Heumarkt

Das umstrittene Hochhaus am Heumarkt scheint nun doch nicht gebaut zu werden, nachdem Kulturminister Gernot Blümel an der Seite von Heinz Christian Strache erklärt hat, notfalls mit einer Weisung der Regierung dagegen vorzugehen, und sich die Wiener Stadtregierung zumindest eine zweijährige Nachdenkpause verordnet hat. Politikwissenschaftler Peter Filzmaier meinte in der ZIB, dass beider Engagement vor allem dem beginnenden Wien-Wahlkampf zu danken sei, in dem Blümel fast sicher die ÖVP und Strache zumindest de facto die FPÖ anführen würde, und in dem Michael Ludwig jedenfalls größere Konflikte vermeiden wolle. Ich meine dass der Wahlkampf zwar eine beträchtliche Rolle spielen dürfte, billige Blümel aber doch zu, dass ein Mensch, der sich mit “Kultur” befasst, ernsthaft besorgt um Wien als Weltkulturerbe ist: Dieses Hochhaus zu errichten beschädigte Wiens Stadtbild wie nie zuvor.

Aus jeder Perspektive eine Katastrophe

Schon abseits der Weltkulturerbe- Problematik ist mir ein architektonisch einfallsloseres, öderes Hochhausprojekt selten untergekommen: Ein hochgereckter Emmentaler. Und die Kulturerbe- Problematik ist für jeden Menschen in der Sekunde einsichtig, in der er vom Schloss Belvedere aus die Silhouette Wiens betrachtet (wie sie auch alle Gemälde oder Postkarten wiedergeben): Ein Hochhaus an dieser Stelle zerstört sie restlos. (Nachdem ihr schon die plumpen Blöcke des Allgemeinen Krankenhaues einigermaßen zugesetzt haben, nur dass die den gotischen Türmen und barocken Kuppeln des Stadtzentrums nicht ganz so nahe sind.)

Nur Menschen die keine Augen im Kopf haben oder jedes Geschmacks entbehren können das übersehen und es ist einigermaßen bedauerlich, dass die Bürgermeister Michael Häupl und Michael Ludwig offenbar dazu zählen. (Bei aller sonstigen Qualität der Wiener Stadtverwaltung zählte Geschmack leider nie zu ihren besonderen Kennzeichen). Bei der Ex- Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, und bei ihrem Stadtbau-Experten Christoph Chorherr, die für die notwendige Zustimmung der Grünen im Gemeinderat sorgten, wundert mich die Blindheit schon etwas mehr, zumal es bei der Grünen Basis ein einhelliges Votum gegen das Projekt gab.

Haarsträubende Argumente- wenn man von Heute und Krone absieht

Das Argument, dass die geplanten Luxuswohnungen die Wiener Wohnungsnot beseitigten, kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Und das Argument, dass auch eine Innenstadt sich verändern und den Erfordernissen der Zeit anpassen müsse, um zukunftsfit zu sein, ist ähnlich dürftig: Dazu reichen die zahllosen Dachausbauten und reicht die Möglichkeit, das Innenleben klassischer Bauwerke zu erneuern. Kein vernünftiger Mensch, der Augen im Kopf hat, käme auf die Idee, inmitten Venedigs oder der Altstadt von Prag ein 7o Meter hohes Gebäude zu errichten, um diese Städte damit zukunftsfit zu machen.

Immer schon habe ich mich daher gefragt, welchen Vorteil Rote und Grüne von einem Projekt haben könnten, das Wien mit Sicherheit den Status eines Unesco-Weltkulturerbes kosten musste und bin nur auf ein einsichtiges Motiv gestoßen: Geschäftspartner des Investors Michael Tojner, der das Heumarkt- Projekt entwickelt hat, ist der Medien-Mogul Christoph Dichand, dessen Familie über Kronenzeitung und Heute regiert und diese beiden Medien haben zweifellos entscheidenden Einfluss auf das Wiener Wahlergebnis.

 

11 Kommentare

  1. „Wem nützt es?“ Die Antwort auf diese Frage gibt Herr Lingens und sie klärt alles.
    Dass sich auch die Grünen vor den Krone-Karren Spannen ließen, ist einfach gaga.
    Schade, dass nun die „falschen“ sich „richtig“ verhalten. Vier-rückt.

    1. Warum ist es schade, daß sich wenigstens irgendwer richtig verhält? Es gibt auch Leute, denen es um die Sache geht, jenseits der Parteipolitik. Im Parlament gab es eine Debatte dazu, bei der Noll sagte, er hätte nicht gedacht, daß er mit Gudenus einmal derselben Meinung sein könne.

  2. Ich bin sehr froh endlich einmal einen unabhängigen, nur der Sache dienenden, Kommentar über das Hochhausprojekt zu lesen. Obwohl die Vermutung nahe liegt, fällt es mir schwer zu glauben, dass die Entscheidung der SPÖ-Stadtregierung aufgrund eines möglichen Einflusses auf die kommende Wien Wahl von Krone und Heute getroffen wurde. Letztlich waren es die Grünen, die abseits von Ihrer ursächlichen Politik, dem Projekt zugestimmt haben. Waren es Geldsorgen der “Froschpartei” oder wurden grünen Abgeordnete mit Versprechungen geködert denen sie nicht widerstehen konnten – Geld in Beton gegossen hat auch kein Mascherl.

