsen. Und an Werner Kogler, das zu begreifen, statt sich weiter zu unterwerfen.

Für die SPÖ macht die Kür Kickls zum Obmann eine Zusammenarbeit mit der FPÖ zwar theoretisch noch unmöglicher als bisher, praktisch aber wird sie eine beträchtliche Versuchung darstellen: Gemeinsam mit der FPÖ könnte sie nach Neuwahlen am wahrscheinlichsten und am leichtesten regieren. Denn die Kickl-FPÖ steht ihr wirtschaftspolitisch näher: Als Kickl das mit dem türkisen Wirtschaftsprogramm fast identische FP-Wirtschaftsprogramm H.C. Straches und Werner Hofers gesehen hat, soll er- glaubhaft- gefragt haben: „Wo bleiben da unsere Wähler?“ Um der so gleichberechtigten Teilnahme an der Regierung willen hat Kickl nicht auf der Erörterung dieser Frage bestanden- aber sie ist ihm ein Anliegen. Und er weiß, dass die FPÖ der SPÖ nur deshalb so viele Wähler abgenommen hat, weil sie sich nach außen hin als Vertretung der Unterprivilegierten gegeben hat. Unter Kickl wird sie das entgegen ihrem Wirtschaftsprogramm wirklich sein: Die Kickl- FPÖ wird „national“ und „sozialistisch“ sein und das wird eine beträchtliche Schnittmenge mit der SPÖ schaffen.

Die künftige Wirtschaftssituation wird ihr beträchtliche Möglichkeiten zur Agitation bieten. Die „ökosoziale“ Steuerreform, die unerlässlich ist, wenn man dem Klimawandel erfolgreich entgegen treten will, wird zwingend zu einer Verteuerung von Heizöl, Sprit und jener Billigflüge führen, die sich auch der „kleine Mann“ leisten konnte. Unterprivilegierte werden also nur zu gerne auf jemanden hören, der mit dem Redetalent Kickls gegen den „Öko-Wahnsinn“ wettert.

Die Belastung, die die Steuerreform für Geringverdiener mit sich bringt, lässt sich- ich wiederhole noch einmal – nur ausreichend abfedern, wenn man die Steuern auf Vermögen, voran Grund und Erbschaftssteuern, auf ein durchschnittliches Niveau erhöht, wie das die Kurz-ÖVP mit Händen und Füßen ablehnt.

Wenn sie dabei bleibt, spielt sie der Kickl-FPÖ maximal in die Hände.

Was Österreich brauchte ist eine Regierung, die die ökosoziale Steuerreform um des Klimaschutzes willen sehr wohl energisch anpackt, aber begreift, dass sie ohne erhöhten Beitrag der Vermögenden nicht sozialverträglich durchgeführt werden kann. Pamela Rendi Wagner begreift und vertritt es. Werner Kogler begreift es und muss es gegenüber Sebastian Kurz mit der nötigen Intensität und Risiko-Bereitschaft vertreten. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Kurz begreift es auch- oder es gibt Neuwahlen, die im schlimmsten Fall zu Rot-Blau- im besten zu Rot-Grün-Pink führen.

Es ist absurd, Dreierkoalitionen abzulehnen- sie sind in vielen Ländern die Regel.

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Die verfehlte grüne Unterwerfung

Ihre Haltung zum Ende des Ibiza-U-Ausschusses wird die Grünen Stimmen kosten. Die totale ökonomische Unterwerfung unter Kurz & Co wird sie noch viel teurer kommen

Obwohl sie die Opposition damit vermutlich zwingen, einen neuen U-Ausschuss zu beantragen, in dem Befragungen wiederholt und Dokumente erneut beigeschafft werden müssen, so dass sein Abschluss in weite Ferne rückte, wollen die Grünen den Ibiza- Ausschusses nicht verlängern. Ich habe diese totale Unterwerfung unter Sebastian Kurz Interessen so lange verstanden, als die Alternative die Rückkehr zu türkis-blau gewesen wäre. Aber derzeit erzielten ÖVP und FPÖ keine Mehrheit mehr und sofern Neuwahlen damit begründet wären, dass die Grünen einen U-Ausschuss korrekt zu Ende bringen oder nicht mit einem angeklagten Kanzler koalieren wollen, wäre sogar eine rot-grün pinke Mehrheit denkbar. Kurz hat Neuwahlen also durchaus zu fürchten und Werner Kogler hätte das nutzen können, einer Verlängerung des U-Ausschusses zuzustimmen.

Die Probleme der ökosozialen Steuerreform

Das ist vorbei: Die Grünen müssen akzeptieren, von der Opposition als Kurz` „Steigbügelhalter“ bezeichnet zu werden, und je länger sie in dieser gebückten Haltung verharren, desto schlechter werden sie trotz 123 Ticket bei künftigen Wahlen abschneiden. Denn der ökosoziale Umbau, den sie zu Recht als ihre zentrale Aufgabe ansehen, bringt ja keineswegs zwingend Stimmen: Primär werden sich viele Leute, angestachelt von der FPÖ, über die „Belastungslawine“ durch höhere Ölpreise beschweren. Diese Belastung abzufedern -wenige wissen das so gut wie der Volkswirt Kogler -wäre ungleich leichter, wenn man die Steuern auf Vermögen erhöhte. Dagegen freilich wehren sich Sebastian Kurz & Co bekanntlich mit Händen und Füßen. Wenn Kogler sich einmal mehr bedingungslos unterwirft, wird es ihn einmal mehr Stimmen kosten.

Nur Spanien schnitt schlechter ab

Die ÖVP hat vorerst weiter den Vorteil, dass die Bevölkerung ihr jeden ökonomischen Unsinn abnimmt, wenn sie ihn oft genug wiederholt. So hat Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck neuerlich erklärt, dass Österreich besonders gut durch die Corona-Krise gekommen ist, obwohl sein BIP im 4. Quartal 2020 um 7,8 Prozent gefallen ist und nur Spanien (-9,1) noch schlechter abgeschnitten hat. Auch im 1. Quartal 2021 ist sie gegenüber dem Vorquartal um 1,1 Prozent geschrumpft- in Deutschland betrug die Schrumpfung allerdings 1,6 Prozent – dort rächt sich auch die schon seit Jahren extrem runter gehaltene Binnenkaufkraft.

Zu denken sollte vor allem der Vergleich mit den USA geben: Dort wuchs das BIP im 1.Quartal 2021 um 6,4 Prozent nachdem das Arbeitslosengeld -ganz gegen die Expertise von Arbeitsminister Martin Kocher – massiv erhöht worden ist. Und während Kurz & Co die Körperschaftssteuer von 25 auf 20 Prozent senken und „fiktive Zinsen“ für Eigenkapital steuerlich absetzbar machen wollen, um die steuerliche Belastung von Unternehmen nochmals zu senken, weil das angeblich Investitionen fördert, will Joe Biden sie von 21 auf 25 Prozent erhöhen und die Steuern für Superreiche anheben.

Die Superreichen wurden noch reicher

Denn Covid-19 hat das Mega-Vermögen von Milliardären und Millionären noch weiter gesteigert: Laut einer Studie der UBS-Bank stieg es bei den weltweit rund 2200 Milliardären schon zwischen März und Juli 2020 um 27,5 Prozent auf 10,2 Billionen Dollar (8,7 Billionen Euro). 2021 ist die Zahl der Milliardäre bereits auf 2755 hochgeschnellt. Alleine die 724 US-Milliardäre bringen es auf ein Vermögen von mehr als vier Billionen Dollar- fast doppelt so viel wie das gesamte Vermögen der ärmeren Hälfte der Amerikaner. Bei Österreichs Reichen ist das zwar quantitativ, aber nicht qualitativ anders: Wir haben zwar „nur“ 13 Milliardäre, aber das reichste 1 Prozent der Bevölkerung verfügt über 40 Prozent des Vermögens, während die ärmere Hälfte gerade einmal 2,5 Prozent besitzt. Dennoch erklären Kurz, Gernot Blümel oder Martin Kocher wie widersinnig es sei, höhere Steuern auf Vermögen- voran auf Grundbesitz und Erbschaften – einzuheben, weil wir, so Kurz, schon so hohe Lohnsteuern hätten. Das funktioniert einmal mehr nur dank Desinformation: Wir haben die exakt gleichen Lohnsteuern wie Deutschland. Dass unsere „Abgaben“ höher als die deutschen sind, liegt an den höheren Sozialversicherungsbeiträgen, denen freilich höhere Pensionen entsprechen. Dass hohe Abgaben grundsätzlich nachteilig sein müssen, widerlegt Schweden dessen BIP pro Kopf zu den weltweit höchsten zählt.

Lohnsteuern um Vermögensteuern senken

Im Übrigen könnte man unsere Lohnsteuern sofort um die Einnahmen aus höheren Steuern auf Vermögen senken. Kurz & Co behaupten freilich, Steuern auf Vermögen brächten weniger ein als ihre Eintreibung koste. Bei der Grundsteuer müsste man tatsächlich vom aktuellen „Einheitswert“ auf den Verkehrswert übergehen und das wäre zwar mit Aufwand verbunden – aber höchst einträglich. Bei der Erbschaftsteuer ist der Einwand hohen Aufwandes im Verhältnis zum Ertrag von vornherein absurd, denn derzeit wird ein erheblicher Teil der großen Nachkriegsvermögen vererbt – allein das Erbe nach „Krone“- Gründer Hans Dichand wird auf eine halbe Milliarde geschätzt. Im Standard – Interview berichtet Marlene Engelhorn (besteuert mich endlich) von ihrem zweistelligen Millionenerbe aus der 4,2 Milliarden-Hinterlassenschaft ihrer Großmutter und frägt sich, warum sie dafür null Steuern zahlt, während eine Alleinverdienerin, die über 11.000 Euro im Jahr verdient, davon 20 Prozent Steuer zahlen muss. Sebastian Kurz & Co – das ist ihr ökonomisches Markenzeichen – fragen sich das nie.

