EU-Top-Jobs gewinnt man besser in der Lotterie

Die Besetzung der Top-Jobs der EU ist zwischen der Quadratur des Kreises und dem Bemühen angesiedelt, sich zu waschen, ohne nass zu werden.

  • Im Europäischen Rat müssen sich 28 Staatschef ohne Gegenstimme auf die Kandidaten einigen obwohl gegen zwei Staaten Vertragsverletzungsverfahren laufen.
  • Die mächtigsten Staaten, Deutschland und Frankreich, erheben Anspruch auf die mächtigsten Ämter – Kommissionspräsident und EZB- Präsident.
  • Der Kandidat für die Kommissionspräsidentschaft soll Spitzenkandidat der bei den EU-Wahlen siegreichen Fraktion des Europäischen Parlaments oder zumindest einer seiner Fraktionen sein.
  • Die Staaten des ehemaligen Ostblocks sollen sich angemessen berücksichtigt fühlen
  • Der “Süden” (Portugal, Spanien, Zypern, Malta) soll sich vertreten fühlen.
  • Die Öffentlichkeit soll mit dem Verhältnis von Frauen zu Männern zufrieden sein.
  • Und das so ermittelte Team muss im Europäischen Parlament bei Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen, Grünen und neuerdings auch Rechtpopulisten eine Mehrheit finden, wobei fast jede Kombination als Mehrheit in Frage kommt.

Emanuel Macron verhindert Manfred Weber

Manfred Weber, der christdemokratische deutsche Favorit für den Top-Job des Kommissionspräsidenten ist beim Sondergipfel der EU bekanntlich schon im Qualifying am Widerspruch von Emanuel Macron gescheitert. “Angela Merkel in Bedrängnis” titelte Spiegel -online, denn ihr wurde vorgeworfen, sie hätte Weber zu früh dem Vorstoß des Ratspräsidenten Donald Tusk für den Sozialdemokraten Frans Timmermans geopfert, statt für ihn zu kämpfen. Umso mehr bestand die Gefahr, dass sie alles unternehmen würde, dass ein Deutscher die in Wahrheit mächtigste EU-Funktion erhält: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann war plötzlich Favorit für die Präsidentschaft der EZB. Meinen Freund und Kollegen Christian Ortner (Die Stimme des Neoliberalismus) war beglückt – ich haben darin das größtmögliche Risiko für den Fortbestand des Euro und einer bescheidenen europäischen Konjunktur gesehen. Denn beides verdankt die EU dem scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi:

“Super-Marios” Verdienste um Euro und Konjunktur

  • Als der Euro 2012 vor dem Aus stand, weil an den Finanzmärkten gegen ihn spekuliert wurde, war es Draghi, der ihn rettete, indem er erklärte, die EZB würde “was immer notwendig ist” unternehmen, ihn auf Kurs zu halten. Tags darauf war die Spekulation beendet;
  • und als Europas Konjunktur 2015, nach der Erholung von der Finanzkrise, schon wieder einzubrechen drohte -weil der Spar-Pakt sie abwürgt und die “Lohnzurückhaltung” Deutschlands, Österreichs oder Hollands die EU-Kaufkraft mindert – war es abermals Mario Draghi, der durch eine zusätzliche Lockerung der Geldpolitik – “Quantitativ Easing”[1] (QE)- dafür sorgte, dass die EU zumindest ein bescheidenes Wirtschaftswachstum erlebt, auch wenn es weit hinter dem der USA zurückbleibt, die nicht auf “Sparen des Staates” setzten.

In beiden Fällen stimmte der deutsche Vertreter in der EZB, Jens Weidmann, in gegen Draghis Maßnahmen

In einem Kommentar zum Abschied von “Super Mario hat selbst der Herausgeber der neoliberalen Frankfurter Allgemeinen Zeitung(FAZ)Gerald Braunberger dem Italiener zähneknirschend immerhin gewisse Verdienste bescheinigt. Zähneknirschend, weil dessen Politik der FAZ-Blattlinie ebenso widersprach wie der volkswirtschaftlichen Sicht Wolfgang Schäubles. Es wäre aber nicht die FAZ, wenn der Kommentar nicht damit geendet hätte, Draghis Politik doch noch anzuzweifeln: die Möglichkeit der EZB das Wachstum zu fördern, nehme ständig ab. Das stimmt, übersieht aber geflissentlich, dass Draghi ständig gefordert hat, die Staaten der EU mögen endlich “fiskalpolitisch” für Wachstum sorgen – zu deutsch, den widersinnigen Spar-Pakt beenden, um mehr staatliche Investitionen zu ermöglich.

