Es grünt nicht grün

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Eva Glawischnig verlässt die Grünen im ungünstigsten Augenblick. Sie laufen Gefahr, Wähler an Christian Kerns SPÖ zu verlieren. Sie haben versäumt, mehr als Ökologie und “Multikulti” anzubieten.

Wie die NEOS laufen sie Gefahr, im kommenden Dreikampf Kurz-Kern-Strache ausgedünnt zu werden: Viele ihrer linken Sympathisanten dürften sich veranlasst sehen, diesmal sozialdemokratisch zu wählen, weil Strache fast nur zu verhindern ist, wenn die SPÖ Nr. 1 wird. (Ich glaube nicht, dass sie sich, wie die grünen Landesparteiobfrauen hoffen, davon abhalten lassen, weil die SPÖ in der Flüchtlingspolitik nach rechts gerückt ist.) Gleichzeitig könnten etliche bürgerliche Grünwähler in Kurz` “neuer ÖVP” doch eine interessante Alternative sehen, falls er ein grünes Signal setzt – und ich halte ihn für professionell genug, das sehr bald zu tun.

Zu diesem großen aktuellen Problem kommt ein grundsätzliches: Die Grünen haben es versäumt, zu einer Volkspartei zu werden, die in allen Bereichen, insbesondere auch in der Wirtschaft, Lösungen anbietet. Die anderen Parteien besitzen solche Lösungen zwar auch nicht, aber sie behaupten es zumindest und die Bevölkerung hat eine Ahnung von ihren Wirtschaftsprogrammen, während niemandem das Wirtschaftsprogramm der Grünen geläufig ist.

“Ökologie ist zu wenig, Mutikulti ist heikl”

Ökologie alleine genügt nicht. Erstens weil alle Parteien grüne Forderungen übernommen haben und darin nicht unglaubwürdig wirken. Zweitens weil die Menschen den Verlust das Arbeitsplatzes derzeit mehr als den Klimawandel fürchten. In der Bildungspolitik die von der breiten Bevölkerung zur Recht ebenfalls als überlebenswichtig angesehen wird, unterscheiden sich die Grünen nicht von der SPÖ – auch sie wollen die Gesamtschule, die freilich eine ebenso breite Gegnerschaft besitzt. In spektakulären Fragen der Gesellschaftspolitik wollen Grüne wie die NEOS oder die SPÖ die “Homo – Ehe”, aber so wichtig sie Homosexuellen ist, spielt sie für die breite Bevölkerung doch eher eine Nebenrolle. Bleibt statt grüner Breite ein schmales grünes Alleinstellungsmerkmal: Die Verteidigung von “Multikulti”.

Und die ist in der aktuellen Situation mit ihrer unbestreitbaren Zunahme von Sexualdelikten durch alleinstehende Afghanen, Tschetschene oder Marokkaner ein heikles Unterfangen.

Auch ohne den zugespitzten aktuellen Dreikampf und auch unter Eva Glawischnigs Führung stünden Österreichs Grüne meines Erachtens vor dem Wählerrückgang, den Deutschlands Grüne seit drei Jahren erleiden. Dass sie jetzt außerdem noch ihre populäre Spitzenkandidatin verloren haben, (die nie besessen zu haben Teil des deutschen grünen Dramas ist) kann die grüne Flaute zum Absturz machen.

“Die Kinder sind die Opfer”

Eva Glawischnig ist zu intelligent, das nicht gewusst zu haben. In ihr haben zweifellos zwei gleichermaßen unerquickliche Emotionen mit einander gestritten: Einerseits hat sie ihre Partei (und mit ihr einen großen Teil des eigenen Lebenswerkes) in einer extrem schwierigen Lage sicher sehr ungern alleine gelassen – andererseits erlebt niemand es gerne, bei Wahlen ungleich schlechter als früher abzuschneiden. Und sicher haben interne Querelen diese Sorge nicht gerade gelindert. Dass sie sich letztlich für den Rückzug entschieden hat, lag meines Erachtens dennoch in erster Linie an den “persönlichen Gründe” von denen sie gesprochen hat.