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Sebastian Kurz ist nicht Viktor Orban

Auch wenn Kurz und „Familie“ Anklagen drohen, ist er nicht mit Ungarns Staatschef zu vergleichen. Ein Versuch, die aktuellen Skandale in Österreich historisch einzuordnen.

Ich habe viele Gründe, Sebastian Kurz als Kanzler abzulehnen:

  • Seine „Ausgabenbremse“ kostete wertvolles Wirtschaftswachstum.
  • Obwohl auch ich keine Wirtschaftsflüchtlinge mehr aufnehmen wollte, halte ich die Abschiebung bestens Integrierter für inhuman.
  • Die generalstabsmäßig geplante Sprengung der Koalition Christian Kerns mit Reinhold Mitterlehner zeugt wie der Umgang mit kritischen Bischöfen von beklemmender Rücksichtslosigkeit.
  • Eine Koalition mit der FPÖ einzugehen war so unverantwortlich wie die Kooperation Bruno Kreiskys, Fred Sinowatz` und Wolfgang Schüssels mit dieser Partei. Nicht weil ihre Wähler Nazis wären, sondern weil unter ihren Funktionären zu viele „Keller-Nazis“ sind, und weil sie sich durch besondere Unfähigkeit und jene Bereitschaft zur Korruption auszeichnen, die bei Heinz Christian Strache in Ibiza oder bei Karl Heinz Grasser im BUWOG-Prozess sichtbar wurde.
  • Und natürlich rechtfertigt Kurz` und Gernot Blümels Umgang mit Novomatic und ÖBAG den Verdacht der Strafbarkeit genauso wie beider Zeugenaussagen vor dem U-Ausschuss. Die türkise Reaktion- unqualifizierte Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft und Behinderung bis Verhöhnung des parlamentarischen Ausschusses ist bestürzend.
  • Dennoch ist Sebastian Kurz noch lange nicht Viktor Orban, mit dem er zunehmend verglichen wird: Orban verweigert selbst Konventionsflüchtlingen defacto Asyl; seine Fidesz“-Partei unterscheidet sich nicht von der FPÖ und regiert Ungarn alleine; die Justiz ist ihm hörig, so dass er keine Probleme mit ihr haben kann. Weil derzeit Kurz` Umgang mit den Medien Schlagzeilen macht, will ich auch diesen Unterschied illustrieren: Natürlich hatte Kurz Einfluss darauf, dass Helmut Brandstätter als Chef des Kurier durch die zahmere Martina Salomon ersetzt wurde, aber auch unter Salomon sind dort fast alle hier vorgebrachten Einwände gegen Kurz zumindest zu lesen. Das gilt für alle großen Medien Österreichs und wäre in Ungarn undenkbar: Im Rundfunk regieren Orban-Vertraute, und alle Printmedien gehören durch Korruption reich gewordenen Orban-Freunden.

Dass Kurz in Redaktionen anruft, hat er mit Bruno Kreisky gemein, der freilich viel weiter ging: In der Auseinandersetzung um Friedrich Peter forderte er von den Eigentümern des profil meine Absetzung und verweigerte er Peter Rabl Interviews; bei der Zürcher Zeitung erreichte er die Abberufung eines kritischen Österreich-Korrespondenten; bei der SPD setzte er durch, dass Gerd Bacher nicht deutscher TV-Intendant wurde.

Auch die Skandale um ÖBAG“ und Novomatic bedürfen der historischen Einordnung: Gemessen am Skandal um den Bau des AKH, das mit 3,5 Milliarden Euro drei mal so teuer war wie ein gleich großes, gleich ausgestattetes Klinikum in Aachen, geht es aktuell um Klein-Korruption. Dass die Staatsanwaltschaft unter SP-Justizminister Christian Broda das AKH-Verfahren einstellen wollte, während die aktuelle Staatsanwaltschaft ihrem Namen gerecht wird, ist ein zweiter bemerkenswerter Unterschied.

In ihren Strafverfahren geht es wie im U-Ausschuss bekanntlich darum, ob Novomatic für Parteispenden und/oder lukrative Posten wohlwollende Gesetze zugesagt wurden. Das wäre natürlich höchst übel, aber ich möchte daran erinnern, dass Novomatic von ÖVP wie SPÖ stets wohlwollend behandelt wurde und dass dort stets Partei-Funktionäre lukrativste Jobs innehatten. Der eigentliche Skandal lag meines Erachtens immer darin, dass Novomatic überhaupt erlaubt wurde, „einarmige Banditen“ aufzustellen, denn sie machen die ärmsten Teile der Bevölkerung spielsüchtig. Dennoch kämpfte Bürgermeister Michael Häupl lange gegen das Bemühen, das „kleine Glückspiel“ in Wien zu verbieten.

Zweiter möglicher Straftatbestand ist die Bestellung Thomas Schmids zum ÖBAG-Geschäftsführer. Natürlich hat sie nach bestem Wissen und Gewissen durch die befugten Organe zu erfolgen, und es gibt starke Indizien, dass Kurz, Gernot Blümel und Schmid selbst darauf strafbaren Einfluss genommen haben. Bekanntlich wurde die Ausschreibung auf Schmid zugeschnitten- aber auch die Ausschreibung des Wiener Krankenanstaltenverbundes für den Kauf von CT-Geräten wurde auf Siemens zugeschnitten, wo mehrere Ex-SP-Politiker tätig sind. Wenn Kurz seine Involvierung in Schmids Bestellung nicht geleugnet, sondern zugegeben hätte, müsste man wohl sagen, dass sich Bundeskanzler und Finanzminister mit gutem Grund dafür interessieren, wer die Beteiligung Österreichs an wertvollen Unternehmen verwaltet. Ich plädiere zwar dafür, sie zu veräußern, aber nach allem, was ich über Schmids Tätigkeit im Finanzministerium weiß, ist er durchaus geeignet, sie zu verwalten.

Kurz` Zeugenaussagen im U-Ausschuss scheinen mir objektiv mehrfach der Wahrheit zu widersprechen, und wenn man ihn nicht für psychisch labil hält, fällt einem schwer sich vorzustellen, dass ihm das wider Willen passierte. Aber um auch das historisch einzuordnen: SP-Innenminister Karl Blecha und SP- Außenminister Leopold Gratz haben im Kriminalfall um den sechsfachen Mord des Udo Proksch, der den roten Club 45 betrieb, nicht nur falsch ausgesagt, sondern ihm aktiv geholfen. Und im Prozess gegen Ex-Kanzler Fred Sinowatz wegen falscher Zeugenaussage in der Causa Kurt Waldheim sagten gleich mehrere SP-Abgeordnete falsch aus.

Nicht dass ich es verfehlt fände, wenn Kurz über falsche Zeugenaussagen stürzte- aber lieber wäre mir, er stürzte über so viel falsche Politik.

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Lehren aus der Covid-19 -Pandemie

Die nächste Pandemie kommt bestimmt – und kann weit tödlicher ausfallen. Was hat sich bei der Bewältigung der Seuche bewährt? Und was bedarf der Revision?

Covid-19 ist hoffentlich tatsächlich überwunden. Impfungen und Immunität nach überstandener Erkrankung sollten eine Vorstufe zur Herdenimmunität geschaffen haben und der Rest verbliebener Vorsicht und weitere Impfungen sollten genügen, die Seuche nicht mehr aufflammen zu lassen.

Der Rest verbliebener Angst sollte veranlassen, darüber nachzudenken, welche Lehren aus dem Kampf gegen Covid-19 zu ziehen sind. Denn die nächste Pandemie kommt bestimmt. Die Globalisierung mit viel mehr Reisetätigkeit und globalem Nahrungsmittelhandel macht zunehmend wahrscheinlich, dass auch viel gefährlichere Seuchen, wie etwa Ebola, das 1976 im Kongo erstmals ausbrach, nicht auf einen Kontinent beschränkt bleiben – und bei Ebola lag die Mortalität bei 90 Prozent gegenüber 2,3 Prozent bei Covid-19. Ebola wird nur weit schwerer – durch den Verzehr von Tierfleisch oder durch Körpersäfte, nicht aber durch Tröpfchen in der Atemluft- übertragen. Doch eine Mutation machte auch das jederzeit möglich: Die Behauptung des Philosophen Karl Popper, dass die grüne Sorge, dass der Mensch die Natur vernichte, keineswegs begründeter sei, als die Sorge, dass ein Virus die Menschheit ausrotte, hat Hand und Fuß.

