Der Schulden-gebremste Kindergarten

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 Keine andere türkis-blaue Maßnahme ist wichtiger zum Abbau des Sprach-Defizits österreichischer Jugendlicher. Aber nirgends investiert die öffentliche Hand weniger.

Unseren jüngsten Sohn haben wir mit vier in Wiens französischen Kindergarten geschickt, damit er mit einer zweiten Sprache aufwächst. Mit sechs konnte er nicht nur Französisch sondern auch lesen und schreiben. Nicht weil er ein solches Genie ist, sondern weil man in keinem Alter Neues besser erlernt.

Das zweite Kindergartenjahr ist daher das mit Abstand wichtigste Element des türkis-blauen Bildungsprogramms: Nur so ist der von PISA-Test zu PISA-Test unverändert dramatische Sprachrückstand unserer Jugendlichen aufzuholen.

Vorausgesetz freilich, dass es optimal -mit genügend Plätzen und Kindergärtnerinnen-verwirklicht wird.

Leider bezweifele ich eben dies. Denn es spießt sich mit den wichtigsten türkis-blauen Totschlagworten: von “Schuldenbremse” bis “Nulldefizit”. Und es steht noch immer im Gegensatz zu beider Familien-Ideologie: Im türkis-blauen Oberösterreich wurde die unentgeltliche Nachmittagsbetreuung in Kindergärten bekanntlich sofort abgeschafft und der stellvertretende FP-Landeshauptmann Manfred Haimbuchner wusste das auch einschlägig zu begründen: “Der Staat ist nicht in erster Linie für Kinderbetreuung zuständig.”

Genau das war durch Jahrzehnte auch die Haltung der ÖVP. Auch ihr Frauenbild hat den Ausbau von Kindergärten bis zuletzt maximal behindert. Österreich hatte zwar immer die höchste Familienförderung weit und breit – die immer von der zweitniedrigsten Geburtenrate weit und breit begleitet war – doch der Aufwand für Kindergärten war und ist der niedrigste vergleichbarer Länder.

Frankreich, schrieb ich vor exakt 40 Jahren, hat trotz geringerer Familienförderung eine ausreichende Geburtenrate, weil die Kirche und alle politischen Parteien darin einig sind, dass immer mehr Frauen arbeiten wollen und/oder müssen und dass das nur möglich ist, wenn es mehr Kindergärten gibt. Exakt 39 Jahre hat es gedauert, bis sich dergleichen zur ÖVP durchgesprochen hat: Im Vorjahr hat sich Sebastian Kurz noch unter Rot-Schwarz erstmals für ein zweites Kindegartenjahr ausgesprochen.

Aber wie glaubwürdig ist es, dass er es mit Partnern wie Manfred Haimbuchner erfolgreich verwirklicht?

Derzeit steckt Österreich so wenig Geld wie möglich in Kindergärten: Sind es in Schweden 0,7 in Dänemark sogar 1,3 Prozent des BIP, so sind es in Österreich mit 0,43 Prozent weniger als selbst im OECD-Durchschnitt mit 0,49 Prozent. Obwohl unser Bedarf wegen besonders vieler Kinder nicht deutscher Muttersprache ein ungleich größerer als in Skandinavien ist.

Fazit: kommen in Österreich 25 Kinder auf eine Kindergartengruppe sind es in Dänemark 10.

Dem marginalen Budget entspricht die schlechte Bezahlung von Kindergärtnerinnen: ihr Gehalt liegt deutlich unter dem von Grundschul-Lehrerinnen obwohl es um nichts leichter ist, einen Vierjährigen, als einem Siebenjährigen Deutsch beizubringen.

Gleichzeitig soll es das zweite Kindergartenjahr auch nur für Kinder geben, die bei einer Sprachfeststellung im Alter von vier ein Defizit aufweisen. Womit in diesem zweiten Jahr lauter Kinder mit Sprach-Defiziten zusammensitzen werden, so dass sich ihr Deutsch im Gespräch miteinander wohl nur begrenzt verbessert. Vernünftiger Weise müsste also an die Stelle der “Kindergartenpflicht” für sprachschwache Kinder, das “Kindergarten-Recht” aller Kinder auf ein weites – für Geringverdiener unentgeltliches- Kindergartenjahr treten.

Und für alle diese Kinder brauchte es neben dem Personal auch noch Räume.

Frankreich hat dieses Problem gelöst, indem es Betriebskindergärten forcierte, die Eltern zudem Weg-Zeiten ersparen. Österreich könnte das kopieren, indem es größeren Betrieben Kindergärten vorschreibt und kleineren durch die Übernahme der Personalkosten zur Seite steht. Aber wie immer man das Problem angeht – es wird sich schwer mit einem “Null-Defizit” vereinbaren lassen.

Wie sehr dieses Totschlagwort dem Finanzminister im Weg steht hat das erste Interview von Hartwig Löger durch Armin Wolf gezeigt. Ob es nicht Lögers Ziel sein müsse angesichts 3,1 Prozent Wirtschaftswachstums nicht nur ein Null-Defizit sondern, wie Wolfgang Schäuble in Deutschland, Budget-Überschüsse zu erzielen, wollte Armin Wolf wissen. Löger wand sich um eine klare Antwort, während er in Wirklichkeit hätte sagen müssen: Schäubles Überschüsse sind widersinnig- es gibt in Deutschland einen gefährlichen Rückstand öffentlicher Investitionen im Bereich der Bildung.

