Muss den Sparern angst und bange werden?

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Die EZB bleibt beim sogenannten „Gelddrucken“ und wird dafür, voran in Deutschland, heftig kritisiert. Mit welchem Recht? Und was wissen wir von „Inflation?“

Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt den Leitzinssatz vorerst weiter bei Null und setzt ihr „Quantitative Easing“ (QE) fort, indem sie Banken und Unternehmen Anleihen abkauft und bei ihr geparktes Geld mit Negativzinsen bestraft.

Deutschland bleibt bei seiner fortgesetzten Kritik an EZB-Chef Mario Draghi. „Allen Sparern kann angst und bange werden“, überschreibt der Ressortleiter „Geld“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen typischen Kommentar zur EZB-Entscheidung. Wie seit Jahren formuliert der Chef der Deutschen Notenbank Jens Weidmann seine Rundum-Warnung: Der EZB-Kurs sei gefährlich und überflüssig.

Es lohnt, die deutsche Kritik an Draghi zurück zu verfolgen. Sie setzte bereits ein, als er den Euro, mit seiner Äußerung, ihn mit allen Mitteln zu verteidigen, vor dem Untergang gerettet hat. In stillem Einklang mit Finanzminister Wolfgang Schäuble war das deutsche Bundesverfassungsgericht der Meinung, dass Draghi damit seine Kompetenzen überschritten hätte. Erst der zu Klärung angerufene EUGH stellte klar, dass gemeinsame Haftung zum Wesen einer gemeinsamen Währung gehöre.

Natürlich betreibt die EZB mit QE Wirtschaftspolitik

Als die EZB zwei Jahre nach den USA zu QE überging, kritisierte Schäuble die „expansive Geldpolitik“ als „Hauptursache der Krise“. Weidmann und fast alle Wirtschafts- Kommentatoren – auch in Österreich – prophezeiten Horror-Szenarien. Franz Schellhorn, damals Ressortleiter Wirtschaft der „Presse“, heute Leiter der „Agenda Austria“, sah die Inflation „durch die Decke schießen“.

Einmal mehr wurde das deutsche Bundesverfassungsgericht mit der Frage der Rechtmäßigkeit der EZB-Maßnahme befasst. In den Augen der deutschen Richter sind der EZB nur geldpolitische Maßnahmen gestattet, nicht aber, wie der US-Notenbank FED, auch solche, die in Wirklichkeit der Ankurbelung der Wirtschaft dienen.

Wieder wurde der EUGH um Klärung ersucht. Das Verfahren ist im Gange. Und diesmal ist nicht undenkbar, dass der EUGH die restriktive deutsche Ansicht auf Grund des Wortlautes der EZB-Gesetzte bestätigen muss – dann ist es ein Donnerschlag, der den Euro neuerlich gefährden kann.

Denn natürlich betreibt die EZB mit QE Wirtschaftspolitik: Sie hofft, dass die Banken, denen sie Anleihen abgekauft hat, diese Gelder zu günstigen Kredite an Unternehmen und Konsumenten nutzen, weil ihnen die Straf-Zinsen das Parken bei der EZB vergällen.

In den USA hat QE auf diese Weise zweifelsfrei zur rascheren Erholung von der Wirtschaftskrise beigetragen und es hat auch in der EU zu mehr Kreditvergaben geführt, nur dass der Spar-Pakt stets konterkarierend im Weg stand. Draghi hat daher ununterbrochen wiederholt, dass Geldpolitik allein die Probleme nicht lösen könne – es bedürfe zu ihrer Ergänzung dringend staatlicher Investitionen.

Da sie unterblieben sind, beschränkt er sich jetzt auf die Feststellung, dass seine Politik jedenfalls niemandem schade.

Seine Kritiker bestreiten das: So jammern Wirtschaftsjournalisten mit den Banken, dass die niedrigen Zinsen das Bank -Geschäft aushöhlten. Obwohl man eigentlich annehmen müsste, dass die Geschäfte von Unternehmen, die ihren wichtigsten Rohstoff – Geld- so billig wie nie zur Verfügung haben, im Gegenteil florieren. Ich sehe die Probleme der Banken denn auch anders: Sie haben durch Jahrzehnte zu wenig rationalisiert und Verwaltungsspeck angesetzt. Die Krise hat sie Vertrauen, der Spar-Pakt hat sie Kundschaft gekostet: Weniger Staatsaufträge brauchen weniger Kreditfinanzierung. Großunternehmen finanzieren sich dank hoher Gewinne aus der eigenen Kasse, und die Kreditvergabe an Kleinunternehmen und Konsumenten ist durch „Basel“ überflüssig erschwert.

Ähnlich erstaunlich ist das Jammern der Presse über eine „Enteignung der Sparer“ durch die niedrigen Sparzinsen: In den Neunzigerjahren lagen die Sparzinsen zwar bei 2-3%, aber die Inflation bei 4-5 %. Die Sparer zahlten damals also weit stärker als heute drauf, ohne dass die Wirtschaftsteile der Zeitungen ihnen zur Hilfe eilten.

Vor allem ist es das richtige wirtschaftspolitische Ziel der EZB alle Beteiligten vom Sparen abzuhalten und zum Ausgeben zu bewegen, denn die EU befindet sich in einer Nachfragekrise.

Ein weiterer Teil der Draghi-Kritik beruht auf Unkenntnis: Die EZB druckt kein Geld, indem sie Banken ermöglicht, es billig zur Verfügung zu stellen. Es ist immer noch die Entscheidung der Banken, ob sie das auch tun. Dabei agieren sie derzeit immer noch vorsichtig: In Spanien oder Italien haben es selbst solide Großunternehmen schwer, Kredite zu erhalten, in Österreich wissen Kleinunternehmen und Konsumenten um die Schwierigkeit, all die Bedingungen zu erfüllen, die „Basel“ für Kreditvergaben vorschreibt.