Ständige Beobachtung ist unverzichtbar

Die wichtigste Lehre daraus hat Bill Gates schon 2015 gezogen: Es braucht in jedem Land eine Behörde, die ständig nach Virus- Erkrankungen sucht und sie oft schon entdeckt, während sie sich noch in der Tierwelt abspielen. Nicht minder muss sie für möglich halten, dass einer der vielen Viren, die Menschen bewohnen, plötzlich gefährlich mutiert. Die Furcht vor einer „natürlichen“ todbringenden Virus-Mutation sollte angesichts der Präzision moderner gentechnischer Verfahren jedenfalls weit größer sein, als die Sorge, dass ein misslungener gentechnischer Versuch ein solches Virus hervorbringt. Vielmehr- das ist die entscheidende Lehre aus Covid-19- ist überlegene Gentechnik unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen Pandemien. Das Tempo, in dem vielgeschmähte „Konzerne“ einen wirksamen Impfstoff herstellten, ist der wesentlichste Grund für Optimismus. Eine Lehre daraus muss sein, wie wichtig Grundlagenforschung ist: Österreich etwa hat aus historischen Gründen- wir profitierten von Wissenschaftlern aus dem ehemaligen Ostblock- überragende Institute für molekulare Biologie denen man gar nicht genug Geld geben kann, um ihre Forschung voranzutreiben.

Gott sei Dank gab es „Konzerne“

Es hat aber auch der „Kapitalismus“ seine Vorteile: Natürlich haben die „Konzerne“ auch in Erwartung gewaltiger Gewinne gewaltige Mittel in die rasche Produktion von Impfstoff gesteckt. Deshalb bleibe ich skeptisch gegenüber Joe Bidens noch so anständiger Initiative, den „Patentschutz“ auszusetzen.

Wesentlich für die rasche Erzeugung des Impfstoffes war nicht zuletzt die Erkenntnis der „Chicago Boys“ unter Donald Trump, dass der „Markt“ alleine nicht rasch genug funktioniert: Die Regierung muss im Fall einer Pandemie riskieren, hohe Summen in der bloßen Hoffnung auf eine rasche Impfung zu investieren. Der ideale Ablauf wäre: Sie erreicht im Gegenzug für frühe hohe Investition eine Senkung der Lizenzgebühr für den entwickelten Impfstoff.

Die Renaissance des Staates

Damit bin ich bei der überragenden Rolle des Staates im Kampf gegen Pandemien: Selbst den überzeugtesten Befürworten der „Ausgabenbremse“ wie Sebastian Kurz müsste klar geworden sein, dass sie die extremen Covid-19 -Todeszahlen in Italien oder Spanien verantwortet, weil die Reduzierung der Intensivbetten nun einmal der einfachste Weg zur Senkung der Staatsausgaben war. Dennoch hat nur Frankreichs Präsident Emanuel Macron dezidiert erklärt, dass Einrichtungen des Sozialstaates- zu deren wichtigsten die Spitäler zählen- „nicht Luxus, sondern Notwendigkeit“ sind.

Der Staat bekämpfte Covid-19 umso erfolgreicher, je früher er Maßnahmen ergreift und durchsetzt. Südkorea, das keine Diktatur ist, vermochte die Mortalität mittels Social Distancing und lückenloser Befolgung der Maskenpflicht selbst ohne Lockdown in Grenzen zu halten und verzeichnete mit nur 1,1 Prozent den bei weitem geringsten Wirtschaftseinbruch. Ansonsten erwies sich ein möglichst energischer durchgehaltener Lock down als günstiger als der österreichische Weg, die Maßnahmen aus Rücksicht auf die Wirtschaft, immer wieder zu lockern: das kostet insbesondere die Wirtschaft am Ende besonders viel Geld.

Pandemie brauchen harte Maßnahmen

Leider war ausgerechnet Gesundheitsminister Rudolf Anschober unter denen, die den Nutzen von Masken bestritten. Bei Seuchen, so ziehe ich eine weitere Lehre, hat die Regierung nicht einen liebenswerten Lehrer, sondern einen Epidemiologen zur obersten Instanz von „Maßnahmen“ zu machen.

Ich glaube, dass ihm aber auch ein Seuchengesetzes zur Verfügung stehen muss, das es zulässt, blitzartig schärfste Maßnahmen zu verordnen, ohne jedes Mal vom Verfassungsgerichthof gerügt zu werden. Selbstverständlich müsste man, wenn es um Ebola statt Covid-19 ginge, auch Kontrollen innerhalb von Wohnung und Vergleichbares anordnen können. Rechtsstaatlichkeit in Zeiten einer Pandemie sollte nicht dadurch gesichert sein, dass der VfGH ständig Maßnahmen aufhebt, sondern dass jede Maßnahmen innerhalb einer Frist von nur 10 Tagen parlamentarisch neu beschlossen werden muss, um in Geltung zu blieben. Ich glaube auch nicht, dass man bei einer App, die entwickelt würde, um vor Ebola-Ansteckung zu warnen, soviel Rücksicht auf den „Datenschutz“ nehmen könnte, wie man jetzt bei der Entwicklung eines grünen Impfpasses nimmt.

 

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Wie Covid-19 die Ungleichheit erhöht

In der Krise wuchs der ökonomische Abstand der USA zur EU, der reichen zu armen Ländern und reicher zu armen Bürgern. In Österreich wächst der Abstand zu Zuwanderern.

Historische Pandemien wie die Pest hatten einen raren Vorteil: Sie verminderten die Ungleichheit. Denn wo ein Drittel der Bevölkerung wegstarb, mussten die Reichen Handwerker und Landarbeiter höher entlohnen, um nötigste Leistungen zu erhalten. Covid-19 kann man diese nivellierende Wirkung nicht nachsagen: Zwar sanken für ein paar Monate die Aktienkurse, aber sie haben sich längst erholt, während die hohe Arbeitslosigkeit fortdauert und nicht einmal die Gehälter von Pflegerinnen stiegen.

Auch reiche Länder, die USA und die Industrieländer Europas, werden sich wirtschaftlich weit schneller als arme Länder erholen, verfügen sie doch über weit mehr Impfstoff. Joe Biden schlug deshalb vor, den Patentschutz befristet zu lockern, um die Impfstoffproduktion armer Länder zu verbilligen. Das kann als humane Großtat in die Geschichte eingehen, wenn es mit der nötigen Weitsicht geschieht. Denn „Patentschutz“ ist ein rechtsstaatlicher und damit ebenfalls humaner Wert: Pharmafirmen haben Impfungen auch deshalb so atemberaubend schnell entwickelt, weil sie im Vertrauen auf „Patentschutz“ mit hohen Gewinnen rechnen durften. Ihnen diese Gewinne zu sehr zu nehmen- sie zu enteignen- scheint mir daher problematisch. Ich erhoffe folgenden Kompromiss: Um der Lockerung des Patentschutzes zu entgehen, senken Pfizer & Co die Lizenzgebühren. Die werden von den armen Ländern entrichtet, indem EU und USA sie dabei finanziell unterstützen, weil sie am meisten vom weltweiten Ende der Pandemie profitieren.

Weil sie davon profitieren wenden die USA viel mehr Geld als die EU für ihre wirtschaftliche Erholung auf. Nachdem sie den Wirtschaftseinbruch dank hohen Arbeitslosengeldes von vornherein geringer hielten, lässt die ungleich intelligentere Wirtschaftspolitik- ohne unsinnige Angst vor hohen Staatsausgaben- sie bekanntlich ungleich mehr in die Zukunft investieren. Der ökonomische Abstand zur EU wird sich daher durch Covid-19 massiv vergrößern.

In Österreich vergrößert Covid-19 den vorhandenen Abstand zwischen eingesessener und zugewanderter Bevölkerung. Denn Bürger „mit Migrationshintergrund“ wohnen in viel größerer Zahl in kleinen Wohnungen, in denen man sich leichter ansteckt. Sie arbeiten öfter in Berufen mit erhöhter Ansteckungsgefahr- an Supermarktkassen, in der Pflege, in Schlachthäusern. Und weil sie so selten in gehobenen Berufen tätig sind, waren sie auch seltener durch Heimarbeit vor Ansteckung geschützt. Alle drei Handikaps teilen sie zwar mit heimischen Geringverdienern, voran Frauen, aber deren Kinderzahl ist doch meist viel geringer.

„Migranten“ haben aber nicht nur mehr Kinder, sondern hängen auch mehr an der Familie: Heimweh und die oft höhere Religiosität macht ihnen die Teilnahme an Hochzeiten oder Gottesdiensten unter Landsleuten besonders wichtig und erhöhte das Infektionsrisiko damit erheblich. Gelegentlich fühlen sich junge Männer aus Macho-Gesellschaften auch über Abstands- oder Masken-Regeln erhaben, aber das Gros der Migranten hielt diese Regeln viel eher mangels Sprachkenntnis ungenügend ein. In Berlin, wo sich die angeführten Phänomene summieren, schätzen Gesundheitsbehörden die Zahl der Covid-19 Erkrankten mit Migrationshintergrund auf zwei Drittel der insgesamt Infizierten – in Wien wird es kaum völlig anders sein.