Als sie erwähnt hat, dass sie sich um ihre beiden Söhne kümmern müsse, sind ihre Augen zum ersten Mal feucht geworden und ich kann das mehr als verstehen: Auch mir werden sie bis heute feucht, wenn ich daran denke, was ich meinen Kindern durch die siebzehn Jahre meiner profil-Chefredaktion angetan habe. Arbeitstage von 8 Uhr früh bis 22 Uhr Abend waren durch die ersten zehn Jahre die Regel. Am Sonntag haben sie wegen des späteren Erscheinungstermins bis zwei Uhr früh gedauert. Am Freitag, dem Tag an dem ich am ehesten heimkam, erreichte mich um 17 Uhr der erste Anruf meines kleinen Sohnes “Papa, kommst Du jetzt bald?” “Ja. Ich muss nur noch ein paar Manuskripte lesen.” Manchmal kam ich dann um 2o Uhr wirklich nach Hause und dann flog er mir um denn Hals. Aber in der Mehrzahl der Fälle rief er mich um 20 Uhr zum dritten Mal an und ich musste ihn zum dritten Mal vertrösten. Wenn ich dann um elf endlich heimkam schlief er.

“Er hat seit fünf am Gartentor auf Dich gewartet” hat mir meine Frau dann erzählt und ich kann es nicht niederschreiben ohne dass mir die Tränen in die Augen schießen.

Bis heute frage ich mich, ob profil, das wirklich wert war. Doch es hätte ohne diesen irren Einsatz nicht überlebt: wir waren anfangs ganze vier Leute und später bei wöchentlichem Erscheinen nur neun (gegenüber 300 beim Spiegel.) Ich hoffe, dass die meisten Österreicher diese Frage mit “Ja” beantworten – aber ich für meine Person weiß es wirklich nicht: Es gibt viele Momente, in denen ich fürchte, mehr verloren als gewonnen zu haben.

Dabei war ich damals extrem sportlich und gesund – meine zwei Herzinfarkte sind erst viel später gekommen und hatten andere Mitursachen. Aber Eva Glawischnig ist nicht gesund – es ist tatsächlich die notwendige Verantwortung gegenüber der eigenen Familie” die sie ihre Ämter niederlegen lässt.

“Politiker” ist ein Horror-Job

So wie auffallen muss, wie viele der frühen Profil-Redakteur vorzeitig gestorben sind – von Gerd Leitgeb über Helmut Voska bis Reinhard Tramontana – sollte der Bevölkerung klar sein, dass es um die Lebenserwartung von Politikern nicht besser aussieht. Ihr Job ist extrem aufreibend. Das Einkommen steht – im Gegensatz zu einer weit verbreitete Meinung- in keinem Verhältnis zum Aufwand und vor allem zu den Verletzungen, die sie täglich davontragen.

Das gilt in allen Ländern – aber in Österreich gilt es besonders: uns fehlt die Kultur zivilisierter politischer Auseinandersetzung fast völlig. Wir haben an ihrer Stelle die höchste Schimpf – Kulturweit und breit. Die natürliche Abneigung jedes Menschen gegen jeden anderen Menschen ist, wie schon Karl Kraus bemerkte, hierzulande zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert. Das macht das “asoziale Netz” zu einem so tiefen Bedürfnis so vieler Österreicher. Das macht brillante Schimpfer wie H.C. Strache oder seinerzeit “Staberl” in der Kronenzeitung so extrem erfolgreich.

Und nichts ist einfacher und befriedigender als über “Politiker” zu schimpfen. “Politiker” nicht zu mögen, ja zu verachten verbindet “Bürger” mit “Proletariern”, Akademiker mit Schulabbrechern, Sozialdemokraten mit Christlichsozialen, Katholiken mit Agnostikern – es ist ein Volkssport.

“Die problematische Rolle der Medien”

Wenn wir einen Politiker ausnahmsweise schätzen, dann weil er sich “nicht wie ein Politiker” verhält. Weil er zumindest vorgibt, “unbeirrt” eine “klare Linie” zu verfolgen und “keine unbefriedigenden Kompromisse” einzugehen – obwohl unbefriedigende Kompromisse ein Kernelement erfolgreicher Politik sind.

In Wirklichkeit wollen wir unverändert am liebsten einen “Führer”.