  3. Danke – wieder einmal – für diesen Überblick. Diesmal gleich zweimal, Canaletto mitgemeint.
    Wo sind sie nur, die Zeiten, als die Bauten der Gemeinde Wien zu Architektur-Denkmälern wurden – ich genieße es jedes Mal, wenn ich an einem (oft Art-Deco-) Gebäude aus dieser Zeit vorbeigehe, bleibe stehen, …
    Es gibt auch gute neue, moderne, “swingende” Gebäude, in allen Bereichen. Architektur, die Gedanken und Schritte beschleunigt. Bitte mehr davon – und vielleicht noch etwas mehr Mut. Wäre auch eine Möglichkeit für die Wiener Regierung, Flagge zu zeigen, mit Identität und Kultur. Was die Stadt Wien in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen, leider nicht mehr überall, richtig gemacht hat: soziale Durchmischung. Die beste Investition in Richtung Lebensqualität.

  4. Dass ein angeblich berühmter Architekt im 21. Jahrhundert einen derart einfallslosen, primitiven, viereckigen Kasten entwirft ist ein Armutszeugnis.

    1. Das Projekt stammt ja auch ursprünglich von Tojners Hausarchitekt Arkan Zeytinoglu und scheint jetzt vom Netz genommen worden zu sein; Weinfeld veränderte es geringfügig, und es ging wundersamerweise siegreich aus dem Wettbewerb hervor. Alle welterbeverträglichen Projekte wurden gleich einmal ausgeschieden. Bei einer Weinfeld-Präsentation im Architekturzentrum kam alles mögliche vor, nicht aber das Heumarkt-Projekt. Es geht hier nur um die profitable Kubatur. Ich habe noch niemanden getroffen, dem dieser Kasten gefallen hätte.

  5. Die Gefälligkeitswidmung P.D. 7984 für die zwei Tojner Hoch­häuser 66,3 m und 47,3 m des Finanzjongleurs und Grenzgängers Prof. DDr. Michael Tojner ist zu widerrufen, damit Wien weiterhin auf der UNESCO Weltkulturerbe-Liste bleiben kann. Wien muß rasch wieder von der roten UNESCO Liste herunterkommen. Zurück zum vorherigen welterbe­verträglichen Flächenwidmungsplan PD 7158 vom 1. März 2002 bei der nächsten Gemeinderatsitzung.

    Den Antrag vom 4. Juni 2008 der Wiener Grünen soll nicht vergessen werden, daß der “WEV von Bebauung freigehalten werden soll”;

    Eneso soll die Antwort von Planungs-Stadtrat DI Rudolf Schicker nicht vergessen werden, “dass die Stadt Wien nie und nimmer beabsichtigt, diesen Platz für Hochbauten irgendwelcher Natur freizugeben”. Das muß auch weiterhin gelten.

    Aus dem Fehler der ersten Nachdenkpause, wo das Tojner-Hochhausprojekt noch maasiv größer geworden ist, muß man lernen.

  6. Es gehört zur zeitgeistigen Ideologie, die Ästhetik zu marginalisieren, sie geradezu als ewiggestrig zu bezeichnen. So betrachtet ist das geplante Unding im Trend. Dabei ist es nicht einmal so sehr die Höhe, die würde weniger stören als die Plumpheit, mit der der Himmel geradezu schmerzhaft gepfählt wird. Es ist offensichtlich, daß es sich nur um ein profitables Kubaturgehäuse handelt, und der Investor hat selbst mehrfach zugegeben, daß der Turm mit den Luxuswohnungen finanziell das ganze Projekt “trägt”. Fast ebenso schlimm ist der Umstand, daß sich die Stadtregierung auf die nicht unübliche Weise zum Zweck ihrer Zustimmung hat gewinnen lassen. Der Altbürgermeister hat schon im Vorfeld dem Investor das Commitment auf Realisierung des Projekts gegeben, was bedeutet, daß man sich alle Prüfungen und Genehmigungen sparen hätte können, da sie zugunsten des Investors hingebogen wurden. Der Investor wußte nachweislich genau, daß das Projekt nicht mit dem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag mit der UNESCO kompatibel war, vertraute aber auf das Trick-Arsenal, mit welchem die UNESCO seit Jahren an der Nase herumgeführt wird. Es würde den Umfang einer Diplomarbeit umfassen, alle Winkelzüge und Rechtsbeugungen seriös und detailliert darzustellen. Wien bleibt (noch einigermaßen) Wien, wenn hier die Justiz tätig wird. Wien ist aber möglicherweise wirklich anders. Schau´n wir mal.

  7. Danke für diesen Artikel, der ins Schwarze trifft! Bei der seinerzeitigen Vorstellung des Projektes hat dessen berühmter Architekt übrigens strahlend verkündet: „I get inspired by everything that surrounds me“ . . . In diesem Fall muss es nicht so sehr der Schweizer Käse sondern der Kanaldeckel gewesen sein!

  8. Bei diesem Projekt geht es leider nur ums Geld! Das Problem mit schlechter Architektur ist, daß sie irreversibel ist und dieser Kasten ist nun einmal kein Beispiel für gute moderne Architektur.

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