Das größte daraus erwachsende Covid-19 Problem wird erst in Zukunft dramatisch sichtbar: Kinder mit Migrationshintergrund haben durch die Unterrichtsausfälle noch viel geringere Chancen auf höhere Schul- und Lehrabschlüsse. Denn noch seltener als Kinder der heimischen Unterschicht hatten sie Laptops und kaum je konnten ihnen die Eltern beim Homeschooling helfen. Dass das reiche Österreich nicht jedem Kind einen Gratis-Laptop zur Verfügung stellte, ist einmal mehr der „Ausgabenbremse“ geschuldet: „Sparsam“ nimmt man mehr Jugendliche mit mangelnder Schulbildung in Kauf, obwohl das zwingend mehr künftige Arbeitslose bedeutet. Zugleich schafft es mehr Covid-19 Folgetote: Ungenügende Ausbildung und damit weit höhere Armutsgefährdung verkürzt die Lebenserwartung um zehn Jahre.

In Spanien wurde die vergrößerte Spaltung in Einheimische und Zugewanderte politisch bereits genutzt: Die Kandidatin der konservativen Partido Popular (PP), Isabel Díaz Ayuso, errang in der Vorwoche einen triumphalen Wahlsieg, indem sie einerseits darauf hinwies, dass Covid-19 voran unter Migranten wüte und anderseits die „Diktatur“ anprangerte, die die linke Regierung per Lockdown errichtet habe: Ayuso ließ sich als „Freiheitskämpferin“ feiern, indem sie Madrids Cafés und Restaurants trotz voller Intensivstationen offenhielt. Vermutlich wird die PP auf der Basis dieser Strategie die nächste spanische Regierung anführen.

In Österreich profitierte die FPÖ nur vom „Freiheitskampf“ gegen die „Corona-Diktatur“, den sie jetzt um den Kampf gegen den „Impfzwang“ erweitert hat. Weil die Regierung Geimpften vernünftiger Weise wesentliche Erleichterungen beim Zugang zu Events oder beim Reisen gewähren will, wettert Herbert Kickl, der uns als Innenminister Trojaner aufs Handy schicken wollte, jetzt gegen den entstehenden „de facto Impfzwang“, den ich, „Antidemokrat“ der ich bin, ausdrücklich begrüße: Er bietet die Chance, dass Covid-19 in absehbarer Zeit so selten wie Masern oder Kinderlähmung ist. Man kann aber natürlich auch auf dem Standpunkt von Boris Johnson stehen, der gesagt haben soll: „Lieber sollen sich Leichen türmen.“

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Kurz: geschwächt am Fuß zweier Berge

Die rasche wirtschaftliche Erholung wird so schwer zu erreichen sein wie die Klimaneutralität. Am ehesten kann uns Türkis-Grün bald unabhängige Staatsanwälte bescheren.

Wie gegen Ende der rot-schwarzen Koalition fragen ZIB-Moderatoren derzeit immer öfter, wie lange die türkis-grüne Koalition noch hält. Ich sehe vorerst keine ausreichenden Gründe für ihr Scheitern: Es gibt nicht, wie mit Sebastian Kurz, einen hochbegabten Opponenten, der dieses Scheitern generalstabsmäßig geplant und in Bundeskammerpräsident Christoph Leitl und Innenminister Wolfgang Sobotka perfekte Helfer hatte, indem der eine den Wirtschaftsstandort verleumdete und der andere „ständigen Streit“ sicherstellte.

Obwohl die Chat-Protokolle zur ÖBAG bei Journalisten und Kabarettisten für Furore sogen, bezweifle ich, dass sie die Bevölkerung vergleichbar erregen. Die nimmt (nicht ganz zu Unrecht) an, dass Bestellungen in staatsnahe Spitzenfunktionen unter Rot-Schwarz kaum anders abgelaufen sind. Dass Thomas Schmid sogar die Ausschreibung für seinen Job selbst gestalten konnte, ist finanziell weniger bedenklich, als der gerichtlich festgestellte Umstand, dass die Ausschreibung für den Kauf millionenteurer Computer-Tomographen durch den Gesundheitsverbund der Stadt Wien so gestaltetet war, dass nur Siemens mit seinen engen Verbindungen zur SPÖ zum Zug gekommen wäre.

Man kann diese Art Probleme, so fürchte ich, kaum gänzlich eliminieren – nur lindern indem man, wie die Schweiz, den Einfluss des Staates auf Auftragsvergaben minimiert. (Zum Beispiel indem man die ÖBAG-Anteile an OMV, Casino-AG oder Post verkauft.)

Sebastian Kurz ist durch die „Chats“ und die Erhebungen der Staatsanwaltschaft gegen seine engste politische „Familie“ zwar geschwächt – vom Scheitern ist die türkis-grüne Koalition aber weit entfernt und nur dann akut bedroht, wenn Gernot Blümel angeklagt würde.

Die Mega-Herausforderung

Ob die ÖVP ihren gewaltigen Vorsprung auf die SPÖ halten kann, wird vor allem anderen davon abhängen, ob Österreich tatsächlich, wie in der jüngsten Regierungs-Klausur angekündigt, seinen Wirtschaftseinbruch rasch erfolgreich überwinden und die Zahl der Beschäftigten tatsächlich um 500.000 erhöhen kann. Leicht wird das nicht, denn im Gegensatz zur Vermutung von AMS-Chef Johannes Kopf haben alle Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands ihre Wachstums-Prognose für unseren wichtigsten Handelspartner soeben empfindlich gesenkt. Es bleibt die Hoffnung auf massiv steigende Exporte in boomende USA – aber auch Janet Yellens Mega-Investitionen haben den Senat noch nicht passiert. (Im Übrigen sieht sie Deutschlands „Nulldefizit“ und „Lohnzurückhaltung“ so kritisch wie Barack Obama oder Donald Trump, der Strafzölle andachte.)

Wesentlich wird ferner sein, wie erfolgreich die türkis-grüne Klimapolitik ausfällt. Die Probleme sind auch dabei beträchtlich. Österreich ist ja in der CO₂-Vermeidung nicht Vorreiter, sondern Nachzügler. Alle, die etwas davon verstehen, sehen den Handel mit sich verteuernden CO₂-Zertifikaten und eine CO₂-Steuer als unvermeidlich an. Kurz hat diese Steuer bisher abgelehnt. Aber vielleicht lernt er dazu oder die EU schreibt sie vor. (De Facto, so glaube ich, werden wir ab 2040 nur dann ohne Erdöl und Erdgas auskommen, wenn wir wesentlich mehr von den Grünen verdammten Atomstrom importieren.)

Aktuell am einfachsten punkten kann Türkis -Grün meines Erachtens, indem uns Justizministerin Alma Zadić einen von der Politik unabhängigen Bundesstaatsanwalt beschert. Sie hat diese Gelegenheit bekanntlich nur, weil die ÖVP die derzeit funktionierende Staatsanwaltschaft dringend umbringen will. Aber Kurz hat sich nun einmal öffentlich zu einem unabhängigen Bundesanwalt bekannt und es gilt, ihn an dieses Bekenntnis fest zu schmieden. Man muss, voran als ZIB-Moderator, ständig daran erinnern, dass die türkis-grüne Koalition uns die Verwirklichung dieses Projekts schuldet. Und man muss peinlichst darauf achten, dass es in seinen Grundzügen den Vorstellungen der einstigen Höchstrichterin Irmgard Griss folgt: Richter, und wohl auch Staatsanwälte als direkt Betroffene, erstellen in geheimen Wahlen einen Dreiervorschlag, aus dem der Bundesanwalt zu bestellen ist. (Geheim sollte die Wahl deshalb sein, weil Staatsanwälte vom Justizminister befördert werden.) Aus diesem Dreiervorschlag bestellt das Parlament den Bundesanwalt mit Dreiviertelmehrheit. Seine Amtszeit beträgt 12 Jahre und seine Abberufung sollte meines Erachtens nur mit Vierfünftel-Mehrheit möglich sein.

Das Parlament, so fordert die Präsidentin der Staatsanwälte Cornelia Koller, sollte seine Tätigkeit zwar nachträglich prüfen, nie aber in sie eingreifen dürfen. Die Präsidentin der Richtervereinigung, Sabine Matejka, der ich persönlich die Erstellung eines optimalen Dreiervorschlags jederzeit übergäbe, schien mir die Beteiligung des Parlaments an der Bestellung des Bundesanwalts nicht für zwingend zu halten. Ich halte sie für unerlässlich: Ich möchte nämlich auch keine totale Auslieferung an den „Richterstaat“. Immerhin hat es noch Jahre nach dem Krieg zahlreiche Richter gegeben, die in der NS-Zeit mörderische Bluturteile gefällt haben, und auch den Richtern und Staatsanwälten, die ich in vielen Jahren Gerichtsaal Berichterstattung am Wiener Straflandesgericht erlebt habe, möchte ich die Bestellung des Bundesanwalts nicht total – ohne parlamentarische Kontrolle- überlassen. Auch Richter sind keine Übermenschen.

PS: Das Einvernehmen von drei Viertel aller Nationalräte mit einer Mehrheit der Richter und Staatsanwälte scheint mir die beste Konstruktion.

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Der beschämende Umgang mit Terroropfern

Im Gegensatz zur aktuellen Behauptung von Generalprokurator Wolfgang Peschorn belegt der Untersuchungsbericht zum Terroranschlag in Wien am 2. November 2020 das Versagen der Organe der Republik bei seiner Verhinderung.