 In der Italien-Krise spielt die EZB die zentrale Rolle

Eben dies, das Ende des Sparpaktes, ist die zentrale Forderung der italienischen Regierung in der aktuellen Wirtschaftskrise ihres Landes. Zwar hat diese Krise eine zweite, noch tiefer gehende Ursache – nämlich den Verlust von Marktanteilen an die deutsche Konkurrenz, die dank Lohn-Dumping um 30 Prozent billiger produziert – aber um die akute Krisengefahr abzuwenden, muss die EU-Kommission im Mindesten ihre Staatsschuldenobergrenze zu Gunsten vermehrter staatlicher Investitionen vergessen. Frankreich, dessen wirtschaftliche Lage der Italiens ähnelt, wird stillschweigend damit einverstanden sein, dass der neue Kommissionspräsident das zulässt. Deutschland, wo man das Sparen des Staates wie in Österreich für den Stein der Wirtschaftsweisen hält, wird mit der FAZ dagegen sein, die angeblichen “Grundsätze einer seriösen Wirtschaftspolitik” aufzugeben, obwohl die messbar dafür verantwortlich sind, dass die EU, deren Wirtschaft vor der Finanzkrise im Gleichschritt mit den USA gewachsen ist ihnen mittlerweile um Längen hinterherhinkt.

Der einzige, der Italien zwingen kann, sich den ökonomischen Grundsätzen der EU zu unterwerfen, ist der Präsident der EZB, denn sie kann Italiens Banken den Geldhahn abdrehen. Mario Draghi hat dem vorzubeugen versucht, weil er aus seinem einzigen Fehler gelernt hat: auf genau diese Weise hat die EZB zu Beginn seiner Amtszeit Griechenland gezwungen, sich der “Sanierung” durch die EU zu unterwerfen. Um einer Wiederholung dieses Desasters vorzubeugen, erklärte Draghi kürzlich anlässlich einer Rede, dass die EZB ihre Anleihekäufe, QE, wieder aufnehmen würde, wenn die Konjunktur sich weiter eintrübt. Da sie sich kontinuierlich weiter eintrübt, würde das bedeuteten, dass die EZB Italiens Banken neuerlich (in leider festgelegten Grenzen) italienische Staatsanleihen abkaufte und ihnen auf diesem Weg Geld zuführte.

Das Schicksal Italiens und des Euro wird daher davon abhängen, ob dieser nächste EZB-Präsident sich an Draghis Ankündigung hält. Jens Weidmann hätte sich damit denkbar schwer getan. Die Italienkrise hätte sich unter seiner Amtsführung so gut wie unmöglich bewältigen lassen.

Für Recht gekämpft zu haben verhindert Timmermans

 Doch Sonntag trat beim Sondergipfel ein, womit niemand gerechnet hatte: Angela Merkel und Emanuel Macron hatten sich mit Ratspräsident Donald Tusks auf den holländischen Sozialdemokraten Frans Timmermans als Kandidat für die Kommissionspräsidentschaft geeinigt und seine Bestellung schien gelaufen: wenn alle Sozialdemokraten, Macrons Liberale, und Merkels Christdemokraten für ihn stimmten, war ihm auch die Zustimmung im Europäischen Parlament sicher.

Das war der Moment in dem Jens Weidmann zum Favoriten für die EZB-Präsidentschaft aufrückte.

Aber Tusk, Merkel und Macron hatten die Rechnung ohne die Visegrad-Staaten gemacht. Dort war Timmermans Persona non Grata, weil er sich als stellvertretender Parlamentspräsident energisch gegen die Korruption im ehemaligen Ostblock engagiert und die Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen und Ungarn vorangetrieben hatte. An ihrem Veto scheiterte die Einstimmigkeit im Europäischen Rat und Sonntag am Abend ging es an den Start zurück. Montag ging alles plötzlich ganz weiter: Macron und Merkel einigten sich auf die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin und die Französin Christin Lagard als EZB Präsidentin. Und diesmal hatten Polen und Ungarn nichts einzuwenden, nachdem ihnen Stillhalten in den Vertragsverletzungsverfahren versprochen worden war.