Aber das kann er nicht sagen, weil es nicht nur bei Kurz & Strache sondern auch bei der Bevölkerung schlecht ankäme. Zu lange hat man ihr ein “Nulldefizit” als Gipfel wirtschaftlicher Weisheit verkauft. So volkswirtschaftlich unsinnig das auch ist: Der Staat ist nicht dazu da, Überschüsse zu produzieren (das ist die Aufgabe von Unternehmen) sondern er hat die Leistungen zu erbringen, die Unternehmen und Private nicht anbieten. Die wichtigste davon ist “Bildung”. Kindergarten-Pädagogik ist ein elementarer Teil davon – es war richtig, sie im selben Ressort wie Schulen und Hochschulen anzusiedeln.

Es ist ökonomisch ungleich vernünftiger, ein Budgetdefizit in Kauf zu nehmen, um adäquat in Elementarpädagogik zu investiert, als weitere Generationen Jugendlicher heranzuziehen, die zu 25 Prozent nicht sinnerfassend lesen können.

PS: Von der Wirtschaft ausnahmsweise zur Kultur: Der Dachstuhl des Scala-Theaters, eines der besten Wiens (zuletzt mit einer exemplarischen Inszenierung von Brechts “Der gute Mensch von Sezuan”), bedarf dringend der Sanierung. Sie käme die “Theater-Stadt” Wien klar billiger als die Arbeitslosigkeit zahlreicher Schauspieler im Fall einer Sperre.

 

7 Kommentare

  1. Mit “besserer Bildung” – ob bereits im Kindergarten begonnen wird, oder ob sich das Schulsystem verbessern muss, gewinnt man halt keine Wahlen. Und das ist in der Demokratie das Entscheidende. Das ist auch der Grund dafür, warum bisher nur sehr wenig weitergegangen ist und auch zukünftig wenig weitergehen wird.

    Das “Sprachengewirr” an den Schulen – besonders in Wien – ist natürlich auch nicht förderlich, mehr Wissen zu vermitteln, insbesondere wenn eine nicht unbeträchtliche Anzahl der deutschen Unterrichtssprache nicht folgen kann. Wenn von den Eltern wenig Unterstützung kommt, da diese sich zunehmenden mit “Ihresgleichen” immer öfter in “ihrer Muttersprache” unterhalten, wird es auch nicht einfacher.

    Mit gutem Einkommen, Privatkindergarten, Privatschulen schaut das natürlich anders aus …

  2. Vielen Dank für Ihre Worte, die sehr wie unser jahrzehntelanges Engagement klingen… Daher haben wir – der ÖDKH-Österreichischer Berufsverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen in elementaren bis zu sekundären Bildungseinrichtungen den ERSTEN Tag der Elementarbildung ausgerufen! Dieser findet am 21.1.2018 Österreich weit statt und wird auf http://www.oedkh.at und Facebook “Tag der Elementarbildung” beworben. Ein “like” und sogar ein paar unterstützende Worte von Ihnen würden uns sehr helfen. Mit bildungspolitisch aktiven Grüßen! Raphaela Keller

  3. Danke für Ihren Beitrag! Ich habe diesen im Falter gelesen. Gestört hat mich jedoch der Begriff der “Kindergärtnerinnen”. Da ich selbst zu dieser Berufsgruppe gehöre ist mir natürlich bekannt, dass es sich um eine Frauen-dominierte Tätigkeit handelt.
    Dennoch, mein Kollege wird oft mit dem Thema Männlichkeit im Kindergarten negativ konfrontiert. Sei es durch Vorurteile oder Misstrauen durch Eltern beispielsweise. Dabei profitieren die Kinder unheimlich von einem männlichen Vorbild in den Einrichtungen. Ich würde mir wünschen, dass auch er sich – in guten Beiträgen, wie den Ihren – durch gendergerechte Sprache angesprochen fühlen darf.

  4. Die Entsolidarisierung, die überall in Europa wahrnehmbar ist, wird weiter fortschreiten. Daher wird es in Zukunft noch mehr teure Privatschulen geben als derzeit. Die Nachmittagsbetreuung in oberösterreichischen Kindergärten wird nicht abgeschafft, sondern kostet ab Februar zwischen 40 und 120 euro und kann auch gratis sein, wenn sehr geringes Einkommen vorliegt. Die Bevölkerung wurde, gerade was die Kindergärten, Schulen und Universitäten betrifft, immer mehr in ein Anspruchsdenken gelenkt. Alles gratis und dementsprechend wenig Wertschätzung. Zugleich ächzen die Gebietskörperschaften unter den entsprechenden Kosten. Die Kindergärtnerinnen sind tatsächlich etwas unterbezahlt. Jetzt geht man den Weg der Akademisierung, wahrscheinlich ein Holzweg. In OÖ werden übrigens viele Kindergärten von einem ehrenamtlichen Vorstand geleitet,

    1. Danke für die Info: “Die Nachmittagsbetreuung … in o.ö. Kindergärten … kann auch gratis sein, wenn sehr geringes Einkommen vorliegt.”. Das wurde in keinem Bericht erwähnt.
      Die Entsolidarisierung wird sich wieder ändern, glaube ich. Irgendwelche Anlässe oder Auslöser werden das Umdenken einleiten.

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