Weil ein Hecht im Badesee der Gemeinde Hofstetten-Grünau einen Achtjährigen ins Bein biss, wurde Bürgermeister Arthur Rasch zur Zahlung von 14.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt – er hätte das Vorhandensein des Tiers bemerken und eine entsprechende Warnung anbringen müssen. Den Schwerverletzen und Hinterbliebenen des Terroranschlags in Wien vom 2.November 2020 wurde auf Basis des allgemeinen Verbrechensopfergesetz je 2000 Euro ausbezahlt. Eine höhere Entschädigung sei laut Generalprokurator der Republik Wolfgang Peschorn nicht möglich, ja „verboten“, weil juristisch nicht gerechtfertigt, habe der Bericht der zur Untersuchung des Anschlags von Justizministerium und Innenministerium eingesetzten Kommission doch klar gestellt, dass der Anschlag nicht durch einen Behördenfehler zustande kam.

Ich habe mir den Bericht neuerlich durchgelesen und kann dort keine solche entlastende Klarstellung finden. Allenfalls den Hinweis, dass sich die jedenfalls misslungene Überwachung des Attentäters nicht an einer bestimmten Stelle festmachen lässt. Stattdessen ausführliche Passagen, die aufzeigen, dass alarmierende Informationen jenseits jedes Zweifels vorhanden waren und nicht entsprechend bewertet und genutzt wurden.

Das Defizit lag nicht am Mangel an Informationen

So heißt es etwa an einer Stelle, an der diskutiert wird, ob eine elektronische Fußfessel sinnvoll gewesen wäre: „Aus der Perspektive des vorliegenden Falles betrachtet, hätte eine solche sogenannte „elektronische Fußfessel“–eine GPS-Überwachung –kaum zusätzliche Erkenntnisse geliefert:

Die Defizite lagen nicht an einem Mangel an Informationen, sondern an der mangelhaften Verwertung dieser Informationen. So war bekannt, dass K.F. radikale Moscheen besucht hatte; es war bekannt, dass er in die Slowakei gefahren war; er wurde auch beobachtet, als er sich mit anderen Extremisten traf. Allgemein könnte der Mehrwert einer solchen „Fußfessel“ in der Unterstützung anderer Maßnahmen liegen; sie könnte solche nur ergänzen, aber nicht ersetzen.“

Die Radikalisierung immer nur punktuell gesehen

Und an anderer Stelle: „Mit Ablauf der Probezeit ist die Aufarbeitung der Straftat und damit die Aufgabe der Justiz jedoch abgeschlossen, und die Gefahr, die vom ehemals Verurteilten auf freiem Fuß ausgeht, ist durch die Polizei (einschließlich der Nachrichtendienste) –BVT, LVT und Sicherheitspolizei– auf Grundlage des SPG bzw. des PStSG zu bekämpfen. Sobald allerdings eine polizeiliche oder nachrichtendienstliche Dienststelle Verdacht schöpft, dass eine erneute strafbare Handlung begangen wurde, ist wiederum Anlass zur Strafverfolgung gegeben und die Staatsanwaltschaft zu verständigen. Diese hat zu entscheiden, ob ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren einzuleiten ist.

In diesem Zusammenhang (zeigt sich), dass die für den Verfassungsschutz zuständigen Dienststellen –BVT und LVT Wien –die verschiedenen Kriterien, nach denen sich insgesamt die gesteigerte Radikalisierung von K. F. abgezeichnet hat, immer nur punktuell gesehen haben.“

Mehr oder weniger abgehakt

Und weiter: „K. F. war immerhin als ein wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilter „Foreign Terrorist Fighter“ bekannt und wurde dementsprechend kurz nach seiner bedingten Entlassung am 5.12.2019 für eine Risikoeinschätzung nach RADAR-iTE vorgesehen.

Tatsächlich hat das dafür zuständige LVT Wien aber erst etwa zehn Monate später eine Erstbewertung vorgelegt. In der Zwischenzeit hat K. F. Aktionen gesetzt, die eindeutig auf seine Gefährlichkeit schließen lassen; augenfällig sind vor allem seine Teilnahme an einem vom deutschen BKA angekündigten Treffen von Islamisten in Wien, das in den Kontext mit einer durchaus als anschlagbereit eingeschätzten Terrorzelle im dezentralen Netzwerk des IS gestellt wurde -und sein nur einen Tag danach versuchter Kauf von für Militärwaffen geeigneter Munition. Diese Ereignisse waren den Behörden in ihrer Gesamtheit bekannt, im Einzelnen allerdings nur bestimmten Mitarbeitern. Dennoch wurden sie vorerst nicht zusammengefasst (und) gemäß ihrer Bedeutung in die Gefahrenbewertung einbezogen. Selbst nach zwei Nachbesserungen, zu denen das BVT gedrängt hat, wurde keine Gesamtbeurteilung vorgenommen, sondern wurden die einzelnen Kriterien isoliert voneinander mehr oder weniger „abgehakt“.

Erhebliche Mängel der Bekämpfung

Auch in der abschließenden Beurteilung des BVT kann ich die „Fehlerlosigkeit“ nicht entdecken: „Der Fall hat durchaus funktionierende Elemente, aber auch erhebliche Mängel der Bekämpfung terroristischer Straftaten aufgezeigt. Die Mängel bestehen allerdings nicht in fehlenden gerichtlichen oder polizeilichen Befugnissen, sondern liegen im unzureichenden Informationsaustausch zwischen allen beteiligten Stellen und in Organisationsproblemen und der Behördenkultur des Sicherheitsapparats. Um diese Schwachstellen zu beseitigen, bedarf es eines nachhaltigen politischen Willens, einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen und eines langen Atems. Damit lässt sich die Sicherheit Österreichs wesentlich verbessern. Aber auch ein perfekt funktionierender Staat kann nicht alle Terroranschläge verhindern.“

No na. Aber diesen hätte er verhindern können. Gott sei dank hat ein Geschädigter den Rechtsweg beschritten und die Republik auf angemessenen Schadenersatz geklagt. Wenn sie ein Rechtsstaat ist, wird das Gericht sie gerade angesichts dieses Untersuchungsberichtes gewähren müssen.

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Yellens Kampf um globale Mindeststeuern

Globale Mindeststeuern für Unternehmen stellten eine Jahrhundert-Reform dar. Sie festigten das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus: fairen Wettbewerb

Wie eh und je hat bekanntlich auch der neue Präsident der Industriellenvereinigung Georg Knill gefordert, die Körperschaftssteuer (KöSt) für Unternehmen zu senken, um Investitionen zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Wie eh und je lautet mein Einwand: 1. Österreich ist höchst wettbewerbsfähig – der Anteil des Exports am BIP ist höher als der Deutschlands und in den letzten Jahren zusätzlich gestiegen, weil Österreich (wie Deutschland) „Lohnzurückhaltung“ zu Lasten der Arbeitnehmer übt. 2. Der behauptete Zusammenhang von KöSt und Investitionen stimmt nicht: Als die steuerliche Belastung der Unternehmen in den Neunzigerjahren bei 39 Prozent lag, betrug die Investitionsquote 25,6 Prozent des BIP – heute beträgt sie 23,1 Prozent, obwohl die KöSt auf 27,5 Prozent gesunken ist.

Nicht die hohe KöSt bremst Investitionen, sondern Unternehmer tätigen teure Erweiterungsinvestitionen nur, wenn sie mehr Verkäufe erwarten – und das konnten sie angesichts rundum sparender EU-Staaten und in Österreich, Deutschland, Holland oder der Schweiz darüber hinaus zurückgehaltener Löhne in keiner Weise.

Die Verzerrung des Wettbewerbes

Allerdings hätte die Industriellenvereinigung stets zu Recht darauf hinweisen können, dass Staaten mit niedrigerer KöSt unfaire Wettbewerbsvorteile genießen. Im Extremfall: Wie soll ein österreichisches Möbel- oder Kaffeehaus mit IKEA oder Starbucks konkurrieren, wenn diese Steuern fast völlig vermeiden? In jüngerer Zeit trat zur Sorge, dass Ex-Ostblockstaaten sich durch niedrige KÖST Vorteile verschaffen, die Sorge, dass Großbritannien seine KöSt mit dem Brexit massiv vermindern könnte. Und zuletzt senkte Donald Trump die KöSt im wirtschaftsstärksten Land der Welt von 35 auf 21 Prozent – fast exakt die Höhe, die Knill sich wünscht. Der Unternehmenssteuer-Wettlauf nach unten, hin zu immer niedrigerer KöSt, der schon die ganze Zeit über im Gange war, stand vor einer dramatischen Beschleunigung.

Zweierlei sollte klar sein: Wenn Unternehmen (Aktionäre) weniger Steuern zahlen, müssen voran Arbeitnehmer mehr Steuer zahlen, wenn der Staat nicht ausufernde Defizite schreiben will. Zweitens und vor allem: Es kann keinen fairen Wettbewerb der Unternehmen untereinander geben, wenn sie mit völlig verschiedenen Körperschaftssteuersätzen belastet sind. Der möglichst faire Wettstreit der Unternehmen – das gilt es zu begreifen – ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus: Im Idealfall sorgt er dafür, dass die Unternehmen sich durchsetzen, die mit dem geringsten Aufwand an Energie und Rohstoffen die besten Produkte erzeugen. Das, nicht die geringste Steuerbelastung, soll sie auszeichnen.