„Was wissen wir eigentlich über Inflation?“

Doch nur Gelder, die Banken tatsächlich jemandem zur Verfügung stellen, der sie dann tatsächlich ausgibt, können die Nachfrage beflügeln und damit allenfalls die Inflation anheizen.

Dieser Inflation galt zu Beginn die Hauptsorge der QE-Kritiker. Nicht nur Franz Schellhorn sah sie durch die Decke schießen, Christian Ortner war als „Zentralorgan des Neoliberalismus“ fast genauso besorgt. Als sie nicht und nicht eintrat, ja sogar in Deflation überzugehen drohte, begann er die Inflation neu zu definieren: Man müsse die Verteuerung der „echten Vermögenswerte“ – Aktien, Gold, Grundbesitz- mit einbeziehen, dann gebe es sie.

Allerdings werden Aktien sehr bewusst nicht im Warenkorb berücksichtigt, weil klar ist, wie sehr hier Werte nur auf dem Papier entstehen und wieder verschwinden können und wie relativ unerheblich das für den Normalverbraucher ist. Aber selbst wenn man Ortner´s Kriterien gelten lässt, ist ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis keineswegs im Gleichklang mit QE gestiegen. Auch Gold hat sich nicht im Gleichklang mit QE verteuert, ist sogar lange gefallen und erst jetzt- freilich wegen Nordkorea- wieder gestiegen. Immobilien wieder verteuerten sich zwar in Nordeuropa, verbilligten sich aber dramatisch in Europas Süden.

„Was wissen wir eigentlich über Inflation?“ fragte Claudio Borio, der Leiter der monetären Abteilung der Bank der Notenbanken, BIZ auf der jüngsten Tagung der Welt führender Ökonomen in Jackson Hole.

Die Behauptung der „Monetaristen“, dass eine außergewöhnliche Erhöhung der Geldmenge Inflation herbeiführen müsse, hat in der Nationalökonomie den Charakter eines Dogmas. (Es zählt meines Erachtens zu den Charakteristika dieser „Wissenschaft“ sich von empirischen Befunden- Beinahe Deflation trotz außergewöhnlicher Erhöhung der Geldmenge -nicht beeinflussen zu lassen.)

Ich möchte dieses Dogma daher zum Spaß in Frage stellen und behaupte, dass „Inflation“ ein Sonderfall ist: Sie tritt nur ein, wenn eine stark erhöhte Geldmenge nachfragewirksam auf ein knappes Gut trifft.

Paradebeispiel: Zwei internationale Museen wollen einen Rembrandt ersteigern. Ihre Regierungen haben ihnen ursprünglich ein Budget von nur 200 Millionen bewilligt, bewilligen ihnen nun aber 500 Millionen – dann kann man sicher sein, dass der Rembrandt sich von 200 auf 500 Millionen verteuert.

Wenn die selben zwei Museen hingegen eine Klimaanlage erwerben wollen, wird das höhere Budget das Gerät kaum verteuern: Es gibt genügend Hersteller, die einander gegenseitig unterbieten, um den Auftrag zu bekommen.

Wo das Angebot beliebig ausgeweitet werden kann, hat Inflation keine Chance.

Ich meine dass diese These jedenfalls gut zur Verteuerung von Wiener City-Immobilien passt – ihre Zahl ist zwangläufig begrenzt. Das gleiche gilt für Aktien: Ihre Zahl ist definitionsgemäß begrenzt. Auch zur oft höheren Inflation von Gütern in noch nicht voll entwickelten Volkswirtschaften passt meine These einigermaßen: Güter lassen sich dort nicht so rasch vermehren, dass Verknappung vermieden werden kann.

Bleibt der Urknall der Inflation nach dem ersten Weltkrieg: Hier traf eine permanent massivausgeweitete Geldmenge auf eine Produktion, die durch Europaweite Zerstörung weit unter dem Bedarf lag.

Passt also eher auch, bzw. ist zumindest kein Widerspruch.

Inflation braucht zwar immer eine massiv ausgeweitete Geldmenge – aber eine massiv ausgeweitete Geldmenge muss keine Inflation erzeugen.

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1 Kommentar

  1. Wenn mabn Wertpapiere, die man jederzeit liquidieren kann, wie z.B. Staatsanleihen, zur erweiterten Geldmenge zaehlt, dann ist durch die Fed und EZB Politik die Geldmenge nicht ausgeweitet worden. Anleger haben eben nun statt Anleihen Cash unter den Aktiven stehen ( Aktivtausch ). Allerdings hat die Nullzinspolitik zu einer Fehlallokation bei Investments gefuehrt, da sich bei Nullzinsen fast alles rechnet. Daher also der Immobilienboom in Europa ( sogar am Land werden nun Vorsorgewohnungen in Massen gebaut ) und auch der Aktienboom ( Roche u.a. zahlen immerhin eine Dividende, mit der man den Negativzinsen bequem entkommt ). Die groessten Profiteure der Nullzinspolitik sind natuerlich die groessten Schuldner, die Staaten , daher die schwarze Null Schaeubles.Klar ist jedenfalls: eine derartige Nullzinspolitik ueber Jahre hat es noch nie gegeben. Wie das Experiment ausgeht, weiss niemand. Sicher ist, wenn Zinsen stark steigen sollten, verlieren Anleihebesitzer eine Menge Geld. Auch Immobilien werden bedeutend billiger sein. Und die Staatschulden? Werden wahrscheinlich ueber eine Waehrungsreform getilgt werden. Jedenfalls interessante Zeiten!

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