Langsam durch Diskussion einen Kompromiss zu erarbeiten, wird dem entsprechend als “Führungsschwäche” betrachtet. Es ist charakteristisch, dass langwierige Diskussionen im Zuge eines angestrebten Gesetzes in den Nachrichten-Sendungen des ORF nie als Selbstverständlichkeit betrachtet werden, die weit weniger Aufmerksamkeit als das jeweilige Resultat verdienen, sondern als “ständiger Streit” figurieren und in jeder ZIB der letzten Monate ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wurden. Obwohl die Eindämmung des Flüchtlingsstroms, die gelungen Unterbringung der Flüchtlinge, die in Wirklichkeit fast durchwegs hervorragenden Wirtschaftsdaten, der Beschäftigungsrekord und die zuletzt sogar fallenden Arbeitslosenzahlen vielleicht mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Zwar haben darunter vor allem die Regierungsparteien, voran die SPÖ und Kanzler Kern gelitten, aber es charakterisiert ein Herangehen an politische Berichterstattung, das jeder politischen Partei mit Ausnahme der FPÖ zum Schaden gereichen muss.

So wie Reinhold Mitterlehner kaum je zum Beschäftigungsrekord aber ständig zu seinem Rücktritt befragt wurde, hat man Eva Glawischnig weit weniger zur führenden Rolle der Grünen bei der Aufdeckung von Finanzskandalen als zu ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Jugendorganisation befragt. “Bad News” ist-schon gar in einem Land mit so großer Schimpf-Kultur eben ganz ungleich verkäuflicher als “Good News”. Und obwohl der ORF nicht im Ausmaß kommerzieller Medien von seinen “Quoten” abhängt, beachtet er sie kaum minder.

“Man kann die Gegenwart auch kaputt berichten”

Es ist das zugegebenermaßen eine unendlich heikel, unendlich schwierige journalistische Aufgabe, vor der seine Redakteure täglich stehen: Natürlich ist es auch ihre Aufgabe, über interne Streitigkeiten der Koalition oder einer Partei zu berichten. Es gehört mit zu ihrer Kontrollfunktion und interessiert ihre Zuhörer und Zuseher mehr als alles andere. Natürlich ist eine glänzende journalistisch Leistung, wenn Armin Wolf hervorragend vorbereitet, so präzise fragt, dass sein Gegenüber in die Ecke gerät. Aber es muss in einem ausgewogenen Verhältnis zur zugegebener Maßen langweiligeren ganz normalen Berichterstattung über Daten und Fakten und eben auch “Good News” stehen.

Ich halte dieses Verhältnis zurzeit nicht für ausgewogen. Wohl wissend, dass ich es im profil durch Jahre kaum anders gehandhabt habe.

Wir müssen, meine ich, aufhören, die Gegenwart kaputt zu schreiben und kaputt zu reden. Sonst werden wir mitschuldig wenn sie wirklich kaputt geht.

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4 Kommentare

  1. Der absolute Tiefpunkt an Schimpfkultur war und ist für mich das Vorgehen von Nikolaus Kern, Sohn des Bundeskanzlers, der Außenminister Kurz mit dem Massenmörder Idi Amin verglichen hat! Warum gibt es hier keinen Aufschrei nach Konsequenzen für dieses inakzeptable Hassposting?

  2. Zum ersten Mal heute einen Kommentar von Ihnen gelesen, bin begeistert und ärgere mich diese Seite nicht schon früher gefunden zu haben. 🙂

  3. Ich sehe das ganz anders: Frau Glawischnig hatte wohl nicht Angst vor schlechten Wahlergebnissen, das wäre in dem polarisierten Wahlkampf nicht unbedingt ihr zuzuschreiben, sie hat vielmehr darauf reagiert, innerhalb der Grünen extrem polarisiert zu haben. Und dadurch wäre tatsächlich die Wahlniederlage ihr persönlich zugeschrieben worden. Sie hat rechtzeitig vor der Wahl der Partei die Möglichkeit gegeben, eine weniger strittige Person aufzustellen und damit die Inhalte in den Vordergrund zu stellen. Und das war absolut richtig. Ihr selbst wünsche ich, dass sie die freie Zeit genießen kann.

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