Die absurden Steuerparadiese der EU

Zu Recht schützt die EU den fairen Wettbewerb daher durch eine eigene Behörde: Unternehmen, die vom Staat unerlaubte Subventionen, und sei es auch nur kostenlose Grundstücke, erhalten, müssen sie zurückerstatten – obwohl eine solche Vergünstigung lächerlich ist, wenn man sie mit dem Vorteil vergleicht, der Unternehmen aus einer niedrigeren KöSt erwächst. Es war immer grotesk, dass die EU völlig disparate Unternehmenssteuern, ja selbst Steueroasen wie in Malta oder Irland ebenso zugelassen hat wie die Möglichkeit, dass etwa Holland bestimmten Unternehmen gewaltige Steuervorteile gewährt.

Ideologischer Hintergrund der so unterschiedlich gehandhabten Unternehmenssteuern ist einmal mehr der Neoliberalismus: Es müsse, so die zugehörige Argumentation, eben auch einen Wettbewerb der Steuerstandorte geben, um die Steuern niedrig zu halten. Aber selbst wenn eine Nuance eines solchen Wettbewerbs vielleicht tatsächlich diesen Vorteil haben sollte – sobald der Steuerunterschied von Gewicht ist, wird der entscheidende Vorteil funktionierenden Kapitalismus` vergeben: Es siegen nicht mehr die besten Unternehmen.

Es ist dies der in Wahrheit größte Nachteil des Neoliberalismus: Vom Sparen des Staates über die Lohnzurückhaltung bis zum verfehlten Steuerwettstreit missverstehen seine Vertreter, wann und wie das „kapitalistische System“ optimal funktioniert.

Biden und Yellen hört man zu

Janet Yellen, Professorin für Volkswirtschaftslehre in Berkeley (nebenher Ehefrau des Wirtschaftsnobelpreisträgers George A. Akerlof) versteht funktionierenden Kapitalismus wie kaum jemand anderer und ist dank Joe Biden Finanzministerin der USA. Weil Trump mit der drastischen Verringerung der KöSt und gleichzeitig drastischen Verringerung der Besteuerung Superreicher nur das US- Budgetdefizit sinnlos vergrößert hat, planen beide, die KöSt auf 28 Prozent anzuheben, wobei darin noch ein paar Prozent Verhandlungsspielraum enthalten sein dürften. Sollte der ihnen ermöglichen, ihr Wirtschaftsprogramm im Kompromiss mit den Republikanern durchzusetzen, so wird es nicht nur den wirtschaftlichen Zustand der USA, sondern der ganzen Welt verbessern. Yellen weiß, dass man Wirtschaftskrisen nie durch Sparen des Staates, sondern nur durch das Gegenteil bewältigen kann. Sie weiß, dass Lohnzurückhaltung kontraproduktiv ist, weil sie die Kaufkraft verringert. Sie weiß, dass Steuerwettbewerb den entscheidenden Wettbewerb der Unternehmen verhindert.

Und ihr und Joe Biden hört man weltweit zu: Wenn die G201 sich tatsächlich bis Juli darauf einigen, dass Unternehmen jedenfalls eine Mindestkörperschaftssteuer zahlen müssen und dass die Mega -Gewinne digitaler Giganten auch außerhalb ihres Heimatlandes versteuert werden müssen, dann ist das eine Jahrhundert-Reform.

1 Gruppe der 20 stärksten Industrieländer

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Zweischneidige Satiren

Die Satiren, mit denen sich fünfzig deutschsprachige Schauspieler, darunter Nina Proll, Nicholas Ofczarek oder Manuel Rubey über den „Lock down“ lustig machen und der Presse vorwerfen, die „Maßnahmen“ der Regierung kritiklos zu vertreten, haben in den sozialen Medien bekanntlich sowohl begeisterte Zustimmung wie wütende Ablehnung ausgelöst.

Meine Reaktion ist ebenso gespalten. Einerseits verstehe ich den besonderen Frust von Schauspielern – mein jüngster Sohn hat diesen Beruf ergriffen – die tatsächlich die letzten waren, um die sich die Regierung, voran in Österreich, gekümmert haben. Ohne unsere Hilfe wäre unser Sohn vermutlich in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Natürlich ist auch charakteristisch, dass es keinen Kulturminister gibt, dass mit Ulrike Lunacek primär eine restlos ahnungslose Staatssekretärin bestellt wurde und man Sport-Minister Werner Kogler bei jeder Rede anmerkte, wie wenig die Kultur ihn interessiert: Die Probleme der Theater wurden meist erst nach denen der Bordelle erwähnt. Auch bei den Lockerungsschritten galt das Interesse voran dem Handel, danach der Gastronomie, danach Friseuren und Fitness-Studios und nie den Theatern.

Der minimale Stellenwert der Kultur

Dass sich aus den von Helga Rabl-Stadler tapfer durchgezogenen Salzburger Festspielen in keiner Weise ein Corona-Cluster ergab, führte nie zu Diskussionen, die Öffnung von Theatern unter Einhaltung von Sicherheitskonzepten, wie sie durchwegs erarbeitet wurden, zumindest zu prüfen und in medizinisch überwachten Versuchen zu testen.

So bin ich ziemlich überzeugt, dass die Ansteckungsgefahr unter Theaterbesuchern, die getrennt sitzen und Masken tragen, ungleich geringer wäre als unter den Menschen, die in einem Geschäft von XXX-Lutz die meisten Prozente erhalten wollen.

Die Pandemie hat tatsächlich den besonders geringen Stellenwert aufgezeigt, den „Kultur“ in Österreich und wahrscheinlich auch in Deutschland abseits von Sonntagsreden besitzt.

Aber das ändert nichts daran, dass man eine lebensgefährliche Pandemie am erfolgreichsten mittels eines möglichst harten Lock-down bekämpft und dass der leider auch die Theater umfasst. Selbst wenn sie geöffnet wären, schlösse die abendliche Ausgangssperre ihren Besuch aus, und eine solche Ausgangsperre kann eben sehr wohl eine unbedingt notwendige „Maßnahme“ der Regierung darstellen. Weil es bei Covid-19 eben nicht um eine Grippe, sondern um eine Krankheit geht, die nicht nur bei mir mit 81 Jahren und drei Herzinfarkten vermutlich tödlich ausginge, sondern auch bei Menschen im Alter Prolls oder Ofczareks tödlich enden kann.

Die Regierung hat ein Recht darauf, sich im Kampf gegen eine neue solche Seuche auch bei dieser oder jener ihrer Maßnahmen auch zu irren und vielleicht zu viele Institutionen zuzusperren. Weil zu wenige zuzusperren eben tödlich sein kann.

Begeisterte Zustimmung aus der FPÖ

Es muss Nina Proll oder Nicholas Ofczarek doch einigermaßen nachdenklich stimmen, dass sie die größte Zustimmung aus den Reihen der FPÖ oder der AfD erhalten, dass Herbert Kickl sich demnächst auf sie berufen wird, wenn er von der Corona-Diktatur faselt.

Es stimmt sie auch nachdenklich- viele der fünfzig rudern zurück und erklären, dass sie diese Reaktion nicht gewollt, es so nicht gemeint hätten. Aber das hätten sie bei etwas Nachdenken vorher wissen können. So wie von der Regierung, kann man auch von Schauspielern längeres Nachdenken verlangen, ehe sie ihren Beitrag ins Netz stellen.

Wir befinden uns – Gott sei Dank- in der letzten Phase der Pandemie. Es braucht nur noch durch ein paar Wochen die Bereitschaft, „Maßnahmen“ der Regierung – mögen sie nun klüger oder dümmer sein- einigermaßen strikte zu befolgen.

Die Bereitschaft durch eine nicht zuletzt auch eitle Aktion zu erschweren, scheint mir keine Leistung, der ich applaudiere.

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Der entblätterte heilige Sebastian

Fünf sehr verschiedene Gründe für den Verfall der Strahlkraft des Kanzlers. Der Verlust der Glaubwürdigkeit und der Anschein eines Heuchlers wiegen am schwersten.

Talmi sieht aus wie Gold, hat aber den Nachteil, mit der Zeit abzublättern, bis darunter die billige Zink-Kupfer-Legierung sichtbar wird. Soweit ist es mit Sebastian Kurz noch nicht, aber wo die Staatsanwaltschaft zu putzen begann, wurde zunehmend Zinkblech sichtbar. Würde heute gewählt, so läge Türkis-Grün gemäß einer Market-Umfrage des Standard mit 36 +12 Prozent nur mehr gleichauf mit Rot-Grün-Pink (26+12+10), das aber, wie OGM für den Kurier erfragte, erstmals die beliebtere Koalition darstellte. Direkt zum Kanzler gewählt würde Kurz statt im März 2020 von 52 heute nur mehr von 29 Prozent.

Der Verfall seiner Strahlkraft hat verschiedenste Gründe. So ist etwa die Schließung der Balkan-Route schon lange her- die Zahlungen der EU an die Türkei, die stets die weit größere Bedeutung hatten, halten den Flüchtlingsstrom seither in akzeptablen Grenzen. Kurz´ abweisende Asylpolitik zieht zwar noch immer, doch auch keine andere Partei heißt Wirtschaftsflüchtlinge willkommen, schiebt aber keine hier geborenen Kinder ab.

Gleichzeitig hat das aktuelle Milliardendefizit Kurz` „Nulldefizit“ als Gesprächsthema abgelöst. Er behauptet zwar, dass wir dank der vergangenen türkisen Budgetdisziplin so gut durch die aktuelle Krise kämen, aber die Zahlen strafen ihn Lügen: Österreichs BIP erlitt den höchsten Einbruch der EU und erholt sich am langsamsten.