 Das Parlament dürfte eher zustimmen

Allerdings fehlt vorerst die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Und die ist ungewiss, denn Von der Leyens Nominierung degradiert die EU-Wahlen zur Farce: Sie hat dort nicht kandidiert und niemand kennt ihre Sicht der aktuellen EU-Probleme. Die vom EU-Parlament erkämpfte interne Einigung mit dem Europäischen Rat, wonach der Kommissionspräsident Spitzenkandidat einer Parlamentsfraktion sein müsse, ist aufs Krasseste missachtet. Viele Mandatare des EU-Parlaments fühlen sich so gefoppt wie ihre Wähler.

Ich glaube dass das Parlament Von der Leyens Kür nach heftiger Debatte dennoch zustimmen wird: Man wird das Risiko, dem Brexit und der Italien-Krise Kopflos – ohne Kommissionspräsident- gegenüberzustehen für zu groß halten.

[1] Bei QE kauft die Notenbank den Geschäftsbanken und manchmal selbst Unternehmen Anleihen ab. Das dafür erhaltene Geld bei ihr zu parken, verhindert sie, indem sie dafür Negativzinsen einhebt. Das veranlasst die Banken, dieses Geld dringend an Unternehmen oder Konsumenten weiter zu verleihen.

P.S.: Ein Kulturtipp: Wer hofft, dass Sebastian Kurz und Herbert Kickl doch wieder zusammenkommen, sollte die Nestroy-Spiele in Schwechat besuchen! Ich glaube, sie dort gemeinsam gesehen zu haben.

1 Kommentar

  1. “Der einzige, der Italien zwingen kann, sich den ökonomischen Grundsätzen der EU zu unterwerfen, ist der Präsident der EZB” – so richtig diese Aussage ist, beschreibt sie dennoch eine furchterregende Situation. Hier ist eine Person an der Spitze der EZB (meinetwegen eine kleine Gruppe von Personen), die buchstäblich ganze Länder und Bevölkerungen in die Knie zwingen kann.

    “Bei QE kauft die Notenbank den Geschäftsbanken und manchmal selbst Unternehmen Anleihen ab. Das dafür erhaltene Geld bei ihr zu parken, verhindert sie, indem sie dafür Negativzinsen einhebt. Das veranlasst die Banken, dieses Geld dringend an Unternehmen oder Konsumenten weiter zu verleihen” – ich bin zwar nicht sattelfest mit Notenbank-Buchhaltung, aber ich glaube, dass das nicht ganz richtig ist. Durch den Ankauf von Anleihen (sei es von Banken oder Unternehmen) erhöht die Notenbank die monetäre Basis und nur die Notenbank kann die Höhe der monetären Basis (Notenbankgeldmenge) bestimmen. Solange die monetäre Basis erhöht wird, wird irgendjemand die Negativzinsen verrechnet bekommen. Nicht unbedingt der Verkäufer der Anleihe, wenn er den Verkaufserlös gleich an Kunden weitergibt (oder an der Börse investiert), aber irgendeine Bank wird die erhöhten Sichtguthaben bei der Notenbank haben. Das Problem von QE ist, dass es einer Notenbank eben nicht möglich ist, den Banken vorzuschreiben, was sie mit ihrer Liquidität tun sollen. Sie kann nur Anreize schaffen, Anreize für Unternehmen, mehr Kredite für Investitionen aufzunehmen (wegen niedriger Zinsen) und Anreize für Banken, mehr Kredite zu vergeben (wegen hoher und kostspieliger Liquidität). Manche wundern sich, dass es trotz des gewaltigen QE bisher keine nennenswerte Inflationssteigerung gegeben hat. Es hat sie aber gegeben! Allerdings kaum bei Verbraucherpreisen, aber Assetpreise (Aktien, Immobilien, etc.) sind explodiert. Das QE funktioniert schon, nur nicht unbedingt so, wie man es sich wünschen würde.

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