Daher müssten sich zumindest Kurz` sonstige Versprechen bewähren: Dass es mit ihm keine Packelei gäbe, dass er niemanden anpatze und dass seine Koalition nicht streite. Letzteres gelang ihm am relativ längsten: Die Grünen stellen Kurz noch immer keine unerfüllbare Forderung- er muss sich nur immer härter mit ihnen auseinandersetzen. Auch mit H.C. Strache, so weiß man heute aus dessen Handy, musste er sich hart auseinandersetzen- nur dass das nie an die Öffentlichkeit drang. In Wirklichkeit ehrt es Kurz, dass ihm FP-„Einzelfälle“ nicht gleichgültig waren – es desavouiert die Österreicher, dass sie „Auseinandersetzung“ stets als dringend zu vermeidenden „Streit“ diffamieren. Leider befördern die Medien diese fehlende Streitkultur: Journalisten überbieten einander darin, „aufzudecken“, wo es „schon wieder“ unterschiedliche Ansichten innerhalb einer Partei oder einer Koalition gibt. In der Sache überaus fähige rot-schwarze Koalitionen wurden auf diese Weise voran im ORF in bester Absicht kaputt geredet. (Nur die Wiener Zeitung hat kraft Gesetzes unaufgeregt Argumentation gegen Argumentation gestellt- das hat aber leider bald ein Ende.)

Die türkis-blaue Koalition war alles eher als fähig, aber sie bot auf Grund fehlenden „Streits“ keine vergleichbaren Angriffsflächen. Dort, wo sie gelegen wären- in der neoliberalen Wirtschaftspolitik- fehlte den meisten Journalisten das ökonomische Wissen, sich damit auseinanderzusetzen. Gott sei Dank nahmen sich Kurier oder Standard immerhin energisch der „Einzelfälle“ an, sonst wäre es Kurz gelungen, Türkis-Blau tatsächlich als Traum-Regierung im allgemeinen Bewusstsein zu etablieren. Und ohne „Ibiza“ hätten wir sie bis heute: Die in ihrer Gesinnung korrupteste, Rechtsaußen-Regierung der 2. Republik wurde nicht dank demokratischer Erkenntnis, sondern dank eines glücklichen Zufalls beendet.

Spätestens als er Justizministerin Alma Zadic eine Teilschuld am Terroranschlag in Wien anlastete, fand das Märchen ein Ende, dass Kurz niemanden „anpatzt“. Nicht erst der Untersuchungsbericht stellte klar, dass das Versagen ausschließlich beim BVT, also allenfalls beim Innenminister lag. Dass er Bürgermeister Michael Ludwig die häufigen Wiener Corona- Infektionen zu Last zu legen suchte, obwohl sie in Tirol zu diesem Zeitpunkt weit häufiger waren, war ähnlich durchsichtig. Selbst Kurz` Versuch, die EU anzupatzen, indem er ihr anzulasten suchte, dass Österreich aus Sparsamkeit zu wenig Pfizer-Impfstoff erwarb, dürfte bei intelligenteren Bürgern misslungen sein.

Restlos geplatzt ist das Märchen vom neuen Stil freilich erst mit den Chats zwischen Kurz, Gernot Blümel, und Thomas Schmid: Massiver „gepackelt“ wurde bei einer Postenvergabe wohl noch nie. Und erstmals hat sich Kurz damit ein nachhaltiges Problem eingehandelt: Er ist nicht mehr glaubwürdig- der Abstand zwischen dem, was er öffentlich sagt und dem, was er insgeheim tut, war noch bei keinem Kanzler größer.

So ließ sich Kurz bekanntlich im Juni 2019 in der Wiener Stadthalle von einem evangelikalen Prediger vor tausenden Zuhörern als idealen Kanzler feiern und segnen – jetzt feierte er seinen Generalsekretär im Finanzministerium Thomas Schmied per Handy dafür, dass er der Kirche den Verlust ihrer finanziellen Privilegien androhte, nachdem die Bischofskonferenz die türkise Asylpolitik heftig kritisiert hatte: „Super Danke vielmals!!“

Schmids Drohungen, die er Kurz präzise referierte, erinnerte erstaunlich an Straches Ibiza-Vorhaben, dem Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner alle Staatsaufträge zu entziehen. Denn so wie Haselsteiner Staatsaufträge vom Gesetzes wegen zustünden, wenn er Bestbieter wäre, war auch das Gros der angeführten „Privilegien“ der katholischen Kirche (und anderen Religionsgemeinschaften) gesetzlich gedeckt und auch sofern das bloßem Ermessen entsprach, wäre es gesetzwidrig, wenn dieses Ermessen von der Haltung der Bischöfe zur Asylpolitik abhinge. Kurz Haltung zur Religion heuchlerisch zu nennen, scheint mir daher nicht rasend riskant, solange die Justiz noch unabhängig ist.

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Bischöfe sind nicht türkise Familie

Das kann die Kirche Privilegien kosten. Thomas Schmid, Gernot Blümel, Sebastian Kurz – zur engsten Familie zu gehören ist nicht nur in Kalabrien von Vorteil.

Wären die Chats auf dem Handy von Thomas Schmid, die die Staatsanwaltschaft zu rekonstruieren vermochte, auf dem Handy eines Vertrauten der rot-schwarzen Regierung Werner Faymanns aufgetaucht, die ÖVP hätte den Rücktritt aller Beteiligten gefordert und gute Chancen gehabt, die folgende Neuwahl zu gewinnen. In der türkis-grünen Regierung hofft Werner Kogler, dass Schmid von sich aus den Hut nimmt. Diese Zurückhaltung ist verständlich: Sebastian Kurz` ÖVP erhielte bei Neuwahlen wieder die meisten Stimmen und koalierten dann entweder mit der SPÖ oder, wenn es sich ausginge, wieder der FPÖ. Beides kann nicht im Interesse der Grünen sein. In ihrem Interesse wäre nur eine rot-grün-pinke Koalition und die ginge sich nur aus, wenn die Österreicher begriffen, wie sehr Kurz das christlich-soziale Selbstverständnis seiner Partei nach rechts gerückt hat- und daran zweifle ich.

Zur Erinnerung an türkis-blau: Schmid, derzeit Chef der ÖBAG, in der die Republik ihre Beteiligungen bündelt, wird verdächtigt, als Generalsekretär des Finanzministeriums an einem Deal von ÖVP und FPÖ mitgewirkt zu haben, bei dem FP-Bezirksrat Peter Sidlo zum Finanzvorstand der Casino AG bestellt wurde und das Ministerium dem Glückspielkonzern Novomatic entgegenkommen sollte. Ich zweifle, dass das nachweisbar ist, obwohl Schmid ein neues Glückspielgesetz plante. Auch die Rechtswidrigkeit seiner eigenen Bestellung halte ich für kaum nachweisbar- sie verlief nur charakteristisch: „Ich bin nicht international erfahren“ ließ Schmid wissen – worauf die Forderung nach „internationaler Erfahrung“ aus der Ausschreibung verschwand.

Raiffeisennah und steuerbar

Dass Schmid sich auch die Aufsichtsratsräte aussuchte, die ihn bestellten und jetzt überwachen sollen, liest sich im Chat so: „Wirklich eine Gute“, schwärmte er über eine von ihm erhoffte Vorsitzende des Aufsichtsrates gegenüber Sebastian Kurz, „Finanzexpertin, compliant, steuerbar und mit guten Beziehungen zu Raiffeisen“. Die besaßen auch die Raiffeisenmanager Walter Rothensteiner und Josef Pröll und nahmen ihre Aufsicht bei der Bestellung Sidlos, dem der zuständige Headhunter die Qualifikation abgesprochen hatte, mit vornehmer Zurückhaltung wahr- sie segneten sie ab und bestreiten jede Vetternwirtschaft. Auch bei Schmids ÖBAG- Ambition ist allenfalls wechselseitige Warmherzigkeit aus den Chats zu erahnen: „Das bist Du mir schuldig“, ließ er Finanzminister Gernot Blümel wissen – „Du bist Familie“ beruhigte ihn dieser. Um schon drei Monate vor der tatsächlich Bestellung zu posten: „Schmid AG fertig.“ Dass Schmid potenter Alleinvorstand sein wollte, verstand auch Familien-Oberhaupt Kurz: „Kriegst eh alles was Du willst“.

„Unter Schmid ist die ÖBAG fünf Milliarden wertvoller geworden“, verteidigte VP-Mandatar Andreas Hanger diese familiäre Zuwendung. Auch wenn die gewaltige Wertsteigerung der Verbund AG voran deren Vorstand und der EU-weiten Verpflichtung zur CO2 Reduktion zu danken ist und die Wertsteigerung der Bundesimmobilien kaum mit Schmid zu tun hat.

Warum nicht mehr privat?

Nur dass die Republik ihre Beteiligungen in einer AG gebündelt hat, ist vermutlich gut. Allerdings teile ich den ÖVP- Standpunkt, dass „weniger Staat, mehr privat“ noch besser wäre: Nur beim Verbund macht Staatseigentum Sinn- OMV, Post oder Immobilien, brauchen es in keiner Weise. Staatseigentum an nicht zwingend vom Staat zu führenden Unternehmen, darin bin ich ausnahmsweise neoliberal, befördert politische Freunderlwirtschaft. (Der führende Theoretiker des Austromarxismus Otto Bauer formulierte es noch härter: Unfähige Beamte treten an die Stelle fähiger Unternehmer). Theoretisch sollte es Kurz und Blümel also schwer fallen, zu erklären, warum sie sich entgegen ihrer Ideologie derart für Schmid engagiert haben und eigentlich müsste daraus auch ein reales Rechtsproblem erwachsen: Schließlich haben beide ein solches Engagement vor dem U-Ausschuss bestritten.

Fast Zack Zack Zack

Noch mehr erstaunt hat mich in der Theorie- nicht in der realen Praxis- beider Umgang mit der katholischen Kirche. Unmittelbar nachdem Kardinal Christoph Schönborn, vor allem aber der Generalsekretär der Bischofskonferenz Peter Schipka die türkisblaue Asylpolitik heftig kritisiert hatte, kam es am 13. März 2019 zu einem Treffen zwischen Schipka und Schmid, das diesen am frühen Nachmittag folgende Nachrichten an Kurz senden ließ: „Heute ist die Kirche bei uns. Schipka kommt um 16.00 Wir werden Ihnen ordentliches Package mitgeben. Im Rahmen eines Steuerprivilegien Checks aller Gruppen in der Republik wird für das BMF auch die Kirche massiv hinterfragt. Alle sind gleich. Dann gehen wir unsere Liste durch. LG Thomas“. Darauf Kurz: „Ja super. Bitte Vollgas geben.“ Am Abend berichtete Schmid dem Kanzler über den Verlauf des Gesprächs: „Also Schipka war fertig! Steuerprivilegien müssen gestrichen werden Förderungen gekürzt. Und bei Kultus und Denkmalpflege wesentliche Beiträge. Heimopfergesetz werden wir deckeln. Er war zunächst rot dann blass dann zittrig“

Erinnert mich fast an „Zack Zack Zack“. Nicht so Kurz : „Super danke vielmals!!“schrieb er zurück.

Wann werden die Österreicher begreifen, wie der Mann beschaffen ist, den sie mit so großem Abstand zum Kanzler haben wollen? Kurz dürfte jedenfalls begriffen haben, dass es ihm nicht gut tut, wenn die Staatsanwälte Handys beschlagnahmen. Innenminister Karl Nehammer hat ein Gesetz entworfen, das das Sicherstellen von Datenträgern zur Ausnahme machen soll.

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Der Impfvorsprung der Widerlinge

Die Osterruhe ist zu kurz. Nur Impfen erspart Lockdowns. Der US-Vorsprung kommt daher, dass Donald Trump der Forderung neoliberaler Ökonomen nach Planwirtschaft folgte

Alle, die etwas davon verstehen, sind ausnahmsweise einig: Nur ein schon vorige Woche einsetzender landesweiter beinharter Lockdown hätte ausgeschlossen, dass die „britische“ Covid-19 Welle unsere Intensivstationen an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringt. Für Günter Platter, dessen Weitsicht seinem Bundesland bekanntlich schon bisher weltweites Corona-Ansehen beschert hat, kam das freilich nicht in Frage. Unter neun Landesfürsten zeigte nur Michael Ludwig letztlich Einsicht, so dass trotz des Zögerns von Johanna Mikl-Leitner und Hans Peter Doskozil zumindest der eben beginnende Ost-Lockdown zustande kam. Freilich nur vom 1. bis 6. April, obwohl Epidemiologen zwei Wochen fürs Minimum halten. Zwingende Folge: Die „Inzidenz“ wird nicht nur im Osten, sondern in ganz Österreich und bald auch in Vorarlberg kritisch sein. Die Wirtschaft wird darunter länger und stärker leiden, als sie unter einem ausreichend langen, noch so harten Lock Down gelitten hätte.

Die obszöne „Coronadiktatur“

Wahrscheinlich ist das politische Gespür der Politiker, die ihn vermieden haben, vorerst dennoch nicht so falsch: Die Zahl der Österreicher, die keinen Lockdown mehr erleben wollen, ist ungleich größer als die Zahl der zusätzlich anfallenden Covid-19-Toten. Die FPÖ agiert jedenfalls durchaus erfolgreich, indem sie Anti-Corona Demos befördert: Tausende, die ohne Maske und Abstand marschieren und Hunderte, die „Kurz muss weg“ brüllen, sorgen für maximales Viren-Spreading und Herbert Kickl, der uns als Innenminister Trojaner aufs Handy schicken wollte, schützt uns jetzt vor „Corona-Diktatur“. Um es in seiner ganzen Obszönität festzuhalten: In Belarus oder Myanmar fordern todesmutige Frauen Demonstrationen gegen fortgesetzte Wahlfälschung und putschende Generäle, die auf ihr Volk schießen lassen- in Österreich husst Kickl zu Demonstrationen gegen Maßnahmen auf, die dem Schutz vor einer Seuche dienen, parlamentarisch beschlossen wurden und alle zehn Tage parlamentarisch überprüft werden.

Dass die Bevölkerung dieser Maßnahmen müde ist, verstehe ich. Es ist auch nicht vergnüglich, mit 81 Jahren und drei Herzinfarkten zu den von ihnen Geschützten zu gehören, denn auch dieser Schutz wird irgendwann zu viel verlangt sein. Aber es ist nicht zu viel verlangt, dass Leute wie ich rascher geimpft werden. Gute Informatiker – „Willkommen Österreich“ hat es vorgeführt- sind für höchstens hunderttausend Euro in der Lage, eine Plattform zu programmieren, auf der man sich mit Alter, Adresse, Beruf und Vorerkrankung einloggt und die dann automatisch Impftermine und Adressen ausspuckt. Je eine solche Plattform pro Bundesland oder noch besser eine für ganz Österreich hätte es seit Monaten geben können.

Der Erfolg Trumps, das Versagen der EU

Entscheidend fürs Impftempo ist freilich ausreichend Impfstoff und diesbezüglich muss sich die EU-Kommission dringend mit ihrem Versagen auseinandersetzen, denn es ist ein systemisches Versagen: Sie war zu langsam und zu sparsam. So schwer mir diese Feststellung fällt: Ausgerechnet Donald Trump hat die Impfstoffbeschaffung perfekt gehandhabt. Und zwar zu meinem Leidwesen, indem er auf eine Gruppe neoliberaler Ökonomen gehört hat, wie sie die Universität von Chicago hervorbringt und wie sie als Regulierungs-Gegner 2009 entscheidend zur Finanzkrise beigetragen haben. Diese „Chicago-Boys“ überzeugten Trump, dass es im Kampf gegen eine Pandemie in erster Linie um Tempo geht: Es gilt, der exponentiellen Verbreitung von Infektionen Paroli zu bieten. Innovative Medikamente, so überzeugten sie Trump am Beispiel von Aids, nützten dabei ungleich mehr als die Forderung nach einem veränderten (sexuellen)Verhalten. Gefordert sei daher die Beschleunigung medizinischer Innovation. Um die zu erreichen zeigten sie allerdings eine Einsicht, die Neoliberalen normaler Weise fremd ist: Der „Markt“, so befanden sie, honoriere medizinische Forschung nicht rasch genug- deshalb müsse die öffentliche Hand in Frage kommenden Firmen diese Forschung, die Schaffung von Produktionskapazitäten, ja sogar den Kauf großer Mengen von Covid-19-Medikamenten im Voraus bezahlen. So kam es zu den 18 Milliarden, die Trump schon investierte, bevor er Impfstoffe kaufte. Dass er für die Durchführung Gustave Perna, einen Vier-Sterne-General beauftragte war möglicherweise auch zweckdienlich.

Die schnelle US-Zulassung – die langsame EU-Zulassung

Es war voran germanische Spargesinnung, die ein vergleichbares Vorgehen der EU verhindert hat, obwohl unsere „soziale Marktwirtschaft“ theoretisch viel besser als der Neoliberalismus um die Wichtigkeit großzügig finanzierter Forschung und Beschaffung weiß. Aber Ausgabenbremsen bremsen auch gezieltes Denken.

War das Eintreten der Chicago Boys für fast planwirtschaftliche Vorfinanzierung der Forschung unerwartet, so kritisierten sie erwartungsgemäß das Tempo der staatlichen Gesundheitsbehörde FDA bei der Zulassung von Medikamenten: Bei Seuchen- wieder verwiesen sie auf die exponentielle Verbreitung – müsse Schnelligkeit vor Genauigkeit gehen. Trumps soziale Medien erzeugten den Druck, der die widerstrebende FDA soviel früher als die EMA eine vorläufige Notzulassung für Pfizer und Moderna erteilen ließ. Zusammen hat das dafür gesorgt, dass in den USA schon ein Drittel, in der EU nur ein Zehntel der Bevölkerung geimpft ist.

Nur schnellstes Impfen kann die Pandemie auch bei uns besiegen. Israels Benjamin Netanjahu, den es ohne Impftriumpf nicht mehr gäbe, hat gezeigt, wie es geht; Österreich impfte zu Recht durchgehend AstraZeneka, obwohl die Meldungen über Thrombosen nicht abreißen. Ungarns Viktor Orban impft schon jetzt mit Erfolg Sputnik-V. Und Sebastian Kurz will zu Recht das gleiche.

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